Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Elftes Kapitel

Gedankenvoll über seinen Schreibtisch gelehnt, saß der Kaiser Franz Joseph in seinem hellen Kabinett in der Hofburg zu Wien. Tiefer Ernst hatte sich in den letzten Jahren auf die Züge des Kaisers gelegt und fast ganz war von denselben die jugendliche Heiterkeit und Lebenslust verschwunden, welche einst seiner Erscheinung einen so anmutigen Reiz verlieh.

Dafür war der Ausdruck männlicher Kraft und Würde hervorgetreten und man konnte auf der Stirn des so gewissenhaft an der Erfüllung seiner Pflichten arbeitenden Herrschers die Schrift lesen, welche die Sorgen um das mit schweren Schicksalen ringende Österreich darauf gegraben hatten. Ernster aber und trüber noch als sonst blickte der Kaiser heute vor sich hin, und der grau herabhängende Regenhimmel, der durch die Fenster seines Kabinetts hereinsah, vervollständigte das trübe Bild, das der einsam in seinem Zimmer grübelnde Monarch darbot.

Vor dem Kaiser auf dem Tisch lag eine aus mehreren Bogen bestehende Denkschrift, Zahlenreihen und Berechnungen enthaltend, welche der Kaiser, die Blätter vor- und rückwärts schlagend, immer wieder überlas, indem er mit einem Bleistift, den er in der Hand hielt, die Linien verfolgte und zuweilen an dem einen oder anderen Punkte ein kleines Zeichen machte.

Endlich schob er das Papier zurück, legte den Crayon auf den Tisch und stützte den Kopf traurig in die Hand.

»Es ist kein Zweifel mehr,« sagte er mit trüber Stimme, »alles ist verloren. Diese so glänzenden Gebäude finanzieller Spekulation brechen rettungslos zusammen und durch keine Kombination läßt sich die enorme Summe retten, welche ich aus dem Thurn- und Taxisschen Vermögen in die Langrandschen Unternehmungen zu verwenden erlaubt habe.

»– Welch' eine entsetzliche Verantwortung trifft mich, – ich bin es meiner Ehre schuldig, mein Mündel gegen den Verlust eines so großen Teils seines Vermögens zu schützen aber wahrlich, meine eigene Vermögenslage ist nicht so glänzend, daß ich ohne schwere Opfer an den Ersatz der ungeheuren Summe von neun Millionen Franken denken kann, welche in jenen Abgrund versunken sind. – Wie verfolgt mich die Hand des unheilvollen Schicksals, welche so schwer auf Österreich ruht, bis in meine eigensten und persönlichsten Verhältnisse hinein! – Ich glaubte so richtig zu handeln, ich glaubte dem Taxisschen Vermögen so große Vorteile unter so vollkommener Sicherheit zuzuwenden, alles war so scheinbar fest aus Hypotheken basiert, – mein Finanzminister, der Reichskanzler – die Direktoren der Anglobank waren so fest überzeugt von der vorteilhaften Geldanlage, und nun – – alles verloren – und – ich – ich – der Kaiser – dastehend als ein leichtsinniger Vormund, als ein schlechter Verwalter des mir anvertrauten Besitzes eines jungen deutschen Fürsten! – Und das ohne Schuld mit dem Bewußtsein, meine Pflicht gewissenhaft erfüllt zu haben.«

Er sprang auf und trat an das Fenster, trübe und schmerzvoll hinausblickend zu dem grau überwölbten Himmel, der seine Nebelschleier über die Dächer von Wien herabsenkte.

»Das Unglück ruht auf mir«, sprach er dumpf und finster, »und was meine Hand berührt, wird mit von dem bösen Schicksal getroffen, das mich verfolgt.«

Lange stand er schweigend, den Kopf auf die Brust herabgesenkt, und immer finsterer, immer verzweifelter wurde der Ausdruck seines Gesichtes.

Ein leises Klopfen ertönte an der inneren Türe des Kabinetts.

»Der Staatsrat Klindworth ist da«, meldete der Kammerdiener, »und fragt, ob Eure Kaiserliche Majestät die Gnade haben wollen, ihn zu empfangen.«

Ein leichter Schimmer von Zufriedenheit flog über des Kaisers trauriges Gesicht.

»Lassen Sie ihn eintreten«, rief er schnell. – »Er kommt von Paris und wird mir neues bringen – er ist der einzige, der vielleicht einen Ausweg finden möchte auch aus dieser Verlegenheit«, sprach er leise, einen Blick auf das Memoire werfend, das auf seinem Tisch lag.

Nach einigen Augenblicken trat der Staatsrat Klindworth ein.

Seine Erscheinung war unverändert. Derselbe weite Rock, den kurzen Hals in hohem Kragen verhüllend, dasselbe charaktervoll häßliche Gesicht mit dem demütigen lauernden Ausdruck und mit den scharfen, stechend aufblitzenden Augen.

Der Staatsrat trat einige Schritte in das Zimmer, verneigte sich tief gegen den Kaiser, der ihn mit einer stolzen Neigung des Kopfes begrüßte, und blieb, die Hände unter der Brust gefaltet, die Augen niedergeschlagen, stehen, – schweigend die Anrede des Monarchen erwartend.

»Sie kommen von Paris,« fragte der Kaiser, »was haben Sie dort gesehen und gehört, ist man wirklich so carrément zum unverbrüchlichen Frieden entschlossen, wie der Herzog von Gramont hier versichert?«

»Wenn der Herzog diese Versicherung hier ausspricht«, erwiderte der Staatsrat, »so handelt er vollständig seinen Instruktionen gemäß, denn ich kann Euer Majestät versichern, daß er aus dem auswärtigen Ministerium die bestimmtesten Weisungen erhält, die friedlichen Gesinnungen der französischen Regierung auf das Entschiedenste und Bestimmteste zu betonen.«

Der Blick des Kaisers ruhte einen Augenblick forschend auf der in sich zusammengesunkenen Gestalt des Staatsrats.

Sie sprechen heute so ausschließlich von den Weisungen des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten – ist es nicht mehr der Kaiser Napoleon, welcher persönlich die Politik Frankreichs vorbereitet und leitet? – Ist das konstitutionelle Regiment in Frankreich eine Wahrheit geworden?«

»Es scheint so, Kaiserliche Majestät«, sagte der Staatsrat, blitzschnell das gesenkte Auge aufschlagend, »und der Kaiser Napoleon will es so scheinen lassen – deswegen habe ich mir erlaubt, ein wenig auf meinen eigenen Wegen nachzuspüren, was denn da unter jener glatten, friedlich unbewegten Oberfläche auf dem Grunde eigentlich getrieben werde – Eure Kaiserliche Majestät wissen,« fuhr er mit einem breiten Lächeln seines großen Mundes fort, »daß der alte Klindworth kein Mann der Oberfläche ist, sondern es liebt, mit einiger Geschicklichkeit und Erfahrung in die klippenvollen Abgründe des Meeres der Politik hinabzutauchen und daß es ihm zuweilen gelingt, aus den nur im tiefen Grunde sich öffnenden Muscheln eine geheimnisvolle Perle herauszubringen.«

Der Kaiser ließ lächelnd seinen Blick über die mit diesem Bilde so wenig harmonierende Gestalt des Staatsrats gleiten.

»Und ist es Ihnen auch diesmal gelungen,« fragte er, »eine Perle aus den geheimnisvollen Tiefen ans Licht zu heben?«

»Eine sehr kostbare Perle, Kaiserliche Majestät,« erwiderte der Staatsrat, leicht mit den Fingern der Rechten auf der Oberfläche seiner linken Hand trommelnd – »eine Perle, welche vielleicht die Zauberkraft besitzen möchte, den getrübten Glanz der Kaiserkrone Österreichs in alter Herrlichkeit wieder herzustellen.«

»Freilich ist der Glanz der Krone von Habsburg trübe geworden«, sagte der Kaiser, die Lippen zusammenpressend, »und es will allen Versuchen meiner Staatskünstler nicht gelingen, ihn wieder herzustellen. – Was sagt der Kaiser Napoleon zu Herrn von Beust,« fragte er rasch, indem er einen Schritt näher zu dem Staatsrat hintrat, – »zu Herrn von Beust, den er mir einst so dringend als den geschicktesten Arzt für das kranke Österreich empfohlen hat?«

»Der Kaiser Napoleon ist mit Herrn von Beust sehr unzufrieden, Kaiserliche Majestät«, erwiderte der Staatsrat, das Auge aufschlagend und den fragenden Blick des Kaisers gerade erwidernd.

»Er hat sich also getäuscht?« rief der Kaiser lebhaft.

»Er hat sich getäuscht,« erwiderte der Staatsrat ruhig, »weil er erwartete, daß Herr von Beust ein Werkzeug der französischen Politik sein würde – und er ist unzufrieden, weil Eure Majestät Reichskanzler österreichische Politik macht.«

»Wie das?« fragte der Kaiser betroffen.

»Der Kaiser Napoleon hat für den Schaden, welchen Frankreich durch die Erfolge Preußens erlitten, Revanche zu nehmen, er muß den Nimbus seiner Herrschaft wieder herstellen und deshalb hat er zu verschiedenen Malen die Allianz Österreichs gesucht, um eine erfolgreiche Aktion einleiten zu können. – Herr von Beust ist dieser Allianz vorsichtig ausgewichen und dadurch hat er der Zukunft Österreichs unendlich genützt«, erwiderte der Staatsrat.

»Ich habe eine tiefe persönliche Abneigung gegen jedes Bündnis mit Frankreich,« sagte der Kaiser, den sinnenden Blick zu Boden richtend, – »aber ist es denn möglich«, fuhr er fort, »daß Österreich sich wieder erheben kann zur alten Macht und zum alten Glanz – zur Wiedergewinnung seiner althistorischen Stellung in Deutschland ohne festes Bündnis mit einer der großen Militärmächte Europas? – Sind wir nicht in dieser Beziehung auf Frankreich angewiesen – da Rußland«, fügte er seufzend hinzu, – »uns wohl für immer entfremdet ist und seine Trennung von den preußischen Interessen nach meiner Überzeugung zu jenen theoretischen Hypothesen gehört, durch welche man Österreich jetzt zu heilen und zu kräftigen versucht?«

»Die Wiedergewinnung alles dessen, was Österreich verloren hat,« erwiderte der Staatsrat, »ist allerdings, wie Eure Kaiserliche Majestät zu bemerken die Gnade haben, für Österreich allein schwer – vielleicht unmöglich – es gehört dazu eine Kooperation verschiedener Kräfte gegen den gemeinsamen, so übermütig gewordenen Gegner.

»Warum aber, Kaiserliche Majestät«, fuhr er listig lächelnd fort, indem er von unter herauf zum Kaiser hinüberblickte, – »warum soll diese Kooperation gerade durch Allianzen bedingt werden? – Allianzen«, sagte er achselzuckend, »binden – und man muß in großen politischen Aktionen an nichts gebunden sein –«

»Aber Metternich hat die heilige Allianz geschlossen und gepflegt«, warf Franz Joseph ein.

»Metternich«, erwiderte Klindworth rasch, »war durch seinen Geist, durch seine hohe Überlegenheit der Herr und Gebieter jener Allianz – die andern waren gebunden, – er war frei – übrigens war die heilige Allianz nicht eine Allianz der Aktion, sondern der Ruhe.«

Der Kaiser setzte sich auf den Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch – Klindworth trat vor und blieb auf der anderen Seite des Schreibtisches stehen.

»Sprechen Sie weiter,« sagte der Kaiser, – »ich bin begierig, die vollständige Entwicklung Ihrer Ansichten zu hören.«

»Ich hatte mir untertänigst erlaubt,« sprach der Staatsrat, – »Eurer Kaiserlichen Majestät meine Ansicht auszusprechen, daß Allianzen binden und dadurch hemmen, – außerdem rufen sie Gegenallianzen hervor, – und endlich zwingen sie, an den Unglücksfällen des Alliierten teilzunehmen. Man muß aber in der Politik sich niemals von fremden Unglücksfällen abhängig machen, – man hat an den eigenen schon genug zu tragen – oder zu verbessern.«

»– Aber wie wollen Sie denn,« – fragte der Kaiser, erstaunt den Staatsrat anblickend, – »wie wollen Sie –«

»Kaiserliche Majestät,« fiel Klindworth ein, – »damit komme ich auf jene Perle, welche ich aus den labyrinthischen Abgründen der Pariser Politik erhoben habe, – sie wird die Zauberkraft haben, Österreich die Bahn zur Wiedererlangung des Verlorenen zu eröffnen –«

Der Kaiser blickte immer noch verwundert und erwartungsvoll in das ruhig und selbstgewiß lächelnde Gesicht des Staatsrats, – er begriff nicht, wohin derselbe wollte, – aber er war überzeugt, daß eine ernste Sache auf dem Grunde seiner allegorischen Bemerkungen sich befinden würde.

»Wissen ist Macht«, sagte Klindworth, – »und ich bringe Eurer Majestät Macht, da ich weiß, was die Zukunft und vielleicht eine nahe Zukunft in ihrem Schoße trägt.«

»Nun?« fragte der Kaiser ungeduldig.

»Napoleon«, sprach der Staatsrat, indem er sich ein wenig über den Schreibtisch vorbeugte, »wird im Herbst gegen Preußen den Krieg beginnen.«

Franz Joseph fuhr auf.

»Sind Sie dessen gewiß?« rief er lebhaft, – »ich kann es kaum glauben, – er hat mir selbst in Salzburg und in Paris gesagt, daß er keine Aktion beginnen könne, ohne eine feste Allianz mit Österreich und Italien – diese Allianz ist nicht geschlossen«, fügte er leiser hinzu – »Und deshalb hat sich der Kaiser,« fuhr Klindworth fort, – »der durch die inneren Zustände mit einer zwingenden Notwendigkeit zum Handeln gedrängt wird, entschließen müssen, eine andere Kombination zu suchen, welche ihm den Feldzug politisch möglich macht, zu dem die militärischen Vorbereitungen vollendet sind, – und auf dessen Beginn der Marschall Niel drängt.«

»Eine andere Kombination?« fragte der Kaiser, – »sollte er es wagen, eine Aktion gegen Deutschland zu beginnen, ohne Italiens sicher zu sein? – und das jetzige Italien wird sehr bereit sein, seine Beschäftigung nach anderer Seite zu benützen –«

»Deshalb wird er Italien im Schach halten lassen durch eine andere sehr katholische Macht, welche ein großes Interesse an der Erhaltung der Integrität des päpstlichen Stuhles hat, – schon aus Dankbarkeit für die Tugendrose –«

»Spanien?« rief der Kaiser, – wäre das möglich.«

»Der Vertrag ist so gut wie geschlossen, Kaiserliche Majestät«, – erwiderte Klindworth – »Allerhöchstdieselben wissen, daß ich mich noch niemals in meinen Renseignements getäuscht habe, – die spanischen Truppen werden in folge dieses Vertrages die französische Besatzung in Rom ablösen und dem Kaiser freie Hand schaffen –«

»Und Italien sollte diese Stellvertretung akzeptieren?« fragte der Kaiser.

»Nein, Kaiserliche Majestät,« erwiderte der Staatsrat, – »es wird sie zurückweisen, dadurch wird der Krieg entstehen, der im ungünstigsten Falle die Kraft Italiens absorbieren, – bei günstiger Wendung aber dies ganze neuitalienische Königreich auflösen und Neapel wiederherstellen wird.«

»Und wenn dieses Werk Cavours zerfällt«, – rief der Kaiser, – »so würde –«

Er vollendete nicht.

– »So würde«, sprach der Staatsrat ruhig, »Österreich Venetien und die Lombardei wieder nehmen können – doch«, fuhr er fort, »dies ist nur ein untergeordneter Gesichtspunkt, – erlauben mir Eure Kaiserliche Majestät, meine Ideen über die Chancen, welche die erwähnte Kombination Österreich bietet, ausführlich zu entwickeln.

Der Kaiser lehnte die Arme auf den Tisch und hing mit vorgebeugtem Haupt erwartungsvoll an den Lippen des Staatsrats.

»Wenn«, sprach dieser weiter, – »Frankreich den Krieg gegen Deutschland beginnt und Italien mit Spanien engagiert ist, – so ist Österreich in der unendlich günstigen Lage, ohne Engagements, ohne bindende Verpflichtungen den Augenblick wählen zu können, um seinerseits selbständig und ganz ausschließlich nur in seinem eigensten Interesse in die Aktion eingreifen zu können, – Denken sich Eure Majestät,« fuhr er fort, – »daß in den ersten Zusammenstößen die französischen Truppen Sieger bleiben, – oder daß nur der Erfolg mit wechselndem Glücke vollkommen unentschieden bliebe, – welch' ein glücklicher Augenblick würde dann für Österreich eintreten, um ohne scheinbar feindliche Absicht – ohne Verletzung eines Vertrages, ohne casus belli – lediglich im Interesse des europäischen Friedens seine Vermittlung eintreten zu lassen, um dieser Vermittelung durch Vorschiebung einer Armee militärischen Nachdruck zu geben! – Glauben Eure Majestät,« sagte er, die Augen voll aufschlagend und mit seinen scharfen stechenden Blicken den Kaiser fixierend, – »glauben Eure Majestät, daß dann die Gelegenheit gekommen wäre, um – sei es durch freiwilliges Zugeständnis, – sei es durch die Gewalt der Waffen, alles wieder zu gewinnen, was Österreich in Italien – und in Deutschland verloren?«

Die Augen des Kaisers sprühten Flammen.

»Sie öffnen vor meinem Blick eine strahlende Zukunft,« rief er, – »doch,« sprach er dann, indem ein trüber Schleier sich über sein Gesicht breitete, – »Sie rechnen ohne Rußland, das schweigend und drohend neben Preußen steht und seine Hand lähmend auf jeden Aufschwung Österreichs legen wird.«

»Rußland ist zu keiner militärischen Aktion ernstlich vorbereitet und – die Pläne des Kaisers Napoleon werden im tiefsten Geheimnis gehalten, – man kennt dieselben weder in Berlin noch in Petersburg – und Eure Majestät wissen, wie langsam sich militärische Vorbereitungen in Rußland vollziehen. Wenn also Österreich rechtzeitig vollkommen gerüstet ist, so wird die Haltung Rußlands ihm kein ernstes Hindernis bereiten.«

Der Kaiser schwieg einen Augenblick.

»Wenn aber«, sagte er dann, »die französischen Waffen nicht siegreich sind, – wenn die preußische Taktik abermals den Erfolg erringt – wie bei Königgrätz« – – er seufzte tief.

»Denken Eure Majestät sich den schlimmsten Fall, – das ist immer gut in politischen Kombinationen,« sagte der Staatsrat, – »denken Eure Majestät sich, daß Preußen vollständig siegreich bleibt, daß es im ersten Anlauf Erfolg auf Erfolg erringt, – dann – dann gerade kann Napoleon seine Taktik, schnell Frieden zu schließen, nicht anwenden, – eine Taktik, die er bei Villafranca so sehr zum Schaden Österreichs anwendete –«

Der Kaiser senkte den Kopf.

»Dann«, fuhr der Staatsrat fort, – »muß er den Krieg bis auf das äußerste treiben, wenn er seiner Dynastie nicht das Todesurteil sprechen will, – dann muß er ganz Frankreich zu den Waffen rufen, – und die preußischen Armeen werden im feindlichen Lande noch harte Arbeit finden. – Dann aber – wenn die ganze preußische Kraft in Frankreich engagiert ist, – und nicht rückwärts kann, ohne sich in den Untergang zu stürzen, – wenn Preußen nicht Frieden schließen kann, ohne in schimpflicher Weise die Früchte der ersten Siege preiszugeben, – dann, Kaiserliche Majestät – ist der Augenblick für die österreichische Intervention vielleicht noch günstiger, – und so wird in diesem besonderen Falle der Sieg wie die Niederlage Preußens immer das Glück Österreichs sein.«

Er faltete die Hände über der Brust, während seine Fingerspitzen in rascher Bewegung zitterten.

Der Kaiser stand auf und ging mit großen Schritten einigemal im Zimmer auf und nieder, während die scharfen Blicke des Staatsrats seinen Bewegungen folgten.

»Sie haben recht,« sagte Franz Joseph endlich, wieder vor seinem Tisch, dem Staatsrat gegenüber stehen bleibend, – »eine solche Kombination bringt uns mehr Chancen als eine Allianz – und ohne Gefahr, – aber,« fuhr er dann fort, – »Sie haben selbst als Bedingung aufgestellt, daß Österreich vollständig gerüstet sein müsse, um schnell handeln und die drohende Haltung Rußlands unbeachtet lassen zu können, – wie aber«, sagte er seufzend, »sollen wir gerüstet sein?« –

»Militärisch«, sprach er nachdenkend, »wäre es schon möglich, wenn auch nicht alles vollendet ist, was angebahnt und vorbereitet ist, – marsch- und schlagfertig wird meine Armee immer sein, – aber das Geld – das Geld, – jenes Arkanum Montecuculis – woher das nehmen? Die Kassen sind auf das äußerste beschränkt, die Hilfsquellen erschöpft, – es ist unmöglich, in einer Sache, in welcher das Geheimnis die Bedingung des Erfolges ist, den Kammern zu sagen, daß man Geld brauche, um eine bewaffnete Intervention vorzubereiten, – und selbst, wenn man es sagte, – wenn man es sagen könnte, – es würde keine Bewilligung zu erreichen sein, denn – Sie wissen es, die öffentliche Meinung ist gegen alle Kriege – vor allem gegen einen Krieg mit Preußen, – die Niederlage von 1866 hat die Abstention und Resignation Österreichs zum Axiom gemacht! –

»Das Geld,« sagte er traurig in seinen Stuhl niedersinkend, – »das ist das ewige Hemmnis, – und gerade jetzt werde ich lebhafter daran erinnert – jetzt, wo diese Kalamität über mich selbst hereinbricht –«

Sein Blick fiel auf das Memoire mit den Berechnungen, mit welchem er sich vorher beschäftigt hatte.

»Lesen Sie,« – sagte er, wie der in ihm aufsteigenden neuen Gedankenreihe folgend, indem er das Heft dem Staatsrat hinüberreichte, – »lesen Sie, – auch Sie waren voll Vertrauen zu den Unternehmungen Langrands, als man mir riet, das Vermögen des Fürsten Taxis in dieselben zu engagieren.«

Der Staatsrat nahm das Memoire, durchblätterte es flüchtig und legte es dann ehrerbietig wieder auf den Tisch.

Ruhig erwiderte er den trüben und gespannten Blick des Kaisers.

»Der Graf Langrand ist nicht zu halten, Kaiserliche Majestät,« sprach er, – »seine Unternehmungen brechen rettungslos zusammen und die darin engagierten Kapitalien sind verloren.«

»Leider, – leider«, sagte der Kaiser in dumpfem Ton.

»Es ist ein harter Schlag für Eure Kaiserliche Majestät,« fuhr der Staatsrat fort, – »aber – ich habe von dem großen Staatskanzler gelernt, daß die wichtigste Aufgabe im Leben nicht die ist, keinen Fehler zu machen, – sondern die gemachten Fehler richtig zu verbessern.«

»– Und halten Sie diesen Fehler für verbesserlich?« fragte der Kaiser.

»Eure Kaiserliche Majestät«, sagte der Staatsrat, »sind von der Finanzlage Österreichs und von den Hindernissen, welche dieselbe einer österreichischen Aktion entgegenstellt, auf diese unglücklichen Verluste an den Langrandschen Unternehmungen gekommen, – erlauben mir Allerhöchstdieselben, den gleichen Schritt in umgekehrter Richtung zu tun, – und von diesem merkwürdigen Finanzgenie auf Österreich und seine Aktion zurückzukommen.

»Graf Langrand«, fuhr er fort, – »ist unglücklich gewesen, – das ist auch den größten Männern widerfahren, – aber er hat sein Unglück nicht verdient, – und das können nicht alle gestürzten Größen von sich sagen, – er hatte gesunde und fruchtbare Gedanken, – er wollte auf den Kredit den Grundbesitz und auf den Grundbesitz wieder den Kredit basieren, – er ist einer Koalition erlegen, – aber seine Gedanken bleiben nichtsdestoweniger gesund und richtig, und durch einen seiner eigenen schöpferischen Gedanken, an denen er so reich war, möchte ich Eurer Majestät raten, – nicht nur das Allerhöchst Sie persönlich betreffende Unglück zu verbessern, sondern auch die Mittel zu der politischen Aktionsfähigkeit Österreichs zu schaffen.«

»Sprechen Sie!« rief der Kaiser lebhaft.

»Kaiserliche Majestät,« sprach Klindworth in ruhigem Tone weiter, »der Graf Langrand hatte eine der vortrefflichsten Ideen gefaßt, denen ich in meinem politischen Leben jemals begegnet bin,– die Idee nämlich, den ungeheuer überlegenen materiellen Machtmitteln, über welche der Liberalismus an der Börse, in der Presse, in Handel und Verkehr gebietet, eine gleiche,– und womöglich noch überlegenere Macht im Dienste der konservativen Interessen und der Legitimität entgegenzustellen.

»Wie wäre das möglich?« fragte der Kaiser, – »die Welt des Geldes gehört dem Liberalismus – fast der Revolution, – und uns bleibt nichts als der oft recht leere und wesenlose Nimbus der Autorität.«

»Dies Verhältnis, Kaiserliche Majestät, wollte eben der Graf Langrand umkehren,« sagte Klindworth, »und ich möchte mir untertänigst erlauben, Eurer Majestät mit Langrands eigenen Worten die Richtigkeit seiner Gedanken und Pläne nachzuweisen.«

Er zog ein Papier aus der Tasche seines weiten, hoch zugeknöpften braunen Rocks.

»Was haben Sie da?« fragte der Kaiser.

»Ein Memoire des unglücklichen Grafen Langrand,« antwortete Klindworth, »und ich möchte mir erlauben, Eurer Majestät einige Stellen aus demselben vorzulesen.«

»Ich höre«, – sagte Franz Joseph.

Der Staatsrat Klindworth hob das Papier bis dicht in die Nähe seiner Augen, und den Kopf darauf niederbeugend, las er mit scharfer Betonung:

»Die Rührigkeit und Energie der Gegner der konservativen Prinzipien, welche sich sowohl auf dem Felde der politischen als der materiellen Interessen kundgibt, hätte die berufenen Vertreter dieser Prinzipien wohl schon längst zur wirksamen Gegenwehr auf beiden Feldern anspornen sollen. – Leider geschah dies bisher nur auf dem politischen Felde, während das der materiellen Interessen von den Vertretern der Legitimität und der konservativen Bestrebungen so sehr vernachlässigt wurde, daß sie dasselbe nicht nur ganz der eigenen Ausbeute entzogen ließen, sondern geradezu die Gegenbestrebungen mit dem eigenen Gelde unterstützten, insofern ihre Kapitalien zumeist gegen unverhältnismäßig geringe Verzinsung in den Händen ihrer Widersacher sich befanden. In der Tat, seit den Tagen der französischen Revolution bis auf die Tage von Königgrätz wurden dem konservativen Elemente wesentlich durch diese seine eigenen Mittel die schwersten Wunden geschlagen!

»Näher aber als je,« – fuhr der Staatsrat, ohne aufzublicken, aber mit erhobener Stimme in seiner Lektüre fort, – »näher aber als je tritt gerade heute, wo großenteils infolgedessen jene Elemente politisch auf die Defensive beschränkt sind, die Frage an dieselben heran, – ob nicht endlich sie sich des materiellen Feldes zu bemächtigen trachten sollen, von wo aus sich ihnen die wirksamsten Wege eröffnen werden, um so bald als möglich in eine heilvolle Offensive überzugehen.«

Er hielt inne und blickte forschend auf den Kaiser.

Dieser hatte mit immer steigender Aufmerksamkeit zugehört.

»Wahr – wahr!« rief er laut, mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel schlagend, – »wahr – tausendmal wahr, – ich habe das oft gedacht, – aber es ist mir noch nie so klar geworden als durch die wenigen Worte, die Sie mir soeben vorgelesen. – Aber«, fuhr er fort, – »wie will Langrand diesen Fehler, der schon so lange begangen wurde, verbessern?«

Klindworth blickte in sein Papier und las weiter:

»Die Vereinigung der konservativen Kapitalien unter ein Banner ist heutigen Tages eine ebenso gute politische Maßregel, als sie eine ökonomisch unvergleichlich richtige ist –«

Er faltete das Papier leicht zusammen und sprach, den Blick auf das lebhaft erregte Antlitz des Kaisers gerichtet:

»Langrand entwickelt nun den Plan einer zu errichtenden Bank aus den Kapitalien der konservativen Elemente. – Diese Bank soll ihre Geschäfte basieren auf Hypothekardarlehen gegen Ausgabe von Pfandbriefen, auf Kapitalsbeschaffung zu Eisenbahnunternehmungen, welche eine fünfprozentige Staatsgarantie haben und bei denen der Bau bereits gesichert ist, auf Belehnung gegen Depot.« –

Er hatte die einzelnen Punkte jedesmal durch ein kurzes Stillschweigen hervorgehoben, indem er mit dem Zeigefinger der rechten Hand je einen Finger der linken berührte.

»Der Gedanke ist vortrefflich,« rief der Kaiser, »aber wo sollen so große Kapitalien herkommen, um dem ungeheuren Übergewicht entgegenzutreten, das die Gegner bereits auf dem materiellen Gebiete errungen haben?«

»Kaiserliche Majestät,« erwiderte Klindworth, »gerade die neueste Zeit hat einer großen Anzahl von Vertretern bedeutenden Kapitalbesitzes das früher verkannte Interesse an der Ausführung des Langrandschen Projektes ganz besonders nahegelegt – ich meine die depossedierten Fürsten in Italien und Deutschland.«

Der Kaiser berührte die Stirn mit der Hand.

»In der Tat,« rief er, – »sie vor allem sollten die Worte Langrands beherzigen.«

»Der Vermögensausweis des Herzogs von Modena«, fuhr Klindworth fort, »zeigt allein einen Besitz von neunundachtzig Millionen Gulden, – dazu kommen die Vermögen des Herzogs von Nassau, – des Kurfürsten von Hessen, des Großherzogs von Toskana, des Königs von Neapel, – des Grafen Chambord, – der, wenn auch von seiner persönlichen Restauration für jetzt nicht die Rede ist, an dem Schicksal seiner Vettern aus dem Hause Bourbon ein großes Interesse haben sollte, – endlich des Königs von Hannover, – denken Eure Majestät, welch eine ungeheure Kapitalmacht dadurch gebildet werden könnte! – Nach den aufgestellten Berechnungen würde es sich um ungefähr dreihundert Millionen Gulden handeln –«

Der Kaiser nickte schweigend mit dem Kopf, in tiefem Nachdenken schien er den Ideen zu folgen, welche der Staatsrat vor ihm entwickelte.

»Die Herren würden vor allem«, sagte dieser, – »ein vortreffliches Geschäft machen. Sie ziehen in diesem Augenblick aus ihren Kapitalien meist nur drei Prozent – oft noch weniger – namentlich von den großen Summen, welche zu ein und ein halb Prozent im Depot der englischen Bank liegen, – unerhört in der heutigen Zeit, – sie würden durch eine mit ihren vereinten Kräften gebildete Bank ihre Revenüen um das Sechs- bis Zehnfache vermehren, – sie würden sodann aber auf allen Gebieten des ökonomischen Lebens einen ungemein mächtigen Einfluß gewinnen, ganz insbesondere durch den Bau der Eisenbahnen –« »Und glauben Sie, daß die Herren geneigt wären, auf diese Ideen einzugehen?« fragte der Kaiser.

»Wenn sie ein Verständnis für ihren Vorteil und für ihre Sache und ihre Prinzipien haben, so kann daran kein Zweifel bestehen,« – erwiderte Klindworth, – »der Herzog von Modena, bei welchem Graf Langrand bereits den Gedanken angeregt, hatte denselben mit großem Verständnis ergriffen – Baron Beke, Eurer Majestät Reichsfinanzminister, hat die große Bedeutung der Sache ebenfalls vollkommen erfaßt, – besonders auch ihre Bedeutung für Österreich – denn wenn ein Teil der enormen Summen, von denen ich soeben die Ehre hatte, Eurer Kaiserlichen Majestät zu sprechen in österreichische garantierte Eisenbahnobligationen verwandelt würde, so könnte auf diesem Wege ein ungewöhnlich rascher und nicht gewohnheitsmäßig kostspieliger Ausbau des österreichischen Eisenbahnnetzes erreicht werden, ohne daß man von der Börse abhängig wäre, – und der so mächtige Faktor des öffentlichen Verkehrslebens würde von hochkonservativem Einfluß abhängig gemacht. Eure Majestät erkennen leicht die ungeheure Bedeutung dieses Umstandes, – Eure Majestät wissen auch, daß die innere nationalökonomische Entwicklung und Erstarkung Österreichs von dem schnellen Ausbau seines Eisenbahnnetzes abhängt.«

Abermals stand der Kaiser auf – lebhafte Bewegung auf seinen Zügen.

Der Staatsrat beobachtete mit scharfem Seitenblick den Eindruck seiner Worte.

»Doch nun, Majestät,« sprach er, als der Kaiser schwieg, – »komme ich auf den Ausgangspunkt meines untertänigsten Vortrags – nämlich die Aktionsfähigkeit Österreichs, – welche es vorzubereiten gilt im tiefsten Geheimnis und ohne Mitwirkung der Parlamente. – Wenn ein solches, das ganze finanzielle Leben übermächtig beherrschendes, auf solideste Geschäfte begründetes Institut dasteht, dessen Träger alle das höchste politische Interesse an der kräftigsten Aktion Österreichs und an der Wiederherstellung von dessen Macht in Italien und in Deutschland haben, deren fürstlicher Diskretion das Geheimnis der Politik unbedenklich anvertraut werden kann, – dann, Majestät wird, wenn der Augenblick des Handelns gekommen ist, der unerschöpfliche Kredit dieser Fürstenbank allein genügen, um ohne Mitwirkung der übrigen Finanzwelt, ohne Garantie der Stände in großartigster Weise alle notwendigen Mittel zu beschaffen, und Österreich wird in plötzlichem und ungeahntem Aufschwung auf den Kampfplatz treten können, mehr als dreimal ausgerüstet mit Montecuculis altem Kriegsmittel, – das heute noch tausendmal wichtiger und tausendmal notwendiger ist, als zur Zeit jenes klugen Generals.

»Ich darf«, fuhr er mit leiserer Stimme fort, – »nur noch beiläufig andeuten, daß auch die traurigen Verluste, welche der Fall der Grafen Langrand in der Taxisschen Angelegenheit verursacht hat, sich leicht ersetzen lassen, – wenn Eure Majestät eine Beteiligung des Kronvermögens an der Bank befehlen würden.«

»Welch eine weite, große Aussicht öffnen Sie meinem Blick!« rief der Kaiser, – »alle Hindernisse sind beseitigt – Österreich ist frei, zu handeln und in die Ereignisse einzugreifen, – der Gedanke ist vortrefflich, – vortrefflich nach allen Richtungen – lassen Sie mir das Memoire Langrands hier.«

Der Staatsrat Klindworth neigte demütig das Haupt tief in den hohen Kragen seines Rockes und legte das Papier, welches er noch in der Hand hielt, vor den Kaiser auf den Tisch.

»Aber«, sagte der Kaiser nach einer Pause, mehr zu sich selber als zu Herrn Klindworth sprechend, – »ziemt es den Fürsten, welche in ritterlichem Sinn den Völkern voranleuchten sollen, – sich auf den Gelderwerb zu legen, in Konkurrenz zu treten mit den Spekulanten der Börse?«

Er blickte in tiefem Sinnen vor sich nieder.

Der Staatsrat hatte den halblaut gesprochenen Worten des Kaisers mit lauerndem Blick zugehört. Als der Kaiser schwieg, sagte er schnell und mit lauterer Stimme als gewöhnlich:

»Kaiserliche Majestät – der Fürsten Aufgabe ist es, vor allem sich die Herrschaft zu erhalten, welche von Rechts wegen ihnen zusteht, und die Herrschaft können sie sich nur erhalten dadurch, daß sie sich die Mächte dienstbar machen, welche ihrerseits die Zeit beherrschen. Die erste dieser Mächte ist heute das Geld, und wenn die Fürsten sich die Geldherrschaft definitiv entschlüpfen lassen, so werden sie auch die Zukunft verlieren!«

»Sie haben recht,« sagte der Kaiser sich aufrichtend, – »warum sollen die fürstlichen Vermögen geringeren Wert haben und geringere Erträge liefern als andere, – warum sollen die Fürsten, welche doch angegriffen werden von der Strömung der Zeit, nicht die Mächte der Zeit benutzen, um sich zu verteidigen!«

»Ich danke Ihnen«, fuhr er fort, »für Ihre Mitteilungen, – ich werde mit Beke ausführlich über die Sache sprechen, und was ich dazu tun kann, dieselbe zu fördern, soll gewiß geschehen.«

»Eure Majestät«, sagte Klindworth, »werden vielleicht die Gnade haben müssen, den Fürsten gegenüber, wo es nötig sein sollte, Ihren Einfluß geltend zu machen, zuerst natürlich müßten dieselben auf anderem Wege für die Sache interessiert werden, wozu ich gerne die Einleitungen treffen werde, – etwas schwierig wird das bei dem König von Hannover sein, dem ich mich nicht nähern kann, – ich bin dort persona ingrata noch vom König Ernst August her –«

»Ich weiß,« sagte der Kaiser, – »doch das ließe sich ja vermitteln, – ich werde darüber nachdenken.«

»Es wird nötig sein,« sprach der Staatsrat nach einer Pause, »im Interesse der Vorbereitung der Sache einige Reisen zu machen – vielleicht zum Herzog von Nassau, – ich muß Eurer Kaiserlichen Majestät gestehen, daß meine Fonds erschöpft sind, – und –«

Der Kaiser öffnete ein Schubfach seines Schreibtisches und reichte Herrn Klindworth zwei Rollen.

»Das wird die ersten Auslagen decken,« sagte er, – »bleiben Sie vorläufig in Wien, – ich werde auch in anderer Richtung Ihrer bedürfen. Die Frage des Konkordats hat unsere Beziehungen zu Rom sehr embrouilliert – ich wünsche, daß Sie die Depeschen verfassen, welche von hier in dieser Sache geschrieben werden, – von Ihnen bin ich überzeugt, daß Sie die traditionelle Politik Österreichs mit den Forderungen der Zeit zu vereinen wissen werden, – im Geiste der großen Vergangenheit.«

Klindworth ließ die Rollen in seine Rocktasche fallen und verneigte sich tief, indem ein zufriedenes Lächeln um seine Lippen spielte.

»Haben Eure Kaiserliche Majestät sonst noch Befehle?« fragte er.

»Ich danke Ihnen«, sagte der Kaiser und neigte entlassend den Kopf.

Fast unhörbar verließ der Staatsrat das Zimmer.

»So ist denn nun wieder ein Weg geöffnet,« sprach der Kaiser, als er allein war, – »um Österreich zurückzuführen auf die Höhe, von der es herabgestürzt – möchte er zum Ziele führen nach so vielem Unglück. Ich bin glücklich, – daß mir, wenn die Beobachtungen dieses scharfen Spürers aus Metternichs Schule richtig sind, – diese Allianz mit Frankreich erspart bleibt«, – er blickte mit düsterem Ausdruck vor sich nieder.

»Die Allianz,« sprach er dumpf, – »die nach meinem inneren Gefühl die wahre und richtige für Österreich war, – die Allianz von 1815 ist gebrochen, – durch Österreichs Schuld gebrochen, – und schwer hat Österreich dafür gebüßt, – niemals hätte Preußen von jener Allianz sich befreien, – niemals, solange sie bestand, in Deutschland tun können, was es getan.«

Er schellte.

»Man soll den Baron Beke rufen«, befahl er dem Kammerdiener.

Dann setzte er sich vor seinen Tisch und begann noch einmal sorgfältig das Memoire des Grafen Langrand zu lesen, welcher in diesem Augenblick bereits auf der Flucht war, um sich aus dem Zusammensturz der Trümmer seiner Riesenunternehmungen zu retten.


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