Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Indessen mußte Daniele seine hundertfünfzig Lire Lohn bereits bekommen haben. Von diesem ersten Künstlerlohn hatte er gelobt, dem Raffael im Pantheon einen Kranz zu kaufen. Und sicher, so wie der Kranz aussah, reich, fein und groß, mochte er die Hälfte des ganzen Geldes gekostet haben.

Ein paar Minuten darauf kam er selber und legte den Kranz etwas genauer in die Mitte. Dann kniete er nieder und betete ein Paternoster ums andere. Und wenn er während der ganzen Hotelmalerei nie so recht wie ein Künstler ausgesehen hatte, jetzt flammten seine Augen in einer Art echt künstlerischer Verzückung.

Und in dieser herrlichen Erhebung seiner sonst so nüchternen Seele betete er für Raffael, daß er im Himmel nun zunächst seiner schönsten Madonna throne, ein ziemlich hohes Stück ob Michelangelo und Tiziano. Und daß er von da oben ihm, dem kleineren, aber nicht unwürdigen Daniele, immer ein bißchen heimlich beistehen wolle, zugleich mit dem selig verstorbenen Dantelli. Er sagte auch begeistert, daß ihm das erste Fresko erstaunlich gelungen sei und daß ihm Raffael daher nun immer größere und reichere Aufträge nicht bloß von Hoteliers, sondern auch von Herzögen und Kardinälen erflehen wolle. – Da sei sein Kranz. Achtzig Lire habe er gekostet. Aber ihn reue das nicht. Raffael verdiene noch viel bessere Kränze. Ob er für diesmal aber doch mit diesem da zufrieden sein wolle? Zypressen und Nelken, das sei etwas Gewöhnliches. Aber sobald er im Vatikan oder beim jungen reichen Farnese habe malen dürfen, müsse Raffael einen Kranz von vergoldeten Palmen und echt silbernen Lilien haben. Davvero!

Daniele war in jenen Minuten rührend anzuschauen. Jedes Wort war ihm ernst. Das Genie Raffaels hatte gewiß noch nie eine so ehrliche Huldigung erlebt.

Neben dem Bruder stand Zenone und ließ nicht einen Blick von ihm. Er bewunderte in diesem Augenblick den lebenden Meister mehr als den toten.

Das änderte mit einem Schlag auch meine Stimmung. Ich wurde zufrieden. Die Kirche ward mir heimelig. Auf einmal dünkte mich hier alles bewundernswert und lieb. Der Altar schien mir erhaben wie nur irgendeiner, der Küster wie ein heiliger Levite, so eifrig und wohlbestallt. Consalvis Grab, wo Napoleons einziger unerschrockener und ungebändigter Gegner schläft, nötigte mir eine tiefe Verbeugung ab, und es erschütterte mich, bei Umbertos Grab an jenen schönen Sonntag zu denken, wo in einem Volksfest und in einer starken Lebensfreude der böse Schuß knallte und den Monarchen zu den Toten legte, mitten in der hellsten lombardischen Sonne. Es gingen mir ein paar einfältig fromme Gedanken durch den Kopf, ich murmelte herzlich ein gutes Sprüchlein und ging dann wohlgestimmt und zufrieden hinaus.

*

Da lagen die verdammten Katzen noch immer. Frau Venus schleckte an ihrem blitzenden Fell und gab mir keinen Blick aus ihren gelben Schlitzen. Und Jupiter zückte mit keiner Braue und Mars zog keine Kralle hervor. Sie verachteten mich augenscheinlich. Ich machte Pst, dz! dz! dz! – aber sie rührten sich nicht. Der Zündhölzchenbub aber lief wieder her und sagte: »Vuole una scattolina? – Aber die Katzen müssen Sie schlafen lassen... soltanto un soldo!« –, da sah er einen Engländer. Gleich war er an ihm. »Uollen Sir una scattolina? Soltanto venti centesimi!« – Der Halunke!

»Ein schöner Kranz, nicht wahr!« sagte mir der Lehrbub. Mit Daniele trat er hinter mir aus dem Tempel. »Aber Sie müssen einmal sehen, wie das Werk gelungen ist! Ahi!«

Daniele Bocchi zog nur den Hut und harrte auf meinen Weihrauch.

»Wem gehören eigentlich diese Katzen?« fragte ich mit unverschämter Rücksichtslosigkeit.

Verwundert sahen mich die Zwei an.

»Das sind doch wilde Katzen, die Forumskatzen. Die gehören niemand. Jedes Kind in Rom weiß das«, plapperte Zenone.

Daniele nickte nur großartig.

»Solche Katzen solltet Ihr in Eure Lünetten malen«, sagte ich zu Daniele ohne großen Ernst. »Ihr habt ja die Laubenfenster noch immer leer. Correggio hat Putten, und die Carracci haben Masken und Tierköpfe in die Zwickel gemalt. Auch Ihr solltet etwas Lebendiges in Euer Kolosseum setzen.«

Daniele horchte aufmerksam zu. Ich wurde lebhafter. War die Idee mit den Katzen etwa so schlecht?

»Euer Raffael hat in der Farnesina jeden Winkel mit göttlichem Spuk erfüllt. Schmuggelt nun Ihr diese Forumskatzen in Euer Gemäuer! Das paßt!«

Der Maler faßte mich am Ärmel, als wollte er noch mehr aus mir drängen.

»Graue Katzen in jeder Nische, mit zitronengelben Schlitzaugen –, ha, das wäre ein neues, originelles Ornament!«

Daniele nickte. Katzenmuster gab es zu hunderten im Dantelli. Sein Ehrgeiz schwoll, Correggio, Annibale Carracci, Rafaele und nun er, Daniele Bocchi!

»Wolltet Ihr nicht noch gestern die Wappen der römischen Adelsleute in die Öffnungen setzen? Nun, da habt Ihr das echte Wappen des alten Kolosseums von Rom! Und wie könnt Ihr das Tier modulieren! Bei allen Göttern dieses Hauses, gibt es ein Geschöpf, das so viele Gesten und Gebärden reißen kann!«

»O Ihr habt recht, Signore –, gleich, gleich an die Arbeit!«

»Nicht aus dem Buche, Maestro«, bat ich und faßte Daniele am dunkelbraunen Samtwams, womit er prunkte. »Ihr zeichnet ja so trefflich ab. Hier habt Ihr die besten Modelle.« –

Daniele riß ein Blatt aus dem Skizzenheft, setzte sich auf die Brüstung des Mäuerchens und entwarf Katze um Katze. Indessen erzählte mir Zenone, was er von diesen herrenlosen Tieren wußte. Ab und zu klatschten wir in die Hände, um die Modelle zu erschrecken und dem Zeichner einen andern Vorwurf zu verschaffen. So bekam er denn liegende und sitzende, geduckte und gestreckte, lange und gekringelte Katzen, eine ganze Galerie von Geschmeidigkeit und Eleganz.

Zenone erzählte und erzählte weiter – oder träumte ich halb? –, wie sich dieses graue Raubtiervölkchen seit den Tagen der Imperatoren hier erhalten habe. Sie betteln in den Nachbarhäusern des Forums und bekommen reichlich. Am Tage schlafen sie am liebsten ums alte Pantheon herum. Das ist ihr heiliges Quartier. Man kennt kein anderes und niemand macht ihnen den Platz dahier streitig. Kein Bube wirft Steine nach ihnen. Und doch gehen gerade die jungen Römer Rangen so unbarmherzig mit den Tieren um. Freilich, diese Katzen lassen sich auch von niemand liebkosen. Sie stammen von alten Etruskermüttern und kompromisseln mit der Neuzeit niemals. Im kühlen Duft des Marmors und in der Harmonie des runden Heidentempels ist ihnen wohl. Da schlafen sie wie die grauen Forumtrümmer, so antik und klassisch ruhig. Aber wenn die Häuserschatten sich von Gasse zu Gasse spinnen, dann werden sie wach und gehen ins alte Rom hinüber. Dort zwischen alten Säulen und Tempelsöllern schleichen sie wie Tiger herum und machen Jagd auf Mäuse, Blindschleichen, Eidechsen. Ein großartiges Jagdrevier. Man denke, vom Kolosseum über den ganzen Palatin, durchs Forum und die Felsen hinauf zum Kapitol. Alles gehört ihnen da. Und es ist abwechslungsreich. Wie köstlich ergeht es sich bei Mondschein nur schon über den Ruinenberg des Kolosseums hinauf, durch seine Gänge und Löcher! Und welche feinen Erinnerungen gibt es da auf Schritt und Tritt an blutdürstige Vorfahren, die da Sklaven und Christen, blonde Germanen und schwarze Mohren zerreißen durften. So großartig lebt sich's heutzutage nicht mehr. Aber die Pirsch ist auch jetzt noch ergiebig. Denn die Fremden essen gern, indem sie diese Ruinen durchwandern, Schinkenbrötchen oder Würstchen oder auch Teiggebackenes und lassen zahllose Reste fallen. Das zieht die Mäuse an. Aber die Katzen fallen über sie her wie einst die römische Wölfin über die umliegenden, kleinen Räuberstämme. Und zu Füßen der alten Götter, beim heiligen Mondlicht, hauchen unter den Tigerkrallen Ratten und Mäuse ihre arme, zappelige Seele aus. Zuerst spielen die Katzen noch mit den Opfern, kratzen sie schwer und lassen sie wieder los. Da hüpft so ein Mäuschen schnell mit dünner Blutspur hinter sich zu einem schönen Gott, kriecht ihm in die Marmorsandalen und will an seinem Stab empor in die wallenden Ärmel klettern. Aber einer rechten Pantheonkatze ist kein Asyl heilig. Wild hackt sie das Tierchen herunter und beißt und krallt und quält, bis die Maus neben Amor oder Apoll oder einem andern grausam lächelnden Gott verendet.

Oh, es spielen sich hier Tragödien ab wie zur Zeit der Cäsaren und der dampfenden Märtyrer-Arena!

Aber eins darf man nicht übersehen, so ward ich belehrt, daß diese Tiere den antiken Boden rein halten. Sie schützen die Denkmäler vor dem Zerbröckeln und Zernagen durch barbarische Feldmäuse. Und kein Hund wagt sich aufs Forum. Er käme übel an. Kein Vogel verunreinigt diese alten Plätze. Die Katzen sind die unbezahlten, treuen, unsterblichen Hüterinnen des alten Rom. Besonders gern streifen sie um die Rostra herum, wo Cicero geredet hat. Er liebte die Katzen. Sie waren noch geschmeidiger als seine Advokatenreden und gingen auf melodischeren Füßen als seine Perioden. Er lernte von ihnen.

Und so ist es: wenn Rom schläft und vielleicht nur noch ein alter Minister in seinem Bureau sich sorgenvoll auf die morgige Debatte auf dem Monte Citorio vorbereitet oder der müde Heilige Vater am bekannten Vatikanfenster sein spätes Brevier über die Stadt betet: »Noctem quietam et finem perfectum da nobis, Domine –«, aber wenn sonst alles schläft, der König und die schöne, hohe Königin, das Kronprinzlein und die Königsmädchen und die Generäle und die Kutscher und die Gasthofwirte, die vielen Mönche und Pfarrer und Touristen und deutschen Professoren und schwäbischen Hochzeitspaare, und wenn selbst der treueste Hund in der ganzen Stadt schläft, der große, graue, glatte Ettore in unseren Albergo –, dann wachen diese Katzen hier mit offenen, gelben Kreiselaugen über Rom, schnurren und mausen und führen unwidersprochenes blutiges Regiment.

»Kommen Sie doch einmal da weg«, sagte der Maler ungeduldig, »ich bin schon lange fertig.«

»Bitte, zeigt mir einmal!«

Gott, welche Katzen waren das! Nein, nach der Natur zeichnete Daniele noch immer sehr schwach. Immer wieder merkte man den Leitfaden Dantelli. Das Beste waren noch Schwanz und Schnurrbart. Im übrigen hätten es auch Murmeltiere oder Seehunde sein können.

»Es ist ganz ordentlich«, sagte ich und hörte Daniele erleichtert aufatmen. »Aber es muß noch nachgebessert werden. Diese Beine und dieser Kopf zum Beispiel – nun, Euer Buch –«

»Natürlich«, frohlockte der Meister, »es sind viele Katzen darin!«

Als hätte er die großartigste Inspiration vom Grabe Raffaels geholt, so sprang der Maler ins Hotel und ließ das Gerüste, das man abzubrechen begann, wieder in den frühern Zustand richten. Der Hotelier war mit unserer Erklärung, daß in die Mauerlöcher des Kolosseums Katzen gemalt werden sollten, statt des reinen blauen Himmels, sehr wohl einverstanden. Daniele zeichnete nun die ganze Nacht Katzen aus dem Dantelli, versuchte danach seine Naturskizzen zu korrigieren und brachte zuletzt ein prachtvoll aus Natur und Theorie gemischtes Katzengeschlecht zustande. Sie verloren dabei von ihrer Wildheit und nahmen etwas Gemächliches und Stubenhaftes an, was der gerühmten Gastlichkeit des Albergo ausgezeichnet entspricht. – Schon nach zwei Tagen war die Malerei vollendet und schauten diese silbergrauen Miezchen und Kater mit ihren gelben Augen und vollen Schnauzen in zwanzigfacher possierlicher Haltung zu den Nischen und Höhlen des Kolosseumgemäuers auf uns kaffeeschlürfende Siestagäste nieder. Sie machten sich gut und bildeten ein munteres Fries rundum. Zwei Zeitungen berichteten von ihnen – und erwähnten insbesondere die hübsche Tatsache, daß alle vierundzwanzig Katzen den Schwanz in Form eines S oder P ringeln. Das war meine Idee gewesen und versinnbildete das antike stolze Lapidarwort: Senatus Populusque Romanus.

Jeder Deutsche, der ins Hotel tritt, freut sich an diesen Vestibülkatzen. Er kennt ja die unheimlichen Originale noch nicht und denkt beim Anblick dieser Geschöpflein da oben an warme Dezemberöfen im Norden, an summende Wasserkrüge, an Schnee auf den Gesimsen und an das urheimliche Schnurren und Spinnen unseres lieben Hinz auf den grünen Kacheln.

Wenn aber ein Engländer fragt: »Uaß sein daß fur Tier?« –, so antworte ich mit feierlicher Geste: »Das sind die berühmten Katzen vom Pantheon!«

»Daß uill ich schauw!«ruft der Angle und rennt gaßein.

»Uo sein die cäts of Pantheon?«fragte er den Zündhölzchen- und Secolojungen.

Und rennt weiter nach den Katzen, nachdem er dem Schlingel sogar trenta centesimi für die Schachtel gezahlt, aber dafür die schöne, abgefeimte Lüge kapiert hat, daß die Engländer einen indischen Paß zum erstenmal überschritten haben, am Korikjalgebirge oder am – ach, diese fremden Namen!

Daniele hat dreimal mehr Aufträge, als er mit Hilfe der neuesten Auflage des Leitfadens von Dantelli bewältigen kann.

Und am Pantheon schlafen die seltsamen, heidnischen Katzen ihren unsterblichen, uralten, klassischen Schlaf weiter.


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