Heinrich Federer
Jugenderinnerungen
Heinrich Federer

 << zurück weiter >> 

Ein schwieriger Gang

Durch mein Asthma, die strenge Mutter und das viele einsame Phantasieren war ich mehr und mehr das geworden, was ich noch heute bin, ein Winkelhocker und Schollenkleber. Mir grauste vor jeder kleinen Lebensänderung. Priester, gewiss, das wollte ich werden, aber womöglich ohne einen Sprung über die Strasse zu tun, womöglich im warmgehockten Stuhl, am alten verkerbten Tisch. Nur nicht fort müssen! Daheim bleiben!

Jeden Morgen hörte ich in aller Herrgottsfrühe aus meinen warmen Bettkissen heraus drei, vier Sachslerbuben, die mit Bücherranzen und Studentenkäppi ins Kollegium nach Sarnen zogen, einander zum Abmarsch pfeifen. Das tönte so erfrischend, so tapfer, so lockend durch die Frühe. Und das wenigstens musste auch ich einmal, wenn ich doch studieren wollte, um sechs Uhr nach dem Gymnasium am Ende des Sees meine lateinische Grammatik tragen, um erst wieder gegen fünf Uhr abends mit vielen Aufgaben belastet heimzukehren.

Ich schauderte vor diesem Schritt und dachte ihn mir so weit weg als möglich. Aber an einem sommerlich warmen und staubigen Apriltag reichte mir die Mutter den Sonntagsstaat, nahm mich fest am Ellbogen und marschierte mir tapfer voraus, am Seeufer hinunter, über das Galgenbächli und den Melchaafluss, eine gute halbe Stunde weit. Dann ging es am Gartengitter des Studentenkonvikts vorbei, wo am Eingang die Religion und Wissenschaft unseligen väterlichen Andenkens standen. Neugierig guckte ich sie an, aber meine Mutter wandte das Gesicht ab und eilte rascher zum ältern Hause, einem hohen, halb herrschaftlichen, halb klösterlichen Gebäude, Kollegium genannt, wo Rektor Augustin mit seinen zehn Professoren hauste. »Mutter,« bat ich mit Herzklopfen vor dem Portal, »gehen wir zurück! Ich bring’s nicht über mich.« – Denn da standen um den Brunnen und spazierten in der Strasse, als gehörte alles Land und Wasser ihnen, schlanke Burschen, alles vornehme Jünglinge, wie mir schien, redeten Hochdeutsch und fremdartige Dialekte, auch Italienisch und Französisch, und lachten mit grossen Zähnen und mächtig geschütteltem Haar. Sie sahen mich gar nicht oder so, als wäre ich ein absolutes Nichts. Einige netzten mit der Zunge schon einen dunkeln Flaum. Etwas Undörfliches, Unheimatliches, Weltsicheres bedrängte mich an ihnen.

»Gehen wir um Gottes willen zurück«, beschwor ich, und der Atem wollte mir stocken. »Ich will daheim bleiben, Mutter, Zeichnen lernen. Der Vater hat immer gesagt, ich hätt’ die Hand dazu. Hörst du Mutter!«

Die vielen Scheiben glänzten so kalt vom Gebäude herunter, es roch so eigen aus dem Portal hervor, ein paar Studenten blinzelten mich jetzt so kritisch an, und einer von meiner Grösse trat in roten Pantoffeln und mit dem elastischen Gang eines jungen Tigers auf mich zu und kräuselte spöttisch seine Lippen und rollte so prachtvolle goldbraune Augen und warf mir so schnippisch den Satz zu: »Soll das ein Mönchlein geben?« dass mir geradezu schwindlig wurde. In diesem Hasenmoment verleugnete ich die ganze Begeisterung der Kindheit, alle Wünsche meines Innern. So ein Feigling war ich. Noch oft im spätern Leben bin ich wegen eines ersten unlieben Eindrucks von einer grossen Sache weggeflohen.

Aber damals besass ich noch meine Mutter. Und die wunderbare Frau sagte zum Spötter nur: »Das wäre mein grösster Stolz, junges Herrchen.« Da ward der junge bleich, verneigte sich ritterlich und sagte: »Hier, zwei Stiegen hinauf, wenn Sie zum Rektor wollen!« Dieses stolze Bürschlein hiess Egid Salez und nannte mich, als wir Kameraden geworden, immer noch Mönchlein, wenn er gut, erschreckter Küngel (Kaninchen), wenn er, wie so oft, bitter gelaunt war.

Mit unwiderstehlichem Schwung riss mich die Mutter die steile Treppe empor. Sicher pochte auch ihr Herz, mit hohen, gelehrten Herren zu reden und ein möglichst billiges Unterkommen für mich zu erstreiten. Aber man sah es ihr nicht an. Und als sie oben an der Gangtüre die Klingel zog, diese Schelle, die so namenlos fremd von innen tönte, und als ich mich verzweifelt losmachen wollte, da gab sie mir wirklich die Hand frei, aber sah mich mit einem so schwarzen Auge an und flüsterte so ernst: »Willst du denn durchaus in der Stube versimpeln?« dass ich wieder nach ihrem Arm griff und mich nun willenlos in alles ergab, was da kommen würde.

Wir wurden noch eine Stiege und dann durch einen Gang voll alter Waldbilder geführt. Äbte vergangener Zeiten, mit Inful und Stab oder einem grossen Wappen oder Buch oder Kreuz, blickten da aus verdunkelter Leinwand herab. Über den vielen Türen standen die Namen der Inwohner: P. Johannes, las ich, P. Dominikus, P. Vinzenz ... Das P. hiess Pater. Es waren Benediktinermönche von Muri-Gries. Ein Lüftchen ähnlich dem unserer Pfarrhöfe wehte, aber vornehmer, und vom Garten herauf roch es von Frühlingsblust.

An der letzten Türe links klopfte meine Mutter sehr fest. Ein machtvolles Herein erschütterte mich.

»Gelobt sei Jesus Christus!« grüsste Verena ehrerbietig vor dem aufstehenden grossen, schwarzen Mönch.

»In Ewigkeit, Amen«, erwiderte der Rektor. »Frau Verena? Ihr Sohn?« Der Kenner hatte sofort erraten, um was es gehe. Seine Stimme schnitt scharf durchs Zimmer. Er runzelte die Stirne. Dieser feierliche Sechziger war sicher schlechter Laune.

»Gib dem hochwürdigen Herrn Rektor die Hand!« gebot Verena. Ich tat so. Aber mir schien, der Gegendruck geschehe furchtbar interesselos. »Was ist’s mit dem Knaben?« fragte der Herrscherhafte ziemlich schroff. »Etwa studieren? Er kränkelt doch immer.«

Ach, meine Mutter musste zuerst Atem schöpfen. Sie sah so müde aus von der langen heissen Strasse, von meinem Widerstand und am meisten von der Last, die sie bis hierher getragen und nun möglichst sachte und heil vom Herzen laden sollte. Wie gerne wäre sie niedergesessen! Gerade neben ihr stand ein gepolsterter Sessel. Einer Ratsherrenfrau oder der Mutter meines reichen Elvezio hätte der hohe Mann wohl einen Stuhl geboten. Meine kleine, gebrechliche Mutter liess er stehen. Das schnitt mir ins Herz.

Aber der Rektor, der als junger Mönch sozusagen über Nacht aus seiner herrlichen Mutterabtei drunten im Reusstal war verjagt worden, der nur das Brevier und die Geige errafft und gelassen durch den Wintersturm ein barmherziges Dach gesucht hatte, dieser grossartige Mönch, der unter hundert Widrigkeiten schliesslich an unserem stillen See ein Gymnasium in Blüte gebracht und dazu vor kurzem ein Internat erbaut hatte, dieser hindernisverlachende Mann, der vielleicht Verena erproben wollte, o, er hafte sich gehörig verrechnet, wenn er meine Mutter gering nahm. Sie war noch stärker als er, auch ohne Stuhl.

»Ja, Herr Rektor,« gestand sie, »er ist kränklich. Aber der Doktor sagt, gerade darum müsse der Bub studieren. Für ein Handwerk habe er zu kurzen Schnauf.«

»Auch zum Studieren, gute Frau, braucht es gesunde Menschen«, widersprach Rektor Augustin. »Immer noch besser ein gesunder Esel als ein krankes Pferd werden.«

»Der Doktor Stockmann kennt sich da gut aus«, beharrte meine Mutter. »Der meint, der Bub werde das Übel nach und nach auswachsen. Und Heinrich hat grosse Lust zum Studieren. Den ganzen Tag steckt er mir die Nase in die Bücher.«

»Das heisst noch nicht studieren, Frau Verena. Studieren ist hart, ist bitter, ist unbarmherzig. Da braucht es einen famosen Kopf und Nerven wie Seile.«

»Hochwürden, er will durchaus geistlich werden.«

Nach diesem grossen Wort hielt meine Mutter inne. Sie meinte, das müsse alle Türen und Herzen aufbrechen.

Mich aber durchfuhr es bei diesem Wort zum ersten Mal wie mit einem Messer. Mir war, ich hätte bisher mit diesem Wort in meiner dörflichen, schläfrigsüssen Versunkenheit nur gespielt wie mit einem goldenen Apfel, den man nur anzurühren braucht, damit er einem in die Hand falle. Es war Traum, Dichtung, Märchen gewesen. Ich hatte nur an Glocken, Altäre, Jubelmessen, Predigtgewalt gedacht, an das Errungene, nicht an das Erringen. Jetzt aber stand es da als prosaische Wirklichkeit, mit einem schweren, nüchternen, furchtbar demütigen Anfang, mit zehn Jahren mühseliger Schulbank, mit vieltausendmaligen Strassenwanderungen in Frost und Glut, mit Nöten an Geld, mit Bitten um Hilfe, mit Fernbleiben von daheim, mit fremdem knappem Brot und strengem Kopfzerbrechen. Da ging ein Schauer über mich. Es war, als erwache ich zum ersten Mal aus einer vieljährigen Phantasie und sehe hart in die Sache. Ob ich das alles meistere, diese Berge und Seen von Schwierigkeiten? Jetzt entschied es sich für Zeit und Ewigkeit. Soll ich, soll ich nicht? Nachher kann ich’s nicht mehr ändern, dann rollt es schlimm oder brav zum Ziele. Mein Gott, mein Gott, wie kommt es nur, dass ich auf einmal so unsicher dastehe, dass ich in so viel Zeit mir nicht alles reiflich überlegt habe. Der Schweiss brach mir aus dem Haar. »Halt,« wollte ich rufen, »Mutter halt, warten wir noch ein Jahr. Ich muss erst heillos nachdenken.«

Aber meine Mutter verstand mich besser als ich selber. Sie kannte kein Zögern. Als die grosse Pause nutzlos verstrich, fuhr sie eifriger fort:

»Von nichts anderem redet der Knabe als vom Geistlichwerden. Er ministriert schon vier Jahre lang. Daheim hat er Altärchen und Messgewand. er kann das Gloria und Credo und die Vesper auswendig. Der Pfarrer ist mit ihm zufrieden.«

Ich strich mich fast hinter die Mutter bei diesem Lob und hörte es dennoch gerne. Jedes Wort war wahr und träufelte Öl auf mein erlöschendes geistliches Lämpchen.

Müde blinzelte der grauhaarige Rektor mit den hellgrauen Augen mich an. Ach, wie oft hat er dieses Lied der Eltern gehört. Und wie vielmal war es verliebter Schwindel oder Täuschung. Solches gehörte zu den sauersten Erfahrungen seines Lebens.

»Das ist bald gesagt«, erklärte er ungerührt. »Aber hat er die erste Scheu und Neugier bei uns abgestreift, dann sitzt der Bursche gewöhnlich wie die nackte Mittelmässigkeit da auf unsern Bänken, langweilig für uns, langweilig für ihn und ganz langweilig für unsern Herrgott. Und Mittelmass ist nicht genug, wenn einer arm ist. Der Reiche legt Geld dazu, und dem Vornehmen hilft sein Vetter. Aber der Arme hat das nicht. Er muss also mehr als mittelmässig, er muss ein starkes Talent sein.«

»Alle sagen, mein Sohn habe das«, erkühnte sich meine Mutter zu erwidern. Mir aber fingen die Schläfen an zu brennen. Ich hatte nie etwas von besonderen Gaben bemerkt, im Gegenteil, unter allen gewöhnlichen Talenten besass ich jedenfalls ein ungewöhnlich schlechtes Gedächtnis und einen ausserordentlich unpraktischen Blick. Mutters Worte machten mir entsetzlich unbehaglich. Ich zürnte ihrer Leichtgläubigkeit und zürnte doch auch der Schwergläubigkeit des Rektors.

»Nicht von mir, was das Talent anbelangt«, fügte Verena sogleich demütig hinzu und wurde dunkel bis zum Haarscheitel hinauf. »Von meinem Manne, von Paul ...«

Das hätte sie vielleicht besser ungesagt gelassen, denn sofort zog Augustinus die Brauen hoch in die Stirne. Die unvollendeten Statuen, der unordentliche Zeichenunterricht, die Faulheit, die Räusche, oh, das wäre ein böses Erbe.

»So ein Genielump«, brach er zornig aus. »Da würde Ihr Bub besser sterben ...«

Entsetzt fuhr ich auf. »Wie, sterben? ich?« Auf einmal, Gott weiss woher, fühlte ich eine masslose Widerstandskraft in mir gegen alle Ungläubigen, Feinde, Schwierigkeiten, gegen alle Rektoren der Welt. Sterben? Ich danke schön. Nein, nein, leben will ich wie der frische stolze Student da unten, leben, lachen und etwas leisten. Man soll mich nicht unterkriegen. Schulbänke, Grammatiken, fremde Menschen, Heimweh, gut, gut, ich bin bereit, ich will schwitzen, dulden, schaffen, bis ich’s unter mir habe. Ich will, ich will ... Niemand soll sagen, es wäre besser, dass ich gestorben wäre, auch dieser mächtige Mann da nicht.

»Lieber ein junger Engel als ein alter Nichtsnutz!« fuhr der Mönch fort.

»Oh«, rief Verena schmerzlich und strich mir zart über den Haarwirbel, als wollte sie mich vor solcher Härte schirmen. »Oh, nicht so, Herr Rektor, nicht so vor dem ...«, sie deutete behutsam auf mich.

»Keine Angst, Mutter«, wollte ich schreien. »Mir macht das nichts. Lass ihn nur reden!«

Nein, er hatte sich zu sehr gehen lassen, das fühlte auch der Gestrenge sogleich. Aber warum plagt man ihn immer und immer mit Mittelmässigkeit? Weiss man nicht, wie müde das macht? Er versuchte zu lächeln, trat an mich heran, hob mir das Kinn etwas rauh empor, und zwischen unsern vier Augen wickelte sich ein rasches heftiges Examen ab. Zuerst widerstand ich trotzig, dann kamen mir die Tränen. Da gab mir einen gütigen Klaps auf die Backe und liess mich los.

»Nichts für ungut, liebe Frau,« lenkte er ein, »ich will den Pauli nicht verdammen. Gott geb ihm den rechten Stupf zur Umkehr. Gottlob, euer Bub gleicht ihm gar nicht. Der Vater ist doch kohlschwarz, und du bist ein heller Schopf. Die Nase ein wenig, ja, die will so einen Haken biegen. Gib acht auf deine Nase, Bürschchen, bieg lieber das Knie recht tief!«

»Merke dir gut, was der hochwürdige Herr Rektor sagt«, mahnte Verena.

»Wir können es ja versuchen, erstlich ein Jahr, wie’s zu allem Asthma etwa geht«, wandte er sich mit Gebermiene zur Mutter. »Dann sehen wir weiter, nicht?«

»Ich danke vielmal, Herr Rektor. Vergelt’s Gott!«

Vergelt’s Gott? Der Rektor stutzte. Was meint die Frau? Und er hebt an: »Gut, aber wie ist es dann mit dem Zahlen? Das Studieren kostet. Da könnte mir jeder kommen und sagen: ›Ich will studieren.«

Erschreckt sah Verena zum Rektor auf. Sie hatte schon alles im Blei geglaubt. Augustinus wusste doch, dass sie keinen Rappen für einen Studenten flüssig machen konnte. Wie durfte er sie so plagen! Jetzt war es Zeit, sie griff zur schärfsten Waffe.

»Sie haben uns doch,« begann sie ehrerbietig und zaudernd, aber Silbe für Silbe klar, »Sie haben mir doch damals versprochen ... wenn es einmal not tue, mir gütigst beizuspringen ... damals ... mit Pater Vigilius ... wissen Hochwürden, damals ...«

Wie seltsam dieses Damals in mein Ohr klang. Ich verstand es nicht. Aber es musste ein schweres Wort sein. Vom einen zum andern Mal tönte es drohender.

Dieses Damals ging siebzehn Jahre zurück in jene junge Witwenzeit, wo Verena in Brienz sass und sich vom guten Pater Vigil, einem Mönche dieses Hauses hier, in ihren seelischen Bedrängnissen hatte leiten und voll Zuversicht zum Altare führen lassen. Meine Mutter sah in diesem Augenblick wohl jenen finstergrünen See, die runden Kastanien im Garten des »Bären«, den verstorbenen, wahrhaft apostolischen Lehrer, der ihr so Hohes und Tiefes erklärte, indes sie ein Agnus Dei (Lamm Gottes) auf eine Stola stickte und im Herzen schon zu ihm und seiner Kirche gehörte. Und vom Fenster der Dependance, wo die Hauskapelle war, hörte sie ihren schwarzlockigen Bräutigam auf dem Harmonium so seelenvolle Choräle spielen und ein strenges sonores Latein dazu singen. O dunkelsüsse Zeit! Damals! – Und auf alle Bedenken wegen der Zukunft ... verlassen von der vermöglichen, warmen Verwandtschaft, einem Jüngling überliefert, in fremdem Lande ... antwortete der Mönch immer fröhlich: Oh, unser Rektor Augustin wird euch und euern Mann nie im Stiche lassen. Er hat mir das aufgetragen. Er weiss Arbeit genug für Pauls Talent und wird auch für eure Kinder, wenn Gott euch damit beglückt, und gar für einen Buben, der studieren möchte, leicht den Weg schaffen.« Damals! – Denn man glaubte Wunder von Pauls Genie und freute sich einer so seltenen frommen Sache, wie diese Konversion den Katholiken erschien.

Und hier in diesem Zimmer stand Verena dann und ging an des Rektors Hand in die Taufkapelle hinüber, nur ein paar Schritte durch den Gang, und legte dort glückselig in seine väterliche Hand das Gelöbnis ab, im Glauben ihres lieben Mannes leben und wirken zu wollen. Und der Rektor im schönsten Chorhemd des Hauses hatte ihr die Hostie gereicht, sie gesegnet als Tochter der gemeinsamen uralten Kirche und ihr noch unter dem Haustor bekräftigt: »Wenn es irgendwo hapert, rechnet auf mich!« Damals! O welch ein Meer von Salzflut lag zwischen dem damals so geliebten jungen Gemahl und dem noch geliebteren jungen Sohne von heute!

Der regierende stattliche Mönch, der wie ein Turm in der Mitte des Zimmers stand, verstand dieses »Damals« von der bleichen Frauenlippe sogleich. Aber die Anspielung, gerade jetzt und auf diese fast klägerische Art, reizte ihn schwer. Er wurde blass vor Erregung und rief mit mächtiger Stimme: »Beispringen, helfen, geben, das ist schnell gesagt, meine Werteste. Davon tosen mir die Ohren den ganzen Tag. Der Bub soll kein Schulgeld zahlen, und die Bücher entlehnen wir ihm. Ist das nichts? Aber Ihr meint wohl, ich soll ihm sogar einen Gratisplatz im Internat geben. Gute Frau, das geht nicht. Auch wir sind arm. Wir haben Schulden vom Neubau her. Wir brauchen jedes Bett an zahlungsfähige Burschen.«

Meine Mutter schwieg, als sei sie noch lange nicht befriedigt. Ich aber war ganz betroffen. Wie, sollte sie mich wirklich in dieses glänzende Konvikt stecken wollen? zu den reichen Studenten aus aller Welt? So eine Anmassung! Wegen meinem Asthma. Sollte ich nicht wie die andern Sachsler jeden Abend den halbstündigen Weg heimgehen dürfen? Das wäre mein Tod. So schön der Palast aussieht, ein Käfig ist er doch. Ich war schüchtern und zahm, aber an meine persönliche Freiheit liess ich schon damals nichts kommen. Beherzt trat ich einen Schritt vor und sagte: »Ich kann ganz gut am Abend heim marschieren mit den andern.« – Auf einmal kam mir alles federleicht vor.

»Das ist gesund«, bestätigte der Rektor. »Das stärkt. Probier’ es nur!«

»Aber wo soll er denn zu Mittag essen?« fragte Verena und wurde nun auch ihrerseits blass. »Ich baue fest auf Ihre Güte, Herr Rektor. Ich höre noch heute, wie Sie damals ...«

»Damals, damals«, rief Augustinus und erhitzte sich aufs neue. »Was werft Ihr mir das Wort fortwährend ins Gesicht? Hab’ ich’s etwa nicht gehalten? Ich bestellte euern Mann zum Zeichenlehrer, er hielt mich zum Narren. Ich holte ihn zu den Theatern. Gepfuscht hat er. Da versucht’ ich’s mit den zwei Statuen. Angebissen hat er sie wie der Hund einen Knochen, und dann liess er’s liegen. Kosten, Kosten ohne End’ und Verdruss dazu, so war’s immer mit Paul, und eine Leistung gleich Null. Wo ist er jetzt, der heillose Vagabund?« beschloss er sanfter, über seine Heftigkeit selber unfroh beim Anblick des schuldlosen Weibes, das so bleich dastand.

»Ich weiss es nicht«, versetzte meine Mutter leise.

»Wie lange ist er nun gänzlich fortgeblieben?«

»Seit drei Jahren bin ich mit den drei Kindern ganz allein auf meine Hände angewiesen.«

Verena kehrte die Handflächen ganz wenig gegen das Licht, mit einer ungewollten, wahrhaft rührenden Bewegung. Diese bräunlichen, fleischlosen, abgeschabten, kleinen Hände, so schön in ihrer Hässlichkeit, so heilig in ihrer Roheit, oh, sie waren ihr grösstes Argument.

Der Rektor, ein Edelmann durch und durch, war längst entschlossen, der untadeligen, tapfern Frau den bestmöglichen Dienst zu tun. Aber die Würde erlaubte nicht ein zu flinkes Ja. Das Blut wogte noch auf und nieder von der vorigen Aufregung. Er musste noch ein Weilchen über Paul donnern und über die Idee schelten, ein Rektor, ein habloser Benediktinermönch, könne nur immer geben und wieder geben, könne geradezu mit Wohltaten prassen. Nein, das denn doch nicht. Aber was man kann, tut man gerne. »Gut,« vergrollte das Gewitter, »der Junge soll kommen, mittags um zwölf Uhr setze er sich an den Internentisch. ’s ist feste, gute Kost. Aber dann schaffe er und verdiene sich so viel Entgegenkommen ab durch Fleiss, Artigkeit, Gehorsam und gute Zeugnisse. Blühen soll dein Gehirn,« wandte er sich an mich und legte die Hand an meine Stirne, »ja, aufblühen wie ein Apfelbaum im Mai. Das Gymnasium ist die Blustzeit. Das Obst kommt viel später, aber ohne Blust konnt es nie. Mach’ uns Ehre, unserem Kollegium hier und einer solchen Mutter. Denk’ an den Vater, wenn dich die Faulheit versucht. Das Asthma, jawohl, das ist schlimm. Aber schon viele ärmliche, kränkliche Jünglinge haben sich zu Kaisern und Päpsten hinaufgeschwungen. Die Zähne aufeinanderbeissen, eine Faust machen und vorwärts, so muss es gehen. So ist der Viehhüter Felix ein gewaltiger Sixtus (Sixtus V.) geworden.«

Ei, so hatte wohl auch der rüstige Greis hier vor vierzig Jahren als verjagter, junger Benediktiner die Kutte in die Faust gerafft, die Zähne zusammengebissen und war mit Psalmenbuch und Geige mutig in die unholde Fremde marschiert. Er hatte sich nicht zum Papst, aber, was mich nicht viel weniger dünkte, zum erhabenen Rektor des Gymnasiums emporgeschwungen, einer Macht im Kanton Obwalden und weit darüber hinaus. Ja, schon zweimal berührte ihn der Krummstab des Fürstabten, und zweimal lehnte er ihn lächelnd ab. Er fühlte sich ohne Inful mächtig genug. Das dritte Mal, freilich, ist dieser Herrliche ihr nicht mehr entgangen.

Die Aufmunterung des imposanten Mönchs fuhr mir wie Feuer durch den Körper. Ich stand auf die Fussspitzen, als wollte ich fliegen, und sagte: »Oh, ich will scharf studieren, Herr Rektor, ja gewiss!« Der letzte Tropfen Feigheit war verduftet.

Wie leicht stiefelten Mutter und ich die steilen Treppen hinunter! Wie schön war die Heimkehr! Aber bei den Statuen war ich es diesmal, der sich abwandte, im Gefühl, hier hätte ich Vaters Schulden irgendwie abzuzahlen, und im Zweifel, wie das geschehen könne. Schon wieder focht mich eine Schwäche an. Um so mutiger blickte meine Mutter jetzt die toten Gebilde an. Das war ja nur Stein und in Gottes Namen verpfuscht. Aber da hatte sie einen Knaben aus lebendigem Stoff, und mit des Himmels Gnade und ihrer dauerhaften Strenge sollte daran gebildhauert werden, bis Religion und Wissenschaft ihm ins Fleisch und Blut gehämmert sind und leben und wirken! Diese magere, kleine, seltene Frau, mit unzeitigem Stolz blickte sie über die Klötze hin und pfuschte mir dann liebevoll im unwirschen Haarschopf. –

Im Grabe liegen sie alle schon lange, die Mutter, der Rektor, die Professoren Vinzenz und Johannes und Othmar, und von den Mitschülern die liebsten, und ich Vereinsamter fasse mich am gleichen welken Haarschopf heute und frage, was eigentlich aus meinem Klotz geworden sei. Ach, verhauen und verschnitzelt ist auch da vieles, ein invalides Stück, und schon bröckelt es an allen Enden. Wenn der grosse Bildhauer am letzten Examen nicht viel barmherziger als gerecht wäre, dann ...

Von nun an ging ich durch sieben Sommer und Winter in dieses Kollegium hinunter und von Jahr zu Jahr erschien mir der Rektor verehrungswürdiger, die Professoren väterlicher, die Studenten brüderlicher, das Studieren köstlicher. Und als meine Mutter starb, war mir, ich sei nun hier daheim, und ich hätte gewünscht, nie mehr aus diesem warmen, gescheiten, lieben Kreise weg in eine neue Fremde hinaus zu müssen.


 << zurück weiter >>