Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Fünfzehntes Kapitel

Ganz Paris strömte an einem hellen, sonnigen Sommernachmittage durch die breite Avenue de l'Imperatrice dem Bois de Boulogne zu, um in den kühlen Alleen dieses wunderbar gehaltenen und stets frisch übersprengten Parks Erholung und Erfrischung zu suchen und um auf seinen immer grünen, vom Sonnenbrände niemals ausgetrockneten Rasenflächen sich in fröhlichen Gesprächen zu lagern oder auf den für wenige Sous gemieteten elastischen Stühlen sich niederzulassen und in ruhiger Beschaulichkeit den durch das Einerlei der Häusermassen ermüdeten Blick an dem heiteren Grün der Bäume und dem strahlenden Blau des Himmels zu laben.

Es war die Stunde vor dem Diner der großen Welt, und die Mitte des breiten Weges zu den Seen war mit dichten Reihen glänzender Equipagen bedeckt, prachtvolle Landauer – Kutscher und Bediente in weißen Strümpfen und Puderperrücken, große Buketts vor der Brust, Sträuße von gleichen Blumen an den Kopfgeschirren der Pferde fuhren dahin, aus denselben blickten die Damen der großen Welt in ihren duftig zarten Sommertoiletten auf die jungen eleganten Herren hin, welche auf den Reitwegen galoppierten oder die großen, hochtrabenden Pferde von den kleinen Sitzen ihrer zierlichen amerikanischen Wagen mit größerer oder geringerer Geschicklichkeit lenkten, während ihre Grooms in lebensgefährlich schwerpunktsloser Attitude auf den minutiösen Hintersitzen balancierten.

Auf den Fußwegen gingen ernste Bürger mit ihren Familien, Kinder trieben ihre großen Reifen mit den kleinen Handstäben vor sich her und umringten von Zeit zu Zeit die populären Gestalten der Cocoverkäufer mit ihren eigentümlichen, glänzenden Gestellen, um sich für einen ersparten Sou ein Glas jenes bei der Pariser Jugend so beliebten Süßholzgetränkes zu kaufen, – die leichten Viktorias der Damen der Demimonde fuhren zwischen den Equipagen der hohen Gesellschaft dahin, – diese Damen grüßten vertraulich die jungen Stutzer zu Pferde und zu Wagen – und oft bog eines jener kleinen zierlichen Gefährte in eine der Seitenalleen aus – ein Reiter folgte – der Kutscher stieg ab und hielt die Pferde – und umgeben von einer Atmosphäre von Verveine vertieften sich die petits crévés und die Damen der avant-scene in die dunklen einsamen Fußpfade des Parkes.

In all diesem heiteren, lustigen Treiben schritt eine Gruppe von vier Männern ernst und ruhig am Ufer der Seen einher.

Zwei dieser Männer waren von jugendlichem Alter, die frischen Farben ihrer Gesichter, die blaugrauen Augen, die blonden Haare und die hellrötlichen Vollbärte zeigten ihren nordischen und germanischen Ursprung. Der dritte war älter als jene – graues Haar und ein grauer Bart umschlossen sein scharf markiertes ausdrucksvolles Gesicht, aus welchem unter starken, noch wenig ergrauten Augenbrauen kleine, lebhafte und kluge Augen mit forschend mißtrauischem Ausdruck hervorblickten.

Alle drei hatten jene eigentümlich gerade, feste Haltung, welche die norddeutschen Militärs kennzeichnet – sie trugen dunkle Sommeranzüge von leichtem Wollenstoff – im Knopfloch eine kleine Schleife von dem gelb und weißen Bande der hannoverischen Langensalza-Medaille.

Zwischen diesen drei Männern schritt der Kandidat Behrmann in sauberem und äußerst einfachem schwarzem Anzug, eine tadellose, frische, faltige Binde von weißem Batist um den Hals, einen glänzend gebürsteten Hut auf dem Kopf. Das freundlichste Lächeln strahlte von seinem Gesicht, auf dessen Zügen ergebungsvoll demütige Frömmigkeit lag.

»Ich danke Ihnen,« sprach er mit sanfter Stimme, »ich danke Ihnen, meine lieben Freunde und Landsleute, daß Sie mich heute hier hinausgeführt haben in diese herrliche, durch menschliche Kunst so reich verschönte Natur, – ich freue mich des Anblicks dieser fröhlichen glänzenden Menge – die freilich wohl«, fügte er seufzend hinzu, »wohl wenig daran gedenkt, den zu loben, der all diese blühende Natur zur Erquickung der Menschen nach der Arbeit geschaffen, – aber« – sagte er nach einer Pause mit leiserer Stimme, indem ein rascher Blick forschend über seine Begleiter hinflog – »all diese reiche Naturschönheit, all diese schimmernde Pracht spricht doch nicht so zum Herzen, als die alte Heimat mit ihren dunkeln Wäldern, mit ihren weiten Ackerfeldern, ihren duftenden Wiesen – und den einfachen, stillen Dörfern, in denen die guten, einfachen Menschen wohnen, – wie gern wollte ich den Anblick aller dieser Schönheiten hingeben, wie gern wollte ich niemals dies schimmernde Paris mit seinem Reiz gesehen haben, – wenn wir alle noch beisammen in der alten hannoverischen Heimat wohnen könnten, wie früher, vor den gewaltigen Ereignissen, die alle Zustände im lieben Vaterlande verändert haben!«

»Das ist mir aus dem Herzen gesprochen, Herr Kandidat,« rief der ältere der drei Männer, welche den jungen Geistlichen begleiteten, der frühere hannoverische Feldwebel Sturrmann, – »mir wird es oft so recht wehmütig ums Herz in diesem fremden Lande, in welchem niemand ein ehrliches deutsches Wort versteht, und wo ich meine alte Zunge abquälen muß, um diese kauderwälsche Sprache zu lernen, aus der ich doch nicht klug werden kann. Das ist etwas anderes«, fuhr er fort, – »mit den jungen Leuten da, – die sind froh, etwas neues zu sehen, – die Welt kennen zu lernen, – und ihre Zunge fügt sich auch noch besser, um die fremden Worte zu sprechen, – und dann,« fügte er mit einem halb zornigen, halb heiteren Lächeln hinzu, – »die haben hier auch noch andere Gelegenheit, sich zu vergnügen, – da sind die hübschen, niedlichen Französinnen, die sich freuen, einmal einen jungen tüchtigen hannoverischen Soldaten zum Schatz zu haben, anstatt ihrer abgelebten superklugen Pariser, – freilich,« sagte er mürrisch, »ist's schlimm genug, daß die sich darauf einlassen und die braven Mädchen daheim vergessen, – die sich zwar nicht so mit Flitterputz zu behängen verstehen und nicht so zierlich über die Straßen trippeln, wie diese französischen Püppchen – aber die doch das Herz auf dem rechten Fleck haben und ihrem Mann einmal eine ordentliche Suppe kochen können und ihre Kinder ordentlich erziehen in Gottesfurcht und Ehrbarkeit, wenn sie einmal Hausfrauen und Mütter geworden sind.«

»Das sagen Sie wohl, Herr Feldwebel,« erwiderte einer der jüngeren Männer, ein Soldat der hannoverischen Legion, in scherzhaftem Ton, aber doch mit einer gewissen Ehrerbietung, – »wenn Sie in unserem Alter hiehergekommen wären, so würden Sie auch anders urteilen – und was meinen Schatz betrifft, so ist sie ebenso gut und brav wie die hannoverischen Mädchen zu Hause, – und wenn ich sie werde geheiratet haben, wozu ich bald zu kommen hoffe, so wird sie gewiß eine vortreffliche, sparsame und fleißige Hausfrau werden, wenn sie jetzt auch gern niedliche und zierliche Stiefelchen trägt und ihr Haar hübsch frisiert.«

»Nun, von Euch will ich nicht reden, Borchers,« erwiderte der alte Sturrmann, – »Ihr habt einen ernsthaften Schatz – und ich glaube auch gern, daß sie brav und fleißig ist, – obgleich es mir nicht recht in den Sinn will, daß Ihr Euch hier in eine fremde Verwandtschaft im Auslande hineinheiraten und unserem Vaterland ganz untreu werden wollt, – aber die andern – da der Riechelmann und die übrigen – die scharmutzieren überall herum mit diesen leichfertigen lustigen Französinnen, – das taugt nichts, – denen tut es not, daß Sie ihnen einmal ordentlich in das Gewissen reden, Herr Kandidat.«

Riechelmann, der andere der beiden jungen Männer, lachte und schien auf die Bemerkung des Feldwebels etwas erwidern zu wollen – doch mit einem Seitenblick auf den jungen Geistlichen schwieg er und schritt ruhig neben den übrigen weiter.

Der Kandidat hatte aufmerksam dem Gespräche zugehört.

»Sie wollen sich hier verheiraten«, sagte er, sich zu Borchers wendend, »und dauernd in Frankreich bleiben? So wollen Sie sich von Ihren Gefährten trennen und die Sache aufgeben, welche Sie hierher geführt?«

Er blickte forschend auf den jungen Mann.

»Nein, Herr Kandidat«, rief dieser lebhaft, – »von meinen Gefährten und von meiner Sache trenne ich mich nicht, – ich habe das Land verlassen, um meinem König zu dienen und für ihn zu fechten, wenn es gilt, sein Land wieder zu erobern – und daran halte ich fest, – dafür werde ich meinen letzten Blutstropfen einsetzen – sehen Sie,« fuhr er fort, – »ich habe hier ein braves Mädchen gefunden, – sie hat ein kleines Vermögen und wir sind uns von Herzen gut, – wenn ihr Vormund alle Nachweise über meine Person hat, die ich jetzt etwas schwer und langsam ans der Heimat erhalten kann, – so wird er unsere Verbindung zugeben und wir werden ein kleines Geschäft etablieren – ich bin Tapezierer meines Handwerks, – deutsche Arbeit ist hier sehr gesucht und wir werden uns, so Gott seinen Segen gibt, gut durchbringen. – Aber«, fuhr er mit erhöhter Stimme und blitzenden Augen fort, – »meine Sache – die Sache meines Königs gebe ich nicht auf, – wenn der Augenblick kommt, in den Kampf zu ziehen für die Wiedereroberung unseres Vaterlandes, dann werde ich in den Reihen meiner Kameraden nicht fehlen – und wenn ich falle, so wird meine Frau mich als einen braven Soldaten beweinen und in treuem Andenken behalten, – und wenn ich lebend aus dem Kampf zurückkehre, so kann ich ja dann mit den meinen in die alte, liebe Heimat zurückkehren oder, – wenn ich hier bleibe, so habe ich meine Pflicht gegen mein Land und meinen König erfüllt und brauche mich im Anstände wahrlich nicht zu schämen, ein Hannoveraner zu sein!«

Der Kandidat schwieg und senkte den Blick zu Boden.

»Nun,« rief der alte Sturrmann, – »ich wollte, der Tag des Kampfes käme bald – denn mir will es oft das Herz abdrücken, hier so auf der Bärenhaut zu liegen und zu warten – und immer wieder zu warten, und dabei ausländische Luft zu atmen und ausländisches Brot zu essen.«

Sie waren an den See gekommen.

»Was ist das?« rief der Kandidat, auf die von Baumgruppen, Rasenflächen und Steingrotten umgebene Wasserfläche deutend.

»Das ist ein Mann auf einem Wasservelocipéde,« sagte Riechelmann, – »eine neue Erfindung, – über zwei kleinen Kähnen – durch Treträder in Bewegung gesetzt – sitzt man sehr bequem und fährt über das Wasser dahin.«

Sie sahen einen Augenblick dem eigentümlichen Schauspiel des auf dem schlanken, zierlichen Gestell über den klaren Wasserspiegel zwischen den Schwänen hin und herfahrenden Mannes zu, der vor den Augen der Pariser Welt diesen neuen Wassersport übte, auf diese Weise für seine Erfindung Reklame machend.

»Lassen Sie uns ein wenig in die einsameren Partien gehen,« sagte der Kandidat, »und uns irgendwo auf den Rasen niederlassen, – das erinnert mich an die stillen Waldtiefen unserer Heimat, – auch können wir dort ruhiger und ungestörter sprechen.«

Sie wendeten sich von der großen Allee ab und folgten einem einsameren, schattigen Seitenwege.

Ein Mann in einfach bürgerlichem Anzug, den Hut ein wenig in die Augen gedrückt, der schon einige Zeit in einer gewissen Entfernung zwischen den Spaziergängern hinter ihnen gegangen war, folgte ihnen langsam hinschlendernd. Er atmete in dem kühleren Schatten tief auf und schien es gar nicht zu bemerken, daß die Gruppe vor ihm denselben Weg eingeschlagen hatte. Der untere Teil des Gesichts dieses Mannes war von einem dichten Barte bedeckt –seine Züge waren matt und welk – fast verwittert: obgleich nicht alt an Jahren, schien er doch durch das Leben heftig bewegt und erschüttert zu sein – ein Ausdruck von fast stumpfer Gleichgültigkeit lag auf diesen Zügen, nur aus den kleinen grauen Augen blitzte zuweilen ein scharfer Blick voll List und Verschlagenheit hervor »Sehen Sie hier diese alte Eiche,« sagte der Kandidat zu seinen Begleitern, – »lassen Sie uns im Schatten derselben ein wenig auf dem Rasen ausruhen – es ist ein heimatlicher Baum, – wir können uns einen Augenblick in das Vaterland zurückträumen.«

Er ließ sich am Fuße des starken Stammes nieder, dessen breitverzweigte Krone hoch über die anderen Bäume hinausragte.

Die übrigen legten sich um ihn her auf den Rasen nieder.

Der Mann, welcher ihnen in einer Entfernung von etwa dreißig Schritt gefolgt war, blieb stehen, zog ein Taschentuch hervor, fächelte sich mit demselben Kühlung zu, blickte umher, um einen bequemen Platz zu suchen, und setzte sich dann, wie einer heftigen Ermüdung nachgebend, neben ein Gebüsch, das ihn halb verdeckte, jedoch nicht hinderte, die Gruppe der Hannoveraner im Auge zu behalten.

»Ich freue mich von Herzen«, sagte der Kandidat, »daß ich Sie, meine lieben Freunde und Landsleute, in einer so ernsten, festen und treuen Stimmung gefunden habe, so durchdrungen von der Wahrheit und Heiligkeit der Sache, der Sie sich hingegeben haben, – ich werde mit um so größerer, freudiger Genugtuung und Segensgewißheit Ihnen und Ihren Gefährten am nächsten Sonntag das heilige Abendmahl in der mir vom hiesigen augsburgisch-lutherischen Konsistorium so freundlich bewilligten Kapelle reichen, – Ihr Mut und Ihr Vertrauen wird dadurch gestärkt werden.«

»Wir werden alle glücklich sein, des Gottesdienstes und des heiligen Sakraments in unserer lieben Muttersprache teilhaftig zu werden,« sagte Sturrmann, – »die Herren lutherischen und reformierten Geistlichen hier in Paris und an den anderen Orten, wo unsere Leute liegen, haben sich zwar sehr freundlich unserer angenommen, – aber es ist doch nichts Rechtes, wenn man das heilige Wort Gottes in der fremden Sprache nicht verstehen kann, – das dringt nicht zum Herzen.«

»Und Sie bedürfen doch des Trostes und der Stärkung der Religion so sehr,« sagte der Kandidat, – »denn Ihre Zukunft ist dunkel und ungewiß – Sie stehen in der Hand menschlicher Gnade und menschlichen Willens – und wenn dies auch der Wille des so vortrefflichen und frommen königlichen Herrn ist, – es ist doch immer etwas anderes, als wenn Sie in der Heimat auf dem festen Grunde der eigenen Arbeit und des eigenen Erwerbes stünden. – Wenn nun«, fuhr er fort, – »nach dem Ratschluß Gottes die Sache des Königs nicht siegreich wäre, – wenn Ihre Hoffnungen zerfallen würden, – haben Sie sich wohl klar gemacht, welcher traurigen Zukunft Sie in dem fremden Lande entgegengehen?«

»Der König wird uns nie verlassen,« sagte der alte Sturrmann fest, – »wir sind ihm in der Not und Verbannung treu geblieben als richtige und brave Soldaten, – so lange er noch etwas hat, werden wir auch nicht Mangel leiden, – und wenn er einmal nichts mehr hat, – nun, so können wir arbeiten, – und wir werden uns unser Brot verdienen, so gut wir können, und muß es sein, so werden wir noch mehr arbeiten, Tag und Nacht, – wir werden arbeiten für unsern König, und er soll keinen Mangel leiden, so lange unsere Arme noch da sind.«

»Nein,« rief Borchers laut, indem er die Hand auf die Brust legte, »der König wird uns nicht verlassen, wie wir nicht von ihm lassen, – ich war mit in Hietzing«, fuhr er fort, – »und als ich hierher ging, hat Seine Majestät Allerhöchstselbst mich rufen lassen und von mir Abschied genommen, – und da hat der König mir selbst gesagt, daß er seinen letzten Athemzug und seinen letzten Taler an seine Sache setzen würde – und daß er niemals die Getreuen verlassen werde, die in der Not und im Unglück zu ihm gestanden.«

»Fern sei es von mir«, sagte der Kandidat Behrmann, »an dem Worte Seiner Majestät auch nur einen Augenblick zu zweifeln, und es ist gewiß für Sie alle eine große Beruhigung, zu wissen, daß der König immer für Ihr Schicksal sorgen wird, – schwer und ernst aber ist doch immer ihre Zukunft, – denken Sie, – wenn nun der Kampf wirklich beginnt, in welchem der König Hannover wieder erobern kann, – es ist dann doch immer hart – wenn auch das Recht auf Ihrer Seite ist – mit Frankreich gegen Deutschland zu Felde zu ziehen.«

»Mit Frankreich gegen Deutschland, Herr Kandidat?« – rief der alte Sturrmann, – »daran denkt ja keiner von uns, – wir, Herr Kandidat«, sagte er, den grauen Schnurrbart emporstreichend, »sind alle gute Deutsche, – das steckt den Hannoveranern einmal im Blute, und was die Franzosen betrifft, – nun – daß wir uns mit denen zu schlagen verstehen, wenn sie Deutschland angreifen, das haben wir auch gezeigt – das heißt, unsere Vorfahren, – und wir würden ihnen keine Schande machen, – aber, Herr Kandidat, darum handelt es sich ja gar nicht, keiner von uns will gegen Deutschland schlagen und das würde ja auch unser König nicht tun, – wenn es jetzt wieder losgeht, so wird ja nur der Krieg von 1866 wieder angefangen, und wenn Frankreich dann Österreich und den Deutschen, die gegen Preußen fechten, beisteht, so will es ja Deutschland nichts Böses tun, und dann sehe ich wahrlich nicht ein, warum nicht heute unser Freund sein sollte, wer vor Jahren unser Feind war.«

Die beiden jungen Männer hatten die Worte des Feldwebels mit verschiedenen Zeichen der Zustimmung begleitet, der Kandidat ließ seinen scharfen Blick fast erstaunt über sie hingleiten und sprach dann mit ruhiger Stimme:

»Und Sie glauben wirklich, daß Frankreich einen Krieg führen wird, nur um die Interessen deutscher Staaten gegen Preußen zu vertreten, und daß es nach einem Siege keine Entschädigungen für die gehabte Mühe und die Kosten verlangen und nehmen wird?«

»Man sagt es uns«, erwiderte Sturrmann etwas betroffen, »und in den Zeitungen steht es auch zu lesen,« fuhr er fort, – »wie Borchers mir sagt, – denn ich selbst kann das nicht lesen; auch die Franzosen, die mit uns verkehren, sagen es uns, daß Frankreich den Deutschen gar nichts Böses will, – daß es nur helfen will, wieder in Ordnung zu bringen, was Preußen im Jahre 1866 getan hat, – nun,« rief er aufatmend, »da dürfen wir uns doch wahrlich kein Gewissen daraus machen, mit den Franzosen gemeinschaftliche Sache zu machen.« »Ich freue mich, daß Sie so gut über die Franzosen denken,« sagte der Kandidat, – »ich bin noch nicht lange genug hier, um darüber so klar urteilen zu können wie Sie, – ich lebe noch immer in dem althannöverischen Mißtrauen gegen alles, was aus Wälschland kommt, und ich habe immer so bei mir den leisen Verdacht, – daß, wenn die Franzosen siegreich sein sollten, sie bald alle schönen Versprechungen vergessen und uns wieder ein hübsches Stück aus Deutschland herausschneiden würden, – und«, fügte er seufzend hinzu, – »das wäre dann recht hart für gute hannöverische Soldaten, dazu mitgewirkt zu haben.«

Der alte Sturrmann blickte nachdenklich zu Boden.

»Was Sie da sagen, Herr Kandidat,« sprach er dann, »das ist eine ernste Sache – und ich habe noch nicht so recht gründlich darüber nachgedacht, – übrigens«, fuhr er dann wie erleichtert fort, – »sollten die Franzosen wirklich solche Hintergedanken haben, – nun – wenn sie einmal geholfen haben, unserem König sein Land wieder zu erobern, und sie wollen dann irgendetwas von Deutschland nehmen, dann können sich ja schnell alle Deutschen zusammentun und sie wieder hinauswerfen.«

Der Kandidat lächelte wie unwillkürlich bei dieser eigentümlichen politischen Auffassung das alten Feldwebels – dann sprach er ernst:

»Das würde wohl seine Schwierigkeiten haben – denn das übrige Deutschland ohne Preußen und den norddeutschen Bund würde wohl kaum imstande sein, französischen Gelüsten Einhalt zu tun, – doch«, fuhr er fort, – »Sie haben ganz recht – das sind Dinge, über die man ernster und tiefer nachdenken muß, als es jetzt möglich ist, und wir finden ja vielleicht noch Gelegenheit, darüber zu sprechen.«

»Ich mache mir darüber wenig Bedenken,« rief Borchers, – »darin vertraue ich auf den König und auf unsere Offiziere, – ich bin gewiß auch ein guter Deutscher und würde nichts gegen Deutschland tun, – aber ich bin auch gewiß, daß der König ebenso denkt, und daß unsere Offiziere uns niemals gegen eine deutsche Sache führen werden.« »Ihr Vertrauen ist gewiß vollkommen gerechtfertigt,« sagte der Kandidat, – »mir kommen alle solche Gedanken nur in meiner stillen, ruhigen Einsamkeit in dem lieben Wendlande daheim: – als Geistlicher bin ich ein Mann des Friedens, und wenn ich schon mit tiefem Schmerz zurückdenke an all den Jammer, den das Jahr 1866 gebracht hat – so wird mein Herz recht bange und traurig, wenn ich daran denke, daß nun abermals, und vielleicht in nicht ferner Zeit, Blut vergossen werden soll, und daß so viele junge Leute ihre Jugend verlieren in untätigem Aufenthalt im Auslande. – Jedenfalls bin ich erfreut, bei Ihnen allen so aufrichtigen deutschen Patriotismus gefunden zu haben, – die Zeitungen stellen Sie alle so oft als Vaterlandsverräter dar, die mit dem Feinde Deutschlands verbündet Hannover wieder erobern wollen und auf Kosten Deutschlands den Franzosen den Preis für ihre Hilfe bezahlen möchten.«

»Das ist eine Verleumdung,« rief Sturrmann, mit der Hand auf das Knie schlagend, – »traurig genug, daß wir uns nicht dagegen verteidigen können und daß vielleicht selbst gute Landsleute von uns in Hannover so etwas glauben mögen –«

»Nun, ich werde wenigstens, soweit meine Stimme reicht, das Gegenteil versichern,« sagte der Kandidat, – »darauf können Sie sich verlassen.«

Man hörte das Schnauben von Pferden und das leichte Rollen eines Wagens vom Eingang der Allee her.

Eine hochelegante Equipage fuhr langsam heran – eine Dame in leichter, blau und weißer Sommertoilette berührte mit der Spitze ihres Sonnenschirms die Schulter des Kutschers, – die Pferde standen in derselben Sekunde unbeweglich, nur leicht die schönen Köpfe schüttelnd – der Lakai sprang ab und die Dame stieg aus, indem sie den weiten Burnus von weißer algierischer Seide in den Wagen zurückwarf.

In demselben Augenblick eilte ein junger Mann von der großen Straße um die Seen her an den Wagen heran, ergriff mit fast stürmischer Bewegung die Hand, welche die Dame ihm entgegenstreckte, und drückte seine Lippen auf das zierliche Handgelenk zwischen dem Spitzengewebe des Ärmels und dem gelblichgrauen dänischen Handschuh.

Dann reichte er der Dame den Arm und beide schritten langsam in vertraulichem Gespräch den Weg entlang, ohne die an der Seite desselben unter dem etwa fünfzehn Schritte entfernten Eichbaum ruhende Gruppe zu bemerken, während der Wagen langsam folgte.

Der Kandidat erkannte den Leutnant von Wendenstein und die Dame, welche er auf der Photographie in dessen Zimmer gesehen hatte.

Seine Augen öffneten sich einen Augenblick weit, – es schien, als wolle sein Blick die kurze Entfernung völlig überwinden, in welcher sich das Paar befand, – wie unwillkürlich neigte er dann das Ohr ein wenig vor, als Herr von Wendenstein mit der jungen Frau vorüberschritt, – aber beide sprachen die Köpfe zueinander geneigt und nur leise, unverständliche Laute der flüsternden Stimmen drangen herüber.

Als die Marchesa den Wagen verließ und den jungen Mann begrüßte, hatte auch der einsam am Rande des Gebüsches gelagerte Mann den Kopf erhoben und zu den beiden hinübergeblickt.

Ein tiefes Erstaunen erschien auf seinem bisher so gleichgültigen Gesicht – er hielt wie geblendet einen Augenblick die Hand vor die Augen, als wolle er sich versichern, daß er recht gesehen, – dann flog es wie tückische Schadenfreude über seine Züge – aus seinen Augen blitzte ein Strahl von Haß und Rache und einige leise gemurmelte Worte drangen aus seinen Lippen.

Er erhob sich rasch, als wolle er dem eleganten jungen Paare folgen, – dann aber lehnte er sich wieder zurück, – warf einen raschen Blick auf die Gruppe der Hannoveraner und legte den Kopf wieder auf den Rasen.

»Ich werde sie finden,« flüsterte er vor sich hin, – »ich kenne jetzt ihre Livrée, sie wird öfter hierher kommen, es scheint ihr vortrefflich zu gehen«, fügte er mit heiserem, dämonischem Lachen hinzu, – »gut – gut, – eine solche hübsche kleine Goldquelle tut mir not – ich werde daraus zu schöpfen wissen.« »Ist das nicht der Leutnant von Wendenstein, der dort geht?« fragte der Kandidat, – »wer mag denn diese schöne Dame sein, die er führt, – doch nicht eine von jenen zweifelhaften Frauen, von denen man so viel liest und die hier in Paris ihr Wesen treiben?«

»O nein, Herr Kandidat,« rief Riechelmann, – »das ist keine solche Dame, – das ist eine wirklich vornehme Dame, – ich habe sie schon öfter fahren sehen, – das erkennt man gleich an der ganzen Art, – und dann würde auch keiner von unseren Offizieren mit einer von jenen zweifelhaften Damen öffentlich hier im Park spazieren gehen, – der Herr von Wendenstein am wenigsten, der ein so feiner und vornehmer Herr ist.«

»Wie heißt denn die Dame, – kennen Sie dieselbe?« fragte der Kandidat in gleichgültigem Tone, indem er den forschenden, stechenden Blick schnell zu Boden senkte.

»Ich weiß es nicht,« sagte Riechelmann, – »unsere Herren verkehren hier viel in den vornehmen Kreisen und sind«, fügte er mit einem gewissen Stolze hinzu, – »von allen Damen sehr gern gesehen.«

Nach einer kurzen Zeit kehrte Herr von Wendenstein mit der Marchesa auf demselben Wege zurück.

In geringer Entfernung von der Gruppe unter dem Eichbaum blieben sie stehen, – der junge Mann winkte mit der Hand zurück – der Wagen fuhr schnell heran, Herr von Wendenstein küßte abermals die Hand der Marchesa, diese stieg ein und fuhr, noch einmal zurückblickend und mit freundlichem Lächeln grüßend, rasch davon.

Der Leutnant sah ihr einige Augenblicke wie träumend nach, dann blickte er umher, als ob er jetzt erst Sinn für die Wahrnehmung der übrigen Welt gewinne, und gewahrte die Gruppe unter dem Eichbaum.

Der Feldwebel Sturrmann und die beiden jungen Soldaten standen rasch auf, nahmen die Hüte ab und blieben in militärisch gerader Haltung stehen. Langsam erhob sich auch der Kandidat und grüßte mit würdevoller Bescheidenheit den jungen Offizier.

Dieser schritt schnell über den Rasen zu seinen Landsleuten hin. »Haben Sie auch die freie Natur aufgesucht, Herr Kandidat«, sagte er, dem jungen Geistlichen die Hand reichend, – »und den Glanz der Pariser Welt gesehen? – Nicht wahr, – von all dem Treiben läßt man sich dort bei uns im stillen Hannover nichts träumen?«

»Meine lieben Freunde und Landsleute hier«, erwiderte der Kandidat, »haben mich hinausgeführt – und ich habe mich gefreut, mit ihnen einmal so recht herzlich und vertraulich sprechen zu können, wie es ja ein Geistlicher tun muß, wenn er mit segensvoller Wirksamkeit den Gemütern die Wohltaten der heiligen Religion zugänglich machen will.«

»Darf ich Sie zurückfahren?« fragte Herr von Wendenstein, – »ich habe dort neben den Seen meinen Wagen stehen, – wir können noch eine Tour über den Trocadero machen, – von diesem Platz, der einst für den Palast des Königs von Rom bestimmt war, werden Sie einen prachtvollen Überblick über dieses ungeheure Paris haben, das sich, von dort gesehen, wie ein Panorama in wunderbarer Schönheit ausbreitet.«

Sie schritten langsam dem großen Wege zu, – Sturrmann, Borchers und Riechelmann folgten in der Entfernung einiger Schritte.

Der Mann am Rande des Gebüsches hatte sich ebenfalls erhoben und ging ruhig und gleichgültig vorwärts, – so daß er an der Abrundung des Rasens nach dem Wege hin fast unmittelbar mit jenen zusammenstieß.

Er zog höflich seinen Hut und sprach mit dem Ausdruck treuherziger Freude auf seinem Gesicht:

»Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich Sie anrede, – aber ich höre hier die so lieben Töne der deutschen Sprache und kann es mir nicht versagen, Sie zu begrüßen, – im fremden Lande fühlt man sich ja ein wenig mit jedem Landsmanne verwandt.«

Der Kandidat erwiderte höflich und zuvorkommend den Gruß des Unbekannten, – Herr von Wendenstein blickte mit etwas kälterer Zurückhaltung auf denselben hin.

»Ich bin Österreicher«, fuhr dieser fort, – »und habe mich hier in Paris niedergelassen, um mein Glück zu machen, – ich habe einen kleinen Handel mit Lederwaren und mache gute Geschäfte, – wenn es den Herren vielleicht einmal gefällig ist, etwas von mir zu kaufen – und mich Ihren Bekannten zu empfehlen, – ich möchte besonders unter den vornehmen Damen Abnehmerinnen finden, – die Fürstin Metternich ist so gnädig gewesen, von mir zu kaufen, – ich führe besonders auch jene schönen, gepreßten Lederblumen, welche in Wien so sehr in der Mode sind – und welche dort besonders die so edle und so unglückliche Königin von Hannover liebt und bei den vornehmen Damen Wiens in Aufnahme gebracht hat.«

Herr von Wendenstein blickte mit etwas größerer Teilnahme auf diesen Mann hin, welcher immer den Ausdruck einfach treuherziger Gutmütigkeit auf seinem Gesicht festhielt.

»Mein Name ist Herrmann,« sagte dieser, – ich habe noch kein großes Magazin, aber ich werde ihnen eine Auswahl meiner Sachen bringen, wenn Sie befehlen, – jene schöne vornehme Dame, mit welcher ich den Herrn da soeben sprechen sah, wird sich gewiß dafür interessieren, – sie ist gewiß auch eine Deutsche, und ich hoffe, sie wird gern einem Landsmanne förderlich sein.«

»Jene Dame ist keine Deutsche«, sagte Herr von Wendenstein, – »aber sie wird Ihnen vielleicht gern behilflich sein, – sie verehrt die Königin von Hannover und wenn Ihre Majestät sich für Ihre Artikel interessiert –«

»Ich habe selbst«, fiel der Fremde ein, – »Ihre Majestät bedient, – in dem Geschäft, in welchem ich in Wien war, bevor ich mich hier etablierte, um mein eigenes Glück zu probieren, – und wenn Sie mich dort empfehlen wollen –«

»Gehen Sie in einigen Tagen«, sagte Herr von Wendenstein nach einem kurzen Besinnen, – »zur Frau Marchesa Pallanzoni, im Eckhause des Boulevard Malesherbes, der Kirche St. Augustin gegenüber – und bringen Sie einige hübsche Sachen mit, – ich werde bis dahin die Dame in der Gesellschaft getroffen haben und Sie empfehlen. – Ich bin Hannoveraner«, sagte er freundlich lächelnd, – »und wenn Sie meine unglückliche Königin bedient haben, so muß ich Ihnen wohl gefällig sein.« »Ich danke Ihnen, – ich danke Ihnen, mein Herr,« rief der Fremde, – »Österreicher und Hannoveraner sind ja treue Verbündete, – und Gott gebe, daß es Österreich vergönnt sei, Ihnen noch einmal wieder zu Ihrem Rechte zu verhelfen.«

Sie waren an dem Ausgang zur großen Allee angekommen. Eine offene einspännige Viktoria fuhr heran, – Herr von Wendenstein grüßte den Fremden, der sich tief verbeugte, höflich und stieg mit dem Kandidaten ein. Die hannöverischen Soldaten stellten sich militärisch auf, der Wagen fuhr rasch davon.

»Was mir der Herr Kandidat da gesagt hat von dem Kampf gegen Deutschland, geht mir doch etwas im Kopfe herum,« sprach der alte Sturrmann, indem er mit den beiden jungen Leuten langsam der Avenue de l'Imperatrice zuschritt, – »das muß ich einmal ernstlich durchdenken und mit den Herren Offizieren durchsprechen.«

»Ich mache mir darüber keine Sorgen,« sagte Riechelmann, – »solche Dinge sind Sache unserer Kommandeurs und des Königs, – der König wird schon das rechte tun, – und wohin der uns führt, marschiere ich.«

»Ihr seid junge Leute,« erwiderte der Feldwebel, – »ihr denkt noch nicht viel nach, – aber wenn man so erst fünfzig Jahre, und in Ehren – auf dem Rücken hat, – dann fängt man doch ein wenig an zu fragen, wofür man denn seine alten Glieder einsetzt.«

In sinnendem Schweigen schritt er weiter.

Der Österreicher Herrman, – wie sich der Fremde dem Herrn von Wendenstein gegenüber genannt hatte, blieb einige Augenblicke stehen und sah dem davonfahrenden Wagen des jungen Offiziers nach.

Der gutmütig gleichgültige Ausdruck war von seinem Gesicht verschwunden, – boshafte Freude blitzte aus seinen Augen.

»Also Marchesa Pallanzoni heißt sie jetzt, – meine vortreffliche Antonie, – sagte er mit hämischem Lachen, – »sie ist hinaufgestiegen auf der Rangstufenleiter und die Netze dieser Marchesa müssen jedenfalls noch reichere Fischzüge machen, als die Angeln der Frau Balzer es einst taten. – Wir werden ein wenig teilen, meine vortreffliche Gattin,« sagte er leise vor sich hin, – »ich halte dich jetzt in meiner Hand, denn die Waffen, die du gegen mich gebrauchen kannst, sind nicht so scharf als diejenigen, mit welchen ich deine schimmernde Existenz vernichten kann. – Und dieser Herr Graf Rivero, der damals die Rolle der Vorsehung übernahm, – nun – ich habe hier Dienste genug geleistet, daß man mich wohl gegen ihn zu schützen wissen wird.«

Er drückte seinen Hut noch tiefer in die Augen und ging ruhig und gleichmäßig durch die dichten Menschenreihen nach der Stadt hin, ohne einen Blick auf die glänzenden Equipagen zu werfen, welche nun, da die Stunde des Diners herannahte, in raschestem Trabe aus dem Bois de Boulogne zurückfuhren.


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