Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Sibilla Pagni und Taddeo Amente

Hoch oben in Pigni, halb einem Ziegen-, halb einem Menschennest, prahlten die Leute an einem Feierabend mir, dem Fremdling, vor, wie sie alles besser hätten als die Menschen in der Tiefe: Wir haben Milch genug und süßes Wasser und Käse und Wein und weiche Kleider aus Pelz. Wir leben ohne Tränen und sterben ohne Krankheit, und wir schlafen viel und gut. So gut, wie wir, kann niemand schlafen.

»Aber, liebe Leute«, fragte ich, »könnt ihr auch lieben?«

»Eh, Signore, du kommst uns recht. Weißt du nichts von Sibilla Pagni?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Und von Taddeo Amente?«

»Nein, Freunde!«

»Dann weißt du nichts von Amore!«

Und nun erzählt man, bald mit einer, bald mit drei und vier Stimmen zusammen, in einem Abruzzendorf ohne Uhren, Schulbücher und ohne ganze Hosensäcke, unter einer offenen Steintüre, bei einem Topf Wein, eine Geschichte junger, liebender Leute, die viel zu schön ist, als daß ich daraus eine korrekte deutsche Novelle spinnen könnte. Webe dir sie selber aus! Ich reiche dir nur den Faden, wie die Abruzzenleute ihn mir gesponnen haben:

 
Dall’ Amore

Das dunkle Mädchen Sibilla Pagni liebte den weißflockigen Taddeo Amente schon von klein auf. Die Pagni haben zehn Schafe und zehn Ziegen. Aber Taddeos Vater hat nur zwei Schafe und zwei Ziegen.

Da gibt es keine Heirat, sagt der alte Pagni. Und so ist es in diesen Dörfern. Man kann nur mit gleich viel Schafen und gleich viel Ziegen heiraten. Wer aber noch Esel und Rinder hat, der heiratet keine Schafe und keine Ziegen. Das wäre ja zum Lachen.

Aber Sibilla rechnete gar nicht mit den Tieren. Ihr galt nur der schöne Mensch Taddeo Amente. Sie ließ ihn nicht los. Nur für ihn hatte sie Augen und Gebete und sang zu keinem Lied, wo er nicht mitsang, und trank aus keinem Napf, wo er nicht vorher mit seinen frostigen Lippen getrunken hatte. Sie war rotwangig und rund und saftig anzusehen wie eine der vollen roten Nelken im Pfarrgarten. Er aber war bleich und schlank und still und rauh wie eine der Steinnelken droben am Pratimonte. Nie sagte er ihr ein warmes Wort. Er mied sie und verzog den Mund, wenn sie neben ihm saß.

Da mußte sie ihn nach und nach fürchten. Aber sie liebte ihn darum nur noch mehr.

Wenn er seinen Bock und seine Geiß zum Bache trieb, hatte sie früher auch ihre fünf Paare zur gleichen Tränke geführt. Da sagte er einmal mit unaussprechlichem Hohn in seiner harten, kühlen Larve: »Schau, das reicht gerade für fünf Hochzeiten und kein Fetzlein mehr. Addio!« Und er lief unter Geißelknallen mit seinem Vieh an eine andere Wasserstelle.

Da nahm Sibilla am folgenden Tage nur die zwei magersten Ziegen an den Bach und wartete mit klopfendem Herzen, was er ihr nun Gutes sagen werde. Taddeo aber kniff die sonnendürren Lippen noch giftiger zusammen und meinte: »Sind schon so viele Schätzchen zusammengekoppelt?«

»... Nein«, rief hier ein Bube in die Erzählung, »nein, Taddeo sagte: zusammengekuppelt! Das ist böser...«

»... Zusammengekuppelt, ja!« bestätigte es im Chor. Das tönt viel schlimmer. Aber weiter, weiter mit der Geschichte!

Nun ja, das sagte Taddeo, und von nun an nahm er seinen kleinen Halbbruder Felice mit ans Wasser.

Jedoch wenn die Töchter und Jünglinge im Mai in die obersten Bergweiden zogen, dann konnte es nicht fehlen, daß Sibilla und Taddeo oft zusammentrafen. Und einmal, als im Reihen viel Prächtiges gesungen und dazu ein heftiger Wein getrunken worden war, lief die Jungfer... ich weiß nicht vor Elend oder in einem kleinen Räuschlein.... dem alten Knaben nach und kniete vor ihn und sagte wie kleines Kind: »Taddeo, ich kann nicht leben ohne dich. Lieb' mich doch auch ein bißchen.«

Darauf fragte er frostig: »Dummes Ding, wie heiß' ich denn, sag'!«

»Amente«, erwiderte sie einfältig.

»Siehst du, Gänslein, das heißt, ich habe keinen Sinn für solche Narrheit, ich fühle nichts. Amente!... So heiß' ich, so bleib' ich! Addio!«

Und er schlenkerte mit den mageren Beinen bergauf zu den Gespanen zurück.

Aber er ging auch mit keinem andern Mädchen. Von jenem Kniefall an traf man ihn nie mehr unterwegs ohne den kleinen Felice neben sich. Sonst saß er daheim bei seiner alten Großmutter Zura und besserte am wackeligen Häusel herum.

Nun traf es sich anfangs Juni, als man das Vieh in den obersten steinigen Triften grasen ließ, bevor die Sonne alles verbrannte, daß ein ungewohnt langer Regen in die Täler goß. Wochenlang. Es ward so kalt auf den Höhen wie im Christmonat. Man trieb das Vieh wieder Schritt für Schritt ins Dorf hinunter.

Taddeo, immer blank und frisch wie ein Eiszapfen, fror noch lange nicht. Er blieb. Seine Tiere würden so allein da oben ein wahres Festfressen haben. Da wartete und wartete auch Sibilla mit ihrer Herde und ließ alle Hirtenschaft voraus, um mit Taddeo allein hinunterzugehen. Wenn er im ganzen Heimweg auch keine Silbe redete und immer auf die andere Seite blickte, einerlei, einerlei! Wenn sie nur mitgehen und hier und da einmal seinen schönen, flinken Schatten streifen durfte.

Sie hütete etwas tiefer unten, an einem Durchpaß, wo Taddeo durchaus vorbeiziehen mußte.

»Warum liebst du den Bub so blind?« fragte die letzte talabsteigende Hirtin das Mädchen mitleidig.

»Nicht blind, sag' das nicht! Ich lieb' ihn, weil ich ihn so gut sehe.«

»Du bist verhext!«

»Kann sein, Maddalena, kann sein. Mit Milch verhext! Willst du wissen wie?«

»Sag'! Das wundert mich.«

»Taddeo und ich sind am gleichen Tag geboren.«

»Das sind noch viele.«

»Aber seine Mutter ist an der Geburt gestorben. Und meine Mutter war krank und schwach. Da trug man uns zur dicken Linda, der Amme. Und die ließ zuerst Taddeo und dann mich trinken. Er immer zuerst, weil er so dünn war; ich immer zuletzt, weil ich schon rote Backen hatte.«

»Ja, ja, davon wird es rühren. Aber dann soll er dich doch auch lieben. Die gleiche Milch, Sibillchen!«

»Oh, er liebt mich. Er zeigt es nur nicht. Er ist viel zu stolz!«

»Närrchen...«

»Nein, ich weiß es. Laß mich allein. Du sollst nicht lachen. Du wärest froh, wenn du Sibilla Pagni wärest.«

»Wie kann man so groß und so dumm sein«, schrie die andere fast zornig. »Jetzt weiß ich, du bist verrückt.«

Sie lief hinunter, um den andern vom tollen Glauben Sibillas zu erzählen. Und die Hirtin da oben wird einsam. Sie wartet und bohrt die großen, schwarzen Augen in den Nebel hinauf, woher er kommen mußte.

Endlich tauchte etwas aus dem großen Rauch, aber ward je näher, je kleiner. Es war Felice, der allein aus dem Nebel abstieg. Nur drei Tiere folgten ihm.

»Wo bleibt Taddeo?«fragte sie scheu.

»Wir haben den Widder verloren. Er verfriert oben, so kalt ist's.« Dem Bübel dampfte bei jedem Wort der Atem zwischen den blauen Lippen hervor, dem Jüngferchen ins Gesicht. 's ist sein Bruder, dachte sie und sog ihn glücklich ein.

»Ich will ihm helfen suchen«, sagte Sibilla fast im Tone des Bettelns. Denn schon zog auch das Brüderchen eine krause Stirne, genau wie Taddeo, schüttelte den schafgelben Schopf und sprach, indem er sie mit den zwei blitzend blauen, kalten Augen kaum streifte: »Du, das macht Taddeo schon allein!«

»Sag', was du willst«, schrie ihm das Mädchen in den Nebel nach, »aber ich helf' ihm. Es wird ja Nacht. Weiß Gott, ob es nicht zu schneien kommt!«

Sofort lief sie hinauf, nachdem sie noch ihre Herde unter einen Felsen geschirmt und warm zusammengekoppelt hatte. Sie lief von einer wilden Höhe in die andere, noch wildere, vom Nebel fast blind, während der Wind ihr das Haar in wilden Schlangen auseinanderriß. Zuweilen stand sie still und horchte. Aber sie wagte nicht zu rufen, weil sie fürchtete, wenn er sie höre, verberge er sich geflissentlich.

Höher und höher stieg sie. Schon lange war das letzte Hirtenhorn der zu Tal Ziehenden aus der Tiefe verstummt. Ringsum lag Nacht und Bergbrausen. Bissige Hagelkörner schossen herum.

Endlich ließ der Sturm ein bißchen nach, und es fing an, in dichtern Flocken zu schneien. Wie Tücher wehten sie nieder.

Da vernahm Sibilla nun auch ganz nahe das Trappeln eines Tieres. Es war der verlorene Schafbock. Aber Taddeo sah man nirgends. Jetzt rief sie gewaltig: »Taddeo, Taddeo! Ich habe deinen Bock gefunden. Ich halt ihn fest, komm!«

Sogleich hörte sie ganz nah und trocken irgendwo vom Boden heraufsagen: »Ich kann jetzt nicht aufstehen. Tu' mir den Widder heim! Das ist das Gescheiteste!«

Aber das Jüngferchen tastet im Dunkel der Stimme nach, bis sie Taddeo neben einem Steinblock findet. Er ist darüber gestürzt und muß etwas gebrochen haben. Denn er hat es vielmal versucht, aber kann einfach nicht aufstehen.

»Laß mich liegen, ich liege ganz bequem«, befiehlt er stolz. »Führ' du nur den Bock heim, wenn du so nützlich sein willst. Du kannst auch dem Onkel Simone sagen, daß man mich morgen holen soll!«

Nach einem Weilchen fügte er bei und stotterte ein wenig: »Ich danke dir dafür!«

»Laß mich bei dir wachen?« flehte sie.

»Ich brauche niemand, mach' dich weg!«

Da gehorchte sie und packt den Widder am Halsband. Aber vorher nimmt sie ihr Fell und ihre Decke von der Achsel und wickelt den völlig machtlosen Jüngling darin ein, wie grimmig er auch zürnt und schimpft. Unter den blonden Kopf legt sie ihm ihr Haarmützchen und ihre Überjacke. So macht sie ihm ein kleines Nest in der steinigen Bettstatt. Halb entkleidet springt sie mit dem Tier davon.

Aber schon nach zehn Schritten muß sie abstehen. Es ist unmöglich, eine Richtung nach Ost oder Süd zu finden. Die Nacht und der Nebel und das graue Geflock weben eine undurchdringliche Finsternis.

Taddeo begreift das.

Ein paar Stunden hockt sie neben ihm in der Nässe und durchdringenden Kälte. Es schneit immer dichter. All der Nebel scheint sich in Schnee aufzulösen. Ganze Schwaden fallen nieder.

Taddeo redet kein Wort. Stundenlang hört er ihr Atmen kaum. Sie rührt kein Glied. Diese Hexe, diese heillose, himmlische Hexe! Wird man ihr nicht Meister? Er liebt und haßt sie. Endlich, da sie ihm die Flocken abwischt und die Felle enger wickelt, flüstert er: »Hast du mich denn so gern?«

Sie will etwas antworten. Aber es würgt sie zu sehr am Hals.

Es schneit und schneit unaufhaltsam. Wohin man langt, ist nichts als Schnee. Trotz Decken und Jacke friert Taddeo. Die Schmerzen im Rücken bohren wie Schrauben. Er fiebert. Seltsame, verdrückte Silben stößt er aus.

Da stützt sie sich mit beiden Armen über ihn, wie ein Hausdach, so daß kein Schnee mehr über ihn fallen kann. Alles, was danieder flockt, nimmt sie mit Kopf und Rücken auf. Naß ist sie bis auf die Haut. Aber sie fühlt keine Kälte. Sie liebt ja.

Taddeo klappert mit den Zähnen. Er redet irre, ruft erbärmlich die heiligsten Namen, Iddio, Madonna und dann... auch Sibilla.

Da, halb in Todesangst um ihn, halb in eigener Gliederschwäche, sinkt sie über Taddeo hin. Sanft und barmherzig wie ein warmer Mantel legt sie sich über den Jüngling. Von jetzt an ist er still, wie wenn er schliefe.

Sie deckt ihn, wie eine Schwester den Bruder in der Not deckte. Nach Mitternacht hört das Schneien auf. Der Himmel schaut eiskalt mit glitzerigen Sternenaugen auf das merkwürdige Paar herab. Der Schnee wird hart. Sibilla fühlt ihre Ärmel, ihren Rücken steif werden. Einerlei, ganz einerlei! Sie merkt, wie sie nach und nach starr wird, wie ein Holz oder ein Eiszapfen. Einerlei, ganz einerlei! Sie weiß nicht mehr, wo ihre Füße sind. Aber sie hat immer noch Wärme genug, ihm das kalte Gesicht anzuhauchen und zu wärmen.

Sie fühlt seinen schnellen, kurzen Atem, sie riecht seinen jungen Mund. Sie könnte ihn jetzt küssen. Tausendmal hat sie davon geträumt. Jetzt wäre es erfüllt, wenn sie die Lippen nur leise neigte. Er hätte es vielleicht gern. Aber nein! Diese Nacht ist sie nur Schwester, nur Mutter, nichts anderes. Soll sie seine Braut sein, dann morgen, wenn er gesund und wach und stark ist. Aber er muß es zuerst sagen.

Taddeo scheint zu träumen. Er lispelt etwas durcheinander, bald von dem Widder, bald von Bruder Felice und von der Nona, bald ruft er die Schäferhunde, bald die Hirten an, daß sie sich doch ein wenig sputen. Plötzlich sieht er mit den dunkelblauen Augen zu Sibilla auf, als sei er wach und klar und mild geworden und bittet mit der Stimme eines Kindes: »Wenn du mich also so gern hast, Mädchen, so gib mir jetzt deinen Mund, daß ich dir danken kann.«

Sie gewährt es ihm nicht. Jetzt ist sie stolz. Aber, was sie kann, tut sie. Er fühlt ihren Atem unterm Kopf, ihre Hand an seiner Wange, ihre Seite an seiner Seite. Und die Sterne scheinen ihm plötzlich zu lachen und die Winde in der eisklaren Luft wie Harfen zu klingen, und indem er lallend wiederholt: »Ich will dir ja nur danken... danken...« schläft er ein.

So finden ihn mit Laternen und Hunden die Hirten. Sein spröden Gesicht ist wie in Tau aufgelöst, weich und gütig. Er schläft noch.

Und sorglich deckt ihn die starre, in Eiskrusten wie in einem Silbergewand leuchtende Sibilla. Auch sie schläft. Sie sieht aus wie eine schneeweiße Henne, die über ihrem Kücklein das Gefieder verspreizt und im Schlafe noch sich sorgt und kümmert, daß es keine Blöße leidet.

Man trägt die beiden heim, und da erweist es sich, daß Taddeo in wenigen Tagen wieder gesund und behend herumwandelt wie zuvor. Ja, er ist eher noch schlanker und schöner geworden. Aber Sibillas Füße sind erfroren und ihre hübschen Händchen sind steif. Sie kann zeitlebens keinen Schritt mehr gehen. Ihr Gesicht ward wieder rot und duftig wie eine Nelke im Pfarrgarten. Aber ihre Finger bleiben verschrumpft und ihre zierlichen Zehen bleiben verbogen wie Wurzeln.

Alle Schafe und Ziegen bis auf zwei mußte Vater Pagni verkaufen, weil Sibilla in die Stadt zum Doktor mußte. Vielleicht konnte man ihre Glieder noch retten. Zuerst verkaufte er nur zwei Paare und war immer noch sehr stolz gegen Taddeo Amente. Aber der Doktor vermochte nichts mit der ersten Kur und versuchte eine zweite Methode, und da hieß es wieder zwei Paare verkaufen. Nun ward der Pagni bescheidener und nahm Taddeos Gruß ab. Zum dritten probierte der Doktor es mit Magnetismus, und das kostete wieder zwei Paare. Nun grüßte Pagni den Burschen Amente zuerst auf der Gasse. Beim Dampf- und Schwitzsystem, das Dottore Marchi als letztes anwandte, kamen noch zwei Ziegen und Schafe aus dem Stall. Jetzt ging der Vater nach dem Aveläuten zur Nonna Zura Amente hinüber und sagte: »Frau, Taddeo sollte eigentlich meine Tochter heiraten oder mir als Knecht dienen. Das ist er uns schuldig.«

»Sag' es ihm selber!«wehrte die Greisin ab.

Aber dem jungen, wortlosen, bleichen Menschen wagte er kein Wort zu sagen. Und als Sibilla von der weisen Arzneistadt in der Ebene zurückkam, ein Blumengesichtlein in einem Haufen Verkrüppelung, da brachte er erst recht kein Wort von Heirat mehr hervor. Nein, solche Menschen sollen nicht heiraten.

Nach zwölf Wochen wird Sibilla das erstemal in einem zweirädrigen Wägelchen in die Kirche gerollt. Es ist Sankt-Anna-Fest. Hier sehen sich seit der so bittern Nacht die zwei Leutchen Taddeo und Sibilla zum erstenmal wieder.

Der Pfarrer hat eine tapfere Predigt gehalten und die Messe gesungen und das Weihwasser gesprengt und beim letzten Schwung des Wedels gesagt: »So gehet hin im Frieden!«

Da stellt sich Taddeo vor ihn mitten in den Gang, wird schlanker und bleicher und zugleich gewaltiger als der Sankt Michael auf dem Altar und ruft: »Don Paolo Brusa, verkündet Sibilla Pagni und mich, Taddeo Amente, als Hochzeiter!«

Steif und ungläubig glotzt alles Volk den Jungen und das Krüppelchen an und kann sich nicht fassen.

Sibilla deckt das Gesicht mit den dürren, krummen Fingern und schreit wie ein kleines Kind: »Ich will nicht, ich will nicht. Ich bin ein Krüppel. Taddeo ist schön wie ein Engel und muß auch eine schöne Frau haben!«

»Aber ich will«, sagte Taddeo mit unwiderstehlicher Stimme. Mit einem Ruck hebt er Sibilla auf die Arme, leicht, als hebe er ein Vögelchen aus dem Nest.

»Nimm Lucia Bonati«, piept das Vögelchen, »sie ist jung und schön und gesund und blickt dir nach, wo du stehst und gehst.«

Ihr ist es bitter ernst. Sie stemmt und sträubt sich und bittet und weint. Und die Bonati springt hurtig aus den Bänken, die Augen voll Liebeshunger, und schreit: »Da bin ich! Da bin ich!«

Aber Taddeo stößt sie verächtlich mit dem Ellbogen von sich und legt dafür sein lahmes Vögelchen vor den Altar nieder, zu Füßen des Pfarrers, und kniet daneben, aber hält Sibilla mit den Armen gerade so, wie sie ihn einst gestützt und gedeckt hat.

»Hast du ein Gelübde getan?« fragt Don Paolo mitleidig. »Dann sag' ich dir, Taddeo, daß selbst ein Eid dich nicht mehr bindet. Denn du hast der gesunden Sibilla, nicht dieser siechen zugeschworen.«

Aber Taddeo schüttelt den Kopf. Dann beugt er sich zum herrlichen Duldergesichtlein nieder, küßt es vor allen Kirchenleuten und vor dem Pfarrer und der Madonna kräftig auf den Mund und gebietet: »Pfarrer, gebt uns zusammen! Ich will es so, punktum. Ich liebe sie.«

»Aber, aber...« stotterte Don Paolo noch immer und zeigt auf die krummen Glieder der Jungfer.

»O das tut nichts! Ich habe Hände und Füße für uns beide!«

»Das ist wahr«, gesteht der Pfarrer mit einem bewundernden Blick auf den großmächtigen Jüngling.

»Und sie hat dafür ein Herz für Hunderte, so stark.«

»Auch das ist wahr«, bekannte der Priester, indem er Sibilla musterte und sich vorstellte, wie dieses kleine Geschöpf so eine große Tat droben auf Pratimonte vollbracht hatte.

»Ja, es ist wahr«, scholl es vielstimmig durchs ganze Schiff hinunter. »Sie hat ein Herz für Zwei, für Hunderte, für Tausende. Sie hat ein Herz fürs ganze Dorf.«

Und so wurde es denn Wahrheit: seine Hände und Füße und ihr Herz zusammen schlossen eine prächtige Ehe.

Auf dem Heimweg soll Sibilla gefragt haben: »Taddeo, sag' mir jetzt auf Ehre und Seligkeit, hast du mich geheiratet per Amore oder per Misericordia?«

»Per Amore«, antwortete er sogleich und fuhr piano, piano mit dem Wägelchen über das elende Gäßchenpflaster.

»Warum hast du mich denn nicht schon früher geliebt? Wo ich noch so viel schöner war?«

»Ach du«, lachte er, »damals hattest du zu viele Ziegen und Schafe, fünfmal zu viel!« So spaßte er noch.

Und es gab große, flinke, wetterharte Kinder aus dieser sonderbaren Ehe.

»Herr, morgen ist Sonntag. Wenn Ihr um acht Uhr daher steht, könnt Ihr sie beide sehen. Drei Buben und der Vater gehen mit dem Wägelchen. Morgen wird Tito den Karren stoßen. Die Reihe ist an ihm. Und er läßt keinen andern vor.«

*

»Und nun, Herr, wißt Ihr, ob wir lieben können. Hat Euch die Geschichte gefallen? Gut, so erzählt uns jetzt auch eine!«

»Ich weiß keine«, sagte ich demütig ganz leise, und schwieg. –


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