Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Eine sonderbare Silvesternacht

»Nimm dich doch ein bißchen zusammen«, bat ich wohl zum vierten oder fünften Male mit einem leisen, aber immer selbstgefälligeren Ton von Überlegenheit. »Das geht vorüber!«

Sonst war ja ich immer der Schwächere. Aber just am letzten Tag im Jahr, da wir zu zweit aus dem hohen Apennin gegen das offene Flußgelände hinaus wanderten, marschierte ich viel besser als mein Reisekamerad. Er klagte seit dem Mittagessen über eine seltsame Übelkeit mit Kopfweh und Frösteln. Der gelbe, milde Landwein, den wir zum Vesperbrot in einem namenlosen Dorfe genossen, und der meinem Freunde zuerst wohlgetan hatte, erwies sich im Weitermarsch wie Gift. Corrado schleppte sich immer langsamer vorwärts, ächzte immer erbärmlicher, und mir ward es selbst wie eine Erlösung, als wir beim Zunachten gerade noch die nächste Stadt erreichten.

Die Gasthäuser eines solchen Ortes sind um diese Jahreszeit nicht für delikate Gäste eingerichtet und schlecht oder gar nicht geheizt. Da Corrado zusehends fieberte, so dünkte mich von allen Übeln das geringste, gleich mit ihm ins Spital zu fahren. Denn eine fröhliche Sache schien mir auch dieses nicht. Das Portal war miserabel beleuchtet, die Hausglocke versagte, in den langen klösterlichen Gängen roch es nach moderiger Feuchtigkeit, da und dort lagen welche Zitronenschalen und verschmiertes Zeitungspapier herum, und das einzige gut heizbare Lokal barg noch zwei Kranke.

»Nimm dich doch zusammen«, bat ich den Freund, der nach Art frischer, starker, junger Menschen, die noch nie über das Wort Krankheit nachdenken mußten, bei diesem ungewohnten Mißgeschick das Herz in die untersten Hosen fallen ließ und schmählich jammerte. »Jetzt bist du wenigstens geborgen«, tröstete ich, »und gleich wird der Arzt da sein.«

Corrado klapperte mit den Zähnen vor Frostschauder. Aber in der Bettwärme wurde ihm sichtlich besser. »Siehst du!«triumphierte ich. »Nein, nein«, keuchte er aufgebracht. »Du wirst schon sehen, das gibt eine böse Geschichte. Im Kopf.... im Unterleib.... das Herz...« Aber dabei wurde er immer ruhiger und schlief halb ein.

Es dauerte eine wohlbemessene Stunde, bis der Arzt von einem Bankett, das um fünf Uhr begonnen hatte, wegzubekommen war. Die Silvesternacht wölbte sich mit dem unsagbar klaren südlichen Himmel und seinem Riesengefunkel über die alte Stadt. Man hörte Raketen abzischen, das Knallen von Pulverteufeln und das schleppend-schöne, dumpfsüße Singen von schlafunlustigem Gassenvolk. Im Küchensaal, sagte man mir, feiere auch das Hausgesinde. Daher guckte nur ab und zu eine ältere Frau zur Türe herein, nickte befriedigt, weil niemand aufschrie oder fluchte, und tätschelte einem Mädchen von vierzehn Jahren gütig auf die Zöpfe und verschwand eilig wieder. Dann blieb nur dieses Mädchen auf einem Schemel unter der Türlaterne bei uns. Es strickte, ging dann und wann auf das eine Bett zu, das uns gegenüber lag, und woher man nicht den leisesten Schnauf hörte, als befände sich ein Toter darin, lächelte jedesmal und setzte sich wieder auf die Stabelle an der Türe. Manchmal zog es etwas aus der Schürze hervor und sog daran. Erst nachher bemerkte ich, daß es eine Zitrone war.

Endlich kam der Doktor, ein geschickter Mann, das sah man sofort, mit erfahrenem, klugem Blick, weicher, zuverlässig tastender Hand, knappen, aber das Wesentliche treffenden Fragen, dabei hurtig in allem, aber auch sehr begehrlich nach dem Punsch, dessen Glut auf seinen fetten Backen strahlte, und den er mit zwei Gläsern keineswegs zu erledigen gedachte. Er untersuchte meinen Freund genau und versicherte dann, es sei absolut nichts von Bedeutung, eine Magenverstimmung mit ungewöhnlich hohem Fieber, das jedoch bereits zu sinken beginne. Kamillentee, Ausschlafen und am Morgen eine Schleimsuppe, basta.

»Was ist das für ein Kranker, rechts da, unter dem Garibaldibild, der so heillos hin und her strappelt?«fragte ich und half dem Arzt in den Überzieher.

»Niente!« lachte der Doktor.

Also auch nichts von Bedeutung. »Aber warum wälzt er sich dann so rastlos herum?« »Briefträger!«erklärte der Arzt und hob den Zigarrenstummel auf, mit dem er eingetreten war. »Flügel an den Füßen wie Merkur und nur glücklich, wenn er mit Briefen und Paketen stiegenauf, stiegenab rennen kann. Der reine Windhund. Nun hat er sich verkältet. Man hob ihn von der Gasse auf. Oh, er wird bald genesen, aber träumt Tag und Nacht vom Stiegenauf, Stiegenab, und das verzögert die Heilung etwas...«

»Und dort, wo es so still ist?«, bat ich und zeigte zur Wand gegenüber.

»Ottanta sette!« erwiderte der Arzt mit einer plötzlich langsam und weich gewordenen Stimme und blies auf seinen Stummel, der am Erlöschen war. Noch ein Fünklein glomm, aber es reichte nicht mehr zum Rauchen. »So, wie hier«, versuchte er zu scherzen. Dann aber verneigte er sich höflich, schwang den Hut und... lief zum Siebenundachtzig hinüber. Sieh, sieh, er beugt sich tief ins Kissen hinunter, ich höre einen lauten Kuß. Dann, ohne uns nochmals anzusehen, geht er viel langsamer hinaus, als er hineintrat.

In einem Dorfe, zuhinterst im Apennin, hörte ich einst den Spruch: Sterbende Greise küssen, gibt langes Leben. Als ich den Kopf schüttelte, wurde es mir gäßchenauf, gäßchenab wie ein Sprichwort wiederholt, ja, geradezu nachgerufen.

War es nun das? Dieser vierzigjährige, wohlgebaute, elastische Doktor wollte gewiß lange leben und noch manchen Silvesterpunsch trinken.

Das Mädchen brachte einen Spiritusapparat, und wir bereiteten zusammen den Kamillentee. Dabei wurden wir schnell vertraut. Lorenza trug die dicke, gleichsam geschwollene Nase wie einen Kolben im Gesicht, und eine von Drüsen rote, narbige Haut zog sich vom Hals bis an die Unterlippe und weit in die Wangen hinauf. Man sah noch kreuz und quer die Schnitte einer gröblichen Operation. Diese Häßlichkeit hätte geradezu erschreckt, wenn daraus nicht zwei helle, saubere, merkwürdig gelbe Augen wie zwei Sterne aus einem schmutzigen Regenhimmel gefunkelt hätten.

Sie will eine richtige Krankenschwester werden. Zwar die Vorsteherin sagte, sie sei zu häßlich dafür. Aber der Dottore hilft ihr. Ganz im Gegenteil, behauptet er, sie sei gerade richtig häßlich dazu. Die häßlichsten Suore seien die besten. Er wette, sogar das Christkind habe nicht dieses sogenannte hübsche Puppengesicht getragen, das ihm die Herren Pinsler geben. Schöne, echte Augen, das genüge.

»Dottore Biglio hat solche und dazu doch noch ein schönes Gesicht, nicht wahr, Herr? Oh, und er ist auch noch gut dazu, so gut, wenn er schon oft einen Mordsrausch hat. Er macht doch nie etwas verkehrt, auch im hohen Rausche nicht. Der Stadtrat hat ihm schon zweimal mit Absetzung gedroht. Aber das ganze Spital ist jedesmal für ihn von Pontius zu Pilatus gelaufen. Diese Nacht wird er sich wieder gehörig betrinken, ach!« – Lorenzas Sterne wurden vor Mitleid feucht. –»Aber schauen Sie dann selbst am Morgen, wie er den Rausch am Bett der Patienten ablegt, als wär's nur der Überzieher. Er ist dann sogleich nüchtern, wie wir zwei...«

Indem ich dem Mädchen angeregt zuhörte, näherte ich mich einmal dem Bette meines Reisekameraden. Er ist nach dem Tee so still geworden. Sieh da, er war nun gehörig eingeschlafen und zog einen prachtvollen Atem aus und ein.

Jetzt schenkten auch wir zwei Wachthabende uns eine Tasse voll Tee ein. Für ein Spital war das Geschirr nicht zu blank. Aber so heikel ich sonst darin bin, diesmal störte es mich nicht im geringsten. Die blitzende Sauberkeit des Augenpaares gegenüber läuterte alles.

»Warum hat Doktor Biglio die Greisin dort geküßt?«bat ich.

»Er küßt alle, von denen er glaubt, daß er sie bei der nächsten Visite nicht mehr am Leben finde, alle. Und er tut es so... so schön... so andächtig, meine ich, daß alle es gerne haben und es allen wohl tut. Aber Signorina Cecca ist dazu seine Amme gewesen. Jetzt ist sie müde und hat nichts mehr. Bettelarm hat der Dottore sie daher gebracht und bezahlt nun ihre Spitalpflege schon durch die drei Jahre. Er täte es hundert Jahre, rief er, als ihm die Direktion anerbot, die Alte gratis zu behandeln. Was gratis? Er wurde wild. Ist das noch Gratitudine, dieses Gratis? Ich zahle, was man für jedes andere Bett auch zahlt und wenn ich's vom Zigarrengeld nehmen muß. – Und es ist wahr, er zahlt so gut, daß die alte Cecca die beste Matratze bekommen hat, richtiges Roßhaar und darüber eine faustdicke Lage Schafwolle. Diese dort«, das Mädchen wies gegen die zwei anderen Betten, »die haben nur ordinäres Zeug, wisset, so Ausschußware.« Bei diesem Worte machte Lorenza ein ungeheuer hausmütterliches und beinahe ein wenig beleidigtes Gesicht. »Ah«, lächelte das Jüngferchen sogleich wieder mit wunderbar strahlender Augenstellung, »seht einmal, Herr, jetzt wird Franko auch still.« Sie blickte zum Briefträger hinüber. »Jetzt träumt er, alle Post sei vertragen, und er klappe seinen leeren Sack zusammen. Das hat er uns selbst erzählt. Und merkwürdig, dann träumt und zappelt er nicht mehr...«

Und ich dachte: der Glückliche! Wann habe auch ich einmal treppauf, treppab, so wie dieser da, meine Pflicht getan und meine Mappe mit all ihren Pflichten, Schulden, Aufträgen redlich bis auf die Bodennaht geleert? Der Glückliche!

Von Zeit zu Zeit ging das Mädchen zum Bett der Greisin. Dabei geschah etwas Sonderbares. Der Saal hatte nämlich noch von den Zeiten her, da dieses Gebäude ein Kloster war, den grauen, unregelmäßigen Steinplattenboden behalten, und ich mochte noch so behutsam wie nur möglich auftreten, so lärmten meine Schuhe doch. Dieses Jüngferchen hingegen besaß trotz seiner Holzsandalen eine Art zu gehen, daß man beinahe nichts hörte. Es streckte die Ellbogen rechts und links wie ein Fisch beim Schwimmen die Seitenflossen, beugte den Oberkörper leicht vor und schwamm sozusagen durch die geteilte Luft geräuschlos her und hin, gerade so, als bewegte sie sich nicht mit den Sohlen, sondern mit diesen melodisch geschwungenen Ellbogen.

O dieses unsinnig geschickte Wesen, dachte ich bei jedem leisen Armschwung; es wird das Muster einer Krankenschwester, wird hurtig Oberin, das kann nicht fehlen. Wäre das alte Haus noch ein Frauenstift wie ehedem, Lorenza würde mit zwanzig Jahren und päpstlicher Dispens die hohe, herrschende Äbtissin.

Die eine Lichtseite des Ecksaals, wo just die Alte lag, ging gegen die Straße. Doch das Gemäuer war zwei Meter dick, und bei jedem Fenster lief eine schmale Nische zu den vergitterten Scheiben. Rumpelte auch ein Wagen über die gefrorene Straße, huschten grelle Lampions vorbei und schlug Geschrei und Lachen an die Wände, die wuchtigen Mauern dämpften alle Gewalt der Straße. Was draußen wie ein lauter, frecher Uhu kreischte, schwebte hier wie ein samtstilles Nachtpfauenauge irgendwo in den Schatten nieder.

Lorenza Speri lautete der volle Namen des Dirnleins. Schon früh Waise, hatte die Armenverwaltung es bald da, bald dort verdungen, bis endlich der Präsident des Spitalrats, der ihm zu Gevatter gestanden, das überall gelobte Mägdlein als Aushilfe für den Krankendienst hier ins Erdgeschoß gestellt hatte. Nach einer bestimmten Probezeit wird sie fest besoldet, und wenn die müde Suora Teresa einmal abdankt, wird Lorenza richtige Suora und bekommt den grauen, langen, ernsten Rock, den steifen Kragen und die weiße Schürze mit Brustlatz. Jetzt hat sie erst die Schürze und ohne den behäbigen, rechts und links hochgehefteten Latz, der den Frauen hier so etwas Hausmütterliches und sozusagen Machtvolles verleiht.

Je mehr Lorenza plaudert, süß geflüsterte, wohlgeformte, solide Sätzlein, desto weniger sehe ich die widrige Verunbildung ihres Gesichtes und die unschöne Bewegung ihrer verzogenen Lippen. Ich sehe nur diese lauteren, gelben Augen. Von da kommen die Worte, und von da kommt Glanz, Wärme, Herzlichkeit. Sie vergolden alle Häßlichkeit.

Zwar die Hände wären ohnehin feingliedrig und zierlich wie bei einem Engel des Filippino Lippi. Aber sie sind recht unsauber, und die Schürze hätte heute fürs neue Jahr, wenn nicht schon längst fürs alte, gewechselt werden müssen. Sie sieht aus, als hätten alle dreihundertfünfundsechzig Tage des entschlüpfenden, in wenigen Minuten entschlüpfenden Jahres ihre Finger daran abgeputzt.

Lorenza und ich sind schon in ein so zutrauliches Geflüster geraten, daß mich dünkt, ich dürfte, ja, ich sollte dem Jüngferchen sagen, es solle doch die hübschen Hände reinlicher halten und die Schürze wechseln; zu ihren sauberen Augen passe solche Unsauberkeit nicht. Aber wahrhaft, ich bringe es nicht heraus. Und wie sie mir die grauen italienischen Zückerchen in die Tasse wirft, sehe ich die schwarzen Nägel an den klebrigen Engelsfingern nicht mehr. Ich sehe nur noch den Engel, nicht mehr den Dreck daran. Und mir ekelt doch so schnell. Ach, ein blühendes Geplauder, ein schimmerndes Auge, ein helles, aufrechtes Seelchen, und man ist im Nu aus der bockbeinigsten Pedanterie geworfen und schier ins leichtsinnigste Gegenteil verkehrt.

Mir war gar nicht mehr spitalmäßig zumute. Und als ich wieder ans Bett meines Fahrtgenossen trat, da wurde ich noch vergnügter. Große, kristallhelle Schweißtropfen rieselten ihm aus dem Haar übers Gesicht hinunter. Es dampfte geradezu aus seinen Kissen in die kühle Zimmerluft empor.

»Das ist gut!« lispelte die Kleine. »Bis morgen hat der Patient die ganze Geschichte ausgeschwitzt. Aber dann soll er noch einen Tag im Bett bleiben. Sie können inzwischen unsere Stadt anschauen. Es gibt da viel Kurzweiliges, besonders morgen, wo wir Markt haben.«

»Markt, am Neujahrsfest?«

»Neujahrsmarkt vor den zwei Kirchen an der Piazza! Zuerst ein großes Hochamt mit Geigen und Trompeten. In San Giovanni predigt der Bischof selber. Er steigt auf die Kanzel mit Inful und Stab. Alles ist Gold an ihm. Und wie er redet und die Hand hochhebt und der blaue Karfunkel am Fingerring blitzt! Aber«, und traurig ließ das Mädchen die Stimme fallen, »ich muß leider hier bleiben, mich trifft die Hauswache. Doch«, lebte sie rasch wieder auf, »an Dreikönigen kommt der Bischof zu uns und segnet das Haus. Zwar kennt man ihn fast nicht mehr, so einen einfachen schwarzen Mantel trägt er dann bis zu den Schuhen. Aber der blaue Stein am Finger! Und wenn er dann redet, o dann ist es der gleiche wie auf der Kanzel oben. Unser Direktor mag ihn nicht leiden. Er ist, wie man hier sagt...«, sie zauderte, öffnete dann aber weit den Mund für das vokalreiche Wort und spuckte es sozusagen wie eine giftige Sache möglichst hastig heraus, »... antiklerikal. Verstehen Sie? Er geht nie in die Messe. Ich glaube nicht, daß er noch das Kreuzzeichen richtig machen könnte. Und doch, Herr, und doch sagt er selbst, jedesmal nach dem Besuch des Bischofs gehe es allen Kranken besser. Eine Suggestion!, sagt er und lacht, eine Suggestion! Was so viel heißt als ein Wunder. Suora Teresa hat es mir erklärt. Jawohl, da können Sie von Bett zu Bett gehen, das Fieber ist gesunken, die Schmerzen sind kleiner, und die Patienten machen ein mutiges Gesicht, und man hört lange Zeit kaum mehr einen Seufzer. Denn der Bischof geht von Bett zu Bett und macht jedem das Kreuz auf die Stirne und sagt etwas Starkes. Und ich darf hinter der Suora mitgehen durch die vier Säle im Parterre... Sie sollten so lange dableiben, Sie dürften mitkommen, und der Bischof würde Ihnen gewiß auch etwas Gutes sagen...«

»Ich möchte wohl, aber es geht leider nicht. Wir sollten schon morgen in Neapel sein... Und dann ist also Markt? Am Freitag?«

»Warum nicht? Und was für ein Markt! 's ist gerade, als wollten die Leute schon am ersten Tage zeigen, was sie vom Besten und Schönsten fürs ganze Jahr zu verkaufen haben. Aus den Bergen kommen sie mit kleinen Käsen wie Butter; und mit einer Schafwolle wie Seide. Und vom Land herauf bringen sie Früchte wie im Sommer, und Tücher und Garn von hundert Farben. Aber wir hier«, fügte sie mit leisem Bedauern hinzu, »wir tragen nur Weiß und Grau. Das ist einmal so!«

»Ich finde das schön, Weiß und Grau«, erwiderte ich und konnte es nun doch nicht unterdrücken, scheinbar harmlos zu wiederholen: »Recht hübsch grau und sehr, sehr weiß!«

»Und denken Sie«, fuhr Lorenza ungerührt über meine Bosheit hinweg, »da gibt es Geflügel, schon gebraten, tellerwarm. Du sitzest gleich hin und issest. Und Krebse, groß wie mein Kopf. Man meint, sie seien gefroren, so tot liegen sie im Zuber. Aber tupfst du hinein, rattadibatta fängt alles zu leben an.«

»Und was noch?« fragte sich Lorenza und rieb mit dem Handrücken die Schläfe... »Ach ja, Hasen, Fasanen, Rehbraten bekommt man und ist doch die Jagd verboten. Aber kein Mensch sagt ein Wort, und der Bischof am Portal segnet alles. So wird es wohl in Ordnung sein.«

In solchem Ton und frischem Zug plauderte das noch halbe Kind, aber vergaß dabei nicht, bald an dieses, bald an jenes Bett zu treten, die Decken zurechtzuziehen, den Ofenschieber zu regulieren und alles in den sonst so klappernden Zoccoli wie auf Katzenpfoten, die Arme vorgebogen, eher schwimmend als gehend.

»Ihr Freund hat kaum noch Fieber«, brachte sie vom Lager Corrados zurück. »Ich schätze 37,3 Grad, höchstens 37,4 Grad. Der Puls geht durchaus normal. Und Sie? Bitte!«

Ich bot ihr den Handknöchel. Etwas wie Samt legte sich mit ihren beschmierten weichen Fingern darum. Aber mir war, ein Funken Jugend hüpfe aus dieser Hand in mein altes Gehäuse hinüber, und nicht bloß Jugend, auch ein Funke Güte, Heiterkeit, Gott- und Menschenvertrauen, ein Funke Mut für den großen Unbekannten: das neue Jahr.

»Ihr Puls geht viel schneller. Das hüpft ja nur so. Sie haben Ihrem Freunde das Fieber abgenommen«, spaßte sie.

»Der viele Tee«, widersprach ich, »daher kommt's.« – Ich schob die Tasse weg. Unvermerkt hatte ich sie wohl zwei-, dreimal nachfüllen lassen und ausgetrunken.

»Kamille beruhigt doch!«

»Im Gegenteil, mich regt sie auf.«

Es gab einen kleinen munteren Streit, dem ich damit ein Ende machte, daß ich bat, die alte, verlöschende Cecca betrachten zu dürfen.

Lorenza nahm die Handlampe und zündete über das sozusagen versteinerte Gesicht der hohen Achtzigerin. Diese Greisin merkte nichts mehr von Licht oder Dunkelheit. Die Augen waren streng geschlossen, und die Wimpern schienen wie verdorrt. Aber die kleinen Nasenlöcher hielt das Weib gespreizt und den Mund halb offen. Luft! Luft! Die Zungenspitze lag schief und leicht gerollt auf der Unterlippe, trocken und schwach bewegt im letzten Durst des Lebens. Lorenza träufelte aus einem Fläschchen etliche Tropfen darauf. Aber die Alte regte sich nicht. Welch kleines Köpflein! Wird man zuletzt, bevor man zur Erde verbröckelt, so klein? Und was für ein braunes Gesicht, als wollte es sich möglichst der nahen Scholle angleichen. Man merkte kaum noch einen Hauch aus ihm. Über dem Bette tickte eine leise Wanduhr. Der Zeiger stand fünf Minuten vor Mitternacht. Und so verhielt es sich wohl auch mit Cecca. Noch ein paar Augenblicke, und ihr großer, langer Tag war vorbei. Ja, man hätte glauben können, es habe hier schon Zwölfe geschlagen.

Das also bleibt, so ein unbewegliches, hilfloses Häufchen aus Haut und Bein und versiechendem Atem, nach einem langen, starken geschäftigen Leben! O Gott, und da sollte nachher alles zu Ende sein, so zu Ende! Unsinn!

Aber trotz ihrem erbärmlichen Zustand machte die Sterbende einen fast lieblichen Eindruck. Da gab es keine Reue, keine Angst, keine Bitterkeit, sondern eine unnennbare Ergebenheit, eine Geduld und Entsagung, wie dies des entlaubten Baumes im Spätherbst, aber dann da und da und überall huschte mit göttlicher Heimlichkeit etwas herum von einem großen, sichern Nachher, ein Warten, ein Vor-der-Türe-Stehen, ein Wissen, daß sie aufgeht, eine sorglose Sicherheit des ewigen Daseins.

»Als Cecca noch bei Bewußtsein war«, erzählte Lorenza, »wettete die Alte mit dem Doktor, sie würde das neue Jahr noch erleben. Es gilt eine Flasche Vesuvio, sagte sie. Davon trank sie gern ein Gläschen. He, he, sehen Sie, jetzt schlägt es. Bravissima, sie hat die Wette gewonnen.«

Lorenza klatschte in die Hände, die Uhr aber schnarrte leise und klöppelte dann zwölf rasche Schläge hintereinander, Neujahr!

Der Augenblick hatte etwas Rührendes und zugleich Festliches. Wir vergaßen, uns die Hand zu reichen und den üblichen Neujahrsspruch zu sagen. Es fiel mir auch nicht ein, wie ich mir vorgenommen hatte, meinen Freund zu wecken, um der erste Gratulierende zu sein.

Nun schlug auch eine Uhr im Gang, und bald vernahmen wir aus der Ferne Glockengeläute. Die Straße vor uns wurde laut. Plötzlich knallte es wie von einer Bombe auf und blitzte für einen Augenblick grell in unsern Saal. Feuerwerk! Aber die Greisin bewegte sich nicht im geringsten. Sonne und Mond konnten platzen, sie blieb so.

Man hörte Jauchzen, Musik, Böllerschüsse, Raketen. Vom Korridor kamen Schritte. Die Suora brachte uns zwei dampfende Gläser Punsch, und jetzt erwachten auch wir fürs neue Jahr, dieses große, süße Geheimnis, tranken, gratulierten, lachten wieder. Beim Weggehen versprach die Suora, sie wolle Lorenza um ein Uhr ablösen. Sie sängen in der Küche noch ein paar Lieder. Ich bekäme Nummer neun zum Schlafzimmer.

Mir war aufgefallen, wie die Alte so ein blendend weißes Hemd trug. Ein unsagbarer Odem von Sauberkeit umgab sie sogar jetzt noch in ihrer Ohnmacht. Das sagte ich nun dem Jüngferchen und konnte mich dabei doch nicht enthalten, sehr kritisch auf seine garstigen Hände zu gucken.

Jetzt wurde Lorenza rot, schob die Hände unter die Schürze, rollte auch diese zusammen und blickte scheu zur Seite. Sie hatte verstanden.

»Ich weiß schon, o entschuldigen Sie, wir haben kein Wasser als in der Küche. Aber freilich, man sollte... Nun, wir bekommen zu Ostern die Leitung in die Zimmer. Der Dottore hat es endlich erzwungen. Dann, o dann! Ach, Herr, wenn man das Wasser nicht hört und nicht sieht, wie daheim am Brunnen, so vergißt man zuletzt...«

»Schon recht, ja, ja, schon recht«, bat ich und bereute schon meine Kritik. Bleib' nur, wie du bist, dachte ich, sauber, wo's am schönsten ist.

Aber Lorenza erzählte nun, was für eine blitzblanke Wäscherin Cecca gewesen sei, die sprichwörtliche Reinlichkeit und dem ganzen Spital ein Vorwurf. Man habe sich so geschämt, und besonders der Arzt, daß es nun keine Ruhe mehr gab, bis die Stadtverwaltung eine Wasserleitung durchs ganze Gebäude zusagte, und zwar kaltes und warmes Wasser.

»Denken Sie, Herr, warmes auch«, staunte Lorenza mich an. »Dann will ich so sauber sein wie die gute Cecca, bestimmt. Als Don Filippo der Alten die Sakramente reichte, sagte er: ›Du bist ja weißer als ich!‹ Jawohl, sein Chorrock war auch nicht am saubersten. Da mußt' ich weinen, einfach ich mußte. ›Was hast du?‹ fragte er. Ich zeigte auf meine Schürze. ›Schon, schon‹, antwortete Don Filippo, ›waschen, ja sicher, waschen, aber zuerst von innen heraus.‹ Nein, nein, auch von außen, dacht' ich mit Respekt...«

Oh, wie sie plapperte, die junge, glückliche Unschuld, bis mir die Augen zufielen und ich nach Nummer neun schwankte. Nie, nie werde ich diesen Silvesterabend vergessen.

Als ich zwei Tage später mit dem genesenden Kameraden weiter zog, bot mir Lorenza unter der Kammertür, im Vestibül und am Haustor, jedesmal kräftiger die Hand. Sieh', sieh', sie trug eine blendend weiße Schürze, aber die Fingernägel, ach, die Fingernägel waren an den schwarzen Rändern noch nicht beschnitten. Jedoch die Augen strahlten wie mit frischem, goldigem Öl gefüllte Lampen.

Der Briefträger schrieb schon Adressen im Bett; aber Cecca lag unveränderlich da, und ihr Mückenatem trübte noch leise das Spiegelchen. Sie wollte die Wette nicht knapp, sondern reichlich gewinnen. Wer weiß, ob sie nicht noch den gewonnenen Vesuvierwein sehen, daran riechen, ihn einpacken und als kräftigen Reiseschluck auf den ungeheuren Weg ins Jenseits mitnehmen will?


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