Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Nach Amerika

Auf dem Gang zum zweiten Grab, das vor der Stadt liegt, konnte ich eine Weile nicht recht vorwärtskommen. Es drängten sich Frauen und Männer und Kinder mit Bündeln auf dem Rücken und mit langen Stecken in der Hand die Gasse hinaus, wo eine Menge von Karren, mit Kisten und Körben überlastet, reisefertig standen und von den Buben schon ungeduldig hin und her gestoßen wurden. Die Männer trugen dicke braune Samthosen, und die Weiber hatten feste Wolldecken unter dem Arm. Es galt jedenfalls ein großes Stück Weg.

Die Jüngeren sahen ernst, die Älteren beinahe gleichgültig drein, den Frauen hingen Tränen in den Wimpern. Aber die Kinder lachten, und ihre Köpfe zappelten, und gar die Knie der acht oder neun Knaben zitterten vor Reiselust. Alle Gesichter waren weich und feucht wie nach Küssen und Umarmungen.

»Avanti!« rief ein großer, starker Mann an der Spitze, schwenkte nochmals den breiten Filzhut gegen ein Fenster und schritt voraus.

»Orsu!« – Die Truppe mit Bündeln und Karren setzte sich gegen den Bahnhof in Bewegung.

Da blitzte es. Nein, es war nur ein Schrei: »Maddalena!«

Eine dünne, alte, heftige Stimme schrie das irgendwoher.

»Nicht zurückschauen! Nicht zurückschauen!« murmelten sich die Pilger zu, und man schob eine hübsche, junge Frau in die Mitte zwischen zwei schwerknochige Männer.

Aber da blitzte der Schrei wieder durch die Luft, scharf und blutend: »Maddalena!«

»Corraggio!«brummten die zwei Männer und klemmten die Bedrängte mit den Ellenbogen wie eine Zange. Aber das Weib ward bleich, zitterte und wandte sich mühsam um.

»Fanciullina mia! Fanciullina!« klang es jetzt wie ein Trompetenruf. Das war so hell und dringend, daß die Frau sich losriß, mit ein paar Stößen durch den hinteren Zug rang und die drei plumpen Stufen zum nahen Haustor emporflog in die ausgebreiteten Arme einer alten, kleinen, schwerverrunzelten Mutter.

Man hörte nur Schluchzen und Küssen. Es war ein hartes Trennen.

Der Zug stockte. Die ganze Gesellschaft kehrte sich um und sah unwillig und doch mitleidig zu. Was hatte es gekostet, der Alten Lebewohl zu sagen, schon drinnen in der Stube! Und das dürre Weiblein hatte versprechen müssen, nicht herauszukommen, bis der Zug vorbei sei. So geschehe die Trennung am leichtesten. Dafür bekam sie nochmals drei warme Küsse. Aber als sie nun die Karrenräder rollen und den Schritt der Männer auf dem Holperpflaster hörte, übernahm es ihre alte heiße Seele, und sie stürzte zum Tore hinaus und schrie, wie ein geängstigtes Drosselweibchen dem Jungen nachschreit, das heute flügge ward und eigene Wege sucht. Hinter ihr stand der Vater, ein Blödsinniger, noch älter und runzliger. Aber er nickt, lächelt töricht und sagt immer: »Sta bene, sta bene!« Er will an der lautlosen Umarmung von Mutter und Tochter nicht teilnehmen. Aber er singt mit seiner Greisenstimme dazu ganz zufrieden: »Sta bene!«

»Giorgio!« gebot nun die junge Frau über die Achsel der Mutter in die Gasse hinab.

Auch das noch! Der Schwiegersohn, Maddalenas Gemahl, stößt seinen Buben aus der Reihe. »Geh'«, murrt er anscheinend böse, »und gib der Nonna noch einen Kuß. Aber recht! Nicht wie vorhin! Lauf!«

Der schlanke Junge mit dem schmutziggelben Gesicht, den rabenschwarzen Krausen und mit Zähnen, die wie scharfe, silberne Nägel aus dem hungrigen Maul blitzen, wendet sich zurück in die Schar. Er will nicht. Siebzehn Jahre zählt er. Das ist zu viel, um vor allen Leuten auf der Straße eine uralte Donna zu küssen. Ja, das Kind Benedetta nebenan auf dem Karren, das würde er vor der ganzen Stadt küssen. Er hat glänzende, doch schon etwas trübe Augen, und um seine magern Wangen spielt etwas wie Leidenschaft. Wahrhaftig, der hat schon reichlich geküßt! Aber hier will er nicht. Er verbirgt sich unter den andern Köpfen.

»Giorgio!« befiehlt nun die junge Mutter fast drohend.

»Wohin reisen denn diese vielen Leute?« frage ich einen zuschauenden Mann in blauen Hosen mit roten Schnüren. Es ist der Polizeikapitän del Sere.

»Nach Amerika... Argentinia... Hier haben die jungen Leute nichts zu tun, als zu hungern.«

Ah, nach Amerika! jetzt begreife ich.

»Signore, dort müssen sie schwer arbeiten. Aber sie haben zu essen und bekommen Silber, wahrhaftiges Silber. Nur für uns Alte ist das nichts mehr. Die Alten haben nichts mehr zu suchen! Die Alten müssen zu Hause sterben. – Aber schau, schau, nun geht Giorgio doch hinauf. Wußt' ich's doch!«

Jawohl, der Bub sieht Großmutter nie wieder. Es ist wahr. Also springt er rasch mit einem Schritt die drei Stufen hinauf, rot bis unters Stirnhaar vor Scham. Und die Greisin läßt ihre Tochter los und nimmt dafür ihren angebeteten Enkel an beiden hüpfenden Backen in ihre dürren Hände, schaut ihn mit schwimmenden Augen ganz nahe an und überküßt ihn. «Tu – tu – o tu!« stöhnt sie. Geschaukelt hat sie ihn, gepäpelt und verhätschelt, so bös und stolz er war, und nun entschlüpft er ihr für immer, dieser ewige Quäler und ewige Erquicker ihres Alters! Ach, sonnenlos ist, was noch kommt!

»Addio! Ich werde dir Geld schicken, Nonna!«

»Ach, was ist das, Geld – Aufs Wiedersehen«, sagt sie, »aufs Wiedersehen!«

Das kann er nicht erwidern, nein. Groß ist das Leben, das nun kommt. Großmütter sterben wie Fliegen weg, schon eh' es recht beginnt. Sehen werd' ich dich nie mehr. »Addio, Nonna! Addio! Bald schreib' ich dir!«

»A riverderci!« behauptete die Alte steifsinnig und küßt ihm nochmals die Schläfen mit dem ersten Flaum der Mannbarkeit und, ach!, der Unkindlichkeit.

Aber jetzt ertönt von der Spitze des Zuges gewaltig wie Donner: »Avanti!« Der Führer ruft es und weist die Straße hinab. »Il treno, orsu!«

Flink rennen Maddalena und Giorgio stiegab und versinken im Zug. Tapp, tapp, tapp, marschiert die Kolonne vorwärts. Da sieht Giorgio, noch immer gerötet, nach dem Kind auf dem Karren vorne. Wie Benedetta ihm das Gesicht durchmustert! Sie hat alles gesehen und gehört. Am besten das Küssen. Und jetzt forscht sie mit halb offenem Mäulchen den hübschen Jungen an, warum er wohl so geliebt und geküßt wird. Da reißt der nimmerfaule Bursche seine nassen, heftigen Lippen auf, schlitzt mutwillig die Augen zusammen und beugt sich drohend vor, als wollte er das Dirnlein gleich wie ein Kirschendieb vom Ast beißen und erbarmungslos verschlucken. Der Spitzbub, wie gefährlich er aussieht! Das Mägdlein starrt ihn noch ein willenloses Momentchen an und kehrt sich dann erschreckt um. Aber Giorgio lacht weiter. Diese Kirsche und noch viele Kirschen, bei Gott, er will sie stibitzen!

Von der Hausstiege nickt der kindische Alte noch immer: »Sta bene, sta bene!« Dann schlürft er ins Haus. Aber die Nonna schaut dem Zug nach. mit beiden Händen sich an den Pfosten haltend, und flüstert immer leiser: »A riverderci, a riverderci!« Dann grübelt sie etwas aus der Tasche. Gott, wie närrisch!, einen Pfirsichstein. Vom ersten Pfirsich dieses Jahres: Giorgio hat die samtene Frucht vor ihren Augen gegessen und das letzte rote Fleisch wie ein junges Raubtier vom Stein gekerbt. Wie seine Augen dabei glänzten und ihm der Saft von den Zähnen tropfte! Dann gab er ihr großartig den Stein zum Geschenk. Ecco, Nonna, mußt auch etwas davon haben.

Ei der Tausend, den will sie sogleich in einen Blumentopf stecken!

Und sie sitzt am Topf und wartet, bis ein grüner Schimmer herausblitzt. Das wird in einem Jahr geschehen. Dabei vergeht die Zeit. Und noch drei Jahre wird sie warten, dann blüht das Geschöpflein. Und so vergeht die Zeit. Und in zehn Jahren – oh, sie hätte Geduld für hundert Jahre! –, aber schon in zehn Jahren wächst ein Pfirsich daran. Ganz gewiß. Und das ist Giorgios Pfirsich, fast wie aus seinem Munde gewachsen. Den muß er wieder essen, damit sie den Stein bekommt, O ja, a riverderci, kein Zweifel, so geht es weiter und weiter. Lustig über ihr graues, nasses Runzelgesichtlein hüpft dieser Traum, und behend wendet sich das kleine Frauelein und trippelt ins dunkle Haus hinein, um den schönsten ihrer vielen Blumentöpfe auszulesen.

In der fernen, ungeraden Straße verschwindet die Karawane.

»Sie haben noch viel Zeit«, murmelte der Capitano, »und pressieren so! Kurios, immer pressieren sie so... Das sind elf Familien. Im April vorigen Jahres waren es auch elf.«

»So viele?«

»Und vorletztes Jahr sind vierundsiebzig Menschen hinübergereist...« Er winkte mit dem Käppi über den Monte Velino, wo nach seiner bescheidenen Globuskenntnis Argentinien liegen mußte.

Ich suchte umsonst etwas Nutzloses hervorzuwürgen.

»Ein paarmal schreiben sie, dann wird es still. Nach drei, vier Jahren weiß kein Mensch ihre Adresse mehr.«

»Und die Nonna?«preßte ich bekümmert hervor.

»Bah!« Der Alte schüttelte die Hände wie über eine Zwecklosigkeit.

Schüttelte er sie nur über die verlassene Großmutter hier? Oder galt es der alten Frau Italien, die ihrer Kinder noch nie wahrhaft froh werden konnte?

Niedergedrückt zog ich weiter. O Bernardino von Siena, sei froh, daß du das nicht mehr siehst. Nicht einmal Brot hat deine Mutter für ihre Jungen mehr. Die halbe Welt müssen sie durchfechten um eine Krume zum Sattwerden.

Und das andere Brot, ohne das man bei allen Fleischtöpfen Ägyptens und Argentiniens hungert, ach, Bernardino, wer gibt ihnen dieses andere Brot?


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