Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Erstes Kapitel

Ein reges Leben herrschte am 18. Februar 1868 auf den Straßen von Hietzing, dieses kleinen Fleckchens, der die große kaiserliche Residenz Schönbrunn umgibt und sich aus freundlichen und eleganten Sommerwohnungen für das Wiener Publikum zusammensetzt.

Zu anderen Zeiten war um diese Jahreszeit Hietzing verödet und still, denn seine Saison beginnt erst mit dem Mai und Juni, und während der Winterzeit sieht man nur die Eingeborenen über die Straßen gehen und sich abends in kleinem Zirkel im Hinterzimmer von Dommayers Kasino versammeln, um in Gruppen, welche einen würdigen Vorwurf für Hogarths Griffel abgeben würden, die einfachen Tagesereignisse des winterlichen Stillebens zu besprechen bei einem Glase Schwechater Bier oder einem Schoppen Vöslauer.

Anders war es an jenem hellen, schönen Februartage des Jahres 1868.

Auf der großen Hauptstraße von Hietzing, welche in langer Windung durch den ganzen Ort läuft, zogen Männer jeden Alters hin, alle von nordländisch blondem Typus, kräftig gebaut, groß und stark – alle erkennbar als dem Stande der Bauern oder kleinen Bürger angehörig – alle im Sonntagsstaat, – alle mit gelb und weißen Seidenschleifen auf der Brust, – alle den Ausdruck feierlicher Stimmung, tiefer Rührung in den starken Zügen der markigen Gesichter.

Es waren die Hannoveraner, welche aus allen Teilen des Landes herbeigekommen waren, um teils einzeln, teils als Deputationen von Körperschaften und Gemeinden ihre Teilnahme zu beweisen und auszudrücken an dem Feste der silbernen Hochzeit des Königs Georg und der Königin Marie, dieses so seltenen und schönen Familienfestes, das das entthronte Königspaar hier in der Fremde, in der Verbannung beging, – so anders, als sie wohl früher es gedacht hatten in den Tagen des Glückes und des königlichen Glanzes.

In großer Anzahl waren die Hannoveraner nach Wien gekommen, und lebhafter und inniger vielleicht war die Teilnahme an dem häuslichen Fest des entthronten Herrschers, als sie es wohl gewesen wäre, wenn dies Fest in Hannover gefeiert worden wäre im Bestände des alten welfischen Königreiches.

Viele waren gekommen von denen, welche die preußische Herrschaft für eine vorübergehende Okkupation ansahen und, von den Traditionen aus dem Anfange des Jahrhunderts erfüllt, die Wiederherstellung des welfischen Thrones in früherer oder späterer Zeit als einen Glaubensartikel im Herzen trugen. – Andere mochten vielleicht die veränderten Zeitverhältnisse berücksichtigen und an eine Wiederkehr der vergangenen Zustände nicht mit religiöser Zuversicht glauben, – aber darum doch liebten sie die Vergangenheit, welche hinabgesunken war in den Strudel der großen Katastrophe von 1866, und sie waren gekommen, um dieser lieben Vergangenheit in der Person des Königs Georg ein Zeichen treuer Erinnerung zu bringen.

Außer diesen Vertretern der Bewohner des hannoverischen Landes waren nach Hietzing gekommen zahlreiche Mitglieder des Adels, welche dem Hof in Hannover nahe gestanden hatten und es sich zur Ehre anrechneten, an diesem Festtage ihres früheren Königs als die Höflinge des Unglücks zu fungieren. – Viele aber freilich waren auch ausgeblieben aus der Zahl derer, welche einst in dem Galakleide der Hofchargen und Kammerherren sich im Lichtglanz des hannoverischen Hofes gesonnt.

Alle aber, die da waren, waren gekommen aus wirklicher Teilnahme, aus wahrer Anhänglichkeit, – dieser verbannte König hatte keine Gunst und Gnade mehr zu vergeben – er konnte keine Ehren und Stellen verteilen, und alle, welche ihm Liebe und anhängliche Erinnerung bewiesen, hatten bei den im Lande herrschenden Behörden der neuen Regierung keine freundliche Begünstigung zu erwarten. Der unglückliche König hatte so ein Bewußtsein, das kein Fürst auf dem Throne in voller Reinheit jemals haben kann, das Bewußtsein, daß alle, die da kamen, um ihm zu seinem Feste Glück zu wünschen, wirklich aus vollem, warmem Herzen sich ihm nahten und daß kein äußerer Beweggrund ihre Huldigung veranlaßte. Dies Bewußtsein, welches nicht nur den König erfüllte, sondern allen Anwesenden sich mitteilte, gab denn auch dem ganzen Feste, der ganzen Bewegung so zahlreicher Menschen in dem kleinen Orte einen ruhig ernsten, rührend feierlichen, fast andächtigen Charakter, – es waren die Vertreter eines braven und tapferen Volkes, welche hier an dem noch offenen Grabe einer lieben und ruhmreichen Vergangenheit standen; sie schütteten Blumen auf Blumen in dies Grab und konnten sich immer und immer nicht entschließen, es mit der kalten Erde des Vergessens zu bedecken.

Der König Georg hatte sich von der Villa Braunschweig nach dem sogenannten Kaiserstöckl, dem kleinen Palais am Eingang des Parkes von Schönbrunn, begeben, welches die Königin bewohnte.

Hier, in dem Zimmer neben dem großen Empfangsaal, hatte die königliche Familie sich vereinigt, um persönlich die Glückwünsche jedes einzelnen zur Feier der silbernen Hochzeit Gekommenen entgegenzunehmen.

Der Hof des Kaiserstöckls war dicht angefüllt mit Hannoveranern. Die Glückwünschenden stiegen die große Treppe hinauf und traten dann aus dem Vorsaal in das Zimmer der königlichen Familie, um nach der Vorstellung und Gratulation wieder über die Treppe hinab zurückzukehren, da die inneren Räume des Palais nicht ein Zehnteil der aus Hannover Herübergekommenen fassen konnten. Die Räume des Dommayerschen Kasinos waren bis zum Erdrücken voll von Hannoveranern, welche von dem Glückwunsch bei den Herrschaften zurückkamen und jetzt versuchten, ihren handfesten niedersächsischen Appetit mit den Erzeugnissen der Wiener Küche zu befriedigen. An allen Tischen sah man sie sitzen, diese kräftigen, schweren Gestalten, vergeblich bemüht, die Geheimnisse einer Wiener Speisekarte zu entziffern und sich über die Bedeutung der Fisolen, des Risi Bisi und der Nockerlsuppe klar zu werden.

»Das muß ich sagen,« rief ein starker Mann mit kurzem Haar und Bart, im Sonntagsanzuge eines hannoverischen Bürgers, indem er mit einem kleinen Löffel in einem goldbraunen Auflauf herumfuhr, – »das muß ich sagen, hätte ich früher gewußt, wovon die Leute hier in Osterreich eigentlich leben, – ich hätte nicht mitgeschrien im Jahre 66 für die österreichische Allianz – bei solcher Kost ist es ja gar nicht möglich, daß ordentliche Soldaten aus diesem Lande kommen können, die gegen norddeutsche Jungens etwas ausrichten sollen.«

»Ihr habt recht, Meyer V.,« sagte ein anderer Bürger, dessen kleine gedrungene Gestalt und behäbig glänzendes Gesicht den Beweis lieferte, daß die Ernährungstheorie bei ihm sehr ernsthaft und erfolgreich zur praktischen Ausführung gebracht werde, – »da habe ich die berühmten Backhändl« – und mißmutig wendete er einige Stücke dieses weltbekannten österreichischen Nationalgerichts hin und her, – »gebacken ist das Zeug, – aber wo der Hahn sitzen soll, das möcht' ich wissen.«

»Ich begreife nur gar nicht, wie es der König aushält in dem Land – und wie er überhaupt noch hier warten kann,« – sagte ein Dritter, der es vorgezogen hatte, von der Speisekarte ganz zu abstrahieren, und ein norddeutsches Butterbrot, mit kaltem Fleisch belegt, mit einem großen Glase Schwechater Bier hinabspülte, – »ich glaube nicht, daß man ihm hier wieder zu seinem Lande verhelfen wird,– das sieht mir gar nicht danach aus, – habt ihr wohl bemerkt, wie scheel sie uns ansehen, diese Wiener? – so nimmt man nicht alte Bundesgenossen auf, die fest gestanden und geschlagen haben und die nun zu leiden haben dafür, daß sie mit Österreich gegangen sind.«

»Das versteht ihr wieder nicht,« sagte der Musikdirektor Joseph Lohse, ein hagerer kleiner Mann mit nervös beweglichem Gesicht, welcher eine große weißgelbe Schärpe über die Brust geschlungen hatte, – »das versteht ihr nicht, – ihr versteht weder die Speisekarte noch die Politik; – über die Politik kann ich euch nun nicht aufklären, – da müßt ihr eben warten, bis die Ereignisse kommen, die man erwartet und über die man eben nicht mit jedem sprechen kann,« fügte er mit geheimnisvoller Miene, sich in die Brust werfend, hinzu, – »aber kommt einmal her, was die Speisekarte betrifft, da will ich euch helfen und ihr sollt sehen, daß man hier in Wien ganz gut zu essen versteht.«

Er nahm die Karte und ging sie mit den Bürgern durch, indem er ihnen erklärte, was die unverständlichen Namen bedeuteten, und bald hatten die Hungrigen einigermaßen genügende Schüsseln voll »Kälbernem« und »Jungschweinernem« vor sich, welche sie zwar immer noch mürrisch mit einem gewissen Mißtrauen betrachteten, denen sie aber doch endlich volle Gerechtigkeit widerfahren ließen.

»Hier lernt man die treuen Hannoveraner kennen,« sagte Herr Lohse, während seine Mitbürger ihre Leibeskräfte stärkten – »wer hierher kommt, ist wirklich ein guter Patriot, und hier kann man einmal so recht nach Herzenslust alles aussprechen, was man zu Hause in sich verschließen muß.«

Ein großer Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit bleichem Gesicht, niedriger Stirn, ziemlich langem, dichtem Haar und dünnem blonden Schnurrbart, ging in diesem Augenblick an dem Tisch der Bürger vorbei. Es war des Königs Finanzsekretär Elster, früher Kanzlist bei der hannoverischen Gesandtschaft in Berlin. Bei den laut gesprochenen Worten des Musikdirektors Lohse hielt er an, warf einen Blick aus seinen fast unmerkbar schief blickenden Augen auf die Gruppen umher, grüßte, die Hand auf die Brust legend, mit tiefer Verneigung die Bürger und berührte dann leicht die Schulter des Herrn Lohse.

Dieser erhob sich eilig und trat mit wichtiger Miene einige Schritte seitwärts zu dem Beamten des Königs.

»Mein lieber Lohse,« sagte Herr Elster mit leiser, etwas salbungsvoller Stimme, »ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß selbst hier im Kreise der Getreuen unseres geliebten allergnädigsten Herrn sich Kundschafter befinden, welche jedes unvorsichtige Wort auffangen, – die Folgen der hier gemachten Äußerungen können dann später für die Betreffenden sehr unangenehm werden. Ich kann mich nicht näher auslassen, – aber wenn Sie genau beobachten, so werden Sie selbst Gesichter sehen, – die, – Sie werden mich verstehen, Herr Lohse, – Vorsicht!« Er legte den Finger auf den Mund und schritt weiter.

»Ich verstehe,« sagte Herr Lohse, ihm etwas verblüfft nachblickend, indem er wie unwillkürlich ebenfalls einen Augenblick seinen Finger auf den Mund legte, – »ich verstehe« – und mit wichtig geheimnisvollem Ausdruck kehrte er zu dem Tische zurück; er überlegte noch, in welcher Weise er die vertrauliche Warnung, die ihm soeben geworden, seinen Mitbürgern mitteilen solle, um diese zu etwas größerer Vorsicht in den bereits sehr lauten und sehr ungenierten Äußerungen ihres Patriotismus zu bestimmen, – als diese sich erhoben und ehrerbietig einen alten Herrn mit etwas schleppendem Gange begrüßten, der, gestützt auf den Arm eines jungen Offiziers in der Uniform der früheren hannoverischen Cambridgedragoner, an dem Tische vorbeiging.

»Das ist der Oberamtmann von Wendenstein,« sagte der dicke Bürger, – »das ist auch einer von den Festen; er tut nichts, weshalb man ihm beikommen könnte, – aber innerlich ist er gut und, ein tüchtiger Patriot. – Der durfte auch hier nicht fehlen.«

»Und der Offizier ist sein Sohn?« fragte der andere Bürger.

»Jawohl«, rief Herr Lohse, »der Leutnant von Wendenstein, der auf so geheimnisvolle und bis jetzt unerklärte Weise aus dem preußischen Polizeigefängnis entkommen ist.«

»Ja, das war eine sehr merkwürdige Geschichte,« sagte der wohlbeleibte Bürger, mit einer großen Brotrinde den Teller auswischend, – »niemand kann sich denken, wie das hat möglich sein können.«

»Ja,« sagte Herr Lohse, sich aufrichtend mit geheimnisvoller Würde, – »bei so wichtigen Sachen kann eben nicht jeder ins Vertrauen gezogen werden; später vielleicht kommt einmal die Zeit, wo man darüber reden könnte«, fügte er hinzu, indem er den Blick stolz über die erstaunt aufhorchenden Bürger gleiten ließ; – dann aber plötzlich zuckte er zusammen, blickte scheu nach den Gruppen an den nächsten Tischen, und indem er seine Rede schnell abbrach, begrub er sein Gesicht in das große Glas voll Schwechater Bier, das er vor sich stehen hatte.

Der alte Herr von Wendenstein, welcher ein wenig weißer geworden war und den podagrischen Fuß etwas mehr nachschleppte, sonst aber in seinem rot und gesund blühenden Gesicht den Ausdruck rüstiger Frische zeigte, hatte sich an einen kleinen entlegenen Tisch gesetzt und begann mit großem Appetit einem kleinen Frühstück und einer Flasche Tokaier zuzusprechen, welche sein Sohn für ihn herbeigeschafft hatte.

»Laß dich jetzt einmal ordentlich ansehen, Junge,« rief der alte Herr, indem er seinen Blick voll väterlichen Stolzes über die schlanke Gestalt des jungen Offiziers hinstreichen ließ – »wir haben uns lange nicht gesehen, – und kaum konnte ich denken, dich hier zu treffen.«

»Ich habe mich auch ganz schnell entschlossen«, sagte der Leutnant, »als ich hörte, daß du hierher kommen würdest, – eine so gute Gelegenheit, dich zu sehen, lieber Vater, ließ sich nicht wiederfinden, und du kannst dir denken, wie sehr ich mich danach sehnte, dich noch zu umarmen, bevor wir nun definitiv nach Frankreich übergehen.«

Der alte Herr hob langsam sein Glas empor, blickte einen Augenblick in die Reflexe, die das durchscheinende Licht in dem ungarischen Rebensaft bildete, und trank dann mit einem langen Zuge das Glas leer.

»Nach Frankreich?« – sprach er dann, langsam den Kopf schüttelnd, – »nach Frankreich! Das will mir so gar nicht recht gefallen, – muß ich dir sagen, daß die hannoverische Emigration, welche man ja wieder die Legion nennt, nach Frankreich geht. – Die Legionäre der alten Zeit gingen nur nach Frankreich hinein, um den alten Erbfeind Deutschlands niederzuwerfen – und jetzt –«

»Aber lieber Vater,« rief der Leutnant, – »die Verhältnisse sind ja vollständig andere geworden, – Frankreich, das damals die Unabhängigkeit Hannovers zertrümmert hatte und mit dem ganzen legitimen Recht im Kriege stand, – Frankreich ist heute die einzige Macht, welche dem sich ermannenden und für seine Unabhängigkeit und seine Selbstbestimmung in den Kampf tretenden Deutschland zur Seite stehen kann, und nur von Frankreich aus kann eine hannoverische Armee aufbrechen, um die Selbständigkeit des Landes wieder zu erobern.«

»Eine hannoverische Armee,« – sagte der alte Herr seufzend, – »glaubst du denn, daß je eine hannoverische Armee wieder unter den alten Fahnen des Landes erstehen könne? – Ich sehe,« fuhr er fort, mit trübem Blick die Gestalt seines Sohnes umfassend, – »ich sehe, du trägst da die alte Uniform, – nun, das ist recht, am heutigen Tage, – man muß den Herrn im alten Dienstkleide begrüßen, das ja ein hohes Ehrenkleid geblieben ist und bleiben wird, solange noch Herzen vorhanden sind, welche unter dieser Uniform am Tage von Langensalza geschlagen haben; aber ich bin auch überzeugt, daß das Ehrendenkmal, welches an jenem Tage der hannoverischen Armee und ihrer Uniform errichtet worden, zugleich ein Grabmal ist, – ein Grabmal, an welchem nur die Hoffnung auf die einstige Erstehung eines mächtigen, ewigen und glücklichen Deutschlands Trost geben kann.«

Mit einer gewissen Ungeduld, welche die Ehrfurcht vor dem Vater zügelte, erwiderte der junge Offizier:

»Verzeih' mir, lieber Vater, – aber du lebst dort in den engen, traurigen und niedergedrückten Kreisen, – unter der preußischen Herrschaft, – das trübt immer den Blick – hast du nicht eine kleine Broschüre gelesen – ›des Königs Legion‹ – sie sagt in kurzen Worten alles, was man über die Emigration und ihre politischen Aufgaben sagen kann.«

»Ich habe die kleine Schrift gelesen,« sagte der Oberamtmann, – »sie ist nicht ungeschickt gemacht und einige Stellen haben mich warm angesprochen, – aber, mein lieber Sohn, ich sehe das mit dem Auge des Alters an, das ruhiger blickt, – das alles sind Illusionen, ähnliche Illusionen, wie sie einst zu dem schmerzlichen kleinen Feldzug im österreichischen Fahrwasser führten, der dem Könige den Thron gekostet hat. Frankreich wird ebensowenig die deutsche Einheitsbewegung jemals rückgängig machen, wie Österreich sie hat aufhalten können.«

Eine Bewegung machte sich unter den Gruppen bemerkbar, – man eilte an die Fenster und in den Garten, aus welchem man die Straße und den Kaiserstöckl übersehen konnte.

Der Leutnant von Wendenstein hatte sich dem Fenster genähert. »Der Kaiser ist eben bei den Herrschaften vorgefahren«, sagte er, zu seinem Vater zurückkehrend.

»Es muß für den Kaiser ein trauriger Anblick sein,« sprach der alte Herr, »diese vertriebene Königsfamilie zu sehen, welche im Kampfe auf Österreichs Seite ihren Thron verloren hat.«

Die Equipage des Kaisers Franz Joseph war inzwischen langsam durch die dichtgedrängte Menge von Hannoveranern in den Hof des Kaiserstöckls eingefahren.

Der Jäger sprang vom Bock und öffnete den Schlag. Rasch trat der Kaiser in der großen weißen Generalsuniform mit den roten Beinkleidern, den Hut mit dem grünen Federbusch auf dem Kopf, aus dem Wagen. Er stutzte ein wenig, als er diese dichten Menschenreihen sah, welche das untere Vestibül und die Treppen erfüllten.

»Der Kaiser, – der Kaiser«, tönte es flüsternd ringsumher und ehrerbietig öffnete sich eine Gasse, um dem Monarchen den Weg freizumachen.

Rechts und links grüßend, stieg der Kaiser, welchem an der unteren Stufe der Treppe bereits der Graf Alfred Wedel in der Uniform der hannoverischen Kammerherren entgegengetreten war, zu den hannoverschen Herrschaften herauf, die ihn an dem oberen Ende der Treppe empfingen.

Der Kaiser bot der Königin den Arm und schritt durch das dichtgefüllte Vorzimmer in den Salon der Herrschaften; der König mit dem Kronprinzen und den Prinzessinnen folgte.

Die Türen schlossen sich hinter den fürstlichen Herrschaften.

Ein flüsterndes Gespräch bewegte sich durch die Gruppen. Diese Hannoveraner, welche zu einem großen Teil an eine Wiederaufnahme des Kampfes von 1866 und an eine Wiederaufrichtung des welfischen Thrones glaubten, erblickten in dem so natürlichen Höflichkeitsbesuch des Kaisers ein Zeichen fortdauernder politischer Allianz – es freute sie, Zeuge zu sein und demnächst zu Hause erzählen zu können, in wie innigen Freundschaftsbeziehungen die verbannte Königsfamilie zum Kaiser stehe, und die Wünsche und Hoffnungen aller dieser Herzen griffen mit Begierde auch nach diesem Strohhalm.

Der Kaiser blieb nicht lange.

Nach kurzer Zeit öffneten sich die Flügeltüren des Salons, und die Herrschaften kamen wieder durch den Vorsaal.

An der Treppe verabschiedete sich der Kaiser von den hannoverischen Herrschaften und wehrte mit Herzlichkeit dankend das weitere Geleit des Königs ab; der Kronprinz begleitete den Monarchen die Treppe hinab.

Der Kaiser Franz Joseph erwiderte mit freundlichem Kopfnicken die tiefen Verbeugungen, mit welchen die zu beiden Seiten dicht gedrängt stehenden Hannoveraner ihn begrüßten.

Ziemlich schnell, als wolle er sich diesen Huldigungen baldigst entziehen, stieg er die Treppe hinab.

Sein Wagen fuhr vor und dem Kronprinzen die Hand reichend, setzte er den Fuß auf den Wagenschlag.

Da ertönte aus einer Ecke des dicht mit Menschen gedrängten Hofes eine starke Stimme, welche rief:

»Hoch lebe Seine Majestät der Kaiser, der erhabene Freund und Bundesgenosse unseres Königs!«

Mit lautem, brausendem Schall pflanzte sich dieser Ruf fort durch die dichten Gruppen auf dem Hofe, von der Treppe schallte er herab, die Fenster des Kaiserstöckls öffneten sich, dicht gedrängt erschienen die Köpfe der oben weilenden Hannoveraner, einstimmend in den Ruf, mit welchem man unten den Kaiser begrüßt hatte – in dem Garten von Dommayers Kasino schwenkte man die Hüte und Mützen und überall scholl es mit donnerndem Ton und mit aller Macht niedersächsischer Lungen:

»Hoch lebe der Kaiser, der Verbündete unseres Königs!«

Eine schnelle Röte flammte in dem Gesichte des Kaisers auf, es zuckte in eigentümlichem Mienenspiel um seine Lippen, er biß in seinen Schnurrbart, legte leicht die Hand an den Federhut und sprang in den Wagen, der anfangs langsam durch den mit Menschen gefüllten Hof fuhr und dann im schnellsten Trabe auf der Straße nach Wien fortrollte, – immer begleitet von den gewaltigen, weithin schallenden Hochrufen der Hannoveraner.

»Die guten Leute«, sagte der Oberamtmann von Wendenstein zu seinem Sohn, als diese Rufe an sein Ohr drangen. – »Es ist ja sehr schön von ihnen, daß sie den edlen und ritterlichen Kaiser so warm begrüßen, aber die Hoffnungen, die in diesem Ruf erklingen, werden wohl kaum sich jemals erfüllen und der arme Herr muß traurige und bittere Gefühle haben bei dieser Begrüßung der Hannoveraner, die auf Österreich ihr Vertrauen in die Zukunft bauen –«

»Doch nun,« fuhr er fort, indem er mit freundlichem Lächeln zu seinem Sohne hinüberblickte, »komm mit mir nach Wien, ich habe eine Überraschung für dich, und hätte ich dich heute nicht schon hier gefunden, so hätte ich dir telegraphiert, zu kommen. Schaffe schnell einen Fiaker!«

Der Leutnant, der seinen Vater ein wenig erstaunt angesehen, eilte hinaus, der Oberamtmann berichtigte seine Rechnung an den unvermeidlichen Zahlkellner und bald stieg er, auf den Arm seines Sohnes gestützt, in einen jener feschen Fiaker Wiens, welche den Vorrang vor allen öffentlichen Fuhrwerken der Welt behaupten und an Schnelligkeit mit den besten herrschaftlichen Equipagen wetteifern.

»Nach dem Hotel Munsch!« rief der Leutnant dem Kutscher zu. Dahin eilte der Wagen nach Wien.


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