Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Dreiundzwanzigstes Kapitel

In einer aus mehreren Zimmern bestehenden Wohnung in der Beletage eines Hauses in der Nähe der Wieden in Wien herrschte seit einigen Tagen ein reges Leben, die Zimmer waren nur oberflächlich möbliert und boten noch jenen unkomfortablen Anblick einer plötzlichen und unfertigen Einrichtung dar; Besuche auf Besuche kamen und gingen und wurden im Vorzimmer durch einen Herrn von etwa vierzig Jahren mit scharfen Gesichtszügen und starkem schwarzem Bart empfangen, – dann teils höflich abgefertigt, teils in die inneren Räume geführt.

In dieser Wohnung hatte seit kurzem der Staatsrat Klindworth seinen Aufenthalt genommen, um, wie es schien, für längere Zeit in Wien zu bleiben.

In dem Vorzimmer dieses merkwürdigen, geheimnisvollen Agenten der Staatskanzlei und der Hofburg befand sich den größten Teil des Tages über der Baron von Gilsa, ein hessischer Edelmann, welcher in Wien lebte und seinerzeit vom Grafen Langrand-Dumonceau bei dessen industriellen Unternehmungen vielfach verwendet worden war.

Auch sah man hier häufig Herrn Ullmann, den früheren Sekretär des Grafen Langrand, welcher gegenwärtig eine nicht unbedeutende Rolle an der Wiener Börse spielte und mit zu dem intimen Kreise des alten Staatsrats gehörte.

Der Staatsrat Klindworth hatte verschiedene Besuche empfangen und saß ein wenig erschöpft in dem tiefen Sofa, welches mit einem großen Tisch, mehreren Stühlen und einem einfachen Schreibtisch das ganze Ameublement seines Zimmers ausmachte.

Er rief dem Baron von Gilsa, welcher schnell hereintrat und mit einem gewissen achtungsvollen Diensteifer sich nach den Wünschen des alten Herrn erkundigte.

»Ist niemand mehr im Vorzimmer?« fragte kurz und schnell der Staatsrat Klindworth, dessen ganzes Wesen und Benehmen hier in seinem eigenen Interieur kaum den demütig in sich selbst zusammengezogenen, still beobachtenden Mann wiedererkennen ließ, als welcher er in den Kabinetten des Kaisers Franz Joseph und des Kaisers Napoleon erschien.

»Es ist kein Besuch mehr da,« erwiderte der Baron Gilsa, »nur hier dieser Brief von der Staatskanzlei ist soeben abgegeben worden.«

Er überreichte dem Staatsrat ein großes viereckiges, versiegeltes Schreiben. Dieser öffnete es schnell, durchflog den Inhalt und warf es dann mit einem halb selbstgefälligen, halb verächtlichen Lächeln seines breiten, großen Mundes auf den Tisch.

»Die Maschine stockt schon wieder, sie können nichts machen ohne mich. Nun, ich will ihnen wieder etwas weiter helfen. Ich habe einmal eine Vorliebe für dieses Österreich – eine Vorliebe,« fuhr er fort, »die fast töricht zu nennen ist. Denn was ist hier noch zu gewinnen? – Zu Metternichs Zeiten war das anders, aber jetzt,« er zuckte die Achseln, »sie haben kein Geld mehr – und Geist ebenso wenig wie früher – vordem aber konnten sie wenigstens den Geist, wo sie ihn fanden, bezahlen. Heute aber ist das alles so ärmlich, daß man fast die Lust verlieren möchte, sich mit allen diesen Dingen zu beschäftigen. Doch,« – fuhr er fort, »wenn meine Kombination reüssiert, so wird das alles wieder besser werden. Alles hängt daran, daß ich meine Idee zur Ausführung bringe, – diese vortreffliche Idee, welche der Graf Langrand realisieren wollte, als sein Gebäude unter ihm zusammenbrach. Er verstand es nicht,« fuhr er leiser fort, »das Glück an sich zu fesseln, – und so habe ich wohl das Recht, das einzige Erbteil mir nutzbar zu machen, das mir aus dem Zusammenbruch seiner Unternehmungen geblieben ist.

»Hat man mein Diner von Sacher geholt?« fragte er.

»Es ist hier,« erwiderte der Baron Gilsa, – »man hat es warm gestellt und wenn Sie essen wollen –«

»So lassen Sie es auftragen,« erwiderte der Staatsrat kurz und herrisch, – »aber alles zusammen, – ich liebe es nicht, Domestiken im Zimmer zu haben.«

Der Baron Gilsa ging hinaus, nach wenigen Augenblicken trug ein Diener ein großes Präsentierbrett mit verschiedenen Schüsseln eines Menagekorbes herein, breitete ein Tischtuch über den Tisch, stellte zwei Couverts darauf und setzte die sämtlichen Schüsseln in eine Reihe vor den Staatsrat hin.

Der Baron Gilsa nahm, als der Diener sich entfernt hatte, neben dem alten Herrn Platz. Dieser hob eine Schüssel nach der andern an sein kurzsichtiges Auge und wählte sich von deren Inhalt aus, was ihm gefiel.

»Der König von Hannover«, sagte er, indem er schnell und hastig zu essen begann, »hat also die Vorschläge zur Gründung einer Fürstenbank ganz und gar abgewiesen?«

»Ganz und gar,« erwiderte Herr von Gilsa, »Graf Platen will durchaus nichts davon hören, und hat auf verschiedene Vorstellungen, die man bei ihm gemacht, geantwortet, daß er für die Konservierung der nicht erheblichen Mittel verantwortlich sei, welche dem Könige nach der Beschlaglegung seines Vermögens übrig bleiben, und daß er es nicht verantworten könne, dem Könige die Anlegung dieser Mittel in einem Bankunternehmen anzuraten.«

»Graf Platen,« erwiderte Klindworth, indem er einen Hühnerflügel mit der Hand ergriff, in einer gelben Frikasseesauce umdrehte und zum Munde führte, – »Graf Platen versteht nichts von großer Politik und von ernsthaften Dingen, – man kann ihm das letzte Wort dieser Sache gar nicht mitteilen, denn er würde es morgen in allen Salons von Wien weiter erzählen, und diese ganze Sache muß mit der größten Vorsicht geführt werden. Aber zustande kommen muß das Unternehmen, ich mache einfach meine weiteren Dienste davon abhängig. Sie sind hier so arm und so knickerig geworden,« fuhr er fort, indem er sich ein Glas Bordeaux einschenkte und auf einen Zug leerte, »daß sie mich gar nicht mehr bezahlen können. Man muß andere Kombinationen machen, um in der heutigen Zeit der öffentlichen, von all den parlamentarischen Schwätzern kontrollierten Budgets disponible Fonds herbeizuschaffen, in deren Verwendung niemand seine Nase zu stecken hat. Ich kann so ohne weiteres an den König Georg nicht kommen,« sprach er nach einigen Augenblicken, »ich bin persona ingrata bei ihm noch von der Zeit des Königs Ernst August her, – aber das wird sich alles machen lassen. Wer ist denn außer Graf Platen hier um den König?« fragte er, den scharfen, stechenden Blick auf Baron Gilsa richtend.

»Ein Finanzassessor, Doktor Elster,« erwiderte dieser, – »er scheint mir wohl ein Mann zu sein, der auf Ihre Ideen eingehen würde und der sich von Ihnen leiten ließe. Ich habe mit ihm von der Sache gesprochen, – er zeigte sehr viel Verständnis für dieselbe – erklärte mir aber, daß er ohne Graf Platen nichts machen könne.«

»Gut, gut,« sagte Klindworth, »der einzige Mensch, der in dieser Sache den richtigen Einfluß auf den König ausüben könnte, ist der Regierungsrat Meding. Er ist angekommen, Sie haben ihn gesehen?«

»Er ist gestern morgen von Paris angekommen,« erwiderte Gilsa, »ich bin heute bei ihm gewesen und habe ihm gesagt, daß Sie dringend eine Unterredung mit ihm wünschten, daß Sie aber, um Aufsehen zu vermeiden, nicht zu ihm nach Hietzing hinausfahren möchten und ihn daher bäten, Sie aufzusuchen, und er hat mir versprochen, heute nachmittag hierher zu kommen.«

»Das ist vortrefflich«, sagte der Staatsrat, indem er rasch noch ein Glas Bordeaux trank. »Ich habe in Paris veranlaßt, daß man ihn durch direkte Einwirkung vermochte, sogleich hierher nach Wien zu kommen, wo wichtige Mitteilungen seiner warteten, und ich bin überzeugt, daß er meinen Gedanken verstehen und denselben dem König Georg zugänglich machen wird.«

Er hatte sein Diner beendigt, schob seinen Teller von sich und lehnte sich in das Sofa zurück.

»Nun möchte ich einige Augenblicke ausruhen«, sagte er.

Baron Gilsa ließ schnell den Tisch abdecken und zog sich in das Vorzimmer zurück.

Der Staatsrat deckte ein großes seidenes Tuch über seinen Kopf und versank in jenes stumme Nachdenken, welches bei Menschen und Tieren dem Geschäft der ersten Verdauung ganz besonders förderlich ist.

Es mochte etwa eine halbe Stunde vergangen sein, als der Baron wieder eintrat; der Staatsrat fuhr mit dem ihm eigentümlichen feinen Gehör, das ihn kaum jemals vollkommen fest schlafen ließ, empor und sah den Baron fragend an.

»Der Regierungsrat Meding ist soeben von Hietzing angekommen und wünscht Sie zu sprechen.«

Der Staatsrat stand auf, das eigentümlich brüske und nonchalante Wesen, welches er hier seinem intimen Vertrauten gegenüber angenommen hatte, verschwand vollständig. Er knöpfte den weiten braunen Rock zu, so daß der Hals fast ganz in dem hohen Kragen verschwand, seine Haltung wurde gebückt und etwas in sich zusammengezogen, ein ruhiges, freundliches Lächeln legte sich um seine Lippen und das stechende, scharfe graue Auge verschwand unter den niedergeschlagenen Lidern.

Er winkte dem Baron Gilsa. Dieser ging hinaus und führte nach einigen Augenblicken den Regierungsrat Meding ein und zog sich dann schweigend wieder zurück.

Herr Meding erwiderte mit artiger Höflichkeit die tiefe Verbeugung des Staatsrats Klindworth.

»Ich bin Ihrem Wunsch gemäß«, sagte er, sich auf die Einladung des Staatsrats neben ihn setzend, »zu Ihnen gekommen, um zu hören, welche wichtige Mitteilung Sie mir im Interesse meines königlichen Herrn zu machen haben, und ich freue mich,« fügte er verbindlich hinzu, »daß diese Veranlassung mir Gelegenheit gibt, die persönliche Bekanntschaft eines Mannes zu machen, von dem ich bereits mit großem Interesse viel habe sprechen hören.«

»Männer wie wir,« sagte der Staatsrat mit einer gewissen treuherzigen Offenheit, ohne indessen den Blick seines Auges aufzuschlagen, »müssen ohne Umschweife miteinander sprechen, und so will ich denn auch ohne jede Einleitung sofort auf den Gegenstand kommen, den ich Ihnen mitzuteilen habe, und bei welchem ich Ihre Mitwirkung in Anspruch nehmen möchte. Da Sie, wie ich weiß, der einzige Mann in der Umgebung Ihres Königs sind, welcher imstande ist, wirklich große Fragen der Politik zu erfassen und Ihrem Herrn klar darzustellen.«

Herr Meding verneigte sich mit einer kalten, ruhigen Höflichkeit. »Sie können überzeugt sein,« sagte er, »daß alles, was für meinen König von Interesse sein kann, bei mir die aufmerksamste Beachtung und die sorgfältigste Prüfung finden wird.«

»Sie sind von Paris aus veranlaßt, hierher zu kommen,« sagte der Staatsrat, indem er von unten herauf den Regierungsrat Meding mit einem forschenden Blick musterte.

Dieser zögerte einen Augenblick mit der Antwort.

»Es ist mir allerdings ein Wink zugegangen, daß meine Anwesenheit hier in Wien gerade in diesem Augenblick von Wichtigkeit sein könnte, und da ich ohnehin dem Könige über die Lage der Dinge persönlichen Bericht abstatten wollte, so bin ich hierhergekommen, obwohl gerade in diesem Augenblick die Ereignisse in Frankreich die sorgfältigste Beobachtung erheischen.«

»Was dort geschieht«, sagte der Staatsrat in lebhafterem Ton, als er bisher gesprochen hatte, »können Sie auch von hier aus beobachten. Diese spanische Revolution wird siegreich sein und alle Kombinationen des Kaisers Napoleon für den Augenblick über den Haufen werfen. Es gibt nur eine einzige Grundlage für eine erfolgreiche politische Aktion. Das ist die feste und innige Allianz zwischen Frankreich und Österreich. Alles übrige sind Torheiten. Man muß vor allen Dingen daran arbeiten, zu verhindern, daß der Kaiser Napoleon sich nicht ohne die Basis einer solchen Allianz in unüberlegte Unternehmungen stürze. Vor allen Dingen muß die Aufgabe Ihres Königs sein, wenn er jemals seine Rechte wieder zur Geltung bringen will, diese Allianz herzustellen.«

Wieder richtete er den forschenden Blick seines von untenher aufgeschlagenen Auges auf den Regierungsrat Meding, welcher sich schweigend verneigte.

»Um die feste und tatkräftige Allianz zwischen Frankreich und Österreich herzustellen«, fuhr der Staatsrat fort, indem er die Hände über der Brust faltete und mit den Fingern der rechten auf der Oberfläche der linken Hand trommelte, – »ist es vor allen Dingen nötig, Österreich selbst aktionsfähig zu machen. Dazu gehören nun zwei Dinge, nämlich Soldaten und Geld. Die Soldaten sind da, die neue Militärorganisation macht die österreichische Wehrkraft bei weitem stärker als sie es früher war, und die Verbesserung in der Bewaffnung stellt die Armee auf das Niveau der übrigen Staaten. In dieser Beziehung ist alles geschehen, was hat geschehen können, und nach der Versicherung sachverständiger Militärs fehlt nichts mehr zur militärischen Reorganisation Österreichs. Das Geld aber,« fuhr er fort, in dem er den Kopf erhob und den Regierungsrat Meding mit dem vollen, scharfen Blick seiner kleinen, durchdringenden Augen ansah, – »das Geld ist nicht da, und es kann auch nicht geschafft werden, denn wir haben diese liebenswürdigen Kammern, ohne deren Bewilligung es unmöglich ist, eine Anleihe von auch nur einem Heller zu machen, – es ist aber unmöglich, den Kammern laut vor der Öffentlichkeit zu erklären, daß man eine Anleihe machen wolle, um Krieg zu führen, und würde man dies erklären, so würden sie erst recht nichts bewilligen, denn für jene Herren von der parlamentarischen Doktrin ist ja der Krieg der größte Greuel, und sie wissen ganz genau, daß das auf den Schlachtfeldern siegreich wiedergeborene Österreich keinen Platz mehr für die Ausführungen ihrer Theorien haben würde.

»Es kommt nun darauf an,« fuhr er fort, indem er immer schärfer und forschender den Regierungsrat Meding ansah, auf dessen Gesicht keine Spur von einem Eindruck der Worte des Staatsrats sichtbar wurde, – »es kommt nun darauf an, ein großes und gewaltiges Geldinstitut zu schaffen, dessen Interessenten und Leiter von politischen und nicht bloß finanziellen Gesichtspunkten bestimmt werden und an einer siegreich militärischen Aktion Österreichs selbst ein hohes Interesse haben, so daß sie auch ohne Genehmigung der Kammern der Regierung die Mittel schaffen, den Krieg führen zu können, in der Aussicht, durch den Sieg der österreichischen Waffen vollkommen entschädigt zu werden. Ein solches Geldinstitut läßt sich nur schaffen, wenn die depossedierten Fürsten, insbesondere Ihr König, dann die österreichischen Erzherzoge, welche aus Italien vertrieben wurden, sich vereinigen, um aus ihrem Vermögen den Grundstock einer großen Aktiengesellschaft zu bilden, welcher dann die Regierung, die ohnehin auch in finanzieller Beziehung es bereits schmerzlich empfindet, vollkommen von den Börsenmatadoren abhängig zu sein, alle großen und lukrativen Geschäfte, die sie in der Hand hat, zuwenden würde. Die hohen Herren,« fuhr er noch lebhafter fort, »die hohen Herren haben von ihren Kapitalien jetzt nur sehr geringe Zinsen, sie würden durch eine solche Bankgründung ihren Zinsgenuß sofort sehr erheblich vergrößern, sie würden dann aber auch, wenn in die Hände ihrer Bank alle Geschäfte gelegt würden, ihre Kapitalien verdoppeln, verdrei- und vervierfachen; sie würden in kurzer Zeit den Geldmarkt in Österreich und durch die Verbindung mit Paris, von wo aus natürlich die ganze Sache auf das lebhafteste unterstützt werden würde, fast in ganz Europa beherrschen – dadurch würden sie imstande sein, wenn der Augenblick der Aktion kommt, fast ohne eigenes Risiko, Österreich die zum Beginn des Krieges erforderlichen Geldmittel vorzustrecken, und Ihr König würde selbst ohne große und fühlbare Opfer eine eigene Armee anzuwerben und auszurüsten imstande sein. Man hat sich«, fuhr er fort, »wegen dieses Bankprojekts an Ihren König gewendet –«

»Seine Majestät hat mir davon gesprochen,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »doch war die Sache an ihn lediglich als eine finanzielle Unternehmung herangetreten, und die Gesichtspunkte, welche Sie mir soeben entwickelt haben, sind bei beim König noch nicht geltend gemacht worden, so viel mir bekannt ist. Auch Graf Platen, mit dem ich davon sprach, hat mir über diese Seite nicht das geringste gesagt.«

»Wie wird man denn,« rief der Staatsrat mit fast heftigem Ton, den er aber sogleich wieder zu ruhigem Ausdruck mäßigte, »wie wird man dem Grafen Platen solche Dinge mitteilen – Sie werden selbst am besten wissen –«

Der Regierungsrat Meding lächelte und machte eine leicht abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Der Zweck also jenes Bankprojekts – ?« fragte er.

»Dieser Zweck ist ein rein und ausschließlich politischer«, sagte der Staatsrat. »Es handelt sich lediglich darum, für Österreich eine Aktion möglich zu machen, indem man ihm eine von der Bewilligung der Kammern unabhängige Geldquelle öffnet, und wenn Ihr König an die Spitze dieses Unternehmens tritt, so wird zu einem großen Teil die Politik Europas in seinen Händen liegen, denn Sie wissen, trotz aller Kanonen ist doch das Geld, und immer wieder das Geld der nervus rerum gerendarum und die ultima ratio regum. Neben dieser politischen Seite der Frage liegt aber auch der finanzielle Vorteil auf der Hand, und selbst wenn es niemals zu einer Aktion käme, oder wenn dieselbe, was kaum möglich ist, unglücklich ausfiele, so würden dennoch die Fürsten, welche sich an diesem Unternehmen beteiligen, glänzende Geschäfte machen und Herren der Börsenwelt werden .... Nun,« fuhr der Staatsrat fort, als der Regierungsrat Meding, ohne zu antworten, nachdenkend vor sich niederblickte, »ich habe geglaubt, dieses Projekt mit allen seinen so weiten und großen Perspektiven nur durch Sie an den König bringen zu können; und ich bin überzeugt, daß Sie sich ein großes Verdienst um Ihren königlichen Herren wie auch um Österreich erwerben würden, wenn Sie die ganze Sache in ihrer wahren Bedeutung zur Kenntnis des Königs brächten und Seine Majestät bestimmen würden, die Ausführung dieses Gedankens, den ich für einen ungemein glücklichen halte, seinerseits in die Hand zu nehmen.«

»Und sind Sie überzeugt, Herr Staatsrat,« fragte der Regierungsrat Meding, »daß die österreichische Regierung, – daß der Kaiser Franz Joseph ebenso, ganz ebenso über dieses Projekt denkt, wie Sie mir darüber gesprochen haben?«

»Ich bin dessen ganz gewiß,« erwiderte der Staatsrat, »und sobald der König auf den Gedanken eingeht, wird der Beweis dafür nicht ausbleiben. Es kommt jetzt nur darauf an, ihm die Sache in richtiger Weise und vor allen Dingen mit der vollsten und zuverlässigsten Diskretion vorzulegen, denn Sie werden begreifen, daß, wenn auch nur das Leiseste über die letzten Zwecke der zu gründenden Bank verlautete, die ganze Sache schon im Keime zerstört wäre.« Der Regierungsrat Meding neigte fortwährend nachdenkend den Kopf.

»Es versteht sich von selbst,« sagte er dann, »daß ich eine Proposition von solcher Wichtigkeit meinem Herrn mitteilen werde.«

»Und Sie werden ohne Zweifel Seiner Majestät raten, auf die Vorschläge einzugehen, deren hohe Wichtigkeit sich Ihnen nicht verbergen kann?« fragte der Staatsrat.

»Die Bedeutung der Sache«, erwiderte der Regierungsrat Meding, »liegt nicht nur in dem Gedanken selbst, sondern vor allen Dingen auch darin, daß dieser Gedanke von denjenigen geteilt werde, welche imstande sind, ihm praktische Ausführung zu geben, das heißt, von Seiner Majestät dem Kaiser Franz Joseph und von dem Reichskanzler Freiherrn von Beust. Ich müßte mir namentlich vorbehalten, bevor ich Seiner Majestät ausführliches vortrage, über die Sache insbesondere mit dem Reichskanzler zu sprechen.«

»Herr von Beust ist diesen Augenblick in Pesth,« erwiderte der Staatsrat Klindworth, – »er wird aber jedenfalls in einigen Tagen wieder kommen.«

»Und eine so große Eile wird ja die Sache nicht haben, daß man diese Tage nicht abwarten könnte, ohnehin müßte ja auch die ganze Angelegenheit nach verschiedenen Seiten, über welche ich durchaus nicht kompetent bin, reiflich erwogen werden. Denn wenn ich auch zugeben muß,« fuhr er fort, »daß die politische Seite der Sache für Seine Majestät den König von hoher und entscheidender Wichtigkeit ist, so dürfen doch die finanziellen Gesichtspunkte nicht außer acht gelassen werden, und ich würde meinem allergnädigsten Herrn niemals zu einem Unternehmen raten können, das nicht auch vollständige Garantien dafür bietet, daß das verhältnismäßig geringe Vermögen, welches zu seiner Disposition geblieben ist, mindestens sichergestellt und intakt erhalten werden könnte. Über diese Frage indes würde ich von vornherein jede Erörterung und Mitberatung meinerseits ablehnen müssen, da ich in der Tat zu wenig von der praktischen Finanzwirtschaft verstehe, um mir darüber irgendein Urteil anmaßen zu können.« »In dieser Beziehung«, erwiderte der Staatsrat Klindworth, »wird der Reichsfinanzminister von Beke jedenfalls die beste und kompetenteste Auskunft geben können, sobald Seine Majestät darüber nähere Nachweise verlangen wird. So viel ich weiß«, fuhr er fort, »würde man sehr gern alle großen finanziellen Operationen von seiten der Regierung in die Hände der zu gründenden Bank legen, – ganz insbesondere die Veräußerung einzelner Staatsdomänen, welche man vorzunehmen denkt; ferner die ungarische und türkische Bahnfrage, kurz, man würde es zu ermöglichen wissen, daß die Bank das ganze finanzielle Leben beherrscht, was ja auch zur Erfüllung ihres letzten Endzwecks absolut notwendig ist.«

»Hat man«, fragte der Regierungsrat Meding, »auch bereits mit dem Kurfürsten von Hessen über dieses Projekt gesprochen?«

Der Staatsrat Klindworth schlug in einer leichten, kaum bemerkbaren Verlegenheit die Augen nieder.

»Man hat Seine Königliche Hoheit zur Teilnahme an der Bank aufgefordert,« erwiderte er, »indes hat der Kurfürst dieselbe bis jetzt bestimmt abgelehnt.«

»Es wäre doch sehr wesentlich,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »daß auch der Kurfürst an dem Unternehmen sich beteiligte, damit der König nicht allein das ganze Risiko der Sache zu tragen habe.«

»Ein Risiko«, erwiderte der Staatsrat, »dürfte bei der Sache kaum zu finden sein, denn ich kann nur wiederholen, daß die Regierung zweifellos alles tun wird, um auch den finanziellen Erfolg vollkommen sicherzustellen, – ich kann nur wiederholen, daß ohne diesen finanziellen Erfolg jede Möglichkeit ausgeschlossen wäre, die Bank im entscheidenden Moment für die großen politischen Zwecke nutzbar zu machen.«

Der Regierungsrat Meding stand auf.

»Ich danke Ihnen, Herr Staatsrat«, sagte er, »für das Vertrauen, das Sie mir durch Ihre Mitteilungen geschenkt haben. Ich werde nicht unterlassen, die Sache Seiner Majestät mitzuteilen, nachdem ich mit dem Reichskanzler darüber gesprochen. Ich hoffe, daß derselbe bald zurückkehrt, da ich mich in der Tat nicht gar zu lange hier in Wien aufhalten, sondern so bald als möglich nach Paris zurückkehren möchte.«

Ein wenig befremdet blickte der Staatsrat auf.

»Sie wollen wieder nach Paris zurück?« fragte er. »Nach meiner Ansicht wäre es richtiger für Sie, hier zu bleiben und die Leitung dieser ganzen Angelegenheit in Händen zu behalten. Nach meiner Überzeugung und nach der Überzeugung aller derjenigen, welche sich für die Idee interessieren, ist es vor allen Dingen notwendig, daß Graf Platen von derselben ferngehalten werde, um die hochwichtige Diskretion zu sichern. Sie müssen in der Tat hier bleiben«, fügte er dringender hinzu, – »und es ist doch auch jedenfalls für Sie interessanter, hier die Fäden in der Hand zu behalten, welche bei richtiger Behandlung der Sache sehr bald die ganze europäische Politik leiten müssen, als daß Sie dort auf dem entlegenen Posten in Paris bleiben, wo Sie doch nichts anderes tun können, als den Gang der Dinge beobachten.«

»Ich glaube,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »daß eine scharfe Beobachtung der Ereignisse und eine genaue und richtige Informierung meines Herrn über dieselben der wichtigste Dienst ist, den ich ihm in diesem Augenblick leisten kann. Das Unternehmen, von dem wir soeben gesprochen, entzieht sich in seiner ganzen inneren Ausführung und Behandlung so vollständig dem Kreise meiner Erfahrungen, daß es mir in der Tat sehr wenig wünschenswert sein würde, bei demselben unmittelbar beteiligt zu sein.«

»So bleiben Sie wenigstens so lange hier, bis der König seinen festen Entschluß gefaßt hat, denn ich fürchte, wenn Sie vorher wieder fortgehen, möchte aus der Sache nichts werden.«

»Wenn Seine Majestät der König meinen Rat befiehlt,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »so werde ich jeden falls bis zum Abschlusse der Sache hier bleiben, doch kann ich nur wiederholen, daß mir jedes Eingehen in die eigentliche Ausführung der Bankangelegenheit, abgesehen vom politischen Gesichtspunkt, in besonderem Grade unangenehm und peinlich sein würde. Dazu wird der Doktor Elster, welcher die Finanzangelegenheiten des Königs verwaltet, unendlich viel geeigneter sein als ich.«

»Ich darf also hoffen«, erwiderte der Staatsrat, »nähere Mitteilungen von Ihnen über die Stellung Seiner Majestät des Königs zur Sache zu erhalten?«

»Sobald ich etwas darüber weiß«, erwiderte der Regierungsrat Meding, »werde ich nicht unterlassen, Sie darüber zu unterrichten.«

Er verabschiedete sich artig von dem Staatsrat, der ihn bis zur äußeren Tür begleitete, verließ das Haus und stieg in seinen Wagen, der ihn in raschem Trabe nach Hietzing zurückführte, wo er vor der großen Villa hielt, in welcher der Graf Platen seine Wohnung hatte, und in der zugleich die Bureaus der Verwaltung des Königs Georg sich befanden.

Der Regierungsrat Meding stieg aus, durchschritt den großen, tiefschattigen Garten und trat durch das weite Vestibule der im Hintergrunde desselben liegenden Villa in das erste Bureauzimmer.

In diesem großen hellen Raum standen zwei breite grünüberzogene Schreibtische in einiger Entfernung voneinander. Der Platz vor dem ersten dieser Tische war leer, vor dem zweiten saß im bequemen Lehnstuhl mit grünen Leder überzogen, einen scharf gespitzten Bleistift in der Hand, der Legationsrat Lumé de Luine, ein Nachkomme einer französischen Emigrantenfamilie, welcher in hannöverischen Dienst getreten war und den König Georg in sein Exil begleitet hatte.

Der Legationsrat Lumé, welcher etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt sein mochte, war eine elegante Erscheinung, er zeigte in seinem ganzen Aussehen und Wesen den Typus seiner französischen Abstammung; sein regelmäßiges Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart, dem schwarzen, gekräuselten Backenbart und dem schwarzen, sorgfältig frisierten Haar trug den Ausdruck wohlwollender Bonhomie und treuherziger Offenheit, verbunden mit einem leichten Anflug einer etwas pedantischen Wichtigkeit.

Er war beschäftigt, verschiedene Papiere in großem Aktenformat zu numerieren. In einem Nebenzimmer, dessen große und breite Flügeltüren weit offen standen, saß an einem dritten Schreibtisch der Rittmeister Schwarz, ein gutmütig blickender blonder Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, welcher die militärischen Angelegenheiten des exilierten Hofes bearbeitete.

Der Regierungsrat Meding begrüßte die Herren und fragte den Legationsrat Lumé, auf den leeren Platz vor dem dritten Schreibtisch deutend, ob der Graf Georg Platen noch nicht da wäre.

»Er ist zum Minister gerufen worden«, erwiderte der Legationsrat, »und hat mit demselben eine längere Konferenz, denn er ist schon seit mehr als einer Stunde bei ihm.«

»Ich will ihn einen Augenblick erwarten,« erwiderte der Regierungsrat, – »ich werde später mit ihm nach Wien fahren, – lassen Sie sich durch meine Anwesenheit nicht stören, ich will einen Augenblick die Zeitungen durchblättern.«

Er setzte sich auf ein Sofa, das in der Ecke des Zimmers stand, und begann die Wiener Tagesblätter zu durchfliegen, welche auf dem Tisch daneben lagen.

Der Legationsrat Lumé fuhr in der Durchsicht und Numerierung der eingegangenen Sachen fort, dann verschloß er mehrere Papiere in ein großes Kuvert, drückte mit ganz besonderer Sorgfalt mit einem großen Petschaft das hannöverische Wappensiegel darauf und zog einen über seinem Schreibtisch herabhängenden grünen Klingelzug.

Nach wenigen Augenblicken trat einer der früheren hannöverischen Soldaten, welche zum Ordonnanzdienst verwendet wurden, ins Zimmer und stellte sich in militärischer Haltung neben dem Legationsrat auf.

»An die königliche Generaladjutantur«, sagte dieser, ihm das versiegelte Schreiben übergebend.

»Zu Befehl!« erwiderte der Soldat, drehte sich scharf auf dem Absatz um, trat in das Nebenzimmer, wo er vor dem Schreibtisch des Rittmeisters Scharz stehen blieb und demselben das Schreiben in dienstlicher Haltung mit den Worten übergab:

»Eine Depesche vom Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten.«

Dann ging er wieder hinaus.

Der Rittmeister öffnete den Brief und setzte auf das inliegende Schriftstück das Datum der Präsentation.

Der Regierungsrat Meding sah ganz erstaunt diesem Geschäftsverkehr zwischen den Behörden zu und vertiefte sich dann wieder in die Lektüre der Neuen freien Presse.

»Es wird mir doch nichts übrig bleiben«, sagte er, nachdem abermals eine Viertelstunde vergangen war, »als die Konferenz des Grafen Georg mit seinem Onkel zu stören, denn ich kann in der Tat nicht mehr lange hier warten, »Au revoir, mon cher ami«, fuhr er fort, dem Legationsrat Lumé die Hand reichend. »Ich hoffe, Sie gehen heute Abend mit uns nach Wien, ich muß die Zeit meines Hierseins benutzen, um das Karltheater wieder zu sehen und mir von Fräulein Gallmeyer einigen Humor wieder geben zu lassen.«

»A propos,« sagte der Legationsrat Lumé, »Sie wissen, daß einzelne geheime Mitteilungen von hier aus unter der Unterschrift Konstantin de Bonneval an Sie gelangt sind? Ich habe nun sichere Nachrichten,« fuhr er fort, »daß man auf die Spur dieser Korrespondenz gekommen ist, und Sie sollen Ihre Mitteilungen von nun an unter der Unterschrift Felix de Bonneval erhalten.«

»Gut,« sagte der Regierungsrat Meding lächelnd, »Felix oder Konstantin – das gilt mir gleich; wenn Sie mir nur gute Nachrichten geben, so ist es mir am liebsten, ich erhalte sie ohne jede Unterschrift.«

Und schnell sich abwendend, trat er an die Tür, welche nach der Wohnung des Ministers Grafen Platen führte, tat einen starken Schlag an dieselbe und trat in das große, geräumige Wohnzimmer des früheren hannöverischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten.

Der Graf Adolph von Platen-Hallermund war damals vierundfünfzig Jahre alt, seine schlanke und geschmeidige Gestalt und sein volles, glänzend schwarz gefärbtes Haar ließen ihn jünger erscheinen, während sein vornehm geschnittenes, mageres und etwas nervös abgespanntes Gesicht und der matte Blick seiner Augen ihm zuweilen ein älteres Aussehen gaben.

Der Graf trug einen hellblauen, kurzen Morgenrock und saß in einem breiten Kanapee vor einem großen Tisch, auf welchem eine aus zwei Kartenspielen gebildete Patience ausgebreitet war.

An der anderen Seite des Tisches stand der Legationsrat Graf Georg Platen, der Neffe des Ministers und frühere hannöverische Ministerresident im Haag, ein junger Mann von etwa einunddreißig Jahren, dessen blühendes, hübsches Gesicht mit den frischen, lebhaften Farben, dem gelockten blonden Haar, dem kleinen Bart und den geistvoll freundlich blickenden Augen ihn kaum vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt erscheinen ließen.

Der Graf Georg, eine schlanke, zierliche Gestalt, trug eine graue Jagdjoppe mit grünen Aufschlägen, enge Beinkleider und bis an die Knie hinaufreichende Stiefel; er rauchte aus einer Zigarrenspitze, deren schöner Meerschaumkopf nach unten gekehrt war, eine Zigarette von türkischem Tabak und blickte ebenso wie sein Oheim eifrig und aufmerksam auf das auf dem Tisch ausgebreitete Patiencespiel.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte der Regierungsrat Meding lächelnd, indem er an den Tisch herantrat »wenn ich die Konferenz störe, aber vielleicht sind die Hauptschwierigkeiten schon gelöst, und der Graf Georg wird Zeit finden, mit mir nach Wien zu fahren. Ich hoffe, daß Eure Exzellenz uns begleiten.«

»Wenn man diesen Coerbuben auf die Coerdame legte,« sagte Graf Georg lachend, während der Minister dem Regierungsrat Meding die Hand reichte und auf eine zur Seite des Tisches stehende Zigarrenkiste hindeutete, »so würde die Sache gehen. Sehen Sie,« fuhr er fort, indem er aufmerksam seinen breiten, in schöner brauner Schattierung sich färbenden Meerschaumkopf betrachtete, »mein Onkel glaubt absoluter Meister im Patiencespiel zu sein, aber ich verstehe es viel besser, und wenn ich ihm nicht helfe, so bringt er keine Patience zu Ende. Vorläufig aber will ich ihn seinem Schicksal überlassen und mich schnell ankleiden, um Sie nach Wen zu begleiten. In kürzester Zeit bin ich wieder hier, um Sie abzuholen.«

Er entfernte sich, während der Minister nach der Anweisung seines Neffen die Patience glücklich zu Ende brachte, und das Kartenspiel zur Seit schob.

»Glauben Sie nicht,« fragte er den Regierungsrat Meding, welcher sich neben ihm in einen Lehnstuhl setzte, »daß es sich möglich machen ließe, sobald als tunlich die königliche Kasse von der Ausgabe für die Legion zu befreien, welche auf die Dauer in der Tat unerträglich wird?«

»Gewiß«, erwiderte der Regierungsrat Meding, »wird das möglich sein, sobald dazu nur der feste Entschluß gefaßt ist. Auseinanderschicken kann man die armen Leute unmöglich, sie würden dem Elende verfallen, aber es läßt sich dessenungeachtet in anderer Weise für sie sorgen, ohne daß sie fortwährend diese laufenden Ausgaben aus der königlichen Kasse verursachen. Ich habe schon mit Düring sehr ausführlich darüber gesprochen, und so viel ich weiß, hat er auch einen Plan ausgearbeitet, um den sämtlichen Emigranten durch ein zu bildendes Unterstützungskomitee ausreichende und lohnende Arbeit zu verschaffen, wobei es dann nur darauf ankäme, denjenigen beizustehen, welche krank sind oder gerade augenblicklich keine Arbeit finden können. Dabei würde der König nur eine Art von eisernem Fonds zu bilden haben, welcher unter günstigen Verhältnissen kaum angegriffen werden würde, zugleich würde man alle Emigranten fortwährend im Auge behalten, der Zusammenhang unter ihnen würde bestehen bleiben, und wenn der König sie jemals verwenden wollte, würden sie zu seiner Disposition stehen.«

»Das entspricht vollkommen meiner Ansicht,« erwiderte der Graf Platen, »wozu soll man diese Menge von Menschen unterhalten. Wenn es sich jemals darum handelt, eine Armee für den König zu bilden, so bedürfen wir ja nur einer genügenden Anzahl von Unteroffizieren, um die Kadres herzustellen, die Mannschaften selbst werden wir von allen Seiten bekommen können, und haben wahrlich nicht nötig, sie bei den beschränkten Mitteln des Königs das ganze Jahr hindurch zu ernähren.«

»Außer diesem Plan,« fuhr der Regierungsrat Meding fort, »den Düring so weit ausgearbeitet hat, daß er, wie ich glaube, jeden Augenblick zur Ausführung gebracht werden kann, ist mir noch eine Idee ausgesprochen worden, um den Legionären ein günstiges Schicksal zu bereiten und sie zugleich dem Könige zur Verfügung zu halten, – dies ist eine Kolonisation in Algier. – Wie ich glaube, würde die französische Regierung eine solche sehr gern sehen und alles tun, um ein derartiges Unternehmen zu begünstigen und vor den Mißerfolgen zu schützen, welche andere, von industriellen Gesellschaften unternommene Kolonisationen in Algier betroffen haben. Ich habe bei der letzten Anwesenheit des Herzogs von Gramont in Paris mit demselben auch über die Sache gesprochen, er ist vollkommen informiert, und Eure Exzellenz können sich ja gelegentlich mit ihm darüber unterhalten.«

»Auch diese Idee wäre vortrefflich«, rief Graf Platen. »Glauben Sie denn,« fuhr er fort, »daß eine solche Kolonie wirklich wirtschaftlich prosperieren könne, wenn die französische Regierung das ihrige dazu täte?«

»Gewiß,« erwiderte der Regierungsrat Meding, »es kommt nur darauf an, ihr einen von den Einflüssen des Sumpfklimas freien Platz anzuweisen und sie durch das dortige Gouvernement kräftig unterstützen zu lassen. Ich weiß, daß der Kaiser persönlich der Sache sehr geneigt ist, und sobald sich der König dazu entschließen könnte, ließen sich auf diese Weise die Verhältnisse der Legion am besten ordnen.«

»Der König wird sich schwer an den Gedanken gewöhnen,« sagte Graf Platen, »den gegenwärtigen Verband der Emigranten aufzulösen, aber ich werde das meinige tun, ihn dazu zu bestimmen, und werde Ihnen, sobald das geschehen, Instruktionen darüber senden. Da hat man mir«, fuhr er fort, »vor kurzem schon wieder von einem jener wunderbaren Finanzprojekte gesprochen, welche von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchen und das Vermögen des Königs zum Gegenstand haben. Sie erinnern sich jenes merkwürdigen Mannes,« sagte er, »der vor einem halben Jahre mit Wiener Empfehlungen hierher zu uns geschickt war und sich anheischig machte, die Freigebung des mit Beschlag belegten Vermögens in Berlin zu erreichen, wenn dasselbe zum Ankauf derjenigen österreichischen Staatsdomänen verwendet werden würde, welche die Finanzverwaltung veräußern will, und wenn die österreichische Regierung die Garantie übernähme, daß das in dieser Weise festgelegte Vermögen zu keinen politischen Agitationen verwendet würde.«

»Ich erinnere mich«, sagte der Regierungsrat Meding, »und ich glaube, daß man etwas zu viel und zu lange mit jenem Menschen gesprochen hat, denn die ganze Sache, so viel ich gehört davon, schien mir ein großer Schwindel zu sein.«

»Ganz recht, ganz recht,« sagte Graf Platen schnell, »ich habe auch alle Verhandlungen sogleich abgebrochen, doch jetzt proponiert man dem Könige die Gründung einer Bank, bei welcher der Herzog von Modena, der Graf von Chambord, der Kurfürst von Hessen sich beteiligen sollen. Man stellt goldene Berge in Aussicht, und abermals sind es Personen gewesen, welche in gewisser Weise von Wien aus empfohlen wurden, die mit diesem Projekt an uns herantreten. Ich habe sie indes ebenfalls sofort zurückgewiesen.«

»Vielleicht wäre es gut«, sagte der Regierungsrat Meding nach einem augenblicklichen Nachdenken, »über alle solche Projekte, wenn dieselben von Wien aus hierher gelangen, sofort an entscheidender Stelle dort anzufragen, ob wirklich etwas ernstes dahinter sei oder nicht. Es ist jedenfalls der größte Schaden unserer Sache, wenn dieselbe fortwährend von geheimen und unklaren Agenten umschwirrt wird, welche nur Verwirrungen stiften und außerdem den König und seine Sache in hohem Grade diskreditieren. So ist«, fuhr er fort, indem er Graf Platen gerade und scharf ansah, »gegenwärtig in Paris ein gewisser Graf Breda aufgetaucht, welcher vorgibt, von dem Könige Aufträge zu haben, und besonders in orleanistischen und ultramontanen Kreisen sein Wesen treibt, wodurch er beim Kaiser und der Regierung natürlich nur den Sympathien für den König in hohem Grade schaden kann.«

Graf Platen stand auf, hustete leicht, bedeckte seinen Mund mit der Hand und ging einige Male im Zimmer auf und nieder.

»Graf Breda?« fragte er, wie nachsinnend und in seinem Gedächtnis suchend, »ich erinnere mich, daß hier einmal ein Graf Breda, welcher eine Broschüre schreiben wollte, bei mir gewesen ist. Er wohnte, so viel ich weiß, in Feldkirch und stand mit dem Doktor Klopp in literarischer Verbindung. – Was ist das für ein Mensch? – ich kenne ihn nicht.«

»Ich bin durch die französische Regierung sehr genau über ihn unterrichtet worden,« erwiderte der Regierungsrat Meding; »er war früher in der französischen Diplomatie und zuletzt Sekretär in Stockholm unter Herrn Fournier; wegen einer etwas unklaren Geschichte, welche sich auf katholische Proselytenmacherei bezog, wurde er zur disziplinarischen Untersuchung gezogen und aus dem diplomatischen Dienst entlassen. –

»Sie werden begreifen, wie kompromittierend es für die Sache des Königs ist,« fuhr er fort, »wenn ein Mann mit diesen Antecedentien sich gerade in Paris als Agent Seiner Majestät geriert. Ich glaube, Sie sollten im Interesse der Sache wie in Ihrem eigenen solchen Intriguen energisch entgegentreten.«

»Ich begreife gar nichts davon,« erwiderte Graf Platen mit etwas unsicherer Stimme, – »sollte denn dieser Graf Breda wirklich –«

»Er behauptet«, fiel der Regierungsrat Meding mit festem Ton ein, »vom Könige und von Eurer Exzellenz Aufträge zu besitzen – und soll sogar Vollmachten gezeigt haben – ich habe ihn natürlich auf das allerentschiedenste desavouiert und kann nur dringend bitten, wenn er es wirklich verstanden haben sollte, an irgendeinen Einfluß seinerseits hier glauben zu machen, seine Tätigkeit so schnell als möglich zu beenden. Denken Sie, welchen Eindruck es in Hannover machen müßte, wenn man dort irgendwie erführe, daß der König mit den äußersten ultramontanen Kreisen in Verbindung steht. Ich begreife vollkommen,« fuhr er fort, »daß es Ihnen unter Umständen wünschenswert sein kann, Fäden der verschiedensten Art in Händen zu haben: indes wenn Sie besondere geheime Agenten nach Paris schicken, so wäre es doch notwendig, mich darüber zu informieren, damit ich deren Tätigkeit überwachen und nötigenfalls unterstützen könnte, während ich jetzt gezwungen bin, derartige Personen, wenn sie auftauchen, sofort unschädlich zu machen.«

»Ich weiß in der Tat nicht,« sagte Graf Platen, mit der Hand über seinen Schnurrbart fahrend, indem er das Gesicht nach dem Fenster hinwandte, »was da vorgehen kann. Sollte dieser Breda vielleicht durch Elster –«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte der Regierungsrat Meding, – »Elster mag ihm vielleicht Geld bezahlt haben, aber jedenfalls doch nur auf Anweisungen – wie dem aber auch immer sein möge, ich bin stets genau über das unterrichtet, was er dort treibt, und durchkreuze alle seine Intriguen. Besser aber wäre es gewiß, wenn ich das gar nicht nötig hätte, und bei der schwierigen Stellung, die wir alle nach jeder Richtung hin haben, ist es gewiß vor allem notwendig, daß wir untereinander fest zusammenhalten.«

»Sie können überzeugt sein,« rief Graf Platen lebhaft, »daß ich darin ganz mit Ihnen übereinstimme, und wenn man es unternehmen sollte, hier gegen Sie irgendwie zu intriguieren, so werde ich mit aller Entschiedenheit solche Versuche zu vereiteln wissen.«

Der Graf Georg Platen trat wieder in das Zimmer seines Oheims, er hatte seine Toilette gemacht und sagte:

»Ich bin bereit, lassen Sie uns so schnell als möglich dieses trostlose Hietzing verlassen und nach Wien gehen, um wieder ein wenig Lebensluft einzuatmen und den Humor wieder zu gewinnen, den man hiernach gerade verlieren muß. Wir wollen den Prinzen Philipp von Hanau abholen und werden noch gerade Zeit haben, um vor dem Theater ein kleines vortreffliches Diner beim alten Sacher zu machen.«

»Ich habe mich soeben amüsiert«, sagte der Regierungsrat Meding, »über die verschiedenen Behörden, welche in dem Bureau draußen nebeneinander fungieren – das auswärtige Ministerium, – die Generaladjutantur –« »Und hier sehen Sie«, fiel der Minister ein, indem er auf seinen Neffen deutete, »die Generalordenskommission – das Finanzministerium hat seine eigenen Räume, – es bildet sich eben in dem Exil ein eigentümlicher Mikrokosmus aus.«

»In welchen aber,« sagte Graf Georg, »die Intriguen des großen Staatslebens sich übertragen haben und ebenso eifrig wie dort, wenn auch in kleinlicher Weise, ihr Spiel treiben.«

Der Minister hatte sein blaues Jackett mit einem schwarzen Überrock vertauscht, nahm seinen Hut und stieg mit den beiden andern Herren in den vor der Villa haltenden Wagen, welcher dann schnell durch die Vorstadt von Mariahilf nach Wien hineinfuhr.


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