Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Häusliche Einrichtung

Man hatte mir so oft von den Unbequemlichkeiten des häuslichen Lebens in Italien gesprochen, daß mir bange davor geworden war. Ich hatte über Kälte, über Unsauberkeit in den Wohnungen, über Diebstähle und über schlechte Nahrungsmittel klagen hören und fand dies alles teils unwahr, teils übertrieben und auch die Teuerung nicht wesentlich größer als in andern großen Städten, namentlich in Berlin.

Wer es je versucht hat, in Berlin im besten Stadtteile eine möblierte Wohnung während der Wintermonate zu mieten, wird die Preise, welche man in Rom dafür fordert, nicht viel höher finden; und nimmt man nun gar eine Wohnung für das ganze Jahr, so wird der Preis bedeutend vermindert, da man im Sommer kaum halb soviel zahlt als im Winter. Man findet sowohl einzelne Zimmer als kleine und große Wohnungen mit aller Bequemlichkeit, mit Teppichen, Lehnstühlen, vollem Küchen-, Tisch- und Silbergeräte ausgestattet. Die meisten Zimmer haben Kamine; wo dies in kalten Wintern nicht genügt, ist leicht ein eiserner Ofen mit einer Röhre hergerichtet; in kleinern Zimmern schafft ein großes Kohlenbecken – der braciere oder der caldano, das man mit ausgeglühten Kohlen füllt, die nötige Wärme. Die Wohnungen sind anständig, oft sogar reich möbliert, und außerdem kann man, wenn man höhere Ansprüche macht, bei den Möbelhändlern wie bei uns alle Arten von Hausrat zur Miete erhalten.

Mir haben die römischen Möbel sehr gefallen, weil sie massiver sind als die unsern. Schon die großen, eisernen Betten, fast so lang als breit, sind sehr bequem mit ihrem Überwurf von Tüll oder Gaze, der, von einem Ringe an der Decke herabhängend, am Tage zusammengerollt und nachts über das ganze Lager gebreitet, gegen Mücken und Fliegen schützt. Die Tische mit den großen, schweren Marmorplatten, die kleinen Waschgestelle in Form eiserner Dreifüße, die Schale und das Becken tragend, haben ihre entschiedenen Vorzüge; und die mit Baumwolle gefüllten Matratzen und Kissen der Betten sind wohl durch das Klima bedingt, in dessen Wärme Roßhaare schwer vor Motten zu sichern wären.

Die Beköstigung für die Fremden, welche nicht eigene Dienerschaft mit sich bringen, ist ebenfalls leicht zu besorgen. Man findet zunächst in ganz Italien, daß die Diener zugleich die Küche verstehen und beide Ämter nebeneinander vortrefflich ausfüllen; sodann kann man zu jeder beliebigen Stunde von den großen Restaurants Diners aller Art und aller Grade in Wärmeöfen nach seiner Wohnung geschickt erhalten oder endlich ein bescheidenes Mittagsmahl nach der Karte aussuchen, welche der Diener des Gasthauses am Morgen vorzulegen kommt und nach der er das Bestellte einliefert. Außerdem sind der Lepre, Bertini, Nazari und das Restaurant an der Spanischen Treppe Orte, an denen Männer billig und gut speisen und wohin auch wohl Frauen in männlicher Begleitung zu gehen pflegen.

Den Kaffee kann man des Morgens aus den Kaffeehäusern kommen lassen, wohlgeordnet mit dem nötigen Weißbrot, der Butter und all dem Beisatz, der den einzelnen erforderlich scheint. Diese Dinge sind nicht teuer und auch nicht schlechter, als man sie anderwärts erhält. Wir haben beständig vortreffliche Butter gehabt und Sahne und Milch ebenfalls. Es sieht wunderlich aus, wenn gegen Abend Kühe und Ziegen durch die Straßen geführt werden, wo man an jedem Hause auf Verlangen den nötigen Bedarf sich frisch von den Tieren geben lassen kann. Es mag wohl geschehen, um das Sauerwerden auf dem Wege nach der Stadt zu vermeiden.

Tee, alle möglichen englischen Sorten und Leckerbissen, Arrak und fremde Weine sind bei den englischen Kaufleuten auf dem Spanischen Platze zu haben; es gibt Fleischwarenhandlungen wie bei uns; treffliches Backwerk und treffliche Früchte – kurz, ich wüßte nicht, daß man in Rom etwas zu entbehren hätte; selbst Bierfabriken sind vorhanden, die ein ganz gutes Bier liefern sollen. Nur das Gartengemüse taugt wenig, und das Brot ist sehr schlecht; sowohl die kleinen Weißbrote, pagnotte, als das Roggenbrot. Beides ist selten gar und immer kraftlos. Zuletzt hatten wir ein Schwarzbrot (pane casereccio) entdeckt, dem Kommißbrot und Pumpernickel einigermaßen ähnlich, das uns noch das genießbarste schien.

Von der großen Plage, alle Speisen mit Öl bereitet zu erhalten, habe ich gar nichts empfunden, teils wird dies nur bei den Fastenspeisen, dem magro, angewendet, neben dem für die Fremden überall gewöhnliche Kost zu haben ist, teils ist es so rein, daß man es nicht herausschmecken kann. Aus demselben Kruge, aus dem unsere Hauswirtin die Lampen füllte, sah ich sie Öl auf den Salat gießen, den ich aus Neugier kostete und der vortrefflich war.

Mein Wirt, ein Römer und Buchführer in einem Kaufmannshause, wohnte in der Etage über uns, in engen Stübchen mit einer Frau, deren Schwester und vier Kindern. Die ganze Familie bestand aus schönen Menschen. Wie einfach diese lebten, hat mich oft gewundert. Morgens ward der Kaffee aus dem Kaffeehause gebracht; um ein Uhr machte man das pranzo, welches immer nur aus einer Schüssel von Fleisch oder Fisch bestand, und abends um sieben Uhr verzehrte man die cena, aus Salaten und kalter Fleischspeise bestehend; aber zu beiden Mahlzeiten ward Weißbrot und reichlich Wein genossen. Suppen, gekochte Gemüse und jene gemischten Speisen, die bei uns so vielfach üblich sind, habe ich dort im Hause niemals gesehen.

Tag und Nacht bleiben die Haustüren offen. Ganz leichte Schlösser schützen die Türen der einzelnen Etagen, und weder mir noch irgendeinem meiner zahlreichen Bekannten ist in Rom das Geringste entwendet worden. Im Laufe eines Jahres, welches ich dort verlebte, habe ich nie Anlaß gehabt, mich über die Bedienung oder die Handwerker und Wäscherinnen zu beklagen. Man hat mäßige Preise verlangt und für diese das Nötige ziemlich gut geleistet, so daß ich keinen Ort kenne, an dem der Fremde sich bequemer und schneller einrichten könnte als in Rom.

Das ganze Verhältnis der niedern Stände gegen die höhern hat mir sehr gefallen. Es ist durchaus nichts Knechtisches darin, und die edle Ausdrucksweise des Volkes gleicht die Standesunterschiede noch viel mehr aus. Die Frau, welche uns diente, nannte ihren Mann »einen braven Jüngling«, un bravo giovine, und sagte mir, als ich ihr bisweilen, weil sie krank war, warme Speisen aufhob: »Ringrazio lei della sua attenzione per me« (Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit für mich). Die Leute verlangen durchaus eine achtungsvolle Behandlung von den Personen, welchen sie dienen, aber sie gewähren dieselbe auch, und zwar nicht mit knechtisch erheuchelter Unterwürfigkeit, sondern aus freiem Willen, aus dem Gefühl, daß es die Gegenseitigkeit so erfordre. Der Italiener ist innerlich frei und vornehm, wenn der Druck der äußern Verhältnisse auch schwer auf ihm lastet.

Unangenehm ist die Unsauberkeit der Treppen, Flure und Höfe in den Häusern, die von Italienern bewohnt werden. Was man dagegen anwendet, wie sehr man durch seine Leute säubern läßt, es hält nicht lange vor, und nach wenig Stunden ist alles wieder in dem frühern Zustande. Dazu kommt noch, daß in den Privathäusern die Treppen abends nur schlecht oder gar nicht erleuchtet werden, und man ist gezwungen, um diesen doppelten Übelständen zu entgehen, sich von seinem Diener mit einem mitgebrachten Lichte vorleuchten zu lassen, wenn man seine Freunde besucht oder in seine eigene Wohnung zurückkehrt.

Der einzige Diebstahl, über den ich häufig klagen hörte, galt den kleinen Lampen, welche hie und da auf den Treppen angebracht waren. Mir selbst wurden sie mehrmals entwendet. Als ich dies einmal einem Geistlichen erzählte, der sich über die dunkle Treppe in meiner Wohnung beklagte, sagte er lachend: »Oh, Signora! Sie verstehen es nur nicht einzurichten. Lassen Sie ein schlechtes Heiligenbildchen hinter die Lampe kleben, das schützt sie mehr als alle andern Befestigungen und Sicherheitsmaßregeln von der Welt. Um solch kleiner Lampe willen begeht man keine Sünde an dem Heiligen, und Sie erwerben sich obenein vielleicht einen Schutzpatron im Paradiese.«

Teuer sind in Rom nur die Kleidungsstücke und die Mietswagen, wodurch bei der Größe der Stadt der Mangel an Droschken noch fühlbarer wird; und unerlernbar schwer war mir das Öffnen der Weinbouteillen, die man nur mit Öl gegen die Einwirkung der Luft verwahrt. Es sind kugelförmige Flaschen mit einem sehr dünnen, grade aufsteigenden Halse, die bis zu diesem in einem Strohgeflechte stehen. Ein Stück Werg hängt daran, mit dem man vorsichtig das Öl abtupft, ehe man den Wein eingießt. Indes die geübtesten Männer konnten doch nicht vermeiden, daß das erste Glas immer mit Öl gemischt war, und dies ist die einzige häusliche Unbequemlichkeit gewesen, für die ich in den Landes- und Klimaverhältnissen keine Notwendigkeit entdecken konnte.


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