Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Rom

Von Florenz nach Rom

Schon einmal habe ich der Vetturine erwähnt und komme wieder auf sie zurück, da wir uns zur Fahrt von Florenz nach Rom abermals einem solchen anvertraut hatten. Ich habe diese Art zu reisen für Italien, wo jeder Punkt und jedes Städtchen so viel Interessantes bietet, sehr angenehm gefunden, abgesehen davon, daß sie bequem ist, wenig kostet und mit manchen Klassen der Bevölkerung in Berührung bringt, denen man in der Diligence weniger begegnet.

Das Institut der Vetturine ist durch ganz Italien verbreitet, und die verschiedenen Unternehmer stehen miteinander in Verbindung, wie etwa bei uns die Frachtunternehmer, nur daß jene sich mit der Weiterbeförderung von Personen, diese von Gütern beschäftigen. Hat man mit dem Vetturin seinen Kontrakt gemacht, so zahlt er dem Reisenden ein Aufgeld; am Morgen der Reise läßt er eine Stunde vor der Abfahrt die Fremden in ihren verschiedenen Wohnungen wecken; dann wird das Gepäck geholt; und ist dies befestigt, so fährt man ab und ununterbrochen fort vom dämmernden Morgen bis Mittag. Weder der Kutscher noch die Pferde erhalten die geringste Erfrischung. Bettina, welche berichtet, wie sie »mit sechzehn Schnäpsen von Hanau nach Offenbach gefahren sei«, würde hier in Italien ein erfreuliches Gegenteil von Mäßigkeit beobachten können.

Unsere Reisegesellschaft nach Rom bestand, außer meiner Gefährtin und mir, in einem jungen Franziskanermönche aus dem Kloster San Paolo alla Regola in Rom und einem Tiroler Bildhauer. Bei der Abreise sagte der Besitzer des Wagens dem Kutscher mit jener italienischen Höflichkeit, die mich immer erfreut hat: »Ich empfehle Ihnen besonders die beiden Damen an«, und in der Tat hat er auch ganz wacker für uns gesorgt.

Unsere Reisegefährten waren angenehm und beide für mich durch ihre Verhältnisse interessant. Der Bildhauer, ein großer, schlanker Tiroler, hatte bis in sein neunzehntes Jahr das Pustertal nicht verlassen, wo er, ein Bauernsohn, geboren war und wie alle seine Zeit zwischen Feldbau, Jagd und Holzschnitzerei geteilt hatte. Die letztere war aber so sehr seine Lieblingsbeschäftigung gewesen, daß er sich ihr bald ausschließlich gewidmet und nebenher zu malen versucht hatte. Ein anderer Pustertaler, Maler in Wien, der einmal zum Besuche in die Berge kam, gab ihm die notdürftigste Anleitung für den Gebrauch der Ölfarben, und als dieser dann nach ein paar Jahren zum zweiten Male in die Heimat zurückkehrte, fand er, daß sein Schüler ganz hübsche Porträts in Öl malte und ein wahrhafter Künstler in der Holzschnitzerei geworden war. Selbst ganz unbemittelt, riet er Joseph G., das ist der Name des Bildhauers, dennoch nach Wien zu kommen, wo er sich bemühen wolle, ihm eine künstlerische Ausbildung zu verschaffen. Zu Fuß ging Joseph dorthin. Der Freund gab ihm einen Gipsabguß der Niobe, und Joseph schnitzte in wenig Tagen eine vier Zoll hohe Kopie danach, welche dem Direktor der Akademie der Künste vorgelegt wurde und seine Aufnahme in die Zahl der Schüler zur Folge hatte.

Nun begann für Joseph ein neues Leben. Er besuchte am Tage die Akademie, malte abends Porträts, um sich seinen Unterhalt zu schaffen, und wendete die halben Nächte an, sich durch Lektüre geistig auszubilden. In der Zeit von sieben Jahren hat er abwechselnd fünfmal die Preise für Malerei und Skulptur erhalten und endlich in der großen Konkurrenz den Kaiserpreis für Skulptur, infolgedessen er nun auf fünf Jahre als Pensionär der Regierung nach Rom geht, wo ihm eine ganz sorgenfreie Existenz gesichert ist.

Er sah ein wenig bleich aus, und auch seine Augen schienen mir nicht ganz gesund. Ich sagte ihm das, und er meinte: »Oh, ich habe sie wohl zu sehr angestrengt mit nächtlichem Arbeiten. Ich dachte manchmal, ich täte unrecht damit; aber Sie alle, die Sie von Jugend auf Unterricht erhalten, soviel Sie wollen, denen alle Schätze des Wissens zu Gebote stehen, Sie können es nicht ahnen, wie man sich danach sehnt, wenn es unerreichbar scheint und man es doch erreichen möchte. Ich habe im Pustertale keine Bücher gehabt als die Bibel, das Gesangbuch, zwei schlechte Bücher über Geschichte und Naturgeschichte und die Volkskalender; aber das habe ich alles auswendig gewußt. Als ich dann nach Wien kam und zu begreifen anfing, wie groß, wie umfassend die Wissenschaften wären, da war ich wie im Fieber. Es ließ mir keine Ruhe. Von den Geschichtswerken griff ich nach den deutschen Klassikern, von den Klassikern nach den Philosophen. War ich in der Akademie, dann quälte es mich, daß ich nicht studierte oder in ein Kollegium gehen könne, studierte ich, so machte ich mir Vorwürfe, daß ich nichts für die Kunst täte. Das war ein trostloser Zustand! Aber da haben sich denn andere meiner angenommen und mir Rat gegeben, daß nur erst Ordnung in mein Wollen kam.«

Mit rührender Natürlichkeit erzählte er, wie er die erste Zeit in der Akademie mit seinen Tiroler Kleidern der Gegenstand allgemeiner Neugier gewesen sei, wie alle um ihn hergestanden und ihn angeschaut hätten. Da habe er das erste erübrigte Geld dazu angewendet, sich moderne Kleider zu kaufen, in denen er sich aber »ganz wie verhext« vorgekommen sei. Er schilderte die Angst, welche ihm die Gesellschaft anfangs eingeflößt habe; die Not, den Tiroler Dialekt abzulegen und das Hochdeutsche zu verstehen; dann seine Reisen nach Ungarn und Böhmen, wo er die Arbeiten seines Lehrers in der Skulptur auf den Gütern adliger Familien aufgestellt habe; seine Unterredungen mit dem Fürsten und der Fürstin Metternich, die in den Ausstellungen von seinen Arbeiten gekauft; und die Abschiedsaudienz bei dem Kaiser.

In allen diesen Erzählungen wehte der frische klare Sinn eines Menschen, der, in der freien Natur, in den schlichtesten Verhältnissen erwachsen, Welt und Menschen mit gesundem Auge, ohne die trübe Brille konventioneller Vorurteile anschaut. Joseph G. kannte unsere klassische Literatur vollkommen, war in Geschichte, soweit ich es beurteilen konnte, sehr bewandert und hatte sich die philosophischen Systeme zu eigen gemacht, wie eben ein Laie dies kann. Dabei war er, was uns andern nur zu oft fehlt, in der Natur zu Hause, und wenn er die verschiedenen Pflanzen, Vögel, Käfer, Steine in ihren Merkmalen zu sondern wußte, hätte ich gern manche von den mühsam erlernten Modespielereien unserer Erziehung für diese Kenntnisse gegeben, die der Tiroler bei seinen Gemsjagden, bei seinem Umherstreifen in Wald und Feld erworben hatte.

Ich habe, wenn ich mich an seinem derartigen Wissen erfreute, oft eines Vorgangs gedacht, der sich einmal in meiner nächsten Umgebung zutrug. Zwei Mädchen von zwölf bis vierzehn Jahren, in der Stadt in den besten Verhältnissen erzogen, fanden in einem Garten einen Maikäfer, brachten ihn den übrigen zu sehen und konnten sich nicht genug darüber wundern, »wie täuschend ähnlich er einem Maikäfer aus Schokolade sei«. Dies hat mir damals ein förmliches Grauen vor unserer Erziehung der Jugend beigebracht. Wie weit ist es gekommen, wenn Kinder verständiger Eltern der Natur so fernbleiben, daß ihnen die Künstelei ein Wirkliches, Gekanntes, ein feststehender Begriff ist, nach dem sie die Natur beurteilen lernen? Es wäre ein großer Gewinn, wenn wir erst die Bäume und Tiere und Dinge um uns her betrachteten, ehe wir mit dem Geiste in alle fernen Zonen versetzt würden; und ließe man den Kindern in den ersten zehn Jahren ihres Lebens dazu Raum, so würden sie tüchtig und gesund genug werden, den spätern Unterricht in den Wissenschaften in um so kürzerer Zeit zu erfassen. Ich glaube nicht, daß Joseph G. jemals es bereuen wird, in Wald und Feld aufgewachsen zu sein; es ist ein Segen für das ganze Leben, der reiche Früchte tragen muß, besonders in der Seele eines Künstlers.

Der andere Reisegefährte, Pater Salvatore R., ein Sizilianer, war der Sohn eines Kaufmannes und fast gegen den Willen, mindestens aber gegen den Wunsch seiner Eltern Mönch geworden. »Ich habe ein melancholisches Temperament«, meinte er, »und sehnte mich nach einem ruhigen, sanften Leben«. Er war kränklich, hatte an der Leber gelitten, und da der Arzt ihm Bewegung und Luftveränderung verordnet, war er von seinem Prior auf Reisen geschickt, um in den heißen Monaten die aria cattiva Roms zu vermeiden. Nun kam er von einer dreimonatlichen Tour durch die Klöster des Kirchenstaates zurück. Seine Reiseroute war ihm vorgeschrieben. Wo es tunlich war, wurde er mit Klosterfuhrwerk befördert und wohnte in den Klöstern; ging dies nicht, so bediente er sich der Vetturine, und während der fünf Tage, die wir zur Reise nach Rom verwendeten, lebte er wie wir andere in den Gasthäusern und ließ sich nur am Freitage Fastenspeise geben.

Wir denken uns aber das Klosterleben viel abgeschiedener von der Welt, als es ist. Pater Salvatore erzählte mir, daß er zwischen zehn Uhr morgens und sechs Uhr abends ausgehen dürfe, wie er wolle und wohin er wolle, nur mit der Bedingung, um zwölf Uhr zum Mittage zu Hause zu sein. Ihre Mahlzeiten schilderte er als einfach, »weil das Kloster nicht reich sei«. Für kleine Bedürfnisse, zu denen er eine Tasse Kaffee oder ein Glas Eis, außer dem Hause zu genießen, rechnete, erhalten sie ein monatliches Taschengeld. Bücher dürfen sie von ihrem Gelde nur mit Erlaubnis des Priors kaufen; Hunde zu halten ist ihnen verboten, Vögel und Katzen aber erlaubt.

Ich fragte ihn, ob er Romane lesen dürfe. »Im Kloster nur diejenigen, welche die Zensur passiert haben; aber wir lesen auch wohl einmal einen andern, wenn wir bei bekannten Familien in der Stadt sind.« In diesen Familien hatte er auch moderne Opernmusik gehört, da ihnen natürlich der Besuch der Theater verboten ist. Dagegen haben sie während des Karnevals mit ihrem Prior Zutritt zu den Klöstern, in welchen die jungen Römerinnen erzogen werden und wo die Pensionärinnen Komödien aufführen. Eine junge Dame, welche in einem Lustspiel einen Kavallerieleutnant gespielt und mit ihrem feinen Stimmchen unter dem kleinen Schnauzbart gar keck gesprochen hatte, schien ihm sehr unvergeßlich zu sein; wie er denn auch einer andern erwähnte, die den »armen Poeten« ganz meisterhaft dargestellt. Den Karnevalsfreuden auf dem Corso sehen sie aus den Palästen der vornehmen Familien zu, welche die verschiedenen Mönchsklöster einladen.

Gelernt hatte der gute Pater wenig, schien auch gar keine Neigung und Sehnsucht nach weiterer Ausbildung zu haben, obgleich er erst vierundzwanzig Jahre zählte. Er machte in dieser Genügsamkeit einen entschiedenen Gegensatz zu dem Bildhauer. Salvatore hatte ein sehr angenehmes Organ, las gut vor und hat uns später in Rom dann und wann eine Freude dadurch gemacht, wenn er uns aus Anthologien etwas vorlas, welche eigens für die Klöster eingerichtet und aus denen alles entfernt worden, »was gegen den Glauben und die Sitten verstieß«, wie es auf dem Titel bemerkt war. Einmal hatte er mir ein Exemplar des Boccaccio geborgt, das man auch auf diese Weise zugestutzt hatte.

Was aber Salvatore an Wissen fehlte, das besaß er doppelt an gutmütiger Wohlerzogenheit, die auf eine sorgfältige Aufsicht in seiner Jugend schließen ließ. Ich habe ihn in Rom oftmals gesehen, bis in der letzten Zeit, wo er viel kränkelte und seltener kam. Anfangs schob ich dies auf irgendein Verbot seiner Obern, denen vielleicht die Besuche bei den Ketzerinnen unerlaubt scheinen mochten. Ich fragte einen der mir bekannten Weltgeistlichen darum, einen liebenswürdigen, aufgeklärten Mann und Bibliothekar im Vatikane, der Salvatore kannte und mich beruhigte, indem er lachend sagte: »Wäre Salvatore wiederhergestellt, so erlaubte man im Gegenteile es gern; es wäre ja möglich, daß durch ihn Ihre Seele uns gewonnen würde!«

Danach aber war Pater Salvatore gar nicht angetan, und sosehr er la vita dolce e tranquilla del convento, das süße, ruhige Leben des Klosters, rühmte, so schien es mir durchaus, als ob er immer ernster und trauriger würde, je mehr er sich der Rückkehr in diesen ruhigen Aufenthalt näherte. Als wir an der Dogana in Rom unser Gepäck untersuchen lassen mußten und er seinen kleinen, weißen Holzkasten öffnete, der nur ein wenig Wäsche und einige Bücher enthielt, sah er ganz wehmütig aus und machte achselzuckend eine jener italienischen, ausdrucksvollen Gebärden. als wollte er sagen: »Was kann ich denn besitzen!«

In Gesellschaft dieser beiden Männer, von denen man mancherlei Neues erfahren konnte, vergingen mir die Stunden im Wagen sehr angenehm. Wir übernachteten in Arezzo, versuchten im Dämmerlicht pflichtmäßig die Loggia von Vasari und das Geburtshaus des Petrarca zu sehen und fuhren am nächsten Morgen noch bei Sternenschein von Arezzo ab.

Es war Weinlese im Lande und schon vor Tagesanbruch alles voll Leben auf den Straßen. Große, weiße Stiere mit gewaltigen Hörnern gingen bedächtig vor den langen, schmalen Karren einher, auf denen in hohen Holzkübeln die Trauben aufgehäuft lagen. So malerisch dies aussah, so wenig entsprach das Kostüm der Männer und Frauen den Bildern, welche wir von Italienern zu sehen gewohnt sind. Die Tracht glich ganz der unserer Landleute, war eben nur eine notdürftige Bekleidung mit farbigen Baumwollzeugen und zeichnete sich weder durch Sauberkeit noch durch besondern Mangel daran aus; aber die Menschen waren kräftig, groß und schön.

Dem Laufe der Apenninen folgend, kamen wir durch das liebliche Chianatal an zahlreichen Städten vorbei oder fuhren durch dieselben durch. Sie sind hier im Kirchenstaate alle verfallen, und dies sieht um so trauriger aus, als auch der kleinste Ort einzelne Paläste und prächtiges Straßenpflaster hat, die auf eine reichere Vorzeit schließen lassen. Bergauf und -nieder fahrend, erreichten wir nahe vor Perugia einen großen See und machten an seinem Ufer in einem Flecken Passignano del Lago die Mittagsrast.

Auf einer großen Holztafel über dem Kamine der Locanda, in die wir eingekehrt waren, stand eine große, pomphafte Anzeige, daß dies der Trasimenische See sei, an dessen Ufer Hannibal den Konsul Flaminius besiegte. Trotz dieses großen historischen Momentes hatten wir vortrefflichen Appetit und verzehrten ein Frühstück von gerösteten Fischen und Eiern, für das man uns zum ersten Male auf der Reise einen so hohen Preis abforderte, daß ich genötigt war, Einwendungen zu machen, welche, wie immer in solchen Fällen, unbeachtet blieben.

Darauf machten wir einen Spaziergang an dem See. Es war kühl, die Sonne unter Wolken, weiße Möwen flogen nahe über dem Wasser mit jener hinschießenden Bewegung, die ihnen so eigentümlich ist. Das graue Licht, der frostige Farbenton, in dem selbst das Wasser silberfarbig erschien, das der Wind auf der Oberfläche in kleinen Wellen kräuselte, bildeten einen starken Gegensatz gegen die südliche Pflanzenwelt und die weiche, wellenförmige Gestalt der Bergzüge. Es war eine Mischung nördlicher und südlicher Elemente, die uns durch ihre Seltenheit fesselte, bis ein leiser Regen niederzutröpfeln begann.

Sogleich kam der Wirt uns mit einem Schirme entgegen, uns in die Locanda zurückzuholen, und ging plaudernd neben uns her, während er Scharen von bettelnden Kindern abzuwehren strebte, die dringend um eine Gabe baten. In Toskana dieses Anblicks ganz entwöhnt, sagte ich, wie dies Betteln doch gar zu lästig sei und daß die Behörden in meinem Vaterlande es nicht duldeten.

»Dann tut aber die Regierung in Ihrem Lande gewiß alles«, meinte der Wirt, »den Armen Arbeit und Brot zu geben. Unsere elende Regierung« (es war 1845, zur Zeit des vorigen Papstes) »tut gar nichts für das Volk. Der Vater dieser armen Jungen, Signora, muß Steuer zahlen so gut wie jeder andre; aber man gibt ihm kein Mittel, sich ehrlich zu ernähren und die Steuer zu erwerben; da muß man ihn betteln lassen, wenn er mag, was doch immer noch besser ist als stehlen!«

Ich blickte den Wirt überrascht an. Es war ein großer, stattlicher Italiener, der recht behäbig, wie ein wohlhabender Mann aussah, gar nicht wie einer, der an sich selbst die Erfahrung von Not und Elend gemacht hatte, und doch sang er das traurige Warnungslied, das jetzt durch die ganze Welt erklingt.

»Die Völker sind nie zufrieden«, sagte einer von uns, um ihn noch weitersprechen zu machen.

»Das ist wahr«, antwortete er, »denn in Preußen haben Sie einen guten und weisen König und haben doch nach ihm geschossen. Was sollen wir denn tun? Unsere Abgaben sind ungeheuer, und man tut nichts für das Land. Sehen Sie«, fuhr er fort, sich gegen mich wendend, »Sie haben die Fische teuer gefunden, aber wir bezahlen vom Pfunde drei Bajochi Steuer.« Das ist etwa zwei Groschen von unserm Pfunde.

Dies kam mir so viel vor, daß ich es nicht glaubte, aber der Mann zeigte mir die Steuerzettel der ganzen Woche, die es als richtig auswiesen. Um ihn zu trösten, bemerkte ich ihm, daß wir auch Fischgerechtsame hätten und Erlaubnisscheine zum Fischen lösen müßten.

»Aber Sie zahlen gewiß nicht drei Bajochi für das Pfund und haben wohl nicht die besten Fische an das Kloster zu liefern!« rief er. »Oh! es sieht schlimm bei uns aus. Es ist kein Wunder, wenn sie revoltieren! In der Romagna hat man zwölfhundert junge Leute verhaftet, mehr als ein Drittel darunter sind Kavaliere aus guten Häusern. Mit dem Einsperren und Verurteilen hat's immer Eile. mit dem Helfen hat's Zeit.«

Ich konnte ihm nichts darauf erwidern und wünschte ihm, als wir den Wagen bestiegen, das Beste für sein Land, dem nun in dem edeln Pius dem Neunten ein segensreicher Stern erschienen ist. Es tat not darum.

Gegen Abend kamen wir nach Perugia, das, einst eine Stadt von vierzigtausend Einwohnern, deren jetzt nur vierzehntausend zählt. Natürlich sind die breiten Straßen und großen Plätze still und leer, und das Gras wächst ruhig zwischen den Steinen empor. Dafür aber gibt es, wie das Reisebuch berichtet, hundertunddrei Kirchen und vierunddreißig reguläre Mönchs- und Nonnenklöster in der auf hohem Berge gelegenen und mit starken Befestigungen versehenen Stadt. In den Festungswerken an der Piazza Grimana bemerkt man ganze Stücke von Mauern aus der ältesten Vorzeit und Tore, welche auch das Auge des Laien für Bauwerke früherer, fremder Jahrhunderte erkennen muß.

Auf dem sehr schönen Hauptplatze befindet sich vor der prächtigen Kathedrale und dem großen Stadthause ein Springbrunnen von schönster Form, der reichlich Wasser spendet. Daneben ist eine Erzstatue des Papstes Julius des Dritten von Danti, welche sehr berühmt ist, mir jedoch nicht gefallen hat. Sie ist sitzend dargestellt; der antike Sessel ist aber sehr schmal, und der Papst sieht dadurch unfrei in seiner Bewegung aus, wie jemand, der schlecht sitzt und lieber aufstände. Überhaupt erscheinen sitzende Statuen zwischen großen Gebäuden immer unvorteilhaft, weil sie, durch deren Masse erdrückt, kleiner aussehen, als sie sind.

Am nächsten Morgen besahen wir die alte Börse, das Collegio del Cambio, das von Perugino al fresco gemalt ist und bei dessen Ausführung Raffael als Schüler geholfen hat. Merkwürdig ist es, wie streng sich dieser in seinen ersten Arbeiten an die Schule seines großen und in seiner Auffassung so unbeschreiblich lieblichen Lehrers gehalten hat. In der Auferstehung der Jungfrau im Vatikane, in dem Sposalizio in der Brera zu Mailand und auch noch auf andern Bildern, zum Beispiel in der Grablegung des Heilands, die sich in der Galerie Borghese zu Rom befindet, begegnet man einzelnen Männer- und Frauengestalten, die vollkommene Kopien der Figuren von Peruginos Bildern sind, wennschon sie sich in schönerer Freiheit bewegen.

Aber auch hier in Perugia befindet sich ein Werk Raffaels, das ihn durch seine unerreichbar reine Schönheit als Meister verkündet. Es ist die lieblichste aller Madonnen, die Madonna aus der Galerie della Staffa. Das Bild, auf einer runden Holzplatte gemalt, hat vielleicht einen Fuß im Durchmesser. Die Madonna ist sitzend dargestellt, das Kind ruht auf ihrem Schoße. Ein schöneres Oval des Kopfes, einen reineren Ausdruck mädchenhafter Mütterlichkeit kann man sich nicht denken. Die dunkelbraunen, klaren Augen sehen so unschuldig klug aus, das goldbraune Haar legt sich so sanft um die reine Stirne, und der ganze Ausdruck des Kopfes, der Haltung ist so voll demütiger Hoheit, daß ich noch nicht eine Kopie gesehen habe, welche diese hohe Schönheit auch nur andeutend wiedergäbe. Diese Madonna in der Galerie della Staffa und die Sixtinische Madonna sind für mein Gefühl und mein Erfassen die beiden schönsten Marien Raffaels.

Bald hinter Perugia kommt man über die Tiber und erreicht nach wenig Stunden Assisi, welches als Geburtsort des heiligen Franziskus voller Kirchen und Klöster ist. Das Franziskanerkloster ist so groß und starkmaurig, daß ich es aus der Ferne, als ich es zuerst auf der Höhe erblickte, für eine bedeutende Festung hielt.

Wunderlich ist es, wie der Kultus in allen diesen Städten, wo er so in das tägliche Leben übergreift, an Idealität verloren hat und wie man ihn mit unehrerbietiger Gleichgültigkeit behandelt und benutzt.

An vielen Häusern sieht man Madonnenbilder angebracht, vor denen abends eine Lampe angezündet wird und die jeder im Vorbeigehen mit Eilfertigkeit flüchtig begrüßt, wie man jedem Bekannten schnell eine Verbeugung macht. Diese Art von Verehrung hindert aber nicht, daß zu beiden Seiten lange Stangen und Schnüre zum Trocknen der Wäsche ausgehängt werden, so daß die Madonna zwischen alten Strümpfen und Röcken hervorsieht oder, von ihnen verborgen, warten muß, bis sie trocken sind, um die Verehrung der Vorbeigehenden zu genießen. Überall, wo man bei uns an den Häusern bittet, keine Zettel anzukleben, oder zur Reinlichkeit ermahnt, malt man ein Kreuz oder ein Fegefeuer hin, und diese heiligen Embleme vertreten im Kirchenstaate und in Neapel die Stelle der Warnungstafeln. Der Kultus als polizeiliche Sicherheitsmaßregel hatte für mich etwas sehr Komisches und Trauriges zugleich.

In Spello, in Foligno, überall gab es Kirchen mit schönen alten Bildern; in Spello Fresken von Pinturicchio. Indes, hat man ein höchstes Ziel, einen Montblanc vor sich, so verschwinden davor alle Hügel und Berge, die uns davon trennen; wir überschreiten sie mit geflügelter Eile und sind kälter für ihre Schönheit, weil wir nach dem Höchsten streben und trachten. So ging es mir wenigstens mit dem Anziehenden, das uns die Reise zwischen Perugia und Rom zu bieten hatte.

Am 9. Oktober erblickten wir den ersten ganz wohl erhaltenen Tempel aus der Römerzeit. Er liegt auf einem grünbewachsenen Felsenvorsprunge, über einem tiefen Tale an der Quelle des klaren Clitumnus; man sieht, die alten Priester liebten schöne Gegenden ebensosehr und verstanden sich so gut darauf als die Mönche. Jetzt ist der Tempel in eine christliche Kapelle verwandelt, aber das Volk nennt ihn noch il Tempio di Clitunno, und man zeigte uns an dem Altar die Rinnen, durch welche das Blut der geopferten Tiere hinabfloß.

Von der Poststation Le Vene, bei der dieser Tempel liegt, wird die Gegend nach Spoleto immer schöner und schöner. Man fährt durch die Somma, den Höhenpunkt der Apenninen. Weiße, breitgestirnte Stiere wurden vor unsern Wagen gespannt, uns den Berg hinaufzuziehen, auf dem Spoleto liegt. Immer deutlicher tritt jetzt das Altertum aus der Vergangenheit hervor, immer sichtbarer werden seine Spuren in der Gegenwart. Auf der vor Alter schwarzgrauen Porta d'Annibale ist die lange, uralte lateinische Inschrift noch ganz so deutlich lesbar als auf dem Tempel des Clitumnus. Ruinen eines römischen Theaters; schöne antike Säulen um eine neuere Kirche; der sogenannte Palast des Theoderich und eine Brücke zwischen zwei Felsen, welche zugleich als Wasserleitung dient, verkünden von jenen Tagen.

In der Kathedrale sind Fresken des Mönches Filippo Lippi, der dort begraben liegt. Mehr als diese selbst interessierte mich sein Leben. Er entfloh dem Kloster und geriet in Afrika in Sklaverei. Befreit kehrte er heim, gelangte als Maler zu Ehren und Ansehen und ward, sechzig Jahre alt, von den Verwandten eines Mädchens vergiftet, das er entführt hatte.

Aber nicht allein die alten Bauwerke bereiteten allmählich auf die Annäherung an Rom vor, auch die Unsicherheit der Wege ließ erraten, daß man sich im Kirchenstaate befände, wo alles Beten, Klingeln und Weihräuchern die Not nicht gemindert und die Moral nicht gebessert hat.

Als wir die Somma hinabfuhren, sahen wir von zehn zu zehn Minuten einzelne kleine Wachthäuser mit zahlreicher Bemannung, von der uns überall Patrouillen zu Fuß und zu Pferde begegneten. Die Diligence wird von sechs Karabinieri begleitet, und als wir am nächsten Morgen das letzte Nachtlager vor Rom verließen, richteten sich die Vetturine so ein, daß wir in einer Karawane von fünf Wagen zusammen abfuhren.

Obgleich uns nicht das geringste Üble begegnete, hatte man doch ein Gefühl von Unsicherheit und Traurigkeit über diese unerläßlich gewordene Notwehr. Freilich aber begegneten wir großen Scharen kräftiger Männer – ich hielt sie für Rekruten –, die im Lande umherzogen, Arbeit und Erwerb zu suchen, welche sie oft lange nicht finden sollen. Daß dies möglich war in einer Gegend, in der große Strecken ganz brachliegen, das hat die damalige Regierung zu verantworten.

Trotz dieser Unsicherheit war die Straße von Reitern und Vetturinen belebt und gewann ein eigenes Interesse dadurch, daß in jenen Tagen die Schafherden von dem Sommeraufenthalte in den hohen Bergen zurückkehrten in die Ebene. Einzelne, aber verhältnismäßig sehr kleine Herden von Rindvieh kamen daneben vor und gingen majestätisch zwischen den Tausenden krauswolliger Schafe einher, die, von großen Wolfshunden geführt, mit bunter Hast sich überstürzend, von den Höhen hinabkamen. Pifferari in Hosen und Mänteln von Ziegenfellen, mit großen ledernen Gamaschen und durchlöcherten, spitzen Hüten zogen voraus und hinten nach, die schönste, malerische Staffage bietend für die pittoresk zerklüfteten Steinmassen, aus deren vulkanisch glitzerndem Boden gelber Ginster und vielfarbige Erikas hervorblühten.

In Terni, dessen Wasserfall ich nicht gesehen, weil ich müde und, wie mich dünkt, vor Ungeduld nach Rom unwohl war, übernachteten wir. Ich stand mit dem Pater Salvatore auf dem Balkon unseres Gasthauses und sah auf den Markt hinab, auf welchem Frauen mit dem weißen römischen Kopftuche die verschiedenen Viktualien feilboten. Dreißig, vierzig jener arbeitsuchenden Männer kauften Brot und Zwiebeln und legten sich nachher auf den Schwellen der Kathedrale zur Nachtruhe unter Gottes freiem Himmel, während die wohlgenährte Geistlichkeit zur fetten Abendmahlzeit nach Hause ging und sorgfältig die Kirchentüren schloß, hinter denen sich ihre toten Schätze, jene silbernen und goldenen Altargefäße, befinden. Die Männer auf der Kirchentreppe mochten ein sehr malerisches Bild geben; herzzerreißend und empörend blieb es doch.

In Otricoli, wo wir einmal rasten sollten, sah ich zuerst und nie wieder in dem Grade, was man unter der italienischen Unsauberkeit verstehe. Ich konnte mich nicht entschließen, in der Locanda mich auch nur eines Stuhles oder einer Bank zu bedienen, sondern zog es vor, im Wagen sitzen zu bleiben, nachdem wir auf einem Gange durch die Stadt alte ägyptische Marmorbildwerke aus dem tiefen Straßenkote hervorragen gesehen hatten. Hier in diesem kleinen, jetzt so elenden Städtchen hat man den berühmten Jupiterskopf gefunden, der eines der vollendetsten Kunstwerke der Welt, eine Zierde der Sammlung im Vatikane ist.

Auf antiken, mit großen Steinen gepflasterten Straßen, der Via Cassia und Via Flaminia, fuhren wir durch das Sabinerland. In Nepi, in Civita Castellana, das in seinem Staatsgefängnisse viele Verhaftete aus der Romagna beherbergte, in allen Gasthäusern und Cafés, in die wir kamen, hörte man nur von der Revolution in Rimini und Bologna sprechen. Man tadelte die Regierung bitter, bedauerte die Gefangenen und deren Familien und fürchtete neue Hinrichtungen, denn die Regierung sei »ebenso hart im Verdammen als sparsam im Verzeihen«. Die scheue Art, das leise Sprechen, das ängstliche Umherschauen der Personen, welche sich davon unterhielten, waren traurige Zeichen für das Land und für das Gouvernement des Stellvertreters Gottes auf Erden.

Der Morgen des 11. Oktober war wieder kühl und trüb, und die geistige Erregung, welche sich meiner bemächtigte bei dem Gedanken, im Laufe des Tages Rom zu erreichen, machte, daß ich, innerlich fröstelnd, es kaum ertragen konnte, ruhig im Wagen zu bleiben. Deshalb schlug ich am Mittage, als der Vetturin in einer einsam gelegenen Locanda haltmachte, dem jungen Bildhauer vor, mit mir eine Strecke vorauszugehen, um dadurch den Frost sowohl als die innere Erregung zu bekämpfen.

Als wir nun so hinzogen, der Tiroler Bauernsohn, den das Lebensgeschick zum Künstler berufen, und ich, die herausgetreten war aus der friedlichen Begrenzung glücklichen Familienlebens in die kältere, unruhige Atmosphäre der Öffentlichkeit, beide einander fremd, fern von den Unsern und für den Augenblick aufeinander angewiesen, da kam mir jedes Menschenleben recht wie ein selbständiges Ganze vor, wie ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Kunstwerk; bis ich des Bodens gedachte, auf dem wir wanderten, und das Leben des einzelnen mir gering erschien in dem großen Zusammenhange aller Zeiten und aller Menschen.

Wir waren mitten in der römischen Campagna. Kein Baum, selbst kein Strauch, soweit das Auge reichte. Die Sommerglut hatte den Rasen getötet, der im Winter und Frühjahr so grün und frisch dies wellenförmig sich hebende und senkende Land bekleidet. Aus rötlichbraunem Grunde wuchsen einzelne großblättrige Disteln empor; keine Wohnung, keine Herde war sichtbar, kein Laut zu hören. Als wolle die Natur selbst Rom von allem andern trennen, um es dadurch noch schöner, noch hervorstechender erscheinen zu lassen, so legt sich diese ernste, traurige Campagna mit ihrem schwermütigen Schweigen um Rom. Einzelne Kärrner fuhren später an uns vorbei; einmal begegneten uns zwei große, starke Männer, welche uns um eine Gabe ansprachen. Sie behaupteten, seit zehn Tagen im Lande umherzugehen und Arbeit zu suchen, ohne sie zu finden. Der junge Bildhauer zog seine Börse, um ihnen etwas zu geben. Ich hatte Furcht, daß sie sie ihm entreißen würden, aber sie begnügten sich mit der Gabe, dankten und zogen weiter.

Unaufhörlich mußte ich der Scharen von Gläubigen gedenken, welche als Pilger diesen Boden betreten hatten, und der Ereignisse, der Kämpfe, deren Zeuge dieser Erdstrich gewesen war. Die Vergangenheit entwickelte sich majestätisch vor meinem Geiste, und das innere Auge sehnte sich, einen Blick in die Zukunft zu werfen und zu erspähen, wo sich die historische Krisis entscheiden wird, in der die Menschheit jetzt angstvoll und mit ernstem Eifer ringt.

Als wir von unserm Wagen eingeholt wurden und ihn wieder bestiegen hatten, fand ich die gezwungene Ruhe von Augenblick zu Augenblick qualvoller. Der Vetturin rief uns zu, daß wir uns am Grabmale des Nero befänden.

Ich bog mich zum Wagen heraus, und hier, über dem wellenförmigen Flachlande, das die gelbe Tiber langsam durchströmt, tauchte plötzlich das heilige Rom mit seinen Kirchen und Kuppeln vor meinem Auge empor, überragt von der Riesenkuppel Sankt Peters, deren Kreuz im vollen Lichte der eben aus den Wolken hervorgetretenen Sonne leuchtete; mir ein Zeichen der Verkündigung und Erfüllung.

Heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. Freude, am ersehnten Ziele zu sein; Ahnung des Schönen, das mir nun werden müsse; ein Gefühl von Leere, wie man es empfindet, wenn mit dem Erreichen eines Zieles die Notwendigkeit des Strebens aufhört, und eine ganz unsägliche Freude kamen über mich, so daß ich zum erstenmal in tiefer Sehnsucht nach meinen Lieben die Last des Alleingenießens sehr schwer empfand. Es war eine der bewegtesten, gehobensten Stimmungen meines Lebens, voll Dank gegen mein Geschick, voll Liebe für alles Gute, Große, Schöne und voll willenskräftiger Zuversicht zu mir selbst.

Tiefergriffen erreichte ich das Weichbild Roms, die beiden Wache haltenden, steinernen Apostel, und fuhr mit schlagendem Herzen ein durch die antike Porta del Popolo in das Ewige Rom.


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