Helmut Wördemann
Gedichte
Helmut Wördemann

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Das musikalische Gehör

Es war einmal ein Gehör, das hörte besonders gerne Musik. »Ach,« seufzte es immer wieder, »wenn ich doch selbst so schön komponieren könnte.« Das vernahm sein Gehirn, das es gut mit ihm meinte.

»Ich kann dir helfen,« versprach es. »Du musst nur gut aufpassen und mir jeden Ton, jeden Takt und jeden Akzent genau melden.«

Das Gehör schüttelte den Kopf, weil es nicht so recht an die musischen Fähigkeiten seines Gehirnes glauben konnte, doch es gehorchte. Es lauschte so genau, dass es vor lauter Aufpassen gar nicht mehr richtig empfinden konnte, wie schön die Musik war. Dann aber kam die Erfolgsmeldung des Gehirns:

»Ich hab's. Jetzt wende dich ganz nach Innen und höre mir gut zu.«

Das tat das Gehör und war sehr gespannt. Tatsächlich, das Gehirn spielte ihm die ganze Musik noch einmal vor, richtig vom ersten bis zum letzten Ton.

»Wunderbar,« bedankte sich das Gehör, »eine ganz wunderbare Leistung, nimm mir aber bitte nicht übel, dass ich die Musik doch lieber von draußen höre. Wenn sie nur noch geistig spielt, habe ich keinen Widerhall, ich fühle sie kaum.«

Das Gehirn wollte sich gekränkt zurückziehen, hielt es dann jedoch für klüger, beim nächsten Konzert von draußen dabei zu sein. Es verriet seine Absicht allerdings nicht.

Später meldete sich das Gehör wieder zu Wort:

»Bist du noch da, mein Freund? Gut, sehr gut. Ich muss dir nämlich danken, ganz herzlich und ganz überlegt. Denn mit deiner Hilfe konnte ich die Musik erst ganz in mich aufnehmen. Bisher genoss ich nur ihre Sinnlichkeit, jetzt verstehe ich auch ihren Sinn.«

 


 


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