Heinrich Federer
Umbrische Reisegeschichtlein
Heinrich Federer

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Dem Tarcisius schlägt die Begeisterung wie rote Flammen über dem Kopf zusammen. Zum Kaiser! Zum Kaiser! Im Augenblick vergißt er Monica Severa und den alten Diener im Verlies, vergißt den Schließer Laban und die Worte des Bischofs Caius und alle Vorsicht. Er ist nicht mehr das Palmeselein des Herrn. Er will ein Löwe des Herrn sein, ein brüllender Löwe Gottes. Er geht ein paar Schritte dem kleinen Portal entgegen, blind und wild vor heiliger Waghalsigkeit. Dann klingen ihm plötzlich drei schrille Caveas! Gib doch acht! ins Ohr. Nicht von den Wachtsoldaten. Nein, von den fünf oder sechs großen, feinen Buben, die auf den Marmorplatten des Platzes das klassische Belagerungsspiel: Obsessio Carthaginis, ausführen.

»Was trittst du mir auf die Linea?« schreit den Tarcisius jetzt einer an. »Sieh doch, von hier muß ich in die Vorstadt dringen.« Eifrig stößt er mit dem Ellbogen den kleinen Fremdling zurück. Nun erst bemerkt Tarcisius, was er vor der Wichtigkeit seiner eigenen Obliegenheiten völlig übersehen hatte: das mit Kohle über die Platten gezeichnete Spiel: Karthago in der Mitte, ein großer Kreis mit den rundum laufenden kleineren Kreisen der Vorwerke. Dann römische Stationen von allen Seiten furchtbar nahe gerückt, und dazwischen ein quadratisches Netz von Zufahrten und Einbruchsstellen, wo punische und römische Elfenbeinfigürchen in geistreicher Einteilung hin und her postiert sind und sich nach einer fein geregelten Mathematik gegenseitig zu schädigen und dringend auf den Leib zu rücken suchen. Tarcisius kennt das Spiel gut. Es ist seine Liebhaberei. Wie oft hat er Karthago schon eingenommen, sogar von der Meerseite allein und nur mit drei statt mit den üblichen sechs Legionen! Oh, er kann erobern! Er wird dem Kaiser sagen: Ich bin ein Flaminier. Ich will ins Heer. Lasse mich bald Feldherr werden! Du wirst was erleben... Ei, ei... – Tarcisius sieht genauer hin – wie ungeschickt Hasdrubal kommandiert! Da läßt er den Quintus Marcius um den Ostturm marschieren und wirft den Hauptstoß gegen die Seetruppen und merkt nicht, daß Marcius an der dritten Station eine Schwenkung nach rechts vollziehen und mit drei Läufen bequem durchs Hinnaltor in die obere Stadt spazieren kann. Der Dummkopf! So ist das Spiel nicht schön... Laut schreit er: »Du bist ein hübscher Karthager! Dich peitschte Hannibal! Sieh da, die dritte Station!... und Marcius... schnell auf den Campus Ibig!... nein, nein!... nicht mit diesen... da mit der Truppe Hispania!... so... so!... Das ist gut!«

Die Belagerer sehen den Fremdling wütend an. Aber Tarcisius lebt schon ganz im Spiel. An der Seestation gibt es noch eine Schlauheit. Sie verstecken dort das halbe Militär und locken die Hasdrubalisten ans Nordwerk. Daß die Stadt das nicht merkt!... »Hier, gib doch acht!... Man kann es nicht mit ansehen!... Du da, Hasdrubal... sieh doch die Statio marit...!«

»Willst du schweigen, Laffe!« droht jetzt der größte der fünf Buben und stößt dem Warner die Faust vor die Brust. Tarcisius taumelt ein wenig zurück, die linke Hand unbeweglich unter dem Brusttuch, als trüge er den Arm in einer Schlinge, aber schon rettungslos mit Kopf und Herz in die Operation auf den Fließen verrannt.

Indessen hat Karthago an der Nord- und Ostflanke noch zeitig den rettenden Gegenzug getan. Die Stadt ist einstweilen ohne Gefahr. Die Scipionen sehen allen Fleiß und alles Genie einer Stunde verloren. Der Jüngste wirft zornig mit einem Fuß das ganze Lager zusammen und springt wie eine Katze fauchend auf Tarcisius los. Es ist Clodius Piro, ein verwöhntes Jüngelchen des Feldherrn Piro Anxius. Auch die anderen drei Adelsbuben, deren Väter Senatoren sind und wohl beim Kaiser drinnen Rat pflegen, machen sich bösartig an den Knaben. Sie bilden einen drohenden Ring um ihn, fangen an zu knuffen und zu stoßen. Aber der Karthager, dem Tarcisius die Stadt gerettet hat, gibt ihm mit seinem Schnürschuh einen scharfen Tritt und sagt: »Meinst du, ich brauche deine Hilfe? Du Geck! Da! Und da!«... Und blitzschnell schlägt er ihm das Bein ums Knie und stößt ihn hintenüber zu Boden. Doch noch schneller hüpft Tarcisius wieder auf, die Augen voll Empörung, aber den linken Arm steif unterm Rock.

»Warum wehrst du dich nicht?« spottet Clodius. »Was trägst du so versteckt bei dir? Heraus mit der Hand. Kämpfe mit mir, wenn du so ein punischer Prahler bist!«

»Die Hand heraus!« schreien die Buben. »Er hat einen Dolch bei sich! Oder etwas gestohlen! Ein Dieb! Faßt ihn, packt ihn!«

Tarcisius sieht auf einmal mit zu Tode erschrockenen Augen, in was für eine furchtbare Geschichte er sich... nein, nicht sich... seinen heiligen Christ verwickelt hat. »Laßt mich!« bittet er, und alle Kühnheit schmilzt in seinen Augen, »laßt mich! Ich muß ja weiter. Es ist nichts für euch... o lasset mich!«...

»Hab' ich nicht recht? Das Bürschlein hat gestohlen. Zerrt ihm den Arm herfür!... He, Sklaven!« gebietet der schmal- und blaßwangige, hartmäulige, aber vor Freude am Abenteuer jetzt aufglühende Clodius. Und sogleich stürzen einige Mohrenjungen, die ehrerbietig unter den Säulen auf ihre Herrchen aufpassen mußten, über den Platz herzu. Da wollen sie zugreifen. Da wollen sie die Gunst ihrer launischen Regenten erwerben. Sie, die oft Geprügelten und Gemarterten, wie selten können sie's vergelten!

Als Tarcisius diese ungeheure Not sah und nirgends eine Ritze zur Flucht, da schrie er hell auf. »O mein Herr Jesus Christus, was habe ich gemacht!«

»Christus! Ein Christ! Hört ihr?« ging es jetzt jubilierend durcheinander. »Das sind alles Verräter, Diebe, Mörder! Hab' ich's doch gleich gedacht. Haut ihn! Würgt ihn! Den Arm heraus!... Er ist ein Eselanbeter... Man darf ihn töten wie eine Ratte.«

Ein wilder Knäuel entstand. Mit Riesenkraft drückt Tarcisius die Hostien an sich. Mag man ihn töten, wenn sie nur seinen herrlichen Gott nicht antasten können, diese Sudler und Geiferer. O Ewigkeit, aber wie kann er's wehren? »Jesus, verzeih mir! Laßt mich sterben! Aber du entflieg! Fahr auf wie ein Vogel aus meiner Hand. O Christus, rette du dich schnell, schnell!«

Er fühlt nichts von den Fußtritten und Schlägen und merkt es nicht einmal, wie Clodius ihn wie ein Tiger in den linken Arm beißt. Er fühlt nicht, wie ihm unter den Negerfingern am Hals der Atem ausgeht. Er spürt nur, wie alles an seinem Rock zerrt und an seinem Christus sich vergreifen will. Sie klauben ihm schon die Finger auseinander. »Christkind, allerheiliges, ich kann dich nicht mehr schirmen. Sag', wo rett' ich dich? Sag' doch!«

»Zeig', was du hast!« fordert Clodius ins blaue, erstickende Gesicht hinein, »oder wir würgen dich, wie man euch in der Arena erdrosselt, ihr Kindleinfresser!«

Dieses Schimpfwort war wie eine Erleuchtung für Tarcisius. In diesem Augenblick schien es ihm, als sänge Christus an seiner Brust: »Wohin du mich retten sollst? Kannst du fragen? Zu dir! In dein Herz! Jetzt, jetzt empfange mich zum Abendmahl, weil du es gestern nicht konntest.«

»Ich will... euch... zeigen«, röchelt es aus seiner Kehle.... »lasset mich... sonst zerdrück... und ihr seht... nichts.«

»Curius! Timon! Sparto!... Lasset ihn los!« befiehlt Clodius, »er will uns zeigen, was er in der Faust hat... Gib her, Schuft! Aber dann in die Kloaken mit ihm!«...

Einen Moment lang ist Tarcisius frei. Er fühlt seine Kräfte schwinden und etwas wie einen Schleier über seine Augen gehen. Blitzschnell muß er die Gnade benutzen. »O Jesus, ich bin nicht würdig«, betet er leise, reißt die Hand mit den zerbrochenen Hostien aus dem zerfetzten Rock, ruft mit schwacher Stimme: »Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!«... und während die Buben noch vor Staunen stillstehen, schluckt der kleine Held unter seligem, siegreichem Lächeln das heiligste Sakrament rasch hinunter. Wie sie ihn jetzt auch erbost wieder würgen und schütteln und zu Boden stampfen und Clodius ihn schandbar verspeit, er bewegt keinen Finger mehr, hört nicht auf, unter den Negertatzen zu lächeln, und weilt schon lange bei seinem geliebten König Jesus, während die römischen Fratzen noch immer aus seinem entseelten Figürchen das heilige Geheimnis herauszumartern suchen. Er lächelt immer noch. Er ist kein Feldherr geworden und hat kein Kapitol erobert. Aber er hat in seinem Heldenstündlein alle Wildheit seines Lebens gutgemacht und die ewigen Hügel und Throne in einem Siegesstreich genommen.

Auf das furchtbare Gerumpel und Gebrüll vor dem Tor trat der Kaiser aus seinen großen Weltgeschäften unwillig ans Gesimse und rief: »Ruhe!«

Da sah er die Leiche des Knaben und daneben die jungen Mörder. Und Clodius, ein Schwestersohn Diokletians, hatte den Mut zu sagen: »Kaiser, dieser kleine Schuft hat so gelärmt, bis wir ihn stille machten. Es ist ja nur ein Christ!«

Da schickte der Kaiser den Senator Felix Drusus mit zwei Quästoren zum Trüpplein, um die Sache zu untersuchen, und kehrte mit einem nochmaligen und stärkeren Kommando: »Ruhe!«, vom Gesimse zu seinem mit Karten und Schriften beladenen Tische zurück.

Aber eines der schönsten Engelchen im Himmel, dessen goldenes Gefieder nagelneu schimmerte und dessen Heiligenschein ums Haupt besonders mächtig gezackt war und das dem braunen Heldengesicht des ehemaligen Tarcisius bis zum Nasenzipfel glich, so ein Engelchen, das gerade den letzten Staub Erde von den Zehen putzte, hörte das kaiserliche: »Ruhe!«, und mußte unsäglich fein lächeln: »Nein, nein, Kaiser, wir lassen dir keine Ruhe! Schau, was so ein Knirps von Tarcisius dir schon für einen Skandal macht. Nun rechne, wenn unsere großen Mannen kommen! Nein, wir lassen der Welt keine Ruhe. Wir rumpeln und schreien, bis sie christlich geworden ist.«

Dann schlenkerte das hübsche Himmelsgeschöpf noch einmal beide Füße, ob ja nichts Irdisches mehr daran klebe, lächelte nochmals zur alten, törichten Erde und dem dummen Kaiser hinunter und flog dann bolzgerade durch eine rosarote Wolke empor, um vor dem Thron der Dreifaltigkeit seinen schönsten Knix zu machen und dann sogleich dem silbergrauen Apostel Petrus sein Geschichtlein und viele Grüße vom Papste Caius zu erzählen.

*

Zweifelnd, ob ich der Legende und ihrem frohen Märtyrerknaben nicht wehe getan hätte, horchte ich dem etwas spaßigen Echo der letzten Worte nach und erwartete von meinem totenstillen Nachbar in der Bank jetzt ein Wort des Dankes oder der Befriedigung. Aber er regt sich nicht. Dachte er über all das nach, über dieses Neue in der christlichen Welt? Hat es ihm imponiert? Würde er es in Zukunft mit Ehrerbietigkeit betrachten und nie mehr darüber spötteln? Oder schlief er am Ende gar? Ich konnte es nicht herausbringen. Um keinen Preis aber wollte ich ihn jetzt anreden. Möge er sich mit Tarcisius unterhalten! Das wird ihm wohltun.

Ich hüllte mich besser in meine Tücher, schloß die Augen und horchte noch ein Weilchen auf das Tropfen der Dachtraufen. Jeden Augenblick erwartete ich, daß Ximenes die Stille bräche. Endlich war es mir, er sage etwas. Aber es schien doch nicht seine trockene, kindlich heisere Stimme. Es klang lauter. Zugleich zuckte ich unter einer Berührung zusammen. Eine Hand legte sich auf meine Achsel. Aber ich konnte die Augen noch nicht recht öffnen und mich auch nicht vom Platze bewegen. War ich nicht in einem engen unterirdischen Gang, an Händen und Füßen festgekeilt? Jetzt holen sie mich für die Bestien, sicher! Ich hörte meinen Namen wieder aufrufen, ich stemme mich in die Ellbogen, sperre die Füße in den Boden und... erwache. Carlos steht neben mir und lächelt sein kühnes Lächeln. Die Kapelle ist voll süßem, sonnigem Morgen. »Sie schlafen lange!« sagte Carlos. »Jetzt rollen Sie sich erst aus Ihren Wickeln und dann lade ich Sie zum Frühstück ein...« Er zeigte vor die Kapelle, wo ein Feuerchen brannte und Gonzal die wunderbarsten Kaffeedüfte in einem Pfannkessel entwickelte. Rasch rieb ich mir alle Schläfrigkeit von der Stirne, sprang auf und wollte meine steifen Beine in die warme Sonne hinaustragen. Da rief mir eine junge, melodische Stimme: »Guten Morgen, lieber Herr Erzähler!« Ei, ei! Ximenes trug einen Malschurz, stand hoch auf dem Leiterchen und malte an Sankt Tarcisius herum. Schon hatte er die verblaßten Haare und die erloschenen Augen aufgefrischt, die Backen tiefrot getüpfelt und das Gewand, wovon nur noch Fetzen sichtbar waren, glatt und lang zu den nackten Füßen heruntergemalt. Tarcisius war aus den schattenhaften Umrissen wieder zu einem kräftigen, farbenlustigen Dasein erwacht. Nun malte Ximenes eben die letzten Zacken des Heiligenscheines um den gestrubelten Kopf. Gewaltige Zacken, wie lange spitze Sonnenflammen in zitronengelbem Ton zückten da rundum! Es lebte nicht viel Seele in der Schilderung. Auge, Mund und Nase besaßen noch etwas von unbeholfenem, kindlichem Schreibtafelgekritzel. Damit vermischte sich ganz eigentümlich eine gewisse frühe Geschicklichkeit, nach Mustern zu zeichnen. So bekam das Gemälde eine steife und harte Unpersönlichkeit. Trotzdem gefiel mir dieser Tarcisius seltsamerweise. Er besaß etwas Großes, Überweltliches, Unerbittliches, ja, er war der Tarcisius, der den Buben nicht wich, das Sakrament nicht aus der Hand gab, großartig ohne Schrei und Seufzer starb. Er hatte hier gewiß wenig Seele, aber er hatte eine gewaltige Macht der Figur, der Haltung, der Unbewegtheit wie eine Trutz- und Ehrensäule. Von den Schnörkeln meiner Erzählung war da nichts zu spüren, besonders nichts vom himmlischen Schabernack am Schlusse. Ximenes hatte für diese Krausen und Flausen um ein wichtiges Menschenbild wohl kein Auge. Er war gewiß beim letzten Atemzuge des Heiligen gleich eingeschlafen, weil das Porträt für ihn nun fertig und die letzten heiligen Drolligkeiten meiner Schilderung für ihn völlig wertlos waren. Ich schämte mich ein wenig vor diesem ernsthafteren Erzähler an der Tafel, als er vom Leiterchen stieg, mir vorsichtig die farbbeschmierten Finger zum Guttag bot und mit hochgezogenen Wimpern und stolzem Blick auf mein Urteil wartete. Ungeduldig stupfte er mich und sagte schließlich: »Ich ließ Sie nicht wecken, bis ich fertig war. Um fünf Uhr habe ich angefangen... Hab' ich's getroffen? Ist das der Tarcisius?«

»Ja, er ist es!« sagte ich und schüttelte ihm voll Ergriffenheit die harte, schmale Hand. »Und er ist besser als der meinige«, fügte ich ehrlich bei.

*

Nach wenigen Tagen reiste ich meinem lieben Norden zu. Ich besah den bronzefarbenen Knaben nie mehr. Oder doch, im Geiste sehe ich ihn noch immer, den Glorienschein um den jungen, heiligen Römer... oder wie?... wäre es möglich?... jetzt um sein eigenes, wildedles Wesen malen. Fürwahr, ich möchte ihm noch einmal begegnen.


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