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XXVI

Da Dinny über die Sache, die ihre ganze Familie in Anspruch nahm, kein weiteres Wort verlor, sprach niemand eine Silbe, und sie war dafür von Herzen dankbar. Während der nächsten drei Tage suchte sie sich mit aller Macht darüber hinwegzutäuschen, daß sie sich tief unglücklich fühlte. Von Wilfrid war kein Brief gekommen, keine Nachricht von Stack; wenn irgend etwas geschehen wäre, hätte es Stack ihr bestimmt mitgeteilt. Am vierten Tag sah sie, sie könne die Ungewißheit nicht länger ertragen, rief Fleur an und fragte, ob sie für ein paar Tage zu ihr kommen dürfe.

Als sie den Eltern ihre Reise ankündigte, ging ihr der Ausdruck im Gesicht der beiden so nah wie der traurige Blick eines Hundes, der beim Abschied den Schweif hängen läßt. Ihr stiller Kummer wirkte noch viel bedrückender als alles Zanken und Hadern!

Auf der Fahrt überfiel sie grauenhafte Angst. Hatte ihr Instinkt, sie müsse auf eine Nachricht von Wilfrid warten, sie am Ende irregeführt? Hätte sie schnurstracks zu ihm gehn sollen? Bei der Ankunft in London befahl sie dem Chauffeur: «Cork Street.»

Wilfrid jedoch war ausgegangen, und Stack wußte nicht, wann er zurückkommen werde. Das Benehmen des Dieners schien ihr seltsam verändert, als habe er sich zu einem Zaun zurückgezogen und sitze jetzt drauf. «Ist Mr. Desert wohlauf?» – «Ja.» – «Und der Hund?» – «Jawohl, auch der Hund.» Trostlos fuhr Dinny wieder fort. Auch auf dem South Square fand sie niemanden zu Hause; ihr war's, als habe sich alle Welt gegen sie verschworen, um sie so recht ihre Einsamkeit fühlen zu lassen. Sie hatte das Tennis-Tournier in Wimbledon vergessen, die Pferdeausstellung und andre Ereignisse des Tages. So wenig Anteil nahm sie in ihrer augenblicklichen Stimmung an diesen Dingen des täglichen Lebens, daß sie gar nicht begriff, wie andere Interesse dafür aufbringen konnten.

Dann setzte sie sich in ihrem Schlafzimmer hin, um an Wilfrid zu schreiben. Es war zwecklos, sich weiter in Schweigen zu hüllen, Stack würde Wilfrid bestimmt von ihrem Besuch erzählen.

Sie schrieb:

‹South Square, Westminster.

Seit Samstag schon plagt mich unablässig die Frage, ob ich Dir zuerst schreiben oder einen Brief von Dir abwarten soll. Liebster, ich hatte wahrhaftig nicht die Absicht, mich in Deine Angelegenheiten zu mengen. Ich war nach Royston gefahren, um Mr. Muskham zu besuchen und ihm mitzuteilen, nur ich trüge Schuld daran, daß ‹einfach alles aufhöre›, wie er sich dummerweise ausdrückte. Ich hatte gar nicht erwartet, Dich dort zu treffen, machte mir nicht einmal viel Hoffnung, ihn sprechen zu können. Bitte, schreib mir, wann ich Dich sehen kann.

Deine unglückliche
Dinny›

Sie trug den Brief selbst zum Postkasten. Auf dem Rückweg traf sie Kit mit seiner Erzieherin, dem Hund und Tante Alisons zwei jüngsten Kindern. Alle schienen restlos glücklich; Dinny fühlte sich beschämt, daß sie es nicht auch schien, und alle begaben sich in Kits Schulzimmer zum Tee. Während sie noch dort saßen, trat Michael ein. Dinny hatte ihn selten in Gesellschaft seines kleinen Sohns gesehn und war von dem guten Einvernehmen und der zwanglosen Unterhaltung der beiden entzückt. Ziemlich schwer zu sagen, wer von ihnen der ältere war; nur der Größenunterschied und die Ablehnung einer zweiten Portion Stachelbeermarmelade schien für Michaels höheres Alter zu sprechen. Und zum ersten Mal, seit sie vor fünf Tagen Wilfrid gesehn, fühlte sich Dinny in dieser Stunde wieder beinahe glücklich. Nach dem Tee ging sie mit Michael in sein Arbeitszimmer.

«Ist etwas schiefgegangen, Dinny?»

Wilfrids bester Freund, der netteste, vertrauenswürdigste Mensch der Welt, und doch wußte Dinny nicht, was sie sagen sollte! Dann begann sie plötzlich zu sprechen, saß dabei in Michaels Lehnstuhl, die Ellbogen auf die Knie, das Kinn in die Hände gestützt, und starrte nicht ihm, sondern ihrer eignen Zukunft ins Gesicht. Michael saß auf dem Fensterbrett, sah bald traurig, bald etwas spöttisch drein und stieß ab und zu einen leisen Laut der Beschwichtigung aus. Ihr liege an gar nichts, erklärte Dinny, weder an der öffentlichen Meinung, noch an den Zeitungsartikeln, nicht einmal am Urteil der eigenen Familie, nur eins mache ihr Sorge: Wilfrids Bitterkeit, seine tiefe Unrast, sein abgründiger Zweifel am eigenen Tun, sein unablässiges Streben, den andern und vor allem sich selbst zu beweisen, daß er kein Feigling sei. Nun, da sie zu sprechen begonnen, machte sich jenes lang zurückgedrängte Gefühl Luft, jenes Gefühl, als wandere sie über einen Sumpf und könne jeden Augenblick in eine Tiefe unter der gleißenden Oberfläche versinken. Dann schwieg sie und lehnte sich erschöpft in den Stuhl zurück.

«Aber Dinny», fragte Michael sanft, «hat er dich nicht wirklich lieb?»

«Ich weiß nicht, Michael. Hab mir's eingebildet, aber jetzt weiß ich es nicht mehr. Warum sollte er mich liebhaben? Ich bin doch ein ganz gewöhnlicher Mensch, er nicht.»

«Jeder kommt sich selbst gewöhnlich vor. Ich will dir nicht schmeicheln, aber in meinen Augen bist du weniger gewöhnlich als Wilfrid.»

«Ach nein!»

«Ja, ja, diese Dichter machen den andern viele Sorgen», meinte Michael düster. «Was fangen wir nur an?»

Diesen Abend ging er nach der Mahlzeit fort, scheinbar ins Parlament, in Wirklichkeit in die Cork Street.

Wilfrid war nicht zu Hause, und Michael bat Stack, auf ihn warten zu dürfen. Nun saß er auf dem Diwan in jenem eigenartigen Raum mit dem gedämpften Licht; er zürnte sich selbst, daß er hergekommen war. Sollte er so tun, als habe Dinny ihn geschickt? Das war feig, ja noch schlimmer. Übrigens war es ja gar nicht wahr. Nein! Er war gekommen, um herauszufinden, ob Wilfrid Dinny wirklich liebe. Liebte er sie nicht, dann – nun, dann war es wohl am besten, mit dieser traurigen Geschichte rasch Schluß zu machen. Vielleicht kam sie darüber nur sehr schwer hinweg – noch immer besser, als sich trügerischen Hoffnungen hinzugeben. Wilfrid selbst würde unerwiderte Liebe am wenigsten ertragen können. Für Dinny gab es wohl kein schlimmeres Unglück als eine Heirat, bei der sie sich über seine Gefühle täuschte. Auf einem kleinen Tisch beim Diwan lag neben dem Whiskytablett die Abendpost, nur zwei Briefe, einer davon war offenbar von Dinny. Da öffnete sich leise die Tür, ein Hund kam herein. Er schnupperte an Michaels Hosen, dann streckte er sich hin, den Kopf auf den Pfoten, die Augen zur Tür gewandt. Michael sprach zu dem Hund, der aber schien es nicht zu hören – wackrer Bursche! ‹Ich warte auf ihn bis elf›, dachte Michael, doch fast im selben Augenblick trat Wilfrid ein. Auf der einen Wange hatte er einen blauen Fleck, am Kinn ein Pflaster. Der Hund strich um seine Beine.

«Na, alter Junge», sagte Michael, «da hat es wohl einen argen Strauß gesetzt.»

«Stimmt. Whisky?»

«Danke, nein.»

Wilfrid nahm die Briefe und kehrte ihm den Rücken, während er sie las.

‹Er wendet sich ab! Hab mir's doch gedacht!› fuhr es Michael durch den Sinn; ‹schade, daß ich seine Miene nicht sehn kann! Mir gegenüber muß er doch so tun, als sei er bis über die Ohren in sie verliebt!›

Ohne sich umzuwenden, goß Wilfrid sich ein Glas Whisky ein und trank es. Dann sah er Michael ins Gesicht und sagte: «Nun?»

Betroffen über diese schroffe Frage, gab Michael keine Antwort – er war ja tatsächlich gekommen, Wilfrid auszuholen.

«Was willst du wissen?»

«Ob du Dinny wirklich lieb hast», gab Michael kurz zurück.

Wilfrid lachte. «Wirklich, Michael!»

«Das weiß ich. Aber so kann es nicht weitergehn. Zum Teufel, Wilfrid, du solltest doch an sie denken!»

«Tu ich ja.» Er sah dabei so unglücklich und verschlossen drein, daß Michael dachte: ‹Er meint es aufrichtig.›

«Dann zeig es ihr, um Gotteswillen! Sie verzehrt sich ja vor Kummer!»

Wilfrid hatte sich zum Fenster gewandt. Ohne sich umzuwenden, sagte er:

«Du hast nie Gelegenheit suchen müssen, deinen Mut zu beweisen; tu das ja nicht! Je mehr du dich bemühst, um so schwieriger ist es. Gerade, wenn du es am wenigsten magst, bietet sich dir eine solche Gelegenheit.»

«Ganz richtig! Aber, mein lieber Junge, das ist doch nicht Dinnys Schuld.»

«Ihr Unglück.»

«Nun, und weiter?»

Wilfrid fuhr herum.

«Pack dich, Michael! Geh zum Teufel! Niemand soll sich da einmengen. Das geht nur uns beide an.»

Michael erhob sich und griff hastig nach dem Hut. Wilfried hatte genau das gesagt, was er seit seinem Kommen erwartet hatte.

«Ganz recht hast du», erwiderte er schüchtern. «Gute Nacht, alter Junge. Ein schöner Hund!»

«Tut mir leid», erklärte Wilfrid; «du meinst es gewiß gut, kannst aber nicht helfen. Niemand kann helfen. Gute Nacht!»

Michael ging und ließ auf dem Weg die Treppe hinab bekümmert die Flügel hängen.

Als er heimkam, war Dinny schon auf ihr Zimmer gegangen. Fleur aber erwartete ihn noch unten. Er hatte ihr von diesem Besuch nichts verraten wollen, sie jedoch sah ihm scharf ins Gesicht und sagte:

«Michael, du bist nicht im Parlament gewesen! Du warst bei Wilfrid.»

Michael nickte.

«Nun?»

«Nichts zu machen!»

«Das hätt ich dir gleich sagen können. Was tust du, wenn du einen Mann und ein Weib auf der Straße zanken siehst?»

«Ich geh auf die andre Seite, wenn mir Zeit dafür bleibt.»

«Nun und?»

«Die beiden zanken aber gar nicht.»

«Freilich nicht, doch sie leben in einer eignen Welt, in die kein Dritter Einlaß findet.»

«Das sagte Wilfrid auch.»

«Ganz natürlich.»

Michael starrte sie an. Selbstverständlich! Auch sie hatte einst in einer ganz besondern Welt gelebt – und nicht mit ihm!

«Es war dumm von mir. Aber ich bin eben dumm.»

«Nein, nicht dumm, wohlmeinend. Gehst du schon hinauf?»

«Ja.»

Während sie die Treppe hinanstiegen, hatte er deutlich den Eindruck, ihr liege jetzt mehr daran, mit ihm zu Bett zu gehn, als ihm. Doch wenn sie erst einmal im Bett waren, würde es anders sein. So war eben die Natur der Männer!

Durch das geöffnete Fenster drangen ihre gedämpften Stimmen zu Dinny empor, deren Schlafzimmer über dem ihren lag. Sie stützte das Gesicht auf die Hände und überließ sich der Verzweiflung. Der Lauf der Sterne war gegen sie! Äußerer Widerstand ließ sich durch List oder Gewalt besiegen, aber dieses tiefe Mißbehagen in der Seele des Geliebten – das ließ sich nicht fassen, und Unfaßbares konnte man nicht bannen, nicht verdrängen oder durch List bezwingen. Sie blickte zu den Sternen empor, die ihr feindlich waren. Hatten die Alten wirklich dran geglaubt oder war es auch für sie nur eine leere Redensart gewesen? Kümmerten sich diese blitzenden Edelsteine auf ihrer Bahn durch den samtblauen Weltraum wirklich um das Los der Menschlein, um Leben und Lieben jener Eintagsfliegen, die einer Umarmung entsprangen, sich trafen, aneinander klammerten, starben und zu Staub verwehten? Trugen diese leuchtenden, von kleinen Planetensplittern umkreisten Welten bedeutungslose Namen oder waren ihre Bahnen und Konstellationen wirklich eine für Menschen lesbare Schrift?

Nein! All das war nur Selbstüberhebung des Menschen! Er suchte das Weltall an sein kleines Lebensrad zu ketten. Kreist tiefer, helle Wagen! Doch sie taten's nicht! Sie rissen die Menschen auf ihrer Bahn im Weltraum mit, sie waren die Führer, die Menschen mußten folgen.


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