Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Julia war noch einige Augenblicke, nachdem Herr von Grabenow und Marie die Gletschergrotte verlassen hatten, wie bewußtlos in den Armen ihres Vaters liegen geblieben, endlich erhob sie sich und blickte ängstlich umher, als fürchte sie, noch einmal das schreckliche Bild zu erblicken, das urplötzlich und unerwartet sich ihr gezeigt hatte.

Der Graf sah sie mit tiefem Mitgefühl an und schien Worte zu suchen, um in ihrer schmerzlichen Erschütterung ihr Trost und Hoffnung zu geben.

»Wohl hatte ich recht, mein Vater,« sprach sie endlich, »als ich dir gestern abend sagte, daß eine Ahnung, fast ein gewisses Vorgefühl mich erfülle, als würde hier in diesen Bergen alle Unklarheit, welche mein Leben verhüllte, sich lösen. Klar ist es geworden,« rief sie mit tief traurigem Ton, »aber wie weh, wie bitter weh tut mir diese Klarheit!«

»Mein Kind,« sprach der Graf mit sanfter Stimme, »laß dich nicht von raschen Eindrücken hinreißen. Warum willst du glauben, daß für dich alles verloren sei? Du hast deinen Geliebten wiedergesehen in Gesellschaft einer jungen Dame, die allerdings in innigen Beziehungen zu ihm zu stehen schien. Ich kenne diese Dame nicht, ebenso wenig wie du. – aber kann sie nicht seine Schwester sein? – verurteile sie nicht, bevor du näheres gehört.«

»Seine Schwester,« rief Julia mit schluchzendem Ton, »o nein, mein Vater, das war seine Schwester nicht! Ich habe nur einen Blick gesehen, den sie auf ihn warf, als er mich erkannte, – so sieht eine Schwester ihren Bruder nicht an. Nein, mein Vater, diese Frau war seine Geliebte – vielleicht seine Gattin,« sagte sie mit dumpfer Stimme, indem sie sich leicht schwankend auf den Arm ihres Vaters stützte. »Er hat mich vergessen,« sagte sie still weinend, »so schnell vergessen, das ist hart, das ist sehr schmerzlich – und ich liebte ihn doch so sehr.«

»Ich verspreche dir, mein Kind,« sagte der Graf, »ich werde sogleich Erkundigungen einziehen. Er wird in Interlaken wohnen wie wir, und ich werde sogleich erfahren, in welchem Verhältnis er zu der Dame steht: bis dahin gib dich der Verzweiflung nicht hin.«

»Wozu Erkundigungen?« sagte Julia im Ton wehmütiger Resignation, »es bedarf keiner Erkundigungen; wäre er frei gewesen– liebte er mich noch, so hätte er mir die Hand gereicht, er hätte mich gegrüßt, nachdem er so lange von mir getrennt war. Ich hätte in seinem Blick wenigstens die Freude lesen können, mich gefunden zu haben – aber er ist kalt und gleichgültig an mir vorübergegangen, er hatte nicht einmal ein Wort, nicht einen Gruß der Höflichkeit für mich. Glaube mir, mein Vater, mein Herz täuscht mich nicht, er ist für mich verloren, – aber,« fuhr sie fort, indem sie das schöne Haupt emporrichtete und den Grafen mit leuchtenden Augen ansah, »du hast das Wort Verzweiflung gebraucht – o, fürchte nicht, daß ich verzweifle. Diese Täuschung hat mich tief und schmerzlich im innersten Kern meines Lebens getroffen; aber sollte ich mich deshalb der Verzweiflung hingeben? Wäre ich da nicht undankbar gegen die liebevolle Vorsehung, hat sie mir nicht alles gegeben, was das Leben an Reiz bieten kann? Habe ich nicht dich, mein Vater!« rief sie mit schwärmerischem Ausdruck, »dich, der mir die ganze Welt ersetzen kann! O, ich werde nicht verzweifeln, ich werde fortan nur eine Aufgabe haben, – dich glücklich zu machen, und dein Leben mit aller Glut meiner Liebe zu erwärmen. In der Erfüllung dieser Aufgabe werde ich mein Glück finden – ein reineres und schöneres Glück vielleicht, als jene gestorbene Liebe mir hätte bieten können.«

Der Graf beugte sich schweigend zu seiner Tochter herab, schlang seine Arme um ihre Schultern und lehnte ihr Haupt an seine Brust, indem er sanft mit der Hand über ihr glänzendes Haar strich.

Eine Zeitlang standen sie noch da in stummer Umarmung.

Der Edelsteinglanz des von den gebrochenen Sonnenstrahlen durchleuchteten Eises schimmerte von der Wölbung der Grotte herab, und die Zitherklänge tönten leise und wunderbar hinter dem großen Eisblock hervor.

Langsam richtete Julia das Haupt empor.

»Laß uns morgen hierher zurückkehren, mein Vater,« sprach sie, »ich will meine Gerätschaften mitbringen und eine Skizze von dieser so zauberisch schönen Grotte nehmen, sie soll mir eine ewige Erinnerung sein an diese Stunde, welche mein vergangenes Leben mit allen seinen Träumen abschloß, welche die edle und reine, aber doch schuldvolle Liebe meiner Jugend begrub, und welche in meinem Herzen jedes andere Bild verwischte, als das deinige, mein Vater, jede andere Flamme verlöschte, als die der reinen kindlichen Liebe, welche fortan mein Dasein erleuchten und erwärmen wird. Dies Bild soll seinen Platz finden über meinem Gebetpult neben jenem andern Bild, das die sterbende Hand deines Bruders vollendete, und es soll, wie jenes, zu mir sprechen von der allversöhnenden Liebe Gottes, deren Priester und Verkündiger du mir geworden bist, wie du es deinem armen verzweifelten Bruder warst.«

Der Graf vermochte nicht zu antworten. Mit wunderbar fragendem Ausdruck richtete sich sein Blick auf das schimmernde Gewölbe über ihm.

»Mein Gott,« flüsterte er leise vor sich hin, »ich habe die Kraft meines Lebens daran gesetzt, um deine Macht und Herrlichkeit zu offenbaren in den Kämpfen und dem Getöse der Welt. – Habe ich mich getäuscht, zeigt sich deine ewige Macht und Größe herrlicher und klarer in dem stillen, verborgenen Leben und Weben des durch Leiden zur Erlösung und Verklärung emporringenden Menschenherzens, als in den gewaltigen Verwirrungen der Völkerschicksale?«

Er reichte Julia den Arm und führte sie langsam durch den gewundenen Gang aus dem Innern des Gletschers hinaus. Noch einmal blickte sie zurück, noch ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, als sie des eben verlebten Augenblicks gedachte, der ihrem ganzen Leben eine neue Richtung gegeben hatte. Dann wurden ihre Züge heiter und ruhig, und kräftigen Schrittes ging sie durch den Wald und über die Wiesen hin, von Zeit zu Zeit mit leuchtenden, freudigen und heitern Blicken zu ihrem Vater aufschauend.

Kaum eine Stunde nach Herrn von Grabenow und seiner Cousine langten sie in Interlaken an. Der Graf führte Julia in ihr Zimmer und rief dann den Kellner in den Salon, sich die Fremdenliste geben zu lassen. Bald fand er, was er suchte: Frau von Grabenow aus Ostpreußen.

»Die Dame wohnt hier im Hause?« fragte er den Kellner, ihren Namen mit dem Finger auf der Fremdenliste bezeichnend. Der Kellner bejahte. »Wer ist der junge Mann, der sie begleitet?«

»Ihr Sohn«, erwiderte der Kellner.

»Und die junge Dame?«

»Eine Verwandte – die Braut des jungen Herrn von Grabenow.«

Der Graf neigte ernst das Haupt und entließ den Kellner durch einen Wink.

Julia trat ein, sie sah bleich aus, aber freundlich lächelte sie ihrem Vater entgegen.

»Du hattest recht, mein Kind,« sagte er tief ernst in traurigem Ton, »die Dame, welcher wir begegnet, ist die Braut desjenigen, den dein Herz so lange sehnsüchtig gesucht.«

»Ich wußte es, mein Vater,« sagte sie mit sanftem Lächeln, – »laß uns nicht weiter darüber sprechen, ich werde mit meinem Herzen allein fertig werden, – deine Tochter wird deiner würdig sein.« Mit einer raschen Wendung trat sie an das Fenster, um die Tränen zu verbergen, welche die Wimpern ihres schönen Auges benetzten.

Der Kellner servierte den Teetisch und meldete zugleich, daß soeben ein Herr angekommen sei, welcher den Grafen zu sprechen verlangt habe.

»Lassen Sie ihn eintreten«, sagte der Graf Rivero ein wenig erstaunt.

Wenige Augenblicke darauf trat der Abbé Rosti in den Salon. Er begrüßte den Grafen mit ehrerbietiger Herzlichkeit und richtete dann ein wenig erstaunt seinen Blick auf Julia.

»Meine Tochter,« sagte der Graf, – »ich habe Ihnen einmal die Geschichte meines vergangenen Lebens erzählt,« fügte er hinzu. Die Vorsehung hat mich mein Kind wiederfinden lassen und vielen und langen Schmerz meines Lebens wieder gut gemacht.«

Freudige Teilnahme bewegte das Gesicht des jungen Priesters, er reichte Fräulein Julia die Hand und sagte:

»Ihr Vater hat viel um Sie gelitten, aber Sie werden ihm viel Glück bringen und mit seinen Freunden vereint sein Leben verschönern, das er der heiligen Sache der Kirche Gottes geweiht hat. Der Himmel hat Sie reich gesegnet, einen solchen Vater wiedergefunden zu haben.«

»Und mich,« sagte der Graf, »indem er mir ein solches Kind gab. Man soll nicht von der Last der Leiden sich beugen lassen, denn Gottes Wege sind unerforschlich und führen alle zum Glück und zum Sieg.«

Er blieb einen Augenblick schweigend mit gefalteten Händen stehen, dann wandte er sich mit ruhigem, heiterem Ausdruck zum Abbé und sagte:

»Was führt Sie her, mein Freund, welch' wichtige Nachrichten sind die Ursache, daß Sie mich hier aufsuchen, wohin ich mich eine Zeitlang aus den Unruhen der Welt zurückziehen wollte?«

Der Abbé zögerte einen Augenblick mit der Antwort und warf einen fragenden Blick auf Julia.

»Sie können vor meiner Tochter sprechen,« sagte der Graf, – »sie ist eins mit mir. Sie hat ein starkes und mutiges Herz und soll fortan meine Freundin sein, die alle meine Gedanken, all' mein Streben und Arbeiten mit mir teilt.«

Mit glücklichem, fast verklärtem Ausdruck eilte Julia auf den Grafen zu und küßte seine Hand.

»O mein Vater,« rief sie, »du gibst mir mehr, als die Welt mir genommen hat.«

Der Graf zog einen Sessel für den Abbé heran.

»Was also bringen Sie mir?« fragte er.

»Ich war gestern bei der Marchesa Pallanzoni«, sagte der Abbé –

Eine finstere Wolke zog über die Stirn des Grafen, er neigte einen Augenblick seinen Kopf auf die Brust nieder, dann richtete er den Blick ernst auf den Abbé. – »Und?« fragte er.

»Die Marchesa hat mir mitgeteilt,« fuhr der Abbé fort, »daß sie aus ganz sicherer und untrüglicher Quelle die Mitteilung erhalten habe: der Krieg gegen Preußen sei beschlossen, und in den nächsten vierzehn Tagen werden die Aktionen beginnen. Der Kaiser ist in Biarritz, wie Sie wissen, und der Vertrag zur Ablösung des französischen Korps in Rom durch spanische Truppen ist zum Abschluß bereit. Der Kaiser wird in diesen Tagen mit der Königin Isabella in San Sebastian zusammenkommen, um ihn definitiv abzuschließen. Und der Marquis de Moustier hat bereits die Instruktion, den diplomatischen Feldzug zu eröffnen.«

Der Graf sprang erschrocken auf.

»Mein Gott,« rief er, »so sind also die Toren doch durchgedrungen, welche Frankreich in einen Kampf gegen das so mächtig erstarkte Deutschland stürzen wollen, und welche durch den Sieg, den sie für möglich halten, die Macht der katholischen Kirche wieder aufzurichten gedenken. Und wissen Sie,« fuhr er fort, »wie man im Vatikan über diesen Plan denkt?«

»Soviel ich gehört habe«, erwiderte der Abbé, »ist derselbe dort gebilligt, und die Diener der Kirche werden den Sieg für die Waffen Frankreichs erflehen.«

»Welche Verblendung! Welche Verblendung!« rief der Graf, – »Frankreich wird zertrümmert werden in diesem Krieg, und wenn die Kirche Partei nimmt, wenn sie sich der nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenstellt, so wird sie die einzige feste und wahre Stütze verlieren, auf welcher ihre Zukunft sich segensreich entwickeln kann, – dazu«, sagte er in leisem Ton vor sich hin, »dieser Gedanke, die päpstliche Unfehlbarkeit proklamieren zu lassen und dadurch der freien Bewegung der Geister unversöhnlich entgegenzutreten. O, mein Gott,« rief er, »hast du denn diejenigen mit Blindheit geschlagen, welche berufen sind, deine heilige Sache auf Erden zu führen?! Doch«, fragte er dann, »ist es vollkommen richtig, was Sie mir sagen? – Aus welcher Quelle stammen diese Nachrichten?«

»Die Marchesa«, erwiderte der Abbé, »hat mir ihre Quelle nicht genannt, sie hat mir aber gesagt, daß Sie sich auf ihre Mitteilungen vollkommen verlassen könnten, sie sei ihrer Sache ganz sicher. Und wenn ich eine Vermutung aussprechen darf, so glaube ich, daß die Quelle ihrer Mittellungen den Umgebungen der Kaiserin sehr nahe liegt. Die Marchesa hielt es in Übereinstimmung mit mir für unvorsichtig, über einen so delikaten Gegenstand zu schreiben, und deswegen bin ich sogleich hierher gereist, um Ihnen ihre Botschaft persönlich zu überbringen. Doch«, fuhr er fort, »im letzten Augenblick ist eine Nachricht in Paris angelangt, durch welche der ganze Plan in Frage gestellt erscheinen könnte: die Revolution in Spanien –«

»Ich habe davon in Zeitungen gelesen,« sagte der Graf, »hält man diese Sache in Paris für ernst?«

»In den offiziellen Kreisen nicht,« erwiderte der Abbé – »doch auf der Nunziatur war man sehr besorgt; zwar war bei meiner Abreise der Besuch des Kaisers in San Sebastian bereits in offiziellen Blättern angezeigt, allein die Mitteilungen, welche man dort aus Spanien erhalten hatte, lauteten beunruhigend.«

»Vielleicht wäre es ein Glück«, rief der Graf, »wenn dieser gefährliche Plan scheiterte. – Freilich Spanien aufs neue durch eine Revolution zerrissen – das wäre auch ein schwerer Schlag.«

Er ging einige Augenblicke gedankenvoll im Zimmer auf und nieder. »Ich muß nach Paris zurück«, rief er, »unter solchen Verhältnissen wäre es ein Verbrechen, hier in zurückgezogener Ruhe zu bleiben! Vielleicht ist es noch möglich, das Unheil zu beschwören – wenn die Stimme eines einzelnen Mannes Gehör finden kann,« sagte er mit traurigem Kopfschütteln, »denn ein einzelner Mann nur bin ich, wenn es wahr ist, daß man im Vatikan das gefährliche Unternehmen gebilligt hat. Ich verspreche dir,« sagte er zu Julia gewendet, »mit dir später hierher zurückzukehren, damit du das Bild machen kannst, wovon du mir gesprochen«, fügte er mit liebevoller Zärtlichkeit hinzu.

»O mein Vater,« sagte sie, »dies Bild steht lebendig vor mir, ich bitte dich, keine Rücksichten auf meine Wünsche zu nehmen. Ich bedarf kaum eines äußeren Zeichens, um das in mir festzuhalten, was ich hier erlebte, und«, fuhr sie seufzend fort, »es ist vielleicht besser, wenn wir so schnell als möglich diesen Ort verlassen.«

»So wollen wir morgen reisen,« sagte der Graf, »denn wenn noch etwas zu tun ist, so muß schnell gehandelt werden. Nun aber kein Wort weiter davon,« sagte er dann, »wir müssen unsere Kräfte und unsere Gedanken sammeln. Lassen Sie uns eine Stunde in ruhigem Gespräch beisammen bleiben, morgen wird sich klar in mir geordnet haben, was ich zu tun habe.«

Er gab Julien einen Wink, sie bereitete den Tee und führte mit anmutiger Liebenswürdigkeit das Gespräch auf Italien und seine Kunstschätze und auf die Schweiz und ihre Naturschönheiten.

Wer diese drei Menschen in dem eleganten, behaglichen Zimmer in ihrer ruhigen, freundlichen Unterhaltung gesehen hätte, der hätte schwerlich ahnen mögen, daß so gewaltige Erschütterungen heute das Herz dieses anmutig lächelnden jungen Mädchens bewegt hatten, und daß dieser mit so großer Sicherheit das Gespräch beherrschende Weltmann die widerstreitenden Gedanken seines Innern ordnete, um mit kühner Hand in den rollenden Lauf der Weltgeschichte einzugreifen.


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