Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Vierzehntes Kapitel

Der goldene Sonnenschein schimmerte in gebrochenen Strahlen durch die grünen Schatten der Bäume des weiten Gartens, der den Palazzo Quirinale auf dem Monte Cavallo in Rom umgibt.

Seine Heiligkeit der Papst Pius XI. hatte in diesem Palast für einige Zeit seine Sommerresidenz genommen, um der schwül drückenden Hitze, die über der ewigen Stadt lag und die Räume des Vatikans durchdrang, zu entgehen.

Die Hellebardiere hatten Wachen in den Höfen des Quirinals bezogen, und all der so würdevoll ernste und doch so farbenprächtige Glanz, welcher den Hof des Oberhaupts der katholischen Christenheit umgibt, entfaltete sich in den Sälen und Galerien des Palastes.

Die geistlichen Hofbeamten in violett und Purpur, – die reichen schimmernden Uniformen und Waffen der Offiziere der Nobelgarde, die prachtvollen Livreen der Lakaien vereinigten sich zu einem reichen, mannigfaltigen und lebensvollen Bilde in den großen weiten Gemächern, deren Wände die Gemälde von van Dyk und die Arbeiten älterer und neuerer Bildhauer schmückten.

Dieser ganze Hof des dreifach gekrönten Hauptes der katholischen Welt stellte ein glanzvolles Bild dar der Macht und Herrlichkeit des obersten Kirchenfürsten, – dieser Herrlichkeit, welche einst alle weltlichen Throne überstrahlte, – dieser Macht, welche mit dem Strahl des Bannwortes die Schwerter in den Händen der Kaiser und Könige zerbrach und die Kronen von ihren Häuptern schleuderte.

Die Zeiten jener Macht und Herrlichkeit waren freilich lange vorüber, die Blitzstrahlen, welche von Rom aus die Welt durchzuckten, zündeten nicht mehr, – mehr als das halbe Europa war von der katholischen Kirche getrennt; aber auch da, wo die Knie der Gläubigen sich noch vor dem Papste beugten, stieß sein Wort und Befehl auf die unübersteigliche Schranke der Staatsgesetze, und auf jener apenninischen Halbinsel sogar, welche früher das weltliche wie das geistliche Rom unumschränkt beherrschte, erhob sich der gefährlichste und unversöhnlichste Gegner des Papstes und seiner Macht, dieser neue König von Italien, der sich nicht gescheut hatte, bereits einen Teil des unantastbaren Erbes der Nachfolger Petri loszutrennen und mit dem nationalen Königreich zu vereinen.

Hier in diesen Höfen und Gemächern des Quirinals merkte man aber nichts von der Veränderung, welche da draußen in der Welt vorgegangen war. Mit derselben würdevollen, ruhigen Sicherheit der Herrschaft und unbestreitbaren Autorität schritten die Prälaten einher, – mit demselben Stolz wie früher ließen die Nobelgarden ihre Waffen in der Sonne funkeln, und die tiefe Stille, welche den Thron des Statthalters Christi umgab, war dieselbe wie zur Zeit der weltbezwingenden Macht Gregors VII. oder der glanzvollen, mit den schönsten Blüten der Kunst und Wissenschaft geschmückten Herrlichkeit des zehnten Leo.

Am Eingange eines dunkeln, schattigen Laubgangs der großen Gärten in der Rione di Trevi hielten zwei Gardisten des Papstes Wache in der großen Dienstuniform mit blanker Waffe, und Gruppen von Hausprälaten standen in flüsternden Gesprächen umher oder gingen langsam auf und nieder, sorgfältig den Schatten der Bäume suchend und die von den glühenden Sonnenstrahlen beleuchteten freien Plätze vermeidend.

In der Tiefe des Ganges – vollkommen der Gehörweite der am Eingange Stehenden entrückt – ging Seine Heiligkeit Pius IX. mit dem Staatssekretär Kardinal Giacomo Antonelli in ernstem Gespräch einher.

In ruhig würdevoller Bewegung schritt der Papst auf und nieder, das weiße Gewand gab seiner ganzen Erscheinung in der grünen Dämmerung dieses tiefen Laubschattens etwas Lichtes, – gleichsam Verklärtes, das sich in vollkommener Harmonie befand mit dem Ausdruck freundlicher und milder Heiterkeit, welcher von dem Gesicht des obersten Kirchenfürsten strahlte. Unter der schön gewölbten Stirn dieses merkwürdig ausdrucksvollen Gesichts, über welcher einige Locken grauen Haares herabhingen, blickten Augen voll wunderbarer Tiefe hervor, – diese Augen, durch welche der Papst einen so eigentümlichen und unwiderstehlichen Zauber auf alle diejenigen ausübte, die mit ihm in persönliche Berührung kamen. Schwer wäre es, die Farbe dieser Augen zu bestimmen, denn oft glänzten sie licht und hell wie ein sonnig blauer Himmel oder wie ein klarer Bach, – oft glühten sie in tiefem dunklem Feuer, – oft flammten sie auf in begeisterter Erregung, – und auch ohne die Sprache zu kennen, welche der Papst spricht, ohne seine Worte zu vernehmen, konnte man aus dem Blick seiner Augen die Gedanken verstehen, welche er aussprach. Ebenso beredt war der Ausdruck des Mundes – die feinen Linien, welche seine Lippen umgaben, bildeten eine Schrift, welche die Worte, die dieser Mund sprach gewissermaßen auch dem Auge sichtbar darstellten, – ein ruhiges Lächeln – das Lächeln hoher Überlegenheit und innerer, klar abgeschlossener Ruhe – lag fast immer auf seinen Lippen, und selbst bei den Ausdrücken zorniger Mißbilligung der Zeit und des Weltlaufs verließ ihn der Ausdruck priesterlicher Milde niemals, – das ganze, in schönem Oval abgerundete Gesicht des Papstes bot ein wohltuend ansprechendes Bild tiefer und vollkommener Harmonie. Die Farben seines Gesichts – weiß und rot, fast weiblich zart, überhauchten dies Bild mit dem Schimmer jugendlicher Frische, – die wunderbar schönen weißen Hände begleiteten seine Worte mit anmutig ruhiger, würdevoller Gestikulation, und es wäre kaum möglich, sich eine Erscheinung zu denken, welche schöner und reiner den Charakter des Fürsten, des Priesters und des hochgebildeten Mannes in sich vereinigte.

In der einfachen Tracht der Kardinäle – die purpurne Kappe in der Hand, schritt der Kardinal Antonelli neben Seiner Heiligkeit. Sein von dichtem, kurzgelocktem Haar umrahmtes Gesicht hatte nicht den Ausdruck sicherer, milder und unerschütterlich überlegener Ruhe, wie das des Papstes. Die klaren, scharfen, dunkeln Augen funkelten von Geist und Intelligenz, aber in ihnen zitterte die unruhig sorgenvolle Bewegung des Staatsmannes und Diplomaten, – der etwas breite und große Mund unter der starken Nase hatte den Ausdruck feiner, fast listiger Verschlossenheit, und selbst wenn der Kardinal mit wohlgewählten, treffenden Worten sprach, blieb auf seinen Lippen eine gewisse diplomatische Zurückhaltung, welche vermuten ließ, daß er, – wenn er auch nichts anderes dachte, als er sagte, – doch nicht alles sagte, was er dachte.

»Ich erlaube mir also, Eurer Heiligkeit ehrfurchtsvollst mitzuteilen,« sagte der Kardinal, »was die Nuntiatur in Wien über die Aufregung berichtet, welche durch die Allokution in Österreich hervorgerufen worden ist, – die Angriffe gegen die Kirche, den Klerus, – und – die Zunge sträubt sich, es auszusprechen, – gegen Eure Heiligkeit selbst, – hätten sich seither verdoppelt, und die Depesche des Herrn von Beust drücke nur in sehr zurückhaltender und gemäßigter Form die allgemeine Stimmung aus.«

»Es ist nicht anders möglich,« erwiderte Pius IX. mit seiner melodisch wohlklingenden, sanften Stimme, »als daß diese sogenannte öffentliche Meinung, dieser Geist der Negation und Verspottung des Heiligen, der die Welt erfüllt, die Äußerungen einer Regierung bestimmen sollte, welche von einem Irrgläubigen, einem Protestanten, wie dieser Herr von Beust, geleitet wird. – Jene öffentliche Meinung,« fuhr er fort, – indem er stehen blieb und mit seinen aufleuchtenden Augen in das Gesicht des Kardinals blickte, – »jene öffentliche Meinung ist nur diejenige Meinung, welche am lautesten spricht und am rücksichtslosesten aller Bescheidenheit Hohn spricht. Die große Mehrzahl des Volkes schweigt, – sie scheut es, ihre Meinung, – namentlich in ernsten und heiligen Dingen, zu einer öffentlichen zu machen. Seien wir zufrieden mit demjenigen Teil des Volkes, der seine Überzeugung sich in stiller Einkehr in sich selbst bildet, mit diesen, – die zu uns und zur Kirche stehen, werden wir die öffentliche Meinung und die Regierung, welche sich auf dieselbe stützt, nicht zu scheuen haben.«

»Ich verehre Eurer Heiligkeit erhabene Weisheit und hocherleuchtete Einsicht,« sagte der Kardinal-Staatssekretär mit einem kaum bemerkbaren Ausdruck des Zweifels in dem feinen und geistvollen Gesicht, – »aber ich kann die Befürchtung nicht ganz unterdrücken, daß die Feinde der Kirche einen großen Vorsprung gewinnen werden, wenn sie die Regierungen, deren Macht zu beherrschen oder zu brechen wir heute nicht mehr die Gewalt haben, – auf ihrer Seite finden. Nach meiner ganz unmaßgeblichen Ansicht will es mir scheinen, als sollten wir mit der Vorsicht und Klugheit, welche die erhabenen Vorfahren Eurer Heiligkeit auf dem Stuhle Petri allezeit anwendeten, um die Mächte der Welt der Herrschaft der allerheiligsten Kirche zu unterwerfen, – als sollten wir mit derselben Vorsicht und Klugheit die Regierungen – selbst wenn sie irren und augenblicklich falschen Prinzipien folgen, schonen und nicht zum festen Bündnis mit den unversöhnlichen Feinden der Kirche drängen.«

Der Papst war während dieser Worte des Kardinals einige Schritte vorwärts gegangen.

Er blieb abermals stehen – hob mit einer unnachahmlich edlen und anmutigen Bewegung die Hand empor und sprach:

»Vorsicht und Klugheit – sie sind mächtige Mittel in der Hand der Diener der Kirche, und es steht geschrieben: seid klug wie die Schlangen – und ohne Falsch wie die Tauben. Mit Recht haben meine Vorfahren auf dem heiligen Stuhle Sankt Petri diese Mittel angewendet in ihrem Verkehr mit den weltlichen Mächten, – aber,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, – »nur da, wo es sich handelte um Fragen, welche das eigentliche Gebiet des Glaubens nicht berührten. Vorsicht und Klugheit mögen gut angewendet sein, wo ein Nachgeben, wo ein ausgleichender Kompromiß möglich ist, – aber nicht da, wo es sich um die wesentlichsten Grundbedingungen der Kirche und ihrer Herrschaft über die Mächte der Welt handelt. – Wo die Lebensgrundsätze der Kirche in Frage kommen, wo der ewige Felsen angegriffen wird, auf welchem dieser herrliche, hochheilige Bau ruht, der vom Geiste Gottes durchweht wird, – da darf von Vorsicht und weltlicher Klugheit nicht die Rede sein, – da ist die beste, die einzig wahre Klugheit der feste und entschiedene Kampf, der Kampf mit dem Kreuze in der Hand, – denn in diesem Zeichen werden wir siegen! – Die Gläubigen in Österreich,« sagte er, indem der Ausdruck siegesgewisser Überzeugung auf seinem Gesicht strahlte, – »die Gläubigen in Österreich – und mein geliebter, aber so leicht irre zu leitender Sohn, der Kaiser Franz Joseph, gehört zu ihnen, – sie werden klar werden über die Gefahren, welche die Mißhandlung der Kirche dem Leben des Volkes bringt, – sie werden sich aufraffen zu ernstem Widerstande, wenn sie die mahnende Stimme ihres obersten Hirten vernehmen, – und ihr Erwachen und Aufraffen wird der heiligen Sache der Kirche den Sieg bringen! Wir sind die Diener des fleischgewordenen Wortes« sagte er mit einer leisen Nüance sanften Vorwurfs im Tone seiner Stimme, – »sollten wir uns scheuen, das reine Wort der Wahrheit zu sprechen, das unsere ewig unüberwindliche Waffe bleibt im Kampf gegen Heuchelei und Lüge?«

Abermals zuckte über das Gesicht des Kardinals jener leise Ausdruck des Zweifels, ohne jedoch der tiefen Ehrfurcht und liebevollen Bewunderung Eintrag zu tun, mit welchen er in das schöne, warm bewegte Antlitz des Papstes blickte, der in seinem weißen Gewand unter dem grüngoldenen matten Licht, das durch die dichten Zweige der alten Bäume herabdrang, wie mit überirdischer Verklärung übergossen dastand.

»Der apostolische Nuntius Falcinelli,« sagte er, »macht darauf aufmerksam, daß besonders der Passus der Allokution über die Zivilehe einen tief verletzenden Eindruck auf die österreichische Regierung gemacht habe. Es heißt in der Allokution: ›Die höchst verwerfliche sogenannte Zivilehe‹ – Herr von Beust hat nun den Nuntius darauf aufmerksam gemacht, daß – abgesehen von Belgien und andern kleineren Staaten – in Frankreich die Zivilehe ohne Widerspruch besteht, und zwar auf Grund von vertragsmäßigen Stipulationen zwischen dem heiligen Stuhle und Napoleon I., durch welche die Stellung der französischen Kirche geordnet worden. Herr von Beust hat hervorgehoben, daß gerade der Kaiser Franz Joseph sich persönlich tief verletzt fühle dadurch, daß die Allokution eine Institution in Österreich als höchst verderblich bezeichne, welche in Frankreich auf Grund eines Vertrages mit der kirchlichen Autorität unangefochten – und – wie Herr von Beust hinzugefügt hat, – erfahrungsmäßig ohne jeden Nachteil für die Kirche bestehe.«

Aus den groß geöffneten Augen des Papstes leuchteten zornige Blitze, fast verschwand von seinen Lippen der freundlich lächelnde Ausdruck priesterlicher Milde und Sanftmut, und mit hoch anschwellendem Tone sprach er:

»Der Minister des Kaisers von Österreich vergißt den gewaltigen inneren Unterschied, welcher zwischen der französischen Kirche und den Zuständen in Österreich besteht. Die französische Revolution hatte die Kirche in jenem unglücklichen Lande zerstört und den Kultus der menschlichen Vernunft an die Stelle der heiligen Religion erhoben, – die bürgerliche Gesetzgebung hatte sich aller der Gebiete bemächtigt, auf denen die Kirche bis dahin unbeschränkt geherrscht hatte, und auf denen sie zu herrschen berufen ist, – als Napoleon I., der zu jener Zeit von gutem Geiste beseelt war, – so sehr er auch später sich versündigte, – als er das Werk unternahm, die Altäre wieder aufzurichten und der Kirche ihren Glanz und ihre Macht wiederzugeben, – da fand er eine bürgerliche Gesetzgebung vor, an welcher er nicht zu ändern wagen konnte, – er gab der Kirche, was ihr zu geben in seiner Macht lag, – unter solchen Verhältnissen mußte das Gebotene angenommen – ja bei den damaligen Zuständen mit Freuden begrüßt werden. – In Österreich aber«, fuhr er in noch lebhafterer Erregung fort, »ist das ganz anders, – dort war die Stellung der Kirche durch das feierlich besiegelte Konkordat fest normiert, und es war der Kirche das Gebiet des Eherechts überwiesen, – es handelt sich in Österreich nicht um Wiederherstellung des Zerstörten, sondern vielmehr zerstört man dort das zu Recht Bestandene. Das ist verwerflich und muß als verwerflich bezeichnet werden.

»Was jetzt in Österreich geschieht,« sprach er mit ruhigerem Ton, aber mit dem Ausdruck wehmütiger Trauer weiter, – »das ist weit gefährlicher und bedenklicher als jene Verirrungen, die zur Zeit Josephs des Zweiten dort in so beklagenswerter Weise vorkamen. Diese Staatsgrundgesetze, diese konfessionellen Gesetze, die man in Österreich in dem letzten Jahre sanktioniert hat, – das sind nicht persönliche Einfälle, – nicht vereinzelte Maßregeln, wie damals, – das ist ein ganzes System, – und dieses System steht in diametralem Gegensatz zu den Grundsätzen, welche über Staat und Kirche wir als die einzig richtigen anerkennen können.«

Der Kardinal verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

»Eure Heiligkeit wollen meiner geringeren Einsicht verzeihen, wenn ich nicht immer sogleich mit derselben Klarheit und Schärfe wie das hocherleuchtete Oberhaupt der heiligen Kirche das Richtige erkenne, – der diplomatische Verkehr, zu welchem die von Eurer Heiligkeit mir übertragenen Funktionen mich zwingen, macht den Geist geneigt, Vermittelungen und Kompromisse zu suchen und die schroffen Härten zu vermeiden.«

Freundlich lächelnd sagte Pius IX.:

»Ein festes, treues und glaubensstarkes Herz wird zuletzt immer das Rechte erkennen und die Vermittelungen und Kompromisse von den Fragen ausschließen, in denen das reine und unbeschränkte Bekenntnis der Wahrheit gegenüber den Mächten der Welt not tut!«

Er ging langsam nach einem an der schattigsten Stelle des Laubganges aufgestellten Lehnsessel von feinem Rohrgeflecht, mit leichten seidenen Kissen überdeckt, vor welchem ein ebensolcher mit seidener Decke belegter Fußschemel sich befand.

Langsam ließ sich der Papst in diesen Lehnstuhl nieder. Sein heller, klarer Blick hob sich zu dem grünen, licht durchschimmerten Laubdach über ihm empor.

»Eure Heiligkeit erlauben mir, daß ich mich zurückziehe,« sagte der Kardinal Antonelli, – »ich habe um diese Stunde dem österreichischen Botschafter Audienz gegeben, welcher gewünscht hat, noch einige mündliche Erläuterungen zu der Depesche seiner Regierung zu geben.

Pius IX. neigte den Kopf.

»Ich habe sagen und frei bekennen müssen,« sprach er, »was ich über die Wege denke, auf welche die österreichische Regierung sich jetzt hinreißen läßt, – doch wäre es mir erwünscht, wenn der Kaiser durch den Botschafter erführe, daß ich in wahrhaft väterlicher Liebe ihn in mein Herz schließe und zu Gott für ihn bete, damit er sich stets erinnere, daß er mit dem Titel des apostolischen Kaisers begnadigt und ausgezeichnet ist.«

»Ich werde nicht ermangeln, dem Botschafter Kenntnis von den huldreichen und liebevollen Gesinnungen Eurer Heiligkeit für Seine apostolische Majestät zu geben«, sagte der Kardinal, indem er mit leichter Beugung der Knie die Hand des Papstes ergriff und seine Lippen auf dieselbe drückte.

Langsam rückwärts schreitend zog er sich zurück und wendete sich dann zu dem Ausgang der Allee, während der Papst in tiefen Gedanken sitzen blieb. Nach einiger Zeit machte sich eine gewisse Bewegung unter den Garden und Prälaten am Eingange der Allee bemerkbar. Der Oberhofmeister Seiner Heiligkeit, Monsignore Bartolomeo Pacca, erschien in dem Laubgange, näherte sich dem Papste, der ihm fragend entgegenblickte, und sprach mit einer leichten Kniebeugung:

»Der Graf Rivero, dem Eure Heiligkeit Audienz gewährt haben, ist im Palaste erschienen, – da Eure Heiligkeit befohlen haben, ihn sogleich zu melden, so erlaube ich mir die ehrfurchtsvolle Frage, ob er hieher geführt werden solle?«

»Der Graf Rivero ist ein so eifriger und treuer Kämpfer für die heilige Kirche, daß es mir eine große Freude machen wird, ihn sogleich zu sehen«, sagte der Papst mit anmutig freundlicher Neigung des Kopfes.

Monsignore Pacca zog sich zurück und führte bald darauf den Grafen Rivero in den Laubengang zu dem Sessel Seiner Heiligkeit.

Der Graf schritt aufrecht und fest neben dem päpstlichen Oberhofmeister her. Er trug schwarzen Hofanzug mit dem Stern und Band des Piusordens – sein bleiches, schönes Gesicht zeigte einen tiefernsten Ausdruck – der Blick seiner großen dunkeln Augen ruhte fest auf der Gestalt des würdevoll in seinen Lehnstuhl zurückgelehnten Papstes.

Als Monsignore Pacca etwa fünf Schritte von Seiner Heiligkeit entfernt war, trat er ein wenig seitwärts und sprach:

»Der Graf von Rivero steht vor dem heiligen Antlitz des Statthalters Petri.«

Pius IX. erhob die Hand – mit zwei ausgestreckten Fingern machte er gegen den Grafen das Zeichen des Kreuzes und sagte mit seiner weichen, wohltönenden Stimme:

»Ich erteile den reichsten apostolischen Segen dem treuen, mutigen und unerschütterlichen Kämpfer für das heilige Recht der Kirche.«

Der Graf verneigte sich tief – mit gebeugtem Haupt schritt er zu dem Sessel des Papstes vor, – dann ließ er sich auf beide Knie nieder und küßte das goldgestickte Kreuz auf dem weißseidenen Schuh, der den zierlichen, schlanken Fuß Seiner Heiligkeit einschloß. Mit einem Lächeln voll milder Freundlichkeit blickte Pius IX. auf die schlanke und elegante Gestalt des Grafen, der nach dem Fußkusse das Haupt wieder emporgerichtet hatte und mit ehrfurchtsvollem Ausdruck, aber klar und frei, aufblickte, – er berührte fast mit den Spitzen seiner Finger das glänzende Haar des Grafen und sprach mit seiner wohlklingenden Stimme:

»Der reichste apostolische Segen sei dir erteilt, mein Sohn, – wir haben dich erkannt als einen treuen und unerschrockenen Kämpfer für die heilige Sache der Kirche und bitten Gott, daß er deinen Geist immer mehr erleuchte, deine Kraft immer mehr stähle, denn die Zahl der Feinde im Dienste der Mächte der Finsternis wächst täglich und stündlich – und erfordert rastlose Tätigkeit und Anstrengung von allen Dienern des heiligen Rechts der Religion.«

»Es macht mich glücklich,« erwiderte der Graf, »daß Eure Heiligkeit meine Bemühungen anerkennen, – welche leider,« fügte er seufzend hinzu, – »nicht immer von glücklichem Erfolg begleitet gewesen sind.«

»Ich weiß, was du getan hast«, sagte der Papst, – »und wenn es dir nicht immer gelungen ist, die Ziele deines Strebens zu erreichen, – so ist auch das schon ein Erfolg, daß die Gegner sehen und erkennen, wie Männer von erleuchteter Einsicht und unbeugsamem Willen ihnen zu widerstehen entschlossen sind. –

»Steh auf,« fuhr er fort, – »wir wünschen mit dir über vieles zu sprechen, was in der unruhig bewegten Welt vorgeht, du hast viele Beobachtungen gemacht und viele Erfahrungen gesammelt, es ist uns wichtig, zu hören, was du über die Lage der Kirche denkst.«

Der Graf erhob sich langsam und blieb in ruhig ehrerbietiger Haltung vor dem Papste stehen.

Einen Augenblick schlug er wie nachdenkend die Augen nieder, dann blickte er mit tiefem Ernst in das schöne Gesicht des Papstes und sprach:

»Die Lage ist ernst, – der Kampf, den die Kirche zu bestehen hat, ein tief eingreifender, erbitterter.«

Ernst und traurig neigte der Papst zustimmend das Haupt. »Überall«, fuhr der Graf fort, »erheben sich die Mächte der Welt gegen die Autorität der Kirche, – im Namen der Freiheit, im Namen des denkenden Menschengeistes trachtet man danach, die Verhältnisse des Lebens von der Herrschaft der Kirche und der Religion zu befreien, und die Fürsten und Regierungen schließen sich dem Strome der Zeit an oder widerstehen demselben nur schwach und zögernd. Der Felsen Petri ist umwogt von einem brandenden, immer unruhiger anschwellenden und empordrohenden Meer.«

»Wahr, – wahr, mein Sohn,« sagte der Papst seufzend, – »aber welches sind die Mittel, um dieses Meer zu bändigen, daß es ruhig sich ebne und das Schifflein der Kirche, das von dem ewigen Felsen aus die Welt zu durchziehen berufen ist, auf seinem Rücken trage?«

Der Graf schwieg abermals einen Augenblick. Überzeugungsvolle Begeisterung leuchtete aus seinen Blicken, – ein wunderbar vertrauensvoll siegesgewisses Lächeln lag auf seinen Lippen, und mit voller, tiefer Stimme sprach er dann:

»Das Meer, welches mit seinem hochgehenden Wogenschlag gegen den Felsen der Kirche heranwogt, ist ein Meer geistigen Lebens, – nicht mit den Mitteln äußerer Gewalt und äußeren Zwanges kann es zurückgedrängt werden, nur das mächtige Wehen des Geistes kann es bändigen, und der Geist kann nur in der Freiheit herrschen.«

»In der Freiheit?« sprach der Papst, indem er erstaunt und befremdet in das Gesicht des Grafen blickte, – »in der Freiheit?« wiederholte er mit einem leisen Klang der Mißbilligung in der Stimme, – »du weißt, mein Sohn, daß gerade im Namen der Freiheit, das heißt der Zügellosigkeit und willkürlichen Auflehnung, der Kampf gegen die heilige Kirche begonnen ist und geführt wird, – wie könnten wir, die wir uns stützen auf das ewige Recht, auf die Ordnung, auf den Gehorsam, durch die Freiheit, welche die Revolution auf ihre Fahne schreibt, zum Siege kommen?«

»Die christliche Kirche,« erwiderte der Graf in erhobenem Ton, indem immer höhere Begeisterung die edlen Züge seines Gesichts erleuchtete, – »die christliche Kirche ist die Kirche der wahren Freiheit, das fleischgewordene Wort herrscht durch den Geist und die Wahrheit, – wie der Heiland gekommen ist, um die Welt zu erlösen aus dem Banne des Fluches der starren Gesetze, so hat die Kirche in dem Geiste der Freiheit ihre Herrschaft begründet, und in diesem Geiste muß sie dieselbe erhalten.«

Der Papst blickte voll Teilnahme in das Gesicht des Grafen, – dann neigte er den Kopf auf die Brust nieder, indem er mit einer leichten Handbewegung den Grafen aufforderte, fortzufahren.

»Für die Freiheit des Denkens und des Glaubens«, sprach dieser weiter, »bluteten die heiligen Märtyrer unter den Cäsaren in diesem Rom, wo heute der Thron Eurer Heiligkeit sich erhebt, und für die Freiheit stritten die Bischöfe und Päpste in den ersten Zeiten des finstern Mittelalters, als die rohe Gewalt der weltlichen Fürsten die Rechte und die Würde der Menschen mit Füßen trat. Wodurch begründete Eurer Heiligkeit großer Vorfahr auf dem Stuhle des Apostelfürsten seine Weltherrschaft und beugte die stolzen Häupter der weltlichen Herrscher vor sich in den Staub? Weil das ganze Volk fühlte, daß die Macht der Kirche eine Instanz bildete über den Kaisern und Königen, über den Fürsten, Grafen und Rittern, daß es eine Appellation gab an ein höheres Recht von der Willkür der eisernen, rücksichtslosen Gewalt. Die Kirche in ihrer obersten Autorität stellte die Gleichheit unter den Menschen her, sie bildete ein Tribunal, vor welchem der Bettler Recht suchen konnte gegen den König, dessen von irdischer Gewalt unerreichbares Haupt ihrem Urteilsspruch sich beugen mußte und ihrem Bannstrahle nicht zu hoch war. Die Freiheit des Geistes war es, welche in den Klöstern ein Asyl fand, und überall war es die Kirche, welche das Gegengewicht und Korrektiv bildete der weltlichen Willkürherrschaft und Gewalt gegenüber. – So,« fuhr er nach einigen Augenblicken fort, während der Papst fortwährend im Nachdenken dasaß, – »so richtete Gregor VII. die Herrschaft der Kirche auf, so erhielten sie seine Nachfolger.«

Der Papst erhob langsam den Kopf.

»Damals,« sprach er, den Blick sinnend auf den Grafen gerichtet, »damals aber lebte jener Geist der Auflehnung und des Widerspruchs nicht in den Völkern, – sie folgten willig der sanften Führung der Kirche –«

»Weil sie«, fiel der Graf lebhaft ein, »bei der Kirche Schutz – Erhebung – Befreiung von fast unerträglicher Tyrannei fanden, weil die Priester der Kirche in Wahrheit an der Spitze des geistigen Lebens standen und überall mit Hingebung und Eifer darnach strebten, die Gewissen und die Seelen mit geistiger Macht zu beherrschen.«

Er schwieg einen Augenblick.

»Bald aber wurde es anders,« sagte er dann mit trübem Ausdruck. – »Die Kirche hatte sich zur Herrin über die weltlichen Mächte gemacht, und sie benutzte diese weltlichen Mächte nur, um durch ihren Arm die Herrschaft über die Seelen zu erhalten, welche sie durch die Gewalt des Wortes, des Geistes, des Glaubens errungen. Das war der erste große Fehler. Indem die Kirche sich der weltlichen Autoritäten und weltlicher Zwangsmittel bediente, um ihre Macht über die Seelen zu erhalten, machte sie sich von den Fürsten und Regierungen, die sie sich vorher unterworfen, wiederum abhängig, – man hat damals nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Tage kommen könnten, in welchen die weltlichen Mächte, vom Strome der Zeit fortgerissen, der Kirche den Dienst versagen, ja sich gegen sie wenden könnten, und daß dann die im Vertrauen auf die Gewalt des weltlichen Arms vernachlässigten geistigen Herrschaftsmittel nicht mehr vorhanden sein könnten. Die Kirche hätte fortwährend an der Spitze des geistigen Lebens bleiben müssen, – sie hätte der geistigen Bewegung voranschreiten müssen – statt in träger Ruhe diese Bewegung sich selbst zu überlassen oder ihr durch äußere Zwangsmittel entgegenzutreten.

»Diese Untätigkeit«, fuhr der Graf fort, »trug bald ihre bösen Früchte. Die reformatorische Bewegung, welche in Deutschland begann und sich überallhin fortpflanzte, zeigte plötzlich in hellem Lichte die Abhängigkeit, in welche die Kirche von den weltlichen Mächten geraten war, – der Bannstrahl zündete nicht mehr, – die geistlichen Waffen der Kirche versagten den Dienst. Damals war noch einmal die Gelegenheit, die erschütterte Gewalt wieder zu befestigen, die Herrschaft über die weltlichen Mächte durch die Waffen des Geistes wieder zu erringen, – wenn die Kirche – wenn Leo X. den Gedanken der Reformation ergriffen hätte, – höher hinauf, als Gregor VII., hätte er die herrschende Gewalt der Kirche heben können und im Geiste der Freiheit hätte er alle Kronenträger der Welt vor sich gebeugt.«

»Aber die Reformationsbewegung richtete sich gegen die Einheit der Kirche, gegen die oberste Autorität der Nachfolger des heiligen Petrus in der Statthalterschaft Christi auf Erden –« sagte der Papst, das Auge mit einem Ausdruck aufschlagend, welcher bewies, daß die Worte des Grafen ihren Eindruck nicht verfehlt hatten.

»Nicht im Beginn der Bewegung,« erwiderte Graf Rivero – »die ersten Forderungen richteten sich nicht gegen die Autorität des Papstes, sondern verlangten von ihm Abstellung der Mißbräuche, welche ja klar zutage lagen, und von dem erleuchteten Pontifex, der damals auf Eurer Heiligkeit Stuhl saß, nicht verkannt wurden. Aber der kühne, große und freie Entschluß, der damals die geistliche Macht auf Jahrhunderte hinaus abermals zur unbestrittenen Weltherrscherin hätte machen können, fehlte, – die Kirche verstand es nicht, die Bewegung zu führen und zu leiten und im Namen und in der Kraft der Freiheit zu herrschen, – so benutzten es denn die weltlichen Mächte, um durch die Freiheit sich von der obersten Autorität der Kirche wieder loszumachen, – halb Deutschland und England, Schweden und Holland gingen verloren und auch da, wo durch die Anwendung äußerster Gewaltmittel die Lostrennung der Völker von der Kirche verhindert wurde, versank diese immer tiefer in die Abhängigkeit von den weltlichen Mächten, deren Arm sie hatte anrufen müssen. – War der Dreißigjährige Krieg in Deutschland, – war die Bartholomäusnacht, – waren die Dragonaden Richelieus, die Zwangsmaßregeln Ludwigs XIV. wahre Siege der Kirche, Siege, durch welche ihre Gewalt über die Geister und die Seelen der Völker und damit ihre Oberhoheit über die Könige und Fürsten befestigt wurde?«

»Es liegt Wahres in deinen Worten, mein Sohn,« sagte Pius IX., – obwohl nicht alles ganz richtig ist, was du sagst, – die zur Führung der Kirche Berufenen haben schwere Fehler begangen, weil sie sich in Schwäche und Verirrung oft von weltlichen Gedanken und Rücksichten leiten ließen –«

»Vor allem, heiligster Vater,« fiel der Graf ein, »weil sie mit der Gewalt ein Gebiet beherrschen wollten, welches aller Gewalt trotzt, – ein Gebiet, welches die Kirche sich früher nur durch den Geist der Freiheit erobert hatte, und welches sie nur in diesem Geiste hätte behaupten können. – Ich bitte Eure Heiligkeit um Verzeihung,« sagte er mit leiserer Stimme, – »daß ich es wage, so frei und unverhüllt zu sagen, was ich denke, – ich glaube, daß die Wahrheit am besten und klarsten vor dem hocherleuchteten Blick Eurer Heiligkeit sich zeigen wird, wenn jeder seine Überzeugung so frei und furchtlos als möglich ausspricht.«

»Fahre fort, mein Sohn,« sagte der Papst mit einem freundlichen Lächeln, indem er die Hand leicht erhob, – »ich habe mit Interesse gehört, was du über die Vergangenheit gesprochen hast, und bin gespannt zu hören, was du über die Gegenwart denkst.«

»Die Gefahren für die Kirche«, sprach der Graf weiter, »haben sich seit jenen Zeiten täglich vermehrt, – nicht mehr gegen Mißbräuche richtet sich die Bewegung, sondern gegen die Herrschaft des Glaubens und der Religion über das Leben der Menschen. Das Volk im großen und ganzen ist gut, – es ringt nach Geistesfreiheit und gleichem Menschenrecht für alle, – dies Ringen und Streben, entsprungen aus dem göttlichen Funken in der menschlichen Brust, findet aber bei der Kirche keine Unterstützung, – darum folgt die Menge den Führern, welche unter einer edlen Fahne sie auf falsche Wege führen und welche das Christentum und alle positive Religion vernichten möchten, um den Altar der menschlichen Vernunft, den die augenblickliche Raserei einst in Frankreich errichtete, nunmehr für immer zu befestigen, indem die Geister Schritt für Schritt von der Kirche losgelöst werden –«

»Und die Regierungen unterstützen diese Bestrebungen, – auch sie arbeiten daran, die Völker von der Kirche zu lösen,« rief der Papst lebhaft, indem sein Blick dunkel aufleuchtete, – »in Österreich, das der Kirche soviel dankt, – dessen Herrscher die Nachfolger der römischen Kaiser sind, arbeitet man daran, durch eine verwerfliche Gesetzgebung die Rechte der Kirche zu vernichten –«

»Können diese Rechte je vernichtet werden,« – fiel der Graf mit überzeugungsvollem Ton ein, – »solange die Kirche entschlossen ist, sie zu verteidigen, und solange sie zu dieser Verteidigung ihre eigenen ihr allein gegebenen Waffen zur Beherrschung der Gewissen und der Seelen benutzt? – Nach meiner Überzeugung, heiligster Vater, ist es ein Heil für die Kirche, daß die weltlichen Regierungen ihr ihren Arm entziehen, – sie wird dadurch wieder frei und unabhängig, – aus der sicheren materiellen Ruhe aufgeschreckt, wird sie wieder die ecclesia militans und der im Geiste für den Geist und die Freiheit streitenden Kirche wird die Herrschaft der Welt zufallen, – Nur«, fuhr er fort, – »muß die Kirche die Bewegung der Zeit mit kühnem Geiste und festem Willen erfassen, – sie muß voranschreiten und führen, statt zurückzubleiben und zurückzuhalten, – und – ich sage es aus tiefster Überzeugung – heute noch einmal ist der Augenblick da, wo die geistige Macht der Kirche hoch über alle Kronen, über alle weltlichen Mächte hin ihre siegreiche Oberhoheit aufrichten kann! Gebietet die heilige Kirche nicht über eine weit größere Summe hoher Intelligenz und vor allem glaubensstarker Opferfreudigkeit, als diejenigen Parteien und Parteiführer, welche heute die Massen lenken? Warum soll der Kirche nicht viel sicherer gelingen, was jenen gelang, die ja doch auch nur mit der Waffe des Wortes und der Überredung streiten, die unter Hemmungen und Verfolgungen aller Art ihr Werk begannen und fortführten? Sollte der Geist der ewigen Wahrheit nicht siegen über den Geist des Irrtums oder der absichtlichen Lüge, wenn er nur den Kampf auf dem eigenen Gebiet der Gegner aufnimmt?«

»O,« rief er, einen Schritt näher zu dem Sessel des Papstes tretend, – »daß es Eurer Heiligkeit gefallen wollte, alle Unterstützung der weltlichen Mächte beiseite zu werfen – alle Getreuen aufzurufen und zu sammeln, und mit der Macht des Wortes und der Überzeugung in das Feld zu ziehen, um den verlorenen Boden wieder zu erobern! – Wie einst die Apostel die göttliche Lehre Christi siegreich durch die Welt trugen, – wie Gregor VII. mit der Macht des Wortes über die Gewissen die weltliche Macht brach und beugte, so wird auch heute die Kirche alle ihre Feinde niederwerfen, wenn sie sich durchdringt mit dem lebendigen Geist der Gegenwart, statt sich zurückzuziehen auf den starren Boden der Vergangenheit, in welchem das Leben der heutigen Welt keine Wurzeln mehr schlägt.«

»Du sprichst kühne Worte, mein Sohn,« sagte der Papst, dessen Blicke wohlgefällig auf den von Begeisterung strahlenden Zügen des Grafen ruhten, – »aber deine Kühnheit gefällt mir, – denn sie zeugt von dem hohen Vertrauen in den heiligen Beruf und die göttliche Kraft der Kirche, welches deine Seele erfüllt, – auch finde ich in deinen Gedanken etwas, das mich sympathisch berührt, und das in meinem Herzen einen Widerhall findet. Als ich den heiligen Stuhl St. Petri bestieg,« sagte er leiser, wie zu sich selbst sprechend, »erfüllte mich bereits der Gedanke, im Geiste der Freiheit der Kirche neues Leben einzuhauchen und sie wieder an die Spitze der fortschreitenden Bewegung der Geister zu stellen – wie wenig hat man mich verstanden,« sagte er mit leichtem Seufzer, – »wie wenig Werkzeuge habe ich gefunden, um meine Gedanken zu erfassen und auszuführen?«

– »Was damals noch von wenigen erkannt werden konnte,« sprach der Graf Rivero weiter, – »wofür damals Eurer Heiligkeit hoch über jene Zeit sich hinaufschwingender Gedanke noch kein Verständnis fand, – das wird heute leichter die Geister durchdringen, – ja das lebt schon in vielen treuen und mutigen Dienern der Kirche – in Frankreich, – unter den deutschen Bischöfen besonders, – der Bischof von Mainz zum Beispiel ist tief überzeugt von der Notwendigkeit, im Geiste und in der Freiheit die Macht der Kirche wiederherzustellen, und wenn Eure Heiligkeit heute ein Losungswort in diesem Sinne an die Priesterschaft der heiligen Kirche ertönen ließen, – es würde verstanden und erfaßt werden, – es würde die Kirche aus ihrer Bedrängnis wieder zu einer selbst vordem nie erreichten Höhe von Macht und Herrschaft führen.« »Ich denke,« erwiderte Pius IX., nachdem er den sinnenden Blick lange hatte auf dem Grafen ruhen lassen, – »ich denke die Kirche in ihrer großen Allgemeinheit von neuem mit lebendigem Geiste zu durchdringen und ihr die konzentrierte Macht wiederzugeben, durch welche sie überall mit den Waffen des Geistes Gottes den Kampf gegen ihre Widersacher in neuer Kraft aufnehmen wird. Du weißt, mein Sohn,« sagte er mit erwartungsvollem Ausdruck, das Haupt ein wenig vorneigend, – »daß ein ökumenisches Konzil das Band zwischen Haupt und Gliedern der Kirche wieder eng und fest zusammenziehen und unserem Widerstand den Geist einiger Kraft einhauchen soll. Die Welt soll erkennen, daß die Kirche Christi ein einziges und unteilbares Ganze ist, und daß, wer dieselbe hier oder dort auf dem einen oder dem andern Punkte angreift, sich stets der ganzen Macht der innig verbundenen Gemeinschaft der Gläubigen gegenüber befindet.«

»Ich habe mit hoher Freude und Begeisterung«, sagte der Graf, »den gotterleuchteten Gedanken Eurer Heiligkeit vernommen, durch ein Konzil die Einheit der Kirche nicht nur vor den Augen der Welt von neuem sichtbar darzustellen, sondern diese Einheit auch innerlich die Kirche vom Mittelpunkt aus bis in die fernsten Grenzen durchdringen zu lassen.«

»Und du teilst meine Hoffnung, mein Sohn,« fragte der Papst, »welche zugleich die Hoffnung vieler treuer und gottbegnadigter Männer ist, daß das Konzil diese segensreiche Wirkung habe, und daß die um meinen Stuhl versammelten Bischöfe der Christenheit die alte geistige Macht der Kirche wiederherstellen und den heiligen Geist, der über ihre Gemeinschaft, ihre vereinten Gebete erhörend, sich ausgießen wird, – siegreich in die Welt hinaustragen werden?«

»Ich hege diese feste Hoffnung, heiligster Vater,« sagte der Graf, die Hand auf die Brust legend, – »und ich bin überzeugt von dem Sieg und Triumph der Kirche, wenn sie sich zur Herrin der geistigen Bewegung zu machen versteht, und wenn sie es wagt, auf jede Unterstützung des weltlichen Arms zu verzichten und ganz auf ihre eigene und eigentümliche Kraft sich zu stellen, wie zu der Zeit, da sie vordem ihre Weltherrschaft errang. – Nur,« sagte er mit etwas zögernder Stimme, – »nur –«

»Du hast Bedenken?« fragte der Papst mit gespannter, etwas verwunderter Aufmerksamkeit.

»Eure Heiligkeit sprachen«, sagte der Graf, – »von den Bischöfen, welche sich um den Stuhl Petri versammeln sollten, – ich möchte mir erlauben, über diesen Punkt meine unvorgreifliche und tief bescheidene Ansicht auszusprechen und mir die Gnade einer näheren und eingehenderen Belehrung von Eurer Heiligkeit zu erbitten.«

»Sprich, mein Sohn«, sagte der Papst mit forschendem Blick.

»Wenn das Konzil«, sprach der Graf, »den Strom der geistigen Bewegung unter den Völkern unter die Leitung der Kirche zurückführen soll, so scheint es mir notwendig, daß die Beratungen und Beschlüsse dieser Versammlung nicht in unnahbarer Abgeschlossenheit von dem geistigen Leben der Zeit sich vollziehen, – was man beherrschen will, muß man vor allem zu sich heranziehen, man muß die Völker selbst in den lebendigen Organismus der Kirche einfügen, man muß sie heranführen zu der Quelle, welche demnächst sich belebend in alle Welt hin ergießen soll. In jenen Zeiten, als die Kirche ihre Macht und Herrschaft begründete, als sie die Geister führte und aller äußeren weltlichen Gewalt kühn und siegreich entgegentrat – da nahm das Volk an den Beschlüssen der Konzilien teil, – da erschienen die Presbyter der Kirchengemeinden mit bestimmter Berechtigung neben den Bischöfen auf den Synoden und Konzilien. Dadurch drang der Geist des Volks in das Kirchenregiment ein, und die Kirche wurde die Vertraute, – die Führerin dieses Geistes, – dadurch aber auch wurden die Beschlüsse der Konzilien mit freudigem Vertrauen vom Volke aufgenommen und aller weltlichen Macht gegenüber vertreten und verteidigt; – in dem gegenwärtigen großen und für eine lange Zukunft entscheidenden Augenblick,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »in welchem es darauf ankommt, den vertrauensvollen und freudigen Gehorsam für die Kirche wiederzugewinnen und die Völker auf die Seite der kirchlichen Autorität zu bringen, da scheint es mir geboten, jenes alte ursprüngliche Verhältnis der Christengemeinschaft wiederherzustellen, das historisch wie dogmatisch dem Geiste und der Entwickelung der Kirche entspricht, – es scheint mir geboten, den christlichen Gemeinden die Vertretung auf dem Konzil wiederzugeben. Dadurch werden Eure Heiligkeit selbst klarer sehen, was der Geist der Zeit und der Völker erfordert, und die Herrschaft der unter Mitwirkung des Volkes reorganisierten Kirche wird unerschütterlich aufgerichtet werden.«

Auf der reinen weißen Stirn des Papstes zeigten sich leichte kleine Falten, – sein Blick wurde ernster, – aber mit sanfter, freundlich milder Stimme sprach er:

»Du vergißt, mein Sohn, daß schon in frühen Jahrhunderten die Vertretung der Gemeinden ausschließlich an die Bischöfe überging, – wie es ja auch dem Prinzip der Autorität entspricht, welches in der Kirche unter Einwirkung und Beistand des heiligen Geistes sich entwickelt und ausgebildet hat.«

»Die Autorität wird um so fester begründet, – um so unantastbarer sein,« erwiderte der Graf ehrfurchtsvoll, aber mit festem Tone, »je mehr sie aus dem Volke hervorwächst, je mehr sie sich unmittelbar auf die freie Kraft des Volkes stützt, je mehr sie von unten herauf in organischer Gliederung sich aufrichtet.«

Der Papst neigte einen Augenblick schweigend das Haupt.

»Und wie wäre es möglich,« sprach er dann, – »selbst die Zweckmäßigkeit des Prinzips zugegeben, – wie wäre es möglich, eine Teilnahme des Volkes, – der Laien, an dem Konzil zu bewerkstelligen? – Unter den einfacheren Verhältnissen der früheren Zeiten war das möglich, – jetzt aber, – wir vermögen nicht einzusehen, nach welchem Modus die Teilnahme an einer Kirchenversammlung herzustellen wäre.«

»Nach demselben Modus,« sprach der Graf rasch, »nach welchem die Vertretungen der Völker im politischen Leben zusammengesetzt werden; wie schon auf den Konzilien von Pisa und Kostnitz nichtpriesterliche Gelehrte zugezogen waren, so würde es Eurer Heiligkeit zustehen, Vertrauenspersonen aus allen Ländern und Ständen zu berufen, – außerdem würden die Diözesen nach den Gemeinden ihre Vertreter erwählen, so würde die unmittelbare Teilnahme der Völker an dem Leben der Kirche wiederhergestellt werden, und die Kirche würde zugleich zeigen, daß aller Herren Länder nur ihre Provinzen bilden.«

»Und damit würde«, sprach der Papst strenge und ernst, »derselbe Geist in die Kirche eindringen, welcher bereits das Leben der Staaten zersetzt und zerfressen hat! Nein,« rief er, – »nicht die Diskussion und die Kritik darf in das innere Wesen der Kirche eindringen, – die Autorität muß wiederhergestellt, – der unbedingte Gehorsam gegen die kirchliche Obergewalt muß in der Welt wieder zur Geltung gebracht werden, – das Konzil, welches wir zusammentreten zu lassen gedenken, soll die Autorität des Kirchenregiments über allen Zweifel und alle Anfechtung erheben, es soll vor allem dogmatisch unumstößlich interpretieren, was implicite in Schrift und Tradition vorhanden ist, – die Unfehlbarkeit der Autorität der Nachfolger des heiligen Apostelfürsten Petrus.«

Ein Zug fester, entschiedener Energie hatte sich um die weichen Lippen des Papstes gelegt, ein mutig entschlossener Wille strahlte aus seinen Augen.

Der Graf Rivero erbebte bei den letzten Worten Pius IX., – seine hochaufgerichtete Gestalt bog sich wie unter einem plötzlichen Schlage zusammen, eine tötliche Blässe bedeckte sein Gesicht.

»Eure Heiligkeit wollen«, sagte er mit fast tonloser Stimme, wie mühsam die Worte suchend, – »die Päpstliche Unfehlbarkeit als Dogma verkünden lassen?«

»Ja,« erwiderte der Papst mit fester, volltönender Stimme, – »denn dadurch wird das Regiment der Kirche in sich für immer konzentriert werden, – die weltlichen Mächte werden sich einer von dem Funken eines Geistes und eines Willens geleiteten und bewegten Institution gegenüber finden, – das Prinzip der Autorität wird sich in voller Klarheit und Reinheit der Willkür und der Auflehnung entgegenstellen!«

Der Graf drückte einen Augenblick beide Hände vor sein Gesicht, dann richtete er den Blick voll tiefen Schmerzes zu der grünen Wölbung des Laubganges empor und rief mit lauter Stimme, wie in unwillkürlichem Aufschrei:

»O, mein Gott, – dann ist alles verloren!«

Der Papst blickte erstaunt, ohne daß der Ausdruck von Ernst und Strenge aus seinen Zügen verschwand, auf den Grafen.

»Alles verloren?« fragte er – »alles wird wiedergewonnen werden durch die Wiederherstellung der Herrschaft unbestreitbarer Autorität über die Geister und die Gewissen der Völker.«

Graf Rivero schüttelte langsam und tieftraurig das Haupt. Rasch näherte er sich dann dem Sessel des Papstes, ließ sich vor demselben auf die Knie nieder, faltete inbrünstig die Hände und sprach, indem er die großen ausdrucksvollen Augen wie angstvoll bittend aufschlug:

»Ich bitte und beschwöre Eure Heiligkeit bei dem Wohl und der Zukunft der Kirche, abzustehen von der dogmatischen Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit, – wenigstens nochmals tief und eingehend alle Folgen zu erwägen, welche ein solcher Schritt nach sich ziehen muß.«

»Du glaubst also nicht an die Unfehlbarkeit der Aussprüche, welche der Statthalter Christi ex kathedra tut? – Du glaubst nicht an die allmächtige, göttliche Inspiration des heiligen Geistes, der sich auf den Nachfolger des Apostelfürsten niederläßt, wenn dieser, im Gebet zu Gott gewendet, der Welt seine Urteile und Entschließungen verkündet?«

»Ich glaube«, sagte der Graf, »an die Unfehlbarkeit des päpstlichen Urteils als oberste Instanz auf Erden in Sachen der Religion, und kein katholischer Christ der Welt zweifelt an dieser Unfehlbarkeit, – aber etwas, was tatsächlich vorhanden ist, – woran tatsächlich niemand zweifelt, in feierlicher Verkündigung zum Dogma erheben zu lassen, – das ist ein Schritt, der den Gegnern der Kirche furchtbare Waffen geben wird, – der auch die Herzen treuer und gläubiger Katholiken mit schweren Zweifeln erfüllen muß, – der den Kampf zwischen der Kirche und den weltlichen Mächten auf die äußerste Spitze der Erbitterung treiben muß!«

»Du sagst selbst, mein Sohn,« sprach der Papst ruhig, »daß die Unfehlbarkeit tatsächlich bestehe und anerkannt sei, – wie könnte die dogmatische Verkündigung einer feststehenden Tatsache Gefahr bringen? Im Gegenteil, sie wird die Schwankenden befestigen, – den Treuen neue Kraft geben.«

»Ich fühle vollkommen«, sagte der Graf Rivero, immer mit gefalteten Händen, »die große Vermessenheit, daß ich, ein armer, niedriger Laie, es wage, dem heiligen Oberhirten der Kirche gegenüber eine abweichende Meinung auszusprechen und festzuhalten, – ich flehe Eure Heiligkeit an, diese Vermessenheit um der glühenden Liebe willen zu verzeihen, die ich für die Kirche und ihr Heil im Herzen trage, – aber ich kann die tötliche Furcht nicht überwinden, daß die Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogma die Losung zu einem Vernichtungskampf gegen die Kirche, – gegen die römisch-katholische Kirche, gegen die Autorität Eurer Heiligkeit sein werde.«

»Sprich deine Meinung ganz aus, mein Sohn,« sagte der Papst milde, – »damit wir die Irrtümer deines Geistes erkennen und sie mit dem Lichte unserer Belehrung zerstreuen können.«

»Die Unfehlbarkeit als Dogma«, erwiderte der Graf nach einem augenblicklichen Nachdenken, »zerstört vor allem die Kontinuität des Kirchenregimentes – diese Kontinuität, die in dem kirchlichen Leben noch wichtiger ist, als in den weltlichen Regierungen. Wie könnte jemals ein Nachfolger Urteile und Verfügungen eines dogmatisch unfehlbaren Papstes aufheben oder durch andere abweichende ersetzen, ohne zugleich die Autorität des päpstlichen Stuhles auf das Tiefste zu untergraben? – Mehr aber,« fuhr er fort, – »die Kirche hat mit den weltlichen Mächten Verträge geschlossen, welche ihre Stellung in den verschiedenen Staaten regeln, – wird nun in einem so hochwichtigen und wesentlichen Punkte durch ein neues Dogma die innere Wesenheit der Kirche verändert, – sollten die ohnehin schon der Autorität der Kirche feindlichen weltlichen Gewalten nicht die Gelegenheit ergreifen, ihre Verträge zu lösen – und«, fügte er mit traurigem Tone hinzu, – »sollte ihnen ein formelles Recht, wenigstens dazu, ganz abzusprechen sein?«

»Wer hat ein Recht gegenüber der Kirche,« rief der Papst, – »der Kirche, welche die Summe aller Rechte, wie die Summe aller Gnade und alles Heils in sich schließt, und von deren heiligem Quell alle irdischen Rechte entflossen sind?«

»Die Welt denkt nicht so, heiligster Vater,« sagte der Graf, »und um sie zu dieser richtigen, gläubigen Anschauung zurückzuführen, dazu gehören die Mittel der Überzeugung der Geister, – nicht aber die plötzliche Verkündigung eines Satzes, der überall Anfeindung finden wird, – das hieße mit einem einzigen Schritte das Ziel erreichen wollen, zu dem wir nur durch mühsame und unverdrossene geistige Arbeit langsam gelangen können.«

Das Auge des Papstes richtete sich streng und scharf auf den vor ihm knienden Grafen, – dieser senkte den Blick nicht, offen, fest und frei sah er zu dem Papst empor.

»Du sprichst kühne, gefährliche – fast ketzerische Worte, mein Sohn, – denn sie beweisen mir, daß in deiner Seele noch Zweifel an den Grundwahrheiten der Kirche bestehen, – verdammenswert würden diese Worte und diese Gedanken sein, wenn du sie an andern Orten laut werden ließest; hier aber sprichst du zu dem Priester und zu dem obersten Bischof der Kirche, der um der großen Verdienste willen, die du dir erworben, und um des reinen Strebens deiner Seele willen dir verzeiht, daß du geirrt und gezweifelt hast. Aber ich rate dir, ja ich befehle dir, dich auf einige Zeit in die ruhige Stille der Natur zurückzuziehen und die Welt zu meiden, – der Kampf gegen die Mächte der Welt hat dich diesen zu nahe gebracht, und sie haben ihre verderbliche Wirkung selbst auf deine feste und treue Seele ausgeübt. Geh' hin, mein Sohn, – meide die Welt eine Zeitlang, – stärke dich in der Stille der Natur und richte dich auf im Gebet zu Gott, des Glaubens heilige Kraft wird Theorien menschlicher Vernunft aus deinem Geiste entfernen, und du wirst die ursprüngliche Reinheit und Kraft wiedergewinnen. Kehre dann zu mir zurück – und du wirst von neuem ein mächtiger Streiter für die heilige Kirche Christi geworden sein.«

Tieftraurig ließ der Graf das Haupt auf die Brust sinken. »Ich werde tun, wie Eure Heiligkeit gebietet,« sagte er mit ehrfurchtsvollem Ton, – »ich werde in mich selbst einkehren und in inbrünstigem Gebete Gott anrufen, daß er mir Erleuchtung sende und mich die Überzeugung als Irrtum erkennen lasse, die ich jetzt nicht aus meinem Geiste zu bannen vermag, – wenn dieselbe falsch und ein Resultat fehlbarer menschlicher Vernunft ist –«

»Und mein reichster apostolischer Segen begleite dich«, sprach der Papst, indem sein Gesicht in der früheren Milde leuchtete, »und stärke dich zu klarer Erkenntnis und festem Willen.«

Er erhob die Hand, machte das Zeichen des Kreuzes über dem Grafen, und berührte dann mit den Spitzen der Finger dessen Haupt.

Der Graf beugte sich herab zu dem Schemel und drückte die Lippen auf das goldene Kreuz des Schuhes Seiner Heiligkeit, – dann erhob er sich, und dreimal sich tief verneigend zog er sich eine Strecke rückwärts schreitend zurück.

Noch einmal machte der Papst das Kreuzeszeichen – dann wendete der Graf sich rasch um und schritt dem Ausgange der Allee zu, während der Papst in tiefe Gedanken versunken auf seinem Lehnstuhl sitzen blieb.

Mit ausgezeichneter Artigkeit verabschiedeten sich die Hausprälaten von dem Grafen, – der, von Monsignore Ricci bis zum inneren Eingang zu der Wohnung des Papstes geleitet, die Höfe des Quirinals durchschritt und dann in seinen weit seitwärts vom äußern Tor des Palastes stehenden Wagen stieg.

»Sollte die römische Kirche ihre Mission erfüllt haben,« – sprach der Graf leise vor sich hin, während er in raschem Trabe durch die Straßen der ewigen Stadt dahinfuhr, – »sollte der Ratschluß Gottes des Christentums heilige Wahrheit in die Form neuer Ordnungen auf Erden einfügen wollen? – Dieser so edle Priester, dieser Mensch ohne Fehl und Makel, in dessen Hand heute die Herrschaft der Kirche ruht, geht in frommem Eifer vorwärts auf einem Wege, der nur zum Verderben führen kann. – Oder«, fuhr er in sich zusammensinkend leise fort, – »täuscht mich ein Fehlschluß meiner Vernunft, – hat der heilige Vater recht, – hat der Verkehr und der Kampf mit der Welt mir das reine, gläubige Vertrauen, den kindlich klaren Blick genommen?«

– Jedenfalls«, sagte er dann, – »werde ich den Befehl des Papstes vollführen und mich auf einige Zeit in die Einsamkeit der Natur zurückziehen, um zur Klarheit zu kommen, – ob meine Überzeugung wahr und richtig ist – oder ob ein Irrtum meinen Geist blendet. Der ewige Gott dort oben«, sprach er, leicht die Hände auf dem Schoße faltend, »wird ja die Welt auf seinen Wegen zur Wahrheit führen, und ich habe ja jetzt eine heilige Sorge, die mein Leben ausfüllt!«

Der Wagen hielt vor dem Albergo di Europa an der Piazza di Spagna, der Portier eilte heran, um den Schlag zu öffnen, und Signor Franceschini erschien selbst unter der Türe, diensteifrig den Grafen begrüßend, der mit einigen freundlichen Worten an ihm vorüberschritt und die breite elegante Treppe zu seinen Zimmern im ersten Stockwerk hinaufstieg.

Rasch öffnete er die Tür, durchschritt ein kleines Vorzimmer und trat dann, nachdem sein alter Kammerdiener ihm den Hut abgenommen, in einen geräumigen und eleganten Salon, dessen Fenster durch herabgezogene Jalousien verdunkelt waren, um die Hitze abzuhalten.

Eine junge Dame in leichter, ganz weißer Sommertoilette sprang aus einem tiefen Lehnstuhl empor, in welchem sie in ein Buch vertieft gesessen hatte, eilte dem Grafen entgegen und schlang ihre Arme um ihn.

»Wie glücklich bin ich,« rief sie, »daß du wieder da bist, mein Vater, ich fühle mich so einsam, so verlassen, wenn du nicht bei mir bist, – alles Leid meines vergangenen Lebens, das der liebe Blick deines Auges verbannt, dringt dann wieder übermächtig zu meinem Herzen empor und füllt meine Augen mit Tränen.«

»Deine Augen sollen nicht mehr weinen, mein geliebtes Kind,« sagte der Graf, sanft über das glänzende Haar seiner Tochter streichend, – »mein Arm wird dich durch das Leben tragen, – vertraue auf die Zukunft, – vertraue deinem Vater, – so Gott will, soll keine Blüte deines Herzens verwelken!« »Du bist meine Vorsehung – dir vertraue ich meine Zukunft – meine Hoffnung an, – und wenn sie mir nichts mehr bringen sollte,« rief das junge Mädchen, – »so werde ich immer glücklich sein, – ich bin ja bei dir – bei meinem geliebten Vater.«

Und sich liebevoll an ihn schmiegend, barg sie ihr Haupt an seiner Brust.

Dann trat sie schnell zurück – eilte auf ein Fenster zu und öffnete die Jalousie.

»Ich muß dein Gesicht genau sehen,« – rief sie, – »du hast vor dem heiligen Vater gestanden, – ich glaube, ich müßte auf deinen Zügen den Abglanz seines heiligen Antlitzes erblicken können,« – und vor ihren Vater hintretend, sah sie aufmerksam in seine Züge.

Es war ein eigentümlich schönes Bild. Vor der hohen und schlanken, schwarzgekleideten Gestalt des Grafen, der ernst und tief bewegt, aber voll unendlicher Liebe zu seiner Tochter herabsah, stand das schlanke junge Mädchen in dem duftig weißen Gewände, – aus dem zarten, etwas bleichen Gesicht blickten die großen dunkeln Augen fast anbetend zu dem Manne empor, in dem sie ihren Vater, den Lenker und Beschützer ihres Lebens, verehrte und dessen so geliebte Züge sie jetzt in frommem Glauben sich überstrahlt dachte von dem Schimmer des heiligen Lichtes, in dessen Verklärung sie den Statthalter Christi auf Erden sich vorstellte.

»Du sollst am nächsten Sonntag in der Galerie des Vatikan vom heiligen Vater empfangen werden, meine geliebte Julia«, sagte der Graf.

»O,« rief Julia, die Hände faltend, mit strahlenden Blicken, – »welches Glück – welches Glück!«

»Und dann«, fuhr ihr Vater fort, »denke ich diesen brennenden Boden Italiens auf einige Zeit zu verlassen und in den Bergen der Schweiz Ruhe und kühle Frische zu suchen.«

»Ach, das ist herrlich,« rief Julia, die Hand ihres Vaters ergreifend und an die Lippen führend, – »ich habe nun die Erde meines Vaterlandes berührt, – ich habe seinen Himmel über mir gesehen, und die heiligen Laute seiner Sprache um mich her ertönen gehört, – jetzt, mein Vater, sehne ich mich hinaus aus diesem lauten, unruhigen Rom, – wo ich immer fürchten muß«, fügte sie errötend mit niedergeschlagenen Augen hinzu, – »einem Bekannten zu begegnen – der mich in Paris gesehen.«

»Du hast niemands Begegnung zu fürchten, mein Kind,« sagte der Graf stolz, – »du bist meine Tochter, – und die Tochter des Grafen Rivero darf hoch und frei ihr Haupt tragen, – doch die freie und reine Luft der Berge wird deinem Körper und deinem Gemüt wohltun, – also bereite dich zur Abreise vor, – ich will jetzt etwas ruhen, – heute abend wollen wir einen kleinen Ausflug machen.«

Er küßte seine Tochter zärtlich auf die Stirn und zog sich in sein Zimmer zurück.


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