Conrad Ferdinand Meyer
Gedichte
Conrad Ferdinand Meyer

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Der Stromgott

            Morgengraun. Die Karawane windet sich dem Nil zur Seite,
Eine Rede dröhnt und murmelt über dunkler Stromesbreite.

Längs dem Ufer nippen durstig silbergraugeperlte Tauben,
Trinken Ibisse mit blankem Flügelpaar und schwarzen Hauben.

Nil, der segenreiche Vater, sorgt für alle seine Kinder,
Speist und tränkt aus seiner Fülle keines mehr und keines minder –

Neben einem braunen Reiter ein gebundner Knabe wandelt,
Joseph ists, von seinen Brüdern in die Sklaverei verhandelt.

Taub' und Ibis flattern nur um wenig Flügelschläge weiter.
Joseph lauscht des Stromes Worten. Ruhig sitzt der stumme Reiter.

»Knabe, deine Blicke trauern! Jüngling, deine Füsse bluten!
Dich verkauften deine Brüder ... Sei willkomm an meinen Fluten!

Joseph, fremder Knabe Joseph, du gefesselter, du müder,
Bist du einst der Herr der Ernten, speise deine schlimmen Brüder!

Knabe Joseph!« rauscht es dumpfer. Das erstaunte Kind in Banden
Tröstet sich des gütgen Grusses, bleibt er auch ihm unverstanden.

Auf des Niles weiten Wassern ist des Stromgotts Wort verschollen
Nur ein Antlitz schwimmt und schimmert, dessen Haare lockig rollen ...

Jetzt beleben sich die Pfade. Schiffe blähen ihre Flügel.
Kleebeladene Kamele wandern, sanftbewegte Hügel.

Frauen kommen mit dem schlanken Kruge, die gemessen schreiten
In verhülltem, stillem Zuge, wie die Jahre, wie die Zeiten ...

Aus der ahnungsvollen Ferne ragen Spitzen, hell besonnte,
Steigen wie beschneite Gipfel weiss am reinen Horizonte –

Joseph schaut empor zum Reiter: »Mit dir meiner Väter Frieden!
Herr, wie nennst du dort die Berge?« »Kind, du schaust die Pyramiden!«

 


 


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