Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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»Die ganze Stadt weiss, dass mein Bruder und Nepote als Briganten festgenommen und in die Burg geworfen worden sind. Ich habe es sogleich und ungescheut laut werden lassen.«

»Aus Eitelkeit?«

Sixtus sah auf die Seite, wo er sich immer einen Doppelgänger in schwarzer Bettlerkutte vorstellte, den Mönch Sixtus, der dem Papst Sixtus ins Gewissen redete. Dieser arme, geringe Sixtus hatte soeben gesprochen.

»Nein, Frater reverende, nicht aus Eitelkeit, glaub' ich, sondern aus weiser Vorsicht, um mich vor aller Welt zu binden und gegen meine eigene Schnödigkeit zu sichern, wenn ich über unsere Familie den Stab brechen muss. Dass ich unparteilich sein kann, darum!«

Damit trat er dem ältern Helibuben mit der ganzen Sohle seines breiten Bauernfusses auf den Kopf.

»Die Gesandten werden es nach Wien und Paris und Madrid berichten, und gross wird der Respekt in der hohen und niedern Christenheit sein, wenn es heisst: weil der Bruder Sesto ein Räuber war, hat der Bruder Sisto ihn wie irgendeinen andern Schuldigen köpfen lassen. Es waltet noch, so wird es wie ein Lied klingen, auf dieser bestechlichen Erde wenigstens ein unbestechlicher Richter. Das heidnische Rom hatte einen Brutus, hier ist der christliche Brutus! Die Bücher der Geschichte werden betitelt: Petrus der Apostel ... Gregor der Eiferer ... Innozenz der Glorreiche ... Julius der Soldat ... Pius der Heilige ... aber dann ... aber dann ... Sixtus der Gerechte!«

»Der harte, der herzlose!« lispelte es nebenan.

Der Papst besah sich stirnrunzelnd den Einwand.

»Es ist wahr, concedo, ich fühlte bisher nichts für die zwei Verwandten. Ich kenne sie nicht, weiss nicht einmal, wie sie aussehen. Ihr Tod kostet mich keine Träne. Habe ich Brutus gesagt, christlicher Brutus? Das war falsch. Brutus hat fast seine Seele aufgegeben, als er das Schuldig über seinen Sohn verhing. Ich kann es kalt tun. Diese Gerechtigkeit ist kein Heldenstück. So weit, frommer Bruder, hast du recht.«

Diesmal ging er an den Söhnen Helis vorbei. Er wusste selbst nicht wieso. Aber dem gottvollen Mahner Samuel wich er mit einer respektvollen Schleife schon von weitem aus.

»Jedoch, ob kalt oder warm, das wiegt hier nicht mit. Hier gilt nur die lieb– und leidlose Sache,« beruhigte sich der Papst. »Nur die heilige Sache!«

»Und doch auch, Heiligkeit, deine minder heilige Person,« kam es zurück.

»Warte, warte, du bist zu hart; ja, parteiisch gegen mich. Das leugne ich ja nicht, wenn mein Gericht zu den Thronen und Pulten dringt, macht es mich berühmter, als wenn ich die alte Elisabeth bekehrte oder den Sultan am goldenen Horn taufte.«

»Heiligkeit, wozu dieses Berühmtsein?«

»Es nützt, es nützt. Du kannst das nicht verstehen, du bist ein weltverkapselter Zellenmensch. Ständest du aber oben auf meinem windumbrausten Petrusgipfel, die Kirche in der einen und meinen Staat in der anderen Hand, du würdest anders reden. Dieses Todesurteil wird mich furchtbar machen weitum im Lande. Und furchtbar muss man heute sein, will man der Welt Gutes erweisen. Kein König wird ein Privileg mehr fordern, wenn ich ans eigene Blut keines gehen lasse. Das Volk aber wird sagen: So haben wir es erwartet. Er ist gerecht. Er haut die eigene Hand ab, wenn sie ihn ärgert ... Ich aber füge bei: Nun wohl, so reiniget auch euch jetzt, ihr Millionen Hände, die ihr so viel Ärgernis in die Welt schafft; ihr Vagabunden im Gebirge, ihr Strassenräuber, ihr Schmäher und Schimpfer der Obrigkeit! Aber auch ihr, Volkspresser und Brandschatzer, reiniget eure Hände! ihr beschnittenen und unbeschnittenen Nörgeler der Religion, du, Elisabeth von England, und ihr, rauhe Wasa in Schweden, du, Barbar Iwan zu Moskau, du, Türk an der Donau, aber auch du, schlauer Graubart zu Paris! Reiniget euere Hände, ihr Sünder alle, der Richter naht und haut sie ab und wirft sie wie faules Holz ins Feuer, so wahr er sein eigenes Glied nicht geschont hat ... still, rede nicht weiter, Sixtus Mönch! Du bist ein Heiliger, aber kein Politiker. Ich muss beides sein.«

Und indem er das in seinen langen weissen Bart schüttelte, ward sein Mut wieder hoch. Er schritt wie ein König über die biblischen Schlingel weg und trat mit einem letzten, wuchtigen Schritt dem ohnehin zerschmetterten Heli ins Genick. Dann schellte er laut.

»Zucco, trag den Brief sogleich zum Kommandanten auf die Engelsburg!«

»Also doch noch der alte Pontifex«, murmelte der Kammerherr im Ausgang.

Aber Sixtus hatte heute einen guten, wahrhaft fürstlichen Tag. Von Österreich gingen günstige Berichte über die Operationen gegen den Muselmann ein. Auch predigte Canisius im Stefansdom bei gewaltigem Zulauf und grosser geistlicher Erbauung. Wenn er mit dem Rufe Jesus schliesse, sei es, als lohe ein überirdisch Feuer aus ihm. Aus Indien und China gingen Briefe von den Patres Ricci und Nobili ein, worin sogar von der Taufe mehrerer Prinzen die Rede war. Und in der Hugenottenstadt La Rochelle war ein anderer Jünger Lojolas zu Tode gemartert worden, ohne dass er aufgehört hätte, noch aus Feuer und Messern heraus den Namen Jesus zu singen.

»Immer die Ignazianer, immer dieselben!« rief Sixtus mit einer beinahe unwilligen Bewunderung. »Was ist doch das für eine kühne Miliz Christi! Tut nichts ohne Jesu, alles für Jesu! Mögen sie denn in Gottesnamen Jesuiten heissen!«

Nach diesem Entschluss, gegen den er sich monatelang gesträubt hatte, langten gegen Abend noch dreihundert neugeprägte Dukaten der Signoria von Venedig für den Schatz des heiligen Petrus an.

Als die Pagen nach dem Aveläuten unter Vorantritt Zuccos die kleine, einsame Mahlzeit auf silberner Platte wie immer hereintrugen, wies Sisto die Tafel zurück und sagte seltsam weich. »Zucco, ich möchte einen Minestrone rustico, so eine Winzersuppe, wie sie die Bauern um Ancona herum geniessen. Ich hab' sie als Bub dreimal im Tag bekommen und möchte sehen, ob sie auch dem Papst noch schmeckt. Es hat darin Mehl und Rosinen und Fenchel und viel Tomate und wird dick wie Leim gesotten, so dass der Löffel aufrecht darin stehen kann. Rüste mir das, und in einem Holznäpflein, dass alles stimmt!«

Die vornehmen Orsini– und Colonnabüblein, deren feine Schnäbel nur Taubenbraten und Pfirsichpasteten aus silbernen Tellern naschten, verzogen ihre zarten Schelmengesichter vor diesem barbarischen Speisezettel. Di Zucco aber verbeugte sich würdevoll und sagte zeremoniös: »Wie Euere Heiligkeit befehlen! Aber ein Holznapf dürfte im ganzen Vatikan nicht aufzutreiben sein.«

»Sind wir so arm!« spöttelte Sixtus mit einem feinen Lächeln. »Dann holt nur einen aus dem Franziskanerkonvent!«

Wie nun der Papst seinen Minestrone selig aus dem Holzteller löffelte, fiel der letzte flache Strahl auf den Obelisk mitten im Petersplatz. Noch nie war dem Heiligen Vater dieser ägyptische Stein so schön vorgekommen. Glich er nicht durchaus der Gerechtigkeit, so steil, so hart, so gerade und mit so goldener Spitze in den Himmel zielend?

Freilich im Hintergrund starrte die schwere, runde Masse der Engelsburg in den dunkelnden Himmel auf. Seit Wochen konnte Sixtus nicht ohne Bitterkeit dorthin blicken. Aber jetzt war auch das vorbei. Ruhig schaute er zur Festung. Alles wird ja nun gesühnt. Er hat seinen eigenen seelenklugen Beichtvater Zaccaria Mense hinübergesandt, dass er die beiden zum Sterben wohl vorbereite und ihnen hernach den päpstlichen Segen erteile. Auch muss er ihnen versichern, Seine Heiligkeit werde für die Witwe daheim und für die ganze, arme Gemeinde wie ein Vater sorgen.

Indessen schlagen nachts am Lateran, am Quirinal und auf der Engelsbrücke die Kanzlisten auf besondere Weisung des Papstes folgende Bekanntmachung an die Mauern:

»Wegen Raub und Totschlag sind auf obersten Entscheid zum Tod verurteilt und in der Frühe des Morgens, 20. September, enthauptet worden: Sesto und Poz'do Peretti, Bruder und Neffe Seiner Heiligkeit Sixtus V.«

Wenn die Römer das morgen lesen, ist das Beil schon zweimal gefallen. Einige wenige vielleicht, die den Kanzlisten im Dunkel neugierig gefolgt sind, lesen den Spruch heute schon bei der Fackel und erzählen ihn daheim und haben eine schlechte, spukhafte Nacht und stecken beim Morgengrauen, wann das Eisen die zwei Köpfe mäht, ihren Hals schaudernd und fröstelnd ins warme Bett zurück, indem sie stottern: Herr, sei den armen Sündern gnädig!

Sisto, der Papst, räumt und schabt indessen gemächlich den Napf aus und liest von Zeit zu Zeit ein Blatt Salat dazu aus einem zweiten Holzgeschirr. Das gehört dazu. Es hat geschmeckt wie zu Kindeszeiten, und jeder Löffel voll hat einen Haufen alter Erinnerungen geweckt. Aber mit dem Minestrone hat er ihr Weichmütiges und mit dem Salat ihr Bitteres rasch hinuntergeschluckt und nur das Drollige und Herzhafte davon ein Weilchen gleichsam auf der Zunge behalten.

Wie Zucco abtischte, sagte der Papst: »Das will ich nun immer nachts so haben, in dem Geschirr da. Woher hast du aber auch gleich zwei so artige Näpflein bekommen? In der Zeit warst du doch nicht in San Francesco!«

Di Zucco entfärbte sich leicht und ein Angstschwindel trieb ihm alles Blut unters Haar hinauf. Aber seine Etikette war stärker als Schwindel und Tod. Mit einer präzisen Verneigung trat er einen Schritt zurück, stellte sich wieder im seideknarrenden Koller steif in die Höhe und sagte im reinsten römischen Kammerherrenstil:

»Euere Heiligkeit haben geruht, aus einem Napf, wie ihn die Gefangenen der Engelsburg gebrauchen, den anbefohlenen Minestrone rustico und den Salat dazu zu essen. Die Minoriten speisen jetzt, wo das Holz so rar und teuer ist, aus irdenen Töpfen.«

»Aus der Engelsburg?« wiederholte Sisto erschüttert. »Sag alles!«

»Es sind nur diese zwei Näpfe frei gewesen, von einem verurteilten Paar, Vater und Sohn ... die ... die ... kein Geschirr mehr brauchen.«

Di Zucco weiss genau, wer die beiden sind. Auch der Papst weiss es. Aus dem Schüsselchen des Bruders hat er den Minestrone, aus dem Näpflein Poz'dos den Salat gegessen. Da ist weiter nichts mehr zu sagen.

Sixtus winkte denn auch stillschweigend seinem Zucco, ihn allein zu lassen. Es litt ihn nicht, einen Zeugen seiner unbemeisterten Seele zu haben. Er langte zum Brevier und las den härtesten der Psalmen, seinen Liebling, den zweiundachtzigsten, der wie ein zorniger Wind aus der Bibel stürmt und den Papst schon oft tapfer gemacht hat. Er fühlt sich auch jetzt gekräftigt und wagt sich lesend in den nächsten Psalm vor. Aber der streckt seine weissen Hände nur zum Segnen aus und singt: Selig der Mann, der bei dir Hilfe sucht ... Welch' ein Spruch! gerade jetzt! ... Sixtus blieb bei diesem Vers fassungslos stecken.

5. Kapitel

Ohne Widerwort haben Sesto und Poz'do das Urteil verlesen hören. Morgens früh um fünf Uhr gilt es also! Achte hat es schon vom Turm geschlagen. Noch ein paar Stunden ist ihr Leben wert.

Dann haben sie den Priester Zaccaria Mense empfangen und laut und ungescheut voreinander und miteinander gebeichtet, Vater und Sohn. Dem Geistlichen ist so ein Beichten noch nie vorgekommen, so viel Roheit im Tun und so viel Einfalt im Denken, dieses grobe Räubertum und diese Feinheit, ihm ihr Bettkissen unter die Füsse zu schieben und mit nackten Knien auf dem kahlen Steinboden zu liegen, bis er sie absolviert hat. Morgen früh, sagte Zaccaria unter der Türe, würde er nochmals kommen. Eine Stunde vor ... er verschluckte das grimmige Wort, etwa um vier Uhr. Ob es so gefalle? Gut! Er wolle sie dann mit seinem Arm kräftig bis zum Leiterchen und mit seinem Gebet bis an die Himmelspforten geleiten. So habe der Papst es ihm auf die Seele gebunden. Nun möchten sie nicht weiter grübeln, sondern tüchtig schlafen. Alles sei ja nun geschlichtet.

Aber ans Schlafen mochten sie jetzt nicht denken. Nur noch sieben Stündlein dürfen sie leben. Gott! und die sollten sie noch verschlafen! Nein, wenn sie je im Leben wach waren, wollten sie es jetzt sein, wach wie nie, wach nicht wie zwei, wach wie zehntausend Wächter des Lebens. Keine Minute soll ihnen entgehen.

Sesto wundert sich über den Papst. Er hat der Witwe in Paritondo Geld für ein Haus und einen Acker und zwei Kühe und eine Stallmagd zugesagt. Sisto ist doch gut.

»Aber er hätte uns grüssen sollen,« betont Poz'do hartnäckig. »Er ist stolz. Er tut nicht wie Christus. Christus hat keinen Apostel zu den Sündern geschickt. Er ist selbst zu ihnen gegangen.«

»Sei still, Knab!« forderte Sesto. »Wir wollen nicht mehr an das, wir wollen ans Sterben denken, auf dass wir es morgen nicht fürchten, wenn wir das Beil und den Scharlachenen sehen.«

»Ich fürchte mich ja gar nicht!« erwiderte Poz'do und reckte seinen abgemagerten Leib und blähte die bleiche Spitzbubennase frech. »Es geht ja so schnell vorbei wie ein Schluck Wasser. Wir sagen einander Addio ... eins ... zwei ... drei ... und wir küssen uns schon im Paradies. Nicht wahr, Vater, so ist es! ... Aber wer soll zuerst gehen? Willst du, Vater?«

Sesto erbebte bei der Frage. In diesen vergitterten und verriegelten Wochen hat er seinem Vaterherzen die lebenslang verschlossenen Türen sperrangelweit geöffnet und seinen Poz'do wie ein Nesthöckerchen in sich aufgenommen und weich gebettet. Erst jetzt ward er Vater und liebte wie ein Vater. Nun könnte er sein Kind unmöglich sehen, wie es vor dem Block abkniet, den Hals blosslegt und sich den rotverstrubelten, tapfern Knabenkopf abschlagen lässt. Früher hätte er sich daraus eine Ehre gemacht, zuerst den Sohn wie einen Helden sterben zu sehen und dann dem Henker zu sagen: »Sieh', so sterben die Peretti. Fein hat dir's mein Sohn gezeigt. Nun pass auf, was der Vater kann!« ... Aber dieser Stolz ist vorbei. Sesto ist ein anderer geworden.

»Vater«, wiederholte der Jüngling, »willst du zuerst daran? Ich möchte lieber! Ich mache es dir vor. Du sollst dich freuen, wie ich gar nicht zittere, wie ich noch lache zum Tod.« Indem er das sagt, lacht er auch schon mit den harten, kieselsteinernen Augen. Schmeichlerisch kniet er zum Vater auf der Matratze und strählt ihm mit allen zehn Fingern den üppigen, verwilderten Zuchthausbart. »Gewiss, dabei bleibt es, ich sterbe zuerst. Dann wird es dir leichter, wenn du nicht zurückschauen musst: kommt mein Bub auch herzhaft nach? lässt mich nicht zu lang allein drüben warten? Es ist zuerst sehr finster und ernst im Jenseits. Da wollen wir eng nebeneinander gehen. Darum lass mich voraus und komme gleich nach! Nicht wahr, so, Vater!«

»Schatz meines Lebens, niemals, niemals! Lass mich voran! Ich bin dir im Bösen vorangegangen, jetzt will ich auch im Guten zuvorderst sein.«

»Vater, wenn ich nur zusehen könnte! Aber ich muss mir das Gesicht verhalten. Und doch möchte ich dich bis zuletzt im Auge haben, und gar nichts anderes, o dilettissimo padre!«

»Du wirst es schon aushalten, Figliulo mio! Du bist und bleibst ja doch immer mein starker, munterer Poz'do. Nein, du wirst mit keiner Wimper zucken. Nur lachen wollen wir nicht. Wir wollen weinen, wenn wir können. Es ist nicht zum Lustigsein, wenn man sterben muss ... jetzt schon sterben, bevor ein einziger Knochen müde geworden ist, und einem das Blut noch so heillos ... ach, ich Narr, was red' ich von mir! Nein, aber du, du junger, wildwüchsiger, vollblütiger du ... da du noch so Schönes und Grosses leben könntest ... Ach, Poz'do!«

Den Gewaltigen übermannte es von allen Felsen, die Poz'do noch überklettern, von allen Sonntagen, wo er Messe läuten, von allen hübschen Bergtöchtern, unter denen er sein Gepons auslesen könnte.

»Vater, Guter, Liebster, nicht weinen! Tu mir's zu lieb und weine doch nicht!« heischte Poz'do. Er dachte gar nicht mehr wie der Vater über die Gitter hinaus. So war es nun einmal, also!

Eine kurze Zeit, während der man die Mäuse im Luckenwerk herumknuspern hörte, schwiegen die Peretti. Aber rasch raffte sich auch der Vater wieder auf und meinte ernster als je: »Du hast soeben dem Richter zum voraus verziehen, und dem Henker und allen Plaggeistern, so wie dir Gott im letzten Stündlein verzeihen soll. Aber, Bub, Bub, nicht die Musketieri haben dich aus unserem lieben Dorf dahergeschleppt und nicht der Scharfrichter köpft sich morgen in diesem Loch ... ahi, ich bin's, ich, ich, ich! Kannst du mir das verzeihen? Du sagst ja ... weil du das Leben noch nicht kennst. Aber wenn du es kenntest wie ich, oder wenn drüben in der Ewigkeit dich ein Engel aus einer Wolkenhöhe herab über das ganze, herrliche Leben schauen lässt, das du noch vor dir gehabt hättest, o dann wirst du mich da drüben, wo sonst wohl alle Bitterkeit aufgehört hat, noch trotz der süssen Engel und der allersüssesten Madonna, die das nicht hören kann, für alle Ewigkeit verfluchen ... »

»Vater!« fuhr Poz'do bitter dazwischen.

»O wär' ich ein anderer gewesen,« grollte Sesto unaufhaltsam weiter, und die Gier des Lebens übernahm ihn auch schon wieder für sein eigenes graues Haar, »wahrhaft, wir stürben morgen nicht, und noch fünfzig Jahre nicht. Wir lägen jetzt im Gras am Sassalpe, wo der berühmte Barbone den Wolf zum Teufel gehornt hat, und besähen uns das heimelige Tal zu Füssen, oder wir ässen jetzt Erdbeeren im Querciawald, oder wir kletterten in den sibyllinischen Gipfeln herum, jagten und schössen auf Adler...«

»Und auf Menschen, Vater, das auch!«


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