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XXIV

Wilfrids Taxi, dessen Benzinbehälter er bis zum Rand hatte füllen lassen, klomm langsam Havorstock Hill hinan gegen die Spaniard Road zu. Er warf einen Blick auf die Uhr. Sechzig Kilometer bis Royston – selbst in diesem langsamen Vehikel mußte er um neun dort eintreffen! Er zog einen Brief hervor und las ihn nochmals durch.

‹Liverpool-Street-Bahnhof, Freitag.

Mein Herr!

Sie stimmen mir wohl darin bei, daß es mit der Angelegenheit von heute nachmittag nicht sein Bewenden haben kann. Da mir das Gesetz das einzige Mittel verwehrt, die Sache würdig auszutragen, teile ich Ihnen hierdurch der Ordnung halber mit, daß ich Sie mit der Reitpeitsche züchtigen werde, wann immer und wo immer ich Sie ohne den Schutz einer Dame treffe.

Ihr ergebener

J. Muskham

Haus Dornenstrauch, Royston.›

‹Wann immer und wo immer ich Sie ohne den Schutz einer Dame treffe.› Na, diese Gelegenheit sollte sich dem Schweinehund unerwartet schnell bieten! Zu dumm, daß der Bursche so viele Jahre älter war als er.

Das Auto hatte jetzt die Anhöhe erreicht und eilte die einsame Spaniard Road entlang. Die Landschaft im Morgenglanz verdiente es wohl, von einem Dichterauge gewürdigt zu werden, doch Wilfrid saß im Auto zurückgelehnt, ganz in Gedanken verloren. Nur dreinhaun können! Dieser Bursche durfte ihn auf keinen Fall länger verhöhnen! Noch hatte er keinen näheren Plan gefaßt, nur soviel wußte er, er wollte diesem Burschen, gleich am Morgen, nachdem er den beleidigenden Brief erhalten, ‹ohne den Schutz einer Dame› gegenübertreten! Sich hinter einen Weiberrock verkriechen! Schade, daß es kein richtiges Duell sein würde! Erinnerungen an die Duelle der Weltliteratur durchzuckten sein Hirn: Bel Ami, Basarow, Dr. Slammer, Sir Lucius O'Trigger, D'Artagnan, Sir Toby, Winkle, alles Phantasiegestalten, die dem Lesepublikum das Duell so wert gemacht hatten, Zweikämpfe und Runs auf Banken, die Juwelen in der Krone dramatischen Geschehns – alles dahin! Nun, er hatte sich rasiert – mit kaltem Wasser! – und so sorgfältig gekleidet, als fahre er wirklich zu einem Duell und nicht zu einer gemeinen Prügelei. Der Vollblutdandy Jack Muskham und eine ordinäre Raufszene! Höchst amüsant! Das Taxi ratterte vorwärts durch den spärlichen Straßenverkehr der Morgenstunden – Marktwagen und Milchkarren. Nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht saß Wilfrid halb eingenickt. So fuhr er durch Barnet, Hatfield, über die Wettwyn Garden City hinaus, dann durch Knebworth und die Straßendörfer Stevenage, Graveley und Baldock. Häuser und Bäume sahen im feinen Morgennebel fast unwirklich aus. Briefträger, Mägde vor den Haustüren, junge Burschen, die auf Bauernpferden ritten, und ab und zu ein verfrühter Radfahrer schienen die einzigen Bewohner der Außenwelt. Sein schiefes Lächeln um die Lippen, lehnte er sich mit halbgeschloßnen Augen zurück und stemmte die Beine gegen den andern Sitz. Er mußte ja das Schauspiel nicht in Szene setzen, den Zweikampf nicht eröffnen. Er brauchte sich nur, wie auf Verabredung, so auf den Weg zu pflanzen, daß Muskhams Peitsche ihn unmöglich verfehlen konnte.

Das Auto verlangsamte das Tempo.

«Gleich sind wir in Royston, Herr. Wohin soll ich Sie bringen?»

«Fahren Sie beim Hotel vor.»

Das Auto fuhr weiter. Das Morgenlicht wurde greller, alles schien in seinem Glanz klar und scharfumrissen bis zu den buchenbewaldeten Hügelkuppen in der Ferne. Auf dem grasigen Hang zur Rechten sah er eine Koppel Rennpferde, die, mit Decken auf den Rücken, vom Morgentrab langsam heimkehrten. Das Auto bog in eine lange Dorfstraße und hielt am andern Ende vor einem Hotel. Wilfrid stieg aus.

«Stellen Sie den Wagen ein. Sie fahren mich nach London zurück.»

«Gut, Herr.»

Wilfrid trat in das Hotel und bestellte ein Frühstück. Gerade neun! Beim Essen fragte er den Kellner, wo ‹Haus Dornenstrauch› liege.

«Das niedrige, langgestreckte Haus, Sir, dort hinten, rechts. Wenn Sie aber Mr. Muskham sprechen wollen, brauchen Sie nur hier vor dem Hotel zu warten. Fünf Minuten nach zehn kommt er auf seinem Pony vorbei, er reitet dann immer in sein Gestüt – so pünktlich, daß Sie Ihre Uhr nach ihm richten können, außer er ist bei einem Rennen.»

«Danke, das erspart mir die Mühe, hinzugehn.»

Fünf Minuten vor zehn steckte sich Wilfrid eine Zigarette an und bezog den Wachtposten vor dem Hoteltor. Enggegürtet, stand er seltsam lächelnd reglos da und dachte wiederholt an jene Szene zwischen Tom Sawyer und dem gar zu gut gekleideten Knaben, wie sie einander erst umkreisten, eine Litanei von Schimpfworten vom Stapel ließen und dann wie ein Wirbelwind aufeinander losfuhren. Heutzutag beobachtete man kein solches Zeremoniell bei Raufhändeln. ‹Wenn ich den Burschen zu Boden schlagen kann›, dachte er, ‹dann tu ich's!› Die Hände, die er in den Taschen vergraben hatte, ballten sich zu Fäusten. Im übrigen stand er völlig unbeweglich da, ans Tor gelehnt, das Gesicht in die Rauchwölkchen gehüllt, die von seiner Zigarette emporstiegen. Mit Befriedigung stellte er fest, daß sein Chauffeur mit einem andern Autolenker sprach, dessen Wagen sich außerhalb des Hofs befand, daß weiter oben in der Häuserzeile gegenüber ein Mann Fenster putzte und ein Fleischerwagen auf der Straße stand. Muskham konnte sich also keineswegs darauf ausreden, die Begegnung habe nicht vor der Öffentlichkeit stattgefunden. Wenn dieser Kerl sich ebenso wie er seit der Schulzeit nicht mehr im Boxen geübt hatte, dann würde es wohl wüste Prügel setzen. Um so mehr Aussicht, den andern durchzubläuen und selbst durchgebläut zu werden! Die Sonne hatte die Kronen einiger Bäume auf der andern Seite erreicht und streifte sein Gesicht. Er trat einige Schritte vor, ließ sich ganz von ihr bescheinen. Die Sonne – alles Gute im Leben kam doch von der Sonne! Plötzlich mußte er an Dinny denken. Ihr bedeutete die Sonne nicht so viel wie ihm. War Dinny ein Wesen von Fleisch und Blut, oder waren sie und seine Erlebnisse in England nur Bilder eines Traums, aus dem er jäh erwachen mußte? Weiß Gott! Er bewegte sich und sah auf die Uhr. Drei Minuten nach zehn! Wahrhaftig, der Kellner hatte recht – da trabte ein Reiter die Straße heran, gelassen, unbekümmert, in großem, bequemem Sattel, auf einem kleinen Rassepferd. Immer näher, ohne seine Anwesenheit zu bemerken! Plötzlich riß der Reiter die Augen auf, schob das Kinn vor. Er hob die Hand zum Hutrand, brachte das Pony zum Stehn, machte kehrt und sprengte zurück.

‹Hm!› dachte Wilfrid, ‹der holt jetzt die Peitsche!› Dann zündete er sich an dem Stummel der ersten Zigarette eine zweite an. Eine Stimme hinter ihm rief:

«Hab ich's Ihnen nicht gesagt, Sir? Das war Mr. Muskham.»

«Scheint etwas vergessen zu haben.»

«Na», meinte der Kellner, «gewöhnlich ist er die Pünktlichkeit selbst. Sieht auf Ordnung im Gestüt wie ein Zuchtmeister. Da kommt er schon! Hat nicht viel Zeit dabei verloren, was?»

Muskham ritt in leichtem Galopp heran. In etwa vierzig Schritt Entfernung hielt er an, stieg ab und rief: «Stehn geblieben, Betty!» Wilfrid begann das Herz zu pochen, die Hände in seinen Taschen ballten sich zu Fäusten; noch immer lehnte er am Tor. Der Kellner hatte sich zurückgezogen, doch Wilfrid merkte, daß er in der Haustür stand und die Zusammenkunft erwartete, die er vermittelt hatte. Der Chauffeur plapperte noch immer so unaufhörlich, wie nur Fuhrleute schwatzen können; der Krämer putzte noch immer die Fenster; der Fleischer schritt eben zu seinem Wagen zurück. Muskham trat gelassen heran, eine Peitsche in der Hand.

‹Los!› dachte Wilfrid.

In etwa vier Schritt Entfernung blieb Muskham stehn. «Bereit?»

Wilfrid nahm die Hände aus den Taschen, ließ den Zigarettenstummel aus dem Mund fallen und nickte. Die langbeinige Gestalt sprang heran und holte mit der Peitsche aus. Doch nur ein einziger Hieb sauste nieder, dann hatte Wilfrid zugepackt, mit so eisernem Griff, daß die Peitsche nicht mehr zu gebrauchen war und Muskham sie fallen ließ. Nun hielten die beiden einander umklammert und schwankten auf das Hoftor zu; dann ließen sie, offenbar blitzschnell von dem gleichen Gedanken durchzuckt, voneinander ab und hoben die Fäuste. Im nächsten Augenblick ward es klar, daß keiner von beiden richtig zu boxen verstand. Regellos, in wilder Wut sausten die Hiebe nieder, der eine hatte vor dem andern Größe und Wucht, der andre Jugend und Behendigkeit voraus. Trotz des Balgens und Stoßens während des wilden Zweikampfs sah Wilfrid, wie sich eine kleine Schar von Leuten sammelte, als wäre ein Roß zu Boden gestürzt. Sie hielten sich keuchend, stumm und erbittert umschlungen; ihre Kampfgier schien die Zuschauer zu lähmen, nur ein leises Murmeln war zu hören. Beide hatten einander den Mund blutig geschlagen, beide waren atemlos und halbbetäubt. Sie rangen nach Luft, verkrampften sich wieder in den Gegner und schwankten hin und her, jeder suchte dem Feind an die Gurgel zu fahren.

«Vorwärts, Mr. Muskham!» rief eine Stimme.

Als habe diese Aufforderung Wilfrid ermutigt, rang er sich los und sprang seinen Gegner an. Muskhams Faust traf ihn vor die Brust, Wilfrid aber streckte die Arme aus und umschlang seines Feindes Hals. Dann taumelten sie hin und her, zuletzt ein dröhnender Fall – beide lagen auf dem Boden. Offenbar wieder vom gleichen Gedanken durchzuckt, ließen sie einander los und rafften sich auf. Einen Moment standen sie keuchend da und glotzten sich an, als wollten sie den Kampf von neuem beginnen, eine Sekunde lang spähte jeder in die Runde. Da sah Wilfrid, wie Muskhams blutbeschmiertes Gesicht sich jäh verzog und starr wurde, sah, wie seine Hände niederglitten und sich in den Taschen verbargen, sah ihn sich abwenden. Und plötzlich gewahrte er den Grund dieser Wandlung: Im offnen Auto, quer über der Straße, stand Dinny, bedeckte mit der einen Hand die Lippen und hielt die andre schützend vor die Augen.

Wilfrid wandte sich ebenso unvermutet ab und ging ins Hotel zurück.


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