Helmut Wördemann
Gedichte
Helmut Wördemann

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Die enttäuschte Liane

Es war einmal eine Liane, die wollte alle anderen Kletterpflanzen übertrumpfen. Und da sie ihre Fühler sehr eifrig nach allen Seiten ausstreckte, fand sie auch bald einen Baum, an dem sie sich hochziehen konnte.

So sehr sie sich aber auch mühte und Meter für Meter weiterkroch, sie kam nicht ans ersehnte Licht. Es ergab sich zwar immer wieder, dass sie sich auf ihrem Weg nach oben aus dem Schatten der anderen Bäume ringsum herauswand, doch die Sonnenflecken waren sehr unbeständig, sie schwankten und verschwanden manchmal ganz, um für Stunden nichts als kleine weiße Flächen zu hinterlassen, nichts als blasse Ahnungen des Himmels.

Umso gieriger rankte sich die Liane weiter. Schließlich erreichte sie die Baumkrone:

»Jetzt bin ich bald am Ziel, im lebenslänglichen Glück!« rief sie ausgelassen und ließ ihre Spitze wie einen Schlangenkopf hin und herzüngeln, um Halt im höchsten, feinsten Wipfel zu finden.

»Weiter geht es nicht,« brummte der Baum wie ein gutmütiger Gastwirt, der selbst einen Schmarotzer gewähren lässt.

»Wieso,« fragte die Liane ungläubig, »wieso sehe und spüre ich denn nicht das Sonnenlicht?«

»Nun, fleißiger Freund, da hast du Pech gehabt. Ich bin beim letzten Sturm umgekippt und liege nun so schief, dass ich selber nicht mehr als kleine Lichtspiele der Sonne erlebe. Aber wie du siehst, bin ich noch grün. Meine Wurzeln halten und ernähren mich. Auch du wirst nicht absterben. Wenn wir genügsam sind, können wir auch im Schatten leben.«

 


 


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