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IX

Sir Lawrence Mont war vor kurzem nach seiner Wahl zum Mitglied des ‹Burton-Klubs› aus dem ‹Aeroplane› ausgetreten und nur noch im sogenannten ‹Snooks›, ‹Coffee-House› und ‹Parthenaeum› geblieben. Wenn er noch zehn Jahre zu leben hätte, pflegte er zu äußern, würde ihn jeder Besuch in einem dieser Klubs nicht weniger als zwölfeinhalb Shilling kosten.

Am Nachmittag, nachdem ihm Dinny ihre Verlobung mitgeteilt hatte, begab er sich in den Burton-Klub, ließ sich eine Liste der Mitglieder reichen und fand unter dem Buchstaben D den ‹Ehrenwerten Wilfried Desert›. Nun, das verstand sich von selbst, der Klub bildete sich ja ein, ein Monopol auf Weltreisende zu besitzen. «Kommt Mr. Desert manchmal her?» fragte er den Portier.

«Jawohl, Sir Lawrence. Vor einigen Wochen ist er wieder aufgetaucht, zum ersten Mal seit Jahren.»

«Hält sich meist im Ausland auf. Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?»

«Meist zur Dinnerzeit, Sir Lawrence.»

«Aha. Ist Mr. Muskham hier?»

Der Portier schüttelte den Kopf. «Heut sind ja die Rennen in Newmarket, Sir Lawrence.»

«Natürlich. Was Sie sich alles merken!»

«Gewohnheit, Sir Lawrence.»

«Ich wollt, ich hätte ein solches Gedächtnis.» Er hängte den Hut hin und blieb einen Augenblick in der Halle vor dem Anschlagbrett mit den letzten Nachrichten stehn. Arbeitslosigkeit und Steuern wuchsen von Stunde zu Stunde und dennoch warf man augenscheinlich stets mehr Geld für Sport und Autos hinaus. Kein so einfaches Problem! Dann suchte er die Bibliothek auf – dort durfte er am ehesten hoffen, kein Mitglied anzutreffen. Und wen sah er gleich beim Eintritt? Jack Muskham, der mit gedämpfter Stimme, wie sich's in solchen Räumen ziemte, zu einem dürren, sonnverbrannten Männlein in der Ecke sprach.

‹Hm, jetzt versteh ich›, dachte Sir Lawrence merkwürdigerweise, ‹warum es mir nie gelingt, einen verlornen Kragenknopf zu finden. Mein Freund, der Portier, war so felsenfest davon überzeugt, Jack müsse in Newmarket sein, daß er ihn beim Eintritt für wen anders hielt.›

Er langte einen Band von Burtons ‹Tausend und eine Nacht› vom Regal und klingelte um den Tee. Ganz unerwartet standen die beiden Herren auf, traten aus ihrem Winkel hervor und kamen auf ihn zu.

«Bleib nur sitzen, Lawrence», warf Jack Muskham lässig hin, «Telfourd Yule, Sir Lawrence Mont, mein Vetter.»

«Mr. Yule, ich hab ein paar Ihrer spannenden Abenteurergeschichten gelesen», sagte Sir Lawrence und dachte: ‹Komischer kleiner Kauz!›

Das dürre, sonnverbrannte Männlein verzog sein Affengesicht zu einem Grinsen. «Die Wirklichkeit stellt meine Phantasien in den Schatten.»

Mit der gewohnten erhabnen Miene, als stehe er über Raum und Zeit, erklärte Jack Muskham: «Yule ist in Arabien gewesen, wollte es deichseln, uns ein oder zwei reinrassige Araberstuten für die Zucht zu verschaffen. Schon die längste Zeit zerbrechen wir uns den Kopf, eine aufzutreiben. Hengste sind eher zu kriegen, Stuten nie. In Nejd steht es noch wie anno dazumal zu Pulgraves Zeiten. Doch ich dächte, der Anfang ist gemacht. Der Eigentümer der besten Zucht wünscht sich ein Flugzeug, und wenn wir noch ein Billard draufgeben, wird er uns vielleicht eine der ‹Sonnentöchter› überlassen.»

«Du lieber Himmel», rief Sir Lawrence, «was für Mittel zum Zweck! Jack, wir sind doch allesamt Jesuiten!»

«Yule hat dort drüben ganz seltsame Dinge erlebt. Über eine Sache möcht ich mit dir sprechen. Du gestattest doch, daß wir hier Platz nehmen?»

Er streckte seine lange Gestalt in einen Klubsessel, das braune Männlein ließ sich auf einen andern nieder. Seine schwarzen, zwinkernden Augen hingen unverwandt an Sir Lawrence, dem es unbehaglich zu Mut ward, ohne daß er eine Ursache dafür wußte.

«Dort draußen in der arabischen Wüste», begann Jack Muskham, «hörte Yule von einigen Beduinen ein dunkles Gerücht. Ein Engländer, hieß es, sei irgendwo von Arabern überfallen und gezwungen worden, zum Islam überzutreten. Yule geriet darüber mit ihnen beinah in Streit, er erklärte, kein Engländer würde so was tun. Als er aber auf der Heimreise von Ägypten mit dem Flugzeug in die libysche Wüste flog, traf er eine andre Schar Beduinen, die aus dem Süden kamen und dieselbe Kunde brachten. Sie gaben jedoch bedeutend mehr Einzelheiten zum besten, behaupteten, die Affäre habe sich in Darfur zugetragen, und wußten sogar den Namen des Bekehrten – Desert. Dann kam Yule nach Khartum; dort, behauptet er, pfiffen die Spatzen diese Neuigkeit von den Dächern. Selbstverständlich reimte er sich nun mancherlei zusammen. Zweifellos besteht jedoch ein himmelweiter Unterschied zwischen freiwilligem Glaubenswechsel und einem Übertritt vor dem Pistolenlauf des Feindes. Ein Engländer, der so was tun kann, bringt uns alle in Verruf.»

Sir Lawrence, der während dieser Erzählung unablässig mit dem Monokel gespielt hatte, ließ es endlich sinken und bemerkte: «Lieber Jack, wenn ein Mann so unbesonnen ist, in einem mohammedanischen Land Mohammedaner zu werden, dann flackert natürlich das Gerücht auf, man habe ihn dazu gepreßt – meinst du nicht?»

«Das dacht ich auch», fiel Yule ein und rutschte auf dem äußersten Rand des Stuhls hin und her, «doch der zweite Bericht klang ungemein präzis. Sogar den Monat wußten sie anzugeben und den Namen des Scheichs, der Deserts Glaubenswechsel erzwang. Wie ich dann erfuhr, war Mr. Desert tatsächlich kurz nach dem erwähnten Datum aus Darfur heimgereist. Mag sein, die Sache beruht gar nicht auf Wahrheit – aber wahr oder nicht, ein derartiges Gerücht greift, wenn man ihm nicht entgegentritt, wie ein Lauffeuer um sich und schädigt schwer – nicht nur jenen Mann, sondern auch uns und unser Ansehn dort draußen. Meiner Meinung nach sind wir verpflichtet, Mr. Desert wissen zu lassen, was die Beduinen über ihn verbreiten.»

«Na, er hält sich ja hier in London auf», sagte Sir Lawrence ernst.

«Ich weiß», erwiderte Jack Muskham, «unlängst begegnete ich ihm, auch ist er Mitglied dieses Klubs.»

Tiefe Bestürzung überkam Sir Lawrence; just solch eine böse Enthüllung mußte auf Dinnys Mitteilung folgen! Ihm, diesem überlegenen Ironiker, der sich in seinen Neigungen so wählerisch zeigte, war Dinny ans Herz gewachsen. Sie verklärte seine nüchternen Gefühle für die Frauen mit romantischem Schimmer. In jungen Jahren hätte er sich sogar in sie verlieben können, nun aber war er allerdings nichts weiter als ein angeheirateter Onkel. Während dieses Schweigens empfand Sir Lawrence ganz deutlich, daß auch die beiden andern sich höchst unbehaglich fühlten. Merkwürdig, ihre offenbare Unruhe schien ihm die Bedeutung dieser Angelegenheit wesentlich zu erhöhn.

«Desert war Trauzeuge meines Sohns», gab er endlich zurück. «Jack, ich möchte gern mit Michael drüber sprechen. Mr. Yule wird hoffentlich inzwischen nichts davon verlauten lassen.»

«Nicht um die Welt!» erwiderte Yule. «Ich hoffe zu Gott, daß an der Geschichte kein wahres Wort ist. Ich schätze seine Gedichte.»

«Und du, Jack?»

«Der Mensch gefällt mir nicht. Doch ehe ich nicht den klaren Beweis dafür vor Augen habe, weigere ich mich, etwas Derartiges von einem Engländer zu glauben. Yule, wir müssen uns beeilen, wenn wir den Zug nach Royston erreichen wollen.»

Sir Lawrence blieb allein zurück, durch Jack Muskhams Bemerkung noch mehr beunruhigt als zuvor. Sie verriet ihm nur zu deutlich, wie erbarmungslos die ‹hundertprozentigen Sahibs› über Desert den Stab brechen würden, falls sich das Schlimmste bestätigen sollte.

Endlich erhob er sich aus seinem Sessel, fand nach einigem Suchen ein kleines Buch, setzte sich wieder hin und blätterte darin. Es waren Sir Alfred Lyalls patriotische ‹Verse aus Indien›; Sir Lawrence schlug ein Gedicht nach, das die Überschrift trug: ‹Theologia in extremis›.

Er las es durch, stellte den Band zurück, blieb stehn und rieb sich das Kinn. Allerdings hatte Lyall diese Verse vor mehr als vierzig Jahren geschrieben, doch die Gefühle und Anschauungen, denen er darin Ausdruck gab, hatten sich um kein Haar geändert. Die Geschichte drehte sich um einen Korporal des Dritten Linienregiments, den ein chinesischer General vor die Wahl stellt, dem Christentum abzuschwören oder zu sterben. ‹Das ist beim Dritten Regiment nicht Brauch›, gab der Korporal zur Antwort und starb. Jawohl! Sogar noch heute war das die Richtschnur für Männer, die das Banner des Standes und der Tradition hochhielten. Der Krieg hatte freilich so manchen früher festverwurzelten Grundsatz umgestoßen. War der junge Desert wirklich zum Frevler an den Idolen geworden? Unwahrscheinlich. Und dennoch, konnte trotz seiner ausgezeichneten Führung im Weltkrieg nicht auch etwas Feigheit in ihm stecken? Oder riß ihn nicht mitunter eine Woge bitterer Empörung zu völligem Zynismus hin, so daß er oft aus purem Übermut allem ins Gesicht schlug, was andern heilig war?

Sir Lawrence versuchte mit aller Kraft, sich in dieses Dilemma hineinzudenken. Als Ungläubiger beschied er sich mit dem Gedanken: ‹Mir wäre es verdammt zuwider, müßt ich mich in solchen Dingen zwingen lassen!› Doch schien ihm diese Lösung recht unbefriedigend; er ging in die Halle hinab, trat in eine Telephonzelle und klingelte Michael an. Wenn er sich noch länger im Klub aufhielt, lief er am Ende gar dem jungen Desert in die Arme, er nahm daher ein Auto und fuhr zu seinem Sohn.

Michael war eben vom Parlament heimgekommen, die beiden trafen einander in der Halle. Sir Lawrence hatte das instinktive Gefühl, man solle Fleur trotz ihres Scharfsinns zu dieser Beratung lieber nicht heranziehn, und bat seinen Sohn, ihn in sein Arbeitszimmer zu führen. Dort teilte er ihm zunächst Dinnys Verlobung mit; bei dieser Nachricht verrieten Michaels Züge ein seltsames Gemisch von Unruhe und Freude.

«Diese schlaue kleine Katze! Es so geheimzuhalten! Fleur bemerkte unlängst, Dinny komme ihr jetzt gar zu unbefangen vor. Aber das hätt ich doch nicht geglaubt, der Gedanke an eine Heirat Dinnys lag so fern. Noch dazu mit Wilfrid. Na, hoffentlich hat der gute Junge den Orient jetzt endlich satt.»

«Dazu noch die Geschichte mit dem Glaubenswechsel», sagte Sir Lawrence ernst.

«Das ist meines Erachtens ziemlich belanglos, eine Betschwester ist Dinny keineswegs. Doch hätt ich nie gedacht, Wilfrid würde eine andre Religion der seinen vorziehn – es hat mich verblüfft.»

«Über die Sache geht ein Gerücht», hob Sir Lawrence an.

Als er fertig war, saß Michael mit abstehenden Ohren und trübem Gesicht da.

«Du kennst Desert ja besser als wir alle», schloß Sir Lawrence, «was hältst du davon?»

«Ich gesteh es ungern, doch – am Ende ist die Sache wahr. Ihm mag eine solche Tat ganz natürlich scheinen, aber die Leute werden seine Beweggründe nie begreifen. Verdammt zuwider, diese Geschichte, nun, da Dinny im Spiel ist!»

«Mein Lieber, ehe wir uns aufregen, müssen wir uns doch Klarheit schaffen, ob es überhaupt wahr ist. Könntest du nicht zu ihm gehn?»

«In frühern Tagen – wär es leicht gewesen.»

Sir Lawrence nickte. «Ja, ich weiß. Aber es ist doch längst Gras über die Sache mit Fleur gewachsen.»

Michael lächelte matt. «Ich hab nie gewußt, ob du Lunte gerochen hast, geahnt hab ich's freilich. Seit seiner Abreise in den Orient hab ich Wilfrid nur mehr ganz selten zu Gesicht bekommen. Immerhin könnt ich ja –» er hielt inne und sprach weiter: «Wenn es wirklich wahr ist, muß er es Dinny gesagt haben. Er kann ihr doch unmöglich einen Heiratsantrag machen und das verschweigen.»

Sir Lawrence zuckte die Achseln. «Wenn er einmal so unritterlich handeln kann, warum nicht auch ein andermal?»

«Wilfrid ist ein so unergründliches, kompliziertes, verdrehtes Huhn, wie mir noch keins über den Weg lief! Verlorne Müh, ihn nach landläufigen Gesichtspunkten zu beurteilen. Hat er aber Dinny alles erzählt, so erfahren wir es gewiß nicht von ihr.»

Ratlos starrten die beiden einander an.

«Vergiß nicht», fuhr Michael fort, «er hat eine heroische Ader. Die regt sich stets zur unrechten Zeit. Drum ist er ja auch Dichter.»

Sir Lawrence zupfte an einer Braue, immer ein Zeichen, daß er zu einem Entschluß gelangt war.

«Sehn wir der Sache kühn ins Auge», mahnte er. «Etwas Derartiges einschlafen zu lassen, das halten die Menschen nicht aus. Der junge Desert ist mir nicht sympathisch –»

«Mir schon», versetzte Michael.

«Ich denk dabei an Dinny.»

«Ich auch, Vater. Aber Dinny wird nach ihrem Kopf handeln und sich von uns nicht abbringen lassen.»

«Eine der peinlichsten Affären, die mir je vorkam», erklärte Sir Lawrence langsam. «Nun, mein Junge, willst du mit ihm sprechen oder soll ich es tun?»

«Ich werd zu ihm gehn», erwiderte Michael seufzend.

«Wird er dir aber die Wahrheit sagen?»

«Bestimmt. Willst du nicht zum Abendessen bleiben?»

Sir Lawrence schüttelte den Kopf.

«Mit solchen Sorgen wag ich mich nicht vor Fleur. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, vor deiner Unterredung mit Desert darf kein Mensch etwas von der Sache erfahren, nicht einmal Fleur.»

«Kein Wort. Wohnt Dinny noch bei euch?»

«Nein, sie ist nach Condaford zurück.»

«Was werden ihre Leute dazu sagen?» Michael pfiff vor sich hin.

Ihre Leute! Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe, auch nicht während der Mahlzeit, bei der Fleur mit ihm Kits Zukunft besprach. Sie war dafür, Kit solle in Harrow erzogen werden, weil Michael und sein Vater in Winchester studiert hatten. Wegen des großen Andrangs war Kit bereits an beiden ‹Colleges› vorgemerkt.

«Die ganze Familie deiner Mutter», gab Fleur zu bedenken, «ist in Harrow erzogen. Winchester ist so exklusiv, so ganz erstarrt. Kein einziger populärer Mann geht draus hervor. Hätte man dich nicht in Winchester erzogen, wärst du heute schon Unterstaatssekretär.»

«Muß denn Kit durchaus populär werden?»

«Jawohl. Natürlich in gutem Sinne, wie dein Onkel Hilary. Du weißt, Michael, dein Vater ist ja gewiß ein lieber Kerl, aber deinen mütterlichen Stammbaum zieh ich vor.»

«Ich frag mich nur», wandte Michael ein, «ob die Cherrells nicht gar zu nackensteif sind, nicht gar zu sehr im Dienst des Vaterlands aufgehn.»

«Allerdings, dennoch haben sie ihre besondre Art und sehn wie echte Gentlemen aus.»

«Deiner Meinung nach soll also Kit nur wegen der sportlichen Wettkämpfe zwischen Harrow und Eton aufs ‹College› in Harrow?»

Fleur warf den Kopf zurück.

«Gewiß. Ich hätte Eton gewählt, es ist am vornehmsten; nur wäre das gar zu augenfällig, und obendrein hasse ich hellblau, die Farbe Etons.»

«Nun», entgegnete Michael, «ich hab ein Vorurteil zu Gunsten meiner Erziehungsanstalt, drum überlaß ich dir die Wahl. Mit einer Schule, die Onkel Adrian herangebildet hat, darf ich wohl zufrieden sein.»

«Lieber Michael, deinen Onkel Adrian hat keine Schule herangebildet», erklärte Fleur, «der ist prähistorisch. Die Cherrells sind der älteste Zweig in Kits Stammbaum, und ich möchte diesen Einschlag gern ‹hochzüchten›, wie Mr. Jack Muskham sagen würde. Richtig! – als ich ihn bei Clares Hochzeit traf, lud er uns zur Besichtigung seines Gestüts nach Royston ein. Ich ginge gern hin. Er erinnert an eine Reklamefigur für Jagdmäntel – erstklassige Schuhe und wunderbare Beherrschung der Gesichtsmuskeln.»

Michael nickte.

«Jack ist eine so stark geprägte Münze, daß hinter dieser Prägung kaum noch Metall bleibt.»

«Glaub nur das nicht, lieber Michael. Da bleibt noch Metall genug.»

«Der hundertprozentige Sahib», meinte Michael. «Ich werd mir nie recht drüber klar, ob diese Spezies etwas taugt oder nicht. Die Cherrells sind noch ihre besten Vertreter, nicht so manieriert wie Jack. Aber auch ihnen gegenüber hab ich das Gefühl, es gebe viele Dinge zwischen Erd und Himmel, von denen ihre Weisheit sich nichts träumen läßt.»

«Wir können nicht jeder den Allerbarmer spielen.»

Michael sah sie fest an – nein, das war keine boshafte Anspielung auf seine Duldsamkeit. Er fuhr fort: «Ich weiß nie recht, wo Verstehn und Duldsamkeit aufhören sollen.»

«Darin sind wir Frauen euch über. Das Signal zum Stoppen stellt sich schon ein, wir warten drauf und verlassen uns dabei ganz auf unsre Nerven. Die Männer, diese armen Teufel, bringen das nicht fertig. Zum Glück hast du einen gewissen weiblichen Einschlag, Michael. Gib mir einen Kuß! Achtung, Coaker tritt manchmal unvermutet ein. Also abgemacht: Kit kommt nach Harrow.»

«Wenn es bis dahin noch ein Harrow gibt.»

«Schwatz doch keinen Unsinn! Nichts steht so unverrückbar fest wie Englands höhere Schulen. Bedenk doch nur, wie sie im Weltkrieg blühten.»

«Im nächsten Weltkrieg werden sie nicht blühn.»

«Dann darf es zu keinem neuen Krieg kommen.»

«Solang der hundertprozentige Sahib mit seinen starren Grundsätzen am Ruder ist, sind Kriege unvermeidlich.»

«Mein Lieber, du hältst doch nicht das ‹Worthalten› und so weiter für mehr als bloße Phrase. 1914 hatten wir einfach Angst, die Deutschen könnten uns überflügeln.»

Michael fuhr sich durchs Haar.

«Jedenfalls bestätigt das nur meine Äußerung, es gebe Dinge zwischen Erd und Himmel, von denen sich die Weisheit unsrer Sahibs nichts träumen läßt, und mancherlei Situationen, denen sie nicht gewachsen sind.»

Fleur gähnte.

«Michael, wir brauchen dringend ein neues Speiseservice fürs Abendessen.»


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