Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Einundreißigstes Kapitel

Die Internationale hatte ihren großen Kongreß nach Brüssel ausgeschrieben, und in der Halle des Zirkus daselbst waren die Vorbereitungen getroffen, um diese große Versammlung der Delegierten des Arbeiterstandes aller Länder aufzunehmen, welche darüber beraten sollte, in welcher Weise die Organisation des großen Weltbündnisses immer fester geknüpft und wie am leichtesten und schnellsten die Grundlagen der heutigen Gesellschaft überall zerstört werden könnten.

Der Pariser Zweigverein war aufgelöst worden, Tolain und Fribourg hatten durch eine kurze Haft im Gefängnis von St. Pelagie dafür gebüßt, daß sie jenen Verein nicht politisch angemeldet hatten, da man es nicht gewagt hatte, außer diesem Formfehler einen andern Anklagegrund gegen sie geltend zu machen.

Es war daher die Einladung in der Form ergangen, daß jeder den Kongreß besuchen durfte, der entweder ein Gewerkvereinsvertreter oder ein Mitglied eines sozialistischen Klubs sei.

So war Tolain fortwährend bemüht, die Arbeiterbewegung auf dem Wege der gesetzmäßigen Reform zu erhalten und vor den eigentlich kommunistischen Tendenzen zu schützen.

Varlin, den man erst später eingezogen hatte, war noch in St. Pelagie und beriet dort mit dem ebenfalls nach seinem vergeblichen Versuch zu einer Erhebung in Irland in Frankreich gefangen gesetzten fenischen General Cluseret die Mittel und Wege zu einer praktischen Zerstörung des gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftszustandes, ohne sich darum zu kümmern, was nachher geschehen sollte. Denn wenn nur einmal das Bestehende in Trümmer geschlagen worden sei, so würde ja die beste Form für die Gesellschaft der Zukunft sich von selbst ergeben.

Seit mehreren Tagen sah man in den Straßen von Brüssel diese Gestalten mit den bleichen Gesichtern und den glühenden, von Haß und Rache erfüllten Blicken einhergehen, welche zusammengekommen waren, um in öffentlicher Versammlung unter den Augen der Polizei die Mittel zu beraten zu einem Krieg auf Tod und Leben gegen alle Gesellschafts- und Staatsordnung in Europa.

Ernst und gedankenvoll saß Tolain in dem Hinterzimmer eines kleinen Restaurants in der Nähe des Zirkus. Ihm gegenüber stand ein Mann von etwa vierzig Jahren mit einer etwas gesuchten Eleganz gekleidet, der sowohl in seiner gebückten Haltung als in seinem scharfgeschnittenen, gelblichen Gesicht von markierten Zügen, mit gekrümmter, hervorspringender Nase, kleinen schwarzen, stechenden Augen und kurzem krausem Haar, den Typus orientalischer Abstammung zeigte. Es war Armand Levy, ein französischer Jude, der seit längerer Zeit bereits in den verschiedensten Missionen dem Stern der Napoleoniden folgte. Er war zuerst in Paris bekannt geworden als Sekretär des polnischen Dichters Adam Mikiewicz, welcher in allen seinen Poesien das Thema variierte, daß der erste Napoleon der Messias der modernen Welt sei, und daß Napoleon III. gesandt worden, um das Werk seines großen Oheims fortzuführen und zu vollenden. Seit einiger Zeit hatte er sich der sozialen Bewegung angeschlossen, man hatte ihn oft nach dem Palais Royal, zuweilen nach der Polizeipräfektur und mehrere Male auch nach den Tuilerieen gehen sehen und wollte auch von unmittelbaren Beziehungen wissen, in denen er zu den Vertrauten des Kaisers stände.

Jedenfalls konnte man ihm aus allen diesen Beziehungen keinen Vorwurf machen, denn er sprach es ja offen und laut aus, daß die ganze sozialistische Bewegung überhaupt nur dann zu einem Resultat führen könne, wenn sie einen Cäsar fände, der sie in seine mächtige Hand nähme und die ihr zugrunde liegenden Ideen, welche durch eine Revolution niemals realisiert werden könnten, zur Ausführung brächte.

Tolain hatte, um dem Übergewicht der aus allen Ländern herbeigeströmten Kommunisten zu begegnen, die französischen Delegierten vor der allgemeinen Versammlung des Kongresses zu einer Besprechung eingeladen, – bis zur Stunde aber, – und der Augenblick der Eröffnung des Kongresses stand nahe bevor, war nur Armand Levy allein in dem einfachen Zimmer dieses bescheidenen Restaurants erschienen, und Tolain begann mit Betrübnis zu empfinden, daß die Bewegung, zu deren ersten Urhebern er gehörte, sich von dem Wege entfernte, auf welchem sie nach seiner Überzeugung allein zum Heil führen konnte.

»Sie sehen,« sagte Armand Levy mit seiner harten, jedes Wort scharf hervorhebenden Stimme, »daß keiner von unsern Landsleuten geneigt ist, sich mit uns zu einem Programm zu vereinbaren und seine persönliche Stellung an gemeinschaftlich festzustellende Grundsätze zu binden. Aber«, fuhr er fort, »wir haben dies auch nicht nötig, jene unklaren Köpfe, jene zweifelhaften Existenzen, welche weder in Frankreich noch anderswo irgend welchen Einfluß haben, welche nur ihrer persönlichen Eitelkeit dienen und welche niemals einen Erfolg für die Sache erreichen können – wir haben sie nicht nötig,« fuhr er fort, »wenn wir uns zu festen Bündnissen vereinigen. Der große Teil des wirklichen Arbeiterstandes folgt Ihnen, und wenn Sie ein Wort in die Wagschale legen, so werden alle langen Reden jener Barrikadenhelden gleich in die Luft fliegen, – wenn Sie sich zur praktischen Erreichung Ihrer Ziele mit meinen Ideen vereinigen, so gehört die Zukunft uns. Sie wollen ja keine Revolution, Sie wollen ja die ruhige und gesicherte Form der Gesellschaftszustände, Sie müssen ja erkennen, daß dieselbe nur zu erreichen ist, wenn die starke Hand der Regierung deren Durchführung übernimmt, und ich glaube, daß Sie darüber mit mir einig sein werden, daß in Frankreich dem unberechenbaren Chaos der Revolution gegenüber nur eine Regierung möglich ist, das ist das Kaisertum. Lassen Sie uns beide gemeinschaftlich handeln, wir beide allein wiegen diese ganze Gesellschaft auf, welche sich in der Halle des Zirkus versammeln wird. Lassen Sie uns fest und entschieden auftreten und uns von dieser ganzen törichten Bewegung lossagen, wenn sie unsere Grundsätze nicht annehmen will, und dann nach Frankreich zurückkehren. Sie werden dann die Arbeiter organisieren und lenken, und ich werde die Verbindungen herstellen mit der Macht der Regierung. Wahrlich, wenn der Kaiser eine feste und sichere Allianz mit der arbeitenden Gesellschaft schließen kann, wenn dieselbe ihrerseits ernsthaft und aufrichtig die Stütze seines Thrones werden will, so wird er sich keinen Augenblick bedenken, diese halbverfaulte Bourgeoisie zu zertrümmern und den Geist der wahren Demokratie, welcher bereits im Prinzip des Kaisertums liegt, auch in allen dessen Institutionen zur Geltung und zum Ausdruck zu bringen.«

Tolain erhob langsam den Kopf, den er in die Hände gestützt hatte, sah Armand Levy, dessen brennendes Auge forschend auf ihm ruhte, einen Augenblick nachdenkend an und sprach dann mit dem ihm eigenen sanften und ruhigen Ton:

»Nach meiner Überzeugung, welche durch langes Studium begründet und bisher durch keine Gegengründe erschüttert worden ist, kann die Reform der Gesellschaftszustände, die Durchführung des Rechts der Arbeit, durch keinerlei Gewalt erreicht werden. Jede Gewalt wird immer wieder Gewalt hervorrufen und einen Zustand des fortwährenden Krieges erzeugen. Das Gebiet aber, auf welchem allein die Arbeit zu ihrem Rechte kommen kann, ist der Frieden, – das einzige Mittel, welches zu dem großen Ziel zu führen vermag, ist die ruhige Belehrung und Aufklärung der Arbeiter über ihre Rechte und ihre Pflichten. Die politische Form des Staats ist dabei gleichgültig, die Reform der Gesellschaft kann sich vollziehen ebensogut unter der legitimen Monarchie, als unter dem Kaiserreich und auch unter der Republik. Das alles sind andere Fragen, ihre Erörterung und Verfolgung zieht die Geister nur von der eigentlich wesentlichen Frage, von der Frage des Rechts der Arbeit ab. Es bedarf keiner politischen Umwälzung, um dieses Recht zur Geltung zu bringen, es kommt nur darauf an, daß die Arbeiter sich ihrer Macht bewußt werden und nach richtigen Grundsätzen in fester Organisation dieselbe ausüben. Wenn alle Arbeiter darüber einig sind, ihre Kräfte der Produktion nur nach gleichmäßigen und von ihnen selbst bestimmten Bedingungen zu leihen, wenn sie ihren Anteil an dem durch die Produktion erzielten Gewinn gleichmäßig und in fester Konsequenz in Anspruch nehmen, wenn sie nur den Einfluß ihrer ungeheuren Majorität nach bestimmten Plänen auf die Gesetzgebung anwenden, so vollzieht sich die soziale Reform ganz von selbst, ohne jede gewaltige Katastrophe und vor allen Dingen ohne jene verderbliche und fluchwürdige Zerstörung des Eigentums, welche von diesen törichten Aposteln des Kommunismus gepredigt wird, die da vergessen, daß ohne Eigentum keine Individualität, keine Menschenwürde mehr möglich ist, und daß die einzige gesunde Basis des ökonomischen Lebens nur darin liegt, daß jeder gleiche Berechtigung und gleiche Möglichkeit hat, im richtigen Verhältnis seiner Arbeit Eigentum und Güter des Lebens zu gewinnen.«

Mit allen Zeichen einer lebhaften Ungeduld hatte Armand den ruhig gesprochenen Worten Tolains zugehört.

»Sie vergessen,« sagte er, indem er näher zu ihm herantrat und leicht die Hand erhob, »daß es sich bei der Durchführung einer sozialen Reform nicht darum handelt, für eine zu bildende Gesellschaft den besten und richtigsten Zustand herzustellen; dann möchte vielleicht – aber auch nur vielleicht – der Weg der allgemeinen Belehrung und Aufklärung aller einzelnen zum Ziele führen können, obgleich es in der Geschichte ja noch nie gelungen ist, den großen Massen die eigentliche Erkenntnis ihres wahren Wohls und Nutzens zu geben. Nun aber«, fuhr er lebhafter fort, »bevor die Grundsätze der Gerechtigkeit und Gleichheit für die Arbeit zur Geltung gebracht werden können, handelt es sich darum, die festbegründete Herrschaft derjenigen zu brechen, welche durch das Kapital, das Nahrung, Kleidung und jeden Lebensgenuß repräsentiert, die Arbeit unterjocht haben, welche alle überlegenen Waffen in diesem Kampfe besitzen, und welche wahrlich entschlossen sind, auf Leben und Tod von diesen Waffen Gebrauch zu machen. Diese Herrschaft zu zerbrechen, ihre Bollwerke und Festungen zu zertrümmern und für die Neugestaltung der Gesellschaft freie Bahnen zu schaffen, dazu gehört Gewalt, und zwar eine sehr starke, überwiegende, mächtige Gewalt –«

Tolain schüttelte schweigend mit ruhigem Lächeln den Kopf.

»Und ich sehe,« fuhr Armand Levy fort, ohne Tolain Zeit zu einer Bemerkung zu lassen, – »ich sehe zwei Formen, in denen diese Gewalt wirksam und mächtig auftreten kann. – Die eine dieser Formen ist die Revolution, und ich habe keinen Zweifel an deren Sieg, das heißt, an ihrem negativen Siege. Die Revolution wird, wenn es gelingt, sie zu entfesseln, mit übermächtiger Gewalt alles Bestehende zertrümmern, aber sie wird auf den Trümmern des Bestehenden nicht diejenige Gesellschaftsordnung aufrichten, welche Sie mit mir übereinstimmend für die einzig richtige halten; die Gewalt wird wieder die Gewalt hervorrufen, nichts erschlafft schneller, als ein revolutionärer Aufschwung. Beispiele in der Geschichte zeigen, daß nach allen revolutionären Vernichtungskämpfen sich die Gesellschaft wiederum nach den alten Grundsätzen rekonstruiert und daß nur die Personen, die Träger und Vertreter jener Grundsätze, andere geworden sind; außerdem würde die soziale Revolution den Fehler begehen, die Staats- und Regierungsgewalt, welche sehr mächtig und bedeutungsvoll ist, zur Verbündeten derjenigen zu machen, welche durch den ausschließlichen Besitz des Kapitals die Arbeit in Fesseln schlagen, und wenn die Revolution nicht durchdränge, so würde die Welt in eine neue Ära der Sklaverei der Arbeit eintreten, eine Sklaverei von unberechenbarer Dauer und größerer Härte als zuvor.«

»Aber«, fiel Tolain ein, »was Sie mir da sagen, werde ich niemals bestreiten, ich bin immer ein Gegner der Revolution gewesen und habe gerade deshalb –«

»Ich bitte Sie«, unterbrach ihn Armand Levy, indem er leicht mit dem Finger seine Schulter berührte, »meine Deduktion zu Ende zu hören. Ich habe gesagt,« fuhr er fort, »daß der gegenwärtige Gesellschaftszustand nur durch eine übermächtige Gewalt beseitigt werden könne; als die eine Form dieser Gewalt bezeichnete ich die Revolution und Sie stimmen mit mir überein, daß dieselbe gefährlich und bedenklich sei und nach aller Wahrscheinlichkeit das erstrebte Ziel nicht erreichen werde. Ich sehe nun außer der Revolution nur noch eine Gewalt, welche imstande wäre, die gegenwärtige Klassenherrschaft zugunsten der Arbeiter zu brechen, und dies ist die Gewalt des Kaisertums, der auf demokratischer Basis gestützten Herrschaft des vom ganzen Volke erwählten Cäsars, welcher der Natur seines Ursprungs gemäß sich niemals mit einzelnen Klassen verbinden kann, sondern das ganze Volk in seiner gleichen und allgemeinen Berechtigung vertreten muß. Die Grundsätze dieser Gleichheit sind unter dem Kaiserreich in politischer Beziehung bereits eingeführt, das allgemeine Stimmrecht in allen unseren öffentlichen Institutionen gibt einem jeden den gleichen Anteil am politischen Leben. Das Kaiserreich hat nur noch einen Schritt und zwar einen konsequenten und naturnotwendigen Schritt zu tun, um auch auf dem sozialen Gebiet den Grundsatz seines innersten Wesens durchzuführen und auch hier die Klassenherrschaft zu brechen, welche aus dem politischen Leben bereits verschwunden ist. Das Kaiserreich muß in seinem eigenen Interesse diesen Schritt tun – es wird ihn tun, wenn es nicht durch die Verblendung der arbeitenden Majorität auf einen falschen Weg gedrängt wird, indem diese sich, ihren eigenen Lebensinteressen entgegen, zu seinen Feinden erklärt; reichen die Arbeiter dem Kaiserreich die Hand, so wird dasselbe mit noch größerer Macht als die Revolution und mit unfehlbarer Sicherheit die ungesunden Zustände der Gesellschaft auf völlig gesetzlichem Wege beseitigen. Das Kaiserreich wird aber nicht wie die Revolution ein Chaos hervorrufen, sondern es wird in geordneter Kraft, gestützt auf die mächtige Majorität des Volkes, welche es organisieren und führen kann, eine neue Gesellschaftsordnung aufzurichten imstande sein, in welcher der Arbeit ihr Recht gewährt wird. Darum ist es mein dringender Wunsch, die Arbeiter mit dem Kaisertum zu vereinigen, nicht um sie zu Werkzeugen und Dienern zu machen, sondern um ihre Rechte durch die konzentrierte Kraft der demokratischen Monarchie sicher in dauernder und von aller Welt anerkannter Form zur Geltung zu bringen.«

»Aber«, sagte Tolain, »glauben Sie denn, daß das Kaisertum die Rolle eines Dieners der Arbeiter annehmen würde, daß es nicht vielmehr dies Bündnis dazu benützen möchte, um Herr über dieselben zu werden?«

»Wenn es ihre Rechte vertritt,« erwiderte Armand Levy, »wenn es die richtigen sozialen Grundsätze zur Geltung bringt, so mag es immerhin ihr Herr sein, das heißt, der Herr der einzelnen, es wird doch immer nur der Diener des Ganzen bleiben.«

»Ich will aber«, sagte Tolain mit etwas schärferer Betonung als vorher, »keinen Herrn der Welt für die Arbeit. Die Arbeit soll frei und gleich sein, sie soll weder der Sklave der Millionäre, noch der Höfling eines Cäsars sein. Die soziale Welt soll sich aufbauen, unbekümmert um die Politik; eine Vermischung beider kann niemals zum richtigen Ziele führen.« In ungeduldiger Heftigkeit schlug sich Armand Levy vor die Stirn.

»Aber mein Gott«, rief er, »ist es denn unmöglich sich von dem haltlosen Boden der Theorie zu entfernen und sich zu überzeugen, daß die herrlichsten und vortrefflichsten Systeme, und wenn sie in den Köpfen aller Arbeiter lebten, nicht imstande sind, die so fest errichteten und so hartnäckig verteidigten Festungen des materiellen Besitzes zu zerstören?«

»Nun,« erwiderte Tolain ruhig, »in dem Augenblick, in welchem das richtige System in den Köpfen aller Arbeiter lebte, würden jene Festungen ohne alle Kämpfe ganz von selbst zusammenbrechen, denn ihre Inhaber würden einfach in denselben verhungern.«

Armand Levy ging in lebhafter Erregung auf und nieder und trank, um seine trockenen Lippen anzufeuchten, ein Glas jenes bläulichen Rotweins, welcher in einer mit hochklingender Etikette versehenen Flasche auf dem Tisch stand. Er schien in seinem Geist nach neuen Argumenten zu suchen, um Tolain zu, überzeugen, dessen sanfte, milde Ruhe ihm größere Schwierigkeiten machte, als die heftigsten Entgegnungen.

Die Tür öffnete sich schnell und drei Männer traten nacheinander in das Zimmer, bei deren Erscheinen Tolain freudig aufblickte, während Armand Levy neben dem Tisch stehen blieb und die Eintretenden erwartungsvoll ansah.

Die drei Eingetretenen waren Henri Rochefort, der Herausgeber jenes flatternden Irrlichtes, welches er die »Laterne« nannte und welchem die kaiserliche Regierung durch ihr Verbot Bedeutung und Verbreitung gegeben hatte.

Die magere, eckige Gestalt mit den unruhigen, heftigen Bewegungen, dem gelblich bleichen Gesicht, welches fast nur aus Haut und Knochen zusammengesetzt schien, mit dem hämischen, feindlichen Zug um den Mund, mit den schwarzen, stechenden, von unstätem Feuer erleuchteten Augen, mit dem schwarzen, aufwärts gekräuselten Haar und dem kleinen schwarzen Schnurrbart, gab diesem letzten Sprossen der alten Grafen von Rochefort etwas Dämonisches, das eigentlich nicht in seinem Charakter lag, dessen wesentliche Elemente unbefriedigter Ehrgeiz und eine zerrissene Bildung ausmachten, welche überall bei Halbheit und Mittelmäßigkeit stehen geblieben war.

Ihm folgte der bekannte Barrikadenkämpfer Blanqui mit seinem aufgeregten, wilden Gesicht, und der Violinmacher Dupont, welcher früher der Vertreter des Londoner Zweigvereins gewesen war und jetzt die neapolitanische Sektion der Internationale zu repräsentieren berufen worden. Eine schlanke, schmächtige Gestalt mit ziemlich unbedeutendem Gesicht, auf welchem der Ausdruck einer selbstgefälligen Eitelkeit vorherrschend war.

»Wir haben«, sagte Rochefort, indem er Tolain ziemlich kalt begrüßte und einen feindlichen Blick voll Haß und Drohung auf Armand Levy warf, – »wir haben Ihrer Einladung Folge geleistet – auch Herr Dupont, obgleich derselbe hier nicht als Franzose, sondern als Vertreter Italiens anwesend ist, – wir haben Ihrer Einladung Folge geleistet, weil wir Achtung und persönliche Sympathie für Sie haben und weil wir deshalb Ihren persönlichen Wünschen gerne entgegenkommen –«

»Ich bin der Meinung gewesen,« fiel Tolain ein, »daß, da hier die Interessen so vieler Länder vertreten werden, in denen andere Verhältnisse und Zustände bestehen, als bei uns, es im Interesse der französischen Arbeiter liegen müßte, wenn wir uns vorher darüber verständigten, welche Richtung wir festzuhalten und welche Ansichten wir zu verteidigen hätten –«

»Wie unser Freund Rochefort bereits gesagt«, fiel Blanqui ein, »sind wir hierher gekommen aus persönlicher Sympathie und Achtung vor Ihnen, wir können aber, wie ich gleich im voraus auf das Bestimmteste erklären muß, in keiner Weise das Prinzip anerkennen, daß sich die Angehörigen eines Landes besonders zu einer gemeinsamen, im voraus bestimmten Handlung verbinden sollen. Wir haben keine Länder und keine Nationen zu vertreten, der Begriff der Nation ist dem Ziele fremd, welches wir zu erstreben haben. Wir wirken für die Menschheit, für die Befreiung der ganzen arbeitenden Menschheit aus den Fesseln, in welche das Kapital sie geschlagen hat. Alle Arbeiter der Welt bilden eine große Verbrüderung, welche das gleiche Interesse hat und auf gleichem Wege vorschreiten muß. Der Begriff der Nationalität ist eben so veraltet, eben so feindlich der Befreiung der Menschheit, als der Begriff des Staats und der Kirche. Ich kenne keine andere Form der Gesellschaft, der sozialen wie der politischen, als die Kommune. Deshalb sehe ich keinen Nutzen und keinen Zweck einer Separatverständigung zwischen Personen, welche zufälligerweise auf dem Landgebiet geboren sind, welches man bisher als das Terrain der französischen Nation zu erklären gewohnt war. Ich kann mich nicht binden an diese oder jene Rücksichten auf die äußerliche Verschiedenheit, welche heute noch das Leben der Menschheit durch nationale Grenzen trennt, und meine Freunde hier denken wie ich.«

»Ich denke ganz ebenso,« sagte Rochefort, während Dupont schweigend seine Zustimmung ausdrückte, »dennoch aber glaube ich, daß, weil eben noch die nationalen Grenzen bestehen und weil die Feinde der Befreiung der Arbeit in dem einen Lande mächtiger und gefährlicher sind als in dem andern, dennoch trotz der allgemeinen Gleichheit unserer Ziele eine Verständigung über gewisse naheliegende Zwecke erreicht werden könnte, welche das große Endziel vorbereiten und sich nach den Nationalverschiedenheiten auch verschieden gestalten. Für Frankreich,« fuhr er fort, indem seine brennenden Blicke noch glühender, noch unheimlicher umherflammten, »für Frankreich ist ein unmittelbares und naheliegendes Ziel allen Freunden und Dienern der Freiheit vorgesteckt, das ist die Vernichtung dieses heimtückischen, hinterlistigen Abenteurers, der sich Napoleon III. nennt, und die Zertrümmerung seines durch Lüge und Verrat aufgerichteten und mit Blut gekitteten Gebäudes, welches man das Kaiserreich nennt. Dieses Kaiserreich ist der gefährlichste Feind unserer Bestrebungen, weniger noch wegen der konzentrierten Militärmacht, über welche es gebietet, als weil es die Grundsätze der wahren Demokratie fälscht, weil es die Geister irre führt und weil es unter scheinbarer, heuchlerischer Anerkennung der Souveränetät des Volks das Volk selbst in gefährlichere Ketten schmiedet, als jeder offene und erkennbare legitimistische Absolutismus. Vereinigen wir alle unsere Kräfte, verstärken wir uns durch Alliierte aus allen Ländern, um dieses Kaiserreich mit allen Mitteln von außen und innen zugleich anzugreifen und zu zerbrechen. Dann erst, wenn dies geschehen ist, werden wir frei auf dem breiten Wege fortschreiten können, der zu unserem großen Endziele führt.«

»Unser Freund Rochefort hat Recht,« sagte Dupout, »wir müssen uns alle zur Vernichtung des Kaiserreichs verbünden, und namentlich Italien, das ich zu vertreten habe, ist berufen, in diesem Bunde eine wirksame Rolle zu spielen. Wir haben in Italien die Aufgabe, das Papsttum zu zerschlagen und zugleich auch dieses neugebildete Königreich Italien zu vernichten, das auf dem Wege ist, nach dem Beispiel des französischen Cäsars auf einer trügerischen demokratischen Grundlage eine militärische Diktatur aufzurichten: sowohl das Papsttum als das Königreich Italien – obgleich sie sich in diesem Augenblick feindlich einander gegenüberstehen und dadurch unsere Tätigkeit begünstigen, stützen ihre Existenz wesentlich auf das französische Kaiserreich. Ist ihnen dieser Rückhalt zerbrochen, so wird das Königreich Italien zunächst den Papst verschwinden lassen, um dann allmählich nach außen isoliert und im Innern sich zersetzend ins nichts zu zerfallen. Ich stimme deshalb durchaus dafür, daß die Internationale zunächst das Kaiserreich und den Kaiser für ihren allgemeinen Feind erklärt, und alle Kräfte aufwendet, um vor allem das Kaiserreich zu vernichten.«

Tolain hatte ruhig zugehört. Immer trauriger war der Ausdruck seines Gesichts geworden, während Armand Levy die Hände krampfhaft gegeneinander preßte und nur mit Mühe seine innere Erregung unterdrückte.

»Ihr wißt, meine Freunde,« sagte Tolain, »daß ich immer und immer gegen die Vermischung unserer ernsten und heiligen Bestrebungen mit der Politik gekämpft habe. Wenn wir das soziale Leben reformiert haben, so wird ganz von selbst und ohne Erschütterung jede politische Staatsform verschwinden, welche mit den Grundsätzen dieser Reform nicht im Einklang steht, jeder vorzeitige Kampf gegen die politischen Mächte kann uns nur schwere Gefahren bringen und ist deshalb –«

»Um so törichter,« fiel Armand Levy ein, »wenn wir uns derjenigen Staatsform gegenüber befinden, welche ihrem Prinzip nach viel mehr dazu angetan ist, uns zu unterstützen und unsere Ideen zur Ausführung zu bringen, als dieselben zu bekämpfen. Das Kaisertum ist die organisierte Demokratie.«

Mit einer wilden Bewegung sprang Rochefort vor.

»Organisierte Demokratie!« rief er mit heiserer Stimme, »ja, die Demokratie ist unter dem Kaisertum organisiert, wie die Galeerensklaven organisiert sind, um an ihren Sitz gekettet in gleichmäßigem Schlage die Ruder zu bewegen. Das Kaisertum ist die große Galeere, welche von der Kraft des Volkes getrieben wird und auf deren Verdeck der Tyrann in seinem blutigen Purpur dasteht, um hohnlächelnd zu sagen: ›Es ist die Kraft des Volkes, auf welcher ich meine Herrschaft errichtet und welche mein kaiserliches Fahrzeug so stolz und sicher über die Wellen dahinträgt.‹ Das ist«, fuhr er mit lautem Hohnlachen fort, »die Organisation der Demokratie, welche das Kaiserreich geschaffen hat. So lange diese Organisation nicht zertrümmert wird, so lange das Volk seine Ketten nicht zerreißt und den heuchlerischen Cäsar in die Abgründe des Meeres hinabstürzt, so lange ist kein Heil für die unterdrückte Menschheit auch außerhalb Frankreichs möglich.«

»Nun, Herr Rochefort hat wenigstens verstanden«, sagte Armand Levy mit kaltem, höhnischem Lächeln, »sich den Ketten zu entziehen, welche ihn an die Galeere seines Landes fesselten. Es ist allerdings bequemer und leichter, aus sicherer Ferne brennende Geschosse zu werfen, welche mit dem Kaiser und der Regierung zugleich auch das Volk treffen, wenn sie,« fügte er achselzuckend hinzu, »wirklich einen Erfolg haben könnten – –«

»Ich bin im Auslande,« rief Rochefort mit vor Wut verzerrtem Gesicht, »als der Vorkämpfer und Verteidiger der Rechte meines Volkes, welches sich zuerst entfesseln und zum Mittelpunkt der neuen großen Gemeinde machen will, und das ist besser, als hier zu sein als erkaufter Agent der Tyrannei, um durch Verrat und Lüge das nach Freiheit ringende Volk in neue und schlimmere Ketten als jemals hineinzulocken.«

Armand Levy wurde bleich wie der Tod, im grünen Phosphorglanz sprühten seine Augen, die Hände vorstreckend sprang er gegen Rochefort heran, während seine Lippen zuckten und bebten, ohne ein Wort hervorzubringen.

Tolain erhob sich und trat zwischen beide, während Blanqui und Dupont sich neben Rochefort stellten.

Ruhig sagte Tolain, indem er die Hand gebieterisch gegen Armand Levy ausstreckte, welcher, Rochefort mit seinen Blicken durchbohrend, langsam zurückwich:

»Soll Streit, Haß und Beleidigung zwischen denen entstehen, welche dasselbe Ziel verfolgen und nur über die Mittel uneins sind, durch welche es erreicht werden kann? Beenden wir diese Unterhaltung, sie würde, wie ich zu meinem Schmerz sehe, zu nichts führen. Der Kongreß beginnt, dort wird jeder seine Meinung aussprechen und für dieselbe eintreten – jeder von uns als einzelner Mann, an dessen redlicher Absicht niemand zu zweifeln das Recht hat; dort werde auch ich unerschütterlich und unermüdlich für meine Überzeugung eintreten, und ich werde,« fügte er sich stolz aufrichtend hinzu, »dazu um so höhere Kraft finden, als ich das Bewußtsein habe, daß der größere Teil der Arbeiter Frankreichs meine Überzeugung teilt und mir auf meinem Wege folgen wird.«

Rochefort wollte etwas erwidern. Blanqui zog ihn zurück und sagte in kaltem Ton:

»Welchen Weg die Arbeiter in Frankreich gehen werden, das wird sich zeigen. Ich hoffe, daß die Zeit vorbei ist, in welcher das Volk sich von irgend jemand führen läßt, sei er, wer er wolle.«

Und mit leichtem Kopfnicken gegen Tolain legte er seinen Arm in den Rocheforts und verließ das Zimmer, ohne noch einen Blick auf Armand Levy zu werfen.

Dupont folgte ihm.

»Sie sehen«, sagte Armand Levy zu Tolain, als sie allein geblieben waren, »welcher Geist hier herrscht. Dort ist jene wilde Gewalt der Revolution, von welcher ich vorhin gesprochen, und welche alles zertrümmern wird, ohne neues zu schaffen. Noch einmal bitte ich Sie, reichen Sie mir die Hand zum Bündnis mit dem Kaiser, dieser andern Gewalt, welche nicht nur zerstören, sondern auch schaffen und aufbauen kann.«

Tolain schüttelte den Kopf.

»Ich will keine Gewalt,« sagte er, »als die Gewalt der Wahrheit, denn ihr wird zuletzt der Sieg gehören.«

»So werden Sie isoliert bleiben,« rief Armand Levy, »zwischen den beiden sich bekämpfenden Mächten, die Ereignisse werden über Sie hinschreiten. Auch die Wahrheit bedarf der Macht zu ihrem Siege und der Form zu ihrem fruchtbaren Leben.«

»Die Wahrheit trägt ihre Macht in sich,« sagte Tolain, »und die Form ihrer Lebensbildung erwächst von selbst, wie die Krone des Baumes aus dem langsam und ruhig sich entwickelnden Keim erwächst. Lassen Sie uns gehen, der Kongreß wird beginnen.«

Tief aufseufzend zuckte Armand Levy die Achseln und folgte Tolain, welcher das Zimmer verließ, um sich in die Versammlung der Delegierten der Internationale zu begeben.


Die große Vorhalle des Zirkus war angefüllt mit den Abgeordneten der Sektionen der Internationale aus allen Ländern.

Auf einer erhöhten Tribüne, über welcher an der Wand eine große rote Fahne angebracht war, stand der Tisch und Stuhl für den Präsidenten, darunter, einige Stufen tiefer, befand sich die Tribüne für die Redner, eine einfache und schmucklose Erhöhung mit einem kleinen viereckigen Tisch.

Tolain setzte sich auf einen der noch freien Stühle in der Nähe der Tür, während Armand Levy sich in die Nähe der Tribüne begab.

Ein dumpfes Gewirr von Stimmen erfüllte den Raum. Die einzelnen Gruppen unterhielten sich lebhaft miteinander und die oft heftig geführten Gespräche wurden noch unklarer durch die Sprachverwirrung, welche hier herrschte und welche die Delegierten der verschiedenen nationalen Sektionen zwang, sich durch die Vermittlung von Dolmetschern zu unterhalten, welche oft selbst die beiden Idiome, zwischen denen sie zu vermitteln hatten, nur ungenügend kannten. Tolain saß still da und blickte traurig auf diese Versammlung hin, deren ganze aufgeregte und unruhige Haltung so wenig mit der Anschauung übereinstimmte, welche er, der erste Gründer der internationalen Assoziation, von der Art und Weise hatte, in welcher die arbeitende Welt ihre Rechte zur Geltung bringen sollte, indem sie mit dem Ernst der Selbstbeherrschung ihre Pflichten anerkannte und auf sich nahm.

Die Versammlung schien vollzählig geworden zu sein. Seit einiger Zeit war niemand mehr eingetreten.

Dupont stieg auf die Tribüne.

»Meine Freunde,« sagte er, »das erste, was wir zu tun haben, ist, einen Präsidenten unserer Versammlung zu erwählen. Wir müssen dabei wesentlich ins Auge fassen, daß viele unter uns die Sprache anderer nicht verstehen, und daß derjenige, der unseren Verhandlungen präsidieren soll, vor allen Dingen die Sprache der hier vertretenen Länder kennen muß. Wir haben nun unter uns unsern Freund Hermann Jung, welcher mit gleicher Sicherheit die Sprache Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands beherrscht. Ihr kennt ihn alle und wißt, daß er außer dieser Kenntnis der verschiedenen Sprachen alle die Eigenschaften des Geistes und Charakters besitzt, welche ihn würdig machen, unserer Versammlung zu präsidieren. Ich schlage vor, unsern Freund Hermann Jung zum Präsidenten zu wählen, und bitte um eure Akklamation, wenn ihr meinen Vorschlag annehmt.«

Ein allgemeiner Ruf der Zustimmung erfolgte.

Hermann Jung mit seiner ruhigen Haltung, seinem ernsten, bärtigen Gesicht trat aus der Versammlung hervor und bestieg den Prasidentenstuhl.

Kaum hatte er mit wenigen Worten die Versammlung für eröffnet erklärt, als der erste von allen, Armand Levy, die Tribüne bestieg.

Lautes Murren und unwillige Stimmen erhoben sich aus der Versammlung.

Hermann Jung forderte zur Ruhe auf, und nach einigen Augenblicken begann Armand Levy in seiner scharfen, akzentuierten Weise zu sprechen.

»Ich glaube, meine Freunde,« sagte er, »wir haben kaum ein Wort weiter über das Ziel zu verlieren, das wir verfolgen. Es ist uns allen bekannt, es ist die Befreiung der arbeitenden Welt von der Tyrannei des Kapitals. Dazu haben wir uns verbunden, danach wollen wir überall mit gemeinsamen Kräften streben. Aber unserer Vereinigung fehlt der Mittelpunkt, die leitende Hand, die ausführende Kraft. Wir werden in einzelnen Kämpfen den Mächten der alten Welt und der alten Gesellschaft niemals gewachsen sein, wenn wir nicht eine jener Mächte auf unserer Seite haben. Und eine dieser Mächte,« fuhr er mit lautem Tone fort, – »vielleicht die stärkste von allen, – ist ihrer Natur nach mit unseren Bestrebungen verbündet, da sie auf demselben Prinzip beruht, dem auch wir Geltung verschaffen wollen. In Gemeinschaft mit dieser Macht können wir einen praktischen Sozialismus zur Ausführung bringen, der sonst nach meiner Überzeugung unmöglich ist. Wir brauchen einen Führer, der zu unserem Bunde steht. Dieser Führer kann kein anderer sein, als der Vertreter der demokratischen Monarchie, der Vertreter des durch den nationalen Willen errichteten Kaiserthrons von Frankreich.«

Ein wilder Sturm von durcheinander rufenden Stimmen brach in der Versammlung aus.

Armand Levy wollte weiter sprechen. Seine Stimme schraubte sich bis zu dem höchsten gellenden Ton empor. Aber es war vergeblich. Immer lauter, immer wilder ertönte der betäubende Lärm.

Rochefort war gegen die Tribüne vorgedrungen; indem er den Arm gegen dieselbe ausstreckte, rief er laut:

»Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit dem Kaisertum! Nieder mit allen Agenten desselben!«

»Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit allen seinen Kreaturen!« tönte es von allen Seiten durch den Saal.

Man umringte Rochefort, man drängte, von ihm geführt, gegen die Tribüne vor.

Bleich und unbeweglich stand Armand Levy da, die Hände auf den Tisch gestützt und mit seinen stechenden Blicken die Herandrängenden anstarrend.

Vergeblich schlug Hermann Jung mit dem kleinen Hammer, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. Jede Disziplin, jede Ordnung der Versammlung schien aufgelöst. Einzelne Mitglieder stellten sich neben der Tribüne an der Seite von Armand Levy auf, und der Augenblick schien gekommen, in welchem diese Versammlung, welche eine Zukunft voll ruhigen Friedens für die Welt vorbereiten wollte, ein Beispiel des Kampfes aller gegen alle geben würde.

Da sprang ein starker Mann von ungefähr sechzig Jahren, in militärischer, kräftiger Haltung, im grauen, bürgerlichen Anzug, mit intelligentem, frischem und gesundem Gesicht und großen klaren Augen, auf die Erhöhung neben dem Präsidentenstuhl.

Es war Philipp Becker, ein geborener Bayer und früherer Offizier, welcher seine ganze Lebenskraft der Sache des demokratischen Kommunismus gewidmet und unerschütterlich die Verurteilung und Verbannung über sich hatte ergehen lassen.

»Halt, meine Freunde!« rief er mit einer Stimme, deren eherner Kommandoton selbst den ungeheuren Lärm dieser Versammlung übertönte, »halt! im Namen der heiligen Sache, welcher wir dienen, verbiete ich euch jeden Akt der Gewalt. Setzt euch ruhig nieder und laßt jeden seine Meinung sagen. Wir werden danach beschließen, was wir für recht halten.«

Er hatte seine Worte deutsch gerufen und wiederholte sie in französischer Sprache.

Die Aufregung beruhigte sich. Die meisten kehrten auf ihre Plätze zurück. Nur Rochefort blieb mit zornfunkelnden Augen der Tribüne gegenüber stehen – Armand Levy, welcher unbeweglich diesen ganzen Sturm ausgehalten hatte, atmete tief auf und schickte sich an, seine Rede fortzusetzen. Noch ehe er jedoch begonnen hatte, sprach Philipp Becker, immer neben dem Stuhl des Präsidenten stehend:

»Bevor der Redner, welcher soeben ein Bündnis der internationalen Assoziation mit dem französischen Kaiser vorgeschlagen hat, seine Ansicht weiter entwickelt, habe ich euch eine Mitteilung zu machen, nach deren Anhörung ihr entscheiden mögt, ob eine weitere Diskussion über die angeregte Frage angemessen und zulässig sei. Ich habe einen Brief von Varlin erhalten,« fuhr er fort, »von Varlin, den ihr alle kennt, der einer der treuesten und unermüdlichsten Kämpfer unserer Sache ist, – von Varlin, der in diesem Augenblick in dem Kerker des Kaiserreichs eingeschlossen ist. Ich werde euch nur wenige Worte dieses Briefes vorlesen, sie werden über die Frage entscheiden, welche hier soeben gestellt wird.«

Er zog ein Papier aus der Tasche, entfaltete dasselbe und las mit deutlicher Betonung jedes Wort:

»Man wird euch ein Bündnis mit Napoleon III. vorschlagen, der sich den ›Cäsar der modernen Zeit‹ zu nennen liebt. Wenn er je ein Cäsar gewesen, so ist er es jetzt nicht mehr; sein Stern ist untergegangen, seine Macht vorbei. Ihr müßt wissen, daß das Kaiserreich nicht mehr existiert, daß es nur noch ein Name ohne Inhalt ist, und der erste Hauch eines Sturmes, der in Europa sich erhebt, wird auch diesen Namen in nichts verwehen. Was ich euch schreibe, ist sicher und gewiß. So gut wie ich Mittel habe, aus meinem Kerler euch diesen Brief zugehen zu lassen, so kann ich auch trotz der Mauern und Riegel, welche mich einschließen, genau verfolgen und beobachten, was in Frankreich vorgeht, und ich wiederhole euch: das Kaiserreich existiert nicht mehr.«

Philipp Becker reichte den Brief, welchen er soeben gelesen, an Hermann Jung, der die Worte desselben in deutscher, englischer und italienischer Sprache wiederholte.

In tiefem Schweigen hatte die Versammlung zugehört.

Philipp Becker fuhr fort:

»Glaubt ihr, daß Varlin die Wahrheit kennt und sie ohne Verhüllung ausspricht?«

Eine laute Akklamation bejahte diese Frage, welche Hermann Jung wiederum in die verschiedenen Sprachen übersetzte.

»Wenn ihr also das,« fuhr Becker fort, »was Varlin geschrieben, für die Wahrheit haltet, so scheint es mir überflüssig, weiter die Frage zu erörtern, ob wir uns mit dem Kaiserreich verbünden sollen oder nicht, denn man verbündet sich nicht mit einem Toten. Ich schlage daher vor, die Debatte über diesen Gegenstand für geschlossen zu erklären.«

Ein allgemeiner Ruf der Zustimmung erfüllte den Saal, noch bevor der Präsident die Worte Beckers übersetzt hatte.

Armand Levy wandte sich nach der Estrade des Präsidenten um und wollte sprechen.

»Die Debatte ist geschlossen,« rief Rochefort, »fort von der Tribüne!«

»Fort von der Tribüne!« erscholl es durch den ganzen Saal.

Armand Levy warf einen schnellen Blick über die ganze Versammlung hin. Er begriff, daß er keine Unterstützung mehr finden würde, daß seine Sache verloren sei. Er stieg langsam mit höhnischem Lächeln und verächtlichem Achselzucken von der Tribüne herab.

»So geht denn die Wege des Wahnsinns, ihr Verblendeten,« sprach er leise, »ihr habt die Hand nicht annehmen wollen, die euch geboten wird. So wird es denn eure Schuld sein, wenn man euch zermalmt.«

Tolain war aufgestanden und hatte sich der Tribüne genähert; bevor er dieselbe erreicht, hatte Philipp Becker, welcher von der Estrade des Präsidenten herabgestiegen war, sie eingenommen.

Bei seinem Erscheinen stellte sich die Ruhe vollständig wieder her und er begann in französischer Sprache, nach jedem Satz innehaltend, um Hermann Jung Zeit zu lassen, denselben in die verschiedenen Idiome zu übersetzen.

»Ich bin hierhergesendet, meine Freunde, von dem Friedens- und Freiheitsbund in Bern, welcher um die Aufnahme in die internationale Assoziation nachsucht, wenn dieselbe diejenigen Grundsätze akzeptiert, welche jener Bund für die allein richtigen hält. Diese Grundsätze, über die wir übereingekommen sind und welche, wie ich überzeugt bin, auch von euch geteilt werden, – die einzigen Grundsätze, nach welchen überhaupt eine radikale Reform der Gesellschaft erfolgreich durchgeführt werden kann, sind folgende.«

Und die Stimme erhebend, fuhr er fort:

»Der Grund und Boden ist gemeinsames Eigentum und kann niemals Privatpersonen gehören, demzufolge sind Wälder und Forsten gemeinsames Eigentum, – ebenso Bergwerke und Kohlengruben, – ebenso Straßen, Kanäle, Eisenbahnen und Telegraphen, – ebenso endlich alle landwirtschaftlichen Maschinen, welche dazu dienen, den Grund und Boden zur Produktion zu bringen.«

Mit noch lauterer Betonung sprach er weiter:

»Wir erklären im Prinzip, daß jede Art von Eigentum allen Bürgern gemeinschaftlich gehört, und werden in der Ausführung beschließen, wie dieses Prinzip im einzelnen durchzuführen sei, ob durch freiwillige Unterwerfung derjenigen, welche es anerkennen, ob durch Vernichtung derjenigen, welche sich ihm widersetzen. Wir wollen die Abschaffung der Religion und die Ersetzung des Glaubens durch das Wissen, die Ersetzung der göttlichen Gerechtigkeit durch die menschliche. Wir wollen alle jene lügnerischen Ideen der Nationalität und des Patriotismus verschwinden lassen in der einzigen großen Wahrheit der universellen Demokratie. Dies, meine Freunde, sind unsere Grundsätze, und ich schlage euch vor, sie durch eine Resolution anzunehmen, und dadurch das Bündnis mit uns, die wir ohne Verhüllung, ohne Zögern und Zweifeln die Wahrheit der radikalen, kommunistischen Demokratie auf unsere Fahne schreiben, herzustellen. Ich bitte den Präsidenten, zu fragen, ob die Versammlung die von mir vorgeschlagenen Resolutionen annimmt, und wenn dies der Fall ist, so schlage ich zugleich vor, einen Abgeordneten zu ernennen, welcher sich nach Bern zu begeben hat, um dort mit dem Bunde des Friedens und der Freiheit die weiteren Schritte zu organisieren, und unsere gemeinsame Tätigkeit in allen Distrikten zu verabreden und festzustellen.«

Bevor der Präsident die Frage stellen konnte, ob die Versammlung die Vorschläge Philipp Beckers annehmen wolle, erhoben sich von allen Seiten laute Rufe der Akklamation.

»Wir treten den Vorschlägen bei,« rief man, »wir wollen keine Halbheiten, keine Zweideutigkeiten! Wir wollen keinen Pakt mit der alten Gesellschaft! Angenommen! – Angenommen! – Man soll die Resolution ausfertigen! Wir alle wollen sie unterzeichnen!«

Verzweiflungsvoll schlug Tolain die Blicke empor. Mit Anstrengung aller seiner Kräfte drängte er sich durch die Menge der Versammelten hin, welche abermals ihre Plätze verlassen hatten und mit lauten Rufen den Präsidentenstuhl umgaben.

Tolain stieg auf die Tribüne, welche Philipp Becker soeben verlassen hatte. Er erhob die Hand und wollte sprechen.

»Die Sache ist erledigt,« rief Rochefort, »die Resolution ist angenommen, es kann keine Diskussion mehr geben!«

Die Nächststehenden stimmten laut Rochefort bei, und als Tolain dessenungeachtet seine Stimme erhob und zu sprechen fortfahren wollte, wurde er von einem durch den ganzen Saal sich fortsetzenden Zischen und Pfeifen unterbrochen. Er wandte sich zu dem Präsidenten:

»Ich verlange Ruhe, ich verlange gehört zu werden!« rief er. »Ich vertrete Paris und die französischen Arbeiter, man muß mich hören, man muß eine Diskussion zulassen, bevor jene Resolution definitiv angenommen wird.«

Hermann Jung blickte in einiger Verlegenheit auf die zischende, pfeifende und lärmende Versammlung. Er zuckte leicht die Achseln, wie um anzudeuten, daß es ihm unmöglich sei, die Ruhe herzustellen.

Da trat ein kleiner magerer Mann von etwa vierzig Jahren, schwarz gekleidet, von heißblütiger, cholerischer Gesichtsfarbe, mit niedriger Stirn und tückisch unter den starken Brauen hervorblitzenden Augen, zu dem Präsidenten.

Es war Veyssière, der Sekretär der französischen Sektion der Internationale zu London. Er streckte die Hand aus, um anzudeuten, daß er reden wolle.

Viele der Versammelten kannten ihn und seine Gesinnung, sie wußten, daß er nie gegen die Resolutionen sprechen würde, und »Ruhe für Veyssière, Ruhe für Veyssière!« hörte man aus den verschiedenen Teilen der Halle rufen.

Bald war die Stille soweit hergestellt, daß es Veyssière möglich wurde, seine scharfe und durchdringende Stimme hörbar zu machen.

»Meine Freunde,« sagte er, »unser Freund Tolain verlangt gehört zu werden, und ich muß euch sagen, es ist nicht recht von euch, ihn einfach zu überschreien, wie ihr getan. In unserer Versammlung muß alles in richtiger Form zugehen und das Recht eines jeden von uns respektiert werden. Ich stelle deshalb an euch die Frage zur ordentlichen Abstimmung, und ich bitte euch, sich jeder tumultuarischen Äußerung zu enthalten; der Präsident wird jeden nach der Reihe um seine Stimme befragen – ich stelle die Frage, ob der Zweigverein von Paris in der Person unseres Freundes Tolain über die Resolution, welche soeben angenommen wurde, noch gehört werden soll oder nicht.«

Tolain schien erstaunt über diese Wendung der Sache, doch widersprach er nicht. Er mochte es für unmöglich halten, daß man ihm, dem Vertreter der französischen Arbeiter, dem Gründer der Internationale, das Gehör versagen würde.

Hermann Jung forderte die Versammelten auf, ihre Plätze einzunehmen, und nachdem dies geschehen, stellte er die von Veyssière aufgeworfene Frage zur Abstimmung, indem er einen nach dem andern zur Äußerung aufforderte, und »nein – nein – nein –« ertönte es fast ohne Unterbrechung aus den Reihen der Versammelten. Es waren kaum drei oder vier Stimmen, welche auf die von dem Präsidenten gestellte Frage mit »Ja« geantwortet hatten, als die Abstimmung geschlossen wurde.

Tolain war bleicher und bleicher geworden; wie einen Halt suchend stützte er sich auf den Tisch vor ihm, und als nun die Rundfragen beendet waren, als Hermann Jung sich herabbeugte und mit bedauerndem Ton erklärte, daß er ihm das Wort nicht mehr geben könnte, da warf er einen düstern Blick rings umher auf alle diese Männer, welche selbst schweigend wie, erschrocken dasaßen über diese Verleugnung desjenigen, der zuerst die Fahne erhoben hatte für die Sache der Befreiung der Arbeit.

Und mitten in dieser tiefen Stille stieg Tolain von der Tribüne herab. Er setzte seinen Hut auf, und ohne zu grüßen, ohne sich noch einmal umzublicken, ging er festen Schrittes der Eingangstür zu und verließ die Halle.

Draußen fand er Armand Levy, welcher kurz vorher die Versammlung verlassen.

»Nun,« sagte dieser mit bitterer Ironie, »Sie haben das Bündnis mit dem Kaisertum zurückgewiesen, mit der einen jener Mächte, welche die Gesellschaft umzuwandeln imstande sind. Sie haben nun drinnen jene andere Macht gesehen, glauben Sie, daß diese ihre Ideen durchführen könne?«

»Es sind Wahnsinnige«, rief Tolain, indem er einen Blick voll Abscheu und Entsetzen auf die Zirkushalle zurückwarf. »Sie wollen nicht Regel, nicht Gesetz, weder für das Eigentum noch für die Freiheit. Sie würden die Welt in Flammen aufgehen lassen, wenn sie je zur Herrschaft kämen. Ihr Prinzip ist die Zerstörung, die Vernichtung. Fort von hier, der Boden brennt unter meinen Füßen. Ich muß zurück nach Paris, um die Arbeiter Frankreichs, wenn es möglich ist, vor dem Einfluß dieser furchtbaren Gesellschaft zu schützen.«

Und indem er Armand Levy eilig grüßte, wandte er sich dem Gasthaus zu, in welchem er vorher die französischen Delegierten vergeblich erwartet hatte, um seine Reisetasche abzuholen und mit dem nächsten Zug nach Paris zurückzukehren.


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