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XVI

Am nächsten Tag brachte Dinny ihren Liebsten vor Adrians Tür im Museum und ließ ihn dort zurück. Sie warf noch einen Blick auf seine hohe, eng umgürtete Gestalt und seinen hutlosen Kopf und sah, wie er sich heftig schüttelte. Doch auf seinen Lippen lag ein Lächeln und selbst in dieser Entfernung fand sie seine Augen wunderschön.

Adrian, dem man den Besucher schon gemeldet, empfing den jungen Mann mit ‹krankhafter Neugier›, wie er selbst sein Gefühl brandmarkte, und zog in Gedanken sofort einen Vergleich zwischen Dinny und Desert. Seltsam, welch ungleiches Paar würden diese beiden sein! Und dennoch, ein gewisser Scharfblick, den er sich vielleicht bei seiner Beschäftigung mit Gebeinen angeeignet, verriet ihm, seine Nichte habe in physischer Beziehung keine üble Wahl getroffen. Deserts Gestalt nahm sich gewiß recht gut aus, wenn sie neben der ihren stand. Seine hagere, sehnige Figur voll Anmut und Geschmeidigkeit paßte sehr gut zu ihrer Eigenart und schlanken Erscheinung. Und die Augen in diesem sonnverbrannten Gesicht mit den bittern, scharfgeschnittnen Zügen fand selbst Adrian voll Reiz für das weibliche Geschlecht, obgleich er als englischer Akademiker ausgesprochene Abneigung gegen männliche Filmstars hatte. Eine Unterhaltung über Gebeine half das Eis brechen; und während der Diskussion über ein mäßig gut erhaltenes Skelett, das angeblich einem Hettiter gehörte, wurden sie fast herzlich. Auch Orte und Volksstämme, die beide unter eigenartigen Umständen kennengelernt, brachten sie einander näher. Doch erst, als Wilfrid schon den Hut ergriffen hatte und sich zum Gehen wandte, fragte er plötzlich:

«Nun, Mr. Cherrell, was täten Sie

Adrian blickte auf, stutzte und sah den Frager zwinkernd an.

«Ich bin kein guter Ratgeber, doch Dinny ist ein prächtiges Geschöpf –»

«Das ist sie.»

Adrian beugte sich vor und schloß die Tür zum Nebenraum.

«Heut morgen», erklärte er, «hab ich in meinem Badezimmer eine einsame Ameise gesehn, die sich alle Mühe gab, sich in dieser Umwelt zurechtzufinden. Leider muß ich gestehn, ich klopfte aus meiner Pfeife ein wenig Asche auf das arme Tier, um zu beobachten, was es anfangen würde. Na, und der Weltenlenker macht es nicht viel anders, klopft ebenfalls aus seiner Pfeife Asche auf uns herab, um die Folgen zu beobachten. Ich habe lang geschwankt, kam aber dann zu dem Schluß: Falls Sie Dinny wirklich lieben» – Wilfrid erschauerte und krampfte die Hände um die Hutkrempe – «nun, das seh ich und weiß auch, daß Dinny Sie von Herzen liebt. Drum rat ich euch: Haltet durch und laßt euch durch die Asche nicht beirren. Dinny fährt lieber mit Ihnen auf einem Karren als mit einem andern im Salonwagen.» Und leuchtenden Blicks fuhr er ernst fort: «Meiner Überzeugung nach gehört sie zu jenen Menschen, von denen die Bibel sagt: ‹Die zwei werden ein Geist sein.›»

Über das Gesicht des jungen Mannes lief ein Beben. ‹Klingt echt!› fuhr es ihm durch den Sinn.

«Denken Sie also vor allem an Dinny, aber nicht etwa so, daß Sie sich sagen: ‹Ich liebe dich, deshalb soll mich nichts in der Welt dazu bringen, dich zu heiraten.› Tun Sie, was Dinny will – wenn sie es will – sie verlangt nichts Unbilliges. Und auf mein Wort, ich glaube, keins von euch beiden wird es bereuen.»

Desert trat einen Schritt auf ihn zu, Adrian merkte, er war tief ergriffen. Doch hielt er jede Gefühlsäußerung zurück, lächelte nur krampfhaft, machte eine Handbewegung, wandte sich und ging.

Adrian fuhr fort, einige Schranktüren zu schließen, hinter denen sich Knochenfunde bargen. ‹Das unergründlichste Antlitz, das ich je gesehn›, dachte er, ‹und in gewissem Sinn auch das schönste. Über tiefen Wassern schwebt der Geist und ist oft nah daran, zu ertrinken. Wer weiß, am Ende gab ich ihm da einen verbrecherischen Rat, ich glaube, er wird ihn befolgen, aus diesem oder jenem Grund wird er meinen Rat befolgen.› Dann vertiefte er sich wieder in das Studium einer geographischen Zeitschrift, das er bei Wilfrids Besuch unterbrochen hatte. Sie enthielt eine begeisterte Schilderung der Sitten und Gebräuche eines im Amazonasgebiet ansässigen Indianerstammes, dem es gelungen war, das kommunistische Lebensideal zu verwirklichen, auch ohne Beihilfe amerikanischer Ingenieure, die im Sold des Kapitals standen. Offenbar war diesen Indianern der Begriff des Eigentums völlig fremd. Ihr ganzes Leben – auch die Befriedigung sämtlicher Naturtriebe – spielte sich vor den Augen der Öffentlichkeit ab. Sie trugen keine Kleider, hatten keine Gesetze; sie kannten nur ein Verbrechen: daß jemand vom Gemeingut etwas für Privatzwecke zurückbehielt, nur eine Strafe, bei der rote Ameisen als Vollzugsorgane dienten. Sie nährten sich von Maniokwurzeln und zur Abwechslung von Affenfleisch – die ideale Kommunistengemeinde!

‹Ein schlagender Beweis›, dachte Adrian, ‹für die These, daß die menschliche Entwicklung sich unablässig im Kreis dreht. Während der letzten zwanzigtausend Jahre hat die Menschheit alles aufgeboten, um die Lebensform dieser Indianer zu verbessern, und jetzt, am Ende dieses langen Entwicklungsprozesses, wird uns eine solche Lebensführung als Ideal gepredigt!»

Eine Zeitlang saß er still da, ein Lächeln vertiefte die Falten um seinen Mund. Doktrinäre, Ultraradikale! Jener Araber, der dem jungen Desert die Pistole an die Schläfe gesetzt hatte, verkörperte diesen verderblichen Hang der Menschennatur! Ideen, Glaubenssätze – was waren sie am Ende? Doch nur Halbwahrheiten, nur so lang von Wert, als sie dazu beitrugen, das Leben im Gleichgewicht zu halten. Und von Adrians Knien glitt die geographische Zeitschrift zu Boden.

Auf dem Heimweg blieb er in den Anlagen vor seiner Wohnung stehn, um den Sonnenschein zu genießen und einer Amsel zu lauschen. Er besaß jetzt alles, was er vom Leben erwarten konnte: die Frau, die er liebte, gute Gesundheit, ein gutes Gehalt – siebenhundert Pfund jährlich und Aussicht auf eine Pension –, zwei reizende Kinder, nicht seine eigenen, so daß er vor den Fehlern leiblicher Eltern bewahrt bleiben würde, einen Beruf, der ihn ganz in Anspruch nahm, Liebe zur Natur, und vielleicht noch dreißig Jahre vor sich. ‹Wenn mir in diesem Augenblick›, dachte er, ‹jemand eine Pistole an die Schläfe setzte und riefe: «Adrian Cherrell, schwöre dein Christentum ab, oder dir spritzt im nächsten Moment das Hirn aus dem Schädel!» – wer weiß, ob ich da wie Clive in Indien riefe: «Schieß zu und fahr zur Hölle!»› Er fand keine Antwort auf diese Frage, noch immer sang die Amsel, die jungen Blätter bebten im Wind, die Sonne wärmte ihm die Wangen und im Frieden dieses einst eleganten Viertels dünkte ihn das Leben ein herrliches Gut …

Als Dinny Wilfrid vor Adrians Schwelle verlassen hatte, war sie eine Weile unentschlossen stehn geblieben und dann nordwärts nach St. Augustin im Grünen gewandert. Eine Eingebung riet ihr, die fernerstehenden Familienmitglieder für sich zu gewinnen, um den Widerstand der nächsten Angehörigen zu brechen. So schritt sie denn dem Mittelpunkt des werktätigen Christentums zu, etwas heiterer gestimmt, doch noch immer voll Sorge.

Ihre Tante May goß eben zwei jungen Absolventen des ‹College› Tee ein; dann pilgerten die beiden in den Klub, wo sie über Pingpong, Kegel-, Schach- und Damespiel der Nachbarschaft die Aufsicht führten.

«Suchst du Hilary, Dinny? Er hat zwei Komiteesitzungen zu erledigen, doch sie kommen vielleicht nicht zustande, er ist ja bei beiden fast das einzige Mitglied.»

«Ihr habt wohl schon von meiner Affäre gehört?»

Mrs. Hilary nickte; in ihrem geblümten Kleid sah sie noch recht jugendlich aus.

«Sei doch so gut und sag mir, wie Onkel über die Sache denkt.»

«Dinny, ich möchte ihm lieber nicht vorgreifen. Wir beide können uns übrigens kaum noch an Mr. Desert erinnern.»

«Wer ihn nicht kennt, wird ihn stets falsch beurteilen. Aber du und Onkel, ihr schert euch doch nicht viel um das Geschwätz der Leute.» Sie brachte das mit treuherziger Miene vor, Mrs. Hilary jedoch, die in den Mädchenhorten so manche Erfahrung gesammelt hatte, ließ sich dadurch nicht täuschen.

«Du weißt, Dinny, dein Onkel und ich hängen nicht starr an Dogmen, aber wir halten aus vollster Überzeugung an der Ethik des Christentums fest, das kann ich unmöglich leugnen.»

Dinny sann einen Augenblick nach.

«Verlangt denn die christliche Ethik andres von uns als Menschenliebe, Mut und Selbstverleugnung, und muß man unbedingt Christ sein, um diese Tugenden zu besitzen?»

«Darüber möchte ich lieber nicht sprechen. Ich will jede Äußerung vermeiden, die mich in Gegensatz zu Hilarys Meinung bringen könnte.»

«Tantchen, du bist eine Mustergattin!»

Mrs. Hilary lächelte. Da merkte Dinny, daß in diesem Haus das Urteil zweifellos erst später erfolgen würde.

Sie wartete und unterhielt sich mit der Tante von andern Dingen, bis Hilary eintrat. Er sah blaß und bekümmert aus. Ihre Tante reichte ihm eine Tasse Tee, strich ihm mit der Hand über die Stirn und verließ das Zimmer.

Hilary trank den Tee und stopfte die Pfeife mit einem Häufchen Tabak aus einer Tüte.

«Wozu Vereine, Dinny? Warum nimmt man nicht lieber drei Ärzte her, drei Ingenieure, drei Baumeister, eine Rechenmaschine und einen phantasiebegabten Mann, der alles entwerfen und die andern bei der Stange halten kann?»

«Hast du Sorgen, Onkel?»

«Ja; verwahrloste Häuser modernisieren und dabei über den Voranschlag hinaus blechen müssen, kann einem graue Haare machen, auch wenn man nichts mit den Behörden zu tun hat.»

Dinny warf einen Blick auf sein müdes, aber lächelndes Gesicht und dachte: ‹Ich kann ihn unmöglich auch noch mit meinen unbedeutenden Affären behelligen.› «Da findet ihr beide wohl kaum Zeit», fragte sie, «am Donnerstag zur Blumenschau nach Chelsea zu kommen?»

«Du lieber Himmel!» rief Hilary, stocherte mit einem Zündholz in dem Pfeifenkopf und brannte es am andern Ende an, «wie gern stünde ich in einem Zelt voll blühender Azaleen, um ihren Duft einzuatmen!»

«Wir haben vor, um ein Uhr hinzugehn, da vermeiden wir das ärgste Gedränge. Tante Emily könnte euch abholen lassen.»

«Ich kann nicht bestimmt zusagen, laßt uns also lieber nicht abholen. Wenn wir um eins nicht beim Haupttor sind, dann wißt ihr, die Vorsehung ist dazwischengetreten. Und nun zu dir! Adrian hat mir alles erzählt.»

«Ich möchte dich nicht damit behelligen, Onkel.»

Hilary kniff die klugen blauen Augen zusammen. Er blies eine Rauchwolke von sich.

«Nichts, was dich angeht, behelligt mich, meine Liebe – wenn du nur keinen Kummer hast, Dinny. Ich nehme an, du kannst nicht anders?»

«Ich kann nicht anders.»

«Dann bleibt wohl nichts übrig, als der Sache die beste Seite abzugewinnen. Doch die Welt hat nun einmal ihre Freude an der Qual des lieben Nächsten; ich fürchte, ihm droht, wie man zu sagen pflegt, eine schlechte Presse.»

«Davon bin ich überzeugt.»

«Ich hab ihn noch als hochgewachsenen jungen Mann mit brauner Weste in Erinnerung, er sah so spöttisch drein. Hat er diese Miene noch nicht verloren?»

Dinny lächelte.

«Von dieser Seite kenn ich ihn jetzt nur wenig.»

«Ich will bloß hoffen», erklärte Hilary, «er ist keine Don-Juan-Natur.»

«Hab nichts davon bemerkt.»

«Ich meine nur, Dinny, wenn Leute dieses Schlags den Kuchen einmal verzehrt haben, kehren sie unverkennbar wieder den alten Adam hervor. Du verstehst mich doch?»

«Vollkommen. Doch soviel ich sehe, meint er es aufrichtig mit mir.»

«Dann, meine Liebe, alles Gute! Aber wenn man Steine auf euch wirft, macht euch nichts draus. Du weißt, was du tust, darfst dich also später nicht beklagen. Wenn man dir selbst auf die Zehen tritt, ist das schlimm genug; schlimmer noch, wenn du zusehn mußt, wie man deinem Liebsten eins über den Schädel haut. Darum nimm dich von Anfang an zusammen und in Zukunft nicht minder, sonst machst du ihm alles nur noch viel schwerer. Wenn ich nicht irre, kannst du manchmal arg in Hitze geraten, Dinny.»

«Ich will versuchen, mir das abzugewöhnen. Sobald Wilfrids Gedichtband erschienen ist, sollst du eines der Gedichte lesen, den ‹Leopard›; Wilfrid spricht sich darin über diese Sache rückhaltlos aus.»

«So!» rief Hilary überrascht. «Eine Rechtfertigung? Das halte ich für einen Mißgriff.»

«Michael sagt das auch. Ich weiß nicht, ob ihr damit recht habt, eher nicht. Aber das Gedicht erscheint bestimmt.»

«Na, da fällt die Meute wohl gleich über ihn her. ‹Halt ihm die andre Backe hin›, – ‹Zu stolz für den Kampf› – mit solchen Wahlsprüchen kommt man nicht weit. Die Veröffentlichung des Gedichtes ist meiner Ansicht nach eine Herausforderung zum Kampf.»

«Ich kann's nicht ändern, Onkel.»

«Das seh ich ein, Dinny. Doch wenn ich an die vielen Dinge denke, die du in Zukunft nicht wirst ändern können, wird mir angst und bang. Und wie stellen sich deine Leute in Condaford dazu? Wird es deswegen mit ihnen zum Bruch kommen?»

«Man findet sich ab, unversöhnlich bleibt man nur in Romanen, und selbst die Romanfiguren geben am Ende klein bei oder sie beißen ins Gras und die Heldin wird glücklich. Onkel, wenn du Vater triffst, willst du dann nicht bei ihm ein gutes Wort für mich einlegen?»

«Nein, Dinny. Ein älterer Bruder vergißt nie, wie überlegen er dem Jüngern gewesen, als er schon erwachsen war, der andre aber noch nicht.»

Dinny erhob sich.

«Na schön, Onkel. Herzlichen Dank, daß du uns nicht verdammst, noch herzlicheren Dank dafür, daß du die Verdammung nicht aussprichst. Ich werd mir alles merken, was du gesagt hast. Also Donnerstag um eins beim Haupttor. Vergiß nicht, vorher etwas zu essen, die Besichtigung ist sehr ermüdend; das Publikum bei einer Blumenschau kommt mir immer so häßlich vor.»

Als sie fort war, füllte Hilary von neuem seine Pfeife.

‹Noch herzlicheren Dank dafür, daß du die Verdammung nicht aussprichst!› wiederholte er in Gedanken. ‹Dieses junge Mädchen kann sarkastisch sein. Freilich, ich sage ja auch wer weiß wie oft bei der Erfüllung meiner Amtspflichten Dinge, an die ich selbst nicht glaube.› Dann sah er seine Frau im Türrahmen stehn und fügte hinzu:

«May, meinst du, daß ich in meinem Beruf ein Schwindler bin?»

«Jawohl, Liebster. Wie wär es anders möglich?»

«Du meinst, die dem Seelsorger vorgezeichneten Bahnen sind viel zu eng, um den Spielarten der Menschennatur Raum zu geben? Kann es denn aber anders sein? Möchtest du nicht am Donnerstag zur Blumenschau im Chelsea-Viertel?»

Mrs. Hilary dachte: ‹Dinny hätte mich persönlich auffordern können›, gab jedoch freundlich zur Antwort: «Recht gern.»

«Teilen wir es so ein, daß wir um ein Uhr hinkommen.»

«Hast du mit Dinny über ihre Angelegenheit gesprochen?»

«Ja.»

«Bleibt sie unnachgiebig?»

«Ganz und gar.»

Mrs. Hilary seufzte. «Ein Jammer! Glaubst du, ein Mensch kann je so etwas verwinden?»

«Vor zwanzig Jahren hätt ich erwidert: Nein. Heute weiß ich es nicht so bestimmt. Es mag seltsam klingen, aber die wirklich Strenggläubigen werden nicht seine schlimmsten Gegner sein.»

«Wieso?»

«Die werden wohl kaum seinen Weg kreuzen. Sondern die Offiziere, die Beamten und die in den Kolonien lebenden Engländer, mit denen die beiden ständig in Berührung kommen werden. Am unversöhnlichsten wird Dinnys eigene Familie urteilen. Das Brandmal auf der Stirn! Der gelbe Fleck! Der haftet fester als die Reklamemarken der Hotels auf dem Reisegepäck.»

«Möcht wissen», meinte Mrs. Hilary, «was unsre Kinder dazu sagen würden.»

«Seltsam, daß wir davon keine Ahnung haben.»

«Wir wissen weniger von unsern Kindern als irgendeiner ihrer Kameraden. Ich frage mich, waren wir den Eltern gegenüber auch so verschlossen?»

«Für meine Eltern waren wir eine junge Brut; sie hielten uns fest am Zaum und wußten von uns eine Menge. Wir versuchten, uns mit unsern Jungen auf gleiche Basis zu stellen, wie ein älterer Bruder und eine ältere Schwester, und dennoch kennen wir sie nicht im mindesten. Die eine Art, sie zu verstehn, haben wir verloren und keine andre dafür gewonnen. Ein wenig beschämend, diese Erkenntnis, aber unsre Jungen sind immerhin recht nett und anständig. Auch in Dinnys Affäre fürcht ich nicht die jungen Leute, sondern jene, die den Wert des englischen Prestiges aus eigener Erfahrung kennen – und von ihrem Standpunkt sind die ja völlig im Recht. Dann jene, die sich mit Vorliebe einbilden, sie selbst hätten in Deserts Lage nie so gehandelt wie er – die freilich haben ganz und gar nicht recht.»

«Hilary, ich glaube, Dinny überschätzt ihre Kraft.»

«Eine Frau, die wirklich liebt, kann gar nicht anders handeln. Nun, sie mag selbst ergründen, ob ihre Liebe so tief geht. Eher läßt sie nicht locker.»

«Du sprichst so, als wärst du mit der Geschichte so ziemlich einverstanden.»

«Es ist einmal geschehn, was nützt da alles Jammern! Jetzt wollen wir den neuen Aufruf abfassen. Eine Wirtschaftskrise steht bevor. Ein solches Pech! Die Leute, die Geld haben, werden es nicht aus der Hand lassen.»

«Wenn nur die Leute in schlechten Zeiten nicht gleich ihr Geld so zurückhielten! Das steigert bloß die Arbeitslosigkeit. Die Kaufleute jammern schon darüber.»

Hilary langte nach einem Notizbuch und begann zu schreiben. Dann blickte ihm seine Frau über die Schulter und las:

« ‹An alle, die es angeht:

Und wen geht es nichts an, daß in unserer Mitte tausende Menschen leben, die von der Wiege bis zum Grab so sehr am Notwendigsten Mangel leiden, daß sie gar nicht ahnen, was wirkliche Reinlichkeit, wirkliche Gesundheit, wirklich frische Luft und wirklich gute Nahrung bedeutet?›»

« Ein ‹Wirklich› dürfte genügen, Lieber.»


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