Helmut Wördemann
Gedichte
Helmut Wördemann

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Das goldene Gänse-Ei

Es war einmal eine ganz gewöhnliche Hausgans, die lebte mit ihrem Ganter auf einem Bauernhof und vertrug sich bestens mit dem übrigen Entenvolk. Sie legte auch brav ihre dicken Eier.

Eines Tages – die Bäuerin hatte ihr schon elf Eier zum Ausbrüten gelassen – legte die Gans ein goldenes Ei. Ein Ei aus purem Gold, das aber genauso groß war wie die anderen Eier. Es war das letzte, das sie vor dem Brüten legte, so dass die Bäuerin es gar nicht bemerkte.

»Was mag daraus wohl werden?« dachte die brütende Mutter in heimlich jubelnder Erwartung, »eine goldene Gans? Sonst sind meine kleinen Gössel ja nur gelb, wunderbar gelb. Ob wohl nun ein richtig goldenes Kindchen dabei sein wird?«

Die Gans brütete so sorgsam wie noch nie. Immer wieder legte sie das Gefieder aus, um alle Eier gleich warm zu halten und keinen Luftzug ins Nest eindringen zu lassen.

Nach vier Wochen war es dann soweit. Das erste Junge pickte sich piepsend ein Löchlein in die Eierschale, und als die Mutter von außen nachhalf, trat es bald daraus hervor wie ein Held, der sein erstes selbst erobertes Reich betritt. Zehn Geschwister folgten ihm, alle gleich lieblich und gelb. Wo aber blieb das goldene Gössel?

Die Mutter drehte ihren langen Hals neugierig ins verlassene Nest, schubste mit dem Schnabel die leeren Eierschalen beiseite und schnupperte an dem einzig heil gebliebenen goldenen Ei. Doch darin rührte sich nichts.

»Es ist tot,« sagte der Ganter, der eben mit den Jungen spazieren gehen wollte, der aber abwartend stehen geblieben und dann teilnahmsvoll hinzugetreten war. »So sehr es auch glänzt und mit seinem Lichtspiel zu reden versucht, es ist tot. Komm, Frau, geh mit uns aus und lass das Gold der Bäuerin, wir haben unsere lebendigen Kinder, die sind mir viel teuerer.«

Das ließ sich die Mutter nicht noch einmal sagen. Mit vorgestrecktem Kopf sieghaft schnatternd eilte sie ins lange entbehrte Tageslicht, und die Kleinen folgten ihr in goldig-fröhlichem Gänsemarsch.

 


 


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