Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Einundzwanzigstes Kapitel

Der junge Herr von Grabenow hatte mit seiner Mutter und Fräulein von Berkow die Ufer der Ostsee verlassen, um die schon früher beschlossene Reise durch die Schweiz auszuführen. Man hatte Aufenthalt in Luzern genommen und die Schönheiten des Vierwaldstädtersees besucht, dessen Ufer so viele Erinnerungen an Wilhelm Tell zeigen, diesen Heros der Schweizer, dessen Gestalt den Nimbus, von welchem sie umgeben ist, mehr dem Drama Schillers als der Geschichte verdankt.

Man hatte den Rigi bestiegen und war dann über die große Scheidegg, jenes eigentümliche Eis- und Schneefeld, welches im heißen Sommer die Bilder und den Eindruck einer winterlichen Landschaft des hohen Polarnordens darbietet, nach Interlaken, diesen Sammelplatz der eleganten Welt Europas, gegangen.

Frau von Grabenow hatte mit ihrem Sohn und ihrer Nichte eine Wohnung im Hotel Ritschard bezogen und, ermüdet von den angreifenden Bergpartien, beschlossen, einige Zeit hier ruhig zu bleiben und ohne Anstrengung die reine, von den Eisfeldern der Jungfrau und des Eigers herabwehende Luft zu genießen. Man führte hier das Leben, welches für alle Touristen auf den großen Schweizerreisestationen gleichmäßig ist. Man machte morgens eine Promenade auf dem großen Boulevard, unterhielt sich mit diesem oder jenem Bekannten, den man hier angetroffen, man dinierte an der Table d'hôte des Hotels; man hörte abends das mehr oder weniger gute Konzert und genoß die frische Kühle und die wunderbar schöne Aussicht auf die in kirschrotem Feuer glühenden Schneespitzen der gewaltigen Berge; man machte kleine Fahrten mit dem Dampfschiff über den Thuner- und Brienzersee; man kaufte Holzschnitzereien und andere kleine Erinnerungen an die Schweiz und befand sich in jenem so reizenden dolce far niente, welches besser als alle Bäder und Mineralwasser Seele und Körper von den lähmenden Einflüssen des täglichen Lebens, der täglichen Sorge und der täglichen Arbeit zu heilen imstande ist.

Frau von Grabenow blieb viel zu Hause und so kam es, daß die beiden jungen Leute häufig allein auf der Promenade erschienen und allein kleine Ausflüge in die nächsten Umgebungen von Interlaken teils zu Fuß, teils zu Wasser machten.

»Man hat uns heute an der Table d'hôte soviel von dem reizenden Gletscher in Grindelwald erzählt,« sagte Fräulein von Berkow eines Morgens, als sie mit Frau von Grabenow und deren Sohn auf dem Balkon des Hotels beim Frühstück saßen, »daß ich ganz neugierig geworden bin, dieses Wunder der Natur, das uns hier ja so nahe liegt, kennen zu lernen. Sollten wir nicht heute einen Ausflug dahin machen? Es ist nur eine kurze Strecke zu fahren, und wir haben auch nicht hoch zu steigen.«

»Ich muß aufrichtig gestehen,« erwiderte Frau von Grabenow, »daß ich ein wenig müde bin von all diesen wirklich recht reizenden und interessanten Naturschönheiten, deren Genuß man aber fortwährend durch Strapazen und mühseliges Erklettern erkaufen muß. Ich habe nun Eis- und Schneeberge genug gesehen und bin jetzt ganz zufrieden mit dem unvergleichlichen Anblick der Jungfrau und ihres schneebedeckten Hauptes, den ich hier so ganz bequem von meiner Chaiselongue aus genießen kann, ohne daß ich mich durch Bergsteigen ermatte und die kräftigende Wirkung der reinen Luft wieder in Frage stelle. Wenn ihr aber hingehen wollt, dann laßt euch durch mich nicht abhalten. Ihr habt gerade noch Zeit, einen Wagen zu bestellen, und könnt mit aller Bequemlichkeit abends vor dem Dunkelwerden wieder hier sein.«

Herr von Grabenow warf einen fragenden Blick auf seine Cousine, welche mit kaum sichtbarer Verlegenheit die Augen niederschlug und zustimmend den Kopf neigte. Der junge Mann eilte hinaus, um die Vorbereitungen zu treffen, und nach kurzer Zeit hielt vor dem Hotel einer jener leichten offenen Wagen, welche man zu den Touren in die Berge hinein benützt, mit jenen so sicher schreitenden, starken und kräftigen Pferden der Schweiz bespannt.

Herr von Grabenow und seine Cousine, mit Plaids und Tüchern ausgerüstet, bestiegen denselben und fuhren durch die sonnige frische Landschaft den tiefen und dunklen Tälern zu, welche sich am Fuße des Mönchsgebirges und des Eigers nach der Jungfrau hin öffnen. – – – – –

Am Abend vorher in später Stunde waren mit dem letzten Dampfschiff, welches von Scherzlingen her über den Thunersee nach Interlaken fährt, im Hotel Ritschard ein Herr und eine Dame in Begleitung eines Dieners und einer Kammerfrau angekommen und hatten eine Wohnung in dem den Zimmern der Frau von Grabenow entgegengesetzten Flügel des Hotels bezogen.

Sie waren nicht im Speisesaal erschienen, sondern hatten sich ihr Souper durch ihren eigenen Diener in ihrem Zimmer servieren lassen. In das Fremdenbuch des Hotels, welches der Wirt hinaufgeschickt hatte, war mit einer klaren und festen Handschrift geschrieben: »Graf Rivero und Gräfin Julia Rivero aus Rom.«

Als der Teetisch mit jener den Schweizer Hotels eigentümlichen Eleganz in dem Salon serviert war, dessen große geöffnete Fenster die Aussicht auf die im letzten bläulichen Licht des Abendscheins am Himmel emporragende Eisspitze der Jungfrau darboten, trat Fräulein Julia aus ihrem Schlafzimmer, in welchem sie eine kurze Toilette gemacht, heraus und setzte sich neben ihren Vater, der sie bereits erwartete und in tiefem, ernstem Nachdenken auf die wunderbar schöne Szenerie des großartigen Naturschauspiels hinblickte, das sich in seiner ewigen Pracht und Größe draußen entfaltete, während das von hellem Kerzenlicht erleuchtete Zimmer dem müden Reisenden jeden Komfort des eleganten Lebens der großen Welt darbot.

Fräulein Julia ergriff die Hand ihres Vaters und drückte leicht ihre Lippen auf dieselbe, indem sie ihre großen glänzenden Augen mit dem Ausdruck einer innigen, fast schwärmerischen Zärtlichkeit auf seine edlen, tiefernsten Züge richtete.

»Wie danke ich dir, mein Vater,« sprach sie mit ihrer so sanften, wohllautenden Stimme, »daß du mich hieher in diese großartige und herrliche Natur geführt hast! – Die süße duftige Schönheit unseres Vaterlandes erfüllte mich mit träumerischer Wehmut und ließ mich mehr und mehr mit tief schmerzvoller Sehnsucht des vergangenen Glücks gedenken, das ja vielleicht auf immer für mich verloren ist; jene liebliche Natur schmeichelte meinem Schmerz und meiner Trauer, und wenn sie ihnen auch eine mildere und sanftere Empfindung gab, so fühlte ich mich doch immer mehr losgelöst von der Wirklichkeit, die mich umgab, und fühlte mein Sinnen und Denken mehr und mehr versinken in die tiefe, schmerzliche Unsicherheit und Unklarheit. Hier,« fuhr sie fort, indem ihr Auge strahlend hinausblickte nach den Schneefeldern der hochaufragenden Gipfel der Jungfrau, deren äußerster Rand sich im Licht des langsam dahinter aufsteigenden Mondes versilberte, – »hier in dieser reinen, freien Luft, in dieser so kräftigen und gewaltigen Natur stärkt sich mein Herz und meine Seele. Ich finde Stolz, Kraft und Mut wieder, tiefer und mächtiger vielleicht erfaßt mich hier der Schmerz um meine verlorene Liebe, aber auch kraftvoller und freier kann ich daran denken, daß jenes süße Glück der Vergangenheit angehört; freudiger kann ich den Entschluß fassen, wenn ich es nicht wiederfinden sollte, mein Leben nicht untätiger Trauer hinzugeben, sondern mich dir zu widmen, mein teurer Vater, der mir mit so reicher und treuer Liebe alles ersetzen will, was ich verloren, und mich für alles entschädigen, was ich gelitten.«

»Ich hoffte es, meine Tochter,« erwiderte der Graf, indem er sanft mit der Hand über Juliens glänzendes Haar strich, »daß du wohltätig berührt sein würdest von dem Eindruck dieser so reinen und schönen Natur, und«, fuhr er sinnend fort, »vielleicht hatte der heilige Vater recht, uns hieherzusenden, um auch meine Gedanken frei zu machen von den unklaren Eindrücken des Treibens der Welt. Ich freue mich,« fuhr er fort, »daß du mit Ruhe an die Vergangenheit und an die Zukunft denkst, und daß du darauf gefaßt bist, dich mit Ergebung und mutigem Herzen den Beschlüssen der Vorsehung zu unterwerfen; doch sollst du«, fügte er mit einem unendlich liebevollen Blick auf seine Tochter hinzu, »auch der Hoffnung nicht entsagen, und sei überzeugt, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um auch dir das Glück wieder zu schaffen, das den ersten sonnigen Traum deiner Jugend erfüllt hat.«

»O, wenn das möglich wäre!« rief sie, – »fast möchte ich zuweilen glauben, daß noch alles gut werden könne – und namentlich seit wir uns hier in der Nähe dieser großen majestätischen Berge befinden, zieht es oft wie eine Ahnung durch mein Herz, als sollten hier die bangen Zweifel meines Lebens ihre Lösung finden. Aber in dieser Ahnung,« sprach sie, indem ein tiefer, trauriger Ernst sich über ihre Züge legte und eine schmerzliche Bewegung um ihre Lippen zuckte, »in dieser Ahnung, mein Vater, liegt keine Zuversicht auf Glück. Im Gegenteil, es ist oft, als ob eine innere Stimme mir zuriefe: du hast den Traum deiner Jugend für ewig verloren, jener Traum wird nie wieder lebendig werden, aber dennoch wirst du Ruhe und Frieden finden und freudige Befriedigung in der Erfüllung heiliger Liebespflichten.«

Sie glitt leise von ihrem Stuhl herab, ließ sich neben ihrem Vater auf die Knie nieder und sagte, indem sie ihre feucht zitternden Augen zu ihm aufschlug:

»Ich werde dir allein gehören, mein Vater, ich werde kein anderes Glück auf Erden mehr suchen und bedürfen; das einzige, wonach ich mich sehne, ist Klarheit und die Beruhigung, zu wissen, wie er, den ich so heiß geliebt, und den ich nicht vergessen kann, die Trennung erträgt.«

»Sei ruhig, mein Kind,« sagte der Graf zärtlich, »du wirst diese Klarheit und Beruhigung finden, und wenn er deiner würdig geblieben ist, so sollst du aus meiner Hand das Glück deines Lebens empfangen.«

Sie schüttelte schmerzlich mit sanftem Lächeln den Kopf.

»Ich hoffe darauf nicht, mein Vater,« sagte sie leise, »es wäre zuviel Glück, – mehr Glück, als ich verdiene, nachdem der Himmel mich für mein trauriges und leidensvolles Leben so reich entschädigt hat, indem er mich meinen Vater wieder finden ließ.«

Sie lehnte einen Augenblick den Kopf an den Schoß ihres Vaters, dann erhob sie sich, fuhr leicht mit ihrem Tuch über die Augen und begann mit aller Anmut einer Dame der Welt die Honneurs des Teetisches zu machen. Der Graf folgte jeder ihrer Bewegungen mit einer gewissen stolzen Zärtlichkeit. »Ich werde dich morgen«, sagte er, »nach einem Punkt hinführen, dessen Eindruck mir von früheren Jahren unvergeßlich ist. Es ist jener tief herabsteigende Gletscher des Grindelwaldes, in dessen Inneres man hineingeht wie in einen Zauberpalast von Kristall. Es ist dies eine der schönsten und zauberischsten Erscheinungen dieses an wunderbaren Schönheiten so reichen Landes, weniger großartig vielleicht, als jene gewaltigen Landschaften der hohen Gebirge, aber darum um so tiefer ansprechend.«

»Ich danke dir, mein Vater,« sagte sie, »ich weiß, daß überall, wohin du mich führst, eine neue Schönheit mein Herz erfreut oder ein neues Licht meinen Geist erhellt.« –

Lange noch saßen sie in traulichem Gespräch vor dem geöffneten Fenster, versunken in den Anblick der Eisberge, welche im Licht des immer höher heraufsteigenden Mondes glänzten und schimmerten, als ob dort durch Geisterhände hochragende Schlösser von Gold und Silber und tausendfach funkelnden Edelsteinen erbaut würden, und der Graf horchte mit glücklichem Lächeln auf das Geplauder seiner Tochter, welche bald in kindlicher Naivetät ihren unwillkürlichen Gefühlen Ausdruck gab, bald in tiefsinnigen Bemerkungen auf die hingeworfenen Gedanken ihres Vaters einging. – – –

Herr von Grabenow war mit seiner Cousine unter dem steilen Felsabhang des Eigergebirges angelangt, von welchem die einzelnen schmalen Bergbäche sträubend und lauschend in die Abgründe hinabstürzten; immer großartiger und wilder zugleich wurde die Natur, immer gewaltiger die Gebirgsmassen, welche sich aufeinander auftürmten, bald den Blick in enge Grenzen einschließend, bald wieder eine weite Aussicht eröffnend auf die sonnenbeglänzten Schneeflächen der im Hintergrunde die anderen Berge hoch überragenden Jungfrau.

»Wie groß, wie gewaltig, wie erhaben ist diese Natur!« sagte der junge Mann zu seiner Cousine, welche mit leuchtenden Blicken die wunderbaren Bilder betrachtete, die sich vor ihr aufrollten, und die so tief verschieden waren von der ruhigen Unendlichkeit des Meeres, an dessen Anblick sie in ihrer Heimat gewöhnt waren, – »wie klein erscheint dieser Natur gegenüber der Mensch mit all seinem Ringen und Streben und all seinen Leiden, seinem Sehnen und Hoffen! Auf wieviel kämpfende und ringende Menschen haben diese ewigen Berge schon herabgeblickt, welche alle zerfallen sind zu dem Staub, den der Hauch des Windes um ihren Fuß spielend umherwirbelt, und der nicht emporsteigt zu ihren im ewigen Sonnenlicht glänzenden Gipfeln! Staub sind sie geworden, alle diese schlagenden und fühlenden Menschenherzen, und ihre Klagen, wie ihren Jubel haben die Lüfte davongetragen, ohne daß eine Spur davon übriggeblieben ist! Vergessen und verweht ist alles, was so manches Menschenleben bewegte, das sich für den Mittelpunkt der Welt hielt, in welcher nach ihm noch unzählige Generationen gelebt, geliebt und gelitten haben, – und doch sind diese gewaltigen Berge nur wieder ein Atom in den ewig kreisenden und wechselnden Wirbeln der Ewigkeit. Fast stimmt es traurig, so die eigene Kleinheit und Vergänglichkeit zu messen an den Felsgebilden der Natur, und doch auch wieder ist es fast ein tröstender Gedanke, daß all unser Leid so flüchtig vorübergeht wie das welke Blatt des herbstlichen Baumes, während die Macht und Größe der Vorsehung fest und unzerstörbar wie diese Felsen begründet sind.«

»Du findest«, sagte Fräulein Marie mit einem fast vorwurfsvoll anklingenden Ton, »in allem die Quelle trauriger und schmerzlicher Gedanken. Auf mich macht der Anblick dieser Riesengebilde nicht einen so niederdrückenden Eindruck, im Gegenteil, ich fühle mich groß und stolz ihnen gegenüber. Sie sind nur tote Zeugen der übermächtigen Naturkraft, sie leben nicht, sie fühlen nicht, und wenn je eine mächtige Elementarrevolution sie zertrümmert, so bleibt von ihnen keine Erinnerung und keine Spur übrig. Wir vergehen, das ist wahr, das heißt, wir verschwinden aus dieser sichtbaren Welt, die uns umgibt, aber was in uns lebt, was uns empfinden und was uns leiden macht,« sagte sie, die Augen mit sanftem Blick zu ihm aufschlagend, »das ist ewiger und unvergänglicher als diese Berge, wenn auch seine Spur für die nachfolgenden Menschengeschlechter verweht wird, wenn auch unsere Herzen in Staub zusammensinken, denn das, was sie bewegt hat in Freude und Kummer, das ist ein Teil des ewigen Lebenshauchs Gottes und kann ebenso wenig vergehen als Gott selbst. Ich fühle mich nicht klein dieser großen Natur gegenüber, im Gegenteil, ich bin glücklich, daß ich nicht wie sie zu majestätischer Unbeweglichkeit und Starrheit verurteilt bin, sondern daß ich über sie hinweg mit dem ewigen und unvergänglichen Leben des Geistes zusammenhänge. Und vor allem,« fuhr sie fort, indem ein warmes Licht aus ihren Augen strahlte,»fühle ich dieser großen, fast drohend gewaltigen Natur gegenüber um so mehr die Wohltat, welche Gott uns gegeben durch die Fähigkeit, die Leiden und Freuden anderer mitzuempfinden und wiederum in befreundete Herzen ergießen zu können, was uns freut und bekümmert. Siehst du,« sagte sie, immer lebhafter sprechend, während seine Blicke mit glücklichem Ausdruck auf ihren bewegten Zügen ruhten, »diese Berge stehen da in ewiger Einsamkeit, der brausende Sturm und die flammenden Wetter lassen sie eben so unbewegt, wie der sonnige Hauch des Frühlings, und der helle Strahl des Sonnenlichts, der auf ihre eisbebeckten Häupter fällt, glänzt und leuchtet, aber erwärmt sie nicht. In unseren Herzen aber lebt so warm alles Schöne und Große, das je vor uns die Geister bewegte und sie nach uns bewegen wird, und selbst in unserem Schmerz und in unserem Kummer lebt immer noch das Glück der Liebe und der Freundschaft, welche Trost empfängt und Trost zu geben vermag; mögen unsere Herzen dann zu Staub verfallen, aus dem Staub blühen wenigstens die freundlichen Blumen hervor, welche an jenen gewaltigen Felswänden auf den glänzenden Gefilden des ewigen Schnees keinen Platz finden.«

»Du bist in der Tat«, sagte er, indem er bewegt ihre Hand ergriff, »die Blume, welche meinem Leben Duft und Farbe gibt, ohne dich wäre ich starr geworden wie jene Felsen – wie soll ich dir danken für deine unermüdliche tröstende Freundschaft?«

»Dadurch,« erwiderte sie lächelnd, »daß du dem finstern Schmerz keine Gewalt über dich einräumst, daß du dich dem freundlichen Leben zuwendest und der Hoffnung auf die Zukunft –« fügte sie seufzend mit einem wehmütigen Lächeln hinzu. Der traurige, schmerzliche Ausdruck verschwand von seinem Gesicht, und in heiteren Gesprächen legten sie den letzten Teil des Weges bis zu dem freundlich am Abhang des Berges daliegenden Flecken Grindelwald zurück. Der Wagen hielt vor dem Hotel zum Adler.

Herr von Grabenow und seine Cousine nahmen ein kleines Diner ein, das man ihnen schnell bereitete und bei welchem jener traditionelle Gemsenbraten, bei welchem alle alten Hämmel der Umgegend den Stoff liefern, und der sogenannte Gletscherwein figurierten, ein Schweizer Landgewächs, das man in der ersten Gärung in das Gletschereis versenkt und das dadurch einen leicht prickelnden, angenehmen Geschmack erhält.

Dann machten sie sich mit einem Führer auf den Weg, um zu dem tief zum Tal herabgesenkten Gletscher hinaufzusteigen. Sie schritten über die frischen Wiesen und die schattigen Bergabhänge hin, an allen Ecken des Weges ihren Tribut an die Kindergruppen zahlend, welche ihnen kleine Steine und Erzstückchen anboten und in der Voraussetzung, daß jeder einigermaßen elegant gekleidete Tourist ein Engländer sei, ihnen oft in kaum erkennbarer musikalischer Verstümmelung das »God save the queen« entgegensangen.

Sie stiegen endlich über Steine und Geröll zu dem Eingang des Gletschers heran, überschritten die mit Brettern bedeckte große Wasserlache, welche das herabschmelzende Eis gebildet, und traten in den Gang, der in die ungeheure Eismasse gehauen war und bis tief in das Innere derselben hineinführt. Bald wandte sich dieser Gang so, daß das hereinfallende Tageslicht vollständig verschwand.

Mit einem leichten Schrei der Verwunderung blieb Fräulein Marie vor dem feenhaften Anblick stehen, der sich ihr darbot. Der Gang, in welchem sie sich befanden, war in hoher Wölbung in das Eis gehauen, von Zeit zu Zeit hingen an den glatten, glänzenden Wänden kleine Öllampen vor großen facettenartig aneinander gesetzten Spiegeln, deren vielfache Reflexe von den Eisflächen zurückstrahlten. Den ganzen Raum erfüllte eine eigentümliche grünbläuliche Dämmerung, hervorgebracht durch das Sonnenlicht, welches matt und gebrochen durch das halb durchsichtige Eis hereinschimmerte. Man konnte glauben, in dem Innern eines jener Paläste sich zu befinden, von welchen die phantastischen Feenmärchen erzählen, und welche aus einem einzigen riesenhaften Edelstein geformt sind. Immer wunderbarer wurde die Beleuchtung, je tiefer sie in das Innere des Gletschers hineindrangen, immer feenhafter und phantastischer wurden die Farbenspiele, welche das durch das Eis gebrochene Tageslicht mit den Spiegelreflexen der kleinen Lampen bildete.

Fräulein von Berkow legte ihren Arm in den ihres Vetters und atmete tief auf unter dem überwältigenden Eindruck dieses Anblicks.

Da ertönte von fernher aus dem tiefsten Innern dieses wunderbaren Eispalastes hervor eine eigentümliche, fast überirdisch klingende Musik. Die einzelnen Töne drangen zuerst wie ohne Zusammenhang untereinander aus der Tiefe des Ganges hervor, von den flimmernden Wänden wiederhallend. Dann hörte man sie deutlicher, sie verbanden sich zu einer Melodie. Es war eine einfache schweizerische Volksweise, und als man weiter und weiter fortschritt, konnte man erkennen, daß es die Klänge einer jener Zithern waren, welche die Bewohner der Berge mit so vieler Kunstfertigkeit zu spielen verstehen und welche so wunderbar sympathisch das Ohr berühren.

Endlich machte der Gang noch einmal eine Wendung, und alles vorhergesehene an phantastischem Reiz übertreffend, öffnete sich vor den erstaunten Blicken der Eintretenden die große Mittelgrotte im Kern der ungeheuren Eismasse. Die runde Kuppel des weiten Gewölbes schimmerte in einem wunderbar smaragdartig glänzenden Licht; rund umher an den Wänden waren in großer Zahl die Spiegellampen aufgehängt, welche ihre so vielfach gebrochenen Lichtstrahlen über die schimmernden und glitzernden Eismassen zittern ließen.

Hinter einem großen Eisblock hervor erklang in unmittelbarer Nähe, aber darum nicht minder wunderbar und eigentümlich berührend die Zithermusik. Der große Eisblock verdeckte die wenig poetische Erscheinung eines alten Mütterchens, das die Saiten des Instruments in Bewegung setzte, man hörte nur die Töne, ohne die Ursache derselben zu bemerken.

Fräulein von Berkow blieb wie geblendet stehen, und in der Tat hätte kein Traum eines bei der Erzählung der wunderbarsten Märchen eingeschlafenen Kindes etwas Schöneres und Reizenderes hervorbringen können, als es hier die Wirklichkeit darbot.

Herr von Grabenow blickte lächelnd und glücklich auf das in dieser zauberischen Beleuchtung identisch schön erscheinende Gesicht seiner Cousine, welche sich leicht an ihn anschmiegte und mit kaum hörbarer Stimme flüsterte: »O wie schön! Wie schön!«

Lange standen sie schweigend in den Anblick versunken, man hörte nichts als ihre tiefen Atemzüge und die leise durch den weiten Raum klingenden Töne der Zither.

Fräulein von Berkow zog endlich ihren Vetter sanft mit sich fort bis in die Mitte des Gewölbes. Sie richtete den Blick aufwärts zu der leuchtenden Kuppel, – ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich möchte hier bleiben, ich möchte hier ewig bleiben«, rief sie. »Können die Träume der kühnsten Phantasie etwas Schöneres erfinden, als was uns hier in Wirklichkeit umgibt? Hier glaubt man sich losgelöst von der körperlichen Welt, von allem Unreinen und Unedlen, was da draußen sich an uns herandrängt und den Flug der Seele hemmt, – den Schlag des Herzens einengt. So wie wir hier in dieser reinen Klarheit stehen, zu welcher das Geräusch und die Unruhe der Welt nicht dringt, so muß es den seligen Geistern zumute sein, welche von der Körperwelt losgelöst, frei von Sünden, Sorgen und Zweifeln leben. Fast ergreift mich Scheu, wieder hinauszugehen aus dieser heiligen Stille, welche mich anmutet wie eine Wohnung des ewigen Friedens, – o wie schön wäre es, hier zu bleiben, fern von allem Kummer und allem Leid, allein mit einem befreundeten Herzen, das uns versteht, und in welchem wir die Ergänzung unseres eigenen Lebens finden!«

Wie von einer unwillkürlichen Bewegung hingerissen, immer den Blick nach der Wölbung der Kuppel gerichtet. deren schimmernder Glanz sich in ihrem strahlenden Auge wiederspiegelte, lehnte sie ihr Haupt sanft an die Schulter ihres Vetters.

Herr von Grabenow blickte zu ihr herab, er sah ihr leuchtendes Auge, ihre von den verschiedenen Lichtreflexen wie mit einem Glanz der Verklärung übergossenen Züge. Ein tiefes, inniges Gefühl strahlte aus seinen Augen hervor, er beugte sich leise nieder und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Sie schauerte leicht bei seiner Berührung zusammen und schmiegte sich noch fester an ihn.

In diesem Augenblick erschallte ein angstvoller, fast entsetzter Schrei an dem Eingange der Grotte. Erschrocken fuhr Marie empor, und der junge Mann wandte sich rasch nach jener Seite hin.

Am Eingang der Grotte stand der Graf von Rivero und blickte ernst, fast finster auf das Paar in der Mitte hin. An seinem Arm hing Julia, mit beiden Händen zitternd, als ob sie eine Stütze suchte. Sie war bleich wie der Tod, ihre großen dunklen Augen blickten starr auf die beiden jungen Leute, als ob eine schreckensvolle Vision ihr erschienen wäre. Sie hatte jenen angstvollen Schrei ausgestoßen, – dann lehnte sie sich wie zusammenbrechend noch fester an ihren Vater und barg ihr Gesicht an dessen Brust.

Fräulein Marie sah erstaunt und fragend auf diese Gruppe hin, dann traf ihr Blick ihren Vetter, der, noch bleicher als Julia, mit gewaltsamer Anstrengung die Bewegung zu unterdrücken suchte, unter deren übermächtigem Eindruck seine ganze Gestalt zitternd hin und her schwankte. Plötzlich leuchtete ein Blitz des Verständnisses in ihren Augen auf, sie warf einen schnellen forschenden Blick auf das junge Mädchen, das ihr gegenüberstand, dann flog eine dunkle Röte über ihr Gesicht und mit einem bittern Lächeln schlug sie die Augen zu Boden.

So standen sich die beiden Gruppen einige Sekunden gegenüber, dann schien Herr von Grabenow durch eine gewaltige Willensanstrengung seiner Gefühle Herr zu werden, ein Ausdruck von beinahe höhnischer Verachtung erschien auf seinem Gesicht. »Laß uns gehen«, sagte er in kaltem Ton zu seiner Cousine, und indem er ihren Arm in den seinigen legte, ging er festen Schrittes dem Eingang zu. Mit eisiger Höflichkeit verneigte er sich vor dem Grafen.

»Welch' ein wunderbares Zusammentreffen, Herr Graf,« sagte er, »das uns beide hier in dieser Gletschergrotte zusammenführt!«

Der Graf, welcher sonst so sicher und ruhig alle Verhältnisse zu beherrschen gewohnt war, hatte in diesem Augenblick seine gewöhnliche überlegene Haltung verloren. Er blickte in starrem Erstaunen mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes auf Herrn von Grabenow, dann flog sein Blick über die schöne junge Dame an dessen Arm, und er sprach mit beinahe unsicher klingender Stimme:

»Ich hatte versprochen, Ihnen Nachrichten von mir zu geben, und war in dieser Zeit im Begriff –«

»Ich freue mich«, fiel Herr von Grabenow ein, »Sie so wohl hier wiedergesehen zu haben, diese persönliche Begegnung ist jedenfalls die beste und vollständigste Nachricht, die ich mir hätte wünschen können.«

Sein Blick streifte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck über Julia, welche noch immer ihren Kopf an die Brust ihres Vaters gelehnt hatte – dann wandte er sich mit einer höflichen Verbeugung, und einer so bestimmten und entschiedenen Bewegung, daß der Graf einen Schritt zurückzutreten gezwungen war, dem Ausgang der Grotte zu, und schritt schweigend, ohne sich umzusehen, durch den langen, gewundenen Gang der äußeren Öffnung des Gletschers zu.

Zitternd, ohne ein Wort zu sprechen, ging Marie neben ihm, sie traten ins Freie und stiegen fortwährend schweigend den Abhang hinab. Als sie in den Schatten des Waldweges gelangt waren, blieb Herr von Grabenow einen Augenblick stehen, seine Brust dehnte sich unter einem tiefen Atemzug weit aus, er schüttelte leicht den Kopf, als wolle er die Gedanken, welche auf ihm lasteten, abwerfen, und dann sprach er mit tiefer, dumpfer Stimme:

»Der Traum ist aus, – aber mein Schmerz und mein Kummer ist ebenfalls zu Ende, – meine Sehnsucht und meine Leiden sind umsonst gewesen! Ich war ein Tor,« fügte er bitter lächelnd hinzu, »ich habe die besten Gefühle meines Herzens verschwendet an eine Illusion!«

Marie blickte mit einem wunderbaren Ausdruck zu ihm auf, es war halb schmerzliche Teilnahme, halb freudige Hoffnung, was auf dem Gesichte lag.

»Das Rätsel deines Lebens hat seine Lösung gefunden?« fragte sie mit leiser, flüsternder Stimme.

»Eine bittere, traurige Lösung,« erwiderte er, »ich habe diejenige wiedergesehen, welcher die ganze liebevolle Hingebung meines jungen Herzens gehörte, ich habe sie wiedergesehen am Arm des Mannes, der mir Freundschaft heuchelte und der mir versprach, nach meiner verschwundenen Geliebten zu forschen und sie zu mir zurückzuführen, wenn es ihm gelingen würde, sie zu finden. Welch' ein Abgrund von Niedrigkeit und Heuchelei!« rief er, »welch ein unwürdiges Spiel mit den edelsten Gefühlen meines Herzens! O wie recht hattest du, als du mich jüngst gefragt, ob sie all der Schmerzen würdig wäre, die ich um sie gelitten! Doch«, rief er aus, indem er ihr wieder seinen Arm reichte und mit raschen Schritten durch das Gehölz weiterschritt, »welch' eine glückliche Fügung, die mich hierher geführt und mir die Augen geöffnet hat! – der Bann, welcher auf mir lastete, ist gebrochen, in die Vergangenheit versenkt aller Kummer, der mich quälte, mein Herz ist frei und leicht geworden, und mein Blick öffnet sich wieder dem leuchtenden Sonnenschein.«

Sie antwortete nicht, – mit hochatmender Brust die Augen zu Boden geschlagen, – ein glückliches Lächeln auf den Lippen, schritt sie neben ihm her.

Ohne weiter miteinander zu sprechen, gingen sie über die Wiesen und kamen an das Hotel zum Adler; rasch ließ er den Wagen anspannen, und nach kaum einer Viertelstunde fuhren sie durch die Felsenschlucht auf der Straße nach Interlaken hin.

»Denkst du noch an das Gespräch, das wir vorhin führten,« fragte Herr von Grabenow plötzlich mit innigem Ton seine Cousine.

»Gewiß«, erwiderte sie, indem sie ein wenig verwundert die Augen zu ihm emporschlug. »Ich fühle jetzt mehr als je, wie recht du hattest,« fuhr er fort, indem er ihre Hand ergriff, »daß du den warmen Pulsschlag des lebendigen Herzens höher stelltest, als jene gewaltigen unvergänglichen Felsenmassen. Es ist, als ob eine plötzliche, reine und ruhige Klarheit mich erfüllte, als ob die Schleier zerrissen, die bisher meinen Blick verhüllten, als ob die Zukunft meines Lebens sich sonnenhell vor mir öffnete. Siehst du,« fuhr er fort, »jenes Gefühl, dem ich in ruheloser und schmerzlicher Sehnsucht so lange Zeit meine Kräfte, mein Denken, Wünschen und Hoffen geopfert habe, hatte mich so plötzlich und überwältigend ergriffen, wie der Eindruck einer erschütternden Naturschönheit. Es hatte meine Seele aus dem ruhigen Gleichmaß herausgerissen und mein ganzes Wesen in seinen Tiefen erschüttert. Aber seit ich dich gefunden, seit deine freundliche, immer gleich liebevolle Teilnahme mich das Glück kennen gelehrt hat, welches aus dem stillen, treuen Mitgefühl eines befreundeten Herzens erwächst, – welches immer neue Blüten treibt – klein und unscheinbar jede einzelne, – aber doch uns immer von neuem mit unvergänglichem Duft und Reiz erquickend, seitdem war mein ganzes Wesen gespalten und geteilt, und in quälender Unruhe schwankte ich hin und her zwischen jenem berauschenden Gefühl und dem stillen, friedlichen Glück, welches deine teilnehmende Freundschaft mir bot. Du wirst mich oft für töricht gehalten haben«, fuhr er fort, »und ich war es, ich war krank, ich verfolgte eine Fata Morgana, welche meinen Sinn gefangen hielt, und konnte nicht dazu kommen, mich zu den lieben Blüten herabzuneigen, welche in freundlicher Wirklichkeit an meinem Wege sproßten. Jetzt bin ich geheilt,« rief er, – »die Fata Morgana ist verflogen, sie hat sich aufgelöst in leeren Wolkendunst, – mir ist klar geworden, wo das Ziel meines Lebens liegt.«

»Wenn auch die Enttäuschung eine schmerzliche war,« sagte Marie leise, »so freue ich mich doch, daß du nicht mehr leidest und deine Kraft in unruhiger Sehnsucht aufreibst.«

»Marie,« sagte er nach einer Pause ein wenig zögernd, »du hast dem Leidenden, dem töricht Verblendeten in unermüdlicher Freundschaft und Teilnahme zur Seite gestanden, du hast meinen Schmerz verklärt durch den liebevollen Trost, den du nicht müde wurdest mir zu gewähren – ich bin geheilt von der Krankheit meines Herzens, ich habe Raum in mir für Glück und Freude – willst du mir in einem glücklichen, freudigen und kraftvoll mutigen Leben zur Seite stehen, wie du Kummer und Leiden mit mir geteilt hast?«

Sie neigte schweigend den Kopf auf die Brust, in unwillkürlicher Bewegung schmiegte sie ihre Finger fester um seine Hand.

»Du kennst«, fuhr er fort, »die Absichten, welche unsere Eltern mit uns hatten, du weißt, wie verstimmt mein Vater ist, daß jene Absichten noch nicht erfüllt wurden – willst du mir verzeihen, daß ich dem so nahe liegenden Glück mich so lange verschließen konnte, willst du mein Leben erleuchten und erwärmen und dadurch auch unseren Eltern die freudige Erfüllung ihrer Hoffnungen gewähren?«

Sie schlug die Augen empor und sah ihn lange mit einem wunderbar innigen Blick an.

»Glaubst du,« sprach sie mit offenem, freiem Ton, »daß ich so lange mein ganzes Leben der Aufgabe gewidmet hätte, dich zu trösten und deinen Schmerz zu lindern, wenn mein Herz über die Beantwortung deiner Frage im Zweifel sein könnte?«

Er beugte sich rasch zu ihr hin und drückte sie einen Augenblick fest an sich.

»O, dann ist alles gut,« rief er, »dann habe ich aus diesem wunderbaren Feenschloß, welches die Geister der Berge aufgerichtet, auch das segensvolle Kleinod meiner Zukunft heimgetragen und alle dunklen Rätsel meines Lebens haben hier ihre herrliche Lösung gefunden.«

Die Sonne war hinter den hochaufragenden Felswänden verschwunden, langsam dunkelte der Abend herein, in leisem, glückseligem Geflüster fuhren die beiden dahin. Und in der Tat hätte der Blick der ewigen Vorsehung mehr Freude haben müssen an diesen Menschenherzen, die sich in liebevoller Zuneigung einander erschlossen, als an den gewaltigen Bergen mit den rot glühenden Schneespitzen, die von Jahrhundert zu Jahrhundert als unbewegliche Zeugen einer riesigen Naturkraft aus den Grundvesten der Erde erwachsend zum Himmel emporragten.

Ehe sie es erwarteten, waren sie in Interlaken angekommen, mit strahlenden Blicken traten sie in das Zimmer der Frau von Grabenow: mit glücklichem Lächeln hörte diese die Mitteilung, welche sie ihr von dem Vorgefallenen machten. Mit inniger Zärtlichkeit schloß sie ihre Nichte in die Arme, und als die beiden jungen Leute sich zurückgezogen hatten und in unruhig hin und herwogenden Gefühlen vergebens den Schlaf suchten, schrieb sie in freudiger Erregung an ihren Gemahl, um ihm anzuzeigen, daß sie doch recht behalten, und daß die beiden für einander bestimmten Herzen sich endlich gefunden hätten.


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