Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Der Leutnant von Wendenstein, in einen weiten Schlafrock gehüllt, lag in seinem Zimmer auf dem breiten Kanapee vor dem Tisch, auf welchem sein Diener soeben nach deutscher Sitte den duftenden Kaffee mit einigen Weißbrotschnitten und frischer Sahne gestellt hatte.

Der junge Mann war spät in der Nacht nach Hause gekommen und spät aufgestanden. In träumerische Gedanken versunken, betrachtete er ein in zarten Farben gemaltes Miniaturbild in einem Etui von blauem Sammet, das er in der Hand hielt, – dann ließ er dies Bild langsam auf seinen Schoß niedersinken und richtete seinen matten Blick sinnend empor.

»Wenn ich allein bin«, sagte er tief aufseufzend, »und der zauberhafte Glutstrom aus den Augen dieser wunderbaren Frau sich nicht in meine Seele ergießt, – dann erfaßt mich oft eine bange, angstvolle Unruhe, wohin der Weg führen werde, auf dem ich in süßem Rausch trunkenen Glückes dahingerissen werde, – ich denke an die Heimat – an meine Eltern, – an – alles« flüsterte er, das Gesicht mit den Händen bedeckend, – »wie soll ich mich wieder einfügen in den Rahmen jenes engen Lebens, – nachdem die schimmernden, farbenglühenden Bilder dieser großen reichen Welt vor meinem Blick sich erschlossen haben!

»– Und doch war ich so glücklich dort,« – sagte er mit weichem Blick und wehmütigem Lächeln, – »doch mutet mich die Erinnerung oft an wie der frische Atem des kühlen Waldes nach einem Marsch im verzehrenden Sonnenbrand, – wohin will mein Schicksal mich führen?«

Er richtete sich auf und starrte lange in tiefen Gedanken vor sich hin.

»Auf Wiedersehen!« sagte er dann, kaum die Lippen bewegend, – »wie klang dieses trostreiche Schlußwort jenes schönen Abschiedsliedes einst so tief in meiner Seele wieder – so voll Hoffnung und Zuversicht – und jetzt? – auf Wiedersehn!« – sagte er schmerzlich, – »welch' ein Wiedersehn mit all den Gefühlen im Herzen, von denen ich damals noch keine Ahnung hatte in der still gleichmäßigen Ruhe meines Lebens!«

Wie mechanisch schenkte er aus der Maschine von weißem Porzellan den dampfenden Kaffe in seine Tasse, – das Aroma des belebenden Getränkes verbreitete sich im Zimmer. »Wie oft so kleine äußere Dinge ganze Erinnerungsbilder in uns aufsteigen lassen!« sprach er dann träumerisch, indem er die bereits zum Munde gehobene Tasse langsam wieder niedersetzte, – »dieser Duft, läßt so lebhaft das trauliche Wohnzimmer im Pfarrhause vor mir erscheinen, wo Helene für ihren Vater so sorgsam den Kaffee bereitete, – auf den der alte Herr so großen Wert legte« – sagte er still vor sich hin lächelnd, – »und sie machte das alles so geschickt und anmutig und lächelte so glücklich dabei, – und dann später – später, – ach mein Gott,« rief er laut, – »warum bin ich nicht in jenem so still beschränkten Kreise geblieben, – warum hat mich mein Schicksal in die Welt hinausgetrieben und in den Frieden meiner Seele diesen Kampf und Zwiespalt geworfen?«

»Und doch« – sagte er dann, indem er das Bild wieder ergriff und seinen brennenden Blick wieder darauf ruhen ließ – »kann ich wünschen, die glühende, berauschende Wonne nicht kennen gelernt zu haben, welche aus den Augen und von den Lippen dieser Frau strömt, die geschaffen ist, um Geist, Herz und Sinne in wirbelndem Entzücken fortzureißen?« –

Laute Worte, freudige Ausrufe ertönten im Vorzimmer, – schnell wurde die Tür geöffnet und der Diener des Herrn von Wendenstein trat ein:

»Fritz Deyke aus Blechow«, rief er – »ist draußen und wünscht den Herrn Leutnant zu sprechen.«

Der junge Mann hatte schnell das Bild auf den Tisch geworfen, – ein flüchtiges Rot flog über sein Gesicht, – mit einem Ruf freudigen Erstaunens, in welchem sich ein leiser Ausdruck verlegener Befangenheit mischte, sprang er auf und eilte nach der Tür.

Bereits war der junge Bauer eingetreten; er trug bürgerliche Kleider und sah stattlich in der ungewohnten Tracht aus – sein kräftiges, gerötetes Gesicht aber war ernst und fast streng, und finster blickten seine treuen blauen Augen, die sonst so heiter und klar in die Welt schauten, als er in militärischer Haltung sich aufrichtend den Leutnant begrüßte.

Dieser war mit einem Sprunge bei ihm, drückte ihn in lebhafter Bewegung an seine Brust und schüttelte ihm dann kräftig die Hand, während er mit innigen Blicken in seine Augen sah.

»Fritz, alter Freund,« rief er herzlich, – »Du hast mir das Leben gerettet, du hast mich der Freiheit erhalten, – du bist der beste, der treueste Freund, den ich habe, – was soll das heißen; dich hier mit militärischen Honneurs aufzustellen? – davon kann zwischen uns doch wahrhaftig keine Rede sein, – du siehst prächtig aus, – du bist stärker geworden, – du wirst wohl bald Bauermeister werden, – was macht deine Frau – und dein kleiner Sohn?«

So sprach und fragte er in schneller Folge und wieder schüttelte er dem jungen Bauern die Hand, – immerfort blickte er in dies altbekannte treue Gesicht, das ihm all die lieben Erinnerungen, die soeben in träumerischen Bildern durch seine Seele gezogen waren, so lebendig und frisch wieder vor Augen stellte.

Fast schien es ihm, wenn er in dies Gesicht sah, als sei die ganze Zeit, welche ihn von der Vergangenheit trennte, nur eine flüchtig vorüberhuschende Vision gewesen, und als müsse er nun an der Hand dieses lebendigen Zeugen jener schönen Vergangenheit sein früheres Leben wieder unmittelbar da anknüpfen, wo er es verlassen. Unwillkürlich entrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust.

Fritz Deyke hatte bei der herzlichen Begrüßung des Leutnants und bei der warmen Innigkeit, welche in seinem Ton wie in seinen Worten lag, seine ernste, strenge und feierliche Miene nicht festhalten können.

Kräftig erwiderte er den Händedruck des Offiziers, und mit liebevoller Teilnahme ruhte sein Blick auf dem jungen Manne, den er von früher Jugend an stets als Muster und Vorbild anzusehen gewohnt war. Wehmütig zuckte es um seine Lippen, als er die bleichen, matten Züge und die tiefliegenden, etwas müden Augen des Herrn von Wendenstein sah.

»Der Herr Leutnant finden, daß ich stärker geworden bin. Zu Hause sagt man mir das auch, das kommt von der Pflege meiner kleinen Frau, – aber der Herr Leutnant sehen nicht so gut aus als früher, – der Herr Leutnant gefallen mir gar nicht«, fügte er hinzu, indem sein Gesicht wieder den ernsten und strengen Ausdruck annahm.

Abermals seufzte Herr von Wendenstein tief auf, – er schlug einen Augenblick die Augen nieder, führte dann den jungen Bauern nach seinem Frühstückstisch hin, drückte ihn in einen Lehnstuhl nieder und befahl seinem Diener, während er sich selbst wieder auf das Kanapee setzte, noch eine Tasse zu bringen.

»Und nun laß uns plaudern, mein alter Freund«, sagte er, indem er seinem Gast den Kaffee servierte und eine Zigarre reichte. »Erzähle mir, was dich hierher geführt, daß du so plötzlich und unerwartet hier in mein Zimmer trittst, und wie es zu Hause geht bei meinen Eltern in Hannover und – in Blechow«, fügte er mit etwas unsicherer Stimme hinzu.

»In Hannover bin ich nicht gewesen,« sagte Fritz Deyke, indem er vorsichtig an seiner Tasse nippte, »aber soweit wir Nachrichten erhalten haben, geht es dem Herrn Oberamtmann und der gnädigen Frau Mutter ganz wohl. Bei uns aber in Blechow,« fuhr er fort, indem er seine Tasse zurückschob, und den Blick starr auf den Leutnant richtete, »bei uns geht es nicht gut – gar nicht gut – bei uns geht es sehr traurig,« sagte er mit einem leisen Beben der Stimme – »sehr traurig, und ich glaube nicht, daß der Herr Leutnant das so wissen. Deshalb bin ich gekommen, um es Ihnen zu sagen, daß etwas geschehen muß, damit ein großes, großes Unglück verhütet werde.«

»Mein Gott,« rief Herr von Wendenstein erschrocken, indem eine dunkle Röte sein Gesicht überzog. »Was ist geschehen? Welch ein Unglück soll verhütet werden?« – und abermals schlug er vor dem festen, forschenden Blick des jungen Bauern die Augen nieder.

»Es ist geschehen,« sagte Fritz Deyke mit rauhem Ton, unter dem sich eine tiefe innere Bewegung verbarg, »daß Fräulein Helene krank ist, sehr krank, und es gilt, zu verhüten, daß sie stirbt – wenn das überhaupt noch zu verhüten ist«, fügte er leise flüsternd hinzu.

Tief erbleichend, mit großen, weit geöffneten Augen sah ihn der Leutnant an. »Helene krank«, sagte er mit zitternder Stimme, – »ich weiß, daß ihr Brustleiden noch nicht weichen will, daß ein hartnäckiger Husten sie quält, daß sie deshalb eine Luftveränderung versuchen, daß sie vielleicht nach der Schweiz oder nach Nizza gehen soll, aber daß das so ernst, so gefährlich ist, wußte ich nicht. Das hat sie mir nicht geschrieben, – das hat mir niemand geschrieben«, sagte er vor sich hinstarrend, als ob plötzlich ein Abgrund sich vor seinem Blick geöffnet hätte.

»Es ist so gefährlich,« sagte Fritz Deyke mit schmerzlichem Ausdruck, »daß Fräulein Helene schon zweimal einen heftigen Blutsturz gehabt hat, daß sie fast zum Skelett abgemagert ist, daß sie kaum noch gehen und sprechen kann, und daß, wenn nicht etwas Ernstes geschieht und schnell geschieht, ich für ihr Leben nicht mehr vier Wochen lang stehen möchte.«

»Das ist ja entsetzlich!« rief Herr von Wendenstein – »aber woher, – mein Gott?«

– »Woher?« fiel Fritz Deyke laut ein, indem ein bitterer Zug sich um seinen Mund legte und sein flammender Blick sich zürnend auf den Leutnant richtete, »woher das gekommen ist? – weil Fräulein Helene sich grämt, weil der Kummer ihr das Herz zerfrißt, weil sie auf kein Glück auf Erden mehr hofft – darum hat ihre Natur die Kraft nicht, der Krankheit zu widerstehen.«

»Aber«, sagte der Leutnant mit bebender Stimme, »diese Trennung – sie mußte ja sein, die Verhältnisse des Schicksals haben mich fortgeführt, diese Zeit muß überwunden werden, die Zukunft –«

»Welche Zukunft?« fragte Fritz Deyke. – »Die Trennung,« fuhr er fort, »die äußere Trennung hat Fräulein Helene so stark und mutig ertragen, wie es nur möglich war. Aber was sie nicht hat ertragen können, was ihr das Herz gebrochen hat,« fuhr er immer lauter, immer härter seine Worte betonend, fort, »das ist, daß die äußere Trennung auch das Band zerschnitten hat, an welches ihr Lebensglück sich knüpfte, daß die äußere Trennung, welche die Herzen noch fester aneinander ketten sollte in gemeinsamem Leid und in gemeinsamer Hoffnung, auch die Liebe getötet hat und die Treue gebrochen.« »Ich verstehe dich nicht«, sagte der Leutnant, indem er versuchte, den unsicheren Blick zu dem jungen Bauern zu erheben, welcher nicht mehr wie früher in dem Ton achtungsvoller Ehrerbietung zu ihm sprach, sondern ihm gegenüber saß wie ein mahnender und strafender Richter.

»Der Herr Leutnant verstehen mich ganz gut,« sagte Fritz Deyke, »der Herr Leutnant wissen, daß Sie keinen treueren Freund auf Erden haben als mich. Ich habe Sie vom Schlachtfelde fortgetragen, wo Sie elend gestorben wären, wenn ich Sie nicht aufgesucht hätte – das war meine Pflicht und Schuldigkeit, und ich sage das nicht, um mir ein Verdienst daraus zu machen. Aber wenn es meine Pflicht war, wenn mir Gott geholfen hat, Sie vom leiblichen Tod zu retten, so ist es mir noch eine höhere Pflicht, Sie vor Schlimmerem zu retten, vor der Schlechtigkeit, vor ewigen Gewissensbissen, die schlimmer sein würden als der Tod.«

Der Leutnant wollte antworten – Fritz Deyke erhob mit einer einfachen Bewegung voll natürlicher Würde die Hand – Herr von Wendenstein ließ schweigend mit einem tiefen Atemzug das Haupt auf die Brust sinken.

»Wie es mir einst gelungen ist,« fuhr Fritz Deyke fort, »Ihren verwundeten Körper aus dem blutigen Leichenhaufen des Schlachtfeldes wieder zum Leben zu retten, so will ich jetzt Ihre Seele retten vor dem Abgrund, aus dem sie sich nie wieder erheben würde. Dazu bin ich hergekommen, weil ich nicht denken kann, daß das einfache Wort Ihres alten treuen Freundes nicht seinen Weg zu Ihrem Herzen finden sollte, weil ich nicht glauben will, daß Sie nicht umkehren würden, wenn Sie so recht wüßten, welches Unheil Sie angerichtet und wie Sie das Herz Ihrer Braut quälen und in den Tod jagen.«

Der Leutnant sank auf die Lehne seines Kanapees zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Lange schon,« fuhr der junge Bauer fort, indem seine Stimme, frei von jeder Befangenheit, immer voller und metallischer klang, – »lange schon hat Fräulein Helene gefühlt, daß aus Ihren Briefen nicht mehr die alte Liebe sprach, sie hat das schwer empfunden, aber ihr Herz hat Sie immer verteidigt, und sie hat sich das alles erklärt oder erklären wollen durch die Unruhe des bewegten Lebens, das Sie umgibt, bis sie endlich die Gewißheit erlangt hat, daß Sie sie vergessen haben, daß Sie Ihre Liebe und Ihre Treue einer anderen Frau geopfert haben, welche, das weiß ich gewiß, weder so gut ist wie sie, noch Sie so warm und so aufopfernd lieben kann. Das ist schlecht, Herr Leutnant,« fuhr er fort, »o es ist traurig, sehr traurig, daß ich Ihnen das sagen muß! Aber es ist die Wahrheit, und wer soll Ihnen die Wahrheit sagen, wenn ich es nicht tue. Ihr Freund, der für Sie durchs Feuer geht, der jeden Augenblick für Sie sein Leben lassen würde und dem Sie einst danken werden, daß ich jetzt harte Worte zu Ihnen spreche, um Sie zu Ihrem wahren Glück zurückzuführen – seien Sie mir nicht böse, Herr Leutnant,« fügte er mit weichem, innigem Ton hinzu, indem er langsam die Hand des jungen Offiziers von dessen Gesicht herabzog und sie innig zwischen den seinigen drückte. – »Ich meine es so gut wie niemand auf Erden mit Ihnen, und denken Sie, daß es in diesem Augenblick die Stimme Gottes ist, welche aus meinem Munde zu Ihnen spricht. Denken Sie an die Vergangenheit, denken Sie an Langensalza, denken Sie an das alte liebe Blechow, an Ihre Frau Mutter, an den Herrn Oberamtmann.« –

Der Leutnant sprang empor. In tiefer Bewegung ging er im Zimmer auf und nieder. Ein heftiger innerer Kampf malte sich auf seinem Gesicht.

Mit innigem, warmem Blick folgte ihm der junge Bauer.

»Fritz, mein guter Fritz«, rief Herr von Wendenstein endlich, vor ihm stehenbleibend. »Du treue Seele – woher hat sie erfahren?« –

»Der Kandidat«, erwiderte Fritz Deyke – »Gott mag ihm verzeihen, was er getan – er hat ihr ein Bild mitgebracht, – ein Bild von Ihnen, wie Sie zu den Füßen einer schönen Dame knien –«

»Dies Bild,« rief der Leutnant entsetzt – »dies Bild – der Kandidat – oh, das muß sie töten!«

»Sie hat lange mit dem Tode gerungen«, sagte Fritz Deyke, »und sie wird sterben, wenn Sie sie nicht retten, Sie allein, Ihre Liebe allein kann dies arme gebrochene Herz dem Leben wiedergeben, – dies edle Herz,« fuhr er fort, indem sein Blick sich mit Tränen füllte, »das Ihnen nicht einmal Vorwürfe macht, das Sie nicht einmal wissen lassen will, was es leidet – Fräulein Helene hat ihren Vater gebeten, ihre Verlobung aufzulösen. Sie will Ihnen die Freiheit wiedergeben, sie will allein und einsam ihr kummervolles Leben beenden.«

»Allmächtiger Gott,« rief der Leutnant, »dahin ist es gekommen!«

Fritz Deyke ließ seinen Blick über den Tisch gleiten, rasch ergriff er das Miniaturbild in dem blauen Etui, welches der Leutnant vorher da hinlegte. Mit einer Bewegung, als überwinde er einen inneren Widerwillen, hielt er das Bild Herrn von Wendenstein hin.

»Sehen Sie, Herr Leutnant,« sagte er, »sehen Sie diese Augen an, sehen Sie das Lächeln dieses Mundes und dann denken Sie an Fräulein Helenens liebes, treues Gesicht! Denken Sie, ob diese da« – er warf das Bild mit einer verächtlichen Bewegung auf den Tisch, – »an Ihrem Krankenbett gesessen haben würde, ob die Gebete dieser Frau Gott gerührt hätten, daß er Sie von den Grenzen des Todes zurückführte!«

»O warum,« rief der Leutnant, »warum hat das Schicksal mich aus meinem stillen Frieden herausgerissen – warum hat es mich vor diese Prüfung gestellt, in der es übermenschlicher Kraft bedurft hätte, um nicht schuldig zu werden?!«

»Der Herr Graf von Rivero«, meldete der eintretende Kammerdiener.

»Mein Gott, jetzt, in diesem Augenblick!« sagte der Leutnant, – »hast du dem Grafen gesagt, daß ich zu Hause wäre?«

Der Herr Leutnant haben mir nichts anderes befohlen.«

»Ich kann ihn nicht abweisen«, sprach Herr von Wendenstein, indem er seinem Diener einen Wink gab, und mühsam seine Verwirrung unterdrückend ging er dem Grafen Rivero entgegen, welcher ruhig und sicher in das Zimmer trat und ihn mit mehr Herzlichkeit begrüßte, als sonst in seiner kalten und etwas abwehrenden Höflichkeit zu liegen pflegte.

»Ich muß einen vorübergehenden Aufenthalt in Paris benutzen,« sagte der Graf, »um Ihre Bekanntschaft zu erneuern und mich ein wenig zu erkundigen, wie es mit Ihren persönlichen und Ihren politischen Angelegenheiten steht, die mir ein so aufrichtiges Interesse eingeflößt haben.«

»Es hat sich in beiden nichts verändert,« sagte Herr von Wendenstein, »ich bin noch immer der heimatlose Verbannte und auch für meinen König zeigt sich noch wenig Aussicht auf die Möglichkeit, sein Recht wieder geltend zu machen – die neuesten Ereignisse scheinen diese Möglichkeit noch weiter hinauszuschieben,« fuhr er fort, »in unserer Lage muß man sich daran gewöhnen, ruhig zu warten.«

»Nehmen Sie meine Frage nicht für Neugier,« sagte der Graf, »ich habe für Ihre Sache und für Ihre Person die wärmste Sympathie, und ich hätte besonders mit Ihnen gern ausführlich gesprochen, wenn Ihnen anders«, fügte er hinzu, »an dem Rat eines erfahrenen Mannes, der die Welt kennt und sich von allen Illusionen freigemacht hat, etwas liegen kann.«

Er warf einen fragenden Blick auf Fritz Deyke.

»Ein früherer hannöverischer Soldat, Herr Graf«, sagte Herr von Wendenstein, während Fritz sich in militärischer Haltung aufrichtete. »Ein Jugendfreund aus meiner Heimat, der mir das Leben gerettet hat und dessen treuem Beistand ich auch meine Freiheit verdanke.«

»Der Graf ließ seinen Blick voll wohlwollender Freundlichkeit auf Fritz Deyke ruhen, dessen ganze Erscheinung ihn sympathisch zu berühren schien, und sagte:

»Ich habe vor allen hannöverischen Soldaten, die sich so heldenmütig geschlagen, die größte Hochachtung und freue mich von Herzen, einen derselben hier kennen zu lernen.«

Herr von Wendenstein rollte einen Sessel für den Grafen heran.

Eine kleine Pause entstand, der Graf schien zu erwarten, daß Fritz Deyke ihn mit dem jungen Offizier allein lassen würde.

Fritz Deyke stand einen Augenblick unschlüssig, widerstrebende Gedanken schienen in ihm miteinander zu kämpfen – endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Rasch trat er einen Schritt näher zu dem Grafen heran und sprach, während der Leutnant ihn erstaunt, fast erschrocken ansah:

»Herr Graf, Sie sprechen meine Muttersprache, das gibt mir Vertrauen zu Ihnen, ich glaube, daß Sie ein Freund meines Leutnants sind –«

»Ich hoffe,« sagte der Graf, der nicht recht zu wissen schien, was er aus dieser Anrede machen sollte, »daß Herr von Wendenstein mir die Ehre erzeigt, mich zu seinen Freunden zu rechnen.«

Herr von Wendenstein verbeugte sich leicht gegen den Grafen Rivero und blickte dann abermals mit unruhiger Erwartung auf Fritz Deyke.

»Wenn Sie der Freund des Herrn Leutnants sind,« fuhr dieser fort, »so können Sie auch hören, was ich ihm zu sagen habe. »Ja, Sie sollen es hören,« sprach er lebhafter, »und wenn mein Wort nicht die Kraft hat, zu seinem Herzen zu dringen, so sollen Sie mir beistehen. Sie werden das alles noch besser und eindringlicher sagen können, was ich vielleicht nicht ganz richtig auszudrücken weiß.«

»Ich bitte dich, Fritz,« rief Herr von Wendenstein, »wie kannst du dem Herrn Grafen –«

»Sprechen Sie«, sagte der Graf in freundlich aufmunterndem Ton, »und seien Sie überzeugt, daß ich mit Freuden jede Gelegenheit ergreifen werde, um meine Gesinnungen gegen Ihren Offizier zu betätigen.«

»Sehen Sie, Herr Graf,« sagte Fritz Deyke, indem er noch einen Schritt vortrat, »es kommt darauf an, meinen lieben jungen Herrn, für den ich meinen letzten Blutstropfen geben möchte, von schwerer Verirrung und Sünde zu retten. Er hat dort in der Heimat eine Braut zurückgelassen, die ihn so sehr liebt, deren eins und alles er auf Erden ist, und nun ist er hier bestrickt und verzaubert von irgend einer dieser schönen Pariser Damen, die ich nicht kenne, aber von der ich gewiß weiß, daß sie weit nicht so viel wert ist, wie Fräulein Helene, und Fräulein Helene, Herr Graf, ist ein Engel an Sanftmut und Güte und Treue, und Herr Graf, sie wird sterben, wenn sie seine Liebe verliert, – das einzige, was sie auf Erden hat, ihr Herz ist schon gebrochen, ihr Körper ist zerrüttet. Oh, wenn Sie sie einmal hätten sehen können mit dem matten Blick, mit den eingefallenen Wangen und doch mit dem frommen, still ergebenen Lächeln auf den Lippen, wie sie ihr armes krankes Leben doch noch ihrer Liebe aufopfern, wie sie still und schweigend verschwinden und in den Tod gehen will, indem sie für den betet, den sie so sehr liebte und der sie vergessen hat! Wenn Sie das gesehen hätten, Herr Graf, Sie würden mir beistehen, um den Leutnant zu befreien aus den Schlingen dieser Dame, die ihn umgarnt hat,« in unwillkürlicher Bewegung ergriff er das Bild auf dem Tisch und hielt es dem Grafen vor – »diese Dame«, sagte er bitter und zornig, »hat gewiß so viel in der Welt, sie wird ihn leicht vergessen, sie wird täglich Ersatz finden können. Aber Fräulein Helene, Herr Graf, hat nichts als ihn, und wenn sie so stirbt mit gebrochenem, verzweifelndem Herzen, so wird ihr selbst der Trost im Tode fehlen, einst dort oben den wieder zu sehen, der ihr alles auf Erden war. –

»– Sie müssen mir beistehen, Herr Graf,« fuhr er in dringendem, bittendem Tone fort, ohne auf die Blicke und Winke des Herrn von Wendenstein zu achten, der in äußerster Verlegenheit, kämpfend mit den wogenden Gefühlen, die ihn bewegten, dasaß, – »Sie müssen mir beistehen, wenn Sie der Freund meines Leutnants sind, – denn er wird niemals wieder Ruhe und Frieden finden, wenn Fräulein Helene so vor Gram und Kummer dahinsterben sollte – sie ist ja doch mehr wert als diese Dame –«

Der Graf hatte immer ernster den Worten dieses jungen Menschen zugehört, der in so natürlicher Einfachheit mit der Beredsamkeit des vollen, überfließenden Herzens zu ihm sprach, – er hatte voll tiefen Mitleids auf Herrn von Wendenstein hingeblickt, der, bleich und zitternd, Fritz Deyke nicht zu unterbrechen wagte, – als er das Bild der Marchesa erblickte, zuckte es wie flammendes Wetterleuchten in seinen Augen, zornig bebten seine Lippen, – dann aber ließ er den Kopf auf die Brust niedersinken, wie gebrochen bog sich seine schlanke, sonst so stolz aufgerichtete Gestalt zusammen, tief seufzte er auf und ein leiser, klagender Ton drang aus seinem Munde.

»Ich bitte Sie, Herr Graf,« sagte Herr von Wendenstein mit fast tonloser Stimme, als Fritz Deyke innehielt, – »ich bitte Sie um Verzeihung, daß mein Landsmann hier Sie mit so rein persönlichen Angelegenheiten behelligt, – er hat gewiß die beste Absicht, – das Vertrauen zu Ihnen –«

»Ja, bei Gott, sie ist mehr wert,« rief der Graf, düster aufblickend, ohne auf die Worte des jungen Offiziers zu achten, – »sie ist mehr wert, und jede Träne, die ihr Auge geweint hat, fällt wie ein glühendes Verdammungsurteil auf mein Herz, – denn ich,« sprach er leise, – »ich bin es gewesen, der diesen Armen jenem dämonischen Weibe überliefert, – der das Glück und den Frieden zweier Menschen zerstört hat.«

Und in finsterem Schweigen starrte er vor sich hin, indem er die gefalteten Hände an seine Brust preßte.

Herr von Wendenstein blickte ihn erstaunt an, er konnte sich diese heftige Bewegung des sonst so kalten, ruhigen und sicheren Weltmannes nicht erklären, – Fritz Deykes Augen ruhten mit banger Erwartung forschend auf dem Grafen, – er kannte die große Welt und ihre Formen nicht, – er sah diesen Mann zum ersten Male, – aber er begriff, daß er mit seinen Worten das Herz desselben getroffen hatte, daß er bei ihm Beistand finden würde, um seinen Leutnant von dem Abgrund zurückzuführen, an dessen Rand er stand.

Er trat ganz nahe zu dem Grafen heran und sprach mit treuherzigem Ton:

»Ich sehe, Herr Graf, daß Sie an meinem jungen Herrn Anteil nehmen, – ich sehe, daß Sie ein gefühlvolles Herz haben, – Sie werden mir helfen, ihn zu retten, – ich bin nur ein einfacher Bauer, – Sie sind ein hoher, vornehmer Herr, aber ein gutes Werk zu tun, können sich ja die Höchsten und die Niedrigsten verbinden, und meinen jungen Herrn zu seinem wahren Glück zurückzuführen, ihn vor ewigen Gewissensqualen zu bewahren, das ist ein gutes Werk, – das ist ein wahrer Gottesdienst.« »Das ist es beim Himmel!« rief der Graf von Rivero, indem er aufstand und Fritz Deyke die Hand reichte, – »und ich will Ihnen helfen – Gott möge verhüten, daß noch ein Opfer diesem finstern Dämon verfalle, den ich als Werkzeug im Dienst einer heiligen Sache glaubte gebrauchen zu können« – fügte er leise hinzu.

Dann trat er schnell zu dem Tisch, ergriff das Etui mit dem Farbenbilde, und indem er sich hoch aufrichtete und dieses Bild mit den so schönen lächelnden Zügen Herrn von Wendenstein entgegenhielt, sprach er mit tiefer, wohlklingender Stimme:

»Sie sind einem dämonischen Zauber verfallen, mein junger Freund, dem Zauber eines Wesens, das durch die Zulassung Gottes aus den Tiefen der Hölle heraufgestiegen zu sein scheint, um menschliche Seelen zu verderben und menschliches Glück zu zerstören, wohin immer sie ihre fluchbeladene Hand ausstreckt.«

Auf seinem Stuhl in sich zusammengesunken, starrte Herr von Wendenstein den Grafen bleich und unbeweglich an, während Fritz Deyke mit leuchtenden Blicken, das Gesicht von dankbarer Freude belebt, an den Lippen des Sprechenden hing.

»Kein Vorwurf soll Sie treffen,« fuhr der Graf fort, – »der Zauber, der Sie bestrickt, hat schon viele vor Ihnen in seinen Bann gezogen –«

Herr von Wendenstein zuckte zusammen und preßte die Hand auf sein Herz.

»– Und jedesmal«, fuhr der Graf fort, »ist Unheil, Tod und Verderben der Berührung dieser Frau gefolgt, deren Blick bestimmt zu sein scheint, alles, was licht und rein ist, in dunkle Finsternis versinken zu lassen, – kein Vorwurf soll Sie treffen,« sprach er düster weiter, – »ich habe in vermessener Überhebung geglaubt, die verhängnisvollen Gaben, mit denen dies Weib ausgestattet ist, für große und heilige Zwecke, die mein Leben erfüllten, nutzbar machen zu können, – meine Vermessenheit ist hart bestraft – auf mich falle alle Schuld, – aber meine heilige Pflicht ist es, den Bann zu brechen, dem Sie verfallen sind, – und, Gott sei Dank,« fuhr er fort, –« ich habe die Macht dazu. ich kann Ihnen das wahre Bild zeigen, das hinter dieser täuschenden Maske sich birgt, – ein Blick auf dieses Bild aber wird genügen, um Sie mit Schaudern sich abwenden zu lassen von dem Wege des sichern Verderbens, auf den Sie hingerissen sind.«

Er trat unmittelbar zu Herrn von Wendenstein heran und sprach mit gedämpfter Stimme, indem er den jungen Mann unter der Gewalt seines dunkel glühenden Blickes hielt:

»Wissen Sie, wer diese Marchesa Pallanzoni ist, die Sie hier mit allem Reiz der Schönheit, des Reichtums und eines großen Namens umgeben sehen, deren Geist Sie blendet, – deren Liebe Sie berauscht?«

»Diese Frau hat alle Tiefen des Lasters und der Erniedrigung durchmessen,« sprach er nach einem augenblicklichen Schweigen, – »sie hat die Liebe, welche sie Ihnen jetzt heuchelt, verkauft an den ersten Besten, den sie fand, um hohen und geringen Preis, wie es ihr gelang, – sie ist der öffentlichen Gerechtigkeit verfallen und hat – den geringsten Teil ihrer Verbrechen freilich – im Strafgefängnis gebüßt, – sie ist die Gattin eines Betrügers und Wechselfälschers geworden, der es vorzog, aus dem Leben zu scheiden, um der Schande zu entgehen, – sie hat mit kaltem Vorbedacht ein reines Wesen, das ihren Haß und ihre Eifersucht erregte, auf grausame und entsetzliche Weise morden wollen, – und ihre Schuld war es nicht, daß ihr teuflischer Plan nicht gelang, – sie hat einen jungen Mann, ein gutes, vertrauensvolles Herz kaltblütig in den Tod gejagt, – und sie wird auch Sie verderben, – wenn Sie sich ihrem furchtbaren Einfluß nicht entziehen!«

Der Graf schwieg.

Herr von Wendenstein hatte immerfort starr und unbeweglich seinen Worten zugehört, wie abwehrend erhob er die Hände, als wolle er ein vor ihm aufsteigendes Gespenst zurückdrängen.

»Ich kann Ihnen für alles, was ich gesagt,« fuhr der Graf Rivero fort, »den Beweis, den unwiderleglichen Beweis liefern, – ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß alles die Wahrheit ist, die Wahrheit, welche nur das enthält, was mir über die Verbrechen dieser Frau bekannt ist, deren Leben ohne Zweifel noch Abgründe birgt, in welche auch mein Blick nicht hat dringen können.«

Herr von Wendenstein stand auf. Fast schwankend, mit unsicheren Schritten näherte er sich Fritz Deyke, – er legte den Arm um die Schultern des jungen Bauern und blickte ihm in die Augen, dann erbebte sein ganzer Körper in fast konvulsivischen Zuckungen, Tränen stürzten aus seinen Augen und ein lautes Schluchzen, noch heftiger durch die Anstrengung, die er machte, um es zu unterdrücken, brach aus seiner schwer arbeitenden Brust hervor. »Helene, meine arme Helene!« rief er, die abgebrochenen Worte einzeln hervorstoßend, – »ich habe sie getötet – sie, die mein Leben gehütet, als ich mit dem Tode rang, – Fritz – sage mir, – sage mir die Wahrheit, – ist sie noch zu retten, – oder bin ich verurteilt zu ewiger Verzweiflung?«

Er lehnte seinen Kopf wie betäubt an die Brust des jungen Bauern, der mit liebevoller Sorge auf ihn herabsah und dann wie Hilfe suchend nach dem Grafen Rivero hinüberblickte.

Der Graf trat heran und berührte leicht den Arm des Herrn von Wendenstein.

»Fassen Sie Mut, mein junger Freund,« sagte er mit weicher Stimme, »noch ist nicht alles verloren, danken Sie diesem treuen Freunde, – danken Sie der Fügung, welche mich in diesem Augenblick hierher geführt hat, um Ihnen die Augen zu öffnen, – alles kann wieder gut werden – und ich verspreche Ihnen, meine ganze Kraft zu Ihrem Beistand aufzubieten!«

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, in dem er sich aufrichtete und mit tieftraurigem Blick dem Grafen die Hand reichte, – »Sie sind durch einen Zufall, – einen glücklichen Zufall«, fügte er mit freundlich wehmütigem Lächeln hinzu, »tief in die innersten Verhältnisse meines Lebens eingeweiht, – Sie haben die finstern Tiefen des Abgrundes beleuchtet, der sich vor mir öffnet, – raten Sie mir, Sie kennen ja die Welt so viel mehr und so viel länger als ich, – mein Kopf verwirrt sich, mein Blick ist nicht imstande, einen Weg der Rettung zu erkennen.« »Wollen Sie sich meiner Führung überlassen?« fragte der Graf mit liebevoller Teilnahme.

»Führen Sie mich,« erwiderte Herr von Wendenstein, – »ein so furchtbares Erwachen aus so langem, betäubendem Traum, wie ich ihn geträumt, bricht die eigene Kraft und den eigenen Entschluß und läßt die starke, leitende Hand um so dankbarer erfassen.«

»So geben Sie mir zunächst Ihr Ehrenwort,« sprach der Graf ernst, »daß Sie jene Frau niemals wiedersehen wollen, – daß Sie jede Annäherung, die sie versuchen möchte, zurückweisen werden –«

»Herr Graf,« rief der junge Mann, – »Sie könnten glauben, daß ich –«

»Sie kennen die höllische Geschicklichkeit jener Frau nicht, wie ich,« fiel der Graf ein, – »Sie kennen noch alle die Mittel der Verführung und Überredung nicht, über die sie gebietet, – und wenn Sie sie wiedersehen –«

»Sie haben ein Recht, meiner Kraft zu mißtrauen,« sagte Herr von Wendenstein, die Augen niederschlagend, – »ich gebe mein Ehrenwort, wie Sie es verlangt haben.«

»Und ich,« rief Fritz Deyke mit funkelnden Augen – »ich werde die Türe des Herrn Leutnants bewachen, – ich werde nicht von seiner Seite weichen und bei Gott im Himmel,« sagte er, die Zähne zusammenpressend und die geballte Faust erhebend, »ehe dieses Weib ein Wort zu ihm spricht, werde ich sie mit meinen Händen zerreißen!«

»Dann«, fuhr der Graf fort, »müssen Sie sobald als möglich Paris verlassen und zu derjenigen zurückkehren, welche der Gram dem Tode zuführt und bei der auch Sie die volle Heilung Ihrer Seele wiederfinden werden.«

»Hurrah!« rief Fritz Deyke mit glückstrahlendem Gesicht und jubelndem Ton, – »das ist ein gutes Wort, Herr Graf, – das ist recht, daß Sie das sagen, – ich sehe Sie heute zum ersten Male,« fügte er etwas zurückhaltend hinzu, wie erschrocken über seinen heftigen Ausbruch, – »aber bei Gott – Sie sind ein braver Mann, und wenn Sie jemals einen Freund brauchen für einen schweren und gefährlichen Dienst, – so rufen Sie mich – und ich werde kommen, so weit Sie auch von mir sein mögen.«

»Zurückkehren?« sagte Herr von Wendenstein, – »Sie wissen, Herr Graf, daß ich ein Verbannter bin. – daß ich als Hochverräter verurteilt bin.«

Ernst sprach der Graf:

»Und wenn Ihr Weg Sie unmittelbar in den Kerker führte, so dürfen Sie nicht zögern, – es handelt sich um das Leben derjenigen, die Sie liebt, – und die Sie ebenfalls lieben, die Sie trotz Ihrer Verirrung nie aufgehört haben zu lieben, – es handelt sich nicht nur um ihr Leben, sondern um die Ruhe ihrer Seele, um den Frieden ihres Herzens –«

»Oh, nicht aus Furcht für mich würde ich zögern,« rief Herr von Wendenstein, indem eine helle Röte in seinem Gesicht aufflammte, – »aber würde der Kummer über meine lange Kerkerhaft jenes schon so leidende Herz nicht vollends brechen?«

»Jenes kranke Herz«, sagte der Graf, »wird gesunden, wenn es Ihre Liebe, die es verloren glaubte, wieder findet, – auch bin ich überzeugt, daß Sie wenig zu befürchten haben, wenn Sie freiwillig zurückkehren; wenn Sie Ihren Prozeß wieder aufnehmen lassen, so wird man jetzt Sie kaum Ihrer Freiheit berauben, und wenn Sie wirklich verurteilt werden, wird man Sie begnadigen, – die Verhältnisse sind andere geworden und ich bin überzeugt, daß, wenn Sie sich an die hiesige Gesandtschaft wenden –«

»Ich sollte meinen König, – meine Kameraden verlassen!« rief Herr von Wendenstein.

»Sie dürfen in diesem Augenblick nur einen Gedanken haben,« sprach Graf Rivero, – »das ist Ihre sterbende Braut, der Ihre Gegenwart das Leben wieder geben kann. – Ist es Ihrem Könige beschieden, sein Recht wieder zu erkämpfen, so wird ein Arm mehr oder weniger dazu nichts beitragen, – für die Sache Ihres Königs sind Sie ein einzelner Mensch, – für Ihre Braut sind Sie eine Welt, – eine Welt des Glückes, der Liebe – des Glaubens! – Lassen Sie mich alle Schritte für Sie tun, – ich habe viele Beziehungen, viele Freunde, – ich möchte fast mit Gewißheit Ihre Rückkehr ohne lästige Verfolgungen zu erwirken versprechen – nur schweigen Sie gegen jedermann und überlassen Sie mir die Führung Ihrer Sache.«

»Handeln Sie, Herr Graf, wie Sie wollen,« sagte Herr von Wendenstein, – »man wird mich verachten, meine Freunde werden mich für einen Verräter halten,« fügte er traurig hinzu, – »doch das mag die Sühne sein für meine Verirrung, – bin ich doch ein Verräter gewesen an dem treuen, liebevollen Herzen meiner Helene!«

»Niemand wird Sie verachten, Herr Leutnant,« rief Fritz Deyke, »niemand wird Sie für einen Verräter halten, – jeder weiß, daß Sie gelitten haben für die Sache des Königs und daß Sie gelitten haben, nur weil Sie Ihre Freunde nicht verraten wollten, – wenn Sie jetzt zu den Ihrigen zurückkehren, um das Leben Ihrer Braut zu retten, um dem Lebensabend Ihrer alten Eltern Frieden und Freude zu geben, – wer wollte es wagen, das zu tadeln? Oh, glauben Sie mir, Herr Leutnant, es ist nicht mehr so bei uns wie damals, als Sie und die übrigen Herren Offiziere und die Soldaten voll frohen Mutes und voll Hoffnung hinauszogen, um dem König eine Armee zu schaffen, – das alles ist vorbei; – ja hierher, auf die Legion, da blickt man im Lande noch mit Liebe und Teilnahme, und auch den König, den armen edlen Herrn, den trägt noch jeder im Herzen, – aber Hoffnungen? – nein, Hoffnungen hat man nicht mehr, – man hat zuviel von Hietzing gehört und von der Umgebung des armen Königs, dort wird über die Legion und über alle diejenigen, welche hier in der Verbannung ihre Jugend und ihre Lebenshoffnungen dem König opfern, nicht gut gesprochen, – glauben Sie mir, man hört viel Böses über Sie alle hier, – und das alles kommt von dort her, – das macht sehr böses Blut bei uns allen, denn wir wissen doch sehr gut, warum die Legionäre ausgezogen sind und daß sie alle ordentliche und brave Leute sind, die wahrlich nicht um des Geldes willen ihr Vaterland verlassen haben. Wenn heute«, fuhr er fort, – »abermals zum Ausmarsch aufgefordert würde, – glauben Sie mir, Herr Leutnant, es würde kein rechtlicher Bauernsohn mehr folgen, um sich nachher« – setzte er mit bitterem Ausdruck hinzu – »von den Hofschranzen als Blutsauger bezeichnen zu lassen! – Kein Mensch wird es dem Herrn Leutnant verdenken, wenn Sie zurückkehren und auch an sich selbst und Ihre Familie denken.«

Der Graf Rivero hatte aufmerksam den lebhaft gesprochenen Worten des jungen Bauern zugehört.

»Sie hören hier,« sagte er zu Herrn von Wendenstein, »die Stimme des hannöverschen Volks, – was Sie heute tun, einer höheren Pflicht gehorchend, der höchsten Pflicht, die Sie in diesem Augenblick haben, – das werden Ihre Kameraden früher oder später auch tun, – glauben Sie mir, – der einzelne kann dem Strom der Weltgeschichte sich nicht entgegenstemmen, ohne selbst unterzugehen, – und bei der Art, wie Ihre Sache geführt wird, – ich habe das mehrfach zu beobachten Gelegenheit gehabt, – ist kaum noch ein ehrenvoller Untergang möglich.«

»Aber«, fragte Herr von Wendenstein, – »wird es nicht zu spät sein, – wird meine Rückkehr dies teure Leben retten können?« rief er, mit tief schmerzvollem Ton den Blick fragend auf Fritz Deyke richtend.

Dieser schlug schweigend die Augen nieder.

»Ich werde Sie begleiten,« sagte der Graf, – »auch ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen, indem ich versuche, dies bedrohte Leben zu retten, denn auch ich«, sprach er, demutsvoll das Haupt neigend, »trage eine Schuld – eine schwere Schuld daran, daß alles so gekommen ist, – ich kenne die Heilkräfte der Natur,« fuhr er zuversichtlich fort, – »und wenn Rettung möglich ist, so wird meine Hand sie bringen können, – aber ich bedarf des mächtigen Agens der Freude und des Glücks, das Sie allein zu geben imstande sind. Vertrauen Sie mir und fassen Sie Hoffnung – in acht Tagen werden wir abreisen, bis dahin kann ich meine und hoffentlich auch Ihre Angelegenheiten geordnet haben.«

»Herr Graf«, sagte Herr von Wendenstein, indem sein trüber Blick sich mit einem Schimmer von Hoffnung belebte, – »ich habe stets einen Zug der Sympathie zu Ihnen hin gefühlt, – jetzt aber glaube ich, daß der Himmel Sie zu meinem schützenden Freunde bestimmt und auf meinen Lebensweg geführt hat.«

Er reichte dem Grafen die Hand.

Dieser blickte einst vor sich hin.

»Und doch bin ich es,« flüsterte er leise und unhörbar, – »der diesen unheilvollen Einfluß in die Kreise seines ruhigen Lebens hineingeführt, – der ich abermals Menschenherzen, die Gott nach seinem Ebenbilde schuf, zu Werkzeugen meiner Hand zu machen mich vermaß!«

Er schlug den brennenden Blick fragend empor – dann unterdrückte er seine tiefe innere Bewegung und sprach, gewaltsam einen heiteren Ausdruck auf sein Gesicht zurückrufend:

»Vor allem schreiben Sie sogleich an Ihre leidende Braut, – erwähnen Sie nichts von der Vergangenheit, – aber lassen Sie in Ihren Worten all' die alte Liebe wiederklingen – sie wird die Wahrheit derselben fühlen – und das wird der erste Schritt zur Genesung, zum Leben sein. Ich gehe und überlasse Sie diesem treuen Freunde, dem Sie es doch zuerst zu danken haben, wenn alles sich noch zum Guten wendet.«

»Und machen Sie, Herr Graf,« rief Fritz Deyte, – »daß wir bald reisen, – denn mir brennt der Boden dieses unheilvollen Paris unter den Füßen, das an allem Elend schuld ist, – in der alten lieben Heimat wird alles wieder gut werden!«

»Ich komme bald wieder und hoffe gute Nachricht zu bringen,« sagte der Graf, – »Mut und Hoffnung, mein junger Freund,« sprach er, sich von Herrn von Wendenstein verabschiedend, – dann reichte er Fritz Deyke die Hand, die dieser ein wenig zögernd mit ehrerbietiger Scheu ergriff und dann kräftig und herzlich schüttelte.

Der Leutnant setzte sich an seinen Schreibtisch, während Fritz Deyke dem Diener im Vorzimmer auf die tausend Fragen antwortete, die dieser über alles, was in der Heimat vorgegangen, an ihn zu stellen nicht müde wurde.

Der junge Mann schrieb, – und Bogen auf Bogen füllte sich unter seiner Feder, – die purpurne Wolke war verschwunden, welche seine Seele umhüllt hatte mit berauschendem, betäubendem Duft, – die alte liebe gute Zeit stieg herauf aus den Tiefen seines Herzens, so rein und klar, – die alte Liebe, so warm und treu, erwachte wieder mit ihrer edlen, heiligen Wärme; – diese Liebe ergoß sich in vollem Strom in die Worte, welche er schrieb, und jedes Wort wurde ein lebendiger Bote, der die Schwingen regte, um die Grüße der Liebe in die Ferne zu tragen.

Und als er endlich geendet, – er hatte nicht gesagt, daß er kommen wolle, um keine frühen Hoffnungen, keine unruhige Spannung zu erregen, – da setzte er zum Schluß unter seinen Brief das liebe Wort: auf Wiedersehen, das sie ihm einst im Liedesklang mit in den Kampf gegeben, das ihn begleitet hatte, als er in die Verbannung zog, und das jetzt wieder aus der Tiefe seiner Seele herauftönte, sehnsuchtsvoll und tröstend zugleich.

Fritz Deyke nahm mit strahlendem Blick den Brief, um ihn dem Diener zur Besorgung zu geben, – denn er selbst wollte, getreu dem Versprechen, das er dem Grafen Rivero gegeben, seinen Leutnant keinen Augenblick verlassen.

»Gott sei Dank!« sagte er freudig aufatmend, – »das macht mich so recht von Herzen froh, – mir ist zu Mut als wenn ich einer verschmachtenden Blume frisches Wasser brächte!«

Und ganz glücklich den Brief in der Hand schwingend, eilte er hinaus.


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