Leopold von Ranke
Geschichtsbilder aus Leopold v. Rankes Werken
Leopold von Ranke

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42. Friedrichs des Großen Denk- und Regierungsweise.

Preußische Geschichte V, Werke Bd. 29 S. 293 ff.

Wenn man die kleineren Gedichte Friedrichs liest, so sollte es dem Verfasser zuweilen bloß auf den Genuß des Lebens anzukommen scheinen. Die Anstrengung wird als ein Verlust der Freiheit betrachtet; man stößt auf Nachahmungen des Lucrez, deren Inhalt die Lehren Epikurs wiederholt. Wenn Friedrich in einer seiner Episteln die Lehre entwickelt, daß sich die Vorsehung um das Kleine nicht bekümmere, so darf man schwerlich behaupten, daß er sie in dem unverfänglichen Sinne von Malebranche verstanden habe. Daneben aber nimmt man allenthalben eine ernste, auf das wesentliche und echte in den Dingen des menschlichen Lebens vordringende Richtung wahr. Den Lockeschen Lehren gemäß erscheint der menschliche Geist nicht fähig, das Unendliche zu ergreifen, aber Friedrich schließt daraus nur, daß man sich auf dieses Gebiet nicht wagen, vielmehr hier auf Erden sich der Tugend widmen, das Gute von dem Bösen unterscheiden lernen müsse. Einen seiner Brüder macht er aufmerksam, daß Tugend und Talent keine Ahnen haben; wer einen Namen besitzen will, muß ihn verdienen. Wie beklagt er die deutschen Fürsten, die, wenn sie von einer Reise nach Frankreich zurückkommen, ihren Ehrgeiz darin suchen, Meudon und Versailles in kleinen Dimensionen zu Hause nachzuahmen. Von der Nichtigkeit des Hoflebens oder des Treibens in großen Städten war wohl niemals ein Mensch mehr durchdrungen als Friedrich. Er ist vollkommen zufrieden in seiner Einsamkeit, denn das einzige Glück sieht er in geistiger Beschäftigung; was die Natur gegeben, muß der Fleiß vollenden. Ruhmesliebe hatte ihn zum Kriege gespornt, aber er weiß, daß die Meinung der Menschen von den Umständen abhängt, hin und wieder schwankt, das Glänzende oft dem Gediegenen vorzieht. Aus allen den Zufälligkeiten, welche auf Lob und Tadel einwirken, zieht er die Lehre, daß man den Weihrauch verachten, die Tugend um ihrer selbst willen lieben müsse.

Er bekennt seiner SchwesterWilhelmine, Markgräfin von Baireuth. einmal, er habe eine zwiefache Philosophie: im Frieden und Glück schließe er sich den Schülern Epikurs an, im Unglück halte er sich an die Lehren der Stoa. Das heißt nur eben, daß er den Genuß durch Reflexion mäßigt oder entschuldigt und sich im Unglück durch moralischen Schwung erhebt; es ist nichts andres, als was ein Philosoph dieses Jahrhunderts sagt,Kant, Anthropologie 239. R. daß Neigung zum Wohlleben und zur Tugend im Kampfe miteinander, wo die erste durch die letzte eingeschränkt wird, das höchste moralisch-physische Gut hervorbringen. Nur tritt in den Gedichten, der vorwaltenden Stimmung gemäß, bald die eine, bald die andre Richtung alleinherrschend hervor.

Nicht alles, was von Poesie in ihm war, legte Friedrich in seine Gedichte. Wir kennen seine Meisterschaft auf der Flöte; auch hier war jede seiner Kompositionen ein Versuch, eine besondere Schwierigkeit zu überwinden; hauptsächlich aber seine Empfindungen, seine Freude und besonders seinen Schmerz, ein melancholisches Gefühl, das ihn sein ganzes Leben begleitete, drückte er in diesen Tönen aus. Seine Verse sind oft mehr lebendig angeregtes Raisonnement als Poesie; wie Voltaire sagt, nicht von echt französischem Kolorit, aber um so eigentümlicher im Ausdruck und voll Ideen eines weiten Horizontes.

Wie in den Gedichten, so beschäftigte sich Friedrich in seinen Briefen, seinen Gesprächen unaufhörlich mit den schwierigsten Fragen, die der Mensch sich vorlegen kann, über Freiheit und Notwendigkeit (die er für das schönste Thema der »göttlichen« Metaphysik erklärt), über Schicksal oder Vorsehung, Materialität oder Unsterblichkeit der Seele; auf die letzte kam er immer von neuem zurück. Wir kennen sein Schwanken zwischen der Annahme eines blinden Geschickes und einer allwaltenden Vorsehung, und wie er in den großen Entscheidungen auf die letzte zurückkam.Z.B. nach der Schlacht bei Hohenfriedberg, s. Bd. 5 S. 165. Meistenteils schien es ihm doch, daß alles ein nicht aufzulösendes Rätsel bleibe, wenn man nicht eine Vorsehung voraussetze, die das Weltgeschick zu einem großen Ziele leite. Nur in einem Punkte war er unerschütterlich: er fuhr auf, wenn jemand im Gespräche seinen Glauben an einen lebendigen Gott bezweifelte. Die populären Beweise für das Dasein Gottes, besonders den von der weisen Ordnung in der Natur hergenommenen, wiederholte er mit dem vollsten Ausdruck der Überzeugung: »Ich kenne Gott nicht, aber ich bete ihn an.«

Sein skeptisches Verhalten zu den meisten positiven Lehren gehörte ohne Zweifel dazu, um ihm die Politik möglich zu machen, die er in Beziehung auf die verschiedenen Bekenntnisse ergriffen hatte; er würde sonst mit sich selbst in Widerspruch geraten sein. Aber wie er schon im Gespräch abbricht, wenn er bemerkt, daß sein Mangel an Orthodoxie den andern verletzt, so hätte er im Leben noch viel weniger daran gedacht, seine Meinungsabweichungen auszubreiten, von denen er wohl fühlte, daß sie das Gemüt nicht befriedigen, einem Volke nicht genügen können. Er hielt es schon für ein Glück, daß man dieselben an ihm duldete. Für ihn reichte die Überzeugung hin, daß der Zweck der Welt in dem individuellen Glück liege; die wahre Philosophie bestehe nicht in den verwegenen Spekulationen, durch welche die Wissenschaft zu einer Kunst von Vermutungen gemacht, von den Sitten losgerissen werde, sondern in der Moral, welche die Heftigkeit der ersten Eindrücke zu mäßigen und zu zügeln fähig mache. Um glücklich zu sein, dazu gehöre sittlich leben, seinen Stand erkennen, sich der Mäßigung befleißigen, das Leben nicht zu hoch anschlagen. Friedrichs religiöses Gefühl erhob sich nicht über die ersten und einfachsten Elemente, dagegen sein moralisches Bewußtsein war von der lebendigsten Energie.

Eine der ersten Pflichten des Menschen, doppelt notwendig in seiner Stellung, sah er in der Selbstbeherrschung und arbeitete dafür unaufhörlich an sich. Er bekannte seinen Vertrauten, wenn er etwas Unangenehmes, Aufregendes erfahre, suche er nur durch Reflexion über die erste Bewegung Herr zu werden, die bei ihm unendlich lebhaft sei; zuweilen gelinge es, zuweilen auch nicht; dann aber begehe er Unvorsichtigkeiten und komme in den Fall, sich über sich selbst zu ärgern. Er bildet sich eine Politik des persönlichen Glückes aus, die darin bestehe, daß man die menschlichen Dinge nicht zu ernstlich nehme, sich mit dem Gegenwärtigen begnüge, ohne zuviel an die Zukunft zu denken. Wir müssen uns freuen über das Unglück, das uns nicht trifft; das Gute, was wir erleben, müssen wir genießen, der Hypochondrie und Trauer nicht erlauben, das Gefühl der Bitterkeit über unser Vergnügen zu gießen. »Ich habe den Rausch des Ehrgeizes überwunden; Irrtum, Arglist, Eitelkeit mag andre berücken; ich denke nur noch daran, mich der Tage, die der Himmel mir gegeben, zu erfreuen, Vergnügen zu genießen ohne Übermaß und soviel Gutes zu tun, als ich kann«.Schreiben an die Markgräfin, 7. Oktober 1747. R. Besonders dieser letzte Wunsch erfüllt seine Seele.

Unter allen Dichtern liebte er Racine am meisten, den er weit über Voltaire stellte, nicht allein der Harmonie und Musik seiner Sprache, sondern auch des Inhalts wegen. Auf seinen Reisen im Wagen las er ihn immer aufs neue und lernte ganze Stellen auswendig. Von allem aber, was dieser Dichter geschrieben hat, machte nichts größern Eindruck auf ihn als die Szene im vierten Akt des Britannicus, wo Burrus dem jungen Nero vorstellt, daß die Welt »das öffentliche Glück den Wohltaten des Fürsten« verdanken könne, daß ein solcher sich sagen dürfe, überall in diesem Augenblicke werde er gesegnet und geliebt! »Ah!« rief Friedrich aus, »gibt es etwas Pathetischeres und Erhabneres als diese Rede; ich lese sie nie ohne die größte Rührung.« Er muß das Buch weglegen, Tränen ersticken seine Stimme; »dieser Racine«, ruft er aus, »zerreißt mein Herz.« Eine Weichheit, die niemand in ihm suchen sollte, der nur seine Kriege und seine strenge Staatsführung kennt, und die doch mit dieser wieder in genauem Zusammenhange steht.

Es scheint ihm ein lächerlicher Stumpfsinn der Welt, daß man das Glück der Fürsten beneidet; sie seien schlecht bedient, ihre Befehle führe man mangelhaft aus und schreibe ihnen doch alles zu, was geschehe; man messe ihnen Absichten bei, an die ihre Seele nicht denke, und hasse sie, wenn sie schwere Dinge fordern; leicht werde die Welt ihrer müde. Wer sollte glauben, daß ihm noch in jungen Jahren, im Genusse des Ruhmes und der Welt, aus dem Innern seiner Seele die Idee einer Verzichtleistung aufstieg! Er dachte die Krone seinem Bruder zu überlassen, den er in dieser früheren Zeit ungemein hoch hielt.August Wilhelm, Prinz von Preußen, später von Friedrich hart getadelt, weil er im Siebenjährigen Kriege 1757 sich als Heerführer untüchtig zeigte, gestorben 1752. Eins wäre ihm freilich unbequem gewesen, einen fremden Willen über sich zu fühlen, und er dachte sich Einrichtungen aus, wie dem vorzubeugen sei. Aber das Glück zu gebieten reizte ihn nicht, noch der Besitz großer Geldmittel; er würde, sagte er, mit 12 000, ja mit 1200 Talern leben können, er würde Freunde haben und ihr wahrer Freund sein, nur den Wissenschaften würde er sich widmen. Indem er dem nachsinnt und in dem Gedanken schwelgt, nichts zu sein als ein einfacher, aber ganz unabhängiger Gelehrter, sieht er doch, wenn er die Umstände und Persönlichkeiten überlegt, besonders in kritischen Augenblicken, wie deren soviele kamen, daß alles dies unmöglich ist. »Ich habe ein Volk«, ruft er aus, »das ich liebe; ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt, ich muß an meiner Stelle bleiben.«

Was macht den Menschen, als der innere Antrieb und Schwung seines moralischen Selbst? Wir wollen nicht sagen, daß jene Stimmung die vorherrschende, daß Friedrich nicht von dem Gefühl des geborenen Königs fortwährend durchdrungen gewesen sei, aber er ging nicht darin auf. Die Reflexion, daß er es auch nicht sein könne, die Neigung selbst, einem andern Beruf zu leben, schärfte sein Pflichtgefühl für diesen, der ihm durch Geburtsrecht zuteil geworden. Wir mögen es nicht unerwähnt lassen, was er selber sagt, daß er oft lieber der Morgenruhe noch genossen hätte; aber sein Diener hatte den bestimmtesten Befehl, sie ihm nicht länger zu gönnen; der Grund, welchen Friedrich angibt, ist, daß die Geschäfte sonst leiden würden. Er bekennt einmal, es mache ihm größeres Vergnügen sich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, als mit der Verwaltung der laufenden Geschäfte; aber er fügt hinzu, daß er darum diesen doch keinen Augenblick der Tätigkeit und Aufmerksamkeit entziehen würde, denn dazu sei er geboren, sie zu verwalten.

Ein Fürst, sagt er in dem politischen Testament,Vom Jahre 1752. der aus Schwäche oder um seines Vergnügens willen das edle Amt versäumt, das Wohl seines Volkes zu befördern, sei nicht allein auf dem Throne unnütz, er mache sich sogar eines Verbrechens schuldig. Denn nicht dazu sei der Fürst zu seinem hohen Rang erhoben und mit der höchsten Gewalt betraut, um sich von den Gütern des Volkes zu nähren und im Glück zu schwelgen, während die ganze Welt darbe. »Der Fürst ist der erste Diener des Staates und gut bezahlt, um die Würde seiner Stellung aufrechtzuerhalten; aber man verlangt von ihm, daß er nachdrücklich zum Wohl des Staates arbeite und daß er wenigstens die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe.« Die Frau, welche einem König von Evirus, der nicht auf ihre Klagen hören will, die Frage vorlegt, warum er denn König sei, wenn er ihr nicht Hilfe schaffen wolle, scheint ihm ganz recht zu haben.

Das Zurücktreten des religiösen Begriffes mußte in einer energischen Natur das Bewußtsein des weltlichen Berufs um so lebendiger hervorrufen. Die Seele ist dann nicht durch das Gefühl des universalen Zusammenhanges des Geistes gehoben, der auch dann noch genug tut, wenn die Erfolge den Absichten nicht entsprechen; es liegt etwas Trockenes, Beschränktes darin, aber um so geschärfter wird der praktische Sinn, da man des Erfolges bedarf. Der Geist der Zeit kam dem Könige Friedrich mit der gleichen Tendenz entgegen und förderte sein Tun. Auch in der Erfüllung der Pflicht an sich liegt eine unendliche Befriedigung.

Um sich dazu fähig zu machen, hielt es Friedrich für nötig, die Menschen, wie er es einmal selbst nennt, zu studieren, besonders diejenigen, die ihm entweder als Werkzeuge dienten oder der Gegenstand seiner Sorgfalt waren. Unter seinen Untertanen unterschied er die feinen und gelenken Preußen, deren Gewandtheit jedoch besonders innerhalb ihrer Grenzen leicht in Fadheit überschlage, von den naiven und geraden Pommern; die Kurmärker stellte er weder den einen noch den andern gleich, das Wohlleben gelte ihnen zuviel, in Geschäften seien sie selten mehr als mittelmäßig. Lebhafteren Geist besitze die Magdeburgische Ritterschaft, mancher große Mann sei aus ihr hervorgegangen; den Niederschlesiern fehle es an einem Prometheus, der sie (durch Erziehung) mit dem himmlischen Feuer erfülle; Anstrengung und Arbeit sei bisher noch nicht ihre Sache, sondern eher Genußliebe, gutmütige Titelsucht. Auch in Minden und der Grafschaft Mark fehle es nur an Erziehung und Übung, nicht an Talent; am wenigsten entsprach Kleve seinen Wünschen. Er suchte sie alle zu heben und dadurch zu vereinigen, daß er die provinzialen Bezeichnungen vor der allgemeinen als Preußen Verschwinden ließ; besonders machte er diese im Felde geltend.

Wir sahen, wie er sich für jeden Zweig nach den demselben inwohnenden Erfordernissen Gehilfen zu bilden suchte, in Justiz, Administration, Militär. So hatte er auch eine Pflanzschule für den Dienst in den auswärtigen Geschäften im Sinn; um das Jahr 1752 ward dazu unter der Leitung von Podewils ein Anfang gemacht. Die natürliche Gabe, die allem zugrunde liegt, sollte durch allgemeine Kenntnis sowohl wie durch das Aufnehmen der Idee des Staates entwickelt werden. Die Minister, die an der Spitze der verschiedenen Abteilungen des Dienstes standen, schickten dem König über die wichtigen und zweifelhaften Punkte täglich ihre Berichte ein. Friedrich hielt nicht für gut, den geheimen Rat zu versammeln; denn aus großen Ratsversammlungen gehe selten eine weise Beschlußnahme hervor; durch Privathaß und Rechthaberei werde da eine Sache eher verdunkelt. Das Verfahren der schriftlichen Anfrage mit Gründen und Gegengründen hielt er für das bessere; der Fürst müsse sich nur die Mühe geben zu lesen und einzusehen, ein gesunder Sinn fasse leicht die Hauptpunkte, auf die es ankomme. Eine Kabinettsregierung, zu deren Ausführung aber ebensoviel Anstrengung des Geistes wie Talent gehört. Friedrich besaß das letztere in einer seltenen Vielseitigkeit. Wie er nach schriftstellerischer Vollendung strebte, so sahen wir ihn die obersten Gesichtspunkte für die Einrichtung der Justiz fassen,Über die mit Hilfe des Ministers v. Cocceji 1746 begonnene Reform der Justiz s. Bd. 5 S. 241 ff. die Verwaltung bis in das geringste Detail des Rechnungswesens beaufsichtigen, neue Manöver für seine Feldübungen ersinnen. Nicht ohne Nutzen besucht er Spitäler; denn schon sein Vater hat ihn viel dahin geschickt, so daß er sich eine Kenntnis von Chirurgie verschafft hat; er gibt Verbesserungen der Manufakturen im einzelnen an und macht selber die Pläne zu seinen Bauwerken.

Zu dieser Mannigfaltigkeit der Befähigung kam nun aber eingehende Rücksicht auf die vorgelegten Gründe, der ernste Wille die Sache recht zu machen. Nicht alles ward auf der Stelle, beim ersten Vortrag entschieden. Wenn die Kabinettsräte nach demselben sich entfernt hatten, griff Friedrich zu seiner Flöte; doch war seine Seele weniger beim Spiele, in das sie nur ihre Stimmung hauchte, als bei den Angelegenheiten. Ganz mit sich selber allein überlegte er die schwierigen Fragen und gab seine Entscheidung, wenn sie zurückkamen.

Nicht selten klagen die auswärtigen Gesandten in ihren Berichten, daß er sich in den Audienzen unbestimmt und sogar furchtsam ausgedrückt habe. Seine Entschließungen wurden in der Tiefe seines Gemüts gefaßt und standen ihm dann auf immer fest. Auch darüber beschweren sich die Gesandten häufig, daß er alles allein tun wolle und sie von niemand sonst beschieden werden können; die auswärtigen Angelegenheiten seien unter zwei Minister verteilt,Neben Podewils, der 1760 starb, stand seit 1749 Graf Karl Wilhelm von Finkenstein. und keiner von beiden kenne sie alle; ein geheimer Rat, der vielleicht eine allgemeine Übersicht habe, wage doch nie zu dem Repräsentanten einer fremden Macht zu kommen; im ganzen Lande gebe es außer dem König nur einen einzigen Mann, der die innern und äußern Angelegenheiten zugleich kenne. Von diesem Manne, der alle Morgen mit dem König arbeite, ihn auf seinen Reisen begleite, machen sie eine beinahe mythische Beschreibung: er wisse alles, erfahre alles, aber kein Sterblicher könne sich rühmen, ihn je mit Augen gesehen zu haben. Auf eine wunderliche Weise verunstalten sie seinen Namen: es ist Eichel, dessen Briefwechsel mit Podewils wir zuweilen erwähnt haben, der im Kabinett die Feder führte, die mündlichen Resolutionen Friedrichs niederschrieb, die wichtigsten Anordnungen nach seiner Weisung ausfertigte; ein Mann von unermüdlicher Arbeitsamkeit, die aus Liebe zur Sache und persönlicher Hingebung entsprang, scharfsinnig und einsichtsvoll, nur ein wenig pedantisch und nicht ohne eine zaghafte Scheu bei den unberechenbaren Bewegungen des Genius, den er vor sich sah. Wenn die Fremden dem König Schuld geben, er habe nie auf Gegenvorstellungen der Minister geachtet, so erweisen die Akten das Gegenteil; zuweilen zeigt er sich sogar ungeduldig, daß er seinen Willen nicht durchsetzen könne. Nur mündliche Beratungen vermied er je länger je mehr. Wenn er noch einen zweiten seiner Minister befragte, hielt er doch nicht für gut, den, dessen Gutachten er zuerst gefordert, davon wissen zu lassen: er besorgte, daß der Vorzug, den er dem einen vor dem andern gebe, Eifersucht und Entzweiung verursachen möchte. Überdies wäre dann leicht das Geheimnis, worin er die Seele der Geschäfte sieht, verletzt worden.

»Ich verberge«, äußerte er einmal gegen einen seiner Vorleser, »meine Absichten denen, die mich umgeben; ich täusche sie sogar darüber; denn wenn sie vermuten, was ich im Sinn habe, so könnten sie davon sprechen, ohne die Folgen zu ahnen; nur durch das Geheimnis kann ich mich vor Schaden bewahren.« »Ich verschließe mein Geheimnis in mich selbst; ich bediene mich nur eines Sekretärs, von dessen Zuverlässigkeit ich versichert bin; wenn ich mich nicht selbst bestechen lasse, so ist es unmöglich, meine Absicht zu erraten.« Von den auswärtigen Angelegenheiten überließ er die, welche mehr rechtlicher Natur waren, den Ministern; die Leitung der andern behielt er in eigner Hand. Soviel Argwohn legte er gegen fremde Verschwiegenheit an den Tag, daß es für den Umgang mit ihm als eine Regel galt, sich zwar übrigens ohne Zwang zu bewegen, vertraulichen Mitteilungen aber lieber auszuweichen. Auch er selbst war gegen alles auf der Hut, was seine Umgebung ihm sagen mochte. »Wenn wir uns jedem Gespräch hingeben, das irgend jemand mit uns anfängt, darauf hören, wovon man will daß wir es hören, uns in zweifelhafte Verbindungen einlassen, so kann dies leutselige Wesen schlimmere Folgen haben als die Hartherzigkeit. Von Anfang an habe ich meiner Umgebung zu zeigen gesucht, daß sie bei mir durch Ränke und falsche Berichte nichts gewinnen wird, daß ich ein Mann bin um die Dinge selber zu sehen, und unerschütterlich in den einmal gefaßten Plänen. Gutmütigkeit muß mit Festigkeit vereinigt sein; der Fürst muß sich mit braven und ehrlichen Leuten umgeben; für sich selber gewinnt er damit wenig, aber alles für das Wohl des Staates.« Es mag sein, daß ihm auch darum für seinen persönlichen Umgang Fremde am liebsten waren, weil sie keinen Zusammenhang mit kleinen einheimischen Interessen hatten.

Soll die Monarchie eine Wahrheit sein, so müssen die Regionen, wo die Entschlüsse gefaßt werden, von allem fremdartigen Einfluß frei bleiben; der höchste Wille muß sich nur auf das Wesen der Dinge richten. An den französischen Zuständen fand Friedrich nichts widerwärtiger und schädlicher als das Auseinanderstreben der verschiedenen Minister, deren jeder seine besonderen Rücksichten habe, seinen besonderen Vorteil suche. »So wenig«, sagt er, »wie Newton sein System in Verbindung mit Leibniz und Cartesius hätte zustande bringen können, so wenig kann ein politisches System gemacht und behauptet werden, wenn es nicht aus einem Kopfe entspringt, und das muß der des Fürsten sein; Minerva muß aus dem Haupte Jupiters hervorgehen. Von dem, was er selber gedacht hat, mehr durchdrungen als von den Gedanken anderer, wird er all sein Feuer an die Erreichung eines Zweckes setzen, der zugleich die Eigenliebe in Anspruch nimmt. Finanzen, Politik und Militär sind unzertrennlich; nicht der eine oder andre dieser Zweige muß gut verwaltet werden, sondern alle zusammen. Sie müssen zusammenwirken, wie in den olympischen Spielen die Rosse vor den Wagen, die mit gleicher Anstrengung die Rennbahn durchlaufen und dem Lenker den Preis verschaffen.«

In Hinsicht der Finanzen und des ganzen inneren Regierungssystems folgte er dem Vorgange seines Vaters, dessen Bild und Andenken ihn unaufhörlich begleitete. Im Gespräch erzählte er zuweilen Züge der Gutmütigkeit von demselben, die anderweit nicht vorkommen; öfter gedachte er seiner Härte und dessen, was er von ihm gelitten habe. »Ein schrecklicher Mann, vor dem man habe zittern müssen, aber durch und durch brav, ja im wahren Sinne des Wortes ein philosophischer König; er habe nur eine zu hohe Vorstellung von der Fähigkeit der Menschen gehabt und von seiner Umgebung und seinen Untertanen die nämliche Strenge gefordert, deren er sich gegen sich selbst bewußt gewesen sei. Wer es nicht wisse, könne sich keine Vorstellung davon machen, welchen Geist der Ordnung er in die verschiedenen Teile der Regierung gebracht, wie er bis ins einzelnste nach möglichster Vollkommenheit gestrebt habe. Der unermüdlichen Arbeitsamkeit, bewunderungswürdigen Ökonomie und strengen Soldatenzucht des Vaters verdanke er alles, was er sei. Auch ihn habe derselbe zu einem Soldaten machen wollen, aber kaum glauben dürfen, daß es damit gelingen werde; wie würde er erstaunen, wenn er wieder auflebte und ihn mitten in den ehemals kaiserlichen Gebieten an der Spitze einer siegreichen Armee sähe, namentlich mit einer Kavallerie, von der man in jenen Zeiten keine Idee gehabt habe; er würde seinen Augen nicht trauen.«

In dem Vater erscheint die Selbstherrschaft noch als Eigenwille, mit der Rauheit und Gewaltsamkeit des 17. Jahrhunderts, verbunden mit einer Religiosität, die eine pietistische Ader hatte; der Idee einer allgemeinen Ordnung im deutschen Reiche sich auch dann fügend, wenn diese unbequem ward. In dem Sohne lebt dagegen seit der ersten Jugend ein lebendiger Trieb persönlicher Ausbildung; er begreift die Wissenschaften mit dem doppelten Eifer eines Autodidakten; von der Religion hält er nur die allgemeinsten Grundsätze fest; das Reich erkennt er an, inwiefern es Rechte gewährt, nicht inwiefern es Pflichten auferlegt. In allen wesentlichen Dingen zeigte sich eben dieser Sohn als der wahre Fortsetzer des Vaters. An ihrem Beispiel sieht man, wie ein Zeitalter sich aus dem andern entwickelt, zu gleicher Zeit Identität und Verschiedenheit möglich sind. Nur Weiterbildung ist die rechte Fortsetzung. Zur Gründung gehörte ein noch von der Unwillkürlichkeit des ersten Antriebes umfangener, starker und rücksichtsloser Wille; die Durchführung erfordert eine selbstbewußtere und umsichtigere Tatkraft.

Friedrich vereinigte die strenge Staatsordnung des Vaters mit den ihm eingebornen Kulturbestrebungen, wodurch der Widerspruch des soldatischen Wesens mit den Tendenzen des Jahrhunderts vermittelt ward. Seine glücklichen Kriegsunternehmungen gehörten dazu, um dem Staate die Kräfte zu gewinnen, deren er noch bedurfte, ihm Haltbarkeit, Ansehen und Rang in der Welt zu geben.

In der Heerführung blieb Friedrich fortwährend einiger Lehren eingedenk, welche ihm einst, bei jener Anwesenheit im kaiserlichen Lager,Als Kronprinz im Jahre 1734; s. Preußische Geschichte 3 u. 4, S. 215 u. 254. Prinz Eugen von Savoyen gegeben hatte. Eine namentlich, die Geschichte der früheren Feldzüge zu durchdenken, sich die Lage der Generale zu vergegenwärtigen, um in dem Geiste die Fähigkeit auszubilden, in dringenden Momenten das rechte Mittel zu ergreifen, hat er nie vergessen. Er bekannte sich zuweilen als ein Schüler Eugens, doch war es die Schule aller großen Feldherren, in die ihn dieser geführt, der er sich in den eifrigsten Studien hingegeben hatte. In der Politik dürfte man sich nicht einmal an Vorbilder halten, da die Zeiten sich unaufhörlich verändern und Einsicht in die sich bildende Gegenwart die Summe davon ausmacht. Was man sonst wohl dafür fordert, Kenntnis der Formen, Schonung und rücksichtsvolle Rede war nicht Friedrichs Sache; er sprach mit Lebhaftigkeit und sparte die Sarkasmen nicht; seine Äußerungen, von Mund zu Mund getragen, haben ihm an den meisten Höfen Feindseligkeiten erweckt, ja selbst Nationen wie die Ungarn gegen ihn aufgereizt; ein guter Diplomat wäre er nicht geworden. Die Eigenschaften aber, welche zur obersten Leitung der Geschäfte gehören: Bewußtsein der eigenen Stellung und ihrer Grundlagen, natürlichen Scharfblick des Geistes, vor dem jede Täuschung zerrinnt, Gefühl von dem was sich ausrichten läßt, kluge Mäßigung, verschlagene Entschlossenheit, besaß er von Natur und bildete sie täglich mehr aus. Nur dadurch konnte ihm die nach dem Begriffe der Zeit verwegenste Unternehmung gelingen; das politische Talent hatte daran nicht geringeren Anteil als die Heerführung.

Noch entsprach die Stellung, die er nun einnahm, mit nichten dem, was man sich im allgemeinen von einer neu zu begründenden Macht hätte denken können. Wäre es auf Friedrich angekommen, so würde er sich in ein ganz andres Verhältnis zu Deutschland gesetzt, Westpreußen an sich gebracht, die Grenzen nach der sächsischen Seite erweitert haben, denn höchst ungern sah er seine Hauptstadt den Anfällen eines gefährlichen Nachbarn ausgesetzt und die östlichen preußischen Lande von den übrigen Provinzen getrennt; er hätte sich wahrscheinlich auch zur See bewaffnet. Allein die gemachten Erfahrungen verboten ihm jeden Gedanken dieser Art.

Aber auch in den beschränkten Grenzen, in denen er sich halten mußte, hatte er eine Macht gegründet, unantastbar und unüberwindlich, dem Wesen nach von niemand abhängig. Ihre letzte historische Grundlage war das reichsgesetzmäßige Fürstentum mit seinen Erbrechten und Anwartschaften; allein die Monarchie Friedrichs erschien hiervon losgerissen, ihre Notwendigkeit in ihrem Dasein tragend. Der protestantisch-kontinentale norddeutsche Staat, zu dem jahrhundertelang Volk und Fürst, Anstrengung und Talent sowie das gute Glück gewirkt, war zustande gekommen.

Bauten in Berlin und Potsdam, S. 281-284. Die Gesellschaft von Sanssouci, S. 284-291.


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