Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Kirchen

Der Dom, die Hauptkirche des blühenden, blumenreichen Florenz, heißt Santa Maria del Fiore – Maria der Blumen. Er ist zur Zeit der Republik von Arnolfo di Lapo begonnen und nach 160 Jahren vollendet. Die Kuppel, welche sich Michelangelo zum Vorbilde für die Peterskirche in Rom erwählte, ist von Brunellesco, dessen Statue vor einem öffentlichen Gebäude, dem Dome gegenüber, neben der des Arnolfo di Lapo, steht.

Der Dom ist von außen ganz mit einer Mosaik von mehrfarbigem Marmor bekleidet, innen dagegen äußerst schmucklos, bis auf die Kuppel, die mit schönen Fresken geziert ist. Er machte in seiner starren Größe auf mich einen unheimlichen Eindruck. Sooft ich in den Dom trat, fielen mir die Worte ein: »Und die Erde war wüst und leer, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.« Es ist eine starre, niederdrückende Größe, eine trostlose Öde in dem Charakter des innern Domes, und ich habe immer gedacht, es sei die Absicht des Baumeisters gewesen, dem Gebäude diesen Ausdruck zu geben, damit die beängstete Seele des Menschen sich Rettung, Zuflucht suchend an das Kreuz klammere, das über dem Hochaltare errichtet ist. Man wird nicht erhoben zum Streben nach dem Ideale, nach Gottähnlichkeit, um des Allgeistes würdig zu werden; man wird gedemütigt bis in das innere Sein. Die ganze Lehre von der Erbsünde, von der Nichtigkeit aller menschlichen Bestrebungen schwebt in diesen Räumen und wuchtet sich so erdrückend und lähmend auf die Seele, daß man verzagt und traurig wird. Es ist die einzige Kirche von allen, die ich in Italien sah, welche diesen düstern Eindruck hervorruft. Ich hätte mich gar nicht gewundert, wenn ich hier urplötzlich eine deutsche Predigt gehört hätte, die das schöne Erdenleben eine Prüfungszeit, die Welt ein Jammertal, die Menschen elendes, gottloses Otterngezücht genannt und aller Gnade ungeachtet zu den Qualen der Verdammnis bestimmt hätte.

Wir besahen das Sehenswerte im Dom: die Gräber Brunellescos und Giottos, ein Bild des Dante, von einem Quattrocentisten gemalt, auf dem er dargestellt ist in rotem Gewande, die rote Zipfelmütze mit dem Lorbeerkranze umwunden und ein offenes Buch in der Hand, das geistvolle, strenge, auf allen Bildern ähnliche Profil. Man zeigte uns die Meisterwerke von Luca della Robbia, Basreliefs von gebranntem Ton in höchster plastischer Vollendung – aber das alles verschwand für mich in dem traurigen Charakter des Domes, und ich atmete erst wieder frei auf, als ich unter Gottes blauem Himmel stand, die Sonne mich warm und freundlich beschien und ich die Statue Brunellescos zur Kuppel des Domes, zum Lichte emporblicken sah. Wir sind ja zum Glück geschaffene Kinder des Lichtes!

Man hat den Menschen so viele hundert Jahre lang dies selige Bewußtsein zu vernichten gestrebt, man hat ihre Seele umnachtet mit den schrecklichsten Bildern von Blut und Tod – man hat ihnen die Freude genommen an dem Guten, das sie taten, denn das wirkte die Gnade in ihnen, und ihnen doch die Verantwortung aufgebürdet für das Unrecht, welches sie begingen, und das freudige Gottbewußtsein hat trotzdem die Oberhand gewonnen. Er bricht sich Bahn, der heitere Glaube der Glücksberechtigung für alle, der die heilige Anbetung des Geistes, die Menschenachtung und die Menschenliebe in sich schließt; und weil ich meinem Geschick von Herzen danke, daß es mich in den lichten Morgenschein der Jetztzeit und nicht in der mächtigen Düsterheit der abergläubigen Vergangenheit zum Dasein berief, will ich mir auch keinen Augenblick dieses Daseins durch religiöse Schreckbilder verschatten lassen.

Von den gescheitesten Personen, welche eine ähnliche oder dieselbe religiöse Überzeugung hegen, hört man den Gemeinplatz aussprechen: » Ich glaube dies, ich halte es für das allein Wahre, für das Segenbringende; aber ich mag meine Überzeugung niemand aufdrängen, ich mag keine Proselyten machen.« Dies ist eine Hartherzigkeit, eine Anmaßung, wo es ausgeführt wird – und in den meisten Fällen eine Unwahrheit. Weil man bei dem Worte »Proselyten machen« die ahnungsvollen Schauer der Unwissenden empfindet, die, sooft sie Moschus riechen, meinen, nun müsse auch gleich gestorben werden. Weil man hinter dem Worte »Proselyten machen« einen unsichtbaren Schweif von Mystik oder Jesuitentum wittert, behauptet man, das ganz Natürliche, das Edle zu unterlassen, um sich keiner Mißdeutung auszusetzen. Das ist kleinlich genug.

Ist euch eure heitere Gottverehrung ein Glück, findet ihr in eurem Glauben wirklich eine Stütze, die euch fortträgt über Leidensstunden und inneren Kampf; eine Zuversicht, die euch Ruhe gibt an dem Totenbett eurer Geliebtesten und in der eigenen Sterbestunde; einen Hebel, eine Aufforderung zu rastlosem, liebendem Bemühen für eure Mitmenschen: wie könnt ihr sagen, ich mag niemand meine Überzeugung aufdrängen? Seid ihr glücklich, wißt ihr das Gute, wer gibt euch ein Privilegium dazu, es für euch allein zu behalten? ihr tadelt ein Monopol, das einer mehr oder minder wesentlichen Entdeckung gegeben wird; wie dürft ihr es wagen, eine Erkenntnis für euch allein behalten zu wollen, die nach eurer Meinung zu dem Heile aller beitragen kann? Man soll niemand zwingen, seinen Glauben zu ändern; aber ihm das, was man selbst für das Richtige hält, mit allen zu Gebote stehenden Gründen der Vernunft darzutun, damit er selbst prüfe und das Bessere wähle, das scheint mir die Pflicht eines jeden, der in seiner Überzeugung wahres Glück und Ruhe und Friede gefunden hat.

Doch zurück zum Dome, neben dem sich in schlanker Sicherheit der frei stehende, ebenfalls ganz mit mehrfarbigem Marmor bekleidete Glockenturm, der schöne Campanile, erhebt. Viereckig steigt er wie eine Säule in schönsten Verhältnissen empor und ist der Stolz aller Florentiner. »Schön und schlank wie der Campanile«, sagt selbst das Volk; und so bezeichnete meine Hauswirtin mir eines Tages einen Fremden, der in meiner Abwesenheit gekommen war, mich zu besuchen, und dessen Namen sie nicht behalten hatte.

Das Taufbecken des Domes befindet sich in einem besonderen Gebäude, dem Battisterio, einst ein Tempel des Mars, der nun, wie die beiden anderen Gebäude mit Marmor bekleidet, ein Ganzes mit ihnen bildet. Das Battisterio ist ebenso schmuckreich, als der Dom innen kahl ist. Altbyzantinische Mosaiken auf reichem Goldgrund zieren die gewölbte Decke, die Kuppel und die Wände. Christus, mit dem starren Gesichtstypus jener Schule, mit der graden Nase, den gewölbten Augenbrauen und den großen, mandelförmigen Augen, sieht streng und ernsthaft von der Decke herab auf das Treiben an den Altären, die in Silber, Gold und Lapislazuli prangen. Erztüren von der seltensten Arbeit schließen das Battisterio. Sie sind ein Werk Ghibertis; und Michelangelo hat von ihnen gesagt, daß sie würdig wären, das Paradies zu schließen. Sie fesselten uns lange an ihre vollendet schönen Basreliefs, ehe wir nach Santa Croce gingen, dem Pantheon von Florenz.

Das Äußere von Santa Croce hat den einfach würdigen Charakter der meisten altflorentinischen Gebäude. Das Innere ist durchaus imponierend und großartig. Edle Säulenreihen tragen die Decke, Bilder der berühmtesten Künstler schmücken die Altäre, und doch ist es dies alles nicht, was den Fremden hierher zieht und seine Seele zu einer Andacht erhebt, welche man nicht in jeder Kirche empfindet. Santa Croce enthält die Gräber der bedeutendsten Männer Italiens. Michelangelo Buonarroti, Alfieri, Machiavelli, Galilei sind hier begraben. Dante hat ein Denkmal zwischen ihnen, obgleich seine Asche sich in Ravenna befindet.

Die beiden schönsten Monumente sind die von Alfieri und Dante. Das erstere ist von Canova, eine über der Aschenurne trauernde Italia. Die Gräfin Albany hat es ihm errichten lassen, und in der einfachen Inschrift gehen der Gräfin und Alfieris Namen vereinigt auf die Nachwelt. Sie lautet:

Vittorio Alferio Astensi
Aloisia e principibus Stolbergis
Albaniae Comitissa. M.P.C. an. MDCCCX

Auch die Gräfin Albany selbst ruht in Santa Croce, in derselben Kirche mit dem Dichter, dem sie im Leben so eng verbunden war.

Dantes Denkmal stellt ihn auf der Tumba sitzend dar, in tiefem Denken versunken. Er ist in dem bekannten Kostüm dargestellt, den Kopf ein wenig gesenkt. Zwei Frauengestalten, die trauernde Poesie und die Italia, stehen zu beiden Seiten, und die letztere deutet auf den Vers des Dante: »Onorate l'altissimo poeta!« (Ehret den erhabenen Dichter.)

Hier in dieser Kirche, vor den Grabmälern dieser Männer, tritt uns die hohe Geistesentwicklung Italiens im Mittelalter in all ihrer Ausdehnung vor die Seele, und man fragt sich, wie es möglich gewesen ist, daß ein Land, nachdem es seinerzeit so weit vorangeeilt war, dennoch hinter den darauffolgenden Jahrhunderten so weit zurückbleiben konnte. Das Volk bewahrt mit Pietät und Stolz die Erinnerung an seine Vorzeit, kennt die Namen seiner berühmten Männer, und einzelne Epochen seiner Geschichte leben in dem Gedächtnis eines jeden, da sie an Orte, Gebäude, Denkmale geknüpft sind.

So fuhren wir einmal nach dem Städtchen Fiesole hinauf, das, älter als Florenz, noch Überbleibsel alter etruskischer Mauern zeigt. Unser Weg führte uns an der Villa Dante vorüber; oben, fast auf der Höhe des Berges, der das freundliche Fiesole trägt, verließen wir den Wagen, um den Rest der Straße zu Fuß zurückzulegen. Wir hatten ein kleines dreijähriges Mädchen mit uns und konnten deshalb nur langsam hinansteigen. Gleich in den ersten Minuten erreichte uns ein Zug von etwa zwanzig Mönchen, größtenteils jungen Leuten, die von einem Spaziergang heimkehrten. Sie hatten giorno di passeggiata – Spaziertag –, wie sie uns sagten.

Der Blick von dieser Höhe ist einer der anmutigsten um Florenz. Villa reiht sich an Villa, all die sanften Höhen sind auf das sorgfältigste bebaut; überall in dem ganzen Tale sieht man, wie hier der Arbeit und dem Fleiße der Segen folgt. Die Mönche waren bereitwillig, uns die Namen der einzelnen Flecken und Villen zu nennen, und besonders einer der jüngsten, der das kleine Mädchen auf seinen Arm genommen hatte, ihm das beschwerliche Steigen zu ersparen, kam freundlich unsern Fragen zuvor.

Er zeigte uns im Tale eine Häusermasse, um die sich traulich Gruppen von Bäumen schmiegten, als gälte es, ein süßes Glück zu schirmen vor der entweihenden, kalten Neugier gleichgültiger Menschen, aber nicht die in sich beglückte Liebe barg sich hier, sondern der Haß. Es ist die Villa, in der die Verschwörung der Pazzi gegen die Medici zustande kam. – Unweit davon blüht die Villa Palmieri, im Volke Villa del Boccaccio genannt, weil hierher der Dichter des »Decamerone« jene Gesellschaft versetzte, welche vor der in Florenz herrschenden Pest sich auf das Land flüchtete und hier die Schrecken der Krankheit durch heitere Erzählungen zu vergessen strebte, von denen so viele auch in unsere Literatur übergegangen sind.

Einem Italiener, der mich am nächsten Tage besuchte, einem edeln, für den Fortschritt seines Vaterlandes hochbegeisterten Manne, sagte ich, welch eine Freude für mich in diesem Fortleben der Vorzeit, in dem Hinüberreichen der Vergangenheit in die Gegenwart, läge.

»Mich macht es traurig«, sagte er, »denn alle diese Denkmale, alle diese Erinnerungen sprechen von einer Zeit, die trotz der wilden Parteikämpfe, welche damals wüteten, viel größer und freier war als die Jetztzeit. Sehen Sie die Hallen für öffentliche Versammlungen, sehen Sie die großartigen Bauwerke, welche alle während der Republik entstanden, und fühlen Sie, wie es den Italiener schmerzt, daß von diesem großartigen Gemeingeiste, von dieser geistigen Regsamkeit, von dem Freiheitssinn des Volkes kaum noch eine Spur zu finden ist. Lange Unterdrückung, politische und religiöse Knechtschaft haben das Volk unselbständig gemacht; es hat die Achtung vor sich selbst verloren und sucht Betäubung in kleinlichem Genuß.«

Ich fragte, ob man denn keine Versuche mache, jenen bessern Sinn wieder zu beleben.

»Wie soll das geschehen in einem Lande, das die schärfste Zensur hat, von Österreich überwacht wird und in dem alle Schulen, alle Lehrstühle an den Universitäten sich in den Händen der Geistlichkeit befinden?« antwortete er mir.

In jenen Tagen, als ich in Florenz weilte, war die Revolution in der Romagna ausgebrochen. Man sprach in der Gesellschaft von den Verhaftungen in Rimini und Bologna; viele Familien waren um nahe Angehörige in Sorgen – aber in den Zeitungen herrschte tiefer, schlaftrunkener Frieden. Kaum eine Andeutung fand sich von kleinen Emeuten in Rimini, Sinigaglia und Bologna. Die Blätter brachten artige Hochzeitsgedichte für ein vornehmes Paar, meldeten viel von der Reise der Kaiserin von Rußland, zeigten die glücklichen Entbindungen verschiedener Prinzessinnen an, die Zahl der in Livorno und Genua angekommenen Schiffe und waren ein wahrhaftes Modell zu Hoffmanns von Fallersleben Gedicht: »Wie interessant, wie interessant! Gott segne mein liebes Vaterland!«

Im Gegensatz dazu hatte einer meiner Bekannten im Dominikanerkloster San Marco, aus dem einst die Maler Fiesole und Fra Bartolommeo hervorgingen, einen gelehrten Mönch von dreißig Jahren kennengelernt, der ein geistvolles Werk über die Kunstgeschichte Italiens geschrieben hat und in seiner weißen Mönchskleidung, in einsamer Zelle, glühende Begeisterung hegt für ein einiges freies Italien, für religiöse Aufklärung und soziale Reform. Es mag wohl noch der Geist Savonarolas, der ebenfalls Mönch war in San Marco, nachts durch die Räume wandern und den jungen Seelen, in denen er fruchtbaren Boden findet, seine kühnen Gedanken einhauchen.

Wir Frauen konnten San Marco nicht besuchen, da die dortigen Sehenswürdigkeiten sich innerhalb der Klausur befinden, wo man denn mit einem bedauernden Achselzucken und der Bemerkung: »Le donne non entrano« – Damen dürfen nicht eintreten – abgewiesen wird. Nur mit fürstlichen oder ganz besonders empfohlenen Frauen macht man eine Ausnahme. In einem Lande, in welchem man den Kultus der Jungfrau hat, müßten sich aber vor den Frauen Türen und Tore öffnen, wenn man uns nicht so eitel machen will zu glauben, unser bloßer, flüchtiger Anblick könne den Seelenfrieden der frommen Brüder stören.

Mich für San Marco zu entschädigen, beschloß ich eines Morgens, noch einmal die Kirche Santissima Annunziata zu sehen, und zwar allein, wie ich die Kunst gern genießen mag. Bei jener Kirche befinden sich nämlich in einer jetzt durch Glasfenster geschützten Halle die schönsten Fresken des Andrea del Sarto.

Es war einer Stiftung zu Ehren Gottesdienst in der Kirche. Trotz des Morgenlichtes, das hell durch die Fenster schien, brannten unzählige Kerzen, alle Canonici des Stiftes waren bei der Messe und Prozession beschäftigt, auch der Kirchendiener und die Chorknaben hatten dabei zu tun, und ich mußte lange warten, ehe mir jemand die Halle zu öffnen kam.

Indes in Santissima Annunziata kann man sich dies gefallen lassen. Die Kirche ist voll von Meisterwerken aller Künste. Wohin das Auge blickt, sieht es vollendete Schöpfungen der Malerei und Skulptur, Mosaiken, Marmor, Edelsteine, Holzschnitzereien, kunstvollste Altargeräte und Lampen von Silber und Gold. Dazwischen flammten die Kerzen und zogen die sonnebeleuchteten Weihrauchwolken duftig durch die Hallen, in denen der Kirchengesang und die Klänge der Orgel seelenerschütternd wirkten und leise die kleine Meßglocke ertönte.

Es lag ein unwiderstehlicher Reiz, eine hohe Poesie in diesem Zusammenwirken aller Künste für den würdigen Dienst des Herrn. Die Phantasie konnte dem Eindrucke nicht widerstehen; man fühlte den Zauber eines Kultus, der durch die Kunst die Phantasie beschäftigt und gefangennimmt und dem Menschen statt wirklicher Begriffe und klarer Anschauungen Symbole gibt, sich daran zu erbauen. Muß der Katholizismus darauf ausgehen, die Phantasie dermaßen zu beschäftigen, daß sie, vorherrschend, die kritische Tätigkeit des Verstandes unterdrückt, so ist hier das Höchstmögliche geleistet, und selbst in Sankt Peter zu Rom habe ich diesen Eindruck nicht stärker empfunden.

Unter den schönen Fresken del Sartos, die ich, als der Gottesdienst beendet war, wiederzusehen eilte, war mir besonders die sogenannte Madonna del Sacco wert, welche ich seit meiner Kindheit in einem guten Kupferstiche geliebt hatte. Die Madonna sitzt auf einem Sacke, gleichsam rastend, das Christkind auf dem Schoße, der heilige Joseph ihr zur Seite. Man sagt, der Künstler habe das Bild um einen Sack Getreide während einer Hungersnot gemalt. Nur der Kopf des heiligen Joseph hat durch die Witterung gelitten, das übrige ist vortrefflich erhalten, und die Madonna sieht in ihrer stillen, in sich begnügten Mütterlichkeit noch so ruhig und sanft auf die Nachwelt hinab, wie die Seele des Künstlers sie erschuf.

Ein Maler kopierte sie in Gouache, ein Weltgeistlicher in Kreide. Da ich eine Weile in Betrachtung vor dem Bilde stand, fragte mich der Maler, ob ich del Sarto liebe, und als ich dies bejahte und hinzufügte, daß mir in der Halle »Die Geburt der Maria« große Freude gemacht hätte, mit den schönen, schlanken Gestalten, welche die Wöchnerin, die heilige Anna, zu besuchen kommen, während die kleine Madonna im Vorgrunde gebadet wird und die Pantoffeln der Mutter ordentlich vor dem Bette stehen, wollte der Abbate wissen, wie mir die Kapelle dei pittori gefallen habe.

Von dieser wußte ich nichts, denn sie stand weder in Lewalds noch in Försters Handbuch erwähnt, und niemand hatte uns davon gesprochen. So erboten sich die Männer, sie öffnen zu lassen. Es ist eine kleine Kapelle im Kreuzgang des Klosterhofes, welche Cosmus von Medicis zur Begräbnisstätte berühmter Künstler errichten ließ.

An der Decke ist eine Himmelfahrt der Jungfrau von Luca Giordano; der Türe gegenüber von Vasari der heilige Lukas, Patron der Maler, wie ihm die Heilige Jungfrau mit dem Christkinde erscheint, damit er ihr Bild für die Menschheit male; darunter das Leben der Jungfrau mit ganz kleinen Bildern auf Holz von dem alten Fiesole.

Etwas Lieblicheres als die Bilder Fiesoles habe ich nie gesehen. Seine Engel, seine Heiligen sind wirklich so ätherische Gestalten, sehen so unirdisch rein und schuldlos aus mit ihren blauen Augen und dem zarten Rot des Fleisches unter den goldblonden Locken, daß man ihnen ihre weißen Schwingen glaubt und es natürlich findet, wenn sie durch den Äther fliegen. Sie sind nicht von grobem Erdenstoff wie wir, sie sind leichte, duftige Wesen, die uns nur in Menschengestalt erscheinen, damit uns ihr himmlischer Lichtglanz nicht erblinden mache. Sie sind viel leichter als die Erdenluft, auf der sie schweben mit jener Sicherheit, mit der man im Traume fliegt, weil man es für ganz in der Ordnung hält. Auch der Goldgrund, auf dem sie gemalt sind, steht ihnen vortrefflich an. Es ist die Lichtregion, der sie entstammen, und man wird wieder ein frommes, gläubiges Kind, wenn man diese Engelchen Fiesoles betrachtet, die mit ihren Zimbeln, Posaunen und Harfen die Sphärenmusik machen zu dem Halleluja der lobsingenden Cherubim.

An einer Wand der kleinen Kapelle ist eine ernste, ruhig schöne Kreuzabnahme des Bronzino, die einen, ich möchte sagen, plastischen Eindruck macht und mehr durch die Form ihrer Gestalten und deren Gruppierung als durch die Macht der Farben wirkt. Die beiden andern Wände schmücken ein großes Freskobild del Sartos und der Triumph des Titus von Santi Titi. Auf dem Bilde del Sartos befinden sich sein eigenes und das Porträt des Sansovino, seines Schülers, die er auch mit dem Bilde seiner Frau in der Halle außerhalb angebracht hat.

Zwischen diesen Bildern stehen die kolossalen Figuren der Apostel und Evangelisten in Terrakotta, und in der Mitte der Kapelle erhebt sich ein kleines, verhältnismäßig sehr einfaches Monument, unter dem Sansovinos, Fra Batolommeos, Benvenuto Cellinis und anderer Künstler Asche ruht.

Verdient die ernste Kirche von Santa Croce, die Gräber jener Riesengeister, eines Michelangelo, Galilei, Dante, zu besitzen, so ist die kleine, lichte Kapelle eine schöne Ruhestätte für die Asche von Künstlern, deren Leben der heitern Ausübung des Schönen geweiht war.

Cosmus von Medicis, eben der Gründer dieser Kapelle, ruht in San Lorenzo unter einem Grabstein mit der Inschrift: »Hier ruht Cosmus von Medicis, durch öffentliches Dekret Vater des Vaterlandes genannt; er lebte fünfundsiebzig Jahre, drei Monate, zwanzig Tage.«

Wollte man alle Kirchen von Florenz erwähnen und des Schönen gedenken, das man darin gesehen hat, man müßte ein eigenes Buch dafür schreiben, wie es so viele über die Kunstschätze von Florenz getan haben. Jede Kirche schließt die kostbarsten Bilder in sich, und in den beiden öffentlichen Galerien, in den Uffizien und dem Palast Pitti ist eine Fülle der erhabensten Schöpfungen vereint, wie sie, Rom ausgenommen, kaum ein anderer Ort der Erde in bezug auf Malerei besitzen mag, der bedeutenden Privatgalerien nicht zu gedenken. Man müßte statt weniger Wochen Jahre an Florenz zu wenden haben, um es nicht, trotz der Befriedigung, die es an jedem Tage gewährt hat, mit Schmerz zu verlassen.

Je mehr man das Schöne erfaßt, je mehr man es anbetet, je lieber möchte man sich ganz damit erfüllen, es ganz in sich aufnehmen, es sich in seinen kleinsten Teilen zu eigen machen. Hier tritt die Sehnsucht nach göttlicher Kraft recht lebhaft hervor, und der Mensch empfindet wehmütig die Schranke, die ihm gesteckt ist, er, der sich überall mit teilweisem Erfassen begnügen muß.

Aber das lachende, blühende Florenz zieht die Seele bald von dem in sich selbst Versenken ab. Italiens Vergnügungssucht gewinnt den Fremden, und er gewöhnt sich bald, wie ein echter Italiener von der Kirche zum Corso und von der Messe ins Theater zu wandern.


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