Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Der Heilige auf dem Paß

Sechs Jahre gingen über Bernardinos Sarg. Da wollte die Christenheit durchaus, daß der Verstorbene, der allen Herzen heilig war, auch von Amts wegen heilig erklärt würde.

Es geschah. Und mitten im rauschenden Feiertag von Sankt Peter hielten drei auffällig scharf und klassisch geformte Männer über Papst Nikolaus V. und dem Bildnis Bernardinos in seiner Hand die vorderen Stangen des wie aus Äther so duftig gewobenen und leise erschauernden Traghimmels. Diese Stangen aber waren aus Elfenbein geschnitzte Palmen. Zuunterst an jedem Schaft saß König David und spielte mit orientalisch zarten Fingern auf einer Zither. Zwischen diese Elfenbeinhände mußten die Träger des Baldachins wie in eine Handhabe greifen.

Der eine, ein Sechziger, haar- und bartlos und voll steiniger Magerkeit, trug eine vornehme, kühle Schwermut im Gesicht. Es war der Baron de Sacco, dessen schönstes Schloß und Glück am Büdnerpaß zwischen Italien und Germanien in wachsender Verarmung lag, dazu von einem Völklein umdräut, das weder ordentlich dem italienischen Mittag noch der deutschen Mitternacht angehörte, einer wunderbaren Rasse in ihren Härten und Hitzen, die, wenn sie regieren, sich bücken, und wenn sie sich bücken, regieren.

Baron de Sacco trug einen Degen im Gurt, dessen goldener Korb eher von gelber Seide als von Draht gesponnen schien, so fein, so viel zu fein und schon etwas zerfasert sah die Arbeit aus.

Er dachte voll Ekel an seine Schulden und betete zu San Bernardino, falls ihm das Herrentum und sein Genuß über die steifen Misoxer Bauern bliebe, wolle er dem Heiligen zuoberst am Paß, wo die letzten Hirten wohnten, ein Kirchlein gründen und die Straße gen Norden nach ihm taufen.

Aber der Demokrat San Bernardino schüttelte herrischer als der härteste Herr seinen kleinen Heiligenkopf. Die Straße! Ja, das gefiele ihm schon. Ihr Wandern, Suchen, Friedenbringen. Aber mit Tyrannen schloß er schon auf Erden keinen Pakt, wie denn gar im freien Himmel!

Der zweite Träger war de Saccos Schwiegersohn Trivulzi, ein glattes Diplomatengesicht, mit vielen kaufmännischen Schlitzen und Taschen im Seidenrock. Er trug ein leichtes Stilett, vielleicht mehr ein Waidmesser, vielleicht sogar eher ein Instrument, um Pakete aufzutrennen und Zahlen zu radieren. Indessen seine Hand war so breit wie lang, und fähig, zur Zeit auch ein zehnpfündiges Schwert zu schwingen.

Aber mehr vom Ehrgeiz der Börse als der Lanze gestochen, betete er zu San Bernardino hinauf mit schneller und korrekter Buchhalterstimme: er möge den de Sacco in einem raschen, schmerzlosen Tode des Staubes entheben, damit die würdigeren und sparsameren Trivulzi in jenen reichen, ruhigen Alpengütern hausen und die Stipendien der Fürsten und die Prozente einer sattelfesten Kaufmannspolitik in unzerstörbaren Felsenkellern aufspeichern können. Er wollte Maria und ihrem Diener San Bernardino zusammen eine hübsche Pfarrkirche im Schutz und Schatten des Misoxer Kastells erbauen, mit einem eleganten lombardischen Campanile... und einem tiefen Opferkasten!... Und ihn, den Bettelmönch, neben die Erlauchteste unter den Heiligen nach schönster Leibesähnlichkeit an die Wände malen lassen.

Aber San Bernardino lächelte schlauer als der pfiffigste Schläuling und schüttelte wieder ein Nein hernieder. Hatte er schon zu Lebzeiten die Habsucht und das Prassen vermaledeit, um jetzt als Seliger einen Geizhals zu segnen? Hebe dich!

Jedoch die dritte Stange des Baldachins trug der siebzehnjährige Jüngling Maria Giuseppe a Marca. Ein traffer, behender Bursche mit dunklem Haar und harter Stirne, einem knochigen Oval und einer Nase, die gerade und klug vorwärtslief, bis sie am Zipfel wie zum Spaß einen kleinen, frechen Satz nach vorne nahm, die schmalen, dunkelherrlichen Augen blühten in Mut oder Scheu, wie es eben paßte, während aus den vergnüglich geschwollenen Lippen ein kleiner vorstehender Eckzahn, wie ein naives Raubtier immer wieder zurückgeschoben, immer wieder nach den süßesten Gelegenheiten des Lebens hervorspähte. Als dieser junge den Trivulzi so komisch aus seinen Taschen und den de Sacco von seinem verharschten Schwert zum Heiligen emporbeten sah, rümpfte er die Nase vor lachender Schalkheit und flüsterte: »Heiliger, auch meines Vaters Reben und Tannen und Schafweiden gehen jener Alpenstraße entlang. Und auch ich will in Glorie und Sattheit durch die kurzen Jahre spazieren und, darf es sein, ein wenig hart und Herr sein. Aber dazu brauch ich dich nicht. Das mache ich besser allein ab. Ich kann es. Nur bitten wir dich, doch immer auf dem Passe zu stehen und dort unserer armen Seele zu achten, wenn sie am Geldsack oder am Degen zu schwer trägt oder zu steinig in den Steinen des Misox oder zu übermütig auf seinen Gipfeln wird. Dann nimm unsere Seele wahr, da sie doch immer das Erste und das Letzte und das Beste von uns Herren a Marca bleibt!...

Doch jetzt bin ich hier an deinem Fest und trage den Baldachin etwas höher als die Männlein dort und guck mir die Fahnen und Leute an... und dort... dort scheint das holde Komteßchen de Ramontigni mir zu nicken... ah!...!«

Indem der Jüngling sein Gebet in solch weltlich-geistlicher Unordnung beschloß, umfaßte er unwillkürlich die Stange heftiger, und da sah man, daß seine Hände zum Verwechseln so adelig und weiß und zierlich gebaut waren wie die davidischen, welche zitherschlagend aus dem elfenbeinernen Knauf langten, so zwar, daß man bald nicht mehr wußte, wem die einen und andern Finger gehörten.

San Bernardino wollte auf das so lustige Gebet schon zu einem ebenso lustigen Nein ausholen, als er noch eben diese weichen, leisen, zarten Hände des Knaben erblickte. Da besann er sich, Ei, welche Gliederchen! Wie harmlos, wie zerbrechlich! Wie will er damit Goldbarren schleppen, Schwerthiebe austeilen, arme Leute knechten, martern, würgen? Spielen und Zupfen wie die davidischen, ja, und sich Kirschen vom Leben pflücken und zu so drolligen Gebetlein manchmal sich falten, das ist die ganze Gefahr dieser Hände. Lassen wir den lieben Schelm!...

San Bernardino, San Bernardino! Hat denn nicht auch David noch andere Musik als die der Psalmen gespielt?

Aber es war geschehen. San Bernardino hatte sich in all seiner gescheiten Heiligkeit von zwei scheinbar zahmen Knabenhänden überlisten lassen.

Zwar die de Sacco und Trivulzi errichteten jene Kirchen und bemalten jene Wände und tauften die Alpenstraße San Bernardino-Paß. Aber dann mischten sich bald die zarten, unmäßig geschickten Hände des Knaben Maria Giuseppe drein, und nach und nach gingen Sack und Degen und regierende Herrlichkeit auf die Signorina a Marca über. Sie bauten wunderlich schöne und feste Häuser, herrschten in hochlehnigen Sesseln und mehrten die Habe vom Wein in San Vittore bis zum Gletscher des Tambohorns. Und sie lachten und liebten und fochten mit Auszeichnung unter den würdigsten Fahnen Europas. Etwas Internationales wurden sie an der internationalen Straße unter dem internationalen Heiligen. Aber in ihre Eisen- und Goldgeschäfte hatte San Bernardino nichts zu sagen. Erst wenn ein a Marca sich zum Abschied rüstete, kam der Heilige raschen Ganges die Straße daher, nahm die fröstelnde Seele gleichsam in seine warme Hand und führte sie über den Paß in die Ewigkeit...

... In einer finstern Oktobernacht, doppelt schwarz in den senkrechten Misoxer Bergen, stieg ich mit einem jungen a Marca nach einem gewohnten langen Zank unserer so verschiedenen Rassen und Herzen zu den Ruinen des Trivulzi-Kastells hinauf. In den Schluchten toste greulich die Moësa. Oben am Fels starrten die schwarzen und zerhackten Mauern gen Himmel.

Der Jüngling, der aufs Tüpflein jenem Ahnherrn in Sankt Peter glich, nahm den Weg durch die Wildnis auf die schwindeligen Zinnen mit jener kühnen und verschmitzten Findigkeit, mit der seine Vorfahren durch den Wechsel so vieler Jahrhunderte ordentlich heil gegangen sind.

In der Tiefe sah ich das helle Band der San-Bernardino-Straße, von Italien kommend und über das Joch zu den nordischen Völkern führend. Einsam, mächtig, schneeweiß lag sie da. Alles war schwarz ringsum, die ganze Welt schlief. Sie allein wachte und ihr heiliger Patron.

Seine Kirchenbilder sind erblaßt, die Schlösser der Barone zerfallen, selbst die Berge sind morscher geworden, aber San Bernardino und seine Straße bleiben jung.

Hallt nicht sein Schritt von Süden nach Norden unaufhaltsam hin und her? Hör' ich ihn nicht rufen? Was predigt er? Was streckt und schließt er die Arme? Was möchte er zusammenbringen? Ach, Hände, warme Menschenhände, weiße und braune, grobe und feine, des Südens, des Nordens, alle, alle Hände der Welt! A Marca, fangen wir zwei an! Gib mir die Hand, und es gelte für Tausende, die sich die Hände heute noch nicht geben können!... Morgen auch sie, und übermorgen alle!


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