Oskar Meding
Zwei Kaiserkronen
Oskar Meding

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Siebentes Kapitel

In ziemlich früher Morgenstunde fuhr die einfache Equipage des Marschalls Niel in den Hof der Tuilerien.

Der Marschall stieg aus und trat durch das große, von einem Zeltdach überragte Portal in das Palais. Die Haltung des französischen Kriegsministers war militärisch fest und kräftig, sein etwas bleiches und abgespanntes Gesicht aber trug den Ausdruck körperlicher Leiden, welche jedoch durch energische Willenskraft niedergedrückt wurden. Der Marschall trug den einfachen schwarzen Morgenanzug und kaum hätte man in dieser so bescheiden einhertretenden Persönlichkeit, welche nur durch das geistig erleuchtete, scharfblickende Auge ausgezeichnet war, den ersten militärischen Würdenträger des Kaiserreichs erkennen mögen.

Der Marschall stieg, ohne in das Zimmer der Adjutanten vom Dienst einzutreten, gerade zu den Appartements des Kaisers empor, er fand den alten Kammerdiener Felix im Vorzimmer und wurde von diesem mit all dem ehrerbietigen Eifer, welcher sowohl seinem Rang als seiner persönlichen Vertrauensstellung zum Kaiser entsprach, in das Kabinett des Souveräns eingeführt.

Napoleon III. saß neben seinem Frühstückstisch in einen großen Fauteuil zurückgelehnt. War auch das Aussehen des Kaisers nicht kräftiger und gesünder geworden, und zeigten sich an seinen Schläfen mehr graue Haare als früher, so war doch sein Blick in diesem Moment frei und heiter, ein zufriedenes Lächeln war auf seinen Lippen, mit besonderem Genuß; schien er die blauen Ringelwölkchen seiner Zigarette in die Luft zu blasen, während er aufmerksam anhörte, was der kaiserliche Prinz ihm von einem Papier vorlas, das er in der Hand hielt.

Der junge Prinz, diese Hoffnung der kaiserlichen Dynastie, war ziemlich stark in die Höhe geschossen und seine Haltung sowohl als sein bleiches, etwas nervös gezogenes Gesicht, das in seinem untern Teil an die Kaiserin erinnerte, während es des Vaters eigentümliche Stirnbildung zeigte, ließen die Spuren der langen und schweren Krankheit erkennen, welche der Prinz im vorigen Jahre überstanden hatte. Seine großen Augen aber blickten trotz ihres sinnenden, fast träumerischen Ausdrucks frei und klar und das jugendlich sympathische Gesicht des Prinzen war leicht gerötet und bewegt durch den Vortrag, den er seinem Vater hielt.

Der Kaiser erhob sich bei dem Eintritt des Marschalls und reichte ihm mit freundlichem Gruß die Hand, während der Prinz in militärischer Haltung ehrerbietig die Begrüßung dieses hohen Würdenträgers der französischen Armee erwiderte.

»Sie sehen hier, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser lächelnd, indem er sich wieder niederließ und der Kriegsminister auf seinen Wink ihm gegenüber Platz nahm, – »Sie sehen hier einen künftigen Soldaten Frankreichs, welcher den Gesinnungen Ausdruck gegeben hat, die stets in den großen Zeiten die edelsten Krieger unserer Nation beseelt haben, – den Gesinnungen der Ehrfurcht gegen die Religion und die Kirche. Ich habe mich,« fuhr er nachdenklich emporblickend fort, »noch bei meiner Anwesenheit in Orleans vor wenigen Tagen davon überzeugt, wie tief diese Gesinnungen in das Herz des Volkes gesenkt sind und mit wie treuer Pietät Volk und Armee die Tradition jenes großen Wunders bewahren, das Gott einst durch die Jungfrau zur Errettung Frankreichs verrichtet.«

Ernst erwiderte der Marschall:

»Ich hoffe, Sire, daß diese Gesinnungen immer in der französischen Armee werden lebendig bleiben, wenn ich auch als Minister Eurer Majestät die Wunder der göttlichen Allmacht nicht in meine Berechnungen ziehen darf, sondern vielmehr dahin arbeiten muß, die materiellen Kräfte Frankreichs zu organisieren und anzuspannen.«

»Sie haben recht – Sie haben recht,« sagte der Kaiser freundlich, – »mais toi et Dieu t'aidera! – immerhin aber ist auch materiell die Kirche ein starker und mächtiger Bundesgenosse, den die Herrscher sich erhalten müssen.

– Der Prinz hat«, fuhr er fort, »ein Dankschreiben an den heiligen Vater verfaßt für den apostolischen Segen, den Seine Heiligkeit ihm zu seiner ersten Kommunion zu übersenden die Güte hatte. Mein Sohn hat das Schreiben ganz nach seinen eigenen Gedanken aufgesetzt, und es hat also wenigstens den Vorzug, der aufrichtige Ausdruck seiner Gesinnungen zu sein.«

Er nahm den Brief aus der Hand des Prinzen und reichte ihn dem Marschall.

Dieser las ihn langsam mit Aufmerksamkeit durch, während der Kaiser forschend zu ihm hinüberblickte.

Die Miene des Marschalls drückte Zufriedenheit aus – er nickte mehrmals zustimmend mit dem Kopf.

»Der Brief ist vortrefflich,« sagte er dann, »und drückt in seiner einfachen, natürlichen Sprache vollkommen die Gesinnungen aus, welche ein guter Franzose und künftiger Soldat haben muß.«

Der Prinz errötete vor Vergnügen. Sein lebhaft bewegtes Gesicht, voll Stolz über das Lob des Marschalls, war wirklich schön in diesem Augenblick – der Blick des Kaisers ruhte mit dem Ausdruck zärtlicher und inniger Liebe auf seinem Sohn.

»Jetzt,« sagte er, »gehe hin und schreibe deinen Brief ins Reine, damit er morgen nach Rom abgehen kann.«

Der kaiserliche Prinz verstand, daß er entlassen sei, küßte die Hand seines Vaters und verließ, mit tiefer Verneigung den Gruß des Marschalls erwidernd, das Kabinett.

Der Kaiser blickte ihm mit warmem Gefühl nach, richtete sich dann ein wenig in seinem Sessel empor, stützte den Arm leicht auf die Seitenlehne und sah den Minister erwartungsvoll an, zum Zeichen, daß er bereit sei, zu hören, was derselbe ihm vorzutragen habe.

»Sire,« begann der Marschall mit seiner festen und klaren Stimme, »Eure Majestät erinnern sich, welche Aufgabe ich mir gestellt habe, als ich vor fast zwei Jahren das Portefeuille des Krieges aus Ihren Händen empfing.«

Der Kaiser drehte die Spitze seines Schnurrbarts zwischen den Fingern und nickte schweigend mit dem Kopf.

»Es kam darauf an,« fuhr der Marschall fort, »die französische Armee zu der Höhe der Schlagfertigkeit zu erheben, welche notwendig ist, um dem unter preußischer Führung geeinigten Norddeutschland mit Siegeszuversicht den Kampf anbieten zu können, was damals nach der übereinstimmenden Ansicht aller Marschälle nicht möglich war.« Der Kaiser neigte abermals zustimmend das Haupt und hörte in schweigender Aufmerksamkeit zu.

»Ich komme heute,« fuhr der Marschall Niel fort, »um Eurer Majestät zu sagen, daß die mir gestellte Aufgabe im großen und ganzen erfüllt ist.«

Das Auge des Kaisers leuchtete auf.

»Die Bewaffnung der Armee mit den Chassepotgewehren«, fuhr der Marschall fort, »ist fast ganz durchgeführt – es wird nur noch darauf ankommen, das Exerzitium, welches die neue Waffe bedingt, den Truppen zur vollständigen Gewohnheit zu bringen, um alsdann die ganze Armee mit dem vollen Übergewicht der neuen Bewaffnung in das Feld rücken zu lassen.«

»Und Sie haben die Überzeugung,« fragte der Kaiser, »daß die Chassepots vollständig den Zündnadeln das Gleichgewicht halten?«

»Sire,« erwiderte der Marschall, »es ließe sich viel über die Vorzüge der einen oder der anderen Waffe sagen, und es wird sehr schwer sein, wie Eure Majestät noch besser als ich beurteilen können – genau festzustellen, welches die absolut bessere sei. – Nach meiner militärischen Überzeugung aber ist die Erörterung dieser Frage von keinem praktischen Wert. – Bei dem fast märchenhaften Prestige, welches das Zündnadelgewehr umgibt, war es für das moralische Bewußtsein der Soldaten eine unerläßliche Notwendigkeit, ihnen ebenfalls ein Hinterladungsgewehr zu geben und sie mit der Überzeugung zu erfüllen, daß dies noch besser sei, als die preußischen Zündnadelgewehre. – Das ist geschehen, die Armee ist von der Überlegenheit des Chassepots überzeugt und wird mit dem vollen Gefühl der Siegesfreudigkeit in den Kampf gehen – damit ist erreicht, was zunächst nötig war, die vollständige Einübung mit der neuen Waffe wird gegenwärtig vollendet und in Chalons, Lannemezan und den übrigen von Eurer Majestät befohlenen Lagern auf die letzte Probe gestellt werden. Nachdem dies geschehen, wird die Armee jeden Augenblick bereit sein, auf Eurer Majestät Befehl jeden Kampf mit jedem Gegner aufzunehmen.«

»Und die Mitrailleusen?« fragte der Kaiser. »Eure Majestät wissen,« erwiderte der Marschall, offen und frei den Blick seines Souveräns erwidernd, »daß ich dieser technisch so vortrefflichen Waffe für die Feldoperationen der Armee und für die militärischen Erfolge in großen Aktionen einen verhältnismäßig nur geringen Wert beilege. Es mag immerhin gut sein, daß der geheimnisvolle Nimbus, der die Mitrailleusen noch umgibt, den Soldaten noch höheres Vertrauen einflößt und die Gegner mit Schrecken erfüllt, – der entscheidende Erfolg aber wird in den Kriegen der Gegenwart mehr und mehr immer von den taktischen Bewegungen abhängen, und demjenigen wird immer der Sieg zufallen, dem es gelingt, jedesmal zur rechten Zeit am rechten Ort mit der Genauigkeit mathematischer Berechnungen das numerische Übergewicht an Streitkräften zu versammeln. – Eure Majestät haben die Berichte des Oberstleutnants Baron Stoffel gelesen?« fragte er.

Der Kaiser nickte bejahend und blickte den Marschall erwartungsvoll an.

»Mit vollem Recht,« fuhr dieser fort, »findet der Oberstleutnant die Grundlage der erfolgreichen Kraft der preußischen Armee in der hohen Intelligenz und allseitigen Bildung des großen Generalstabs der Armee, sowie der einzelnen Generalstäbe der Korps, wodurch in Verbindung mit der ebenfalls außergewöhnlichen militärischen und wissenschaftlichen Bildung der sämtlichen Offiziere eine Sicherheit und Leichtigkeit für die kombiniertesten taktischen Bewegungen hergestellt wird, welche der preußischen Armee eine hohe Überlegenheit gibt und welcher dieselbe ausschließlich ihre Erfolge gegen Österreich zu danken hat, dessen Truppen an persönlicher Tapferkeit und Tüchtigkeit gewiß nicht hinter den preußischen zurückstanden.«

»Der Oberst hat gewiß recht,« sagte der Kaiser, »indes« – fügte er mit verbindlichem Lächeln hinzu, »glaube ich, daß der große Generalstab der französischen Armee unter Ihrer Leitung, mein lieber Marschall, niemals hinter demjenigen irgend einer Macht zurückstehen wird.«

»Ich will Eurer Majestät,« erwiderte der Marschall, »ohne alle falsche Bescheidenheit aussprechen, daß ich glaube, so viel Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt zu haben. um es unternehmen zu können, mich im Felde jedem Gegner gegenüberzustellen, aber,« fuhr er fort, »die Fäden, an welchen die Bewegungen großer Armeen geleitet werden, bilden einen sehr künstlichen und sehr weitverzweigten Mechanismus, zu welchem eine große Anzahl theoretisch und praktisch ausgebildeter Offiziere gehören, wenn die Gedanken des Chefs richtig und ohne Zögerungen durchgeführt werden sollen. Solche Offiziere, Sire, finden sich in der französischen Armee nicht in so großer Anzahl als in der preußischen, es wird daher erforderlich sein, die geeigneten Elemente überall aufzusuchen und in den Generalstäben zu vereinigen. Zugleich werden die Offiziere aller Grade so schnell und so gründlich als möglich auf einen eventuellen Feldzug nach dem Rhein hin vorbereitet werden müssen – ich habe zu diesem Zweck Karten mit erläuterndem Text vorbereiten lassen, und es müßten dieselben jedenfalls einige Zeit, bevor Eure Majestät den Moment einer ernsten Aktion für gekommen erachten werden, an die einzelnen Korps verteilt werden.«

»Ich bitte Sie, mein lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »alles zur Ausführung Ihrer Ideen, die ich vollkommen teile, anzuordnen – ich bin überzeugt, daß die französische Armee, namentlich im Geniekorps und der Artillerie, die genügenden Kräfte darbieten wird, um einen Generalstab zusammenzusetzen, der Ihre Pläne ausführen kann.«

»Auch ich zweifle daran nicht,« sagte der Marschall, »indessen müssen jene Kräfte sorgfältig gesucht und vereinigt werden. Sodann,« fuhr er fort, »ist die von Eurer Majestät angeordnete Organisation der Kadres der mobilen Nationalgarde nunmehr völlig beendet. – Das ganze Land ist in Bataillonsbezirke eingeteilt und es sind die Kadres für vierundneunzig Bataillone geschaffen, welche jeden Augenblick aufgestellt werden können.«

»Da haben wir also nun die preußische Landwehr,« sagte der Kaiser lächelnd.

»Nicht ganz, Sire,« erwiderte der Marschall, »die preußische Landwehr, nach der neuen Organisation namentlich, ist, wie auch der Oberstleutnant Stoffel ganz richtig hervorhebt, eine feldtüchtige Truppe, welche ergänzend in die Reihen der Linienregimenter eintritt; unsere mobile Nationalgarde dagegen wird zunächst für den Felddienst nicht zu gebrauchen sein, – sie wird uns vielmehr nur den Vorteil gewähren, die ganze Linie hinausrücken lassen zu können, ohne einen großen Teil der Truppen für die innere Sicherheit und den Festungsdienst zurück zu behalten.«

»Glauben Sie,« fragte der Kaiser rasch mit einem schnellen Aufblitzen seines Auges, »daß die mobile Nationalgarde gegen innere Unruhen zuverlässig sein würde?«

»Ich glaube es gewiß,« erwiderte der Marschall, – »sie erhält eben durch die festen Kaders einen militärischen Kern, welcher sie wesentlich von den uniformierten Bourgeois der früheren Nationalgarden unterscheidet, die stets so gern mit den Revolutionen fraternisierten.«

Der Kaiser schwieg.

»Für die Verproviantierung der Festungen,« fuhr der Marschall fort, »ist alles geschehen, und wenn die Truppen in den Lagerübungen dieses Sommers ihre Proben werden abgelegt haben, so können Eure Majestät jeden Augenblick diejenige aktive Politik aufnehmen, welche vor zwei Jahren leider unmöglich war.«

»Die Lagerübungen werden im Herbst beendet?« fragte der Kaiser nachdenklich.

»Und eben dann,« fiel der Marschall lebhaft ein, »ist nach meiner Überzeugung der Augenblick für eine militärische Aktion gekommen, wenn Eure Majestät eine solche aus politischen Gründen zu beginnen für geeignet halten sollten.«

»Sie haben also noch immer,« fragte der Kaiser, »die Idee, daß man gegen Preußen einen Winterfeldzug machen müsse?«

»Ganz gewiß, Sire,« sagte der Marschall im Ton der Überzeugung, »und je länger ich über die Eventualität eines solchen Feldzuges nachgedacht habe, um so mehr bin ich in meiner früheren Ansicht bestärkt worden. – Die sonst so treffliche Landwehrorganisation, welche Preußen erlaubt, schnell und sicher eine unverhältnismäßige Zahl von Truppen ins Feld zu stellen, hat zugleich die Folge, daß alle Kräfte des Landes dem Ackerbau, der Industrie, dem Handel entzogen werden, und daß das wirtschaftliche Leben des Staats während der Dauer des Krieges fast stillsteht. Ein solcher Zustand ist nicht lange zu ertragen, je länger er ertragen werden muß, um so mehr wird das Gefühl des Volkes sich gegen den Krieg sträuben, um so mehr wird in der Armee selbst Widerwillen und Unzufriedenheit Platz greifen. Preußen muß schnell schlagen und schnell siegen, wenn es seine Kraft behalten will, denn diese Kraft ist nach meiner Überzeugung stark und intensiv, aber nicht dauerhaft nachhaltig. Ein Winterfeldzug,« fuhr er fort, »muß aber der Natur der Verhältnisse gemäß lange dauern und die Aufgabe unserer Taktik wird es sein, jeden entscheidenden Schlag möglichst lange zu vermeiden und die Feinde durch kleine Kämpfe hinzuhalten, um so die Zersetzung ihrer Kraft eintreten zu lassen.

Der Kaiser neigte mehrmals zustimmend den Kopf.

»Der Winterfeldzug hat außerdem den Vorteil,« sprach der Marschall weiter, »daß durch denselben Preußen gezwungen wird, dem Lande die Arbeitskräfte gerade im Momente der Ernte zu entziehen, in welchem dieselben am empfindlichsten entbehrt werden, und endlich kommt noch hinzu, daß die Soldaten der Landwehr, so wenig sie gewiß an Mut und Tapferkeit zurückstehen, dennoch nicht an den harten Dienst- und die Strapazen eines Winterfeldzugs so gewöhnt sind, wie unsere Truppen. In dieser Beziehung also muß ich die Überzeugung aussprechen, daß die Wahl des Winters als Kriegszeit die Chancen des Erfolgs für uns verdoppelt.«

»Aber,« warf der Kaiser ein, »im Winter wird unsere Flotte, durch welche wir dem Gegner so weit überlegen sind, nicht manövrieren können.«

»Ich muß Eurer Majestät offen bekennen,« sagte der Marschall, »daß ich auf die Mitwirkung der Flotte in einem Kriege mit Preußen sehr wenig Wert lege.«

Der Kaiser blickte erstaunt auf.

»Unsere Flotte, Sire,« sprach der Marschall, »ist von hohem Wert für unsere Kolonien und für den Schutz des französischen Handels auf den großen Meeren – was aber könnte sie tun in einem Kriege mit Preußen? – die Häfen blockieren – den Handel lahm legen – das aber würde gerade der Punkt sein – abgesehen davon, daß solche Mittel der Kriegführung meinem militärischen Gefühl widerstreben – durch welchen wir England aus seiner Neutralität zu unseren Ungunsten herausbringen könnten, und der Schaden einer solchen Verwicklung im Augenblick solcher ernsten Aktionen würde nach meiner Überzeugung schwerer wiegen als alles, was die Flotte durch Zerstörung des preußischen Handels uns nützen könnte. Es würde also nichts übrig bleiben, als daß die drohenden Spazierfahrten unserer Schiffe die Gegner zwängen, ihre Aktionsmacht durch Aufstellung von Beobachtungskorps an den Küsten zu schwächen – ich aber, Sire,« fuhr er fort, – »würde, wenn ich Chef des preußischen Generalstabs wäre, solche Beobachtungskorps gar nicht aufstellen – ich würde die Flottendiversionen ganz unbeachtet lassen und die Küsten einfach durch richtig gelegte Torpedos schützen.«

Der Kaiser schwieg einen Augenblick sinnend.

»Und Sie glauben,« fragte er dann, »daß der preußische Generalstabschef dieselben Gedanken über die Wirksamkeit unserer Flotte haben wird?«

»Der General von Moltke,« erwiderte Niel, »ist einer der bedeutensten Männer, die ich jemals kennen gelernt, ich zweifle nicht, daß er den möglichen Feldzug ebenso genau durchdacht hat wie ich, und daß er sich keine Illusionen über die Bedeutung und den Wert der gegenseitigen Mittel macht. – Ich glaube nicht, daß er sich besonders vor unserer Flotte fürchtet.«

Der Kaiser drehte schweigend seinen Schnurrbart.

»Um Eurer Majestät,« fuhr der Marschall fort, »meinen Feldzugsplan vollständig zu entwickeln, muß ich besonders noch hinzufügen, daß ich es für nötig halte, von Holland her den Gegner im Norden anzugreifen.«

Der verschleierte Blick des Kaisers trat einen Moment frei hervor und richtete sich mit dem Ausdruck aufmerksamster Spannung auf den Sprechenden.

»Die Neutralität Hollands und Belgiens,« sagte er, »ist schwer anzutasten, – das würde einen europäischen Sturm hervorrufen.«

»Sire,« sagte der Marschall in festem Tone, – »wenn es die Erreichung eines großen Zweckes gilt, so darf man vor den Schritten, die zum Ziele führen, nicht zurückschrecken. Sturm genug wird durch die Welt wehen, wenn der große Kampf um die Herrschaft in Europa zwischen der romanischen und germanischen Rasse entbrennt, – ob dann die Wetter ein wenig lauter toben oder nicht, ist gleichgültig, – die französische Fahne ist es gewöhnt, in sturmbewegter Luft zu wehen.«

Der Kaiser blickte sinnend vor sich hin.

»Erlauben mir Eure Majestät,« fuhr der Marschall fort, »meine Idee weiter zu entwickeln.«

»Die ganze Armee Frankreichs,« sprach er, indem die Züge seines kränklichen, geistdurchleuchteten Gesichts sich belebten, – »müßte nach meinem Plane in drei große Korps geteilt werden. Das Zentrum würde langsam und in geschlossenem Aufmarsche gerade gegen den Rhein vorrücken. Der rechte Flügel der großen Armeeaufstellung würde, von Straßburg und dem verschanzten Lager von Belfort aus operierend, gegen Baden vorgehen und im großen und ganzen den Feldzug Moreaus wiederholen – indem jedem der süddeutschen Staaten an seinen Grenzen die Alternative mit vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gestellt würde, – ob die französischen Truppen als Feinde oder als Alliierte in das Land einzurücken hätten.«

»Die Wahl würde allen diesen Regierungen nicht schwer werden,« sagte der Kaiser, – »ich bin überzeugt, daß sie mit Freuden die Gelegenheit ergreifen werden, sich vor der drohenden, mehr oder minder vollständigen Mediatisierung zu schützen, – die antipreußischen Parteien werden bei einem solchen Druck mächtig zu handeln beginnen, und den Entschluß der Regierungen noch erleichtern.«

»Eure Majestät müssen darüber durch Ihre Gesandtschaften unterrichtet sein,« sagte der Marschall ruhig, – »wie dem aber auch sei, militärisch wird bei keinem der süddeutschen Staaten ein Widerstand zu besorgen sein, – Preußen kann sie nicht schützen, wenn von uns nur rasch und energisch vorgegangen wird, wenn die Vorbereitungen rechtzeitig und im tiefsten Geheimnis getroffen werden, und wenn keine Zeit mit diplomatischen Verhandlungen verloren wird. – Derjenige wird in diesem Kampf ein ungeheures Übergewicht haben, dessen Armee zuerst marschiert – Preußen handelt rasch – aber es bedarf immer vierzehn Tage zur Marschfertigkeit und kann in Süddeutschland keine Vorbereitungen treffen. – Diese vierzehn Tage müssen wir gewinnen, – das wiegt soviel als eine große gewonnene Schlacht!«

Der Kaiser ließ den Kopf tief herabsinken und strich mit der Hand über den Knebelbart.

»Der linke Flügel, Sire,« sprach der Marschall weiter, – »wird nach meinem Plane von Holland her in raschem Vormarsch über Hannover hereinbrechen. Dort ist eine unzufriedene, unter dem Druck der preußischen Herrschaft seufzende Bevölkerung, und auf diesem Boden wird die Widerstandskraft der preußischen Armee schon durch die inneren Schwierigkeiten halb gebrochen sein. – Hier,« fuhr er fort, – »ist der einzige Punkt, an welchem eine Flottendiversion von Bedeutung werden könnte, – denn wenn man auf eine Erhebung der hannöverschen Bevölkerung rechnen dürfte, so würde dort eine Landung möglich sein, da das Landungskorps sich auf die ausständigen Bewohner des Landes stützen, ihnen wieder zum Mittelpunkt und Halt dienen würde.«

»Der Kaiser erhob sich – trat an seinen Schreibtisch und öffnete mit einem kleinen Schlüssel eines der Schubfächer.

Er nahm ein Heft von mehreren Bogen daraus hervor, reichte es dem Marschall und setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl.

»Hier,« sagte er, »hat man mir ein Memoire über eine Beteiligung Hannovers an einer militärischen Aktion gegen Preußen zur Wiedereroberung seiner Selbständigkeit gegeben, – es scheint mir vieles sehr Beachtenswerte und Richtige zu enthalten, – ich bitte Sie, es zu lesen und vom militärischen Standpunkt mit Rücksicht auf Ihre Operationspläne zu prüfen. – Freilich,« fuhr er fort, – »verlangt man von mir, wenn eine Beteiligung Hannovers an einer Aktion gegen Preußen gesichert werden solle, daß ich jeden Gedanken an eine Vergrößerung Frankreichs nach der Rheinseite hin aufgeben soll, daß ich bei dem Beginne der militärischen Operationen mich in einer Proklamation an das deutsche Volk bestimmt verpflichte, keine Eroberungen auf deutschem Boden zu machen. Auch für die Süddeutschen, sagt man mir, wäre eine solche bestimmte Verpflichtung notwendig. – Es handelt sich dabei um ein großes Prinzip, und ich muß gestehen, daß es nach meiner Auffassung mir sehr viel richtiger erscheint, die chauvinistischen Eroberungsgedanken aufzugeben, und lieber die Freundschaft des deutschen Volkes zu erwerben, das, nach föderativen Grundsätzen geeinigt, für uns keine Gefahr bildet.«

Der Marschall schüttelte den Kopf.

»Ich kann Eurer Majestät Ansicht über diesen Punkt nicht teilen,« sprach er, – »eine Proklamation, wie Eure Majestät sie eben angedeutet haben, würde vielleicht die Sympathien der deutschen Bevölkerung gewinnen, dagegen aber den Elan der französischen Armee sehr erheblich dämpfen. Die Eroberung des Rheins ist der Lieblingsgedanke der französischen Nation und insbesondere des französischen Soldaten. Wenn Eure Majestät beim Beginn eines so ernstes Kampfes erklären, daß das in allen Herzen ruhende Ziel der Wünsche definitiv aufgegeben werden soll, so wird dies eine tiefe Unzufriedenheit hervorrufen, welche von der nachteiligsten Wirkung auf die für den großen Kampf so notwendige Anspannung der nationalen Kräfte sein muß. Außerdem,« fuhr er fort, »halte ich die Eroberung des Rheins vom militärischen Standpunkt für notwendig, um dauernde Ruhe zwischen Frankreich und Deutschland herzustellen und das französische Übergewicht vollkommen zu sichern. Wir müssen den Rhein haben, oder – was Gott verhüte, in die vollständige Unmöglichkeit versetzt werden, ihn jemals zu erobern; so allein wird ein dauernder Friede möglich sein.

»Wenn Eure Majestät,« sprach der Marschall mit fester Stimme weiter, »Sympathien und die eventuelle militärische Mitwirkung der deutschen Bevölkerung nur dadurch erhalten können, daß Sie einen wesentlichen nationalen Wunsch Frankreichs opfern, so kann ich Ihnen nur raten, auf jene Sympathien und Unterstützungen zu verzichten.« Der Kaiser blickte einen Augenblick sinnend zu Boden.

Dann stand er auf und sprach:

»Es ist mir von hohem Interesse gewesen, mein lieber Marschall, auch über diesen Punkt Ihre Ansicht zu vernehmen, ich werde über das, was Sie mir gesagt, ernsthaft nachdenken, – nach Ihrer Überzeugung,« sagte er, den Marschall fest anblickend, »wird also die Armee im September vollständig fertig sein, um ins Feld zu rücken?«

»Vollständig, Sire,« erwiderte der Marschall.

»Nun,« sprach der Kaiser, »ich hoffe, daß die Diplomatie nicht hinter dem Militär zurückbleiben wird, daß wir es bald erleben, den Ruhm und die Größe Frankreichs frei und hell strahlen zu sehen, befreit von den Flecken, die der Erfolg dieses preußischen Glücksspiels von 1866 darauf geworfen hat.«

Er reichte dem Marschall die Hand und begleitete ihn einige Schritte zur Türe hin.

»Ich stehe allein,« sagte er dann, als der Kriegsminister das Kabinett verlassen hatte, »ich stehe allein mit meiner Ansicht über die Eroberungen zur Vergrößerung Frankreichs. Der Chauvinismus durchdringt die ganze Nation, und selbst dieser ruhige Mann ist von ihm durchdrungen – – Oh,« rief er, indem er sich in seinen Fauteuil niedersinken ließ – »sie alle kennen die Deutschen nicht, sie leben in den Traditionen von 1806, – sie haben 1813 vergessen, sie wissen nicht, wie mächtig und gewaltig eine Idee in dem deutschen Volke werden kann – und die Idee nationaler Einigkeit und Größe ist sorgfältig gepflegt in diesem nachdenkenden Volk – – da sagt man mir, daß ich die Eroberung des Rheins auf die Fahne schreiben müsse, um die volle nationale Kraftentwicklung des französischen Volkes zu erreichen, und auf der andern Seite bin ich tief davon überzeugt, daß ich dadurch nur das Spiel dieses Grafen Bismarck mischen würde, der nur darauf wartet, Frankreich als den drohenden Feind der Integrität des deutschen Gebiets darstellen zu können, um selbst seine größten Gegner in Deutschland unter der nationalen Fahne zu vereinigen.

»Aber,« fuhr er nach einem längeren Nachdenken fort, »es muß der Ausweg gefunden werden, über den ich mir schon lange selbst klar bin, – die Herstellung eines neutralen Gebiets zwischen Deutschland und Frankreich – – wäre dieser preußische Minister auf meine Ideen eingegangen,« – sprach er seufzend, – »wir hätten gemeinschaftlich Europa beherrschen können, – doch,« rief er, stolz den Kopf emporwerfend, »wenn ich Sieger im unvermeidlichen Kampfe bleibe, so bin ich allein Herr dieses Weltteils – und vielleicht,« sprach er leiser, indem sein Kopf wieder auf die Brust zurücksank, – – »vielleicht läßt sich noch im letzten Augenblick – –«

»Der Herr Marquis de Moustier steht zu Eurer Majestät Befehl«, meldete der eintretende Kammerdiener.

Der Kaiser gab durch ein Kopfnicken die Zustimmung zur Einführung des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten.

»Das Schwert Frankreichs ist geschärft,« sagte er mit festem Tone, – »die Zeit der Untätigkeit ist vorüber, das große Spiel der Entscheidung kann beginnen – jetzt noch einmal leuchte mir, du heller Stern, dessen Strahl mich geführt hat durch die dunkeln Wege meiner Jugend bis herauf zum Throne des großen Kaisers – stärke durch dein Licht die Kraft meines gebrochenen Körpers, daß sie aushalte für diese letzte große Kraftanstrengung, die mein Werk vollenden soll!«

Mit stolzem, freudigem Lächeln trat er dem Marquis de Moustier entgegen.


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