William Shakespeare
Das Leben und der Tod des Königs Lear
William Shakespeare

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Vierter Auftritt.

Ein Lager.

Cordelia, ein Medicus und Soldaten.

Cordelia. Ach! es ist er selbst; man fand ihn eben izt so rasend als die von Stürmen gepeitschte See; überlaut singend, mit rankichtem Daubenkropf, mit Schierling, Nesseln, Kukuk-Blumen, Lülch und allem dem Unkraut bekränzt, das in unsern Kornfeldern wächßt. Schiket eine Anzahl Leute aus, durchsuchet das ganze Feld, und bringt ihn vor unsre Augen. Was vermag die menschliche Weisheit seine beraubten Sinnen wieder herzustellen? Der, der ihm hilft, nehme alles davor, was ich im Vermögen habe.

Medicus. Es sind Mittel dazu da, Madame; der beste Arzt der Natur ist Ruhe; diese mangelt ihm; sie ihm zu verschaffen, sind die Kräfte mancher Simplicium geschikt, deren Macht das Auge des Kummers zuschliessen wird.

Cordelia. Möchten alle gesegneten noch unbekannten Heil-Kräfte der Erde, von meinen Thränen begossen, hervorsprossen! – – Wendet alles an, die Krankheit des guten alten Mannes zu heben. – – Suchet, suchet ihn auf, eh seine unbezähmte Raserey aus Mangel an Mitteln sie zu dämpfen, den Rest seines Lebens auflöset.

Ein Bote kömmt.

Bote. Neue Zeitungen, Madame, die Brittischen Völker sind im Anzug hieher.

Cordelia. Das wußten wir schon vorher; unsre Zurüstungen warten nur auf ihre Ankunft. O theurer Vater, es ist deine Sache die mich hieher gebracht hat; für dich haben meine Klagen, meine heissen Thränen den grossen Fürsten von Frankreich erweicht; kein aufgeblähter Stolz sezt uns in Waffen, sondern Liebe, kindliche Liebe, und unsers alten Vaters Recht. O wie verlangt mich ihn zu hören und zu sehen!

(Gehen ab.)


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