William Shakespeare
Das Leben und der Tod des Königs Lear
William Shakespeare

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Zehnter Auftritt.

Cordelia, Kent, ein Arzt.

Cordelia. O du redlicher Kent! Wie kan ich lange genug leben, und bemüht genug seyn, deine Güte zu erwiedern!

Kent. Erkannt zu werden, Gnädigste Frau, ist überflüssig bezahlt; alles was ich Ihnen berichtet habe, ist die bescheidne Wahrheit, weder mehr noch weniger, sondern so.

Cordelia. Kleidet euch besser an; dieser Habit erinnert uns an diese bösen Stunden; ich bitte, leget ihn ab.

Kent. Um Vergebung, Madame; Mein Vorhaben erlaubt mir noch nicht erkannt zu werden. Ich bitte mirs zur Gnade aus, daß Sie mich nicht kennen, bis Zeit und ich es rathsam finden.

Cordelia. So sey es dann also, Mylord – – (zum Arzt) Was macht der König?

Arzt. Madame, er schläft noch.

Cordelia. O! Ihr gütigen Götter, heilet diesen grossen Bruch in seiner zerrütteten Natur! O! windet auf die tonlosen verstimmten Sinne dieses in ein Kind verwandelten Vaters!

Arzt. Gefällt es Euer Majestät, daß wir den König weken? Er hat lange geschlafen.

Cordelia. Folget hierinn der Vorschrift eurer Wissenschaft, und handelt nach euerm eignen Gutdünken; ist er angezogen?

(Lear wird von einigen Bedienten in einem Lehnsessel schlaffend hereingetragen.)

Arzt. Ja, Madam; da er im tiefsten Schlaf lag, zogen wir ihm frische Kleider an. Bleiben Sie, Gnädigste Frau, wenn wir ihn weken; ich zweifle nicht an seiner Mässigung.

Cordelia. O! mein theurer Vater! Möchte die Göttin der Gesundheit deine Arzney auf meine Lippen legen, und dieser Kuß den stürmischen Gram besänftigen, den meine zwo Schwestern deinem ehrwürdigen Alter verursacht haben.

Kent. Zärtliche und theuerste Princessin!

Cordelia. Wäret ihr auch nicht ihr Vater gewesen, so hätten diese weissen Loken Mitleiden von ihnen fodern sollen. War diß ein Gesicht, den kämpfenden Winden ausgesezt zu werden? Dem tiefbrüllenden furchtbaren Donner entgegenzustehen? Unter den entsezlichsten Schlägen fliegender sich durchkreuzender Blize? Wie ein armer Verlohrner in diesem dünnen Helm zu wachen? Meines ärgsten Feindes Hund, wenn er mich gleich gebissen hätte, sollte in einer solchen Nacht bey meinem Feuer Plaz bekommen haben; und du, armer Vater, warst genöthiget, in einer armseligen Hütte bey Schweinen und verworfnen Elenden auf kurzem halbverfaultem Stroh zu übernachten. O Jammer! Jammer! Es ist ein Wunder, daß dein Leben sich nicht zugleich mit deiner Vernunft geendiget hat. Ach! er erwacht – – redet mit ihm – –

Arzt. Reden Sie selbst, Madame, izt ist es am gelegensten.

Cordelia. Wie befindet sich mein Königlicher Herr? wie steht es um Euer Majestät?

Lear. Ihr handelt nicht recht an mir, mich so aus meinem Grabe zu nehmen; du bist ein seliger Geist, und ich bin an ein feuriges Rad gebunden, welches meine eignen Thränen gleich zerschmolznem Bley erhizen.

Cordelia. Mylord, kennet ihr mich?

Lear. Du bist ein Geist, ich weiß es; wenn starbest du?

Cordelia. Immer, immer, noch weit – –

Arzt. Er ist noch nicht recht erwacht; lassen Sie ihn eine Weile allein.

Lear. Wo bin ich gewesen? Wer bin ich? Schönes Tageslicht! Ich bin übel zugerichtet – – einen andern so zu sehen, könnte mich vor Mitleiden sterben machen. Ich weiß nicht was ich sagen soll; ich wollte nicht schwören, daß dieses meine Hände sind; laßt sehen, ich fühle diesen Nadelstich – – Ich wollte, ich wäre gewiß was ich bin.

Cordelia. O sehet mich an, Mylord, und streket eure Hand zum Segen über mich aus. Nein, Mylord, ihr müßt nicht knien.

Lear. Ich bitte euch, spottet meiner nicht. Ich bin ein sehr thörichter weichherziger alter Mann, achtzig und drüber, und, aufrichtig zu seyn, ich fürchte, ich bin nicht bey meinem völligen Verstande. Mich dünkt, ich sollte euch und diesen Mann kennen, und doch zweifle ich; denn ich weiß gar nicht was für ein Ort diß ist, und so sehr ich auch mich besinne, kenne ich diese Kleider nicht; nein, ich weiß nicht, wo ich in der lezten Nacht übernachtete. Lacht nicht über mich, denn, so wahr ich ein Mann bin, ich denke diese Dame ist mein Kind Cordelia.

Cordelia. Und das bin ich, ich bins – – (weinend.)

Lear. Sind eure Thränen naß? Ja, bey meiner Treue; ich bitte euch, weinet nicht. Wenn ihr Gift für mich habt, so will ichs trinken; ich weiß ihr liebet mich nicht; denn eure Schwestern haben, wie ich mich erinnre, mir übel begegnet; ihr habt einige Ursache, sie nicht.

Cordelia. Keine Ursache, keine Ursache.

Lear. Bin ich in Frankreich?

Cordelia. In euerm eignen Königreich, Mylord.

Lear. Betrüget mich nicht.

Arzt. Beruhigen Sie sich, Madame; die gröste Wuth hat, wie Sie sehen, sich bey ihm gelegt. Und doch wäre es gefährlich ihn an Sachen zu erinnern, die sich auf das Vergangne beziehen. Bitten Sie ihn, hinein zu gehen. Beunruhigen Sie ihn nicht länger, bis er sich besser erholt hat.

Cordelia. Gefällt es Eurer Majestät nicht, sich eine Bewegung zu machen?

Lear. Ihr müßt Geduld mit mir haben. Nun, ich bitte euch, vergeßt und vergebt; ich bin alt und albern.

(Lear, Cordelia, Arzt und Bediente gehen ab.)

(Kent und der Edelmann bleiben.)

Edelmann. Bestätiget es sich, daß der Herzog von Cornwall so ermordet worden?

Kent. Ja, Sir, es ist gewiß.

Edelmann. Wer ist der Anführer dieses feindlichen Heers?

Kent. Man sagt, der unehliche Sohn des Grafen von Gloster.

Edelmann. Sein verbannter Sohn Edgar soll mit dem Grafen von Kent sich in Deutschland befinden.

Kent. Das Gerüchte ist unbeständig; es ist Zeit uns umzusehen; die Macht des Königreichs rükt mit grossen Schritten uns entgegen.

Edelmann. Dem Ansehen nach wird die Entscheidung blutig seyn – – Lebet wohl, Sir.

(Geht ab.)

Kent. Mein ganzer Entwurf wird heute zu Ende gebracht, wol oder übel, je nachdem die Sache ausfallen wird.

(ab.)


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