Heinrich Federer
Jugenderinnerungen
Heinrich Federer

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Am Brienzer See

Kurz nach jenem Erlebnis in den Sachsler Bergen, in meinem zwölften Jahr, geschah etwas Wunderbares. Ein Einspänner hielt vor dem Haus. Meine Mutter Verena setzte sich mit meinen zwei Schwestern in die Polster, ich hockte neben dem Kutscher, den Sitz einwärts gekehrt. »Wir sind wohl ein bisschen zu viel für ein einziges Pferd«, bemerkte Verena. »O Sie ... ihr ... drei ... vier .. ,« brummte der Fuhrmann und streifte uns kleine, leichte, magere Geschöpfe beinahe mitleidig. »Drei von euch«, verschluckte er, »gehen auf einen wohlgewogenen Passagier.« – Beim Lungener Gasthof, wo man die Pferde füttert und wo die Kollegen, so eine grobwitzige Bande, ihn unsertwegen hänselten, hat er’s dann laut gesagt.

Er knallte mit der Geissel, und der Braune trabte lustig, als wögen wir wirklich nur ein Vierhennengewicht, den Brünighöhen zu. Herrlich, eine Fahrt von sechs Stunden ins ennetbirgische Brienz stand bevor. Dort wollten wir einige Wochen bleiben. Die älteste, schon lange verheiratete Tochter meiner Mutter aus erster Ehe, Sabine, hatte uns eingeladen. Ich und meine kleine Schwester würden bei der andern Stiefschwester Luise wohnen. Der Onkel Jaggi mit seiner Frau hielten das Hotel zum Bären, und Luise half bald dort, bald im alten Privathaus dieses kinderlosen Ehepaares. Bei ihr, der guten Seele, bekämen wir Zwei Tisch und Bett.

Ich sass zum ersten Mal in einer Kutsche, und es dünkte mich wundervoll, so sicher, leicht, bequem und immer in so warmer Erdnähe und gerade mit der rechten Schnelligkeit zu fahren, um die bilderreiche Strasse und alles fern und nah ordentlich mitzuerleben. Es gab ein lebendiges Bilderbuch anzuschauen, und man hatte gerade Zeit, ein Blatt durchzukosten, bis ein zweites begann, und sogar darüber ein Weilchen nachzudenken.

Seitdem ist mir der Einspänner das liebste Fahrzeug im Leben geblieben. Solange ich konnte, wanderte ich ja wohl auf Schusters Rappen, und das war freilich über manchen Schweizerpass und durch so viele einsame italienische Strassen das noch viel bessere, ja, das schönste, menschlichste Reisen. Wo es dann aber sein musste und das Asthma den Marsch verbot, suchte ich mir den lieben Einspänner, und es gehört zu den reichsten Stunden meiner Wanderfahrten, wie ich so durch fremdes und oft abenteuerliches Land im offenen, kleinen Gefährt reiste, mit Behagen die Gegend auf mich wirken liess, so viel Gemütliches und Gescheites von alten Kutschern dabei lernte, mit kurzweiliger Langsamkeit durch greise Dörfer fuhr, an Hospizen vorbei, über grauenvolle Brückenbogen, an gottverlassenen Mooren vorbei und, wann es nur beliebte, in einem stillen Nest, bei einem altfränkischen Gasthaus, unter einem Völklein voll friedlichem Abendklatsch anhielt. O diese Fahrten durch Tannenwald im Mondschein oder in schier greifbarer Finsternis hart an Flüssen vorbei oder über Talwiesen voll Nachmittagsschlaf oder frisch verschneite Alpenstrassen, bei Wind und Hagel und verträumten Nachtgestirnen, und immer ein Berg in Sicht, jetzt herrisch nahe, jetzt in frauenhaft scheuen Fernen, wie schön, wie unvergesslich schön waren sie! Jetzt herrscht das Auto dort, diese Unmenschlichkeit und – Notwendigkeit. In die Büsche geschlagen sind Fussgänger und Einspänner.

Doch zurück zur Brünigstrasse. Nur bis zum Zollhaus oben am See war mir der Weg vertraut. Aber auch das Bekannte trug heute in meinen verzauberten Augen eine feierliche Unbekanntheit. Die schilfigen Ufer mit den weissen und gelben Seerosen, jeder Baum, die vorüberschreitenden Menschen, alles war anders.

»Schaut dort,« sagte ich befremdet, »der Bauer dort in der Matte mäht Gras, als wäre es Werktag.«

»’s ist doch Mittwoch«, lachte die ältere Schwester.

»Was, nicht Sonntag heut?« entschlüpfte es mir. »Unmöglich.«

Die beiden Mädchen kicherten und stupften mich neckisch. »Nun,« half ich mir, »sagt, was ihr wollt, aber ich hab’ Sonntag.

»Wir auch, wir auch«, rief die Jüngere und schlug sich bekräftigend mit dem Fäustchen aufs Knie. Dann guckten wir wieder herum und plapperten und schnäbelten endlos. Rechte Spatzen!

Aber die Mutter lehnte sich schweigsam in die Polsterecke und presste die Lippen zufrieden zusammen. Einmal, wenigstens einmal wieder Ruhe, einmal Vakanz, einmal nicht an Brot und schäbige Batzen denken! Ihre verstrapazierten kleinen Hände ruhten auf ihrem Schoss wie eingeschlafen, und ihre Augen schlossen sich halb. Ach, einst waren diese Finger blank und von schmucken Ringen umspannt. Und sie sass mit andern Kindern als verehrte junge Frau im Zweispänner und wusste nicht, was hell oder dunkel war. Jetzt lag der erste Gemahl, in dessen Arm sie selbst wie ein grosses Kind geruht hatte, längst unter dem Rasen, und die zweite Heirat hatte sie von jenen Kindern und jener Heimat härter als mit dem Brünigpass getrennt, den wir heute überklommen. Diese Kinder waren gross und mit andern Menschen durch Pflichten und Rechte elternhaft versponnen worden. Die Mutter war längst abgedankt. Und doch fühlte sie noch so mütterlich, auch für den hübschen, schlanken Sohn in England, der nie schrieb, auch für die harte Sabine, die selbst schon sieben- und achtjährige Buben aufzog, und für die stille, bei Onkel und Tante lebende Luise.

In der Tat, die zweite, jähe Ehe mit einem jungen, phantastischen Künstler war, oberflächlich geurteilt, ein Abfall von jenen noch nicht ausgewachsenen Kindern gewesen. Das tat Verenen oft weh. Denn so viel hatte sie damals wie alle ihre abratende, treue Brienzer Verwandtschaft eingesehen, dass sie nicht einem solchen zweiten Gatten folgen und doch noch für vier ausreifende Kinder sich opfern könne. Und erst noch der andere Abfall, der jubelnde Übertritt zum Glauben ihres Mannes! Nein, nein, sie begriff und verzieh den tiefen Unwillen der Kinder, die Abkehr der gesamten bernerischen Verwandtschaft, und dass sie der Mutterrechte verlustig geworden. Und dennoch, sie konnte nicht anders, sie hätte es wieder getan! Das begriff sie noch besser, und wenn sie jetzt etwa die ungemindert strahlenden Augen zu einer weissen Wolke über dem Bergscheitel erhob, pries sie trotz abtrünnigem, verlorenem Gemahl und der Armut und Bitterkeit darob dennoch ihren Heiland, wie sie ihn jetzt durch allen Staub und Schweiss erlebte, pries ihn mit einem Dank von unbezahlbarer Wonne.

Wie würde es nun drüben in der ehemaligen Heimat werden? Gewiss gut. Eine lange und barsche Zeit war über jene Ereignisse gegangen. Jene Kinder standen nun reif und selbstsicher im Leben. Das Unglück der Mutter mit dem zweiten verirrten verschollenen Gatten hatte ihren Groll längst geschlichtet. Es war etwas wie wohltätige Vergessenheit entstanden, wenn doch die Parteien über anderthalb Jahrzehnt in so von Schicksal, Religion und Gebirge geschiedenen Welten leben und jede derweil an ihrer eigenen Nuss zu knacken hat. Eher war jetzt eine Art freundschaftlicher Duldung entstanden, womit man über die Narben einer alten schweren Verwundung fährt, sie vielleicht sogar küsst.

Diese grossen Kinder werden nun uns kleine kennenlernen, wer weiss, einen geschwisterlichen Zug in uns entdecken, eine verwandte Musik des Blutes aus uns heraus hören, sich und uns aneinander wärmen und der Mutter sagen: »Das hat so sein müssen. Du hattest andern, wohl oder weh, noch etwas zu geben, Gott weiss, wir verstehen das jetzt, und wir wollen uns im gleichen Herrgott, der diesseits und jenseits des Brünigs regiert, nun wieder aneinander freuen.«

Ja, solches sann unsere Mutter und bog sich noch behaglicher in die dunkelblaue Polsterung hinein. Und wie es nun aufwärts ging den Kaiserstuhl und hoch über dem urgrünen Lungererseelein vorbei zum Brünigsattel durch prachtvolle Waldung empor, sie sah es nicht, sie war in eine noch idealere Landschaft der Zukunft versunken, diese so nüchterne, reelle Frau, die sonst nie träumte.

Aber auf dem Joch, wo die Strasse ein Weilchen eben lief, stupften wir Kinder sie aus dem Traum. Denn da stiessen hinter den Tannen Berge hervor, wie wir noch keine gesehen hatten, nicht wie die Sachslerketten bis zu oberst noch freundlich begrast, nein, sie waren doppelt so hoch, wuchsen mit senkrechtem Fels und glühweissem Firn durch Wolken und Vogelflug in den Himmel hinein, unmenschlich schöne und grausame Bauten, die einem den Hals im Aufblick schier ausrenkten. Und erst jetzt wusste ich ganz, was Berg heisst. Mir zerbrach die Stimme vor solcher Schau. Und je weiter wir aus dem Sattel des Brünigs an den jenseitigen Berghang rollten, desto voller enthüllte sich das Berner Oberland, und mit einem Schrei des Entzückens sahen wir plötzlich das glatte grüne Tal tief unter uns und das weisse Geplätscher der Wasserfälle über alle Wände hinunter und die Aare, schnurgerade in einen Damm gelegt, ein graugrünes, eifrig seewärts schiessendes Alpenwasser, das grösste und unheimlichste, das uns bisher begegnet war. Weit hinten im Süden aber, zwischen hohen Bergzügen, ward ein düsterblaues Stück des Brienzer Sees gesichtet. Alles in allem eine neue, ungeheure Welt. Es kostete Kraft, sie so rasch zu verdauen.

Nun begann die Strasse jenseits bergab zu schleifen, das Pferd lief lustig voran, der Kutscher legte den hässlichen Radschuh unter. In einem hellen Bogen ging es am damaligen Brünighospiz vorbei, und da, plötzlich, ward mir diese Schleife, dieses Haus, diese Türen und verhängten, schmalen Fenster merkwürdig bekannt, als hätte ich sie schon einmal erlebt. Und doch war jede Erinnerung an jene winterliche Reise als dreijähriges Knäblein von Brienz nach Sachseln in mir erloschen. »Kommt jetzt nicht gleich der überhängende Fels?« fragte ich. »In zwei, drei Minuten«, erklärte der Kutscher. »Woher weisst du das?« fragte Verena erstaunt. Ich wusste selbst am wenigsten wieso.

Stets liebsamer und ansprechender ward das Bild, man sah schon rechter Hand im Uferbogen das grosse Schnitzlerdorf und hörte die singende urwüchsige Sprache dieser Volksschaft, wo jedes Wort anders klang als in Obwalden. Und der See hatte einen stärkern Atem, einen massivern Wellenschlag, einen tiefern Bass als der unsrige. Das war ein starker, gedankenvoller, schwerblütiger Mann, während ich nun ebensowohl verstand, dass mein Sarner See eher einer Frau glich, launig, gütig, zarten Herzens, zwischen Spiel und Arbeit ihre Seele nicht zu schwierig tragend.

Der Einspänner fuhr durch eine lange, lange Dorfstrasse, in die zu linker Hand immer wieder der dunkle See zwischen den Häusern hereinwogte. Diese zierlich geschnittenen, niedrigen, fast schwarz gebrannten und doch so sauberen Holzhäuser, mit Lauben, vielen Fensterchen und Blumenstöcken, wo nur eine Handbreit Platz war, standen auch auf der rechten Strassenzeile, und hier guckten die kleinen Hofmatten mit breitem Obstwuchs durch und stieg es dann mächtig zur Brienzer Bergkette, vor allem dem berühmten Rothorn empor. Endlich erschien ein langer Dampfschiffdamm, weit ins Wasser hinausgebaut, und viele Kähne ruhten in seinem Schatten. Daneben erhob sich wie ein stolzer Würfel mit blitzenden Scheiben das Hotel zum Bären, einen Kastanienpark und eine Schifflände hinter sich und mit zwei fast gleichen, scheibenglitzernden Dependenzen eine wabre Residenz.

Hier fiel meine Mutter einer steifen, breitfüssigen, einfachen Frau in die Arme und küsste dreimal und ward dreimal geküsst. Das war die berühmte »Tante«. Das ganze Dorf nannte diese aufrechte Frau mit dem weinroten Gesicht, den unwirschen Augen und herrschenden Gebärden Tante. Ihr Mann, der Gasthofbesitzer Jaggi, und verenas erster Mann waren Brüder gewesen.

Diese Tante, mit der krähenden, nimmersatten Stimme eines Huhns, immer in rostbraune Röcke gekleidet, war nach Verenas »Fehltritt« die Mutter meiner drei Stiefgeschwister geworden, hatte ihr Erbe betreut nach Gewissen und Güte und unsere Mutter mit einem eisernen, unversöhnlichen Stillschweigen exkommuniziert. Aber jetzt rührte sie der Anblick der so schmächtig und klein und arm gewordenen Schwägerin. Sie beugte sich in ihrer Kraft und Breite nochmals nieder und küsste Verenas gerunzelte Stirne. Indem sie uns dann zu einem wundervollen Kaffee führte, konnte sie doch nicht anders als schelten und gackern nach rechts und links, hier einen Kutscher verjagend, da eine Serviertochter in die Gaststube treibend und ein o herrje übers andere ausschüttend: «Mein Mann ist natürlich auf die Jagd gegangen, ach herrje, der kümmert sich doch ums Hotel so viel wie um den Mond. Alles liegt auf mir, Gasthof, Schnitzlerbutik und Laden. Ich sollt’ an allen Orten zugleich sein wie unser Herrgott und drei Dutzend Augen haben. Denn die Diensten (Dienstboten) ludern herum, wenn du ihnen nicht immer auf die Nase haust, und der grossmächtige Herr Oberkellner, o herrje, wenn das Schiff kommt, hampelt er an den Steg mit einem Gesicht wie der Totengräber oder hockt auf dem Abtritt und liest die Fliegenden Blätter. Und die Schnitzlerei, herrje, schau’ unsern Laden über der Strasse, da kommen die Engländer, ein Schubkarren voll, greifen dies an und rücken jenes vom Platz und schnüffeln und schnarren und kaufen mein Seel’ zuletzt ein Falzbein für acht Batzen. Und wo ich nicht dabei bin, geht alles drüber und drunter, o herrje ... ein Hotel führen.«

Dabei zitterte sie mit dem steifen Bernerkopf ein bisschen nach rechts, ein bisschen nach links, und musterte uns Kinder mit Augen wie Rasiermesser, und auf den ersten Blick wusste ich, dass sie mich nicht mochte und ich sie ebenso wenig. Und so ist es geblieben ohne jegliches Unwort. Ich mied sie, und sie übersah mich nach bestem Vermögen. Dafür hing ich mir an die Stiefschwester Luise, die überaus schlicht und einfachen Herzens war. Mit der andern Schwester Sabine, der gescheiten, unruhigen, quälerischen Frau, fand ich mich auch nicht zurecht. Aber ihre Kinder waren lieb mit mir.

Ein schönes Morgenstündchen genoss ich, wenn ich um halb sieben mit Onkel Jaggi im «Stübli« des Bären frühstückte, eine himmlische Kartoffelrösti. Er löffelte und schluckte voll stillem Humor, der glatt rasierte, langsame, sehnige Mann, und hielt neben dem endlosen Gekeife seiner Frau das unbekümmertste, friedlichste Schweigen fest. Ungern hatte der kinderlose Mann die grosse Wirtschaft nach dem rätselhaften Verschwinden seines Schwagers Michel übernommen, der bei grauem Himmel und fallendem Tag in den See und weiter in die Ewigkeit hinausgerudert war, ohne eine irdische Spur zu hinterlassen. Gems- und Falken- und Auerhahnjagd, Fischerei und die Mahd auf seinen Berggütern liebte er, das übrige Leben schien Schlaf. Dass ich eines andern Glaubens war, ja, dessen Priester zu werden prahlte, ärgerte die Tante, eine brave, feste Zwinglianerin, ungeheuer. Onkel Jaggi aber lächelte nur, strich mir maliziös über das Haar und ermunterte: «So salb’ doch noch Butter aufs Brot und schöpf’ Rösti heraus, du mageres Herrgottsdienerlein, sonst kannst unserm Herrgott ja nicht einmal das kleinste Glöcklein läuten.« Vielleicht war er ein Faulpelz, aber ein solcher, hinter dem schon aller Schweiss der erde weit zurücklag und den das Nichtstun des Himmelreichs bereits verklärte. Die heftigsten Stürme der Tante beschloss er mit einem sanften Amen.

Er besass fünfzig Schritte weiter noch ein altes Bernerhaus, das Luise besorgte, und ein neues, wohlgemauertes, herrschaftliches Wohnhaus daneben, wo nach vorne Totenstille, aber im hintern grossen Raume ein schier wildes Leben regierte. Denn hier zwischen ausgestopften Vögeln und Horntieren schnitzelten fünf, sechs hemdärmlige Männer aus weichem Holz ihre Kunstwerke, Uhus und Katzen, Gemsen und schwingenschlagende Adler und Berns Wappentier, den schweren Mutz. Der Boden war von krausen Schnitzeln bedeckt, es roch innig nach reifem Holz und Firnis.

gerne weilte ich bei Regenwetter in diesem zufriedenen Kunstgewerbe und liess mir erzählen, wie Onkel Jaggi die Wildkatze hier erschoss und wie mein Vater im gleichen Lokal einst gelehrt und gemeisselt habe. Der Steinadler am Fensteraufsatz lebte damals als zahmes Haustier mit gestutzten Flügeln, und eines Tages, als ich Zweijähriger allein in den Spänen sass, machte er sich von der Gusskette los und sass mir auf den Kopf, bis ein geselle auf mein Gelärm hereinkam und den Raubvogel verscheuchte. Noch jetzt trug der ausgestopfte Adler das Kettlein am rechten Fussknöchel, blickte mich stolz aus seinen gelben Augen an und sagte: «Ja, Büblein, wenn ich gewollt hätte! Schau’ meine Krallen an und meinen Schnabel! Wenn ich gewollt hätte.« – Ich aber antwortete: «Du bist ein königliches Tier. Man sagt, du sitzest zu den Füssen Gottes. So ein Balg von zwei, drei Jahren, nein, das wäre doch zu gering für dich gewesen. Ich schäme mich wahrhaft, dass ich damals so blöde geflennt habe, statt dass ich stolz auf dich war und ein Lied zu dir emporsang.« – Und der Riesenvogel nickte grossartig: «Ja, du warst mir zu gering. Solches Zwergezeug hatte ich schon längst satt!« –

So f stand er in lebendigem Tode da, eine wunderbare Majestät, und ich kraute den weichen Flaum seiner Brust und malte mir aus, was für Winde und Wolken einst durch dieses Gefieder rauschten, welche Schrecken er verbreitete und was für eine unermessliche Welt dieser Held der Lüfte überschaut habe. Aber dann das geknickte linke Schwungbein, die Kette, die dumpfe Gefangenschaft, der Tabak und die Spässe der Menschlein! – «Nein, Adler, es war doch eine erhabene Gesinnung, dass du dich nicht rächtest und mich Würmlein am Leben liessest. Ich danke dir.«

Den ganzen Tag hatte ich nichts zu tun, als das Neue zu schauen und zu verdauen, vor allem diese heillosen Berge und diesen dämonischen See.

Wohl hatte ich immer an einem See gelebt. Aber davor lagen Wiesen. Das Dorf stand nicht am Wasser, und so unglaublich es klingt, wegen dieser Entfernung von hundert Schritten bekam das Dorfleben einen ganz andern Charakter. Der Sarner See ward mir nur ein Vetter, aber der Brienzer See ein Bruder von unwiderstehlicher Eindringlichkeit. Er glänzte in die Fenster, rauschte in die Stuben, füllte das Dorf mit seinem Fisch- und Algengeruch. Seinen Schnauf hörte man noch oben in den Halden. Man konnte nicht anders, man musste ihn beständig sehen, hören, fühlen. Er stellte eine Macht dar.

Den ganzen Tag hatte ich mit ihm zu schaffen. Mit den Brienzer Buben fischte ich darin, badete, ruderte und lernte eine Menge Abenteuerlichkeiten mit beim Boote treiben. So fuhren wir beim wildesten Gewoge hinaus, wenn Millionen Schaumkronen auf grünen Hälsen aufblitzten und über den Kiel spritzten. Dann warfen wir die Ruder hinaus und schoben die Gondel mit blossem Hin- und Herwiegen ans Ufer. Oft schoss das Wasser durch den lecken Boden ein. Dann stopften wir die Spalten mit unsern Nastüchern und pumpten das Wasser mit den Filzhüten aus. Die kleinen, tapfern Dampfer Oberland und Jungfrau kämpften sich oft mühsam durch den Sturm, aber unsere Nussschale lag auf dem wütenden Wasser so sicher wie in Abrahams Schoss. Freundlich-kluge, tapfere, nicht sehr wortreiche Buben sind die Brienzer Kameraden gewesen, umgriffig, zäh, mit einer breitsingenden Mundart, aber scharf gewetzten Mitlauten. Es ging langsam, bis sie mir und bis ich ihnen in den Hosensack greifen durfte, aber dann war die brüderliche Gemeinschaft vollkommen. Keiner hinterging mich, keiner fiel ab, und seitdem habe ich den Respekt vor dieser etwas schweren, etwas herben, aber so grundechten Rasse nicht nur nicht verloren, vielmehr durch jedes Jahrzehnt vermehrt. Mögen fremde Vögel von allen Nationen sich bei ihnen einnisten, sie bauen ihr Nest nicht anders, pfeifen nicht anders, leben nicht anders. Solange es ein Berner Oberland, einen Kanton Bern gibt, gibt es auch eine Schweiz.

Über dem dunkeln See, an der noch dunkleren Faulhornkette hinunter, durch einen Tann wie Nacht sah ich den Giessbach in sieben schneeweissen Fällen stürzen. In aller Nähe gibt es hier die Aareschlucht, den Reichenbachfall, den Staubbach, die teuflische Handeck, Weltberühmtheiten. Unter ihnen behauptet der Giessbach seinen besondern Rang. er besitzt eine Vornehmheit, einen Stil, eine Grazie, etwas im besten Sinne Rokokohaftes, wie es sich sonst nirgends findet. Der Handeckfall ist eine Tragödie, Aareschlucht und Reichenbach sind Balladen, der Staubbach verrieselt wie eine Hymne, aber der Giessbach gleicht einem kleinen Epos in sieben Sängen, voll Mass und Kultur, ohne einen einzigen schwachen Vers oder falschen Reim. Nachts wurde er bengalisch beleuchtet. Wie erzitterte ich bei diesem Feenblick aus Himmelshöhen ins schwarze Seewasser. Dann schrien die Engländer im Park des Bären ein Oha und Aho aus der Kehle, dass es gurgelte wie aus der Seetiefe.


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