Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Tag für Tag hatten beide das Kloster und Grab des Santo vor sich. Aber beide waren gehässig aufeinander und verleumdeten einander bei den Pilgern. Marzos Zedernsächelchen seien nicht echt. Man mache das alles in der Fabrica d'Ormone in Perugia aus ganz gewöhnlichem, stark gefärbtem Pappelholz. Und Agneses angebliche Kreuzlein aus Lava bei Santa Rosalias Eremite seien nichts als einheimischer Tuff und ihre Perlen reines Glas aus Venedig.

So verdarben sie einander den Profit und schütteten doch abends den Erwerb mit geiziger Freude zu einem Haufen. Dann aßen sie rasch mitsammen die Minestra und tranken von einer Flasche den blauroten Nostrano und plauderten mit den Pensionsherren und waren wieder ganz Mutter und Sohn. Jedoch sobald der Morgen graute und die Wallfahrer von der Stazione heraufkamen, und sie wieder ihre Ladentische aufstellten, waren beide auch wieder zwei bitter verfeindete Parteien, haßten einander auf Tod und Leben und machten sich den langen umbrischen Tag mit seiner süßen Sonne sauer.

Aber Marzo stand dem Kloster etwas näher. Wer fromm und zerknirscht von der Gruft des Heiligen in die Stadt zurückkehrte, der kam früher an seiner Bude vorbei. Und da harrte Marzo, der jugendliche Bengel, mit seinem melodischen Gezwitscher und seiner unschuldig weißen Stirne und fragte: »Nicht wahr, ein großer Heiliger? Und wie man beten kann am Grabe! Besser als in San Pietro zu Roma und als in San Carlo zu Milano und selbst als im Sacro Specce zu Subiaco. Nicht wahr, Vossignoria ist jetzt wieder viel leichter zumute? Man sieht es. Lachen Sie doch! Ja, ja, das muß man bei Franzesco wieder lernen, das Lachen. Und Ihr seid erhört worden, lieber Herr, das merkt man gleich. Ihr habt einen Menschen aus dem Unglück herausgebetet. Ist es nicht so? Oder Euerer Frau geistliche Freude nach Hause geschickt. Oder ein schönes Kind von Euern schönen Kindern gesund gemacht. Hab ich's jetzt nicht erraten? Nun, gentilissimo Signore, nehmt da ein Andenken mit an diese Stunde. Es ist eigens für diesen Fall berechnet. Oder wollt Ihr dieses Büchlein, es sind achtundzwanzig Bilder vom Kloster und zweiunddreißig vom heiligen Franz drin. Da könnt Ihr daheim alles zeigen, wo die Stiege in die untere Kirche und in die Felsen hinabgeht und wo Vossignoria gekniet haben und wo Sie dem Heiligen am schönsten begegnet sind. Per Dio, es kostet nur die Kleinigkeit von zwanzig Soldi. Unsereiner muß heutigentags fast umsonst – –«Ein süßes, verzweifeltes Gebrummel über die elenden, gottlosen Zeiten folgt.

Oft umstanden den jungen, hübschen Marzo zehn oder zwanzig Pilger und hörten ihm zu, wie am Dorfmarkt die Kinder und die Bauersleute offenen Mundes an den Lippen des hitzigsten welschen Feilbieters hängen. Marzo hatte das Fabuliertalent seiner Mutter, aber dazu eine wahrhaft bübische Keckheit und eine frische Glockenstimme voraus, vor allem aber einen unverwüstlichen, begnadeten Humor. Wie er Witze riß und gleich darauf in Taubeneinfalt die Blicke senkte und bat: »Verzeiht mir, ich bin ein Kind, meine Mutter da drüben schilt mich immer darob. – Ich weiß nicht, was ich schwatze.«

Aber unten am Stande der Padrona ward es leer und leerer. Sie konnte stundenlang warten, bis ein einziger Pilger ihr ein Votivtäfelchen für sechs Soldi abkaufte. Der Racker von Tedesco, einen Sold hatte er ihr noch abgefeilscht. Mit verzehrendem Neid sah sie ihren Marzo drüben mitten im schönsten Handel, wie er seinen blauschwarzen hübschen Schädel neigte und hob, und sein Glück fraß ihr wie ein Geier am Herzen. Sie ging nach Neuigkeiten aus und fragte die Pilger, was man etwa in Rimini beim San Nicolo oder in Siena bei Sante Caterina oder in den Katakomben für frische heilige Saisonstücke sehe. Aber sie war schon zu alt zu einem Wettlauf mit dem Jungen. Marzo kam ihr überall zuvor. Er legte die Ölfläschchen von Oliveto und die heiligen Blätter vom Baume des Zöllners drei Wochen vor ihr auf. Ja, er erfand eigene, prächtige Sachen, zum Beispiel ein Lorbeerblatt, aus dem Garten seines Oheims, des Canonico, geholt und mit dem kleinen herrlichen Kirchengebet zum Santo bedruckt. Oder ein Nastuch, worauf man Franz gegen die ruchlosen Sarazenen ausziehen sah. Und er verfehlte nie zu sagen, daß man aufpassen und sich nur in die Gruppe der Muhamedaner hinein, keinesfalls in die erlauchte Schar der Bettelmönche schneuze. Als nun ein garstiges Kerlchen von Spoleto extra und aus Quälerei ins verbotene Revier sudelte, da bekam er einen Schnupfen und ein Niesen, daß es ihn hoch in die Lüfte schnellte. Mit drei Fingern könnt' er's beschwören, versicherte Marzo jedesmal.

Bald darauf heiratete der vorbestimmte Canonico und Bischof von Assisi eine brave, tüchtige Giulietta, und nun hörte auch die abendliche Freundschaft der zwei Gegner daheim auf, da das junge Paar ein eigenes Haus bezog. Von nun an kannte Agnese weder Marzo noch Giulietta mehr. – Pensionäre baten die Matrone, doch den Kram aufzugeben und nur noch ihrer Pension zu leben. Sie wäre ja nun wohlhabend genug und brauchte solchen Verdruß an der Bude nicht mehr. Agnese probierte es. Aber schon am ersten Tag war ihr nirgends wohl, als sie die Front von San Francesco und die auf- und absteigenden Pilger nicht mehr sah und das viele Gebimmel in der Luft ringsum nicht mehr hörte und ihre tausend Sächelchen nicht mehr ordnen und auslegen konnte. Am zweiten Tag überwand sie das Heimweh noch. Aber am dritten saß sie wieder an der Ecke und bot Gebetbücher und Rosenkränze feil.

Arme Agnese! Sie hatte nun sehr viel Zeit zur Betrachtung. Um das Ärgernis da drüben minder zu merken, fing sie an, statt mit frommen Pilgern, sich mit ihren Figürchen und Bildern zu unterhalten. Ganze Nachmittage konnte sie eine neue Serie Heiligenbilder studieren. Das hatte sie früher nie getan oder doch nur mit den rohen Augen des Krämertums. Jetzt forschte sie sich eingehend in die Gemälde hinein, las die Büchlein langsam durch und fühlte etwas wie Erleichterung und Festigkeit über sich kommen. Besonders traf sie das eine: wie Franz über allen Plunder der Welt lachte und froh und ledig aller Erde zwischen Stein und Staude ein geistlich Lied sang oder auch pfiff oder trillerte. Das muß doch köstlich gewesen sein. Und dann aber gar das: wie er selber kein Glück am Ladentisch hatte, Seide für Wolle und Wolle für Barchent verkaufte und tapfer betrogen ward und dafür zu guter Letzt vom Vater Prügel bekam und bittere Schelte, er sei kein Kaufmann, sondern ein Taugenichts und Tunichtgut, ein Vagant und Faulenzer. Solche Lesung tat Agnesen wohl. Ihre Ladenwaren und ihr Schicksal gewannen einen heiligen Zusammenhang mit dem ungeschickten Heiligen. Bald redete eine ungewohnte Innerlichkeit und Wärme aus ihr, wenn sie einem Pilger über ihre einzelnen Sachen Auskunft gab. Das Lügen verlor sich ganz von selbst. Es blieb ja doch genug Wunderbares bei allem. Sie drängte und drückte und feilschte nicht mehr, und es nahm sich großartig aus, wie sie ruhig und froh blieb, wenn nach siebenmaligem Betasten ihrer Kreuzlein aus ungedorntem Rosenholz so ein dürrer Engländer zuletzt sagte, es passe ihm nicht, und er zu Marzo hinüberstelzte. Danach fragte sie den Santo, ob sie's recht gemacht habe? Ob er gesehen habe, wie sie lachte, obwohl der Inglese sie zuerst ein wenig wurmte? Ob er also mit ihr zufrieden sei? Und es schien ihr, der Heilige nicke aus allen hundert Bildchen auf dem Tische ihr ein freundliches: »Si, si!« zu und öffne sogar ganz wenig den Mund und sage: »Bravissima, Agnese!« – Dann fing sie an, die ersten Verse seines Sonnenpsalmes zu buchstabieren und auswendig zu lernen, und ihr wurde warm und selig dabei.

Es ging nicht leicht und nicht hurtig, gewiß nicht, aber es ging. Die di Serla sind immer zähe Menschen gewesen. Im Guten und im Bösen. Wo sie sich einmal festgebohrt haben, lassen sie nicht mehr los, bis sie auf den Grund stoßen. Manches war noch lange äußerlich an Agnesens Andacht und Eingezogenheit. Ein Schimmerchen Scheinheiligkeit und Theater spielt mit. Aber dann sah sie wieder das Lächeln des Santo hundertfach vom Tisch aufleuchten: Corraggio, Agnese – avanti, avanti! Und dann studierte sie ihn noch inniger und sagte langsam die Sonnenverse her, soweit sie selbe wußte, und lernte wieder zwei neue dazu und wiederholte alles, mehr singend als sprechend, und fühlte sich dann immer inniger in den sorglosen Jubel der Hymne hineingerissen mit den Vögeln und Sternen und Engeln und lachte zuletzt auf allen Plunder der Erde ein feines, echtes Franziskuslächeln. Das Gesicht der Padrona gewann dabei eine hohe, stille Fröhlichkeit. Und ihre zurückeroberte sichere Ruhe und die klugen und frommen Erklärungen, was für ein Geist in diesen Waren stecke, dazu eine sehr liebliche, frauenhafte Zurückhaltung, die sie auch erst von San Francesco gelernt hatte, weiter das Friedliche: man möge sich doch nur ihre Sächelchen ansehen; darum brauche man doch nichts davon zu kaufen – das alles konnte unmöglich auf Jahr und Tag wirkungslos bleiben. Eine kleine einheimische Gemeinde wuchs um sie und vergrößerte sich täglich, zuerst ein paar Pfarrherren, dann ältliche, fromme Weiblein, dann lustige Kinder, dann das große Volk. In den Gasthöfen, wo die Fremden den Hotelier um Rat fragten, hieß es gern: Marzo habe wohl feine Dinge und sei ein kapitaler Kerl. Aber er schwindle ein bißchen. Agnese jedoch rede kein Wort zu viel, und doch könne sie zu jedem Buch und Bild und zu allein frommen Trödel eine kleine Predigt mitgeben.

Während es bei Marzo höchst geräuschvoll zuging wie auf dem vollen Markt, war um Agnese eine Luft wie Kirchenodem. Der junge Händler kleidete seinen schlanken Leib in bunte Tücher und sah darin wie ein Cavaliere so toll und prächtig aus. Die Padrona dagegen trug seit dem Tode des Canonico nur noch schwarze Röcke und einen feinen, durchsichtig schwarzen Schleier über dem Kopf, worunter ihr weißes Haar wie ein silberner Heiligenschein hervorglomm. Sie war im ganzen Leben nie so schön gewesen wie jetzt. Wie oft haben amerikanische Millionärsöhne und ungarische Gräflein sie sehr höflich gefragt, ob sie von ihr eine Momentaufnahme mit ihrem Kodak machen dürfen. Jeder fühlte, daß er hier fragen mußte. Sie lächelte dann und nickte ohne die kleinste Eitelkeit: »Le piace? – ebbene, eccomi!« Und sie hantierte weiter an ihrem Stand, genau wie vorher in göttlicher Ungezwungenheit, so daß es unvergleichlich liebe und wahre Bildchen von ihr gab. Bald sah man ihr schön verschleiertes Haupt und ihr abgeklärtes, lächelndes Gesicht in allen Papier- und Bücherläden ausgestellt. »La bella Vecchia!« forderte man einfach und bekam die Cartolina um gleiche zwei Soldi wie das Bild des Königs oder des Papstes oder Napoleons oder der reinen, schönen, wunderbaren Santa Chiara.

Eine Krämerin von so vielen Jahren Eckenstehen und Menschenzuspruch bekommt eine gewaltige Einsicht in die Leute. Agnese sah es den Gesichtern an, ob man von Napoli herauf oder aus Piemonte herunter komme, ein Francese oder ein Ollandese sei. Sogar die Inglesi wußte sie von den Americani zu unterscheiden. Nur den Deutschen und den Schweizer konnte sie nicht recht auseinanderhalten. Das heißt, den Prusso schon. Aber den Swaba einfach nicht. Basel, Stuttgart, München, Zürich, Karlsruhe, das schien ihr alles so beisammen zu liegen, wie Spello, Assisi, Perugia und Foligno.

»Die Schweizer reden langsamer«, erklärte ich ihr.

»Tutti? No, no!«entgegnete sie. Sie dachte vielleicht an eine Schar St.-Gallischer Pilger, die selbst vor ihrem frommen Stand noch von der nächsten Bezirksrichterwahl im Rheintal hin und her gestritten hatten.

Ihre Italiener aber kannte sie genau, ob einer ein Ingenieur oder ein Künstler, ein Arzt oder ein Jurist sei, ob er in Gesundheit herkomme und nur aus Neugier, oder mit einer Not oder in Zweifel und Kälte. Es kam vor, daß die gute Serla einem Pilger seinen mageren Acker zu Hause oder seinen schwierigen Martinizins ansah und ihm dann ein Bildchen oder Tonbildchen umsonst anbot. »Solamente un Paternoster per me! – In sotto!« bat sie. Für ein Vaterunser in Franzens Totengruft gab sie oft noch eine Münze zur Ware hinzu. Mit den Priestern im Kloster stand sie so gut wie Santa Chiara zu San Francesco. Die Mönche empfahlen ihren Pilgern immer, falls sie ein Andenken kaufen wollten, es bei der »bella Vecchia« zu holen. Da ruhe Segen auf jedem Fetzlein. Das junge, leichte Geschlecht huldigte wohl immer noch Marzo, weil er so schön und so witzig war. Aber die reiferen hielten sich durchaus an Agnese. Bald konnte man die bessere und zahlungsfähigere Hälfte zur Kundsame der Matrone zählen.

Um diese Zeit kam ich das zweite Mal nach Assisi. Jahre waren seit meinem ersten seligen Hiersein verflossen, und ich wußte nichts von dem Wandel der Dinge an der Prinzen- und Jakobstraße. Mit der alten Freudigkeit trank ich die Lieblichkeit der umbrischen Landschaft vom Stadtgarten aus, zwischen den zwei Ausgängen Porta Nuova und dem Kapuzinertor, in mich hinein. Dann trieb es mich durch die Stadt. Sei mir gegrüßt, alter Dom, ehrwürdiger, grauer Jahrtausendgreis! Und du auch, innige, aber leider viel zu nervös-melancholische Statue des Santo vom feinen Dupré! Was gäbe ich, wenn du innig sein könntest, ohne schwermütig und gefühlvoll, ohne nervös zu scheinen! Da ist schon der Minervatempel, wo jetzt die Madonna das Szepter schwingt. Nun erst noch durch Eidechsen und silberdürres Unkraut zur Rocca hinauf, von wo die Stadt wie ein Bienenwaben aussieht, und dann hinunter nach dem Kloster. Die Padrona grüßen und immerhin doch einen Franz von Dupré, den vielbewunderten Meister, kaufen.

Doch Agnese wies mich nach einem mütterlichen Willkomm zum andern Stand hinüber.

»Dies Figürchen bekommen Sie drüben bei Marzo. Ich schaff's nicht mehr an. Ich versteh's doch nicht recht. 's ist mir zu neue Mode. Gehen Sie nur – gehen Sie doch!« winkte sie, als ich zögerte. »Wir sind gute Freunde!« –

»Was hat es denn gekostet?« fragte sie dann, als ich ihr die kleine, wertlose Kopie vorhielt.

»Dodici soldi!«

»Und er ist und bleibt doch ein Lümmel!« brauste die Witwe auf. »Nehmen Sie diese Medaglia dazu!«

Sie hatte wacker gealtert, das merkte ich, als sie mir am Abend auf der Terrasse ihres alten, bequemen Hauses, das Gesicht mit dem ruhigen Schleier gegen Perugia und das schönste umbrische Abendrot gewandt, mit wenigen Worten sagte, daß sie nun doch das Geschäft aufgeben und feiern wolle. Noch bis zum Kirchenfest bleibe sie. Da kommen so viele alte Kunden, die sie noch einmal sehen und denen sie ein Andenken geben will. Dann möge Marzo einen anderen Konkurrenten haben. Oh, er wird sehen! – Wenn die eigene Mutter nicht mehr an der Via del Principe sitzt –, sondern nur Krämer, nur Krämer! Ahi, er wird Augen machen!

Und sie pfiff leise zwischen ihren großen, gesunden Zähnen. Dann kreuzte sie die Arme über ihre breite, runde Büste und rief schelmisch:

»Marzellino!«

Und da sprang augenblicklich ein kleiner, vielleicht sechs Jahre zählender Marzo vom Geländer zu ihr. Ihr Enkelbüblein! Ein wahrer Prinz, so fein und übermütig. Das ganze, bleiche Gesicht war vom dichten, blauschwarzen Kopfhaar überschattet. Er weilt fast immer bei der Großmutter. Zu Hause ist man sogar gegen das erste Kind schon geizig. Aber reich wird man.

»Kerlchen, sag einmal dem Herrn da, wie du heißest! «

»Marzellino – di Serla!« sagte der Knirps sehr hell und klingend. Es war die Stimme seines hübschen melodischen Vaters an der Bude. So sagt der Vater im gleichen auf und nieder schwebenden singenden Ton: »Una lira – e mezza!«

»So, gut! Und was willst du denn werden?«examinierte Agnese weiter.

Mit früher, köstlicher Schlauheit schlug der Kleine die großen, schwarzen Augen gen Himmel auf und erwiderte:»Prete – allora canonico – allora vescovo!«

Und dann hörte ich:»Una lira – sedici lire – sessanta lire!«

»Bravissimo! – Seht, Signore, das gibt nun einen richtigen Pfarrer!«

»Aber jetzt gib mir etwas«, bettelte der Kleine und griff flink in die Tasche der Matrone. Mit seinen zappeligen, weichen, zum Geldzählen wie geschaffenen Händchen krümelte er in den untersten Zipfel hinunter, und seine Augen lachten vor Vergnügen, als er gleich eine Münze erhaschte. Er zog sie nicht aus dem Sack, sondern hielt sie nur fest und fragte: »Darf ich das behalten, Nonna, was ich in der Hand habe?«

»Ja, wenn du weißt, wieviel es ist! Aber nicht anschauen!«

»Mezza lira«, sagte Marzellino sofort.

Wahrhaft, es war so. Der Halbfränkler ist leicht mit dem Quatrino zu verwechseln. Aber beim ersten Tasten erriet der Junge das Stück.

»Das ist eine Kunst!« sagte Agnese stolz zu mir. »Nun geh zu Bett, Kleiner, und vergiß mir nicht das Gebetlein: O Gott, der du gesagt hast... die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige... sende...!«

»Si, si, si!«lachte Marzellino und trollte sich ins Haus. Und während der Schlingel die Preghiera aus Gewohnheit ohne Sinn herunterschnabelte, drückte er den Halbfränkler wohl zwanzigmal an die Lippen und lispelte andächtig: »Una lira, due lire, cento lire!«

O Padrona Agnese di Serla, laß alle violetten Hoffnungen fahren. Komm und hör' einmal, was dein zukünftiger Bischof für ein seltsames Brevier betet!


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