Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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In Franzens Poetenstube

Der gottvolle Tuchhändlersohn von Assisi, Bruder Franz, hat die umbrischen Berge kreuz und quer durchlaufen. Es gibt vielleicht kein Bächlein, das er nicht angeredet hat, keinen alten Baum, an dem er nicht zu den Vogelnestern emporgeklettert ist, um von diesen losen Burschen das einfachste, unbesorgteste Lied zu erlernen. Oft war er drei, vier Wochen vom Konvent weg. Aber seine Jünger beunruhigten sich nicht darüber. Das war eben Bruder Franz, der Herumschweifer und Herumstreifer des lieben Gottes, der heilige Vagabund. Wenn Schnee in den Höhen fiel, ging er hin und grüßte seinen keuschen Bruder Schnee. Und wenn er irgendwo Asche fand, so küßte er die gier- und sündenlose Schwester Asche. Vetter Specht und Base Drossel kannten ihn wohl, und er nannte nicht bloß die Banditen, sondern neben Hase und Fuchs auch den gefräßigen Wolf seinen Bruder. Er war ein Urmensch. Was die Künstlichkeit der Kultur und ihre Irrtümer an der guten alten Natur verdorben hatten, so zwar, daß wir fast allen innigen Zusammenhang mit dem Wasser und dem Licht und der Luft und dem Wind und der lieben feinen Tierseele verloren haben und so stehen, daß wir entweder tyrannisieren oder tyrannisiert werden – und ach, damit haben wir mehr verloren, als wir an der Elektrizität und der Farbenphotographie und dem Luftschiff je gewinnen können –, das besaß Franz noch alles. Er sah gar keine Scheidung, keine Fehde, er war noch eins mit dem allem. Der große Bildhauer und Tierfreund Troubetzkoy hält freilich auch heutzutage noch ungezähmte, undressierte Wölfe und Bären und sogar Luchse in seiner Stube und behauptet, er lebe in Frieden mit ihnen. Man müsse diese Bestien nur verstehen lernen und lieben. Aber doch auch Troubetzkoy hält immer Halszwingen und Maulkörbe bereit und läßt keines seiner Kinder neben einer Wildkatze schlummern. Franz jedoch konnte ohne Peitsche und Stecken durch die Wildnis gehen. Kein Tier hat ihm was Leides an; er kam mit Marder, Bär und Vetter Wolf sehr gut aus.

In den wildesten und obersten Waldtälern des Gran Sasso soll es heute Bären und jedenfalls Wölfe nicht so selten geben. Doch zu Franzens Zeit wimmelte es bis ins Vorgebirge von bösen Tieren. Besonders die Wölfe hausten furchtbar. Aber wie man etwa vernimmt, daß ein naives, braves Menschlein unter Menschenfresser geriet, doch geschwisterlich gehalten und sogar an die Spitze des Stammes gestellt wurde, weil die Insulaner die echte, unschuldige Liebe dieses Weißen als etwas ganz Gewaltiges und Unbesiegliches verspürten, so wird es auch etwa bei den Tieren sich verhalten. Auch die Tierseele merkt gleich, ob ein Mensch noch unschuldig ist.

Schon unter den Menschen heutzutage, wo immer zwei Fremde sich treffen, ist das erste Gefühl: Gegnerschaft! Rede einen wildfremden Menschen auf der Straße an, seine erste schnelle Miene zeigt Abwehr, Verteidigung. Erst die Höflichkeit deiner Worte beschwichtigt ihn. Er wird das Feindselige aufgeben, aber mit unbrüderlicher Förmlichkeit, und er wird meist recht kühl antworten. Erwiderte er dir mit Wärme, ja mit hübscher Zutunlichkeit, so würde der Städter spotten: Seht da, noch ein Rustikanus! Ein Kind vom Kartoffelland! Wenn solches unter Menschen schon geschieht, wieviel mehr bei den uns fremden Tieren, den Pflanzen, den Naturgewalten. Sie müssen wir einfangen, festlegen, ausnutzen. Das Wasser und das Licht, das Tier und der Baum müssen uns Sklave sein, nicht Freund! – Aber das gerade verstehen diese einfachen, gesunden Geschöpfe nicht. Daher Trennung, Zwiespalt, Haß zwischeneinander.

Der Mensch will niemand dienen, dem Wasser nicht und der Luft nicht und nicht dem Tier. Aber ihm soll alles dienen. Als ob er noch der Paradiesmensch wäre, dem alles unterworfen ward. Diese gewalttätige Ausnahme macht alles Nichtmenschliche zornig gegen uns, so daß das Wasser ab und zu ein Land und Volk verschwemmt, oder der Blitz eine Stadt einäschert, oder ein Heuschreckenschwarm eine ganze Provinz verheert, oder ein Hagel alle Saat vertilgt, und selbst einer Mücke ist es gegeben, mit einem feinen, leisen Stich den größten Riesen und Prahlhansen ins Grab zu strecken, sicherer und grausamer, als ein Achillesspeer es könnte.

Über das alles habe ich oft nachgedacht, wenn ich durch das umbrische Schluchtengebiet wanderte. Ein Wässerchen rieselt irgend aus einer Grube mit kleiner, silberner Melodie, und der Wind singt so fein, und alle übrige Natur ist so still, und stundenlang begegnet einem kein Mensch. Das war Franzens »Alleinsein mit der Seele«. Gibt es noch ein so schönes Wort in unserer Sprache wie dieses? Und Franzens sehr vornehmer und feiner Bruder, Bernhard von Quintavalle, der auch über die Maßen gern einsam spazierte, aber lieber auf den Kuppen und Gräten des Gebirges, der sagte dem: »Die Dinge von oben beschauen«. Auch das ist prachtvoll gesprochen. Ha, es war eine großartige Zeit! Alles wollte Ritterburgen bauen oder Marmordome errichten oder berühmte Gesänge schaffen oder mit den schlauen Genuesern und kecken Venezianern auf reichen Handel ausgehen. Man hatte gerade auf den Kreuzzügen die Seide von Brussa und die Spitzen von Ispahan kennengelernt, den wundersamen Damaszenerstahl und die Glut des Smyrnaweines erfahren. Eine internationale Vergnüglichkeit und ein internationales Handelsfieber ward jetzt zum erstenmal laut. Besitz, Besitz! Der fängt jetzt an. Schwertehre und Amtstitel nehmen vor dem Kapital den Hut ab, und Walter von der Vogelweide ist überglücklich, daß ihm der Staufer endlich ein paar Schuh eigenen Boden und ein kleines Betriebsgeld dazu gibt. Und da kommt nun dieser Franz und lacht den Besitz als überlästige und ganz unnötige Quälerei aus und läuft der Armut nach und wird ihr erster nobler Freier, ein unvergleichlicher Ritter von Habenichts.

Als Goethe in Assisi weilte, wußte er das alles nicht. Er kannte Franz zu wenig. Sonst hätte er wohl einen Zusammenhang mit der ihm so lieben Einfachheit der Antike wahrgenommen. Franz dünkte ihn bloß ein Eiferer, der Vater aller dieser oft so häßlichen geistlichen Krambuden und frommen Prellereien in den Gassen der Wallfahrtstadt; ein schwärmerischer Geist und ein Phantast, der immer in Sturm und Drang lebt, dessen Blut immer schäumt, statt sich endlich ruhig abzulagern, der nie solider Philister wird. Das mißfiel Goethe, der gerade um jene Assisizeit herum anfing, seine Philisterhaut abzutun. Sokrates war ihm die Gesundheit, Franz das Fieber. Heute würde Goethe ohne Zweifel nicht mehr so schreiben. Er wüßte jetzt, daß dieser Franz nicht bloß seiner Kirche ein Heiliger, sondern der ganzen Welt ein genialer und gewaltiger Kulturmensch geworden ist. Vielleicht würde Goethe trotzdem auch heute noch sich in seiner Steifheit weigern, das Franziskanerkloster zu betreten, auf die Gefahr hin, der Cimabue und Giotto verlustig zu gehen. Aber anerkennen würde auch der Alte von Weimar, wenn er nur ein bißchen umbrisches Land und Volk durchstreift hätte, welch ein großer Naturfreund und Naturpoet der Poverello gewesen ist.

Die Berge sind kahl, aber in den Schluchten und Klusen, wo die Quellen sich durchbrechen, da wächst ein Gebüsch und niedriger Wald. Es gibt da hunderterlei Gehölz. Und das nimmt zu, wo Feuchtigkeit und Schatten wachsen, gegen die tieferen, engeren, hinteren Täler. Und so wechseln, je tiefer man hineingeht, um so lustiger Felsen und kahle braune Halden mit belaubten Schlupfwinkeln, umwucherten, dunkelgrünen Bächen und knochigen Erdhöhlen. Weiter im Gebirge plätschert schon überall etwas Wasser, raschelt überall ein wenig Blätterwerk um uns. Der dichte, hohe, duftige deutsche Wald mit seinen Kohlenmeilern, Schneewittchen, Rotkäppchen ist hier freilich nicht zu finden. Aber es gibt doch auch hier noch kleine Dickichte und recht tiefe, dunkle Gründe und dann und wann ein Plätzchen, wo der heiße Himmel nicht bis zu Boden dringt. Manchmal stößt man doch auch noch auf einen richtigen Wald, auf Buchen und Eichen, und wie diese grünen nordischen Forste dann in die goldige Luft des Südens ihre Häupter recken, das ist jeweilen immer ein seltsames Anschauen, ist wie tiefe Nachdenklichkeit an einem lauten Fest.

Dann und wann begegnet uns ein Steinbrecher, ein Holzhacker fast nie. Aber beerensuchende Leute gibt es doch auch und Kräutersammler und etwa wilde, magere, graue Hasen. Vögel hört man kaum. Dafür den summenden Schwarm der Käfer und Schmetterlinge. Überhaupt die kleine Tierwelt regiert hier, und du triffst die wunderlichsten Mücken mit Stahl- und Glasflügeln, die Wasserjungfern surren dir gewaltig ums Ohr, Heuschrecken rennen dich mit heldenmäßigen Kniesprüngen an, die naiven, dunkelgrauen Blindschleichen, Eidechsen von aller möglichen Geschecktheit, borstige, gelbgetüpfelte Graswürmer, Schnecken mit prachtvoll geäderten Häuschen auf dem Rücken, Molche wie glänzender Teer, orangenglühende Salamander, Frösche in einer ewigen Abwechslung von Todesangst und Lebenshumor und schöne, goldstriemige Kröten mit ihren Smaragdaugen und dem steifen Glauben an ihre Unsterblichkeit, das alles wimmelt bunt durcheinander. Zuweilen hört man ein Rebhuhn oder einen Fasan krächzen. Zuweilen begegnet einem auch aus einer Bergvilla ein geschmeidiger Mensch mit neunzehnjährigem Flaum auf der Lippe und einer eleganten Flinte in der Rechten. In seinen Augen glänzt die Ermordung ganzer Tiervölker. Aber in seiner Jagdtasche liegt ein einziges, mit Schrot durchschossenes Lerchenjunges. – Er schleicht weiter. Dann wird es wieder still. Das ist das Poetenstüblein des heiligen Franz von Assisi.

Von Hunger und Kälte ist hier keine Rede. Dem Poeten reicht die Natur überreiche Almosen. Da gibt es wilde Feigen und Kirschen, süße Kastanien, ganze Plätze voll Erdbeeren, gutes Wasser, safrangelbe Wurzeln des Süßholzes, und viele eßbare Kräuter wachsen ringsum. Ein paar Tropfen Öl und Essig, und man hat einen Salat ohnegleichen. Und wie billig sind die Reis- und Maiskuchen! Wenn du sie in ein Bächlein tunkst und zu jedem Bissen eine Pfirsichscheibe issest, so glaubst du, wie Salomon zu tafeln. Auch im Dezember wird es nicht so arg kalt. Auf den hinteren Höhenzügen der Abruzzen fällt freilich Schnee. Aber bis in diese Hügel und Täler hinunter wallen nur selten die weißen Winterblüten, und am Morgen um neun Uhr ist alles wieder an der umbrischen Sonne geschmolzen. Ich muß gestehen, eine solche Einfachheit und Armut, wie Franz sie hier herum predigte, läßt sich im Norden kaum denken. Man friert dort und hungert, und der größte Aszet muß wenigstens aus einer Bäckerei ein Brötchen holen und ein paar Scheiter im Ofen haben. Und das allein, daß wir zu wenig Sonne und keine wilden Fruchtkörner zu schmarotzen haben, das allein hindert uns Nordländer schon gewaltig, so spatzeneinfach und franziskanisch zu leben. Es sind denn auch die meisten großen Armutsprediger aus dem Süden gekommen: Benedikt und Dominikus mit unserem lieben Franz. Auch Ignatius von Loyola. Und in einem Lande der Wärme hat auch Christus sein Evangelium begonnen und seine Missionare geschult. Im Norden wäre es viel schwieriger gegangen. Da hätte sich wohl jeder Apostel zu Hut und Stab noch soundso viele Scheffel Weizen und soundso viele Bengel Heizholz und soundso viele Ellen wollenen warmen Wintertuchs ausbedungen.

Nein, im Süden hat man fürwahr leichter, arm und heiliger Aszet zu sein. Nur schon, weil man nicht frieren muß! Ach, wenn man friert, so hungert man auch, und so erlahmt der innere Schwung, erstickt die Energie, erlöscht die edle, heilige Flamme Begeisterung in uns. Bei zehn Grad unter Null schreibt man keine glühenden Hymnen mehr. Seuse, der liebste aller deutschen Heinriche, hat doch immer eine warme Zelle in Konstanz bekommen, und Thomas Kempis erhielt wenigstens eine warme Fastensuppe zu Mittag. Ohne das hätten wir sicher keine »Nachfolge Christi«und kein Horologium sapientiae empfangen.

Auch bei den Heiligen hat die Erde viel zu sagen. Das Leibliche ist auch ihnen eine große Sache, Last und Lust, Hilfe und Hinderung zugleich. Und so muß es sein. Ist der Marmor schon dem Bildhauer nicht gleichgültig und bestimmt mit seinem Korn und Geäder mehr von der Schöpfung mit, als man ahnt, wie sollte dann der wunderbare Lehm des Menschenleibes nichts für unsere Werke und Ideale zu bedeuten haben?


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