Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Aus dem Karneval

Endlich war er angebrochen, der heilige Valentinstag, der den Karneval mit sich bringt. Den Karneval! den ganz Rom ersehnt, der jedem und wäre es auch nur eine frohe Stunde bringt.

Aber was für ganz Rom der laute Künder froher Feste ist, das beginnt in Stille mit der sich ewig wiederholenden Kränkung der unglücklichen Bewohner des Ghetto. Der erste Akt des Karnevals spielt in dem Saale der Konservatoren auf dem Kapitol, wo die Abgeordneten der Judenschaft dem Senate und den Bürgern der Stadt Rom einen Tribut – jetzt nur noch figürlich in einem Blumenstrauße – entrichten und dafür die Erlaubnis erhalten, noch ein Jahr länger in Rom verweilen zu dürfen.

Zwei Deutsche hatten dieser traurigen Zeremonie auf dem Kapitole beigewohnt. Der eine ein lebengeprüfter, doch heiterer Mann auf der Mittaghöhe des Daseins; der andere in jenem glücklichen Alter, in dem der Frohsinn des Jünglings, sich mit dem Nachdenken des Mannes verbindend, die Genußfähigkeit steigert. Der ältere hieß Alwyl, Hermann der jüngere. Ein zufälliges Begegnen auf der Reise hatte sie zueinandergeführt, ihre Seelen sich gefunden, sie waren Freunde geworden in der edelsten Bedeutung des Wortes. Und wie in dem Gefühl Alwyls sich etwas von der Liebe eines Vaters zeigte, der in dem Sohne die eigene Empfänglichkeit der Jugend widergespiegelt sieht, so mischte sich in die Freundschaft, welche Hermann für jenen hegte, eine Art von Sohneszärtlichkeit, die sich achtend und liebend unterzuordnen strebte.

Tieferschüttert durch die auf dem Kapitole erlebte Szene, gingen sie schweigend einher, bis Alwyl in heftigen Worten seiner Erbitterung gegen diese, gegen jede Art von Unterdrückung Luft machte. Hermann fühlte wie er, hörte ihm aufmerksam zu, doch plötzlich flog ein Lächeln über sein Gesicht, und Alwyl, der es bemerkte, fragte nach der Ursache desselben.

Sie waren bei der Ripresa dei Barberi in den Corso getreten und mußten eine Weile stehenbleiben an der Ecke des Venezianischen Palastes. Die Tribünen, welche hier aufgeschlagen sind, waren schon voll von geputzten Männern und Frauen. Aus den Fenstern des Venezianischen Palastes sahen vornehme, schwarzäugige Römerinnen auf das sich allmählich belebende Schauspiel herab. Aber noch ruhten die Buketts unberührt in den zierlichen Körben, noch schonte man die eleganten Bonbonnieren. Der Karneval tagte erst, noch war niemand recht erwacht, man fing erst an, sich zu ermuntern und die Glieder zu regen.

Für Alwyl hatte das ganze Schauspiel den Reiz der Neuheit, er erlebte den Karneval zum ersten Male in Rom. Hermann war schon im vorigen Jahre anwesend gewesen, und auf die wiederholte Frage des Freundes, was sein glückseliges Lächeln bedeute, gestand er, daß ihm plötzlich eine schöne Erinnerung des letzten Karnevals in der Seele auftauche.

»Ich sah im vorigen Karneval gleich in den ersten Tagen eine junge Römerin in griechischer Maske«, sagte er. »Sie glauben nicht, Alwyl, wie schön sie war! Hoch, schlank, voll, flammend wie eine Italienerin und dabei doch der süßeste Liebesblick, den je ein weibliches Auge gehabt hat. So mag Julia ausgesehen haben –«

»Und Sie möchten den Romeo machen!« ergänzte Alwyl.

»Warum denn nicht?« fragte Hermann fröhlich. »Sie, bester Freund, würden sich ebenfalls nicht lange besinnen, die Rolle zu übernehmen, wenn Sie die Griechin sähen. Ich warf ihr mein schönstes Bukett zu, sie dankte mir mit einem Veilchenstrauße, den ich aufhob und den – lachen Sie mich nicht aus – ich aufbewahrt habe. Ich sagte mir damals, es geschähe, weil es der erste Strauß sei, den mir eine Römerin zugeworfen habe. Frage ich mich aber ehrlich, so bewahrte ich ihn um des Mädchens willen.«

»Das ist natürlich! Aber blieb es denn bei diesem einen Begegnen?«

»Oh, nein!« rief Hermann und wurde lebhafter, je länger er erzählte. »Ich sah sie täglich; entweder an dem Fenster, an dem ich sie zuerst erblickte, oder in einem stattlichen Wagen in Begleitung älterer Frauen, die mir ordentlich hübsch vorkamen, weil der Jugendglanz meiner Griechin auf sie strahlte. Unsere Sträuße flogen täglich reichlicher. Die Griechin kannte mich, ich sah es oft, wenn ich die Straße entlangkam, daß ihr schönes Auge jemand suchte, und es schien den Gesuchten gefunden zu haben, wenn es mich erblickte. – Aber Sie werden mich für einen eiteln Gecken halten!« unterbrach er sich plötzlich.

Alwyl lächelte. »Fürchten Sie das wirklich, lieber Hermann?« fragte er. »Dann erzählten Sie es mir nicht. Sie wissen wohl, meine eigene Jugend ist mir nicht ferngerückt, ein Teil jener leichten Empfänglichkeit ist mir geblieben, und ich betrachte diese fast als das kostbarste Gut, welches ich aus der Harmlosigkeit der Jugend in das Mannesalter hinübergerettet habe. Es erfreut mir das Herz, wenn ich Ihnen zuhöre, darum fahren Sie nur fort, ich bin gespannt auf das Ende.«

»Ja, ein Ende hat es eigentlich nicht!« sagte Hermann.

»Wie? kein Ende, was heißt das?«

»Ich meine, daß ich grade jetzt darauf hoffe, es solle einen Anfang haben, daß ich zuversichtlich darauf rechne, ihr wiederzubegegnen.«

»Und haben Sie denn nicht erfahren, wer sie ist? Haben Sie Ihre Griechin das ganze Jahr nirgend gesehen?«

»Nein! nirgends Sie kennen ja die Weise, in der die römischen Familien ihre Töchter unter Schloß und Riegel halten. Nur am Karneval erscheinen sie in der Welt; und ich glaube, die Seligkeit der Freiheit ist es, die ihnen während des Festes den unwiderstehlichen Frohsinn, den hinreißenden Zauber gibt.«

»Aber warum fragten Sie nicht in dem Hause, in dem Sie sie sahen, um den Namen des Mädchens?«

»Das tat ich schon am zweiten Tage«, rief Hermann. »Indes man wußte ihn nicht, sie wohnte nicht in demselben. Ein Abbate hatte den Balkon gemietet, die Vermieter kannten nur ihn, nicht die Namen seiner Gäste, denn das waren die Damen. Jeden Tag mit dem Glockenschlage zwei war ich auf meinem Posten, beladen mit Kamelien und kleinen Spielereien, für die Griechin bestimmt. Es war hohe Zeit, daß mein Bankier am 1. März meine neuen Wechsel sendete, denn wie der geschickteste Taschenspieler hatte ich meine harten silbernen Taler in duftende Blumen verwandelt. So ging es die ganze Karnevalswoche durch, und zu meiner besondern Freude sah ich nie einen jungen Mann in der Nähe der Griechin, nur den alten Abbate und die Damen. Das beruhigte mich.«

»So weit ging es also doch ins Herz hinein, bis zur Beruhigung der Eifersucht? Übrigens ist hier ein alter Abbate eben nicht die sicherste Schutzwehr der Schönheit.«

»Oh, bei Giuditta ist davon nicht die Rede! Bei Giuditta, wenn Sie sie gesehen hätten, fiele Ihnen kein Zweifel ein. So schuldlos, so rein sieht die Lüge nicht aus.«

»Giuditta! Und Sie sagten mir doch, Sie wüßten den Namen nicht!«

»Nur den Taufnamen weiß ich. Am Moccoliabend, als das Gedränge fast vorüber war, als alles nach Hause eilte und ich die alten Damen mit dem Abbate davongehen sehen, da weilte ich unwillkürlich noch einen Augenblick unter dem Balkon, auf dem meine Karnevalssonne versunken war. Plötzlich höre ich eine liebliche Stimme neben mir italienisch die Worte sagen: ›Ich habe meine Tanten verloren, begleiten Sie mich nach Hause, ich fürchte mich, allein zu gehen.‹ Ich wendete mich um, es war meine Griechin. Ich bot ihr meinen Arm, und weil ich ihr in der Freude meines Herzens sehr viel sagen wollte, sagte ich, so dünkt mich, gar nichts. Ich war ganz entzückt von ihrer Schönheit, von ihrer Stimme, als ich sie aber um ihren Namen fragen wollte, trat der Abbate mit den Worten: ›Giuditta! wie haben Sie uns geängstigt!‹ an sie heran. Sie machte sich dankend von mir los und gab dem Abbate den Arm, der sie nach einem Wagen führte. Ich eilte nach. Ich fragte, ob ich sie wiedersehen würde. Sie antwortete nicht, aber sie grüßte freundlich mehrmals mit der Hand. Der Abbate, die Tanten grüßten ebenfalls. Ich folgte dem Wagen, indes schon in der Via Cesarini verlor ich ihn, da er dort schneller fahren konnte, aus dem Gesichte, und der Roman ist zu Ende.«

Zwei zierliche Römerinnen traten dazwischen, reichten jedem der beiden Freunde ihre Sträuße dar, empfingen Bonbons dafür und eilten flüchtigen Schrittes davon. Der Corso wurde immer belebter. Von allen Balkons und aus allen Fenstern flatterten die farbigen Teppiche, welche der Straße ein festlich geschmücktes Ansehen geben; feierlich saßen die englischen Mamas mit den streng gefalteten Mienen schon lange auf ihren Posten; daneben der teilnahmslose Gemahl und die blonden Töchter, mit unbefriedigter Neugier die Szene betrachtend. Das war nicht der Karneval, den sie erwartet hatten, das war nicht der Karneval, für den sie die Balkons so teuer bezahlten. Wie Bilder der Langweile saßen sie da und blickten fragend jeden Vorübergehenden an, ob er vielleicht den Karneval machen und bringen werde.

Aber das ist grade das Schöne am römischen Karneval, daß er nicht bestellt, nicht befohlen, nicht gemacht wird, sondern daß er sich von selbst macht, indem man einmal im Jahre die Schranken wegräumt, welche die Menschen voneinanderhalten, und ihnen die Freiheit gibt, frei und in ihrer Freude darüber so liebenswürdig als möglich zu sein. Jeder Unterschied des Standes hört auf. Der schlanke Minente reicht freundlich der schönen Herzogstochter sein Bukett in den Wagen hinein und darf darauf rechnen, daß die Huldigung, die er anspruchslos ihrer Schönheit darbringt, mit heiteren Lächeln angenommen und mit Blumen erwidert wird. Von Frauen und Männern werden den schönsten Trasteverinerinnen Zeichen des Wohlgefallens an ihrer Schönheit zuteil; die Schönheit, die Anmut sind für diese Tage die Alleinherrscher über Rom.

Die ersten Masken künden den Regierungsantritt der neuen Herrschaft an, und mit dem feierlichen Aufzug des Senators von Rom legen der Ernst und alles Hergebrachte für den kurzen Zeitraum von acht Tagen ihr Regiment nieder. Sie sehen stattlich aus, die Bürgerssöhne, die fedeli del Capitolio, welche in reicher Uniform vor den altertümlichen Prachtwagen des Senators und seines Gefolges herreiten, wenn er von der Piazza del Popolo hinaufzieht den Corso entlang bis nach der Piazza Venezia. Aber dicht hinter dem feierlichen Zuge, dem die Menge Platz machte, schließt sie sich wieder, und Arlecchino und Pulcinello springen jubelnd ihm nach. Arm in Arm gleiten die üppigen und doch leichten Frauengestalten durch das immer wachsende Volksgewühl. Die kurzen, seidnen Röckchen lassen die leichte, elastische Bewegung des Fußes sehen, der enge, schwarze Sammetspenzer enthüllt die schöne Form des Oberkörpers, und unter der kleinen, schwarzen Polenmütze fliegen die leuchtenden Blicke nach allen Richtungen umher, den Erwählten zu suchen oder eine Wahl zu treffen.

Indes der Sonnabend ist nur das Vorspiel für den eigentlichen Karneval, das Stimmen der Instrumente für die große Festoper, die am Montage beginnt. Nur versuchsweise kommen die Wagen auf den Corso, nur noch sparsam werden die Sträuße geworfen, und noch haben die Knaben ein leichtes Spiel, welche die fehlgeworfenen Buketts zwischen den Wagen auflesen und als gute Beute, aufs neue in Körben geordnet, verkaufen.

»Wie freut es mich«, sagte Alwyl, »endlich einmal ein Fest zu erblicken, bei dem das Volk nicht nur der geduldete Teil ist, bei dem die Reichen nicht vornehm zusehen, auf welche Weise die niedern Stände sich belustigen. Wie erquickt es mich, endlich einmal ein Volk von ›Menschen‹ zu sehen, in dem jeder Unterschied der Verhältnisse aufgehört hat und in dem grade darum die höchste Wohlanständigkeit herrscht.«

»Sehen Sie das schöne Mädchen, die oben auf dem zurückgeschlagenen Wagen sitzt«, rief Hermann. »Diese reizende Tochter des Regimentes in ihrer kleidsamen Uniform ist die Schwester meines Wirtes, eines ehrbaren Schuhmachers, und die starke Frau neben ihr ist die Mutter des –«

Ein lautes Lachen der Umstehenden unterbrach die Rede. Mit großer Leichtigkeit war ein gewandter Wilder auf den Wagentritt gesprungen und hatte der starken Padrona ein paar große Orangen auf den Busen gelegt. Der Einfall ward belacht. Die Donna Romana lachte mit den andern, ließ die Orangen einen Moment liegen, steckte dann Blumen in die Früchte und warf sie dem kecken Burschen wieder zu, der sich in einiger Entfernung gehalten hatte, den Erfolg seiner dreisten Neckerei abzuwarten. Die Männer aus dem Wagen sendeten dem Übermütigen reiche Ladungen von Konfetti nach, denen er sich durch die Flucht entzog, während er die zurückerhaltenen, blumengeschmückten Orangen einer andern schlankeren Schönheit verbindlich überreichte.

Mannigfach unterhalten, gelangten die Freunde bis auf die Piazza Colonna, wo von der schönen Säule des Antonin ein langweiliger Heiliger langweilig auf das frohe Treiben hinabschaut, während auf dem im Hintergrunde liegenden Postgebäude die Balkons mit den Schülern der geistlichen Seminare besetzt sind, denen man wie immer das Leben nur aus täuschender Entfernung zeigt. Sie sehen nicht die lachenden, glückseligen Mienen der jungen Burschen und Mädchen, sie hören nicht das freundliche Wort, die zärtliche Gegenrede; sie können die Melodien der Musik nicht unterscheiden, die am Palast Ruspoli ihre fröhlichen Weisen erschallen läßt. Nur ein unklares Gewühl erscheint vor ihren Augen, nur wilder, verworrener Lärm dringt betäubend an ihr Ohr, und man sagt ihnen: »Das ist die Welt und ihre höchste Lust!« Wie traurig sehen die armen Kinder aus in ihrer farblosen Tracht, wie sie so dastehen, einer neben dem andere, ohne Teilnahme, ohne Heiterkeit in der allgemeinen Freude. Und es klopft doch heißes italienisches Blut in ihren Adern, es regt sich warmes Jugendleben in ihren Herzen, das man zwar begraben, aber nicht ersticken kann unter dem schwarzen Leichentuch des Priestergewandes, welches man schon in der frühsten Jugend über sie breitet.

Wie anders sind die Fenster des Palastes Ruspoli besetzt, den die schönsten Damen der vornehmen Gesellschaft in Beschlag genommen haben. Bellinis und Verdis Opernmelodien erklingen; unten auf den Stühlen, die man auf das Trottoir gestellt, sitzen die schönen Bürgertöchter Roms in der vielfarbigen Landestracht. Männer von allen Nationen drängen sich heran, den Blumenflor römischer Schönheit zu mustern; und wie Blumen in gottgegebener Schönheit unbefangen strahlend, lassen sie sich anstaunen, diese flammenden Kinder des Südens.

Oben in dem Palast flüstern die Abbate und Monsignori, über die Stühle der Damen gelehnt, in dem süßen Wohllaut der Sprache süßere Worte; sie haschen die Sträuße, welche in die Fenster fliegen, und verschmähen es nicht, da ihnen das Herumgehen auf dem Corso untersagt ist, in nächster Nähe Ersatz für dies Verbot zu suchen oder ein kleines Kreuzfeuer von Blumen und Blicken nach einem der gegenüberliegenden Fenster einzuleiten. Es soll ja jeder und es will auch jeder sein angemessen Teil an der Karnevalsfreude genießen.

Die beiden Deutschen waren von der Menge getrennt worden. Alwyl hatte einen Balkon erreicht, von dem er dem Pferderennen zusehen wollte, als Hermann heraufkam und freudestrahlend ausrief: »Meine Griechin ist da und schöner als je!«

»Wo denn?« fragte der andre.

»An der Ecke der Via Frattina! Und nun leben Sie wohl, denn ich muß hin, ich muß wissen, wer sie ist, wo sie wohnt. Sie hat mich erkannt. Dies ist der Strauß, den sie mir zugeworfen hat. Adieu!«

Vergebens rief Alwyl ihn zurück, um einige Verabredungen für den Abend mit ihm zu treffen; er war nicht zu halten und eilte die Straße hinauf, in der bereits die Dragoner zweimal vorübergesprengt waren, um Bahn zu machen für das Rennen der Pferde.

Die Wagen verließen den Corso, in die Seitenstraßen einbiegend, die Fußgänger wendeten oftmals die Köpfe der Piazza del Popolo zu, und plötzlich rauschten sie einher wie die bösen Geister des Wirbelwindes, diese kleinen römischen Pferde. Ohne Reiter, ohne Zaum, mit Rauschgold und Bändern, Federn, Glocken und Blumen geschmückt, von unsichtbaren Stacheln, von brennenden Schwammstückchen heimlich aufs grausamste gequält, vom Schmerze zu fliegender Eile getrieben, so jagen sie vorüber an das Ziel. Schaurige Bilder des Ehrgeizes, der sich unter glänzender Hülle zu Tode martert. Aber das römische Volk empfindet kein Mitleid bei dem grausigen Anblick dieser gepeinigten Tiere. Es klatscht ihnen Beifall und geht befriedigt nach Hause, sobald die Pferde – barberi genannt – an der Ripresa dei Barberi eingefangen und fortgeführt worden sind.

Der Sonntag unterbricht in stiller Feier diesen Anfang des Karnevals. Für Hermann verging er viel zu langsam, und vollends der Morgen des Montags schien ihm kein Ende zu nehmen. Er war am Sonnabend dem Wagen seiner Griechin gefolgt, hatte sie in Begleitung der alten Damen, die er vom vorigen Karneval kannte, in einem stattlichen Palazzo der Via Cesarini aussteigen sehen und von einem in dem Vestibüle arbeitenden Schuhmacher erfahren, daß die beiden alten Damen Schwestern, Signora Giuditta ihre Nichte sei. Im Sommer, so berichtete der Schuhmacher, gingen die Herrschaften auf das Land in die Mark, im Herbste kämen sie wieder. Er sagte, die alten Damen hießen Signora Laura und Rosa Marchetti, und Giuditta sei die Tochter ihres Bruders. Auf Hermanns Frage, ob die Damen viel Bekanntschaft hätten, viel Fremde sähen, antwortete er verneinend. Nur Don Luigi, ein Abbate, käme täglich und seit einiger Zeit ein schöner junger Mann. Ein »bel pezzo d'uomo« nannte ihn der Berichterstatter. Schon wollte Hermann sich entfernen, als ihm einfiel zu fragen, in welcher Kirche die Signorina die Messe höre. Er erfuhr, daß dies in del Gesù geschehe, und zwar gewöhnlich am Freitag und am Sonntag.

Mit diesen Nachrichten mußte Hermann sich begnügen, aber der junge, schöne Mann wollte ihm nicht aus dem Sinne. Er überlegte, daß zwei alte Damen, welche so einsam lebten, unmöglich plötzlich einem jungen, schönen Manne den Zutritt in ihrem Hause und den Umgang mit ihrer Nichte gestatten würden, wenn sie ihn dieser nicht zum Manne bestimmten. Er dachte grade nicht daran, Giuditta zu heiraten, und doch mißfiel es ihm sehr, daß sie die Frau eines andern werden sollte.

Den ganzen Tag überlegte er, wie er es anfange, sie zu sprechen; er konnte kein Mittel dazu finden. Ungeduldig trieb er sich am Montag auf der Passeggiata des Monte Pincio umher, bis der Trompetenschall der Militärmusik ihn nach dem Spanischen Platze rief, wo sich alltäglich die Truppen um zwölf Uhr versammeln, welche die Wache im Corso haben. Mechanisch wanderte er neben der Musikbande die Via del Babuino hinab und den Corso hinauf. Er merkte nicht, daß manche Blicke dem kräftigen, blonden Deutschen folgten, daß manches Bukett ihn zu erreichen strebte. Ohne sich umzusehen, schritt er der Via Frattina zu. Plötzlich stieß er an einen Quacksalber im teefarbenen Sammetrock, gepuderter Perücke, zierlichem Escarpin, die große Brille über die Maske gesetzt. Dieser hielt ihn fest.

»Junger Fremder!« rief er, »wie gut hat das Schicksal Euch geführt, das Euch in meine Hände liefert. Ihr seid blind, aber so blind, daß Ihr am hellen Tage über lebende Menschen stolpert. Ein scharfer Pfeil muß Euch in das Auge geflogen sein, irgendeine tückische Nymphe Euch verwundet haben. Haltet still, daß ich Euch untersuche.«

Während dieser Anrede stellten sich verschiedene Masken um sie herum, Hermann wollte sich ungeduldig entfernen, versicherte, ganz wohl zu sein, und machte sich mit einiger Heftigkeit von dem Doktor los, der seine Hand gefaßt hielt. Sogleich ließ dieser die Hand fahren und sagte: »Mir kann es gleich sein, wenn Ihr meine Hilfe verschmäht. Es war mir nur um Euch zu tun. Ein Tränkchen von einem schmerzstillenden Mittel wollte ich Euch geben, das wir lacrime della Giuditta, Judithstränen, nennen. Wollt Ihr es nicht, nun denn, so gehabt Euch wohl!«

Hermann fuhr überrascht empor. Er eilte dem Doktor nach, er versuchte, den Scherz wieder aufzunehmen, er wiederholte Giudittas Namen mehrmals, aber der Doktor war schon von andern Kranken umringt, verschrieb den hübschen Mädchen tausend Küsse als Lippenpomade, den jungen Männern feurige Blicke als Mittel gegen Erkältung, und Hermann konnte kein Wort mehr von ihm erlangen.

Überlegend, ob in diesem kleinen Abenteuer Absicht gewesen sei, ob nur der Zufall sein neckisches Spiel getrieben habe, ging er auf seinen Posten an der Ecke der Via Frattina; der bewußte Balkon war leer. Hermann tröstete sich damit, daß es noch früh sei, daß die Erwartete noch kommen werde. Er fing an, auf und ab zu wandern, aber die Strecke, welche er durchschritt, war nur gering, denn immer wieder kehrte er zurück, zu sehen, ob Giuditta noch nicht angelangt sei.

In dieser Unruhe traf ihn Alwyl. »Nun, ist sie da?« fragte er, »und werde ich nun endlich dies Wunder der Schönheit erblicken?«

»Nein!« entgegnete Hermann so kleinlaut, daß der ältere Freund zu lachen anfing. »Ich begreife es nicht, wo sie sein muß.«

»Vermutlich in einem der Wagen, die heute zu Hunderten durch die Straßen fahren. Kommen Sie mit mir, wir wollen uns umschauen.«

Verstimmt und sich dieser Verstimmung als einer Torheit schämend, folgte Hermann dem Freunde. Das Maskengewühl war bunter und bewegter geworden. Mit der Schnelligkeit und Grazie kleiner Eidechsen glitten die Römerinnen zwischen den Wagen umher. Bald redete eine kecke Trasteverinerin in irgendeinem kleidsamen Phantasiekostüm die Freunde an, bald wichen anmutige, in Dominos gehüllte Gestalten ihrer Annäherung aus, rastlos einem bestimmten Ziele folgend.

»Ich wette«, sagte Alwyl, »diese beiden Dominos, die wir hier vor uns sehen, sind Frauen der guten Gesellschaft. Sehen Sie, Hermann, diese feinen, geregelten Bewegungen, die Sicherheit der Haltung, die gebrochen ist durch die Scheu vor der Volksmenge. Die Damen suchen kein Abenteuer, aber sie haben wohl einen bestimmten Zweck; denn sie gehen mit Bewußtsein einem Ziele entgegen.«

Und so war es. Die Damen in den schwarzen, unscheinbaren, aber doch eleganten Dominos hatten Sträuße von weißen Tuberosen in den Händen, in deren Mitte eine feuerfarbene Nelke brannte. Sie haschten nach keinem der Buketts, die man den Verlarvten von mancher Seite zuwarf, sie erwiderten keine Anrede, keinen Scherz. Plötzlich trat ein hoher, schlanker Mann, ebenfalls in einem schwarzen Domino, ihnen entgegen, er hielt ein Bukett wie das ihre in den Händen, und alle drei schlüpften in das Portal eines Hauses der Via della Croce, welche rechts vom Corso liegt. Alwyl folgte ihnen nach, sie verschwanden in einer innern Türe, und er fügte sich, die Neugier überwindend, der Bitte Hermanns, zum Corso zurückzukehren, um nach der Griechin zu spähen.

Noch immer war sie nicht auf dem Balkon, den fremde Personen eingenommen hatten, und abermals fing Hermann an, die Wagenreihen zu mustern und unter den Fußgängern seinen Doktor zu suchen. Aber es ist nicht leicht, jemand aufzufinden in dem bunten Treiben des Karnevals, wo der Blick unablässig bald nach dieser, bald nach jener Seite gezogen wird. Männer in Frauenkleidern, die Modetracht und die Bewegungen der Frauen karikierend, hielten mehrmals mit dreisten Scherzen die blonden Nordländer an. Von den Balkons, auf denen Landsleute mit ihren Damen waren, wurden ihnen Konfetti, Blumen, Konfitüren zugeworfen, die erwidert werden mußten. Aus den Wagen nickten ihnen bekannte Frauen die freundlichsten Grüße, die Freunde traten auf den Wagentritt, die Blumen zu tauschen, und überall um sie her sah es fröhlich aus, überall tönte Lachen und Scherz und der sich ewig wiederholende Ruf der Knaben und Blumenverkäufer: »Ecco gli fiori!«

Ganze Omnibusse voll fröhlicher Burschen und Mädchen in der Nationaltracht fuhren vorüber; den Wagen mit Fahnen geschmückt, folgten in leichten Blusen und Filzhüten, mit farbigen Bändern geziert, die Schüler der Französischen Akademie. In großen Lettern prangte in der Hauptfahne die Devise: »Tous les arts sont frères!«, und herzhaft eröffneten die jungen Franzosen einen Krieg mit den Söhnen Albions, die, hinter Drahtmasken verschanzt, mit häßlicher Roheit große Ladungen Konfetti um sich her schleuderten. Das Volk, empört durch die Rücksichtslosigkeit, mit der die Engländer das Konfetti über die entblößten Schultern der Römerinnen herabregnen ließen, nahm für die Franzosen Partei, und der Wagen der Engländer mußte, hart verfolgt, sich durch die Flucht in eine Seitenstraße zu retten suchen.

Gleich darauf erschien eine Equipage, die von allen Seiten mit den schönsten Blumensträußen begrüßt wurde. Sechs Frauen saßen darin. Vier in dem Wagen, zwei auf dem zurückgeschlagenen Verdecke. Ihre weißen Dominos waren mit kleinen Schärpen von karmesiner Seide um die Taille gehalten, und kleine polnische Mützchen von gleichem Stoffe prangten über den schwarzen Haarflechten. Hinten auf dem Sitze des Dieners befand sich ein prächtiger Römer in schwarzem Domino. Dieser und eine der beiden oben sitzenden Damen hielten weiße Tuberosenbuketts in den Händen, in deren Mitte eine feuerfarbene Nelke brannte.

Alwyl bemerkte den Wagen und die Buketts zuerst. »Ob das nicht unsere Dominos sind?« fragte er lebhaft.

»Das ist Giuditta!« rief Hermann, und die lange gesparten Sträuße flogen als ebenso viele Liebesgrüße dem schönen Mädchen entgegen. Sie empfing sie mit freundlichem Blick, mit jenem anmutigen Gruß der Hand, der nur den Italienerinnen eigen ist; als darauf Hermann hinzutrat, ihr einen schönen Zweig künstlicher Rosen zu bieten, wählte sie lange unter den Blumen, die sie in ihrem Körbchen hatte, und reichte ihm den schönsten ihrer Sträuße, während sie, zu dem Herrn gewendet, der hinter ihr saß, mit schelmischem Lächeln einige Worte sprach.

Dann zog der Wagen in der Fila weiter, Hermanns Blicke folgten ihm lange. Er war ganz ernsthaft geworden, als Alwyl ihm gestand, nie ein schöneres Mädchen gesehen zu haben, und ihm Glück zu der Eroberung wünschte.

»Spotten Sie nur!« rief Hermann, »ich verdiene das. Warum mußte ich Ihnen auch erzählen, daß ich mich wie ein Knabe in ein hübsches Lärvchen vergafft habe. Aber denken Sie davon, was Sie wollen, ich fühle es jetzt an meinem Zorn, an meinem Unwillen, ich habe Giuditta geliebt, und ich liebe sie noch.«

Er sprach die Worte in so gereiztem Tone, daß Alwyl ihn befremdet ansah und ihn fragte, weshalb er denn zornig und unwillig sei gegen das schöne Mädchen mit den großen, schuldlosen Kinderaugen.

»Grade deshalb!« sagte Hermann. »Sieht sie nicht aus, daß man sie für einen Engel des Lichtes halten müßte, und da kommt der Quacksalber, der mir ihren Namen entgegenruft; da begegnen wir ihr selbst, wie sie verkleidet zu einem Rendezvous geht, und nun sitzt der gezierte Dandy hinter ihr, mit dem sie lächelnd spricht, während sie doch gestern tat, als suchte sie nur mich in der Menge. Es wird wohl der schöne Fremde sein, der jetzt das Haus ihrer Tanten soviel besucht.«

»Das ist sehr möglich und wäre sehr in der Ordnung!« meinte Alwyl ruhig.

»Aber warum kokettiert sie denn mit mir?«

»Tut sie das?« fragte Alwyl. »Mich dünkt, sie nimmt wie jede andere Römerin freundlich Ihre Huldigung an, und das ist kein Verbrechen, auch wenn sie die Braut des jungen Mannes wäre.«

»Oh! wäre sie seine Braut, dann würde sie nicht vermummt ihm in das fremde Haus gefolgt sein. Was wollte sie dort? Warum ging sie allein mit einer Frau durch das Volksgewühl? Das tut keine wohlerzogene Römerin.«

»Nun so ist sie das vielleicht nicht!« meinte Alwyl.

Hermann antwortete nicht und blieb verstimmt. Vergebens wogte das fröhliche Karnevalsleben in immer lauterem Jubel um ihn her, es reizte ihn nicht und vermochte nicht, ihn zu zerstreuen. Lange ehe das Pferderennen begann und die Glocke das Ave-Maria läutete, ging er nach Hause, entschlossen, mit keinem Gedanken sich mehr an Giuditta zu erinnern.

Indes kaum war er in seiner Wohnung angelangt, als er den Strauß, welchen Giuditta ihm gegeben hatte, in ein Glas Wasser zu setzen eilte. Dabei entdeckte er einen Bonbon, der oben zwischen den Blumen befestigt und auf dem ein hundertäugiger Argus gemalt war. Er trug folgende Devise:

Le sieur Argus avait cent yeux;
    Leur secours lui fut inutile;
L'amour en voit plus avec deux
    Que la jalousie avec mille.

Hermann war überrascht. Es konnte kein Zufall sein, daß grade dieser Strauß in seine Hände geraten war, denn Giuditta hatte ihn ausdrücklich gewählt; aber er konnte ihr selbst zugeworfen worden sein, und sie mochte den verborgenen Bonbon ebensowenig gesehen haben, als Hermann ihn bis jetzt bemerkte. Wie wußte sie, daß er eifersüchtig sei? Wie wußte sie, daß er sie liebte? Und hatte sie vielleicht dem glücklichen Nebenbuhler eine spottende Bemerkung zugeflüstert, als sie den Strauß für Hermann bestimmte?

Von dem Gedanken an Giuditta unablässig beschäftigt, verflossen ihm die Stunden. Vergebens forderte Alwyl ihn auf, ihm in die Osterien zu folgen, wo am Abend die fröhliche Maskenwelt sich versammelt; vergebens wollte er ihn überreden, das Theater zu besuchen. Hermann blieb unruhig und mißlaunig, bis er, trotz des festen Vorsatzes, das Abenteuer aufzugeben, am nächsten Mittag die schönsten Blumen gekauft hatte und nach dem Corso eilte, der ersehnten Geliebten zu begegnen.

Alwyl sah ihm lächelnd nach, als er wieder der Via Frattina zuschritt, sich unter dem Balkon Giudittas hinstellte und das Kreuzfeuer von Blumen und Blicken alsobald begann. Der gestrige Begleiter des Mädchens war nicht anwesend, nur die Tanten und der Abbate an ihrer Seite. Aber man muß verliebt sein, um Stunden hindurch unter demselben Balkon es auszuhalten wie Hermann. Alwyl ließ sich fortreißen von der jubelnden Menschenmenge, er folgte den Wagenzügen, deren Zahl am Dienstage schon so groß war, daß der Corso sie nicht zu fassen vermochte. Vom Spanischen Platze, an der Via della Propaganda vorüber, durch die Via dell' Archetto, über die Piazza Santissimi Apostoli zogen die Wagen nach der Piazza Venezia, um von der andern Seite auf großen Umwegen die Ripetta und die Piazza del Popolo zu erreichen und wo möglich wieder in den Corso einzufahren. Doch nicht immer war dies möglich. Viele Wagen mußten in der Via del Babuino bleiben, und hier wie auf dem Spanischen Platze waren alle Fenster mit Frauen besetzt. Fröhlich wie auf dem Corso und doch weniger eingeengt, bewegte man sich hier, und Alwyl hatte seine Freude daran, grade den einsamern Häusern seine Blumen- und Konfitürenspende zukommen zu lassen. Oft saß eine junge, schöne Mutter, umringt von ihren Kindern, in einem Fenster und mochte wohl, trotz der Liebe für die Kleinen, welche sie an die Wohnung fesselte, sehnsüchtige Seufzer nach dem Corso schicken, der für jede Römerin die unwiderstehlichste Anziehungskraft hat. Manch junges Mädchen war allein neben einem kranken Greise, neben einer hinfälligen Mutter; arme Frauen und Kinder standen in den Türen ihrer Häuser. Diesen warf Alwyl die Blumen zu, welche er mit sich hatte, und die dankenden, sich erheiternden Gesichter der Empfänger erquickten ihm die Seele.

Schon mehrmals hatte er vergebens versucht, süße Zuckermandeln und frische Sträuße in ein Fenster des dritten Stockwerks der Via del Babuino zu schleudern, aus dem ein bleiches Mädchen und eine alte Frau, beide in Trauer, auf die Straße hinabsahen; endlich gelang es. Ein schönes Bukett, ein Körbchen mit Naschwerk flogen in das Fenster; das bleiche Mädchen, die sich nicht vorbereitet haben mochte auf solchen freundlichen Gruß, schien verlegen, ihn nicht erwidern zu können. Plötzlich nahm sie eine schwarze Schleife von ihrer Brust, brach eine rote Nelke von dem Blumentopfe auf dem Fenster, und beides ineinanderknüpfend, warf sie es Alwyl zu, der es grüßend an seinen Hut befestigte und weiterziehen wollte, als ihm ein Doktor den Weg vertrat, der mit einigen Damen in einem Wagen scharmutzierte.

Alwyl sah ihn an, es war derselbe Mann, der am vorigen Tage Giuditta begleitete, es mußte nach Hermanns Beschreibung derselbe sein, der diesen mit dem Namen Giudittas beunruhigt und gereizt hatte. Alwyl fing an, ein wohlberechnetes Spiel zu vermuten, und wünschte um Hermanns willen der Sache auf den Grund zu kommen. Er trat, sobald der Wagen vorüber war, der die Aufmerksamkeit des Doktors gefesselt hatte, an diesen heran und fragte: »Seid Ihr der Doktor, der neulich einem jungen Deutschen Heilung seiner Blindheit versprach?«

»Der bin ich. Ich wollte ihn mit dem Wunderbalsam lacrime della Giuditta heilen, aber der Törichte entschlüpfte mir, und ich glaube, er ist so stockblind, daß ihm nicht zu helfen sein wird.«

»Kennt Ihr den jungen Deutschen?« fragte Alwyl.

»Sehr wohl. Er heißt Hermann D., ist seit zwei Jahren in Rom und denkt noch lebhaft des verwichenen Karnevals und einer schönen Griechin. Ihr seid sein Freund?«

»Gewiß! das bin ich; und deshalb darf ich fragen, was bewog Euch, den Verhältnissen eines Fremden nachzuspähen?«

»Die Lust und die Pflicht, einer schönen Frau zu dienen.«

»Die schöne Frau ist Giuditta Marchetti!« sagte Alwyl.

»Vielleicht ist sie's«, entgegnete der Gefragte und wollte sich entfernen.

Aber Alwyl hielt ihn fest. »Nein!« sagte er, »so entkommen Sie mir nicht. Das geht über den Maskenscherz hinaus. Wer sind Sie, mein Herr? Was ist Ihnen Signora Marchetti? Was wollen Sie mit dem Spiele, das Sie offenbar leiten?«

»Sie fragen viel auf einmal«, meinte der andre. »Indes ich bin zu antworten bereit.« Er reichte Alwyl eine Karte hin, auf welcher der Name Horazio Viviano stand, und sagte: »Ich bin Advokat in Bologna und seit drei Wochen wegen einer Familienangelegenheit, die mich und meine Cousine Giuditta nahe angeht, in Rom. Das Spiel, das ich – um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen – leiten soll, hängt damit genau zusammen.«

»Aber wie das?« fragte Alwyl.

»Das zu erörtern ist hier nicht der Platz. Sie sehen, ich bin Ihnen mit Vertrauen entgegengekommen. Ihr junger Freund gefällt mir und gefällt, was wohl die Hauptsache ist, auch einer andern mir werten Person. Wollen Sie mir die Auskunft über ihn geben, die ich bedarf?«

»Zu welchem Zwecke?« sagte Alwyl.

»Um zwei Glückliche zu machen! Meine Wohnung ist auf meine Karte geschrieben. Darf ich Sie morgen in den Frühstunden erwarten?«

Alwyl, seltsam überrascht durch die Wendung, die dies Abenteuer zu nehmen begann, sagte seinen Besuch zu, und der Doktor-Advokat trennte sich von ihm, indem vorüberfahrende Damen seiner Bekanntschaft ihn aufforderten, in ihren Wagen zu steigen.

Das Wesen Horazios hatte etwas entschieden Edles, Männliches, und Alwyl konnte sich dies mit der Sonderbarkeit seines Betragens nicht zusammenreimen. Er wußte nicht, ob er die Begegnung seinem jungen Freunde mitteilen oder verschweigen solle. Hermann war reich und unumschränkter Herr aller seiner Handlungen. Giuditta gefiel ihm; es war kein Grund vorhanden, weshalb er nicht ebensogut eine schöne Römerin als eine Deutsche zur Frau nehmen sollte. Indes sosehr Alwyls lebhafte Phantasie von dem romantischen Reiz des Begegnisses entzückt war, so sträubte sich doch der deutsche Ernst dagegen, die Zukunft und das Eheglück eines Freundes auf einen Maskenscherz gegründet zu sehen. Er beschloß deshalb, Hermann den Vorfall zu verschweigen, bis er am Morgen die Zusammenkunft mit dem jungen Advokaten gehabt haben würde.

 


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