Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Fünfunddreißigstes Kapitel

Gleichförmig und ruhig war der Winter über den kleinen, so eigentümlich zusammengesetzten Kreis von Menschen hingegangen, welcher sich in dem vom Strom der großen Welt so weit entfernten stillen Ort Blechow zusammengefunden.

Der Prozeß des Leutnants von Wendenstein war wieder aufgenommen und wurde ohne feindselige Prozeduren gegen denselben geführt. Auch war unter der Hand dem alten Oberamtmann die Beruhigung gegeben worden, daß, wenn die Beweisaufnahme nicht gar zu gravierende Tatsachen gegen den jungen Offizier ergeben würde, selbst im Falle seiner Verurteilung auf eine endliche Begnadigung mit Sicherheit zu rechnen sei, und soweit bisher die Beweisaufnahmen stattgefunden hatten, traf den jungen Mann eigentlich kein anderer Vorwurf, als daß er sich früher dem gegen ihn eingeleiteten Verfahren durch die Flucht entzogen hatte. Im übrigen konnte man ihm keine wirklich aktive Teilnahme an Handlungen gegen die Gesetze und die Sicherheit des Staats vorwerfen, so daß die ganze Familie über den endlich zufriedenstellenden Ausgleich dieser Angelegenheit vollkommen beruhigt war.

Der alte Oberamtmann von Wendenstein war mit seiner Familie zum Weihnachtsfest nach Blechow gekommen.

Freundlich hatte ihm Herr von Klenzin einige Zimmer in dem alten Amtshause abgetreten. Und der Jubel im ganzen Dorf war groß gewesen, als der alte, von allen verehrte Oberamtmann dort zum Besuch erschien. Die sämtlichen Bauern waren in einer Art von Wallfahrt nach dem Schloß gezogen, um den alten Herrn zu begrüßen. Dieser hatte sie, mit seinem Takt die Verhältnisse berücksichtigend, in Gegenwart des preußischen Amtsverwalters empfangen, ihnen freundlich für ihre treue Erinnerung gedankt, sich nach allen ihren Verhältnissen erkundigt und sie dann in ernsten Worten ermahnt, bei aller frommen Erinnerung an die Vergangenheit offen und frei die Gegenwart zu erfassen und allem politischen Treiben fernzubleiben. Er hatte mit ihnen auch, und zwar immer in Gegenwart des Herrn von Klenzin, über ihre öffentlichen Angelegenheiten und die Verwaltung des Amts gesprochen. Er hatte mit ehrlicher Freimütigkeit anerkannt, daß manches besser und praktischer geworden sei, und dann die feste Hoffnung ausgesprochen, daß das Band des liebevollen persönlichen Vertrauens, das ihn mit seinen Amtseingesessenen verbunden hatte, sich immer fester und kräftiger auch zwischen denselben und dem Vertreter der neuen Regierung herausbilden werde.

Und groß war der Eindruck der Worte des alten Herrn gewesen. Nachdem er in seiner kräftigen, ernsten und würdevollen Weise zu den Bauern gesprochen hatte, begann mehr und mehr jene Kälte zu verschwinden, welche bis dahin das alte Amtshaus umgeben hatte. Es schien, als ob die alte und die neue Zeit sich freundlich und versöhnend zu begegnen beginne.

Und Herr von Klenzin war dem alten Herrn von Wendenstein auf das innigste dankbar dafür, daß er ihm den Weg zu den Herzen und dem Vertrauen der Bauernschaft seines Amtssitzes geöffnet.

Wenige Tage nur war der Oberamtmann mit den Seinigen dort geblieben. Er fühlte, daß ein längerer Aufenthalt hier nur wieder verstimmend wirken könne und leicht dazu beitragen möchte, seine Person zwischen seinen Nachfolger und die Bevölkerung zu stellen.

Die wenigen Tage seines Aufenthalts waren Tage hoher Freude und stillen, reichen Glücks im Pfarrhause gewesen.

Helene hatte sich unter dem Eindruck der Wiederkehr ihres Geliebten, den sie für sich verloren geglaubt, und unter der Wirkung der Mittel, welche Graf Rivero ihr gegeben, auffallend und schnell erholt.

Zwar lag noch immer jene scharf abgegrenzte dunkle Röte auf ihren Wangen, zwar glänzten ihre Augen noch immer in jenem eigentümlichen Schimmer inneren Fiebers, aber eine glückliche Ruhe, ein tiefer Friede strahlte aus ihren Blicken, und um ihre Lippen spielte ein fast verklärtes Lächeln, wenn sie, auf den Arm des Leutnants gestützt, durch das Zimmer ging oder in schönen sonnigen Momenten einige Schritte in dem kleinen Garten vor dem Hause machte.

Der Pastor blickte mit tiefer, freudiger Rührung auf sein Kind hin, das sich scheinbar so schnell wieder erholte.

Und der Leutnant von Wendenstein fühlte sich wie neugeboren, wie erlöst von einem furchtbar drückenden Bann, alle reinen, edlen und einfachen Gefühle seiner Jugend kehrten in seine Brust zurück. Hier in den alten, mit seinen frühesten Erinnerungen verwachsenen Umgebungen, hier unter dem reinen, treuen Blick seiner Geliebten verschwanden mehr und mehr alle jene goldenen Zauberwolken mit ihren farbenglühenden Bildern, welche seinen Sinn umhüllt und seine Seele in einem süßen, betäubenden Rausch gefangen gehalten hatten.

Julia schloß sich immer inniger und liebevoller an Helene an, und näherte sich während des Aufenthalts der Frau von Wendenstein dieser alten Dame mit einer tiefen, fast staunenden Verehrung. Sie fühlte sich hier wie von einer ganz neuen Welt umgeben, deren Dasein sie nie geahnt hatte, und welche sie trotz ihrer Fremdartigkeit wunderbar wohltuend ansprach. Ihr ganzes Wesen, von der Glut des Südens durchströmt, empfand wie eine sanfte Erquickung diese so kühlen, stillen und ruhigen Verhältnisse, welche sie umgaben, und welche doch in ihrer Einfachheit und Natürlichkeit soviel tiefe Wärme, soviel inniges, herzliches Gefühl umschlossen.

Diese Verhältnisse wirkten so wohltätig auf ihre Seele, wie ein kühles Bad in schattiger Waldesstille auf den von der Glut des Hochsommers zugleich aufgeregten und erschöpften Körper.

Sie war aufgewachsen in jener trüben, schmutzigen Atmosphäre der Pariser Halbwelt, nur durch ein Wunder war sie vor der inneren Vergiftung dieser Atmosphäre bewahrt geblieben. Ihre vergangene, versunkene und begrabene Liebe und dann die schwärmerische Hingabe für ihren Vater waren die einzigen edlen Gefühle gewesen, welche bis jetzt ihr Leben bewegt hatten, das im übrigen nur in einem fortwährenden Kampf gegen die auf sie eindringende Niedrigkeit und Schlechtigkeit bestanden hatte. Hier nun sah sie sich plötzlich von einer kleinen Welt umgeben, in welcher alles rein, klar, durchsichtig und gut war. Sie sah in der Gestalt dieser alten, so freundlichen, so sanften und doch so würdevollen und ernsten Matrone die treue, sorgende, mütterliche Liebe verkörpert, welche sie in ihrem ganzen Leben hatte entbehren müssen. Mit tiefem Schmerz gedachte sie derjenigen, welche ihr das körperliche Leben gegeben und doch alles getan hatte, um das Leben ihrer Seele und ihres Herzens zu vergiften. – Sie hätte der alten Dame zu Füßen sinken mögen und sie bitten, auch ihr einen reinen Sonnenstrahl jener stillen und frommen mütterlichen Liebe zu gewähren, welche sie mit so heißer Sehnsucht entbehrte.

Und wenn sie diese beiden jungen Leute sah, deren Liebe einer so glücklichen, hellen Zukunft entgegen zu gehen schien, so faltete sie still die Hände und sendete ein inniges Gebet zum Himmel empor, daß er sie schützen möge vor dem tiefen Leid und Kummer, welche die einzige duftige Blüte ihrer eigenen Jugend gebrochen hatten.

Alle waren glücklich und zufrieden. – Der Kandidat schien in seiner gewohnten bescheidenen Zurückhaltung an der allgemeinen Freude teilzunehmen.

Nur Graf Rivero blieb ernst, fast traurig, und zuweilen ruhte sein Blick mit tief schmerzvollem Ausdruck auf Helenens bleichem und eingefallenem, aber von verklärter Freude und seliger Hoffnung strahlendem Antlitz.

Der alte nordische Tannenbaum mit seinen Weihnachtslichtern hatte am heiligen Abend die ganze Gesellschaft im Pfarrhause vereinigt. Zu den vielen kleinen Geschenken, welche den großen Tisch bedeckten, hatte der Oberamtmann einen schönen Schmuckkasten von getriebenem Silber hinzugefügt, welcher die Schenkungsurkunde des Gutes enthielt, das er seinem Sohn und Helenen zur künftigen Heimat bestimmt hatte.

Auch der alte Deyke war erschienen – der Oberamtmann und der Leutnant hatten darauf bestanden – auch Fritz mit seiner jungen Frau, die ihren kleinen einjährigen Buben auf dem Arm trug, der mit leuchtenden, großen Augen die glänzenden Lichter des Baumes anstarrte und jubelnd die kleinen Hände nach den bunten Sachen ausstreckte.

Unter dem Baum stand die Krippe, umgeben von schönen Figuren, welche die Anbetung der Könige und die Verkündigung der Hirten darstellten.

Und als der alte Pastor Berger, mit gefalteten Händen an den Tisch herantretend und den feuchten Blick zu dem Lichterglanz des Weihnachtsbaumes erhebend, mit bewegter Stimme sprach:

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Da stürzten heiße Tränen aus Julias Augen, mächtig erschüttert sank sie auf die Knie, in der Tiefe ihres Herzens klang jener Vers wieder, den Herr von Grabenow ihr einst gesagt und überseht hatte, jener Vers vom Tannenbaum und der Palme, der Palme, die einsam und schweigend trauert an brennender Felsenwand.

Der Graf Rivero aber stand schweigend zur Seite, auch er faltete unwillkürlich die Hände. Sein dunkler Blick ruhte mit wunderbarem Ausdruck auf diesem lichtschimmernden Baum, auf diesem Bild der Geburt des Heilandes unter demselben, auf diesem alten, so gläubig frommen Geistlichen, der den einfachen, durch die Jahrtausende hindurch tönenden Gruß der Engel wiederholte, auf allen diesen froh bewegten Gesichtern rings umher – er gedachte der stolzen, prunkvollen Messen im Dom von St. Peter, er gedachte der strahlenden Pracht des irdischen Statthalters dieses auf dem Stroh der Krippe geborenen Welterlösers, und kaum die Lippen bewegend flüsterte er, indem sein Haupt sich langsam tiefer und tiefer auf die Brust niedersenkte:

»Wo ist die alleinseligmachende Kirche – wo ist der Weg zu Gott? Können diese verworfen sein? Kann der Heiland diesen die Seligkeit verschließen, die so dem Bild seiner heiligen Geburt nahen in der Einfachheit ihrer Herzen mit dem Gruß, der seinem Eintritt in die irdische Welt von dem Himmel herab entgegentönte?«

Ernst und schweigend war er den ganzen Abend über inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit geblieben, die ihn umgab, und lange noch war er in später Nacht einsam in seinem Zimmer wach geblieben – fortwährend standen vor seinem innern Blick nebeneinander der strahlende Dom von St. Peter und diese kleine Krippe unter dem Weihnachtsbaum im Hause des lutherischen Pastors. –

Als der Oberamtmann wieder nach Hannover zurückgekehrt war, schloß sich der kleine Kreis der Zurückbleibenden noch enger aneinander.

Julia war unermüdlich in aufmerksamer Pflege für ihre Freundin; der Leutnant, welcher im Hause des alten Deyke wohnte, brachte fast den ganzen Tag im Pfarrhause zu, bald mit Helenen schöne Pläne für ihr zukünftiges Leben entwerfend, bald mit den beiden jungen Mädchen über alle möglichen Gegenstände plaudernd, wobei jedoch, wie in stillschweigender Verabredung, er sowohl wie Julia sorgfältig vermieden, jemals über Paris zu sprechen.

Der Graf Rivero, welcher einen großen Teil des Tages in seinem Zimmer blieb, seine zahlreiche, weit ausgedehnte Korrespondenz zu besorgen, fand immer mehr Freude an der Unterhaltung mit dem Pastor Berger.

Der Graf, der unermüdliche, begeisterte Streiter für die Weltherrschaft der katholischen Kirche, welcher sein Leben dazu verwendet hatte, alle Waffen des Geistes und der Bildung zu beherrschen, der vielerfahrene Weltmann, der in den größten Hauptstädten Europas, an den glänzendsten Höfen der Welt ein vielbewegtes und wirkungsvolles Leben geführt hatte, bewunderte immer mehr die tiefen und reichen Kenntnisse, das feine Urteil und dabei wieder die einfache Klarheit dieses bescheidenen Geistlichen, der fast sein ganzes Leben in stiller Abgeschiedenheit hier im Kreise natürlicher und fast ungebildeter Menschen zugebracht hatte.

Er lenkte öfter auch das Gespräch auf religiöse Fragen, auf die Verhältnisse der lutherischen Kirche, auf die Wirksamkeit des Pastors in seinen Beziehungen zur Gemeinde, und wiederum erstaunte er über die Tiefe und innige Begeisterung, mit welcher dieser so stille und ruhige Mann sein Priesteramt erfaßte, über das glaubensfeste Gottvertrauen, das ihn erfüllte, und über die Milde, mit der er über alle Andersglaubenden urteilte. So waren die Tage des Februar herangekommen.

Die Tage nahmen merklich zu, die Sonne begann wärmer zu scheinen, und zuweilen wehte es wie ein erster leiser Frühlingsgruß durch die Luft, so daß einzelne kleine Schneeglöckchen und Krokus bereits vertrauensvoll ihre grünen Spitzen dem Sonnenlicht entgegenstreckten, um sie freilich bald wieder traurig unter dem Schnee zu verbergen, mit dem der widerwillig sein Reich abgebende Winter immer wieder die erwachende Natur zu bedecken strebte.

Der Graf Rivero beobachtete Helene in dieser Zeit sorgfältiger als je. Er hatte ihr die strengste Vorsicht empfohlen, und nur mit fest verbundenem Munde durfte sie sich wenige Augenblicke in sonnigen Stunden der freien Luft aussetzen.

Das junge Mädchen war heiterer und glücklicher als je, sie glaubte eine Wiederkehr ihrer Kraft und Gesundheit zu fühlen, und fast den ganzen Tag über sprach sie mit Julia und mit ihrem Verlobten von den Plänen für die Zukunft, von ihren häuslichen Einrichtungen, namentlich aber von den Reisen – sie wollte eine weite Hochzeitsreise machen, und im Mai, im schönen, blühenden Mai sollte ihre Hochzeit sein. Dann wollten sie nach der Schweiz reisen, der Graf und Julia sollten dort mit ihnen sein – und mit kindlicher Glückseligkeit freute sich Helene auf den Anblick aller jener herrlichen Naturschönheiten, von denen ihre neue Freundin ihr so viel gesprochen hatte, und welche sie dann sehen sollte auf dem Gipfel ihres Glückes und umgeben von allen denen, die sie am meisten auf Erden liebte.

Es war ein wunderbar schöner und sonniger Nachmittag. Der Schnee war geschmolzen, und fast ganz trocken lagen die Kieswege des Gartens vor dem Pfarrhause da.

Helene saß allein auf ihrem alten gewohnten Platz am Fenster. Ihr Gesicht war blaß, ihre Augen brannten, und auf ihren Wangen glühte eine scharf abgegrenzte Röte. Sie atmete mühsam und schwer, aber reines Glück strahlte aus ihrem bleichen Gesicht, und wie mit inniger Dankbarkeit blickte sie durch die Fenster hinaus in die Natur, welche noch des grünen Schmuckes entbehrte, aber so hell, so heiter, so warm und hoffnungsvoll erschien. Sie dachte jener traurigen Tage, in denen sie hier von derselben Stelle hoffnungslos und starr in die herbstliche Landschaft hinausgeblickt hatte, und unwillkürlich faltete sie die Hände, und ihre Lippen bewegten sich in stillem Dankgebet gegen die Vorsehung, welche ihrem erstorbenen Herzen die Liebe, den Glauben und die Hoffnung wiedergegeben hatte.

Da sah sie an der Biegung des Weges, welcher zu dem Pfarrgarten hinaufführte, den Leutnant von Wendenstein erscheinen. Er hatte sie gesehen – er beschleunigte seinen Schritt und winkte mit der Hand grüßend hinauf, wie einst in jenen vergangenen Tagen, wenn er von Lüchow her zum Besuch seiner Eltern kam, die damals noch im alten Amtssitze haushielten.

Helle Freude leuchtete in dem Gesicht des jungen Mädchens auf, rasch erhob sie sich, warf ein Tuch um die Schultern und eilte zur Türe hinaus ihrem Geliebten entgegen.

»Er soll sehen,« flüsterte sie vor sich hin, »wie kräftig und wohl ich bereits bin, – diese reine, sonnige Luft kann mir nicht schaden.«

Und etwas schwankend und unsicher zwar, aber doch fast mit der Elastizität ihrer früheren Zeit eilte sie auf dem absteigenden Kieswege dem Leutnant entgegen, der ihr schnell entgegenkam, die Arme ausbreitete und sie mit glückstrahlenden Blicken an seine Brust drückte.

»Helene, meine geliebte Helene,« rief er, »du kommst mir entgegen? Wie schön ist das! Wie erweckt das so liebe, so süße Erinnerungen und noch liebere, noch süßere Hoffnungen!«

Sie hatte ihr Haupt an seine Brust gelegt, er hörte ihre scharfen und schweren Atemzüge.

»Aber«, rief er, »ich fürchte, du bist unvernünftig gewesen, du bist so schnell hier herabgegangen in dieser strengen Luft, es wird dich ermatten. Laß uns schnell hineingehen.«

»Ja, ja,« sagte sie kaum hörbar, – »ich fürchte selbst, ich habe mir zuviel zugetraut, aber mein Herz, meine Sehnsucht trieb mich dir entgegen, – ich muß mich doch noch immer schonen«, sagte sie noch leiser in traurigem Tone. Und er fühlte, wie sie sich schwerer an ihn lehnte, indem ein heftiges Zittern durch ihre ganze Gestalt lief. Langsam hob sie ihr Taschentuch empor und bedeckte damit ihren Mund.

»Schnell, schnell, laß uns ins Haus gehen!« rief er, und den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie den leicht ansteigenden Weg hinauf.

Immer lauter und schärfer wurden ihre Atemzüge, mühsam, von dem Leutnant gestützt, erreichte sie das Haus. Der junge Mann trug sie fast nach ihrem Lehnstuhl, in dem sie wie gebrochen zusammensank.

»Ich bin doch noch sehr schwach,« sagte sie, als der Leutnant mit angstvollen Blicken ihre matten Augen, ihre zitternden Lippen, ihre schwer atmende Brust ansah, – »aber es ist nichts«, fuhr sie dann fort, indem sie sich zu einem heiteren Lächeln zwang; »es wird gleich vorübergehen, ich brauche nur etwas Ruhe.«

Auf ihrem Gesichte wechselten in schneller Folge helle fliegende Röte und tiefe tödliche Blässe miteinander ab.

Unschlüssig und ratlos stand Herr von Wendenstein vor ihr, von tiefer Besorgnis erfüllt und doch bestrebt, seiner leidenden Geliebten seine Unruhe zu verbergen.

»Erlaube, daß ich den Grafen rufe,« sagte er, »er wird dir ein beruhigendes Mittel geben, um diesen Anfall zu überwinden.«

Helene nickte matt mit dem Kopf.

Der junge Mann eilte schnell hinaus und kam nach wenigen Augenblicken mit dem Grafen Rivero zurück, dem er mit kurzen Worten die Ursache des plötzlichen Anfalls mitgeteilt hatte.

Rasch trat der Graf zu Helenen hin, welche noch immer matt und schwer atmend mit halbgeschlossenen Augen in ihren Stuhl zurückgelehnt dasaß.

»Mein Gott, Fräulein Helene,« rief er, »wie haben Sie so unvorsichtig sein und meinen bestimmten Anordnungen entgegen das Zimmer verlassen können?«

Ein wunderbar schwärmerisches Lächeln erschien auf dem leidenden Gesicht Helenens, sie hob ein wenig die Hand empor, deutete auf den Leutnant und sagte mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »Ich wollte ihm entgegengehen.«

Herr von Wendenstein beugte das Knie neben ihrem Stuhl, ergriff ihre Hand und drückte sie stumm an seine Lippen.

Der Graf prüfte den Puls und den Herzschlag des jungen Mädchens, deren Brust immer heftiger arbeitete, und auf deren Gesicht immer schneller glühende Röte und fahle Blässe miteinander wechselten.

»Nicht wahr, es ist nichts?« hauchte sie mühsam.

Der Graf antwortete nicht. Mit schmerzvoller Sorge ruhte sein Blick auf dieser gebrechlichen, zitternden Gestalt. Fast vorwurfsvoll richtete sich sein Blick nach oben.

»Ein Glas Wasser«, sagte er mit kurzem befehlenden Ton zu dem jungen Mann, welcher schnell aufsprang und hinauseilte. »Wo ist Ihr Medikament?« fragte er dann.

Helene erhob matt die Hand und deutete auf ein kleines Fläschchen, das auf dem Tisch neben dem Fenster stand.

Herr von Wendenstein brachte ein Glas frischen Wassers. Der Graf tat einige Tropfen aus dem Fläschchen in dasselbe und näherte den Rand des Glases den Lippen Helenens.

Sie erhob mühsam ein wenig den Kopf, um die Flüssigkeit einzusaugen, aber noch ehe ein Tropfen ihre Lippen berührt hatte, hob sich ihr ganzer Körper in konvulsivischer Zuckung, ihre Augen öffneten sich weit und blickten starr mit dem Ausdruck unendlicher Angst umher. Ihr Gesicht färbte sich mit einer dunklen, ins Bläuliche spielenden Röte, ein dumpfer, röchelnder Ton drang aus ihrer Brust hervor, dann färbte ein leichter roter Schaum ihre Lippen, krampfhaft ergriff sie den Arm des Grafen und richtete sich starr empor. Ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie einen Schrei ausstoßen, aber es drang kein Laut über dieselben. Ein voller Blutstrom schoß aus ihrem Munde, und mit gebrochenem Blick sank sie gegen die Lehne ihres Sessels zurück.

Mit einem Aufschrei entsetzlicher Angst sprang der Leutnant von Wendenstein heran.

»Rufen Sie Julia,« sagte der Graf fest und kalt, »sie ist in ihrem Zimmer.«

Und wie man ein Kind auf seine Arme nimmt, erhob er das röchelnde, leblose junge Mädchen, trug sie in ihr Schlafzimmer und legte sie auf ihr Bett nieder.

Angstvoll, verstörten Blickes folgte ihm Julia nach wenigen Minuten. Der Leutnant blieb starr, wie betäubt, an der Türe stehen.

»Sie muß sofort entkleidet werden, alles muß entfernt werden, was sie beengt«, sagte der Graf zu seiner Tochter. »Ich werde ein Linderungsmittel bringen.«

Und schnell sich umwendend, führte er den Leutnant hinaus, während Julia und die alte Dienerin des Hauses das leblose junge Mädchen entkleideten.

»Um der ewigen Barmherzigkeit willen,« rief der Leutnant, »sagen Sie mir die Wahrheit, Herr Graf! Ist Gefahr vorhanden?«

Der Graf blickte ihn mit tiefem, starrem Ernst an.

»Wenn Gott kein Wunder tut,« sagte er mit dumpfem Ton, »so ist sie verloren, – und ich fürchte«, fügte er leiser hinzu, »Gott wird mir dies Wunder versagen, um mich zu strafen für mein vermessenes Spiel mit Menschenherzen und mit Menschenglück.«


Die Sonne, welche so hell und freundlich aufgegangen war und die Luft mit trügerischem Frühlingshauch erfüllt hatte, war hinabgesunken, und über all die Hoffnungen auf Glück und Freude, welche noch kurz vorher den kleinen Kreis im Pfarrhause erfüllten, hatte sich winterliche Kälte und nächtliches Dunkel gelegt nach kurzem Licht und kurzer Wärme.

Helene lag in schneeweißem Nachtkleide auf ihrem Lager; das Zimmer war matt erhellt durch eine Lampe, deren Licht durch einen großen Schirm gedeckt war.

Der Graf Rivero saß am Fußende des Bettes, mit forschendem Blick jede Zuckung im Gesicht der Kranken beobachtend, das, wie von Wachs geformt, in seinen edlen Umrissen wunderbar schön erschien. Die seinen und durchsichtigen Hände Helenens ruhten gefaltet auf der Decke. Fast schien sie dem Leben nicht mehr anzugehören. Die Verklärung des Todes schien ihre reine Stirn berührt zu haben.

Der Leutnant von Wendenstein kniete neben dem Bett, die starren Blicke auf das schmerzvolle Bild geheftet.

Julia saß am Fenster, das Gesicht mit ihrem Taschentuch bedeckt.

Und leise weinend in der Mitte des Zimmers stand der Pastor Berger mit gefalteten Händen, die betenden Lippen bewegend, Hilfe und Trost da suchend, wo er in allen schweren Stunden seines Lebens allein Trost und Hilfe gefunden hatte.

Tiefe Stille herrschte in dem kleinen Raum, so daß man die Atemzüge aller dieser Menschen hörte, welche mit angstvoller Spannung an dem vom Hauch des Todes schon berührten Leben der Kranken hingen.

Der Graf hatte mit einem kleinen Löffel einige Tropfen einer ätherischen Flüssigkeit den Lippen Helenens eingeflößt.

Ein leises Zittern bewegte den Körper des jungen Mädchens.

Helene schlug die Augen langsam auf, ihre gefalteten Hände lösten sich;– mit einem Blick voll Staunen und Überraschung blickte sie über die Anwesenden hin, – ihr Auge war ruhig und klar – kein Fieberglanz zitterte mehr in demselben – es leuchtete daraus hervor wie stille Freude und Verklärung.

»Ich kehre noch einmal zu euch zurück,« flüsterte sie, fast ohne die Lippen zu bewegen, – »welches Glück, – ich verlasse euch nicht ohne Abschied! – Es ist zu Ende,« sagte sie nach einigen Augenblicken, – »Gott ruft mich zu sich, – ich kann nur noch dort oben für euch beten, – aber Gott ist gnädig, – er hat mich nicht abgerufen im Dunkel des Elends und der Verzweiflung, – er verklärt mein Scheiden mit allem reinen Glanz der Liebe – der Hoffnung auf ewiges, seliges Glück.«

Sie richtete den Blick mit bittendem Ausdruck auf ihren Vater, leise winkend bewegte sich ihre Hand.

Der Graf stand vom Bette auf und trat zurück.

Der Pastor näherte sich seiner Tochter und beugte sein weißes Haupt zu ihr hinab. »Segne mich, mein Vater,« sprach sie, – »zu dem weiten Wege in die Ewigkeit!«

Die feste Gestalt des alten Mannes erbebte wie unter einem elektrischen Schlage, – es schien, als würde er über dem Lager seiner Tochter zusammenbrechen, – der Graf Rivero machte eine Bewegung, um ihn zu stützen.

Aber der Diener des Evangeliums richtete sich wieder hoch auf, – in gläubiger Ergebung strahlte sein von einer langsam herabrinnenden Träne feuchtes Gesicht, – er breitete die Hände aus über das Haupt seines sterbenden Kindes und sprach mit tiefer, das stille Zimmer voll durchtönender Stimme:

»Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und sei dir gnädig, – der Herr erleuchte sein Angesicht über dir und gebe dir seinen Frieden!«

Dann beugte er sich abermals nieder und drückte seine Lippen auf die Stirn seiner Tochter.

»Lebt wohl, ihr alle,« sprach Helene mit immer schwächerer Stimme, – »ich danke euch für eure Güte, – denkt meiner in Liebe!«

Julia preßte ihre Hände auf die Brust, – immer neue Tränenströme rannen aus ihren Augen, – die alte Dienerin war neben der Tür auf die Knie gesunken, – der Graf Rivero stand mit untergeschlagenen Armen da, den düstern Blick starr und brennend auf diese zarte Gestalt gerichtet, aus der das Leben entfloh, – das Leben, das er mit allen Mitteln seiner menschlichen Wissenschaft nicht festzuhalten vermochte.

»Nun zu dir, mein Freund, den ich über alles geliebt,« sagte Helene, indem sie mit einer letzten Anstrengung ihr Haupt nach ihrem immer neben dem Bette knienden Verlobten hinwendete, – »mein letztes Wort sei dein, – nimm mich noch einmal in deine Arme!«

Der Leutnant sprang empor. Er legte seinen Arm um die Schultern der Sterbenden und lehnte ihr Haupt an seine Brust.

»Wie selig ist der Tod in deinen Armen!« hauchte sie, das wunderbar leuchtende Auge zu ihm aufschlagend. – Einen Augenblick ruhte sie stumm an seiner Brust, dann tönte es leise, leise, wie aus dieser Ferne herüberklingend, von ihren Lippen:

»– wenn Menschen – auseinandergehn –
So sagen sie – auf Wiedersehn!«

Schwer sank ihr Haupt zurück – ihre Augen brachen – noch einmal hauchte sie: »Auf Wiedersehn!« – dann ein tiefer, röchelnder Atemzug – sie hatte vollendet.

Der Leutnant legte sie sanft auf die Kissen nieder und trat dann verzweiflungsvoll an das Fenster, hinausstarrend in die finstere Nacht.

Tiefe Stille herrschte einige Minuten im Zimmer – dann trat der Pastor an das Bett, hauchte auf die starren Augen der Leiche – und sanft und leicht schlossen sich dieselben unter seiner Hand.

Dann schritt er langsam hinaus, um Kraft zu suchen in der Einsamkeit seines Zimmers allein mit Gott.

Der Leutnant trat an den Grafen heran.

»Ich habe sie getötet,« sagte er mit dem Ton dumpfer Verzweiflung, – »ich habe dies Herz gebrochen, das mir nur Liebe und Treue geweiht, – ich werde niemals wieder Ruhe finden auf Erden!«

Starr und finster sagte der Graf:

»Sie waren verirrt in menschlicher Schwäche, – sie hat Ihnen vergeben, – sie ist glücklich und selig hinübergegangen in Ihrem Arm, – der Segen ihrer Liebe wird auf Ihnen ruhen, – aber«, sprach er dann leise, die Hand auf sein Herz drückend, »wie soll meine Schuld gesühnt werden, der ich es gewagt in vermessenem Frevel, das Glück und den Frieden von Menschenherzen zu Mitteln für meinen Zweck zu machen, – für meinen Zweck,« fügte er dumpf hinzu, – »an dem ich irre zu werden und zu zweifeln beginne! – Aber Licht soll es werden,« rief er dann, sich hoch emporrichtend, – »Licht soll es werden, bei dieser reinen Seele, die zu Gott aufgestiegen ist, – bei der ewigen Wahrheit, der ich meine Kraft geweiht und der sie gehören soll bis zum Ende!«


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