Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Achtundzwanzigstes Kapitel

Der Graf von Rivero war finster und gedankenvoll in seinen vor der Wohnung des Herrn von Wendenstein wartenden Wagen gestiegen, indem er dem Kutscher befahl, ihn nach der Place St. Augustin zu der Marchesa Pallanzoni zu fahren.

Ernst und schweigsam stieg er die Stufen der Treppe hinauf und trat, ohne die Antwort der meldenden Kammerfrau abzuwarten, in den Salon der Marchesa.

Bereits zur Morgenpromenade angekleidet, saß die junge Frau frisch und reizend wie immer in einem von Blumendekorationen umgebenen Fauteuil und begrüßte den Grafen mit der eleganten Artigkeit der Weltdame, in welche sich jedoch ein gewisser Ausdruck demütiger Unterwürfigkeit mischte.

Der Graf trat vor die Marchesa hin und ließ den Blick seines dunkeln Auges forschend auf ihr ruhen, als wolle er eine Antwort auf die Frage suchen, ob hinter dieser so schönen idealen Form wirklich eine Seele und ein fühlendes Herz verborgen sei.

»Ich habe Ihre Befehle ausgeführt, mein Meister,« sagte die junge Frau, indem sie, sich leicht zur Seite neigend, ein Taburett für den Grafen heranzog, auf welchem dieser jedoch nicht Platz nahm, – »und ich kann Ihnen einige Mitteilungen machen, die für Sie von Interesse sein werden.«

»Und diese Mitteilungen sind?« fragte der Graf.

»Sie wünschten zu wissen,« sagte die Marchesa, »welche Beziehungen die spanische Revolution hier in Paris hat, und ob man hier auf den Erfolg jener Erhebung Einfluß nehmen könnte.«

Der Graf neigte leicht den Kopf.

»Nun, ich kann Ihnen sagen,« fuhr die Marchesa fort, »daß neben anderen, die ich nicht kenne, vor allem hier Herr Angel de Miranda einer der wesentlichsten Agenten der spanischen Revolutionäre ist. Wenn Sie sich demselben nähern wollen, werden Sie wahrscheinlich bald die ganzen Fäden in Händen halten, an welchen diese Bewegung geleitet wird.«

Der Graf zog eine Karte hervor und notierte sich den genannten Namen.

»Das ist ein früherer Kammerherr der Königin Isabella,« sagte er, »welcher gegenwärtig hier bei der Redaktion des Gaulois tätig ist.«

»Derselbe«, erwiderte die Marchesa ein wenig erstaunt. »Ich sehe, daß es kaum möglich ist, Ihnen etwas Neues mitzuteilen.«

»Sprechen Sie immerhin,« sagte der Graf kalt und ruhig.

»Nun,« fuhr die Marchesa fort, »ich weiß aus derselben Quelle, daß man großes Vertrauen auf den Sieg der Revolution hat, wenn es nur gelingt, das nötige Geld herbeizuschaffen, – das«, fuhr sie mit einem schnellen, scharf forschenden Blick fort, »würde also vor allem die Aufgabe derjenigen sein, welche ein Interesse an der Förderung des Aufstandes haben. Außerdem scheint es,« sprach sie weiter, »daß hier der Krieg beschlossen war, und daß man besonders in den Kreisen, welche Beziehungen zu Ihrer Majestät der Kaiserin haben, sehr dekontenanciert ist über dieses plötzliche Ereignis jenseits der Pyrenäen, welches alle lang vorbereiteten Pläne in Frage stellt. Dies meine Nachrichten,« sagte sie, »so viel ich deren in den wenigen Tagen habe sammeln können. Ich weiß jedoch, daß Ihnen eine Andeutung genügt, um schnell mit sicherem Blick den Faden in den verborgensten Zugängen des politischen Labyrinths zu finden.«

»Ich danke Ihnen«, sagte der Graf kalt und ruhig, »für die Mühe, die Sie sich auch diesmal wieder gegeben haben, um meine Wünsche zu erfüllen. Ich hatte allerdings ähnliche Mitteilungen schon auf anderem Wege erhalten. Dies nimmt indes Ihrem Eifer nichts von seinem Wert, und ich werde denselben anzuerkennen wissen.«

Ein leichtes höhnisches Zucken erschien einen Augenblick um die Mundwinkel der Marchesa, und ein Blitz höhnischen Triumphs schoß zu gleicher Zeit aus ihren Augen. Doch neigte sie schweigend das Haupt, das ruhige, demütige Lächeln erschien wieder auf ihren Lippen und sie schlug die Augen auf ihren Schoß nieder, um den Ausdruck ihrer Blicke zu verbergen.

»Ich habe Ihnen nun«, sagte der Graf, »noch in betreff eines Punktes meinen Willen zu erklären.«

Bei diesen in kurzem, fast hartem Ton gesprochenen Worten zuckte es abermals feindlich und höhnisch über das Gesicht der Marchesa, abermals aber neigte sie noch tiefer als vorher das Haupt, wie in gehorsamer Unterwürfigkeit unter die Befehle, welche der Graf ihr geben würde.

»Ich habe Sie vor längerer Zeit«, fuhr dieser fort, »mit einem jungen hannöverischen Offizier bekannt gemacht, welcher seitdem –«

Erstaunt und betroffen richtete die Marchesa den Kopf auf.

»Welcher seitdem«, fiel sie ein, indem sie mit großen Augen den Grafen fragend ansah, »zu meinen intimeren Freunden gehörte und welchem ich, wie Sie auch früher ganz richtig voraussetzten, manche nützliche Aufklärungen und Nachrichten verdanke, unter andern auch diejenigen, welche ich Ihnen nach der Schweiz sandte, und welche ich Ihnen soeben gemacht habe.«

»Gut,« sagte der Graf, mit dem Kopfe nickend, »Sie haben meine Andeutungen zu benützen verstanden. Dafür habe ich Ihnen bereits meine Anerkennung ausgesprochen. Ich habe indes«, fuhr er in sehr bestimmtem Tone fort, »entscheidende Gründe, welche mich bestimmen, zu wünschen, daß jedes Verhältnis und jede Beziehung zwischen Ihnen und dem Herrn von Wendenstein aufhören solle. Derselbe wird in kurzer Zeit Paris verlassen, ich wünsche nicht, daß Sie ihn während seines Aufenthaltes hier noch wiedersehen, und sollte er seinerseits irgend einen Versuch machen, sich Ihnen zu nähern, so werden Sie denselben zurückweisen.«

Wie von einer Dolchspitze getroffen, richtete sich die Marchesa in fast konvulsivischer Bewegung empor. Ihre Augen flammten, ihre Lippen bebten, ein Zug stolzer Herausforderung erschien auf ihrem Gesicht. Mit einer Stimme, welche sie mit Mühe zum ruhigen Tone zwang, fragte sie:

»Und warum, Herr Graf, warum soll ich den Herrn von Wendenstein nicht wiedersehen? Warum soll er Paris verlassen?«

Der Graf richtete sich hoch empor, kalt wie Eis ruhte sein Blick auf dem flammend erregten Gesicht der Marchesa.

»Sie wissen,« sagte er mit schneidendem Ton, »daß ich weder Verpflichtung noch Gewohnheit habe, denjenigen, welche meinem Willen unterworfen sind, Gründe für meine Entschlüsse anzugeben. Ihnen muß genügen, daß ich meinen Willen ausspreche; das Warum desselben zu erfahren, gebührt dem Werkzeug seiner Ausführung nicht.«

Noch brennender, noch drohender hefteten sich die Blicke der Marchesa auf den Grafen. Doch mit mächtiger Anstrengung kämpfte sie ihre Bewegung nieder und sprach, indem sie den Kopf neigte und die leicht gefalteten Hände erhob:

»Ich habe Ihnen bewiesen, daß ich nicht daran denke, Ihrem Willen zu widerstreben. Aber es gibt Fälle, in denen Sie mir das Recht zugestehen werden, Sie um die Angabe eines Grundes zu bitten, – eines Grundes für einen Befehl, der mich in meinem persönlichen Leben trifft. Werden Sie in diesem Falle die Erfüllung meiner Bitte verweigern, wenn ich Ihnen sage, daß dieser junge hannöverische Offizier mich liebt, daß er durch eine Trennung von mir schwer leiden wird? – Wenn ich Ihnen sage,« fuhr sie fort, indem sie ihren Zügen einen weichen, schwärmerischen Ausdruck gab, – »daß ich ihn wieder liebe, und daß diese Liebe die einzige Blume ist, deren Duft mein einsames Leben voll Mühe und Kampf verschönt ...«

Der Graf sah sie einen Augenblick mit einem Ausdruck von strenger Zurückweisung, fast von Verachtung an.

»Welches Recht«, sprach er in tiefem Ernst, »haben Sie auf die Liebe, welches Recht haben Sie, Ihr Leben mit Blumen zu bekränzen, dieses Leben, das der strafenden Gerechtigkeit verfallen wäre, wenn ich es Ihnen nicht gelassen hätte, um durch Buße und Sühne, durch den Dienst für eine heilige Sache Ihre Seele zu reinigen und zu retten. Dennoch«, fuhr er fort, »würde ich Ihnen die Liebe, dieses heiligste Recht aller Menschen, diese himmlische Gabe, welche Gott auch den Verbrechern läßt und durch welche er sie wieder zu sich empor zu ziehen sucht, – dennoch würde ich Ihnen die Liebe lassen, wenn ich Sie einer wahren Liebe für fähig hielte und wenn Sie durch diese Liebe nicht, wie Sie schon so oft getan, das Lebensglück anderer zerstörten. Dieser Herr von Wendenstein,« fuhr er fort, indem er das Wort, welches die Marchesa sprechen wollte, mit einer gebieterischen Bewegung seiner Hand zurückwies, »dieser Herr von Wendenstein ist kein Gegenstand für Ihre Liebe. Er gehört Ihnen nicht und kann Ihnen nicht gehören. Er gehört einem edlen und reinen Herzen, welches fern von hier sich in Sehnsucht und Kummer verzehrt und durch den Gram dem Tode entgegen getrieben wird. Zu diesem Herzen will ich ihn zurückführen, und deshalb verbiete ich Ihnen, ihn wiederzusehen und die Künste Ihrer Verführung gegen ihn anzuwenden. Es darf dem Fluch der Berührung durch Ihre Hand kein neues Opfer mehr fallen. Denken Sie an jenen jungen, braven Mann, den Sie zum Tode in die Fluten der Seine getrieben, und schaudern Sie zurück davor, Ihre Hand abermals nach dem Glück menschlicher Herzen auszustrecken.«

Die Marchesa trat einen Schritt vor den Grafen hin. Kalte Ruhe lag auf ihrem Gesicht, und mit einem leisen, aber tief durchdringenden Ton sprach sie:

»Sie haben mir, Herr Graf, viele Sünden und Vergehungen meiner Vergangenheit vorgeworfen, Sie haben mich verurteilt, weil ich einst in Wien meine Liebe, meine wirkliche und wahre Liebe – verteidigte gegen eine jener Damen, welche das Schicksal auch jetzt hoch gestellt hat, bis zu denen die Not, bis zu denen die Sünde selbst nicht heranreicht – und ich habe mich Ihrem Urteil gebeugt. Aber«, fuhr sie fort, »ich habe bereits Ihre Vorwürfe zurückweisen müssen, die Sie mir über den Tod jenes armen George Lefranc machten, den ich wahrlich herzlich bedauert habe, und ich muß auch Ihre Vorwürfe zurückweisen, welche Sie mir jetzt wieder über diesen jungen Hannoveraner machen, der mich liebt, der in dieser Liebe glücklich ist und längst jene matten, lauwarmen Gefühle vergessen hat, die seinen Geist und sein Herz in die Sphären der alltäglichen Gewohnheit hinabzogen.«

»Ich muß diesen Vorwurf zurückweisen, Herr Graf,« sprach sie in scharfem, zischendem Ton. »Richter darf nicht der Mitschuldige, – nicht der allein Schuldige sein. Ich habe weder den George Lefranc, noch den Herrn von Wendenstein aufgesucht, – Sie sind es, der mich auf den Lebensweg dieser Personen geführt hat. Ich bin Ihr Werkzeug gewesen und habe Ihren Befehlen gehorcht, und wenn hier eine Schuld ist, so ruht dieselbe auf Ihrem Haupt.«

»Ich werde meine Schuld tragen,« erwiderte der Graf düster, – »habe ich gefehlt, so habe ich es in edler Absicht und um heiliger Zwecke willen getan, und um dieser Absicht und um dieser Zwecke willen darf ich Vergebung hoffen. Weit entfernt bin ich, mich über diejenigen zum Richter aufzuwerfen, welche aus Verirrung fehlen. Ihr Richter aber«, fuhr er mit flammendem Blick fort, »darf ich sein und werde ich sein, und ich werde verhüten, so weit ich es kann, daß Ihre Hand jemals wieder ein warmes, fühlendes Menschenherz berührt. Ihr Richter werde ich sein, und vergessen Sie niemals, daß ich Ihr Herr bin.«

Die Marchesa zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie im flammenden Zorn sich dem Grafen entgegenstürzen, aber wiederum bezwang sie sich. Sie schlug die Augen nieder, aber sie konnte den Ausdruck von Grimm und Haß nicht verschwinden lassen, welcher ihre schönen Züge verzerrte, so daß dieselben fast keine Ähnlichkeit mehr mit dem Bilde hatten, welches die elegante und sorglos heiter lächelnde Frau sonst darbot.

Einige Augenblicke standen sie beide unbeweglich einander gegenüber. In der tiefen Stille des Zimmers waren ihre Atemzüge hörbar.

Da erscholl aus dem neben dem Salon liegenden Boudoir ein deutlich vernehmbares Geräusch, ähnlich dem Ton eines unterdrückten Hustens.

Die Marchesa erbebte, ein schneller, scheuer Blick fuhr nach den Portieren hin, welche sich leise zu bewegen schienen.

Der Graf hatte sich rasch umgewendet, sein Auge folgte der Richtung des Blickes der jungen Frau.

»Sind wir nicht allein?« rief er.

Und mit einem einzigen Sprung war er an der Türe des Boudoirs und riß die Portieren auseinander. Unmittelbar hinter denselben stand Herr Charles Lenoir. Im ersten Augenblick machte er eine Bewegung, als wolle er schnell aus dem Kabinett eilen, doch er erkannte, daß dies zu spät war, und trat mit ruhig unbefangenem Lächeln dem Grafen entgegen, der langsam in den Salon zurückschritt, immer das Auge auf diese so plötzlich vor ihm auftauchende Erscheinung gerichtet, welche im ersten Augenblick keinen Platz in seinen Erinnerungen zu finden schien. Endlich leuchtete ein Blitz des Erkennens in seinem Blick auf. Er sah einen Augenblick mit unbeschreiblichem Ausdruck die Marchesa an, welche ihre Fassung und Unbefangenheit wieder gewonnen hatte und ruhig auf die Entwicklung dieser Szene hinblickte.

»Ich bin, glaube ich, durch eine falsche Tür eingetreten,« sagte Herr Lenoir, indem er sich vor der Marchesa ehrerbietig verneigte. »Die Frau Marchesa hatte mich um diese Stunde befohlen, ich glaubte deshalb keine Meldung nötig zu haben und habe die Tür des Salons verfehlt. Ich hörte sprechen und wollte mich soeben wieder zurückziehen, um die Unterhaltung nicht zu stören –,« sagte er im vollkommen höflichen, fast ehrerbietigen Ton, durch welchen jedoch bei den letzten Worten eine leichte, höhnische Ironie hindurchklang.

»Herr Lenoir,« sagte die Marchesa zum Grafen gewendet, »der mir meine Einkäufe in alten Kunstgegenständen besorgt. Sie sehen, ich habe Besuch,« fuhr sie fort, indem sie Herrn Lenoir einen Wink mit der Hand gab. »Wollen Sie vielleicht zu einer andern Stunde wieder kommen?«

Herr Lenoir verbeugte sich tief und wollte sich zurückziehen.

»Ich glaube«, rief der Graf Rivero mit volltönender Stimme, »das würdige Ehepaar Balzer sollte mich genügend kennen, um zu wissen, daß ein solches Spiel meinen Blick nicht täuschen kann. Bleiben Sie, Herr Balzer,« fuhr er streng und gebieterisch fort, »bleiben Sie und erklären Sie mir, wie es zugeht, daß Sie es gewagt haben, meinem Gebot ungehorsam zu sein und aus der Verbannung, in welche ich Sie gesendet, wieder zurückzukehren. Und Sie, Madame, erklären Sie mir, warum Sie es gewagt haben, mir das Wiedererscheinen dieses Elenden zu verbergen und ihn der Strafe zu entziehen, welcher er nunmehr verfallen ist.«

Die Marchesa hielt nur mit Mühe ihre Fassung aufrecht und sank wie ermüdet in ihren Lehnstuhl zurück.

Bevor sie antworten konnte, trat Herr Lenoir immer höflich und zurückhaltend, aber mit einer Miene, als wisse er durchaus nicht, was er aus den Worten des Grafen machen solle, näher zu diesem heran und sprach:

»Ich verstehe Ihre Worte nicht, mein Herr, und kann nur vermuten, daß Sie mich mit irgend jemanden verwechseln, gegen den Sie Ursache haben, keine freundlichen Gesinnungen zu hegen. Sie haben da einen mir ganz unbekannten Namen genannt, und wenn ich mit irgend einer Person, der Sie Vorwürfe zu machen berechtigt sind, Ähnlichkeit haben sollte, so kann ich Ihnen deshalb doch nicht die Befugnis zugestehen, in der Weise zu mir zu sprechen, wie Sie dies soeben getan. Mein Name ist Lenoir, Charles Lenoir, und ich muß Sie dringend bitten, Ihre Apostrophen künftig dahin zu richten, wohin sie gehören, und sich die Leute erst genau anzusehen, bevor Sie in solchem Ton zu sprechen sich herausnehmen.«

Die Marchesa blickte ganz erschrocken auf Herrn Lenoir. Sie stand auf, indem sie wie beruhigend die Hand erhob, als wünsche sie dieser peinlichen Szene eine freundliche Wendung zu geben.

»Sie haben sich soeben vermessen, Madame,« sprach der Graf mit zornig flammendem Blick, »mir zu sagen, daß ich nicht das Recht habe, Sie zu richten. Wollen Sie das auch jetzt noch behaupten, da Sie hier vor mir stehen als die Mitschuldige dieses Elenden, den ich aus der Welt hatte verschwinden lassen, um ihm die Möglichkeit der Buße und Besserung zu geben, und der meinem Befehl zum Trotz wieder zurückgekehrt ist, um ohne Zweifel neue Verbrechen zu seiner früheren Schuld hinzuzufügen. Ich habe Sie an seinen Tod glauben lassen, um auch Ihnen einen neuen Lebensweg zu öffnen. Von dem Augenblick, da Sie wissen, daß er lebt, da Sie mit ihm in einer – wie es scheint, ziemlich nahen Verbindung stehen,« fügte er mit bitterem Hohn hinzu, »von diesem Augenblick an sind Sie wissentlich der Doppelehe schuldig, von diesem Augenblick an gibt es kein Erbarmen mehr für Sie. Sie sind beide Ihrer Strafe verfallen, die unverzüglich über Sie hereinbrechen wird.«

Einen Augenblick schien die Marchesa mit ihren Entschlüssen zu kämpfen. Es schien, als wolle sie den Sturm beschwören, der sie plötzlich umbrauste. Ein Blick auf den Grafen aber schien sie von der Unmöglichkeit dessen zu überzeugen, und indem sie wie durch einen Zauberschlag den Ausdruck ihres Gesichts änderte, trat sie mit kaltem, höhnischem Lächeln und mit einem trotzig herausfordernden Blick einen Schritt vor und sprach:

»Sie führen eine Sprache in meinem Salon, Herr Graf, die ich nicht zu hören gewohnt bin. Wenn Sie diesem Herrn da, den ich als einen rechtlichen und ehrenhaften Mann kenne, irgend welchen Vorwurf zu machen haben, so muß ich Sie bitten, sich dazu einen andern Ort zu wählen!«

»Welch ein Abgrund frecher Verwegenheit!« rief der Graf, kaum seine Bewegung meisternd, »ihr Verworfenen, die ich in meiner Hand halte, die ich zermalmen kann, wenn ich will, wagt es, auch gegen mich euch aufzulehnen? Was hindert mich, euch sofort ergreifen zu lassen und den Gerichten zu überliefern? Das Maß eurer Verbrechen ist voll. Ihr habt die Sühne und die Buße, die ich euch aufgelegt, zurückgewiesen, so soll denn die Strafe euch unerbittlich treffen.«

»Und was hindert mich, mein Herr,« sagte Herr Lenoir, indem er mit höhnischem Lächeln die flammenden Blicke des Grafen aushielt, »was hindert mich, die Frau Marchesa und mich selbst vor Ihren Ausbrüchen zu schützen, welche ich gern«, fügte er mit schneidender Ironie hinzu, »mit irgend einer Geistesstörung entschuldigen will. Was hindert mich, die Lakaien hereinzurufen und die Dame hier von Ihrer Gegenwart zu befreien?«

»Du wirst mir folgen, Elender!« rief der Graf in zitternder Entrüstung, indem er die Hand gegen Herrn Lenoir erhob, »du wirst mir folgen, damit ich dich deinem Schicksal übergebe!«

»Es ist Zeit, ein Ende zu machen,« sagte Herr Lenoir, immer in demselben Ton, indem eine triumphierende Freude aus seinen Augen sprühte. »Kennen Sie dies, mein Herr?« fragte er, indem er eine Karte aus der Tasche zog und dem Grafen vorhielt, – »wenn Sie nicht augenblicklich das Haus verlassen, so werde ich auf der Stelle die ersten besten sergants de ville herausrufen und Sie zunächst nach Bicétre bringen lassen, wo man untersuchen wird, ob Ihr unerhörtes Benehmen durch Geistesverwirrung Entschuldigung finden kann.« Der Graf warf einen Blick auf die Karte, – er erkannte die Legitimation eines Beamten der geheimen Polizei. Wie erstarrt blickte er auf diese beiden Menschen hin, als öffne sich vor ihm ein Abgrund, dessen Tiefe er für unmöglich gehalten hätte.

»O mein Gott,« murmelte er leise, »wohin führt es, wenn menschliche Kraft sich vermißt, die Hölle lenken und meistern zu wollen!«

Schweigend wandte er sich um, verließ das Zimmer und stieg die Treppe hinab zu seinem Wagen.

»Welch eine Unverständigkeit,« rief die Marchesa, als sie mit Herrn Lenoir allein war, »wie konnten Sie diese Szene hervorrufen. Sie wissen, daß ich vom Grafen abhängig bin! Meine Stellung, meine Einnahmen, alles liegt in seinen Händen.«

»Es lag in seinen Händen,« sagte Herr Lenoir, »eine so schöne, eine so kluge, eine so gewandte Frau wie Sie bedarf dieses phrasenhaften Gecken nicht – sie kann wahrlich ihr Schicksal sich selbst machen und freie Herrin ihres Willens sein. Dazu will ich Ihnen helfen, wir sind ja Alliierte und werden wahrlich Mittel finden, Geld und Macht zu gewinnen, ohne unter der drohenden Zuchtrute dieses Schulmeisters zu stehen.«

»Aber, mein Gott,« rief die Marchesa noch immer ganz verwirrt, »wenn er –«

»Er wird nichts tun,« erwiderte Herr Lenoir ruhig, »und kann nichts tun. Alles, was er versuchen möchte, wird vergeblich sein, hier in Frankreich wenigstens, er ist in hohem Grade verdächtig geworden,« fügte er mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu. »Von Biarritz, wohin ich neulich,« sagte er mit halb spöttischer, halb ehrerbietiger Verbeugung, »ein Schreiben der Frau Marchesa gebracht habe, ist der Befehl zu seiner Ausweisung gekommen. Und ich zweifle nicht, daß man der Frau Marchesa sehr dankbar sein wird für den Wink, den sie über die gefährlichen Machinationen des Grafen gegeben hat.«

»Oh,« rief die junge Frau, die Augen mit stolzem Ausdruck aufschlagend und die Arme emporstrebend, »so bin ich frei, – frei von dieser Fessel, die ich so lange hinter mir herzog, und die Zukunft gehört mir!«

»Haben die Frau Marchesa sonst noch Befehle?« sagte Herr Lenoir. »Der Polizeipräfekt wird sich, wie ich weiß, morgen die Ehre nehmen, Ihnen seinen Besuch zu machen.«

Ein Lächeln hoher Befriedigung umspielte die Lippen der Marchesa, sie öffnete eine Kassette, nahm eine Rolle aus derselben und reichte sie Herrn Lenoir.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie. »Ich lerne Ihre Dienste schätzen und werde sie immer zu belohnen wissen. Auf Wiedersehen!«

Herr Lenoir steckte die Rolle ein und ging schweigend hinaus. Die Marchesa lehnte sich in ihren Sessel und versank in tiefe Träumereien, welche ihr aber heitere und fröhliche Bilder zeigen mußten, denn immer lächelnder, immer freundlicher wurde der Ausdruck ihrer schönen Züge. – – –

Finster und starr, immer noch wie betäubt durch den Eindruck des Vorgefallenen, war der Graf Rivero nach seiner Wohnung gekommen. Er hatte seine Tochter umarmt und lange in ihre reinen, liebevollen Augen geblickt, als suche er in diesen Augen einen Gruß des Himmels, nachdem sich die Tiefen der Hölle vor ihm geöffnet.

»Wir werden bald nach Deutschland abreisen, mein Kind,« sagte er, »ich will versuchen, eine arme Kranke zu retten, die einem Freunde von mir teuer ist. Auch du wirst deine Aufgabe bei ihrer Pflege haben.«

»Oh, ich danke dir, mein Vater, ich danke dir!« rief das junge Mädchen, »kann es einen schöneren Beruf für mich geben, als dich zu unterstützen in deinem edlen Streben, überall Gutes zu tun, Menschen zu beglücken und Gott zu dienen?«

Finster blickte der Graf vor sich nieder.

»Gott wollte ich dienen,« sagte er leise, »zur immer größeren Ehre Gottes wollte ich Menschenschicksale lenken und Menschen zu Werkzeugen meiner Hand machen, und zertrümmert liegt das Werk meines vermessenen Stolzes vor mir. Aber haben die Unschuldigen gelitten, so dürfen die Schuldigen nicht straflos bleiben, das bin ich der ewigen Gerechtigkeit schuldig.«

Er wandte sich zu seinem Schreibtisch, ergriff ein Blatt Papier und eine Feder und schickte sich an, zu schreiben.

Sein Diener trat herein und brachte einen großen Brief mit amtlichem Siegel.

Der Graf brach die Enveloppe auf und überflog tief erbleichend die wenigen Zeilen, welche das Papier enthielt. Als könne er seinen Augen nicht völlig Glauben schenken, wiederholte er langsam die gelesenen Worte:

»Der Polizeipräfekt ersucht den Herrn Grafen Rivero, auf Grund des Fremdengesetzes das Gebiet des französischen Reiches binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Sollte der Herr Graf nach Ablauf dieser Zeit seine Reise noch nicht angetreten haben, so wird derselbe sich selbst die Ausführung der gesetzlichen Maßregeln zuzuschreiben haben.«

Lange saß der Graf Rivero wie betäubt da.

»Gott will meinen Stolz demütigen,« sagt er dann, während Julia teilnehmend zu ihm getreten war und den Arm auf seine Schulter gelegt hatte, – »oder vielleicht,« fügte er tief sinnend hinzu, »mich auf den rechten Weg führen, auf welchem ich kämpfen kann für die Herstellung seines Reiches auf Erden. Möge denn Frankreich seinem Verhängnis verfallen, vielleicht finde ich in Deutschland außer der Rettung jenes Opfers meiner Vermessenheit noch einen höheren und weiteren Beruf. Aber dieser junge Herr von Wendenstein,« sagte er dann wie in plötzlicher Erinnerung, »ich darf ihn nicht hier zurücklassen. Er muß mich sofort begleiten, er darf nicht einen Tag dieselbe Luft mit diesem dämonischen Weibe mehr atmen. Ich muß hin zu ihm und muß ihn mit mir nehmen. Dieser junge Bauer wird mir beistehen, wenn er schwanken sollte.«

Er trug seiner Tochter und seinem Diener auf, alles für die Reise an demselben Abend vorzubereiten, und begab sich eilends zu Herrn von Wendenstein, wo seine Mitteilung großen Jubel bei Fritz Deyke erregte, der mit eiliger Hast alles zusammenpackte, um seinen Leutnant aus dem ihm so verhaßten Paris zur alten Heimat zurückzuführen.


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