Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Nun konnte ich sie genauer betrachten. Sie glichen sich im schmalen Gesicht, der geraden Nase, dem zierlichen Mäulchen, den kleinen, abstehenden Ohren aufs Tüpfelchen. Auch das Haar hatten sie halbkurz geschnitten und über dem linken Ohr sauber gescheitelt. Schwarz war dieses Haar, aber noch viel schwärzer waren die großen Augen, die nur ein dünner Kohlenstrich von Braue überwölbte. Es waren Drillinge, zur selben Stunde geboren, in einer regenfinstern Weihnacht um die Zwölfe. Nicht der Glanz des goldigen Bambino, sondern das Dunkel jener Mitternacht hing an ihnen. Doch funkte und zuckte ein heißes Leben von ihren hellen Lippen, und so kalt und ruhig ihre Augen schienen, sie leuchteten doch bei jeder Bewegung wie ein nächtliches Wasser auf.

Sie leckten Gefrorenes mit Schokolade, und der Dunkelste von ihnen, der den Becher im Nu ausgelöffelt hatte, hämmerte mit den langen, wohlgepflegten Fingern ungeduldig auf dem Tisch, als wartete er auf etwas. Er redete kein Wort. Die beiden andern dagegen schwatzten mit ihren halbgebrochenen Stimmen über jedes Mädchen, das vorüberwandelte, mit kritischem Blick und herrischer Freiheit.

Da hörte man von ferne ein lautes, schrilles Gebrüll: »Novità, recentissimi Telegrammi!«... Die Gesellschaft reckte die Köpfe aus dem Gesumme. Das Geschrei kam näher. Einige Männer machten einen Soldo bereit. Der Olivenfarbenste von den drei Brüdern, Innocente, griff geradewegs in die Westentasche nach der ersten besten Münze, und seine Augen loderten gewaltig der Stimme in die Nacht entgegen.

»Stupenda cosa... Signori...« brüllte es schon nahe, »... incredibile notizia da Londra...! Eh... mirando discorso del Presidente... leggete, leggete!«

Jetzt taucht eine flinke, geduckte Figur aus dem Dunkel. Sieh da, unser Balzo, der Eidechsenquäler. »... Il Polo Nord e preso!«

Mit seinem breiten Dickkopf überfliegt er die Gesellschaft triumphierend. Kann ein König Größeres melden? Er sieht alle Hände nach sich ausgestreckt und faßt schon mechanisch eine entsprechende Menge von Zeitungsnummern zwischen die kurzen, schmutzigen Finger: »... sei... dodici... ventun... ebben ventun!« Da erst erblickt er hinter dem Balkonpfeiler unsern Tisch und die drei Marchesesöhne. Es ist Innocente, der ihm die Zehen zertrat. Und wie ein treuer Hund beachtet Balzo keinen der einundzwanzig schreienden und heischenden Menschen mehr, sondern bricht sich mitten durch Gäste und Sessel hindurch Bahn und legt die erste und oberste Zeitung dem Olivgrünen mit einem tiefen Knicks bequem und entfaltet auf den Tisch. Dann den beiden andern je eine. Darauf wirft der erste, schon in die Zeitung vertieft, eine Silbermünze gegen den Buben. Der, beide Hände voll Zeitungen, schnappt sie wie ein Pudel mit dem Mund auf und grinst glücklich dazu. Diese bleichen Adelsbuben in den feinen gelben Hosen sind verdammt hochmütig und launisch, das ist wahr. Aber dafür geben sie ihm Silber. Das gleicht sich prächtig aus. Und sie klopfen ihm oft auf die Achseln wie einem ihresgleichen, oder lassen ihn ein halbes Glas Gazzosa austrinken. Was wahr ist, muß man gelten lassen.

Nun erst, mit der Silbermünze zwischen den blitzenden Zähnen, geht Balzo Feda von Tisch zu Tisch und verteilt die übrigen Zeitungen. Zwischenhinein spuckt er die Münze in den Ärmel und schreit mit heiserer Stimme weiter: »Trovato il Polo! Miratevi, Signori!... da P . . .ë . . . a . . . r . . . y!«

Also doch, also doch, sagten die Leute. Der Nordpol entdeckt! Das ist das Oberste von der Welt, das Schwierigste, das Eisigste, wo die weißen Bären hocken, und wo sogar die Luft gefriert. Und ein Engländer hat ihn gefunden! Diese verfluchten Engländer! Erst haben sie sich an einem Seil in den Höllenkrater des Vesuv hinuntergelassen, und jetzt finden sie mitten in Eisbergen auch den Nordpol. Nichts ist ihnen zu kalt und nichts zu heiß... So redet, schreit, erklärt man, gebärdet sich wie ein Mitentdecker, und der Barbier Tononi, ein geborener Römer, zeigt, wie die Seehunde watscheln, und ahmt das blöde Schnüffeln der Walrosse nach. Man plaudert von grünem Eis und von siebzig Grad Celsius unter Null. Und wirklich, in die immer noch große umbrische Schwüle dieses Bergstädtchens kommt nach und nach ein kühles, süßes, eisblaues Aroma vom obersten Globus und legt sich auf das stets noch sonnenwarme Pflaster und erfrischt die müde Luft.

Die drei Herrchen lesen und rauchen und löffeln ein zweites Glas Limoneneis aus. Sie verwundern sich gar nicht über die Eroberung des Nordpols. Das gehört sich, daß man diesen Fleck Erdkugel endlich erreicht. Und überhaupt, man soll nur erfinden und entdecken und durch das Land und alle Wissenschaft sich hindurchschwitzen! Wozu sind denn die Menschen da? Doch zum Dienen und Bequemmachen der Welt. Dafür zahlen wir sie, und dafür müssen sie uns unterhalten und die Zeitungen mit ihrer Not und ihren Erfolgen füllen. Wir reichen Marchesi sitzen dann an ein Glas süßes Eis, kaufen die Zeitung und lesen ihre Geschichten. Ehre genug für sie, unsere braven Theaterspieler.

Genußselig schlecken sie an ihrer Süßigkeit weiter. Inzwischen hat Balzo allen sein Blatt ausgehändigt. Nun kommt er an unsern Tisch zurück. Er hat mich sogleich erkannt und zwinkert mir verschmitzt mit den Augen zu. Na, Herr, soll das heißen, die Eidechse ist ja nicht verbrannt, machen wir Frieden!

Bescheiden rückt er an mich heran und frägt: »E Lei, Signore, ne vuole? Il Messaggero?«

»Gib mir denn einen!«

»Benbene, il Polo è trovato da P . .ë . . a . . r . . y!«

»Da P . . i . . r . . i, si dice!« knirscht Innocente mit aufblitzenden Augen und tritt geschickt mit seinem schönen gelben Stiefelabsatz dem Burschen auf die Zehen, genau, wo er ihn gestern gequetscht hat.

»Uch . . ch . . ch . . risto santo!« schreit Balzo und hebt das Bein. »Stimatissimo Signorino, perche non l'altro?«

»So gib den andern Fuß her, vorwärts!«lachte Innocente belustigt.

Aber Balzo hütet sich wohl, den rechten Fuß auch noch treten zu lassen. Sorglich zieht er vor den gelben Schuhen seines Peinigers die nackten Füße zurück. Nun erst sehe ich, daß Innocente das wundervolle neue Paar trägt. Wie viele Füße wird er wohl mit diesen neuen Stiefeln treten? Und wann kommt wohl einmal die Reihe an ihn? Etwa nie? Das wäre gegen alle Ordnung.

Balzo Feda jedoch blieb immer nahe stehen und beguckte mit frechen Bettleraugen die drei Eisbecher. Innocente hatte noch ein zitronengelbes Stücklein Eis im Glas. »Darf ich?« flüsterte Balzo und streckte die Hand darnach aus.

Der bleiche Innocente wirft rasch seine angebrannte Zigarette in den Becher, daß es zischt. Dann nickt er und sagt: »So, nimm jetzt!«

Balzo Feda nicht faul, fischt sogleich die Zigarette aus dem schwimmenden Eis, leert das Glas, bedankt sich und bittet um Feuer.

Der junge Baron zündet sich sofort eine Zigarette an und da, wahrhaft!, hält er sie Mund gegen Mund an das Stümplein des Bettelbuben, bis dieses wieder hübsch aufglimmt. Gleich dampft Balzo eine mächtige Wolke aus beiden Nasenlöchern, bedankt sich nochmals mit tiefgeneigtem Kopf und spricht: »Vossignoria fedelissim' Servitor! Felice notte!«

Dann taucht er im Dunkel unter. Aber an der nächsten Straßenecke brüllt er nochmals: »Der Nordpol entdeckt von P . . i . . r . . i! Si dice P . . i . . r . . i!«

»Er ist ein guter Teufel«, lachte Innocente. »Da hört, nun spricht er schon P . . i . . r . . i!«

»Auf Ehre, das ist ein flinker Schüler«, mischte ich mich ein. Ich konnte nicht mehr schweigen.

Der junge Herr sah mich verwundert und eiskalt an. Ich aber ließ mich nicht irre machen, sondern wiederholte mit einem boshaften Lächeln: »Geradezu das Ideal eines Schülers...«

»Er ist ein armer, guter Narr!« beliebte mich jetzt der Sechzehnjährige zu belehren. Er redete nachlässig durch die Nase.

»Aber er wird bald englisch sprechen, ich wette..., diese Fußtritte...«

»Oh!«näselte das hübsche Marcheslein und blies eine blaue Zigarettenwolke aus dem Munde, »cotale non ne sente... das spürt so einer nicht.« Und wohlgefällig betrachtete er seine zwei gelben, schönen, grausamen Stiefelchen.

Aber Balzo ging, die Zigarette im Mund, spuckend und den Rauch durch die Nase ziehend, mit fröhlicher, wenn auch müder Schlingelhaftigkeit in sein elendes Quartier auf die harte Strohmatratze. Er überschlug, auf dem Rücken liegend, das heutige Geschäft. Es ist ein guter Tag, dachte er. Ich habe eine Zigarette, einen sehr guten Schluck Eislimone und eine Lira bekommen. Alles von diesem großartigen Innocente di Portaglioni, ungerechnet die üblichen Tageseinnahmen. Freilich, auch zwei Fußtritte. In Gottes Namen. Für eine Lira und eine Zigarette ist das nicht zu viel. Aber morgen ziehe ich die Sandalen an.

Von nun an grüßte mich Balzo Feda immer sehr vertraulich. Sicherlich nur, weil er mich am gleichen Tisch mit seinen drei Prinzen gesehen hatte.

Am Tag meiner Abreise besuchte ich noch das Rathaus und betrachtete mir dort aufmerksam »Die Verkündigung Mariens«. Das Bild ist von Ghirlandajo. Viel Andacht war daraus nicht zu schöpfen. Es ist, wie so viele andere des gleichen Meisters, von einer gewissen malerischen Zungenfertigkeit, geschickt und sicher hingemalt und darf sich noch jetzt, nach vierhundert Jahren, in seiner farbigen Stärke sehen lassen. Aber es lebt so gar keine himmlische Atmosphäre in dieser Gruppe, alles hat seine kurze, eitel-irdische Absicht, jede Wolke, jeder Engel, jedes Lächeln. Dabei geht die einzige erlaubte Absicht, Andacht, geht die ganze religiöse Seele des Ereignisses verloren. Wieder, wie so oft, versuchte ich mir umsonst das Rätsel dieses Mannes zu deuten, der so viele Fresken und Bildnisse schuf, dieses Rätsel, gemischt aus Frische und Mache, aus Theater und Natürlichkeit, aus Geistesfülle und Seelenlosigkeit.

Da zog mich jemand am Ärmel. Der kleine Balzo Feda stand hinter mir mit seinem Bündel Morgenblätter. Er war barfuß, aber hatte eine Zehe schmierig verbunden.

»Ist das nicht gut gemalt?« sagte er wichtig in seinem weichen Umbrisch. »Die Madonna und der Engel dort?«

»O... das macht sich... ich glaube, Maria war viel schöner und frömmer.«

»Das kann nicht sein. Ein Inglese hat allein für den Kopf des Engels Gabriel zwanzigtausend Lire geboten... ein Inglese oder Amerikaner!«

»Ach, die Engländer und Amerikaner!« sagte ich leichthin und zuckte die Achseln.

»Oho, Signore, das sind die gescheitesten Leute. Die verstehen die Bilder und zahlen gut. Und sie erfinden am meisten. Sie haben den Nordpol erfunden...«

»Erfunden... das glaub' ich eher als... gefunden.«

»Gefunden, gefunden, Signore. P . . i . . r . . i ist ein Inglese oder Amerikaner. Ne vuole?...« Er zeigte auf die Morgenblätter.

»Gib also!«

Er gab mir einen »Secolo«. Da erinnerte ich mich an jenen andern, brennenden »Secolo« vor zwei Tagen. Ich zahlte ihm das Doppelte, aber klopfte dann ernsthaft auf seine Achsel und sagte: »Vorgestern wollte ich dir eine Ohrfeige geben.«

»Ei, was, Sie spaßen. Warum denn?« fragte der Junge und machte ein unschuldigeres Gesicht als der Engel Ghirlandajos.

»Weil du die Eidechse verbrennen wolltest. Pfui, ein liebes Tier so martern!«

»Ma, Signore«, versetzte jetzt der Bub und lachte mit allen breiten Schaufelzähnen und unerhört ehrlichen Augen zu mir herauf, »cotale non ne sente, niente, niente... das spürt nichts, gar nichts!«

Ich stand da wie ein verdutzter Professor, dem plötzlich mitten im Schelten der ganze Faden, ich weiß nicht wie, entschlüpft, so daß er sucht und schnappt und um sich greift und ohne Halt, wirr und stumm in den Stuhl zurücksinkt. Zuletzt, um nur den so verwunderten und spöttischen Augen des Balzo zu entwischen, sagte ich in heller Verlegenheit: »So gib mir doch einen Secolo!« Ich zahlte das Blatt – es war das nämliche, das ich schon in der Hand hielt – und lief davon.

O ihr gefühllosen Schlingel des Südens! –

Doch nein, ich nehme das zurück. Denn als ich durchs Städtlein ins Tal hinunterstieg, sah ich das Nichtlein wieder so still und frierend wie vor drei Tagen am Gesimse sitzen und scheinbar teilnahmslos ins Straßenvolk schauen. Aber dann und wann, wenn ein Gassenmensch zum Töchterchen aufblickte, nur einen Augenblick, aber mit den großen, frechen, starken Bubenaugen Italiens, dann schirmte sie das Gesichtlein rasch mit dem Fächer und getraute sich lange nicht mehr hervor. Alsdann war sie nicht mehr so alabasterbleich, sondern von einer scheuen Röte wie nach einer großen Scham.

Ach, dachte ich mir, dieses Narni ist so ein kleines, vergessenes Bergnest. Und trotzdem gibt es da alle Freuden und Schmerzen, jeden Hochmut und jede Niedrigkeit der Welt. Cäsaren und Bettler, Engel und Teufelchen, Tyrannen und Märtyrerinnen leben hier. Und dieses Nichtlein des Bischofs, das sich heimlich verzehrt in Sehnsucht nach dem schönen, stolzen Innocente und ihn doch halb verabscheut, sich schämt, ihn zu sehen, und dann doch wieder für ihn mit der Inbrunst einer Heiligen betet, ist dieses Jungfräulein nicht mehr als so ein Narnikind, ist es nicht das junge Italien selber, nämlich jenes junge, reine, edle Italien, dessen Herz nicht im Montecitorio, noch auf dem Kapitol, noch in den lärmenden Gazetten Roms und Mailands, sondern in einer scheuen, tausendfältigen Verborgenheit schlägt und sich freut und schämt, liebt und duldet und betet für seinen Geliebten, den noch so unruhigen, ungeläuterten, aus Stolz und Hochsinn, aus cäsarischem und gracchischem Geist, aber auch aus uraltem Sklavensinn gemischten, mächtig ausschreitenden Jüngling Staat? Werden sich diese beiden wohl einmal finden?


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