Heinrich Federer
Jugenderinnerungen
Heinrich Federer

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Die erste Runzel

gewiss kann niemand erzählen, wann er zuerst Mutter rief oder das Vaterunser nachbetete, wann ihm er erste Gedanke klar und rund wie eine Kugel aus dem Köpflein rollte; genau wie man nicht sagen kann, wo er erste grüne Halm aus der Februarwiese schlüpfte. Sie wurde durch ein Durcheinander von Millionen Kleinigkeiten grün und grüner und das Kindesgehirn wuchs durch ebenso viele Anfänge, Versuche und Vorwitzigkeiten, die man nicht sondern kann, in einen Vorfrühling von Erkenntnis und Überlegung hinein. Und im Nu ist der März und volle Frühling da.

Dann wird uns auf einmal des Himmels Höhe so deutlich, der Mond daran so verständlich, das Gesicht der Eltern so vielsagend, das Gehorchen so bitter, das Neinsagen so wichtig, die ganze Welt so klar und gescheit und wir mit ihr nicht minder klar und gescheit. Und schon können wir uns nicht mehr entsinnen, dass es einmal anders war. Wer mir erzählen wollte, wie er vom Lallen zum Sprechen kam, dem will ich erzählen, wie er bereits wieder vom Sprechen zum Lallen zurückgekrebst ist, der Narr!

Recht spät bemerkte ich, dass noch ein zweites Schwesterchen zu uns in die Stube kam. Ich sehe Gipsfiguren meines Vaters, seine Hände im Lehm knetend, seine weiche, samtene Kohle, seine hauchdünnen Goldblättchen, vor denen man nicht atmen darf, sonst verwehen sie, – seine vielen orgelnden Uhren mit dem Pfeifenwerk, an dem er sich quälerisch ergötzte. Ich sehe vom hohen Stubenfenster aus den See unter der nächsten Wiese vorbeiglänzen, so wenig breit, dass man am jenseitigen Bergufer die Tannen und Häuslein zählen kann, aber so lang, dass ich weder Anfang noch Ende des schönen Wassers absehe.

Oft ist die Mutter monatelang allein und sehr ernst. Ich weiss nicht warum. Es kommen Männer, die mir nicht gefallen, in die Stube und reden merkwürdig laut mit der Mutter und gehen mit knarrenden Stiefeln von einer Wand zur andern. Aber meine Mutter bleibt immer auf dem gleichen Fleck in der Mitte des Estrichs stehen und redet fast noch lauter als der Fremde.

Sie bewegt dabei die Arme langsam und stellt das Kinn vor. Es scheint, sie fürchtet sich nicht. Aber dann läuft sie doch dem Manne zur Türe nach, fasst ihn am Ellbogen, redet nun schneller und schier wie ein Kind, etwa wie ich, wenn ich die Mutter bitte, mich wegen diesem oder jenem Streiche nicht zu schlagen. Der Mann hört auf der Schwelle zu, nimmt den Hut wieder ab, hellt ein bisschen auf. Meine Mutter nickt mit dem ganzen Kopf: »Ja, ja, ja, sicher!« – Sie kehrt mir den Rücken. Ich sehe nur, wie ihr schwarzes Haar, das in einem dünnen Netz bis zum Kragen hinunterhängt, lustig auf und ab schwankt. Der Mann geht zuletzt so halb und halb zufrieden weg. Verena schliesst die Stube und sogleich wischt sie das Lächeln aus, womit sie Ade gesagt hat.

»Stör’ mich jetzt nicht«, ruft sie mir mit einer leisen Heiserkeit in der Stimme über den Rücken zu, zieht das Schreibbrett an der Standkommode herunter und ich höre sie hurtig übers Papier kritzeln, Seite auf Seite. Jetzt klebt sie den Umschlag zu, feuchtet die sitzende Helvetia an, drückt die Marke fest und scheint plötzlich wieder ruhig. –

»Heinrich, nun kochen wir uns einen guten heissen Kaffee«, sagt sie mit ihrer belegten Stimme, die sonst süss wie ein dünner Faden Wasser klingelt; »komm mit in die Küche! einen guten starken Kaffee!«

Sie legte Feuer an, wärmte Milch auf, goss das strudelnde Wasser durch den Kafeesack in die Kanne und ein wonniger Duft zog durch die Küche. Alles machte Verena scheinbar langsam, aber das täuschte, weil sie so ruhig eins ums andere abwickelte, ganz lautlos, in schönen Bewegungen der Hände, so dass ich von der Tischbank aus entzückt jeder Hantierung folgte und diesen oder jenen Griff sogar durch die leere Luft nachzuahmen versuchte. In Wirklichkeit ging alles sehr rasch vonstatten.

Oh, wie schmeckte uns beiden dieser Kaffee!

Ich wusste, dass der Vater seit Wochen verreist war und dass im Atelier vier Marmorsteine an der Wand lehnten, die als Engel einem Grabmal mit ihren schönen hellen Fittichen sozusagen etwas Heimatlichkeit und warme Nestruhe verleihen sollten. Aber diese Klötze hatte der Hammer nur da und dort ein bisschen berührt und es sah noch nichts Geflügeltes heraus. Und doch sollten die Grabengel längst abgeliefert sein. Aber wie? Meine Mutter kann sie doch nicht selber fertigbauen und auch die Vorschüsse kann sie nicht zurückgeben, die Paul schon in alle Winde gesät hat. – »Und du, Bürschli,« sagte sie zu mir nach einem besonders guten Schluck Milchkaffee und lächelte, weil sie für einmal wieder dem Ärgsten entwischt war, »du kannst doch die Steine dort unten auch nicht fertigschaffen? oder? Und zurückzahlen kannst du auch nicht, oder? Heinzel, wenn du dich auch noch so breit mit den Hosenbeinen verspreizest.«

Ich muss etwa sechsjährig gewesen und nach meiner Gewohnheit, wenn man mit mir spasste oder prahlte, mit weitverpreizten Beinen vor der Mutter gestanden sein. Ich verspreizte auch noch die Hände in den Hosensäcken, um recht stattlich zu erscheinen und griff dabei wirklich rechts einen Fünfräppler und links mein stumpfes Holzmesserchen. Aber konnte ich damit die vier Engel aus dem Stein schnitzeln? An mir zweifelte ich nicht; aber das elende Messer! Oder konnte ich mit dem Nickel da Vaters Schulden bezahlen? Sollte ich wenigstens das Schnitzeln probieren? Heut nacht, wenn alles schlief, mit meinem Blendlaternchen in den Saal hinunterschleichen ...? Ich könnte vorläufig das Messer schleifen.

Ah, da kam ein Butterbrot und die Mutter schlängelte mir noch Bienenhonig darauf und meine ganze Grossartigkeit versank in diesem Leckerbissen. Sie aber, die liebe, trank hastig Tasse auf Tasse, ihre schmalen Backen röteten sich, in ihre Augen kam etwas vom fröhlichen Scheiterbrand im Herd. Sie nahm den Brief, schüttelte mir die Soldatenschachtel über den Tisch, riegelte mich ein und hüpfte wie ein Mädchen davon. Spät kam sie heim, gab mir seltsamerweise einen Kuss, was sonst nur beim Gutnachtkuss geschah, – ich meinte, wohl weil ich noch am selben Platz beim selben Soldätlispiel sass. Aber sie dachte gar nicht an mich, als sie küsste, sondern ging mit den Ellbogen in den Hüften die Stube auf und ab und lächelte vor sich hin, ohne ein Wort zu reden.

Man wird die Steine nun doch irgendwie fertighauen, dachte ich. Oder sie hat das Geld wiedergefunden. Vielleicht ein Engel hat gezeigt, wie man’s macht. – Voll Staunen sah ich meine sonderbare, flinke, herrliche Mutter von oben bis unten an. »Du ... du ... bist du ...« stotterte ich selig.

»Was bin ich?« fragte sie und öffnete den Schreibschrank und knisterte in einer Schublade herum ... »Du bist ... du ... ach, so ... ich kann’s halt nicht sagen ...« Und ich sprang auf, umschlang ihren Hals, zog ihr Gesicht zu meiner Kindestiefe hinunter und küsste sie, wo ich nur traf. Das tat ich sonst auch nie.

Oh, das war ein besonderer Abend, an einem Sonntag, ich weiss noch gut. Meine ältere Schwester war bei Doktor Omlins Mädchen und hatte auch die kleine Johanna mitgeschleppt. Die Sonne war gerade untergegangen, so dass die Metallknöpfe am Fenstersofa rot glühten, und ein heftiger Föhn blies ums Haus.

Viel später lernte ich dann wirklich den Engel kennen, welcher der Mutter zeigte, wie Marmor geschnitzelt, Schulden bezahlt, Seufzer gelöst und Fröhlichkeit an frischen Kerzen angezündet wird: die kleine, breite, in steifer Obwaldnertracht auf ihrem schönen Hügel sitzende, von Birnen, Blumen und Wohltun umstrahlte Frau Landammann Josephine Hermann.

Vielleicht war es damals, als ich nachts in meiner Kammer erwachte. Sonst lag auch der Vater hier. Jetzt war ich allein. Durch die halboffene Tür fiel der schwache Schein der Lampe aus der Kammer der Mutter herein. Sie konnte nicht schlafen ohne ein bisschen Licht, nämlich jenes schwimmende Döchtlein im Wasserglas, das so still auf der Ölschicht herumrudert und nur dann und wann ein bisschen zur Selbstunterhaltung knistert. Es war das billigste und mildeste Nachtlicht, wie ein kleiner Stern funkelte es aus dem grossen Zimmerschatten.

Doch nein, diesmal knisterte es doch anders und die Helligkeit war zu gross. Das musste doch die Petrollampe sein. Und immer wieder knisterte es. Da erwachte ich völlig, schlüpfte leise wie eine Katze an die Tür, guckte durch die Spalte und – sah meine Mutter nochmals schreiben. Ihr Ellbogen rutschte rasch hin und her, Zeile um Zeile wob sie fliegend ab, ich hörte sie oft aufatmen oder einen Satz halblaut nachlesen. Aber ich verstand nichts als das Wort Paul und nochmals Paul, Paul. Unsere graue Katze plusterte sich neben ihr auf, schleckte sich über den Nacken, spähte nach meiner Spalte und kugelte sich wieder auf den Rocksäumen der Mutter in Schlummer zusammen. Ich beneidete das Tier.

Langsam schlich ich ins Bett zurück und sann nach, wie viele Briefe die Mutter wohl noch schreiben müsse, bis alle vier Marmorengel geschnitzt und genug Geld in der Lade und der Vater wieder daheim sei. Oh, wie sie schreibt! Gott, wie viele Worte! Das muss ein Lesen sein! Wen es trifft, oh, der Tausend, dem wird es in den Ohren tosen! Gewiss ist schon die halbe Nacht vorbei. Hat die Mutter denn keinen Schlaf? Die ganze Welt schläft doch jetzt. Es ist grenzenlos still. Sogar die Katze steckt den Kopf immer tiefer in den Pelz. Und doch heisst es, dass die Katzen nachts wach bleiben. Aber sogar unsere wilde graue Mieze ist wieder eingeschlafen. Und die Mutter schreibt, schreibt, schreibt!

Ich zog die Beine herauf, wickelte mein Körperchen in der Bettwärme wohlig zusammen und musste mich fast auf die Zunge beissen, um nicht zu rufen: »Mutter, liebe, komm doch jetzt schlafen! Komm da gerade zu mir her! Ich habe dir den Platz warm gemacht.«

Aber irgend etwas in mir sagte, ich dürfe durchaus nicht rufen. Dieses Wachsein, dieses Gekritzel hin und her mit dem Ellbogen, diese vielen Briefe müssten sein, leider, leider, wegen jener schwarzen Männer mit den knarrenden Stiefeln! Ich vermute, das waren meine ersten schweren Nachdenklichkeiten, und sie begannen in dieser Nacht eine feine Runzel in meine Stirne zu ziehen.


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