Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Tageslicht

Venedig ist am Tage ein ganz andres als in der verhüllenden Dunkelheit der Nacht; die poetische Zauberwelt versinkt, und schmerzliche Bilder des Verfalles treten in rauher Wirklichkeit hervor.

Der Markusplatz, die öffentlichen Gebäude, der Hafen, die Kirche, das Arsenal, alles, was dem Schutze der östreichischen Behörden, der Regierung überantwortet ist, steht wohlerhalten da und wohlbehütet. Indes die Sorgfalt dieser Regierung kann nur das bereits Erschaffene mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit mumienhaft konservieren, nicht die Adern der Republik mit neuem Leben durchglühen. Sie erhält die Hülle – die Seele aber ist tot. Die alten Institutionen, die alten Geschlechter sind untergegangen, die Mehrzahl der Paläste steht da in traurigem Verfall, unbewohnt, verödet. Grünliches Wassermoos wächst aus den prächtigen Quadern der Treppen, die Gondelpfähle davor sind vom Gewässer halb zerstört; die hohen Türen der Balkone mit Brettern vernagelt. Vielen Fenstern fehlen die Scheiben, andere verkünden, blind und trübe, von der langen Zeit, in der keine Hand sie mehr eröffnete.

Venedig macht am Tage einen sehr traurigen Eindruck, wenn man durch die Kanäle fährt; und ich habe nicht begreifen können, wie man es vorzugsweise die Stadt der Liebe nennen mag.

Die Liebe erschrickt vor dem Vergänglichen, vor Tod, vor Trauer und Verfall, weil sie in sich unendliche Lebenskraft fühlt und nach Unsterblichkeit verlangt; die Liebe bedarf auch eines tiefen Zusammenhanges mit der Natur, denn sie ist die Seelenblüte des vollendetsten Geschöpfes, das wir kennen. Man will in Liebesfreude grüne Bäume um sich sehen, lachendes Blau des Himmels über dem duftigen, blumendurchwirkten Teppich des frischen Rasens; man sehnt sich nach dem Gesang des Vogels, nach dem Liebesflöten, dem schmerzlichen Jubel der Nachtigall, um einen Widerhall zu hören von den Klängen in der eigenen Seele. Das alles aber entbehrt Venedig.

Kein Blatt, kein Baum, kein Grün in dieser ganzen Stadt, kein Vogelsang, keine Blüte, kein Duft von Blumen. Venedig zeigt den Triumph der menschlichen Willenskraft über die Ungunst der Verhältnisse; es beweist, daß der Menschengeist sich überall ein Vaterland, eine geliebte Heimat zu gründen vermag, wo er das Panier der Freiheit aufpflanzt. Aber Venedig ist doch zu sehr ein Produkt der Kunst. Man fühlt sich dort der Natur in ganz ungewöhnlicher Weise entrückt und kommt sich wie verzaubert vor, so fern von den gewöhnlichen Bedingnissen des Erdenlebens. Es ist, als ob man unter dem Wasserspiegel des Meeres wäre, man wird beklommen; und mir war zumute, wie einem Vogel unter der Luftpumpe sein mag, der allmählich das Schwinden des ihm angemessenen Elementes mit steigender Angst empfindet.

Von der Piazzetta, die sich nach dem Meere so lieblich eröffnet, von dem schönen Kai, der Riva degli Schiavoni, sah ich immer mit tiefer Sehnsucht hinüber nach dem Lido, den Eugen Beauharnais in einen schönen, öffentlichen Garten umgeschaffen hat. Ein Plätzchen neben einer Schifferherberge auf der Insel Giudecca, auf dem wir eines Tages unser Frühstück verzehrten, erschien mir wie ein Paradies, weil ein paar Bäume ihre Äste über unsern Tisch zur Laube wölbten und Bohnen und Kürbis sich an den Gitterzäunen emporrankten.

Den vollen Eindruck der absonderlichen Existenz in Venedig bekommt man aber erst, wenn man, den Canal Grande verlassend, in die Seitenkanäle einbiegt und nun überall neue Wasserstraßen erblickt.

Ich fuhr eines Morgens nach der Wohnung meines Bankier. Der Gondolier führte uns durch immer engere Gäßchen; nichts als Wasser und Mauern; nur hie und da ein Mensch an den schmalen Kais, nur dann und wann der Zuruf eines Gondolier aus einem Nebenkanal, seine Ankunft verkündend, um den Zusammenstoß mit andern Gondeln zu vermeiden, was bei der Länge der Fahrzeuge auf den engen Kanälen ohne dies Anrufen unvermeidlich wäre. Endlich hielten wir vor einem stattlichen Hause. Aus der Gondel langte der Gondolier nach dem Klingelzuge. Man öffnete. Das Wasser stand damals hoch und war noch höher gewesen; die ganze Treppe im Innern der Pforte war davon überschwemmt. Eine kleine Brücke, die wir überschreiten mußten, lag schräg von den ersten Stufen nach dem Hofe; aber der ganze Hof selbst war naß, das Wasser hatte Schlamm und Kehricht dort zurückgelassen, ein feuchter Dampf stieg im Sonnenschein davon empor. Und als ich nun oben diesen Bankier in Haufen Goldes wühlen sah, über Kapitalien gebietend, die ihm jeden käuflichen Genuß möglich machten, da mußte ich mich staunend fragen, was hält die Menschen in dieser widernatürlichen Existenz gefesselt, die jetzt nicht mehr ein Asyl der Freiheit ist? Was bannt sie in diese Sümpfe, während in Rom und Neapel die Erde sich neubelebt im frischeren Hauche des Herbstes?

Venedig ist ein poetisches Wunder, an dem sich die Phantasie für einige Zeit mit Freude ergötzt, aber ich wiederhole es, es ist kein Aufenthalt, den ich für längere Zeit ertragen oder erwählen würde, so vielfach man mir Venedig grade in diesem Sinne angepriesen hatte.

Bedurfte ein Volk der bildenden Künste, die Seele zu erheitern, so waren es die Venezianer. Die Kunst mußte ihnen zum einzigen Troste werden, ihre Seele mußte sich leidenschaftlich derselben zuwenden, und es ist natürlich, daß sie Stadt und Wohnungen zu schmücken strebten, als Ersatz für den Mangel an schöner Natur.

Zu der Kunst, zu der großen Vergangenheit Venedigs flüchtet man sich; in ihr lebt der Fremde den Tag hindurch, bis abends sich die Gasflammen auf dem Markusplatze und der Piazzetta entzünden und die süßen, gaukelnden Märchen uns wieder einspinnen in bunte, phantastische Bilder.

Nirgends sonst greifen Kunst und Geschichte so unauflöslich fest und enge ineinander als in Venedig. Der Dogenpalast, die Prokurazien, der Markusturm, die Piazzetta, die Löwen vom Piräus, welche den Eingang des Arsenales zieren, alle diese Denkmale von der tatkräftigen Vergangenheit der Republik, wir finden sie wieder in den Bildern, mit welchen die Säle jener Gebäude geschmückt sind. Die Helden, deren Taten von Meisterhand an den Wänden des großen Rates gemalt sind, landen auf den Bildern mit ihren Galeeren unter den Fenstern eben dieses Dogenpalastes. Venedigs Künstler brauchten nicht in eine ferne Vorzeit zu greifen, um Motive zu finden. Die Republik, deren Bürger sie waren, bot ihnen in ihren Siegen den Stoff; schöne Frauen wandelten in Fülle auf den Quadern des Markusplatzes einher; das Gefühl der Freiheit, der Selbstherrschaft prägte jeden Bürger, wie die alten Porträts es beweisen, zu schöner, männlicher Individualität aus; man malte die Gegenwart, deren Dank man empfing, zum Fortleben in der Nachwelt.

Diesem Zusammenwirken entsprangen denn auch die lebensfrischen Schöpfungen eines Tizian, eines Veronese, Piombo und anderer, die das kräftige Lebenselement selbst in die Schilderungen des Jenseitigen übertrugen. Sie stehen dadurch, dünkt mich, in der Auffassung biblischer Gegenstände unserer Zeit viel näher als selbst Raffael und die andern ältern Meister, welche spiritualistischer zu Werke gegangen sind als jene.

Raffael, im Dienste der Kirche malend, strebte in der Darstellung von biblischen Motiven des Neuen Testamentes nach dem Übersinnlichen, Unirdischen, nach dem Mythischen; er entsinnlichte das Körperliche, der Askese des Christentums zu Ehren. Die Venezianer hingegen, gewohnt, zu Ehren des freien Vaterlandes tüchtige Menschen zu malen, inmitten eines politisch und merkantilisch reichen Lebens, behielten beständig die Wirklichkeit als gesunden Boden und stellten, was naturgemäß ist, das Übersinnliche sinnlich dar.

In diesem Geiste hat Tizian eine Himmelfahrt Christi, Veronese eine Verkündigung gemalt, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben, während sonst der Verstand sich gegen das Wunder empört, das in der bildlichen Darstellung uns seine physische Unmöglichkeit aufdringt.

Jener Christus trägt das Gepräge urkräftigster, männlicher Begeisterung in sich, welche aus sich selbst heraus Wunder zu wirken vermag. Er ist das Symbol des Geistes, der sich über die Erde erhebt, und der ihm innewohnende Gott hat wundertätige Willenskraft.

Christus ist abgeschlossen in sich. Die linke Hand zeigt nach der Erde, auf der er sein Werk vollendet hat; die rechte hebt sich zum Himmel, von jener Willenskraft des Geistes beseelt, die das Unmögliche möglich macht. Er glaubt an die Kraft seiner Seele, er will sie benutzen, zum Lichte empor zu dringen; und dem riesigen Wollen gehorsam, hebt ihn der Geist empor. Nur die Spitze des rechten Fußes berührt noch die Erde, nur noch scheinbar gehört er dem Irdischen an, und schon – eben nur dem herabziehenden Gesetz der Schwere entrückt – bemächtigt die Luft sich seiner weiten, weißen Gewänder, und das reine Element trägt ihn empor über die Atmosphäre der Erde zum Äther, zum Licht. Der Geist des Menschen und das Element der Natur wirken in Übereinstimmung das Wunder. Das ist schön und wahr zugleich.

Ebenso tief ist Veroneses Verkündigung, ein Gegenstand, an dem seines Mysteriums wegen die Mehrzahl der Maler gescheitert ist. Die alten Meister, wie Fiesole, finden sich noch am besten darin zurecht. Der blonde Engel mit dem Lilienzweig, die Jungfrau mit den gesenkten Augenlidern knien sich in bewußtloser Unschuld und Demut gegenüber und sehen gewöhnlich beide ziemlich nichtssagend aus; die Jungfrau sogar oftmals ganz verwundert. Aber die Unschuld soll, wie Hebbel das so schön ausdrückt, an der Liebe sterben! Sie soll sterben, nicht verwundert in Resignation versinken.

Der gesunde Veronese rettete sich vor dem Wunder in die Allegorie und schuf ein Bild, das jedem fühlenden Menschen das Herz bewegt. In gewaltiger, räumlicher Architektur, in einer großen, offnen Halle richtet sich die kniende Jungfrau vor ihrem Betpulte empor, da in der äußersten Linken des Bildes ihr der Engel der Verkündigung erscheint. Der Engel blickt sie ruhig an, ihr Gesicht ist von aufzuckender Seligkeit überstrahlt; die heilige Ahnung des Mutterglückes kommt über sie, und nicht absichtslos steht der Engel der Verkündigung so fern von der Jungfrau, die noch eine lange Zeit banger Hoffnung von der Erfüllung trennt. Es ist eines der einfachsten Bilder, das man denken kann, und doch so tief ergreifend, weil das biblische Wunder zurückübersetzt ist in das heilige Wunder der Natur.

Man müßte, wollte man die venezianischen Maler nach Verdienst würdigen, ganze Bücher schreiben über jeden von ihnen, was schon so viel Autoren taten und wodurch doch niemand eine volle Vorstellung von den Bildern gewinnt. Trotzdem aber kann man der Lust nicht widerstehen, was uns solch reinen Genuß gewährte, auch andere zugänglich zu machen, denen es nicht gestattet ist, jene Meisterwerke selbst zu sehen; und so kann ich mir die Freude nicht versagen, noch eines sehr großen Bildes im Palast Pisani zu gedenken, das mir ungemein anziehend erschienen ist.

Es stellt die Familie des Darius dar, vor Alexander kniend. Paolo Veronese malte es, der Sage nach, in achtunddreißig Tagen auf ein Bettuch, nachdem er in langer Krankheit von der Familie Pisani auf deren Landsitze liebevoll gepflegt worden war. Die Mehrzahl der Köpfe, namentlich die Frauen alle, sind Porträts der Frauen jenes Hauses.

Alexander steht, ein junger Kriegsgott, links im Vorgrunde des Bildes; seine Feldherrn und deren Rosse füllen den Hintergrund. Die Frau des Darius kniet ihm zunächst, schmerzensvoll, herzzerrissen. Sie hat jeden Glauben an Glück verloren, sie hofft kaum auf irgendeine Gnade, sie fleht nur um Leben, um Erbarmen für die Ihren. Die älteste Tochter blickt zuversichtlich zum Sieger empor. Die schöne Jungfrau glaubt an die Großmut dieses schönen Mannes, die Jugend traut dem Edelsinn der Jugend. Sie hört gespannt auf sein Wort, sie sucht ernst forschend in seinen Zügen die Bestätigung ihrer Zuversicht zu lesen. Die zweite Tochter, ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren, ganz gekleidet wie die ältere Schwester und wie diese kniend, hält die Krone, welche von ihrem Haupte genommen ist, in der linken Hand. Die rechte hängt vornehm, stolz herab, sie hat sie nicht zur flehenden Bitte gefaltet oder erhoben. Die Mutter hat ihr befohlen, zu knien vor dem Alexander, sie tut es, aber ungebeugt, trotzig, wie ein verzogenes, stolzes Kind. Sie weiß nicht, warum die Tochter des Darius sich beugen soll vor einem Fremden; sie hat den Wechsel des Schicksals noch nicht begreifen gelernt, der die Mächtigen in den Staub wirft. Das jüngste Mädchen sieht gleichgültig zurück nach den Dienern und nach ihrem Hunde; ein kleiner Knabe hat sich an die Brust der knienden Königin geschmiegt und klammert sich mit seinen Armen angstvoll an sie fest, bei der Mutter Schutz suchend vor den Fremden. Hinter der Familie des Darius steht die schöne Gestalt eines Ritters, der auf sie gütevoll herniederblickt; diese ist ein Porträt des Veronese selbst. Man begegnet ihr ebenfalls in dem Bilde der triumphierenden Venezia an der Decke im Saale des Hohen Rates, wo er sich gemalt hat, lorbeergekrönt, den Lorbeerzweig in der Rechten.

An Kunstwerken der Skulptur, an Statuen ist Venedig verhältnismäßig weniger reich als an Gemälden, und dies ist auffallend, weil der Formensinn des Volkes sich so bedeutend erweist in seinen großartigen Bauwerken. Wie riesenhafte Wasserblüten steigen die Marmorpaläste und Kirchen Palladios und Sanmicheles empor, so vielfach verschieden in ihrer Architektur, daß man die Phantasie der Künstler bewundert, die, ohne jemals der höchsten Zweckmäßigkeit zu entsagen, immer neue Formen der Schönheit zu finden wußten. Am überraschendsten erschien mir in dieser Hinsicht die Kirche Il Redentore, von Palladio erbaut, wo runde Säulen, in viereckige Pilaster gesenkt, das hohe, heitere Gewölbe der Kirche tragen.

Indes eines der schönsten Bauwerke Venedigs ist der Rialto, die Brücke über den Canal Grande, welche die beiden Hauptteile der Stadt miteinander verbindet. Ein einziger kühner Bogen spannt sich achtzehn Fuß hoch über das Wasser und bildet die breiteste Straße Venedigs, die mit den Buden der Goldarbeiter von beiden Seiten besetzt ist. Hier werden, außer gröberen Schmuckgegenständen, wie man sie zum Bedarfe des Volkes auf dem Ponte Vecchio zu Florenz findet, auch jene feinen venezianischen Ketten feilgeboten, die nirgend sonst in dieser Vollendung verfertigt werden.

Auf dem Rialto bewegt sich der geschäftliche Verkehr des täglichen Lebens. Von hier aus ist es interessant, die kleinen Gäßchen, Kais und Plätze zu durchwandern, welche sich an den Häusern hinziehen und durch zahlreiche Brücken miteinander verbunden sind, mittelst deren man Venedig zu Fuße durchwandern kann, was aber weniger angenehm ist als die sanften, schaukelnden Gondelfahrten.

Durch einige schmale Straßen gelangt man, nachdem man die Treppe des Rialto hinabgestiegen ist, zu einem Marktplatze, auf welchem alle Lebensmittel, Fische, Fleisch, Gemüse und Früchte verkauft werden. Mitten aus den Körben voll grüner Kräuter, zwischen den Waagschalen der Fischhändler, die auf niedrigen Bänken ihr Gewerbe treiben, erhebt sich auf einem kleinen Piedestal die Marmorstatue eines Buckligen, lebhaft erinnernd an die Büste des Äsop in der Villa Albani.

Wir fragten, wer es sei.

»Il gobbo!« (der Bucklige!) antwortete uns ein Fischhändler.

»Aber was hat der zu bedeuten?«

»Zur Zeit der Republik mußten die Diebe und Mörder ihn küssen, ehe sie in das Gefängnis geführt wurden«, berichtete der Gefragte.

»Nein!« fiel ihm eine Hökerin ins Wort, »wer falsche Wechsel ausgestellt oder falsches Geld ausgegeben hatte, mußte ihn küssen.«

»Warum nicht gar!« sagte ein Dritter, der hinzugetreten war. »Der gobbo ist die Staupsäule gewesen, an der die Verbrecher gezüchtigt wurden; konnten sie sich aber vorher an den Altar jener Kirche retten, welche Sie jetzt verschlossen sehen, so wurden sie begnadigt.«

Ein lebhafter Streit über diese Tradition entspann sich zwischen den dreien, wir konnten sein Ende nicht abwarten, denn es war der letzte Tag unseres Aufenthaltes in Venedig, und nur noch acht Stunden trennten uns von der Abreise nach Triest.

Wir wollten sie zu einer Fahrt nach dem Lido benutzen. Es war Montag, und so weit hat sich die deutsche Herrschaft schon geltend gemacht in Venedig, daß dem blauen Montag als Volksfest sein Recht geschieht. Unser Gondolier, der uns die ganze Zeit unserer Anwesenheit bereitwillig und verständig gedient hatte, erwartete uns mit seiner Gondel an der Treppe des Rialto und fuhr uns den Canal Grande hinab zum Meere.

Trotz des hellen Himmels war die Luft schwer; man konnte das Herannahen eines Gewitters aus einzelnen silbergrauen Wolken vermuten, die gelblich gesäumt am Horizonte aufzogen. Ich fürchtete eine üble Fahrt nach Triest und teilte diese Besorgnis dem Gondolier mit. Der versicherte jedoch, es sei gar nichts zu fürchten, denn ein altes und wahres Sprichwort besage: »Scirocco chiaro e tramontana scura, buttati in mare, non aver paura!« (Bei klarem Südwind und dunklem Nordwind wage dich ins Meer, dann brauchst du nichts zu fürchten.)

An den öden Fensterhallen des Palastes Foscari, an den schönen Palästen Grimani und Pesaro, der Kirche Santa Maria della Salute und der Dogana di Mare vorüber trug uns die wiegende Gondel an den Punkt, wo der Canal Grande außerhalb der Stadt in das offene Wasser mündet, welches zur Rechten Canale della Giudecca, zur Linken Canale di San Marco heißt.

Die Giudecca hatten wir schon früher besucht. Sie erinnerte mich mit ihren kleinen, reinlichen Häusern auffallend an die Hafenstädte in Ostpreußen. So wie der Strand auf der Giudecca sind die Hafenstraßen in Königsberg, Pillau und Memel bebaut. Dieselben Giebelhäuser, dieselben kleinen Gärtchen, in denen Matrosen beim vollen Glase saßen, dieselbe Kajütenzierlichkeit; hier und dort Seilerwerkstätten und Teergeruch. Hätten nicht die stolzen Kuppeln von Santa Maria della Salute, von den Incurabili und Sant' Agnese aus der Häusermasse Venedigs herübergeragt nach dem stilleren Strande der Insel, ich hätte vergessen können, daß ich erst am Abende vorher den ganzen Zauber des Markusplatzes empfunden, so lebhaft fühlte ich mich in meine ferne Heimat versetzt.

Aber nicht der Giudecca galt unsere Fahrt, sondern dem Lido. So heißt die Landzunge, welche sich als äußerstes Ende der Stadt, der Insel Sant' Elena gegenüber, in den Kanal von San Marco erstreckt. Hier ist der lieblichste Punkt in der ganzen Umgebung Venedigs. Frischer Rasen, schattige Bäume, breite Kieswege, Land, um es mit einem Worte zu bezeichnen. Auch schien es, als ob die ganze Bevölkerung Venedigs meine Sehnsucht nach grünen Bäumen geteilt hätte, denn das Wasser war mit Fahrzeugen bedeckt, und Gondel nach Gondel langte am Lido an. Große Gesellschaften, deren Gesang schon aus weiter Ferne sich hören ließ, waren in weiten, offenen Barken beisammen. Östreichisches Militär machte sich in der Mehrzahl bemerklich, und fast alle Besucher des Lido, so Männer als Frauen, schienen den arbeitenden Klassen anzugehören.

Jene schwarzen Gondeln, die nur für zwei Personen Raum bieten und aus deren dunkelumrahmten Fenstern uns die lieblichen Köpfe vornehmer Frauen angeblickt hatten, als wir auf dem Meere an ihnen vorüberfuhren, landeten heute nicht an dem Lido, sondern begnügten sich, die Abendluft auf den Polstern der Gondel zu genießen.

Auf dem Lido tanzten an jenem Montage ungarische und steirische Soldaten ihre Nationaltänze, ohne unter den Frauen Venedigs Mittänzerinnen zu finden. Italiener versuchten sich im Ballschlagen und mancherlei andern körperlichen Übungen. An Zelten mit Lebensmitteln war kein Mangel, aber diese Lebensmittel schon bedeutend kompakter als in dem übrigen Italien. Statt der Fritti gebratene Hühner und Gänse, statt der Südfrüchte Äpfel und Birnen, statt der Kürbiskerne und Konfitüren Pfefferkuchen und festes Gebäck. Bier machte das Hauptgetränk, und selbst die schönen Orientalen in ihren weiten Fustanellen tranken dickes, deutsches Bier, während sie die langen Pfeifen rauchten.

Die Augen der Frauen und Männer des Volkes verrieten noch den Süden, aber der Eindruck des Ganzen war wesentlich von dem übrigen Italien unterschieden und erinnerte in manchen Beziehungen an Wien, an den Prater, wennschon das silberne Meer sich um die Insel wogend erhob und die schwarzen Gondelhäuschen wie Wasservögel vorübergleiteten.

Man fühlte die Annäherung an Deutschland lebhaft, auch die Luft des Septemberabends war nordisch angehaucht. Mein Auge sah sich vergebens nach der dunkelgrünen Krone einer Pinie um, suchte vergebens die ernsten Zypressen; eine andere Vegetation, eine andere Luft, ein anderes Treiben umgaben mich als jenes, das mir in den dreizehn Monaten meines Aufenthaltes in Italien so lieb geworden war. Ich fühlte die Stunde des Scheidens von Italien immer näher rücken; und wie man bei der Trennung von teuern Freunden sich während der letzten Minuten in geselliger Freude zu betäuben trachtet, wenn man nicht den Mut besitzt, den süßen Schmerzenskelch des Abschiedes bis auf seine Hefe zu leeren, so schlug ich die Rückkehr nach Venedig vor, um in dem Gewühle der Stadt der nahen Abreise weniger schmerzlich zu gedenken.

Noch einmal trug uns die Gondel durch die Fluten zurück, wir landeten an der Riva degli Schiavoni. Der Hafen lag voll von Schiffen; trotz der spätern Abendstunde waren die Arbeiter noch mit Verladungen beschäftigt, aber die Reeder und Kapitäne ruhten bereits unter den Zelttüchern der Kaffeehäuser. Hier auf der Riva sieht man die Orientalen in großer Anzahl zusammen; hier drängen sich Zitherspieler und Sänger unter dem Volke hervor. Durch das Klappen der Domino- und Dambrettsteine erklingen die Töne der Gitarren, süße Barkarolen mischen sich in den Ruf der Lastträger, welche laut ihre abgelieferten Säcke und Ballen überzählen und verrechnen.

Auf der Riva degli Schiavoni ist das kaufmännische, das seemännische Venedig zur Ruhe, zur Erholung vereint. Hinter dem Lichtglanz und der lebhaften Bewegung der Straße liegt ernsthaft schweigend die eine Seite des Dogenpalastes da, und über dem dunkeln Kanale, der sich in das Meer mündet, wölbt sich in düstrer Architektur die Seufzerbrücke vom obern Stockwerk des Dogenpalastes hinüber nach den Gefängnissen.

Wie für heimliche Justiz gemacht ist dies Venedig mit seinen isolierten Häusern, mit seinen schweigenden Kanälen, mit den geheimnisvollen Sargschiffchen, die sich verbergend wölben über Gerechte und Ungerechte.

Als wir im Dogenpalast eines Tages die Bleikammern in Augenschein genommen hatten – Bodenkammern im Innern des Hauses, der direkten Einwirkung von Luft und Licht durch Korridors entrückt und im Sommer gewiß entsetzlich heiß –, schlug unser Gondoliere uns eine Fahrt nach den Lagunen vor, den Ort zu sehen, wo man die Verurteilten – ertränkte. Er brachte das Wort nicht über seine Lippen, sondern breitete nur den Zeigefinger und dritten Finger der rechten Hand aus und zeigte, die Hand nach unten werfend, schweigend in das Wasser mit der Bemerkung: »Ma adesso non si fa più!« (Aber jetzt geschieht es nicht mehr!)

Wie leicht es geschehen konnte, das wird jeder begreifen, der Venedig kennt und die Gondeln, welche, eine der andern vollkommen ähnlich, spurlos durch die Kanäle gleiten.

Von den heimlichen Schauern der dunkeln Seufzerbrücke wendet das Auge sich niederwärts zu der Piazzetta und haftet endlich an dem kaleidoskopartigen Szenenwechsel des Markusplatzes.

So behaglich, so eingelebt fühlt man sich in diesem Raume, daß man glaubt, dort ewig gelebt zu haben, daß man meint, diese bequeme Existenz auf der offenen Straße niemals wieder entbehren zu können. Die Gasflammen blitzen so hell, die Leute sind ihres Daseins so sicher, wie sollte man daran denken, daß es für uns kein Morgen gibt an dieser Stelle. Man ruht und plaudert, man trinkt Sorbetto wie die andern alle – da tritt der Gondolier an uns heran und mahnt zur Abfahrt.

Das Signal des Dampfschiffes erklang bereits zum zweiten Male, kein längeres Verweilen ist gestattet. Das Gepäck liegt in der Gondel, man folgt dem Gondolier, wie auf antiken Basreliefs die Erdensöhne dem Genius des Todes folgen, langsam, widerstrebend und oft zurückblickend nach der geliebten Erde.

Zum letzten Male schreitet man über die Piazzetta, zum letzten Male steigt man die Marmorstufen hinab und wirft sich in die schwellenden Polster der Gondel, die uns hinausführt in die Nacht, während unser Auge noch liebend festhängt an der strahlenden Piazzetta und den Gebäuden des Markusplatzes, welche sich schattenhaft gegen den Nachthimmel abzeichnen.

Wir sind am Ziel! Die Gondel stößt gegen die hölzerne Treppe des Dampfschiffes, man trägt die Koffer hinauf, der Gondoliere wünscht Glück und Segen auf uns herab und ruhige Fahrt.

Ein letztes Signal entfernt die Gondeln aus der Nähe des Dampfers, der sich keuchend in Bewegung setzt. Da tönt ein Ruf an unser Ohr. Es ist die Stimme unseres Gondoliers.

»A rivederla!« ruft er.

Und »a rivedere« (auf Wiedersehen) ruft ein jeder, der unter Italiens blauem Himmel atmen durfte, wenn er dies Land der Schönheit und des Frühlings mit blutendem Herzen verläßt.

Auf Wiedersehen!


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