Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Drittes Kapitel.

Der Oberamtmann von Wendenstein war inzwischen mit seinem Sohne in Wien angekommen. Unter der großen Einfahrt des Hotel Munsch hielt der Fiaker und der alte Herr stieg, auf den Arm des Leutnants gestützt, langsam und vorsichtig zu seinen Zimmern im ersten Stockwerk hinauf.

Mit einem eigentümlich forschenden Blick auf seinen Sohn öffnete er lächelnd die Tür seines Zimmers und schob, etwas zur Seite tretend, den jungen Mann über die Schwelle des tiefen und durch schwere Vorhänge etwas verdunkelten Gemachs.

Ein leichter Aufschrei ertönte aus dem Innern des Zimmers. Von einem Fauteuil erhob sich eine dunkle in Seide gekleidete weibliche Gestalt und streckte die Arme der Tür entgegen.

Der Leutnant blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, wie geblendet durch diese unerwartete Erscheinung – dann atmete er tief auf, eilte mit rascher Bewegung in das Zimmer und kniete im nächsten Augenblick zu den Füßen Helenens.

Er ergriff ihre Hände und drückte sie leidenschaftlich an seine Lippen, während die in sanftem Licht strahlenden Augen des jungen Mädchens das Bild ihres Geliebten in durstigen Zügen zu trinken schienen.

»Helene, meine süße Helene, welche selige Überraschung!« rief der junge Offizier in entzücktem Ton.

»Mein Geliebter, ich sehe dich wieder nach so langer schmerzvoller Trennung,« flüsterte Helene mit erstickter Stimme.

Dann machte sie sanft ihre Hände los, legte sie auf die Schulter des vor ihr knieenden Geliebten und drückte ihre Lippen auf dessen Stirn, während ihre Augen sich in einen leichten Tränenschleier hüllten.

»Habe ich es recht gemacht?« fragte der Oberamtmann, welcher langsam herangetreten war, in munterem Ton, durch welchen jedoch eine Nuance tiefer Rührung zitterte, und während zugleich die ältere der Schwestern des Leutnants aus dem Nebenzimmer herantrat und mit liebevollem Blick den Bruder und die Freundin betrachtete.

Der Leutnant sprang auf, umarmte stürmisch seinen Vater und seine Schwester und rief mit jubelnder Stimme:

»Dank, tausend Dank euch allen für die Freude des Wiedersehens!«

Dann schloß er seine Braut von neuem in seine Arme; während sie ihr Haupt an seiner Schulter ruhen ließ, bedeckte er ihr weiches glänzendes Haar mit zärtlichen Küssen.

Schweigend hatte der Oberamtmann seiner Tochter einen Wink gegeben, beide zogen sich in das Nebenzimmer zurück, das junge Paar sich selbst überlassend.

Der Leutnant führte seine Geliebte zu einem Lehnstuhl in der Nähe des Fensters; indem er sie sanft darauf niedersetzte, ließ er sich zu ihren Füßen auf die Kniee sinken und blickte liebevoll zu ihr empor.

Das volle Licht fiel auf die schönen Züge des jungen Mädchens, – der Leutnant sah dieses liebe Gesicht wieder und alle Erinnerungen der Vergangenheit stiegen in reinen Bildern aus der Tiefe seiner Seele wieder herauf. Die Spiele seiner Kindheit, das erste Erwachen der Jugendliebe, der gewaltige Kampf, sein Leiden an den Grenzen des Todes, das alles zog durch sein Herz unter dem Blick dieser so sanften und doch so still beredten Augen.

Beide jungen Leute sprachen miteinander, was schon so viele Tausende vor ihnen gesprochen hatten. Worte der Erinnerung, Worte der Liebe, – für jeden Dritten wären es eben leere, oft nichts bedeutende Worte gewesen, die kaum in einem inneren Zusammenhange miteinander standen. Für sie aber waren es Erzählungen von tiefem Inhalt, Gedichte von hoher Poesie, denn zwischen den Worten sprachen ihre Blicke und auf dem magnetischen Strom dieser Blicke zogen von Herz zu Herz tausende jener Mitteilungen des inneren Lebens, welche kein Ton ausdrückt und keine Sprache in Worte kleidet.

Im vollen Tageslicht aber sah der Leutnant mit stillem Erbeben seines Herzens, daß die immer schon so zarten Züge seiner Geliebten eine fast durchsichtige Blässe angenommen hatten. Ihre Augen glänzten in krankhaftem perlmutterartigem Schimmer. Eine fast fieberhaft scharfe Röte zeigte sich auf ihren Wangen, ließ den Glanz der Augen noch mehr hervortreten und aus den zuweilen wie schmerzhaft zuckenden Lippen drang der heiße Atem mühsam hervor.

Der junge Mann sah das alles. Er fühlte bei diesem Anblick, wie tief Helene durch die Trennung gelitten haben mußte. Er schlug die Augen nieder, um ihr den Ausdruck tiefer Besorgnis in seinem Blick nicht zu zeigen.

Wunderbar und chaotisch waren die Gefühle, welche sein Herz bewegten.

Dieses junge Mädchen, welchem sein Herz sich einst unter dem Eindruck der Kindererinnerung und der großen, mit erschütternder Gewalt in sein Leben hereinbrechenden Katastrophe mit so stiller inniger Liebe zugewendet hatte, sah er vor sich wie ein verkörpertes Bild der Träume der Vergangenheit. Aber dies Bild, so süß und lieb es seinem Herzen war, war umhaucht vom Schimmer der Krankheit, und wie mit einem Nebelschleier bedeckt erschien es neben dem glühenden Farbenreiz der tausendgestaltigen Bilder des großen Weltlebens, welche die letztvergangene Zeit vor ihm aufgerollt hatte.

Sie sprach ihm von jenem kleinen stillen Leben in der einfachen Heimat. Unter ihren Worten traten jene ruhigen eng begrenzten Lebensverhältnisse vor ihn hin, in denen er einst sich bewegt und welche sein Denken, Wünschen und Hoffen ausgefüllt hatten. Das alles mutete ihn lieb und heimisch an, aber es stand doch auch farblos und kühl da neben dem lichtvoll glühenden Leben, das sein junges Herz voll durstigen Entzückens in sich aufgesogen hatte. Unter den Bildern dieses Lebens stieg lockend und berauschend jene Frau vor ihm empor mit den Blicken voll dämonischer Geheimnisse, mit dem Atem so glühend wie der Duft der Tropengewächse, und mit schauerndem Erbeben erinnerte er sich, daß dieser Atem über sein Gesicht gestrichen war und daß aus jenen Augen ihm ein voller Feuerstrom verzehrender Wonne entgegengeflutet war. Als er von diesen, in seinem Innern aufsteigenden Bildern den Blick erhob zu der zarten, einfachen, krankhaft gebrechlichen Gestalt vor ihm, da zuckte ein tiefes Mitleid zwar, eine innige, tiefe und treue Teilnahme durch sein Herz, aber es stieg auch ein Seufzer aus seiner Brust herauf, den er zu unterdrücken nicht die Macht hatte.

Der Oberamtmann trat wieder ins Zimmer.

»Nun habt ihr Zeit gehabt«, sagte er, »euch zu erzählen, was so junge verliebte Leute sich zu sagen haben und wovon ein anderer vernünftiger Mensch kein Wort versteht, – jetzt laßt uns zu Tisch gehen und nach alter, rechtlicher, norddeutscher Sitte ein ordentliches Diner zu uns nehmen. Ich habe die Karte gemacht und auch einen ganz genießbaren Bordeaux in diesem Hotel gefunden. Man wird uns bald zu Tische rufen. – Inzwischen will ich noch mit euch jungen Leuten ein ernstes vernünftiges Wort sprechen, das ihr, wie ich hoffe, gern hören werdet.«

Er zog einen Stuhl neben Helene, während der Leutnant sich zur anderen Seite seiner Braut setzte, ihre Hand in der seinen haltend. Fräulein von Wendenstein war im anderen Zimmer geblieben, mit der Vollendung ihrer Toilette beschäftigt.

Der Oberamtmann lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sprach, mit freundlichem Wohlwollen die jungen Leute anblickend:

»Es ist eine recht dumme Geschichte, mein Sohn, daß du durch deine Flucht und deinen Prozeß auf lange hinaus, vielleicht auf immer aus der Heimat verbannt bist. Doch das ist nun einmal so und kann vorläufig nicht geändert werden. Es ist aber nicht möglich, wegen dieser unglücklichen Verhältnisse die Zukunft unsicher und unklar zu lassen und dich einem einsamen und unruhigen Leben ins Unbestimmte hinein zu übergeben. Ich bin deshalb der Meinung, daß es am besten ist, eure Verbindung nicht weiter hinauszuschieben und denke, daß ihr euch vorläufig in der Schweiz, Zürich oder Luzern, niederlassen sollt. Das Gut, das ich für euch gekauft, habe ich verpachtet. – Im Sommer kommen wir zu euch, – den Winter freilich möchte ich in der alten Heimat und unter den alten Bekannten zubringen.

Die feine Röte auf den Wangen Helenens hatte bei den Worten des Oberamtmanns einem dunklen Purpur Platz gemacht. In raschem Aufblitzen leuchtete ihr Auge zu ihrem Geliebten hinüber und verhüllte sich dann wieder unter den herabgesenkten Lidern. Der Oberamtmann schien eine freudige, dankbare Zustimmung Vonseiten seines Sohnes zu erwarten und blickte ein wenig überrascht zu ihm hin, als der junge Mann mit dem Ausdruck einer gewissen Befangenheit auf seinem Platze unbeweglich blieb und die Augen zu Boden senkte.

Ein leichtes Zittern flog durch die Gestalt Helenens, tiefe Blässe folgte der dunklen Glut, welche soeben noch ihre Wangen gefärbt hatte, und wie in tiefem Erschrecken warf sie einen starren Blick auf den jungen Mann hinüber, während ihre fest aufeinander gedrückten Lippen die tiefen Atemzüge ihrer Brust zurückhalten zu wollen schienen.

»Nun, Junge!« rief der Oberamtmann in verwundertem Ton, »was soll das heißen, du sitzest da wie ein Steinbild, du dankst mir nicht, du freust dich nicht, du umarmst deine Braut nicht? Ist das die Art, wie du die Nachricht deines Glückes aufnimmst?«

Ein heftiger Kampf malte sich auf dem Gesichte des Leutnants. Rasch ergriff er die Hand seiner Braut, welche diese ihm in unwillkürlicher Bewegung entzogen hatte, und sprach zu seinem Vater:

»Was könnte mich glücklicher machen, als die Hoffnung einer baldigen Verbindung mit meiner Helene! Verzeihe mir, meine Geliebte, wenn ich nicht des Vaters Mitteilung mit jubelndem Entzücken aufgenommen habe. – Aber du wirst verstehen, was in diesem Augenblick die freudige Aufwallung meines Herzens dämpft. – Es sind soeben alle diese armen hannoverischen Emigranten, welche ihr Vaterland verlassen haben aus Anhänglichkeit an den König, und welche weder in Holland noch in der Schweiz ein Asyl finden konnten, nach Frankreich gegangen. Ich habe in der Schweiz ihr Schicksal geteilt und der König hat mir nun den Auftrag gegeben, auch in Frankreich eine der dortigen Abteilungen zu führen. Wie würden diese armen Leute über mich urteilen, was würden meine Kameraden, die Offiziere in Frankreich sagen, wenn ich mich jetzt von der Emigration trennte und in stiller und sicherer Zurückgezogenheit nur meinem Glücke lebte! In kurzem, in wenigen Monaten vielleicht,« fuhr er fort, »wird es möglich sein, mich mit Ehren von der Legion loszumachen. – Jetzt aber –«

Er kniete vor seiner Braut nieder und drückte ihre Hand an sein Herz.

»Helene, meine Geliebte,« sagte er mit gepreßter Stimme, »würdest du glücklich sein können, wenn du auf meiner Stirn die Röte der Scham erblicken würdest, der Scham darüber, daß ich die Gefährten des Unglücks verlassen habe, weil mir ein gütiger Vater die Möglichkeit gibt, mein Schicksal von dem ihren zu trennen?«

»Dummes Zeug,« sagte der Oberamtmann mürrisch in verstimmtem Tone, »ich weiß auch, was Ehre und kameradschaftliche Pflicht erfordern. – Das aber scheint mir überspannte Ansicht zu sein, den armen Legionären würde es um kein Haar breit schlechter gehen, wenn du nicht bei ihnen bist. Ich werde dem König die Sache vortragen, – er wird dich auf der Stelle der Verpflichtungen, die du eingegangen bist, entheben –«

»Das wird der König gewiß tun,« rief der junge Mann, »aber kann das meinem Bewußtsein genügen? Wenn alle Offiziere handelten, wie ich handeln soll, welches würde das Schicksal der armen Leute in fremdem Lande sein?«

»Wohin sie gar nicht hätten gehen sollen,« warf der Oberamtmann finster ein, – »wenn du –«

Helene hatte einige Augenblicke stumm dagesessen.

Jetzt schlug sie ihr gesenktes Auge voll zu ihrem Geliebten auf. Ein Strahl von Begeisterung leuchtete aus ihrem Blick, Glauben und Vertrauen strahlten von ihren Zügen, ein Lächeln voll unendlicher Liebe glitt um ihre Lippen.

»Du hast recht, mein Geliebter,« sprach sie, sich sanft zu ihm hinüber neigend, »welches Glück könnten wir genießen, wenn du den Stachel in deinem Herzen trügst, gegen deine Überzeugung von Ehre und Pflicht gehandelt zu haben? – Niedrig handelt das Weib, das den Mann herabzuziehen sucht von den Wegen, die sein Bewußtsein ihm zu verfolgen befiehlt. – Wir müssen im Gegenteil den Mann unserer Liebe anspornen und begeistern, stets würdig zu handeln des hohen Ideals der Ehre, das er in seinem Innern trägt.«

Sie blickte wie träumend vor sich hin.

»Als Herkules am Scheidewege stand,« sprach sie dann mit leiserer Stimme, »da war es die himmlische Gestalt, welche ihn auf den rauhen Weg der Ehre und Pflicht wies, und himmlisch soll ja der Beruf eines edlen Frauenherzens in seiner Liebe sein.

»Du hast recht, tausendmal recht, mein Geliebter,« rief sie dann mit gehobenem Ton, »wir werden warten, bis deine Pflichten dir erlauben, ohne Schamröte glücklich zu sein – o, ich liebe dich mehr wegen deiner edlen Zögerung, als wenn du nur an das Glück des Augenblicks gedacht hättest, und nie soll deine Liebe zu mir dich mit den Geboten der Ehre in Widerspruch bringen.«

Der Leutnant senkte das Haupt.

Eine dunkle Röte erschien auf seiner Stirn.

War es der Schmerz, daß er sein Glück, das ihm so nahe winkte, hinausschieben müsse?

War es die Scham, daß in seinem innersten Herzen noch andere Gedanken und Gefühle wogten, als diejenigen, welchen Helene eine so edle und begeisterte Anerkennung ausgesprochen hatte?

»In kurzer Zeit vielleicht,« sagte er mit etwas unsicherer Stimme, »wenn das Leben und die Verhältnisse der Emigration in Frankreich geordnet sind, oder der König vielleicht anderweitig für die Leute zu sorgen Gelegenheit findet, dann werde ich von allen meinen Pflichten frei sein, und dann, meine Helene, – dann –« »Dann werden wir glücklich sein, ohne Stachel im Herzen,« flüsterte Helene, indem sie mit den Lippen seine Stirn berührte und dann mit einem glücklichen Lächeln dem noch immer finster dasitzenden Oberamtmann die Hand reichte.

Ein leichter Husten ließ ihre Brust erzittern. Sie bog sich wie schmerzhaft zusammen und preßte die Lippen aufeinander.

Erschrocken blickte der Leutnant zu ihr auf, aber schon lag wieder das heitere ruhige Lächeln auf ihrem Munde.

Der alte Herr stand auf.

»Ihr seid mir ein merkwürdiges Paar,« sagte er, zwar ein wenig besänftigt, aber noch immer mit einem Klange von Unzufriedenheit in der Stimme, »solche Subtilitäten kannte man zu meiner Zeit nicht – die Mama wird recht traurig sein –«

»Die Mama wird mich und ihren Sohn vollständig verstehen,« sagte Helene mit einem aus schwärmerischer Begeisterung und schalkhafter Neckerei gemischten Ausdruck.

»Ihr seid ja immer einig gegen den alten Papa,« erwiderte der Oberamtmann lächelnd.

Ein Kellner des Hotels trat ein und meldete, daß für die Herrschaften im kleinen Speisesaal serviert sei.

Fräulein von Wendenstein erschien an der Tür des Nebenzimmers.

»Nun zu Tische,« rief der alte Herr, wieder bei vollständig guter Laune, »mögen die Zeiten so schlecht sein, wie sie wollen, durch ein ordentliches Stück Roastbeef und ein Glas guten Wein können sie niemals schlechter werden. – Da ihr so lange getrennt gewesen seid,« sagte er zu seinem Sohn, »so will ich dir heute Helene abtreten, obwohl es eigentlich mein Recht wäre, sie zu Tische zu führen.«

Er reichte seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe zum Speisesaal hinab.

Der Leutnant folgte mit seiner Braut.

Die prachtvollen Räume des Kursaals im Stadtpark in Wien strahlten am Abend desselben Tages m tageshellen Wanze unzähliger Gasflammen und Kerzen. Berittene Gendarmen hielten die Ordnung aufrecht vor dem Kursaal und in dichten Reihen fuhren von neun Uhr an Wagen auf Wagen vor dem großen Portal vor, umdrängt von noch zahlreicheren Fußgängern, welche dem festlich erleuchteten Bau zuströmten.

König Georg V. versammelte hier zu dem Feste seiner silbernen Hochzeit die Getreuen aller Stände, welche so zahlreich aus Hannover herübergekommen waren, und die Ausschmückung der an sich schon so schön dekorierten Räume des Stadtparks ließ den ganzen Glanz des versunkenen hannoverischen Königtums noch einmal in hellen Strahlen aufleuchten.

In dem großen Mittelsaal, einem Meisterwerk der Architektur, waren die wunderbaren reichen und schönen Schätze der hannoverischen Silberkammer, dieser Jahrhunderte alten Sammlung der englischen Könige aus dem hannoverischen Hause, ausgebreitet. Man sah dort den Tafelaufsatz mit dem heiligen Georg, der den Drachen niederschlägt, viele kostbare Schilder und Pokale, das Taufbecken aus massivem Golde und den prachtvollen ostfriesischen »Upstallsboom«, drei große Eichen aus Silber mit neunzigtausend beweglichen Blättern, unter denselben einen Ritter mit dem Schwert, das Sinnbild der ausübenden Gerechtigkeit. Die zahllosen Silbergeschirre dieses Schatzes, wie ihn kaum ein fürstliches Haus in Europa zum zweiten Male aufzuweisen imstande ist, waren auf den reichen, mit den erlesensten Speisen und Weinen besetzten Büfetts aufgestellt. Unter der Kuppel, welche, der Hauptwand gegenüber, eigentlich für das Orchester errichtet war, erblickte man eine hohe Estrade, auf welcher die zur silbernen Hochzeitsfeier eingelaufenen Geschenke ausgebreitet waren. Hier sah man das große, reich verzierte Album, welches die dem König in die Verbannung Gefolgten mit ihren Bildnissen geschenkt hatten. Hier sah man prachtvolle Gaben des reichen, hannoverischen Adels, hier sah man aber auch kleine, unbedeutende Gaben aus den Kreisen des Volkes, – unscheinbare Stickereien, Leinengewebe und viele kleine Dinge, welche rührend ansprachen, da sie den Beweis lieferten für die innige Teilnahme, die dem gefallenen Könige ans dem Lande seiner Väter in die Verbannung gefolgt war.

In diesen so glänzenden Räumen bewegte sich eine zahlreiche und unendlich verschiedene Gesellschaft. Man sah die Galauniformen des früheren hannoverschen Hofes im Glanz der reichen Goldstickerei. Daneben die hannoverischen Bürger und Bauern in der einfachen Sonntagstracht ihres Standes. Man sah die Damen der ersten hannoverischen Familien in reichen Hoftoiletten und daneben die einfachen Frauen des Landes in schlichtem Busentuch und weißer Schürze. Es war eben ein Bild des ganzen Volkes, das seinem früheren Könige zu seinem schönen Familienfeste einen Gruß liebevoller Erinnerung gesendet hatte. »Alle diese verschiedenen Gruppen bewegten sich durch die Säle in auffallender Stille, man hörte nur das dumpfe Murmeln flüsternder Stimmen. Es lag über all diesem Glanz ein Hauch tiefer Wehmut, und alle diese Herzen empfanden mehr oder weniger deutlich, daß hier das glänzende Leichenbegängnis eines tausendjährigen Königtums sich vollziehe.

Außer den Hannoveranern waren nur wenige Österreicher zu dem Feste geladen, niemand aus den Kreisen des Hofes und der Diplomatie, – es sollte eben ein rein häusliches Fest sein und bleiben und der österreichischen Regierung keine Verlegenheit bereiten. Vorzugsweise waren es Vertreter der Wiener Presse, welche hier gegenwärtig waren, und einer dieser Fremden, ein junger Mann mit intelligentem, scharf geschnittenem Gesicht von dunklem slawischen Typus, stand an die Türe des Saales gelehnt und ließ seinen Blick mit trauerndem Ausdruck über die Versammlung schweifen, während er sich mit einem Manne von ungefähr zweiunddreißig Jahren, in der Uniform der hannoverischen Diplomatie, unterhielt, dessen rosig frisches Gesicht mit dichtem blondgelockten Haar und kleinem zierlichen Bart ihn noch jünger erscheinen ließ.

»Der Anblick dieser Versammlung macht mich tieftraurig, Herr Graf,« sagte der Doktor Pribro, ein talentvoller Journalist böhmischer Abkunft, »wollte Gott, daß allen Herrschern auf den Thronen Europas so große Anhänglichkeit bewiesen würde, als hier ein kleines treues Volk dem gefallenen Könige entgegenträgt.«

»Gerade diese Treue und Anhänglichkeit«, erwiderte lebhaft der Graf Georg Platen, der Neffe des Ministers des Königs Georg, »ist eine Bürgschaft dafür, daß die Dynastie nicht für immer gefallen ist. Wo ein solches Band der Liebe den Fürsten und das Volk vereinigt, da kann eine dauernde Trennung nicht stattfinden.«

Der Doktor Pribro blickte den Grafen etwas erstaunt an und schüttelte mit traurigem Ausdruck den Kopf.

»Sie glauben also wirklich«, sagte er, »ernsthaft an eine Wiederherstellung des hannöverischen Thrones, Sie glauben, daß die Agitationen, welche jetzt in Hannover geschehen, zu einem Resultat führen könnten?«

»Zuversichtlich!« rief der Graf Platen, »das glaubt der König, und wir alle arbeiten für seine Sache und sein Recht, in dem vollen Bewußtsein zwar, daß wir etwas unendlich Schwieriges unternommen haben, doch auch mit dem Glauben an den endlichen Sieg, wenn die Verhältnisse nur einigermaßen sich günstig gestalten.«

»Der König glaubt an den Sieg seines Rechts,« sagte der Doktor Pribro, »und er hat wohl auch den festen Stolz und unbeugsamen Mut, um den Kampf für sein Recht, den er unternommen, bis auf das Äußerste durchzuführen. Auch hat er treue und gewandte Diener, die sich rücksichtslos für ihn exponieren, aber«, fuhr er fort, »Ihre Dynastie steht auf vier Augen, – hat Ihr junger Prinz die Eigenschaft, der Erbe einer solchen Aufgabe zu sein, wie sie der hohe Mut seines königlichen Vaters sich gestellt hat?«

Er blickte forschend in das Gesicht des Grafen Platen.

Dieser schlug die Augen zu Boden und schwieg einen Augenblick.

»Der Prinz ist jung,« sagte er dann, »sein Charakter wird sich bilden, sein Geist sich entwickeln. – Übrigens«, fuhr er lebhafter fort, »liegt die Sache des Welfenhauses nicht so ausschließlich in den persönlichen Eigenschaften seiner Vertreter, es ist eine Sache der Selbständigkeit des deutschen Volkes, und wenn alle die Elemente, welche im letzten Kampfe unterlegen sind, sich wieder aufraffen, die endliche Entscheidung der deutschen Frage herbeizuführen, wenn Osterreich –«

»Österreich?« – rief der Doktor Pribro, ihn lebhaft unterbrechend. »Glauben Sie, daß Osterreich jemals wieder den Wahnsinn begehen könnte, den Kampf vom vorigen Jahr von neuem aufzunehmen?«

Graf Platen blickte ihn befremdet an.

»Nun,« sagte er dann, »ich meinesteils kann es nicht glauben, daß eine Macht, welche jahrhundertelang an der Spitze Deutschlands gestanden hat, sich durch einen einzigen Feldzug für immer aus dem Lande ihrer früheren Herrschaft sollte hinauswerfen lassen. – Man hat hier doch auch Verpflichtungen gegen Deutschland, Verpflichtungen gegen die Bundesgenossen –«

»Die erste Verpflichtung eines jeden Staates«, rief Doktor Pribro, »ist die Selbsterhaltung, und Osterreich würde bei einem neuen Kriege unfehlbar in zersplitternde Trümmer auseinanderfallen. Wir brauchen wenigstens zehn Jahre, um uns von dem Schlage von 1866 zu erholen. Die Pflicht eines jeden Österreichers ist es, unsere Regierung von jeder abenteuerlichen Revanchepolitik zurückzuhalten.«

»Doch die innere Kraft Österreichs erstarkt ja mächtig unter dem neuen Regiment,« sagte Graf Platen, »wie Ihre Journale beteuern, und alle Freunde des Herrn von Beust versichern. Wozu wäre diese Regeneration der Staatskräfte, wenn sie nicht dazu benützt würde, dem Kaiserstaat seine historische Stellung wieder zu erobern?«

»Regeneration der Staatskräfte?« sagte Doktor Pribro mit leichtem Achselzucken. – »Ja, den guten Willen hat man gewiß dazu, – der Kaiser vor allem, Herr von Beust nicht minder – aber es wird halt etwas langsam damit gehen.«

»Das sagen Sie mir?« rief Graf Platen lebhaft, »und Sie haben mir doch noch vor einigen Tagen mit so vieler Schärfe und Klarheit Ihre Ideen über die Wiedergeburt Österreichs entwickelt, Ideen, die mich durch ihre überzeugende Logik lebhaft frappiert haben! Warum«, fuhr er fort, »bringen Sie Ihre Gedanken über die Organisation der Verwaltung, über die ökonomische Verwertung der reichen produktiven Kräfte Ungarns nicht in ein Memoire? Herr von Beust würde Ihnen unendlich dankbar dafür sein.«

»Ich habe dazu keine Gelegenheit,« – erwiderte Doktor Pribro zögernd.

»So geben Sie Ihr Memoire mir,« rief Graf Platen lebhaft, »ich werde es an Herrn von Beust gelangen lassen!«

»Um Gottes willen, Herr Graf,« rief Doktor Pribro erschrocken, »machen Sie keinen Gebrauch von unserer Unterhaltung, – das würden mir ja die Hofräte nie verzeihen.«

»Die Hofräte?« fragte Graf Platen erstaunt. – »Welche Hofräte?«

»Nun, alle diese Bureauchefs in den Ministerien,« erwiderte Doktor Pribro, »welche an die alte Verwaltungsmaschine gewöhnt sind und jede Neuerung scheuen wie die Sündflut. Würden sie ahnen, daß ich mich mit solchen Gedanken von Neuerungen beschäftige, – ich wäre ihrer ewigen Feindschaft gewiß, und ich bin nicht unabhängig genug, diese Feindschaft zu ertragen.«

»Was brauchen Sie die Feindschaft der Hofräte zu fürchten,« rief Graf Platen, »wenn Herr von Beust Ihre Ansichten billigt und seine Hand schützend über Sie hält?«

Ein eigentümliches Lächeln spielte um die Lippen des Doktor Pribro.

»Herr Graf,« sagte er, »ich kann nicht wissen, ob der Herr von Beust im nächsten Jahre noch Reichskanzler von Österreich ist, und ob sein Schutz dann noch eine Macht hat. – Was ich aber ganz gewiß weiß, ist, – daß die Hofräte in zehn Jahren noch an ihrem Platze sein werden. Es wäre also gewiß sehr töricht, sich einer vielleicht ephemeren Macht zu Gefallen die Feindschaft der bleibenden Träger der Herrschaft auf den Hals zu laden.«

Graf Platen blickte starr in das Gesicht des Sprechenden.

Bevor er etwas erwidern konnte, ging eine rasche und lebhafte Bewegung durch die Versammelten. Alles drängte der Eingangstür zu, in welcher der Graf Wedel erschien und den großen Stab des Hofmarschalls auf den Boden stieß. Das Orchester intonierte das »God save the King« Die Königin am Arm erschien die hohe Gestalt Georgs V. in der großen hannoverischen Generalsuniform, das rote Band des St. Georgsordens über der Brust, das Kommandeurkreuz des Maria-Theresien-Ordens um den Hals, daneben die Medaille von Langensalza.

Hinter dem königlichen Paar erschien der Kronprinz, in der früheren Uniform der hannoverischen Gardehusaren, zwischen seinen beiden Schwestern.

Hoch und stolz trat die Prinzessin Friederike in den Saal, ihre königliche Haltung war überhaucht von dem Duft zarter Weiblichkeit. Sie trug ein weißes Kleid aus leichtem Stoff, in welchen goldene Sonnen gewebt waren, in dem reichen aschblonden Haar glänzte ein Blumenkranz aus großen Opalen und Diamanten. In ihren großen leuchtenden Augen stammte der ganze fürstliche Stolz des tausendjährigen Geschlechts Heinrichs des Löwen, und der Blick, den sie über die Versammlung gleiten ließ, war der einer zum Herrscher geborenen Königin.

Schüchtern und fast ängstlich trat ihre jüngere Schwester Marie, ebenfalls gelb und weiß gekleidet, in den Saal.

Ein lauter und brausender Hochruf begrüßte die königliche Familie. Einzelne Stimmen begannen, und bald fiel die ganze Versammlung einstimmig in die Klänge des Liedes ein, das die Musik spielte.

Der König war bis zur Mitte des Saals vorgegangen.

Hier blieb er stehen und lauschte, – tiefe Rührung auf dem schönen, edel geschnittenen Gesicht, – dem Gruß der Liebe, der ihm entgegenklang. Die Königin und die Prinzeß Marie hielten die Taschentücher vor die Augen und weinten leise – die Prinzessin Friederike blickte voll Liebe auf ihren Vater hin und biß die schönen Zähne auf die Lippen mit dem Ausdruck stolzen Mutes. Der Kronprinz sah nach den nächststehenden Gästen hinüber und nickte freundlich dem einen oder andern Bekannten zu.

Nachdem die erste Erregung, welche die Erscheinung des Königs hervorgerufen, vorüber war, machten die Herrschaften ihren Cercle und wechselten mit unermüdlicher Leutseligkeit die freundlichsten Worte mit den Herren und Damen des Hofs sowie mit allen den einfachen Leuten, die hier zum eisten Male in der Atmosphäre eines Hoffestes erschienen.

Dann aber trat der König an das Büfett, ließ sich einen mit Rheinwein gefüllten Pokal reichen und trank auf das Wohl seiner Gäste.

»Dank, Dank«, rief er mit lauter Stimme, »für eure Treue, die belohnt werden wird. In der Geschichte meines Hauses finden sich Beispiele von exilierten Fürsten, die wieder in die Heimat zurückgekehrt sind; der Ahnherr meines Hauses mußte sein Land verlassen und kehrte wieder; ihr alle wisset, daß viele eurer Väter zehn Jahre lang in der Fremde leben mußten und dann doch wiederkehrten. So gibt mir die Vorsehung die Berechtigung zu dem Glauben, daß ich als freier und unabhängiger König wieder nach Hannover zurückkehren werde. Ich fordere euch auf, zu trinken auf die Wiederherstellung des Welfenreiches, des Welfenthrones, auf meine Rückkehr in eure Mitte. Gott gebe eine baldige Auferstehung des Thrones von Hannover, meine Rückkehr zu einem Volke, dessen Treue und Anhänglichkeit ein leuchtendes Vorbild sein könnte für alle Völker der Erde. Ein Hoch auf unser baldiges Wiedersehen im Welfenreiche!«

Der König schloß mit dem althannöverischen Rufe: »Hep, hep, Hurra!« und: »Hurra, Hurra!« tönte es brausend durch die Säle. Alle Anwesenden waren tief ergriffen, und die große Mehrzahl derselben faßte in der Bewegung des Augenblicks die Worte des Königs wie eine prophetische Verkündigung der Zukunft auf.

Der Pokal, aus welchem der König getrunken, wurde von neuem gefüllt und machte die Runde durch die Versammelten; das Souper begann und trotz der allgemein bewegten, aus Rührung und Begeisterung gemischten Stimmung verleugnete sich der niedersächsische Nationalcharakter nicht, und alle die guten Dinge, welche die silberschweren Büfetts darboten, fanden freudige Anerkennung und schnelle Vertilgung.

Die Stunden vergingen schnell. Der Jubel des Festes wurde lauter und lauter. In der Tür des Nebenzimmers stand der Regierungsrat Meding im Gespräch mit dem Prinzen Philipp von Hanau, Offizier in der Leutnantsuniform der österreichischen Kürassiere, das rote Band des Löwenordens über der weißen Uniform. Das jugendlich frische, geistvolle Gesicht des hoch und schlank gewachsenen jüngsten Sohnes des Kurfürsten von Hessen zitterte vor tiefer Bewegung. Er blickte mit dem Ausdruck inniger Teilnahme nach den königlichen Herrschaften hinüber.

»Ich habe eine unendliche Liebe und Verehrung für Ihren allergnädigsten Herrn,« sagte der Prinz, »ich könnte für ihn mein Leben einsetzen – wie doch alles, was er tut, so königlich und edel ist! Gott gebe nur, daß seine Wünsche erfüllt werden und alle großen Anstrengungen des Kampfes, welchen er unternommen, zum Siege führen mögen. – Jedenfalls wird dieses Fest«, fuhr er fort, »mächtig dazu beitragen, die Treue und Beharrlichkeit der Hannoveraner zu stärken. Alle Gäste, die heute hier versammelt sind, werden neue Begeisterung in die Heimat zurückbringen.«

»Mit alledem aber,« sagte der Regierungsrat Meding ernst, »mit alledem wird der Sache des Königs nichts genützt, – wenigstens gewiß kein dauernder Erfolg erzielt werden, wenn die Sache der entthronten Fürsten nur eine Frage des legitimen Rechts bleibt, wenn sie nicht innig verbunden wird mit den großen Prinzipien, welche das Leben der Völker bewegen und welche die Zukunft zum Siege führen muß. Sehen Sie, Prinz,« fuhr er fort, – »demjenigen wird der Sieg in diesem Kampf um die Zukunft Deutschlands zufallen, der es verstehen wird, die großen Grundsätze wahrer Freiheit und wahrer Selbstbestimmung des Volkes aufrichtig und kräftig zu vertreten, und der sich von diesen Grundsätzen, denen nichts widerstehen kann, emportragen läßt. In diesem Augenblick,« sprach er weiter, indem sein Blick achtlos über die dichte Menschenmenge in den Sälen hinglitt, – »in diesem Augenblick tritt die preußische Regierung jenen Grundsätzen rücksichtslos scharf entgegen, – sie muß es, um zu erhalten, was sie gewonnen hat, – um die Konsequenzen der Annexionen durchzuführen, – dieser Annexionen, die nach meiner Überzeugung ein politischer Fehler waren. – Hätte im August 1866 Preußen den Kaiserthron der Hohenstaufen wieder aufgerichtet, – die jubelnde Begeisterung des deutschen Volkes hätte diese Tat begleitet. – Jetzt aber muß man dort der freien Bewegung in vielen Richtungen entgegentreten, und doch wird das Ringen nach freier Selbständigkeit im deutschen Volke mächtiger und mächtiger. Wenn die entthronten Fürsten neben der alten Anhänglichkeit ihrer Völker diesen Geist der Freiheit ehrlich und fest zu ihrem Bundesgenossen machen und mit diesem Geist ihr Recht vermählen, dann werden sie in kurzem eine gewaltige Macht sein, – und bei der nächsten Katastrophe, mag sie nun von außen hereinbrechen, mag sie aus dem innern Leben des Volkes heraus sich entwickeln, wird diese Macht zu entscheidender Geltung kommen, sei es, daß man mit ihr zu paktieren gezwungen wird, sei es, daß sie mit den Waffen in der Hand ihre Forderungen durchsetzt. – Wenn man aber,« fuhr er trüben Tones fort, »den einzig möglichen Weg zögernd und mit halbem Herzen geht, wenn man auch in der Verbannung und im Unglück noch die alten Vorteile behält, – wenn dann vielleicht ein Augenblick kommt, in welchem man in Berlin sich kühn und rücksichtslos auf die Seite der nationalen Einheit und Freiheit stellt, – dann, mein Prinz, werden alle die Hoffnungen, welche diese Herzen hier erfüllen, zu leichten Seifenblasen werden, welche der Atem der Weltgeschichte in nichts verweht.«

»Und glauben Sie,« sagte der Prinz Philipp, »daß man sich in Berlin je zu einer solchen Auffassung erheben könne?«

»Sie widerspricht ein wenig der preußischen Tradition,« erwiderte der Regierungsrat Meding, – »aber ich halte den Grafen Bismarck jedes großen Ideenaufschwungs für fähig – kann er den preußischen Partikularismus überwinden, so wird er Sieger bleiben. – Sie wissen, daß Trabert hier ist?« fragte er nach einer augenblicklichen Pause, während deren der Prinz sinnend vor sich hinblickte.

»Ich habe es gehört,« erwiderte Prinz Philipp, – »das ist auch ein Mann, dem man großes Unrecht getan hat.«

»Wie vielen,« – sagte der Regierungsrat Meding seufzend, – »o, wenn man es zur rechten Zeit verstanden hätte, die Bewegung der Geister im deutschen Volke zu lenken! – Ich werde Trabert morgen sehen,« fuhr er fort, – »es wäre sehr gut, wenn der Kurfürst mit ihm in Verbindung träte; – als ich vor einigen Tagen in Prag war, fand ich Seine Königliche Hoheit sehr gut disponiert für eine Verbindung mit den Vertretern der freien Selbständigkeit des deutschen Volkes, – und der Kabinettsrat Schimmelpfennig besonders schien mir sehr lebhaft diesen Gedanken zu erfassen. Es regt sich ja auch bei Ihnen in Hessen mächtig – aber all dieser negativen Bewegung muß eine große Fahne gegeben werden, welcher die Begeisterung des Volkes folgt.«

»Sie haben recht – sehr recht,« sagte der Prinz nachdenklich, – »ich werde versuchen, was möglich ist, – jedenfalls werde ich mit Trabert sprechen. Apropos,« sagte er dann, – »wissen Sie, daß die vortreffliche Pepi Gallmeier bei der Vorstellung, die der König morgen im Karltheater für seine hannoverischen Gäste geben läßt, ganz in den hannoverischen Landesfarben – gelb und weiß erscheinen wird, – das wird den Leuten große Freude machen –«

»Fräulein Gallmeier ist eine ausgezeichnete Person, die für mich eine große sympathische Anziehungskraft hat,« – sagte der Regierungsrat, – »ich bin ihr platonischer Verehrer.«

Der Prinz lachte herzlich.

»Die Herrschaften werden aufbrechen,« sprach er dann, als eine Bewegung in der Menge nach der Tür hin bemerkbar wurde, – »wie wäre es, wenn wir zu Sacher gingen und nach der Anstrengung des Abends in stiller Ruhe einige Dutzend Austern schlürften?«

»Und so in würdiger Weise den Morgen erwarteten,« – sagte Herr Meding lachend. – »Sie wissen, Prinz, daß ich zu einem solchen Vorschlag niemals nein sage, – sehen Sie, da kommt der kleine George Platen, – den müssen wir mitnehmen, – die Herrschaften gehen fort, – also – brechen wir ebenfalls auf.« Beide verließen mit dem Grafen Platen, der sich ihnen bereitwilligst anschloß, den Kursaal, stiegen in einen der draußen haltenden Fiaker und fuhren in schnellem Trabe nach dem eleganten Lokal des Sacherschen Restaurants dem neuen Opernhause gegenüber.


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