Heinrich Federer
Jugenderinnerungen
Heinrich Federer

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Die zwei Brüder

Aber die Kanone stand da, trächtig und drohend, und sollte bald genug losdonnern. Oh, Beat Buchli, hättest du gewusst, wohin der Schuss ginge, wahrlich, du hättest minder heiss geladen.

Sein Bruder Gerold hatte das Gymnasium mit Gloria beendet. Unter den Klausuraufsatz in Latein hatte Rektor Augustin geschrieben: ›alter Cicero‹! Als der Lehrer diese zwei grossen Worte las, fühlte er sich für hundert durchgekritzelte Nächte hundertfach bezahlt. Ein zweiter Cicero!

Wer weiss, was nun im Jüngling Gerold vorging. Er war achselhoch über den ältern Bruder hinausgewachsen, ein baumfester Bursche, mit gelblichem Schnurrbart und soliden, aber ungeschickten Hosen. Tief musste er sich zu Beat hinunterbeugen beim Reden und noch tiefer beim Gehorchen.

Wohl, er gehorchte, entgegen seinen innern, lebenssüssen Stimmen, und ging mit einem Stipendium und Beats so sauer erworbenen Zuschüssen in die Theologiestadt am Inn. Da setzte er sich vor die Pulte der Dogmatik, Moral, Exegese und hoffte, seine widerspenstige, nach goldener Weltlichkeit lechzende Seele nach und nach bei so berühmten Gottesgelehrten mit Ergebung ins geistliche Gehege einzuschliessen.

Wäre er ein reicher Junge gewesen, er würde das kaum probiert haben. Er hätte sich auf die Rechte oder auf Literatur und Historie geworfen. Für all das hatte er Hang. Aber bei uns in den Alpen ist es für einen Mittellosen schwer und war es vor fünfzig Jahren doppelt schwer, bei noch so viel Trieb und Talent für weltliche Fächer etwas anderes zu tun, als den Theologenfrack anzuziehen und Geistlicher, allenfalls noch ein Schulmeisterlein zu werden. Nur dafür gab es vornehmlich Stipendien.

Freilich, der angehende Theologe durfte auch die sieben Dörfer Obwaldens abgehen und oft demütigender als ein Hausierer an den geldfesten Häusern läuten, das vom vielen Mustern schon ganz welke Schulzeugnis zum soundsovielten Mal vorlegen und um eine Gabe zum Geistlichwerden bitten. Es ist wahr, viele in diesem gut katholischen Ländchen boten mit Herzlichkeit einen Ein- oder Zweifränkler und spassten sogar: Mach schnell und brülle dann nicht wie ein Löwe von der Kanzel und sei ein Lamm Gottes, wenn wir zur Beichte vor dein Gitterchen knien! – Aber andere machten so starre hartgeschnitzelte Gesichter wie ihr verriegelter Nussbaumkasten und keiften: Schon wieder einer! – Und es war ungemütlich, wie so ein Knicker die Hornbrille aufsetzte und laut und zänkisch buchstabierte: Latein! eine Vier, hoppla, eine Sechs müsstest du haben. Wie kannst du Messe lesen mit einer Vier im Latein? Und Algebra ... was ist das? ... aha, Rechnen ... Algebra eine Drei! Meinst du, ihr Theologen könnt nur so in den Sporteln schwimmen, müsst nicht rechnen wie unsereiner? Ja, ja, bequem werden heutzutage die jungen Herrchen. Und da soll man seine raren Batzen ins Blaue hinauswerfen, und am Ende wird der Kerl ein ewiger Student, ein Bierfass und sattelt zuletzt in irgendeine faule Dummheit um ... Oh, nicht den Kopf schütteln, Naseweis! Alles schon dagewesen, alles schon dagewesen.

Und die Frau hat dazu dutzendmal genickt und geseufzt und sagt jetzt: »Auch hat es ins grüne Obst gehagelt, und jetzt haben wir die Maul- und Klauenseuche in den Ställen und schier kein Futter. Da nimm den Franken und komm lange nicht mehr!

Ei, das war sauer. Aber die echten Theologiestudentlein, ha, die sind ein zähes Volk. Haben eine himmelblaue Begeisterung und eine Haut wie Leder. Nehmen den Franken und bedanken sich lachend. Jedoch unter der Haustüre bröseln sie aus den Zähnen hervor: Wart, du Filz, bis ich dich einmal zwischen die Finger kriege. Hast du nicht dem Bunzliklaus Geld zu sieben Prozent geliehen? Dir will ich einmal die Kutteln gehörig putzen, wenn ich predige, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel geht.

Und sie walzen weiter und pfeifen leise und haben eine gute Nase, wo ein Zweifränkler, ein Fünffränkler oder nur ein schmaler Halbfränkler zu haben ist, aber klopfen bei allem Humor doch nicht an den Hosensack, damit es nicht unnötig klirrt. Und sie schonen die Armut. Aber da widerfährt ihnen doch ein Schnitzer. Denn sieh, dort kommt ein wirrhaariges Anneli nachgesprungen, streckt eine grosse, vom Pressen im hitzigen Händchen ganz warm gewordene Münze entgegen und schimpft lustig: »Warum bist du bei uns vorbeigegangen? Hagen wir etwa nichts? Hagen wir nicht auch sechs Hühner, die jetzt immer legen? Und ich noch vier Küngeli (Kaninchen)? Da nimm! Und sollst beten für d’Mutter! Und wenn du Nastücher hast, will sie dir alle zeichnen ...«

Ei ja, das ist das Kind der lahmen Witwe Babi. Sie kann nur noch ein Bein und einen Arm recht regen und hinkt in so trauriger Halbheit noch herum und spannt fast dem ganzen Dorf die Nastücher in einen Rahmen und zeichnet wunderfeine Anfangsbuchstaben hinein. Denn sie hat das scharfe Auge und den melodischen Schwung einer Katze bewahrt. Wie mag sie das schwere Silber geborgen haben bis heute! Es verbrennt dem Theologen schier die Hand. Seine Knabenaugen werden feucht. Und da ihm das schmollende Gof (Kind) doch ein Kusshändchen gibt, als wäre er schon Pfarrer, wird ihm ganz priesterlich zumute, und er wünscht, wenn es möglich und tunlich wäre, alle sieben Sakramente über Babis Häuschen auszugiessen. Aber zum süssen Fratz sagt er tröstlich: »Anneli, mach’ nicht so einen Lätsch (Schmoll-Miene) und sag’ der Mutter, dass es noch Wunder gibt, alle Hände Gottes voll, und dass ein solches wunder wie der Blitz in ihre Glieder fahren und die Bande lösen kann!« ...

Die Bande lösen! Das war geredet wie das Evangelium, und das Kind läuft rechts und der Theologe links von dannen, eins seliger als das andere.

Oh, ja, so gehen unsere echten, von Weihrauch und Altar träumenden Theologen durch die sieben Dörfer, mit dem einen Bein wie Bettelsöhne, aber mit dem andern wie Kronprinzen des Himmels.


Jedoch Gerold war kein echter Theologe und da gehen beide Beine wie Bettler und helfen auch die schönsten Sechser im Zeugnis nichts. Der bäumige, aber im Grunde so weiche Jüngling litt schwer, rümpfte die Stirn, rang nächtens, sah tags keine Sonne mehr. Er glich einer unsern wuchtigen Weiden am See. Sie protzen nach aussen mit knorrigen Rinden, aber haben innen so weiches Mark und lassen alle Blätter so düster hängen.

Wie begreiflich! Sattelte ein Theologe um, so galt er im Volke als Abtrünniger. Ungeduldig wartete das ganze Land auf seine erste heilige Messe, wozu es sich lohnte, ein Paar Schuhe zu durchlaufen. Und nun, so nahe dem Himmel desertierte er aus der Garde der Erlesenen in des Staub der Gewöhnlichkeit. Das war unverzeihlich. Seine ganze Verwandtschaft fühlte sich entehrt, Kinder zeigten finster auf ihn. Und wie sich flink Unheiliges zu Heiligem gesellt, regte sich auch sofort der Krämerinstinkt des Volkes und rechnete mit dem Unglücklichen ab: Wir haben dir das Geld zum Geistlichwerden gegeben, soundso viel! Du bist bezahlt, also!

Die Türen waren ihm fortdann, wenn nicht versperrt, so doch schwierig gemacht. In dieser alttestamentlichen Gerechtigkeit dachte unter Hunderten vielleicht nur Annelis Mutter daran, wie Unsägliches der Extheologe Litt, wie unschuldig, ja, wie ehrlich und tapfer er eigentlich war und eher Lob verdiente, weil er sich und die Mitmenschen nicht betrügen wollte.

Denn Gerold kannte solche Schwache, die zweifelten, zauderten, mit allen Sinnen in die warme Weltlichkeit zurückkrebsen wollten, aber aus Angst vor der verdammenden Heimat und der Zukunft zwischen Tisch und Sessel des Schritt nicht wagten und Halb- oder Viertelsdiener eines Amtes wurden, das mehr als jedes andere des ganzen Menschen heischte und von dem es keine Flucht mehr gab. Sie sassen dann auf ihren Pfründen ohne Pfingstzungen, verrichteten das Notwendige nach Regel und Ordnung und machten, wie man gerne begütigt, aus der Not eine Tugend, indem Gott ersetze, was der Mensch ermangle. Doch Gerold hatte es erlebt, oh, mit dem Heiligen liess sich nicht spielen. Aus der Not wird keine Tugend, sondern die Tugend wird zur Not. Selten geschieht es, dass so ein Erzwingender auch ein Bezwingender wird und zuletzt mit dem Berufe organisch verwächst. Nein, nein, die meisten werden müde, langweilige, zerstreute Pfründler, ihre Predigt tönt matt, ihr Credo hat keinen Schwung, und in ihrer Seelsorge lebt gar so viel weltliche Berechnung, Sparkasse, Liebhaberei mit Uhren und Bienenstöcken, mit Jass, Zeitungen, Vereinsmappen, humorlosen Mittagsschläfchen und Eisenbahnbilletten, und das ist noch der harmlosere Teil.

Also umsatteln, Gerold!

Aber die alte Mutter, die mit verzehrender Sehnsucht am Kalender die Wochen abzählt bis zur Primiz als dem letzten Feiertag ihres Lebens und die sich seit Jahren keine Butter und keinen Wintermantel gönnt, um das Studium ihres Sohnes in aller Naivität etwas zu beschleunigen! Der Schlag wird sie treffen. Und soll ich dann ins Elternhaus zurück, immer diese zerschmetterte Mutter vor Augen, und mit den Händen, die wie ein zweiter Cicero schreiben und die heilige Hostie über die Gemeinde hätten erheben können, Geissen melken und Mist auslegen und unter den mürrischen Augen des Dorfes geistig dahinsiechen? So fragt sich Gerold dutzendmal und zerknittert die Deckel von Lehmkuhls grossartig, aber so unciceronianisch geschriebenem Moralwerk. Oder soll er wie so viele obwaldnerische Habenichtse nach Amerika auswandern? Aber hiergegen sträubt sich sein Heimatgefühl. Nicht jedem ist es gegeben, das schöne Vaterländchen vom Schuh zu schütteln. Viele sterben lieber.

Hier im Kanton möchte er wirken, nur nicht von des Kanzel, aber vom Lehrpult aus, nur nicht als Katechet, aber als fruchtbarer Zeitungsredaktor, nur nicht im Beichtstuhl, aber im Rechtbüro, im Rathaus, in der Gerichtsstube, auf dem Landenberg als sprachgewaltiger Staatsmann vor der Landsgemeinde. Schön, schön! doch ach! er ist ja kein Herrenbub und hat alles Geld und die halbe Ehre verloren.

Da marschiert er am Inn entlang mit seinen etwas plumpen, schlechtbehosten, kolossalen Bauernbeinen. Dieses Wasser rauscht aus der Schweiz hervor. Aber Gerold hört nichts heimatlich Tröstendes aus der Flut. Gehe niemand in grossem Kummer an einem Flusse spazieren! Der hat eine kalte Seele und nicht die kleinste Aufmerksamkeit für dich. Er redet nur von sich, läuft gleichgültig an dir vorbei, hat sein garantiertes Ziel, der Egoist, und lässt dich hilflos am Ufer stehen und in deinem Weh verzweifeln. Auch ich stand an solchen Wassern, ich weiss es.

Da ging Gerold auf seine wohlfeile Studentenbude und schrieb einen Brief an Bruder Beat.

Vor ihm hatte er am meisten Furcht, mehr als vor der Mutter, dem ganzen Obwaldnergeschrei und der endlosen grauen Armut.

Beat war es ja, der ihn unter Darben und Schwitzen aus der Niedrigkeit der Dorfschule mit einem Ruck ins höhere Studium gehoben hatte. Er war sein Vater und Erhalter. Wie überschätzte er Gerolds Talent, er, der beim Ausziehen der Quadratwurzel schon schwitzte, während der viel Jüngere auch bei Gleichungen mit vier Unbekannten und beim Übersetzen der Chöre in der Antigone trockenes Stirnhaar behielt, aber darum wahrlich noch lange kein Genie war. Es schwitzen noch viele bei viel Schwierigerem nicht und niemand kniet vor ihnen ab. Aber Beat kniete vor Gerolds Talent ab. Ach, diese verliebte Blindheit war das Schlimmste.

Ein richtiges Kind seiner engen Träume, kam dem Lehrer nie ein Gedanke, mit solchem Überschwang von Geist könnte Gerold denn doch auch in weltlichen Berufen hochkommen, die Familie in seinem Glanze mit verherrlichen. Nein, für Beat gab es nur die Möglichkeit des Kirchenglanzes. Er hatte sich mit jedem Nerv in diese Anschauung verwachsen. Es gab Augenblicke, wo er ihn im violetten Kleid, das Kreuz auf der Brust, in jenem uralten Stuhl der uralten Alpenstadt thronen sah, auf den doch in einem ganzen Jahrtausend so wenige Erlauchte zu sitzen kamen.

Einem Wohltäter von solch tyrannischer Liebe und Vertrauensseligkeit, ach, wie sollte man ihm den Himmel auf Erden zerbrechen, ihn gar bitten, er möge noch die Scherben zusammenlesen.

Dennoch, über die schönste Zukunftslüge geht die nüchterne Wahrheit von heute und schmeckt sie noch so gallig. Und so hatte denn Gerold mehrmals in den Ferien versucht, dem Bruder von seiner wachsenden Not etwas zu verraten, freilich scheu, unbestimmt, in zaghafter Andeutung. Aber Beat verstand nichts. Während unsere Mutter oft sagte: »Kinder, achtet, wie der Gerold so einsilbig tut und immer in den Boden guckt! Den plagt etwas!« und wie sie ihn dann um so ehrfürchtiger Grüsste, merkte der eigene Bruder aus nächster Nähe gar nichts. Weder das Stummsein, noch das Hinstieren in den Winkel, noch das leidende Gesicht Gerolds bei der Abreise ins zweite Theologiejahr fiel dem Lehrer auf. Gerold erkannte, er müsse Beat mit der ganzen Grobheit des Unglücks überrumpeln, alles oder nichts. Alles, dazu brachte er den Mut nicht auf.

Aber jetzt hatte er einen Brief geschrieben, aus dem seine Verzweiflung deutlich genug zitterte und schrie. Solche Zeilen schrieb kein zukünftiger Pfarrer. Ein Tauber konnte diesen Lärm der Seele nicht mehr überhören, diese Unlust zur Soutane und diese Begehrlichkeit nach der Welt. Indessen, Beat schickte eine Banknote, und in seiner schwunglosen, aber reinlichen Kalligraphie fügte er hinzu, das sei der Teufel, der Gerold plage. Je näher der Theologe dem Ziel zurücke, desto hitziger werde der Versucher. Ein gutes Zeichen! Herr Satan rieche eben voraus, was ihm dieser Obwaldner Kleriker einst schaden werde.

Bitter legte Gerold das blinde Papier weg. Ach was mit dem Teufel! Hier in der Theologenkutte steckte er und nirgendwo anders.

Der Student schrieb nicht mehr. Er wehrte sich noch bis ins folgende Semester. Aber als nun die berühmte Schere klirrte, um die Tonsur in sein ohnehin mageres Haar zu schneiden, da brach der letzte Widerstand zusammen. Und eines Nachts, genau wie mein Vater, stand Gerold an der Haustür, ein Bündelchen am Arm, müd und wirr und griff schamhaft nach dem Schellenknopf, aber er wagte doch nicht zu läuten. Er strich ums Haus, sah die ehrsame, von allen Hoffnungen gespeiste Arbeitslampe Beats am Fenster leuchten. Nein, dieses schöne, saubere Licht getraute er sich nicht zu besudeln. Beat sollte diese Nacht noch ruhig schlafen.

Weiss Gott, wo Gerold übernachtete. Jetzt, in der Frische des Morgens, da Beat noch die Schülerhefte korrigierte, trat er mit übernächtigtem Gesicht und taufeuchtem Haar ein und legte das Bündel wortlos zu seinen Füssen auf den Boden. So blieb er ein paar Schritte vor Beat stehen. Er sagte nicht einmal: »Guten Tag, Beat!« Gerade brach die Morgensonne jubelnd über dem Sachslergrat hervor und lachte mit vollen gelben Backen zwischen die zwei Brüder hinein.

Auf einen Schlag verstand der Lehrer jetzt alles. So versteht man den Weltuntergang. Ihm wenigstens war, das Schulhaus breche über seinem engen Schädel zusammen. Sprachlos riss er den Mund hin und her und sah mit verzerrten elenden Zügen zum Riesen empor, der sich doch kleiner als ein Zwerg fühlte und wie ein Gerichteter tief zur Erde neigte.

Ich hatte gerade den Kaffee in der Küche ausgetrunken und holte wie gewöhnlich den grossen Tintenkrug in der Lehrerstube für die Schule. Da griff der Lehrer sonderbar mit beiden Armen in die Luft, geriet an die Brille, riss sie vom Gesicht, hauchte und putzte daran und wollte sie wieder anlegen, aber fand beinahe die Nase nicht mehr. Dann erhob er sich jäh. Ich merkte, dass etwas Grossartiges geschehe, und blieb auf der offenen Schwelle mit meinem schwarzen Hafen stehen. Die beiden beachteten mich gar nicht.

Und jetzt ging die Kanone los.


Das rollte und polterte, funkte und krachte durch die Stube und wollte nicht mehr aufhören. Jeden Augenblick sprang der Lehrer wie ein Wind an Gerold heran, und ich meinte, er werde ihn zausen, und jedesmal stürmte er wieder von ihm weg, lief die lange Stube auf und ab, stand in der Mitte, in einem breiten Sonnenstrahl, der so gar nicht in dieses düstere Gehaben passte und den ich unwillkürlich mit meiner Bubenhand wegzuwischen versuchte, stand still, hob die roten behaarten Hände, predigte, schmähte, tobte, rief Tote und Lebende auf, überschlug sich mit der Stimme, weinte beinahe, hämmerte sich an die Schläfen und rannte wieder auf den Riesen zu, als wollte er ihn nun diesmal doch zu Boden schmettern, aber lief wieder und wieder weg, wie mir schien, von einem versteckten Mitleid zurückgescheucht. Denn Gerold stand kaninchenzahm da und wehrte sich nicht.

»Drei Jahre verloren!« hörte ich Beat schreien. Das war nicht richtig. Ein Geringes über zwei Jahre. Aber Gerold versuchte nicht einmal zu flüstern: »Nur zwei Jahre, Bruder!« – -wozu auch? Ein Jahr, hundert Jahre, in diesem Augenblick war alles gleich. Er rührte sich nicht. Ist der Student tot? dachte ich.

»Was wird das Land dazu sagen, Herrgott noch einmal, das ganze Land und Volk, das wir angebettelt haben. Schön sind sie angeschmiert. Und die Stipendien? Wer zahlt das Geld zurück? Und ich bin Lehrer, stehe mitten drin, und man wird es mir ums Maul reiben, sooft ich einem Bub was vorhalte: ›sorg du zuerst in deinem Nest für Ordnung!‹ ... Oh, oh, das musste kommen ... wärst du doch lieber gestorben, du ... du!

Und die Herren, die Geistlichen, die dir so wohl wollten. Jetzt wird’s wie ein umgekehrter Handschuh. Wir werden es bald spüren. Herrgott, dass doch der Blitz ... Nein, aber nein, ist’s menschenmöglich ...«

Ach, Gerold, dachte ich und klob fiebrig am Tintenzapfen, bleib doch Theolog, werd Geistlicher, sei doch klug! Ich tu’s ja auch. Wo hast die Augen? ’s gibt doch nichts Schöneres.

»... Und das viele Geld von mir, das ist auch vertan.« Beat riss die Schublade auf und warf sie wieder zu ... »Für nichts! Und jeder Fünfliber hat mich ein paar Stunden Schlaf gekostet ...« Er streckte seine roten, vom ewigen Schreiben spitz gewordenen, sozusagen verbrauchten zehn Finger vor ... »Da kann man zappeln und er, er, ach Gott! ... So was, so was!«

Jetzt schien es, als wolle Gerold den Kopf aufheben. Wie gerne hätte er alle zehn Finger dieses treuen Bruders geküsst! Aber was nützte das? Ich jedoch dachte: Da sagt man, er sei so gescheit, dieser Mensch. Dumm ist er. Das Herrliche wirft er weg. Und da schreiben zehn Finger für ihn halbe Nächte. Und er wischt wie mit dem Schwamm alles durch. So ein Narr! ... Mich dauerte der Lehrer. Dennoch fühlte ich viel mehr Teilnahme für Gerold.

»Aber das Geld ist das wenigste«, gewitterte es weiter. »Hingegen unsere Ehre! Er hat ein Mädchen erschnappt, wird es heissen, und da ging alle Theologie flöten. Und für eine solche oder andere Narretei hat man den Volkssäckel angepumpt. Jesses Gott!«

Das verstand ich nicht. Gerold muckste nicht auf. Das ging scheint’s nicht an ihn, das wenigstens nicht.

»Aber die Pfiffigen werden sagen, du habest sie von Anfang und mit Vorsatz betrogen. Nie dachte er ans Geistlichwerden, er tat nur so, er brauchte unsere Batzen für die Universität, sagte, es sei für Theologie, aber studierte anderes Zeug, wofür wir kein Geld auf die Strasse schmeissen, und er wird jetzt auf diesem Katzenschlich in kurzem ein Advokat oder sonst was Unnützes. Aber ein ehrlich Spiel war das nicht.«

Nun, nun, meinte mein Kindskopf vorsichtig, es ist kein gescheites Spiel. Er wirft die besten Trümpfe weg, alle vier Ass könnt er haben und will lieber vier Ober. Aber in Gottes Namen, wenn er eben viel lieber ein Professor oder ein Advokat wird! wenn er es nicht besser versteht! Was gibt es da so viel zu jammern? Auch für das ist es doch um kein Geld schade!

»Schau, Gerold,« grollte der Lehrer etwas milder fort, »was wärest du für ein Prachtmensch am Altar gewesen. Im seidigen Rauchmantel, mit dem Weihrauchfass vor dem heiligen Sakrament! Und dann die Monstranz in der Hand und den Segen erteilend. Oh, wie hab ich mir das schön gedacht. Immer sah ich dich so oder auf der Kanzel mit Stola und Birett, dich, mit deiner Rednergabe. Berühmt wärest worden in kurzer Zeit ...«

Gerold hätte jetzt wohl ein müdes Lächeln versucht, wenn er noch gewusst hätte, wie man lächelt.

»Sag, was du willst,« brauste Beat wieder auf, »das heisst man, alle Gnade und Gabe von sich schmeissen ... Der Pfarrer in Sarnen ist ein Greis, der unsrige altert auch, du mit deinem Talent hättest bald eine Primapfünde bekommen. Vielleicht hättest du noch ein Jahr länger studiert – oh, unser Beutel hätte das auch noch ausgehalten – und du hättest den Doktor Theologiä erworben, der einzige in ganz Obwalden. Und da du so ein Wissenschaftler bist, wer weiss, wie bald dich der gnädige Herr nach Chur hinauf gerufen hätte. Professor im Seminar, Domherr, wer weiss, wer weiss,« raste der Lehrer ins Vermessene hinaus, »noch nie ist ein Obwaldner Bischof geworden ... aber ... O du ...«

Wieder lief der Lehrer die Stubenlänge auf und ab, biss in den Schnurrbart, warf die Arme von sich, ächzte und seufzte. Dann ward er stiller, stand vor den Bruder hin und sagte: »Aber auch ohne Stab und Ring, auch als Kaplan im Grossteil oder auf der Schwändi wärest du uns mehr als recht gewesen. Dein priesterliches Gebet wäre ... ach was! ... Was musst du für verweltlichte Kameraden gehabt, was für Romane gelesen haben, um das alles, alles in den Wind zu schlagen ... Gerold!«

Ich klob am Zapfen meines Tintenkruges. Ein seltsames Schlucken stieg mir in die Kehle.

»Und unsere alte Mutter! wer soll ihr das sagen? Ich nicht, ich um keinen Preis!«

Jetzt erzitterte die mächtige Figur. Das traf.

»Wenn du wüsstest, wie oft wir da beisammen gesessen sind vor dem Lampenanzünden, die Mutter, das Seppli und ich, und den Rosenkranz für dich gebetet haben, und die Mutter sagte: ›Beat, ich weiss, du möchtet jetzt Licht machen und schreiben. Aber bitte, noch fünf Vaterunser für Geroldli‹ ... Ja, Geroldli sagt sie dir noch immer, du schlechter, heilloser, grosser Kerl!« schrie Beat auf ... »›Bitte, noch fünf Vaterunser für Geroldli! Er ist so weit weg und hat es sicher oft so schwer!‹ ... Und dann zündeten wir die Lampe noch nicht an, sondern redeten noch lange von dir. Und die Mutter sagte: ›Beat, wenn er oben auf dem Altar steht und sich zu uns in den Bänken kehrt im heiligen Messkleid und uns zuruft: Benedicat vos omnipotens Deus Pater et Filius et Spiritus Sanctus‹ ... oh, unsere Mutter ohne Schule konnte bald besser Latein als ihr Herr Sohn, der Theologe, ... ›und‹, sagte die Mutter, ›wenn er uns dann mit gefalteten Händen segnet, ist das dann nicht Lohn für alles, was wir für ihn geknausert und geschwitzt haben? Ach, wenn er die erste heilige Messe gelesen und mir die Hostie gereicht hat, da möcht ich am liebsten gerade sterben, von einem Himmel in den andern hinüber. O wie schön, wie schön!‹ ... Ich hör es noch da vom Ofen her ... Ja, ja, gute, alte Frau, du wirft gang anders gesegnet.«

Und wieder erzitterte der Gescholtene leise im Innersten, wie ein Baum bei einem furchtbaren Hieb.

So gewitterte es wohl eine halbe Stunde. Längst sollte die Schule beginnen. Unten im Garten, den Finger zwischen den Zähnen, standen die Kinder und horchten und erschauerten, wie da ein erwachsener Schüler schrecklich abgekanzelt werde.

Gerold aber stand die ganze Zeit auf dem gleichen Fleck, drei Schritte von der Tür, das Bündel neben den Füssen, das Haupt gesenkt, liess alles über sich hinbrausen, tat keinen Laut. Dies und mehr hatte er sich ja selbst dutzendmal schmerzhaft genug vorgeworfen. Nachdem er endlich den Knoten durchhauen, tat ihm dies alles nicht mehr so weh wie die früheren Kämpfe, winterlang in Öde und Dürre mit seinem eigenen brennenden Gewissen. Aber es ging nicht anders, er erbebte auch jetzt noch bei einem besonders rührenden Vorwurf, und wenn ihm Beat einen gar zu widrigen Verdacht sozusagen ins Gesicht spie, zuckte er peinlich zusammen. Darnach bückte er sich noch tiefer und verharrte noch regungsloser auf seinem Fleck.

Ich glotzte, ich staunte, ich litt entsetzlich, wollte weg und klebte doch wie verhext am Pfosten. Unwillkürlich riss ich den Zapfen aus dem Krug, wenn der Lehrer aufbrauste, und schon ihn in den Hals, wenn er zahmer wurde. Und siehe, nach und nach ermüdete Beat doch, der Zorn war ausgeschüttet, nur Schmerz und Mitleid blieben übrig. Vor allem dieses Stillestehen neben seinem Bündel, dieses Zuhören und demütige Schweigen Gerolds, dieser gesenkte Kopf, diese schier unheimliche Geduld hatten den Lehrer mürbe gemacht. Er setzte sich erschöpft, wie nach einem schweren Tagesmarsch, auf den Stuhl, zog einen andern herzu und winkte Gerold, neben ihn zu sitzen. Da bewegte sich dieser stumme Berg endlich, rückte zögernd herzu, sass mühselig ab und sank wieder lastend in sich zusammen.

Aber Beat schüttelte ihn am Saum des Fracks und begann dringlich, aber gelinder zu fragen, was jetzt sei, was geschehen müsse, ob Gerold sich schon etwas ausgedacht habe, wie er sich die Zukunft denke, und rief laut hinein: »Da fehlt ja ein Knopf, Bruder. Hast du so eine Ordnung?« ... Ach was, Gerold, der stets so saubere Gerold, hatte sich längst nicht mehr um die Knöpfe an Frack und Weste gekümmert.

»Geschehen ist geschehen,« sagte Anton wieder, »das ist nun so.« Ich dachte, er meine die Knöpfe am Theologenrock. Der Lehrer aber meinte den Theologenrock selbst.

Lehrer Beat riet weiter, wie man es wohl der alten Mutter hinterbringe, bevor ein schadenfrohes, wüstes Gerücht zuvorkomme. »Na, es ist am besten, ich laufe heute nach der Schule nach Giswil und besorge das selber. Ich sage, du seiest noch am Überlegen, es sei für dich Gewissenssache. Vor dem Gewissen beugt sich die Mutter. Das ist ihr erstes ...« Ah, der gute Lehrer stiess endlich auf solchem Umweg auf die Hauptsache, auf das Gewissen, das er in seiner ganzen Predigt bisher übersehen hatte. »Das ist es doch,« wandte er sich an Gerold, »warum du eigentlich nicht kannst, das Gewissen, nicht wahr?« Gerold nickte. Sein feines, lauteres Gewissen erlaubte ihn das Weiterlügen nicht mehr. Jetzt hob er den Kopf zum ersten Mal und sah den ältern Bruder durch die Brille mit einem Schimmer von Hoffnung an. Jawohl, er trug auch schon die Brille, aber nicht zwei wie Beat. Er war nur am Auge kurzsichtig, seine Seele sah noch klar in die Weite.

»Nun heisst es eben, den Leuten so stramm ins Gesicht schauen wie vorher, als wäre nichts geschehen. Nur keine Sündermiene jetzt, sonst hast du’s verspielt. Du grüsst, ziehst den Hut fängst an zu plaudern, lachst etwa und spassest und zeigst dich am Sonntag auf dem Kirchplatz. Du bist doch kein Verbrecher. So wird das böse Maul der Gasse gleich zahm. So was ertragen die Kerle nicht. Sie stecken hinter dir wohl etwa die Nasen zusammen und munkeln ein wenig. Das musst du jetzt halt leiden. Vor deinem Gesicht tut’s keiner.«

So redete Beat immer kecker und wurde dabei immer dringlicher Partei für Gerold. – »Ein unberufener, ein schlechter Geistlicher! Gott bewahr uns davor! ’s ist schlimm auch so, aber doch noch alles sauber und gerade.«

Indes woher nun das Geld zu einem andern Studium nehmen? Ob es solches Studium überhaupt noch gebe? Aber Gerold könne doch nicht tuchweben oder sich als Käser nach Ungarn verdingen. Herrgott neunundvierzig, etwas müsse doch geschehen.

»Nein, nein, melken, weben, so was in keinem Fall«, tröstete Beat und legte dem Bruder beide noch immer zur Faust geballten Hände auf die Achseln. »Das kam mir nur so im Ärger oder Spass heraus«, entschuldigte er mit heiser gewordener, fast bittender Stimme. Dabei zog er die Arme zurück, schob das Nastuch aus dem Ärmel, trocknete sich die Stirn und eingebogenen Schläfen. Wahrhaft, er hatte geschwitzt bis ins dünne Scheitelhaar hinauf. Ein anstrengender Spass.

So lieb hatte ich den Lehrer noch nie gesehen, und so weich hatte er noch nie geredet. Das Parteifähnlein meiner Seele neigte mehr und mehr von Gerold weg dem Lehrer zu. Warum auch antwortete der grosse Kerl im Stuhle nichts, dankte nicht, lachte nicht hellauf und versprach nicht allerlei Herrliches? Dieses Schweigen, man begreift ja, aber jetzt treibt er es zu weit.

Wieder warf Beat die Arme über die Achseln des stummen Bruders. »Donnerwetter,« schrie er ungeduldig, »so rede doch. Was sollt jetzt? Du siehst weiter. Was meinst? Ich bin zu allem bereit.«

Und nun waren es keine Fäuste mehr, sondern die gelösten, vom Schreiben abgenutzten, so dienstwilligen Hände, mit denen er Gerold an der Schulter fasste und schüttelte. Dabei sah er ihm nahe ins Gesicht, und aus seinen stechend graugrünen Augen tropfte es von solcher Liebe, dass in diesem Augenblick gewiss kein Mensch auf Erden, kein Dichter, kein Bräutigam, kein kranzschwingender Sieger, ja, nicht einmal der zur Dreifaltigkeit aufschwebende und diese herrliche Bruderschaft berichtende Seraph einen schönern Blick tat.

Beat sah, wie Gerold auf seine Frage den Mund bewegte, mühsam, hilflos, ohne Laut wie ein noch zahnloses Kind.

»Gut, gut, ich verstehe dich«, tröstete Beat immer heiserer, leiser, williger. »Trink einen warmen Kaffee und überleg ein wenig, bis ich aus der Schule komme! Mach einen Spaziergang am See. Kannst den Heiri mitnehmen, geb ihn frei. Und dann wollen wir schon einen Weg finden ... Was, ein Viertel auf Neun! Jetzt hab ich die Geographie verpasst ...«

Er sprang zur Schwelle hinaus und rief der Schwester zur Küche hinein, dass sie zum Mittagessen Äpfelküechli backe. Der Gerold esse sie so gerne. Aber viel Zucker und Zimt darauf. So möge er es am liebsten. Dann rannte er in Sätzen zur Schulstube hinunter und teilte links und rechts besonders kräftige Tatzen aus.

Ich aber durfte, statt in der blöden Bank zu sitzen, mit dem grossen, schwarzbefrackten Studenten unten am Seeufer spazierengehen und freute mich überdies auf die Äpfelküechli, wovon zwei, drei gewiss auf meinen Teller abfallen würden. Da war nun ein handbreiter Pfad, hohes Gras, dichtes Erl- und Weidengebüsch, schlanke, säulengerade Pappeln, alle zehn Schritte eine, die hoch oben in der Luft so geisterhaft plauderten. Der See leckte da und dort mit seiner schaumigen Zunge durch das Schilf zu uns herein. Wasserstelzen wippten mit ihren Schwänzen auf den Kieseln. Es kicherte im Geäst von allerlei Gevögel und über unsern Köpfen surrten wie silbergrüne Pfeile die Wasserjungfern, die wir auch Augenstecher nannten. Aber sehr hoch ob all dem, sogar weit über den Pappeln, schwammen zwei Hühnerfalken ohne sichtbares Flügelschlagen unsagbar grossartig durch die Luft. Ich kannte sie gut. Es waren nicht Männchen und Weibchen, sondern ein alter und ein junger Habicht, der ältere etwas kleiner und rostiger. Früher sah ich sie für Vater und Sohn an. Jetzt wusste ich, das waren Brüder, Beat und Gerold. Bald flogen sie zusammen, bald trennte sich der Jüngere und dann ging es weit auseinander. Riss dieser sich gar zu weit vor, dann gab es etwas wie einen sekundenlangen Halt beim andern, dann zwei kolossale Schwünge, und der alte Vogel schnellte mit einem famosen Pfiff am Jüngling vorbei an die Spitze und Führung. Ich sah dem Spiel zu, bis mir schwindelte. Wollte man es glauben, dass der Beat, so viel älter, kleiner, kahlköpfiger, doch der stärkere ist!

Gerold ging unendlich traurig neben mir und achtete es nicht, ob er in einen Tümpel oder auf einen Wurzelknorpel trat. Ich zeigte ihm mein Versteck beim Indianerlispiel, den Platz, wo wir Buben verbotenerweise die Kleider in die Stauden hängten, um im See zu baden. Dabei wurde ich redselig. »Dort vor dem Röhricht wird der See unverhofft tief, da muss man schwimmen können«, prahlte ich. »Der Omlin Karl ist dort in ein Geschlinge von Seerosen geraten und wäre bei einem Haar ertrunken ... Das ist eine Zwergweide, ganz faul. Gebet acht, im Loch steckt ein Hornissennest. Wir haben es schon zweimal ausgeräuchert ...« Und ich schilderte die homerische Schlacht, wo drei Stiche einen Menschen, sieben den stärksten Hengst töten würden ... »Und da, seht den wilden Kirschbaum! Das Land bis hinauf zur Kantonsstrasse gehört dem reichen Ludi. Und da klettert der Sagisepp, wisset, der Waisenbub, einmal verstohlen hinauf und stiehlt wacker Kirschen in seinen Kratten. Aber der Baum steht schier im See, seht nur, und dazu wilde Kirschen, und die Ästlein voll Gedörn. Ist das noch Sünde? Aber jetzt hört nur! Der reiche Ludibub kommt gerade dazu. Er ist flink und stark und hat Augen wie Messer. Flugs ist er oben, legt den Sepp über den Ast, sitzt ihm auf, als wär’s eine Bank, und isst die Kirschen aus dem Kratten und spuckt ihm die Steine ins Gesicht, denkt! Und der Sepp schreit: ›Ich wollt’s ja nicht für mich, ich wollt’s der Waisenmutter bringen.‹ Aber der Ludi drückt ihn nieder, lacht und speit ihm die Steine ins Gesicht. So was! Seitdem fürcht ich ihn. Das wird ein Nero oder ein Gessler ...«

»Pst, pst!« machte Gerold abweisend. Das war sein erstes Wort. Pst! Er wollte kein solches Herrenzeug hören.

Da sprang ich schnell auf etwas ganz anderes über, was ich schon lange sagen wollte und nicht wagte. »Seht da,« sagte ich etwas schwer, »wollen wir hinein? Es ist wie ein Schattenhäuschen. Die Garowi und ich haben es gemacht. Kein Mensch sieht einen drin. Da, da ...« gestand ich und wurde rot, »da sitzen wir und ich erzähl’ Geschichten.«

Einen Augenblick sah mich der Theologe erstaunt an und wiederholte halblaut: »Geschichten?« Dann fiel er in die alte Erstarrung zurück. Und weder er, noch ich hatten eine Ahnung, dass auch seine Geschichte, dieses Morgenbegegnis, einmal erzählt würde. Ich aber schämte mich sofort über mein Geständnis, ohne recht zu wissen, warum, und eiferte hastig: »O nur, wenn uns sonst nichts Gescheiteres einfällt. Das Schifflibauen und Vögelfangen ist auch kurzweilig!«

Das war gelogen. Über alles ging mir das Geschichtleinerzählen. Aber vor diesem sonderbaren, traurigen Kameraden und dem schweren Tatzenschlag der Wirklichkeit, den ich eben miterlebt hatte, dünkte es mich plötzlich unbübisch, weichlich, feige, unnütz fürs Leben, fast lächerlich.

»Glaubt Ihr,« fragte ich und sprang mit der Grundsatzlosigkeit der Kinder und Vögel auf einen andern Ast über, »glaubt Ihr, dass es zu unterst im See kälter ist als am Nordpol? Und dass es da wirklich einen dicken Wald von Bäumen gibt und Ungeheuer darin hausen, Schlangen mit gezackten Flossen und einem Horn auf dem Kopf? Einige haben so was gesehen, immer vor einem grossen Gewitter. Was meint Ihr?«

Er hörte nichts. Auch als ich fragte, ob im Tirol die Berge höher seien als bei uns und ob man im Inn schwimmen könne, machte er nur die frühere abweisende Handbewegung. Es war etwas Grossartiges in dieser müden Geste. So konnte nur ein Herr abwinken. Aber ein neuer Schatten flog über das Gesicht des jungen Mannes. Tirol, Inn, natürlich! Ich biss mir auf die Zunge, ich Esel, so etwas gerade jetzt zu fragen.

Gar zu gerne hätte ich ihm erzählt, dass ich Theologie studieren und so einen geschlossenen Frack bis zum Hals tragen wolle wie er. Ja, durchaus das. Mir brennen die Sohlen, bis ich so weit wäre.

Ach, aber ich sei ja erst Viertklässler. Und dann kommen sechs Jahre Sarner Kollegium und dann zwei Jahre Philosophie oder so was und dann Theologie. Werd’ ich’s erleben, ich, mit meiner Engbrüstigkeit? Ich sinne tags und träume nachts davon und habe mir aus Tapete ein Messgewand geschneidert und ein Altärchen errichtet und aus Pappendeckel ein Birett zusammengeleimt, ein Birett nicht mit drei, nein, mit vier Flügeln, wie die Doktoren es tragen. Ich könne schon das Gloria und Paternoster und den ersten Vesperpsalm auf Latein auswendig. Ob ich’s vorsagen dürfe? ob ich’s recht betone?

Und ich wollte sagen, dass ich ihn nicht verstehe, gar nicht. Wenn er mich einmal am Altar erschaue, ganz in Tempelgold und Seide, mit dem Herrn redend wie Moses auf dem Berg, o dann reue es ihn, und er komme mir noch nach, wenn es dann noch lange! Das könnt ich beschwören. Aber jetzt mög er in Gottes Namen tun, was er für besser halte. Nur soll er mir gefälligst sagen, wie es eigentlich anfange mit dem Geistlichwerden, wie das erste Fach heisse? Ob es schwer sei, schwerer als Dezimalbrüche, oder als Hebräisch, das so verzwickt aussehe und von hinten anfange? Und wie viele Examen? Ob man bald predigen dürfe? Hoffentlich! Und ob man jeden Tag den Bischof sehe und wie man mit ihm reden müsse? Euer Gnaden, grüsst man, nicht wahr?

Eine ganze Welt von Zukunft drückte mich, aber nichts brachte ich heraus. Gerold tat zu abwesend. Er sah keine Wildenten, kein Haselgrün, kein Seewasser, keinen Sonnenschein. Er wusste, glaub ich, nicht, wo er eigentlich war, ob er ging oder sass, allein oder mit mir. Hinter seinen Brillengläsern gab es nichts als Schatten. Es kam mir fast vor, als ob die Güte Beats ihn nun viel schwerer drücke als die vorherige Empörung und alle Schwierigkeit von morgen und übermorgen. Immer wieder strich er das dünne, feuchte Haar aus der Stirne und blickte ziellos übers Schilf hinweg. Ich hörte deutlich seinen schweren Atem durch die beklemmende Stille. Da fing es auch mich an, in der heissen Sonne zu frösteln, ich wurde kleinlaut, pfiff vor Verlegenheit durch die Zähne: O du lieber Augustin! sehnte mich weg und verschob jedenfalls meine fragenreiche Neugier bedingungslos auf eine bessere Zeit. Immerhin, damit half ich mir zurecht, gab es Äpfelküechli zu Mittag.

Plötzlich fing Gerold an, schneller zu gehen. Er stampfte ordentlich mit den ungeheuren Schuhen ins Gras. »Kehren wir um,« sagte er, »’s wird Zeit sein.«

»Es hat doch eben zehn Uhr geschlagen. Habt Ihr’s nicht gehört?«

»Du lieber Gott, erst zehn Uhr«, seufzte der Extheologe und zog die Sackuhr ohne Kette aus der Weste. Sie war stillgestanden. Er nahm das Schlüsselchen, um sie aufzuziehen, aber steckte beides wieder in die Tasche. Wozu die Uhr aufziehen?

Wir kamen an das kleine Sand- und Steindelta, wo der Ettisriederbach in den See fällt. Dort wird das Wasser sogleich tief. Mir wurde so langes Schweigen unleidlich und ich erklärte: »Hier wäre es gefährlich zu baden ... Habt Ihr auch schon einen Ertrunkenen gesehen? nicht? Das ist grausig. Ich sah! Ein Kind und den alten Kläusi. Man fischte mit Angelschnüren, Haken und Stangen nach ihnen, aber man kam fast nie zu Boden. Einmal fassten sie etwas. Das zog schwer. Was meint ihr, was es war? Ein langes Gerippe, voll Moos und Lumpen, eine Stallkette um und um und einen Strick am Hals. Hoi, da machten sie das Kreuz und liessen den Fisch schnell wieder hinunter. Der Gemeinderat war sehr zornig darüber, aber sie fanden das Gerippe nicht mehr. Mir träumte die ganze Nacht davon. Ich bekam Asthma und Fieber.

Aber wisset,« ereiferte ich mich im Thema, »alle ertrunkenen kommen am dritten und am siebenten Tag wieder herauf. Aber nicht für lange. Dann sind sie blau und geschwollen wie Saublattern von den Gasen. Da heisst es aufpassen und zupacken, bevor das Gas ausgeraucht ist. Denn nachher sinken sie für immer, und die Toten, nicht wahr, lägen doch so gerne auf unserem Friedhof. Da unten im Grund ist’s doch furchtbar kalt. Aber dieser Kläusi, sagt man, hab’ sich selber ertränkt. Und könnt’ Ihr’s glauben, nur weil ihm sein Schatz auf und davon lief. Jetzt nütz’ es nichts mehr zu leben, hab’ er immer gesagt, jetzt werd’ es zu langweilig ... Versteht Ihr das ... zu langw ...«

Gerold hatte die Hand erhoben, beinahe drohend. Mir zerbrach das Wort auf den Lippen.

Was soll man denn schwatzen? Wahrhaft, ich wurde ärgerlich. Meine schönsten Geschichten verduften an diesem Steckkopf. Nichts will er sehen, nichts hören. Stumpfsinnig bohrt er sich ins Schweigen. So tut man ja nicht einmal beim Sterben. Und am Sterben ist’s mit dem denn doch noch lange nicht. er hat zum Frühstück drei Tassen Milch getrunken und gehörig Butter aufs Brot gestrichen. Und der Lehrer hat ihm so lieb ins Aug geblickt und Äpfelküechli befohlen. Nein, jetzt treibt er es zu bunt. Ich wurde immer böser.

Er soll seinen Sack nur auch tragen wie wir. Ist er denn etwa ganz unschuldig? Wenn ich die Katechismusstunde schwänze, nur eine, krieg’ ich Hiebe. Und der da schwänzt doch jetzt die ganze Theologie. Und dafür soll man ihm jetzt noch schöne Musik machen, Sakkerdiä (von ›sacre Dieu‹)! Das ist ein verdammter Hochmut, schimpfte es in mir. Bin ich etwa nichts? Ist er allein auf der Welt? Hoppla, ich will ihm schon zeigen, was ich bin. Und ich sagte plötzlich mit unvermittelter Bosheit: »Ihr, Herr Theol ... Gerold ... Ihr könnt machen, was Ihr wollt. Aber dass Ihr es nur wisset, ich geh’ trotzdem nach Innsbruck und studier’ Theologie. Aber ich komme dann nicht heim, bis ich die Messe lesen darf. O, ich kann’s nicht erwarten, bis ich Geistlicher bin!«

Und ich streckte meine magern Knabenarme voll Sehnsucht aus: »Ha, dann reut es Euch vielleicht ...«

Da wandte sich Gerold heftig zu mir um, seine Augen waren feucht, er packte meinen Ellbogen und sagte mit einer leisen, unwiderstehlich lieben Stimme: »Tu das! dann ist der Platz ja wieder besetzt. Und dann kannst du mir ja ein Requiem singen.«

»Nein, gar nicht, ein Gloria in excelsis!« schrie ich wütend vor Rührung und Reue und schüttelte wild an seiner grossen Hand herum. »In der weissen Kasel (Messkleid), so müsst Ihr’s bekommen, wie zu Ostern oder am Weissen Sonntag.« – Als Ministrant kannte ich mich in den Riten der Kirche schon ziemlich aus.

Nun ward es auf einmal lichter zwischen uns. Wir redeten nicht mehr, aber Gerold hob den Kopf, blickte munterer herum, pflückte sogar eine rote Steinnelke und roch daran. Als wir beim Schulhaus ankamen, fragte ich grossartig: »Was kostet die Seminarkutte? Ich möchte sie Euch abkaufen.« Das sagte ich ernst und reichte dem Riesen nicht einmal an den untersten Westenknopf.

Da lächelte er zum ersten Mal. »O, die!« warnte er, »da steckt zu viel Elend drin. Ich hab’ sie doch auch einem Deserteur abgekauft. Das steckt an. Lass’ dir lieber eine nigelnagelneue anmessen.«

Nigelnagelneu, so konnte er jetzt sagen. Das war doch ein lustiges Wort. Oh, jetzt hellt sich das Wetter auf. Er spasst ja schon –

Wir steigen auf den Schuhspitzen die Stiegen im Schulhaus empor. Aus Beats Lehrstube herauf tönt die bekannte, langweilige, etwas heisrige Stimme: »Zwölf mal zwölf? ... was, keiner von den Sechstklässlern! Wartet, euch will ich striegeln, bis ihr’s wisst. Zwölf mal zwölf?«

Jetzt erhob sich wie Lerchentriller die Stimme einer noch ungebrochenen Kehle. »Hundertvierundvierzig!« jubelte es. Nie ist diese Zahl schöner ausgesprochen worden.

»Schämt euch vor diesem Viertklässler!«

»Der Friedrich von Moos«, flüsterte ich respektvoll zum Studenten. »er weiss es.«

»Ich wusste es auch«, sagte Gerold leise.

»Ich auch«, fügte ich bei.

Was denn wussten wir? Etwa zwölf mal zwölf? Viel mehr, sehr viel mehr. Wir machten wichtige Gesichter gegeneinander, als ob wir soeben die schwierigste Rechnung der Welt gelöst hätten. Ja, hatten wir denn nicht?

Lehrer Beat, dachte ich fröhlich, so schimpf’ doch nicht so! Wir wissen doch so viel, wir wissen schier alles. Und zum Mittag bekommst du doch auch Äpfelküechli! –

Ich sehe dies vormittägliche Ereignis mit jeder Gebärde und Miene heute noch so scharf wie mein eigenes Gesicht in einem kristallenen Bach. Und sind doch so viele neue Wasser darüber weggeflutet und haben so viele andere Gesichter und Erlebnisse hineingeschaut. Oh, unverwischbare Kinderzeit!


Merkwürdig, nur der Extheologe verschwindet seit jenem drolligen Sätzchen auf der Schulhausstiege für lange Zeit total aus meinem Gedächtnis, bis ich Gymnasiast den gefesteten Mann plötzlich am Landsgemeindesonntag mit dem regierenden Landammann, den Räten und Geistlichen im gleichen feierlichen, herrenmässigen Schwarz, unter dem Geleit der rotweissen Weibel und der schmetternden Blechmusik zum historischen Landenberg an die alljährliche grosse Volkstagung hinaufmarschieren sah. Er ist also ein Herr geworden. Allerdings, er geht hinter den andern Herren, an letzter Stelle, er ist noch nicht ganz auf der Höhe. Aber keiner hat einen so grossen Schritt. Sein Kopf ragt über alle hinaus.

Er trug jetzt einen goldenen Nasenklemmer mit einer schwarzen Seidenschnur übers rechte Ohr. Aber die Brille sässe besser, denn er hat die gleiche kurze, breite Nase wie Lehrer Beat und muss beim Vorlesen der amtlichen Texte immer wieder den Kneifer zurechtrücken. Aber welch eine vornehme, schöne Stimme er hat! Fast zu vornehm, zu städtisch, zu hochdeutsch klingt es, und eben das und der goldene Zwicker gefallen dem Bauernvolke nicht. Ist er doch ihresgleichen gewesen, kein geborenes Herrenkind, und sollte das nicht vergessen. Sie glauben an seine Gescheitheit, aber ihr Herz wird nicht warm dabei.

Er ist Landschreiber geworden, muss die amtlichen Schriftstücke verfassen und vorlesen und unter den Namen des Staatsoberhauptes immer auch den seinigen setzen. Ein Landschreiber kann Regierungsrat und einmal Landammann werden, warum nicht? Jetzt ist er noch Diener der Staatsmänner, ihr Schreiber, bis er einst selbst als Staatsmann auftritt und nicht mehr schreibt, sondern handelt.

Ich drängte mich durch die Männerhaufen gegen das Herrenzelt am Hügel vor und verzehrte den ehemaligen Theologen beinahe mit meinen blicken. Sieht er mich wohl und kennt er mich und denkt er noch an jenen Spaziergang am See und an zwölf mal zwölf ist hundertvierundvierzig? In seinen Mienen suchte ich zu lesen, ob er nun recht glücklich geworden sei. Aber meiner Einfalt schien, sein Gesicht habe etwas Farbloses, Gleichgültiges, Ernüchtertes bekommen, beinahe etwas Gelangweiltes, etwas, das sagt: ach, das ist es noch nicht, was ich möchte! – Nun, ein Landschreiber wird wohl so ein Gesicht machen müssen. Das ist vielleicht sehr staatsmännisch.

Während der Landammann seine Rede hielt und die im letzten Frühlingsschnee gleissenden Obwaldnerberge rundum wie ein Chor dastanden und schwiegen, sie kannten ja diesen Brauch an diesem Platz seit vielen hundert Jahren, und während das stimmfähige Mannsvolk mit entblösstem Haupt zuhörte, senkte Gerold bescheiden den Blick. Das tat mir weh, das schien so dienerhaft. Warum soll er nicht dem Landammann auf den Mund sehen und wenn dieser einen Fehler macht, ihn allsogleich korrigieren?

Später, bei den Vorlagen und Entwürfen hiess es immer so von oben herab: der Herr Landschreiber möge das Betreffende vorlesen! oder man winkte ihm sogar nur. Das tat mir noch mehr weh. Ich hätte gewünscht, dass man ihn sehr höflich bäte. Er soll sich jetzt befleissigen, dozierte ich für mich hin, dass er auf einen der fünf oder sieben Ratssessel da kommt, der gewaltige Gerold. Das ist nichts für ihn, nur so zu äusserst am Zeltrand zu kleben. Er gehört in die Mitte. Es hat jeder das Recht, Landammann zu werden, auch ein Schuhmacherssohn, auch ein Armenhäusler, auch ein Theologe. Ich wette, dieser Gerold versteht sich auf Griechisch und Hebräisch besser als alle diese Herren zusammen. Aber eben, er ist kein geborener Herr, er hat kein Vermögen, so einer beisst sich schwer durch. Doch dieses gleichgültige, nein, gelangweilte Gesicht, wieso auch, wieso?

Dieses Protokollschreiben und Erlasse-Entwerfen wegen Konkursen, Versteigerungen, Viehseuchen, Strassenabsperren, Marktbuden ist ihm gewiss zu wenig. Ja sicher, das langweilt ihn. Daran kann sich sein Talent nicht sättigen. Ein ›alter Cicero‹ ist für Grösseres geschaffen. Vielleicht sieht Gerold darum so eigen aus. Das ist wohl nicht Gleichgültigkeit, sondern Verdruss und Unlust ob all den dienstlichen Kleinigkeiten. Vielleicht denkt er immer noch an eine hohe Professur oder an ein mächtiges Rednerpult, lässt aber, da die Dinge schwierig liegen, bereits langsam die Hoffnung fahren, zieht ein Segel nach dem andern ein und versimpelt langsam im Tintenhafen eines untertänigen Landschreibers. So phantasierte ich Tropf.

Gerold sieht es wohl, das Volk in seiner heimlichen, giftigen Ausdauer trägt ihm noch immer das Herausschlüpfen aus der Soutane nach und lässt ihn nicht recht als Herrn gelten. Auch wenn ihn die Herren selbst eines Tages auf ihre Stühle ziehen wollten, wer weiss, das offene Handmehr der Landsgemeinde würde ihn dennoch niederstimmen. Der goldene Kneifer, der Zylinderhut, das noble Hochdeutsch, oh, das sind Argumente!

Unser liebes launisches enges Volk! Vor und nach der Landsgemeinde schimpft es über die »Herren«, wie sie allein das grosse Wort führen, so dass der gewöhnliche Bürger nicht in die Ämter gelange und die Faust im Hosensack behalten müsse. Aber wenn sich dann einer dennoch aus der Niedrigkeit emporschwingt und bis zum Herrenzelt vordringt, dann sind es doch wieder gerade diese vielen kleinen Schimpfer, die es ihrem Burschen nicht recht gönnen, ihm den letzten Schritt erschweren, ihn als Zwitter von Herr und Bauer achten und alles tun, um ihn in dieser Halbheit stecken zu lassen, so dass er wenigstens mit einem Bein noch immer auf ihrem tiefern Untertanenboden stehen muss. Aber so war es auch in Athen und Rom.

Als die Reden gesprochen, die Gesetzesvorlagen vom Volke mit Ja oder Nein entschieden, die Obrigkeit bestellt, auch der Landschreiber für eine neue Amtsdauer gnädig belassen ward, als die Musik, die Weibel, der alte und neue Landammann, Welt-, und Ordensgeistlichkeit nun zum Amtseid in die Dorfkapelle und von da zum Bankett zogen, ging Gerold wieder mit dem höchsten Haupt und dem weitesten Schritt – zuletzt, am Schweif des Herrentrupps. Und jetzt erst sah ich gut, wie er die feinen schwarzen Hosen noch immer so merkwürdig ungeschickt trug, nicht bäurisch, nicht herrisch, einfach wie an jenem Morgen in der Lehrerstube. Und auch seine Schuhe hatten noch immer etwas mächtig Plumpes. Aber wie? Was etwa Marius, der siebenmalige Konsul, nicht auch ein Bauer in ungeschickter Toga gewesen? Und sogar der gescheite alte Cato auch!

Als Landschreiber ist Gerold im schönsten Mannestum weggestorben. Wie ein Baum, meinte ich, der wegen dem Boden oder Klima nicht hatte ausreifen können. Welche Äpfel hätte ich ihm gegönnt. Wahrhaft, den schwersten, grössten Reichsapfel hätte er mir tragen dürfen.

Wenn Lehrer Beat dem Gerold etwa begegnete, erzwang er es jedesmal und ging bescheiden links. Ehrerbietig sah er zum Jüngern empor, genau wie wenn er nun doch Pfarrer und bischöflicher Kommissar und Domherr von Chur geworden wäre. Da wandelten sie selbander die Kantonsstrasse hin, die zwei Brüder, mit den gleichen Nasen, den gleichen Brillen, die Köpfe einander liebevoll zuwendend. Alles hatte sich im Frieden ausgeglichen.


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