Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Zur verabredeten Stunde begab sich Alwyl in Horazios Wohnung. Er fand einen italienischen Arzt bei ihm, der beiden Deutschen als ein Ehrenmann bekannt und befreundet war. Horazio schien ihn absichtlich eingeladen zu haben, um in Alwyl jedes Mißtrauen, das dies eigentümliche Verhältnis erregen konnte, zu vertilgen. Der Arzt und Horazio waren Jugendfreunde und eng verbunden durch gleiche Tüchtigkeit der Gesinnung.

Nach kurzer Zeit entfernte sich der erstere, und Horazio sagte: »Damit Ihnen, mein Herr, mein Betragen gegen Ihren jungen Freund und Sie sowie das Verhalten meiner Cousine nicht zu befremdlich und zu auffallend erscheinen, müssen Sie mir erlauben, Ihnen einen kleinen Abriß der Verhältnisse zu geben, in denen meine Cousine und ich uns befinden. Ein älterer Bruder der beiden Fräulein Marchetti hat bei seinem Tode diesen beiden Schwestern sein sehr bedeutendes Vermögen zu lebenslänglichem Nießbrauche vermacht mit der Bedingung, daß sie es später mir und Giuditta hinterlassen und daß wir uns miteinander verheiraten sollten, um das Erbe, welches aus Gütern in der Mark besteht, zusammenzuhalten. Wer von uns beiden sich weigert, diese Ehe einzugehen, ist, wenn die Tanten es wollen, seines Anteils verlustig, und sie dürfen darüber nach Gefallen zugunsten des andern oder sonst nach ihrem Ermessen verfügen.

Nun werden Sie es begreiflich finden, daß die Herzen sich nicht immer den Verordnungen eines gestorbenen Onkels fügen können. Ich liebe eine junge Römerin, deren Vater sie mir geben würde, wenn ich das Erbteil meines Onkels besäße. Er verweigert mir die Hand seiner Tochter, wenn ich es verliere, obgleich er reich ist und ich auch ohne dasselbe imstande wäre, mit der Zeit meiner Frau ein behagliches Leben zu schaffen. Ich kam nach Rom, um zu versuchen, ob es mir nicht gelänge, meine Tanten für meine Wünsche zu gewinnen, die sich bis jetzt dagegen erklärt hatten. Ich sprach mit Giuditta davon, fand sie, nicht ohne eine kleine Verletzung meiner Eitelkeit, sehr geneigt, der Verbindung mit mir zu entsagen, und es kam mir vor, als ob irgendeine andere Neigung sich ihres Herzens bemächtigt hätte. Als ich in sie drang und ihr erklärte, daß für uns beide die Hoffnung auf Freiheit der Wahl am größten sei, wenn auch sie die Heirat mit mir ablehne, gestand sie endlich, daß sie einen jungen Deutschen zwar nicht liebe, denn sie habe ihn nie gesprochen, aber doch nicht vergessen könne, seit sie ihn im vorigen Karneval gesehen. Diese Mädchengrille schien mir sehr unbedeutend; indes als sie mir am ersten Karnevalsabende erzählte, der junge Deutsche sei wieder da und ebenso galant für sie als im vorigen Jahre, als sie ihn mir am Montag zeigte und der Doktor, der zufällig in meiner Nähe war, ihn einen braven jungen Mann nannte, da entstand in mir der Gedanke, ob man nicht die Freiheit des Karnevals dazu benutzen könnte, mir und Giuditta volle Freiheit zu verschaffen und vier Menschen glücklich zu machen.«

Alwyl hatte ihm aufmerksam zugehört; nun, als jener geendet hatte, sagte er: »Und welchen Eindruck, glauben Sie, würde Giudittas Erklärung, daß auch sie der Heirat mit Ihnen abgeneigt sei, auf die alten Damen machen?«

»Ich glaube, einen günstigen. Träte ich allein zurück, so möchte es vielleicht dem Einfluß des Abbate Luigi gelingen, die Hälfte des Vermögens der Kirche zu- und mir abzuwenden. Will aber auch Giuditta sich nach eigener Wahl verheiraten, so fügen die Tanten, in denen ein leiser Anflug von Romantik aus ihrer Jugendzeit fortlebt, sich wohl in das Unvermeidliche und teilen das Vermögen einst ganz ruhig zwischen Giuditta und mir. Sie sehen, ich gehe offen zu Werke und bekenne, daß mich, obgleich ich Giuditta wie eine Schwester liebe, hier ganz selbstsüchtige Motive lenken. Sagen Sie mir nun, ob Sie Ihren Freund mit meinen Absichten einverstanden glauben, ob er meine Cousine liebt und daran denkt, sich ihr zu nähern, sie zur Frau zu begehren?«

»Sie gefällt ihm sehr«, entgegnete Alwyl, »und er ist in Verhältnissen, die es ihm möglich machen, ganz nach seiner Neigung zu wählen. Er wünscht lebhaft, Ihre Cousine zu sprechen, aber er hat es bis jetzt nicht zu erreichen vermocht. Indes leugne ich nicht, daß ich wohl wünschte, wenn Sie ihm die Bekanntschaft Ihrer Cousine in einer Weise verschafften, welche ihm die Möglichkeit gäbe, sie kennenzulernen, ohne seine Freiheit zu beschränken.«

»Gewiß!« sagte Horazio, »das versteht sich von selbst. Lassen Sie nur die Blumen noch ein paar Tage die stummen Boten machen; am Donnerstag ist der Ball im Teatro Apollo. Dorthin geleite ich meine Tanten und Giuditta, und dort will ich Ihrem Freunde Gelegenheit schaffen, sie zu sprechen, wenn Sie mich vorher mit ihm bekannt machen wollen.«

Das sagte Alwyl zu und führte ihn sogleich zu Hermann, der mit großer Verwunderung den gefürchteten Nebenbuhler bei sich eintreten sah.

Wenig Worte reichten hin, das Mißverständnis zu lösen und Hermanns Besorgnisse in Freude zu verwandeln. Nur das Rätsel blieb zu deuten, weshalb Giuditta und Horazio sich verkleidet auf dem Corso begegnet waren. Aber auch diesen Zweifel beschwichtigte Horazios Erklärung, daß die andere Dame seine Geliebte gewesen sei, die er auf diese Weise unter dem Beistande Giudittas eine Viertelstunde ohne Zeugen gesprochen habe.

In einem wahren Freudenrausche vergingen für Hermann die nächsten Tage des Karnevals. Täglich erschien er mit Horazio unter dem Balkon Giudittas, und was die Blicke Glühendes, Zärtliches auszusprechen vermögen, das ward ihnen anvertraut und zog triumphierend in die Herzen der jungen Liebenden ein. Den Tanten konnte natürlich die Huldigung des blonden Deutschen nicht entgehen, der auch ihnen die reichste Fülle schöner Sträuße zukommen ließ, und Horazios absichtliche Neckereien zogen ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf den Fremden hin, dessen auch sie sich noch vom letzten Karneval deutlich erinnerten.

Alwyl bekam seinen jungen Freund nur wenig zu sehen. Den Morgen brachte Hermann mit Horazio zu, unermüdlich, diesen über Giuditta auszufragen und von ihr sprechen zu hören; den Nachmittag war er unter ihrem Fenster oder, wenn sie zu Wagen den Corso durchfuhr, eifrig bemüht, ihr zu begegnen. In der Seligkeit seines Herzens wollte er nur heitere Mienen um sich sehen, und jedes Mädchen, das ihn mit einem Strauße begrüßte, konnte der verschwenderischsten Dankbarkeit gewiß sein. So ward er bald ein Liebling des weiblichen Publikums im Corso, das ihn überall mit Grüßen und Blumen empfing.

Am Mittwochabend, als das Pferderennen beginnen sollte, hatte er seinen Wagen verlassen, nachdem er Giuditta mehrmals begegnet war, und schlenderte nach beendigtem Rennen neben Alwyl seiner Wohnung zu, als die durch den Corso heimkehrende Wagenreihe sich zu drängen anfing und halten mußte. Hermann und Alwyl befanden sich vor dem Café Nuovo im Palast Ruspoli. Das helle Licht aus den Sälen des Cafés fiel auf die Straße herab. Plötzlich trat Alwyl an einen Wagen heran, der dicht vor ihnen stand, und sagte, einem Mädchen einen Strauß reichend: »Schönes Kind Italiens, deine Augen leuchten durch die Nacht, und ich weiß einen, der ihnen wie seinen Leitsternen folgt.« Hermann hörte die Worte, blickte hin, es war Giuditta, zu der Alwyl gesprochen hatte. Schnell war er an ihrer Seite, während Alwyl mit heiterm Scherze die Aufmerksamkeit der Tanten zu fesseln suchte.

»Giuditta«, rief Hermann leise, »endlich finde ich Sie, die ich so lange ersehnt. Sagen Sie mir ein Wort, daß auch Sie dies Begegnen beglückt.«

Giuditta schlug die großen, sehnsüchtigen Augen zu ihm empor, versuchte zu sprechen, fand keine Worte und wendete sich ab. Die Sicherheit der Römerin hatte ihr Unbefangenheit und Mut gegeben, solange sie sich in den Grenzen des Karnevalscherzes bewegte.

Jetzt, da der junge, stillgeliebte Mann ihr gegenüberstand, da sein bittendes Wort an ihr Ohr und in ihre Seele drang, verließ sie die Fassung, und die ganze Schüchternheit jungfräulicher Liebe fesselte ihre Zunge.

»Haben Sie kein Wort, kein Zeichen für mich?« fragte Hermann dringender.

»Warten Sie«, sagte das Mädchen und fing an, unter ihren Sträußen nach einer Orangenblüte zu suchen.

»Oh! wie gern warte ich an Ihrer Seite auf ein freundlich Wort«, flüsterte Hermann, als die vordern Equipagen weiterfuhren und Giudittas Wagen folgte. Eine Rose und eine Orangenblüte fielen in Hermanns Hände; die Geliebte war seinem Blicke entschwunden.

Glücklich und wie im Traume vor Wonne langte er in einer Osterie an, wohin Horazio und der Doktor ihm und Alwyl Rendezvous gegeben hatten. Sie lag vor der Porta Angelica. Hier bewegte sich das Volksleben in vollster Freudigkeit.

Die Lust des Karnevals flüchtet sich nach dem Ave-Maria vor die Tore. An langen, weißüberdeckten Tafeln saßen sie da, die schlanken Burschen von der Lungara, in der kornblauen, engen Hose, die leichte, schwarze Sammetjacke über die Schulter gehängt, an der Seite ihrer Schönen. Vor ihnen dampften die Makkaroni, funkelte der Frascataner und Genzaner Wein, während an dem großen Herde die Köche neue Makkaroni siedeten und große Braten am Spieße drehten. Lattuga wurde zubereitet, Finocchi, dieser zarte Fenchel, seiner obern Blätter entkleidet. Knaben gingen umher und riefen gekochte Eier zum Kaufe aus. Draußen vor den Türen klangen Triangel und Mandoline, und das Tamburin schwingend, Kastagnetten schlagend, tanzten Jünglinge und Mädchen bei dem flackernden Lichte der antiken römischen Lampen. Im Maskenkostüme drängte sich die Menge um sie her. Zwischen den Römern ward hie und da der graue Filzhut eines fremden Künstlers sichtbar, der es versuchte, mit einer römischen Schönen den Nationaltanz, dies Bild liebenden Verlangens, zu tanzen. Ein buntes, heiteres Leben regte sich überall und beschäftigte unsere Freunde, nur Hermann schwelgte, der lachenden Gegenwart fern, in der Erinnerung an Giudittas Augen in Träumen der Zukunft.

 

Wie ein Kind den Weihnachtsabend ersehnt, so erwartete Hermann den Abend des Grünen Donnerstag, des giovedi grasso, den Ball im Apollotheater. Erst nach Mitternacht werden die Hallen des schönen Theaters eröffnet. Am Abende nach beendigtem Corso saßen die Freunde in ihrer Wohnung, und bei dem Besprechen der Erlebnisse der letzten Stunden wagte Alwyl, den Freund darauf aufmerksam zu machen, wie er sich weit und weiter in ein Abenteuer hineinwage, das gar leicht seinen ernsthaften Schluß am Altar haben könne. Die Römer gestatten zärtliche Galanterien nur ihren Frauen, den Mädchen niemals. Dem Fremden, der sich einer artigen Römerin zuwendet, um ihr in Huldigung ihres Liebreizes den Hof zu machen, wird von den Verwandten mit überraschender, dem Nordländer fast anstößiger Zuvorkommenheit die Annäherung erleichtert; aber schon nach wenig Tagen fragt man ihn, ob er die Absicht habe, das Mädchen zu heiraten. Fehlt ihm der Mut, ein entschiedenes Nein zu sprechen, so nimmt man das für ein Ja. Man weiß ihn zu fesseln und dem Mädchen einen Gatten zu verschaffen, der oft genug es später empfindet, daß sich Eheleute von verschiedenen Nationen nicht immer miteinander einzurichten verstehen.

Alwyl stellte dem Liebenden vor, wie die geistige Bildung der Römerinnen gewöhnlich sehr gering sei, Hermann versicherte aber, von dem Doktor und Horazio gehört zu haben, daß Giuditta eine rühmliche Ausnahme mache. Gegen Alwyls Besorgnis, daß dem Mädchen die häuslichen Tugenden fehlen dürften, die der Deutsche so hoch schätzt, wendete jener seinen und Giudittas Wohlstand ein, der sie mancher häuslichen Sorge enthöbe, und meinte, aus einem siebenzehnjährigen Mädchen mit so treuen, schuldlosen Augen, wie Giuditta sie habe, könne ein vernünftiger Mann, den sie liebe, alles machen.

So drang Alwyl nicht länger mit seinen Vorstellungen in Hermann; wußte er doch selbst, wie wenig die Liebe den Vernunftgründen Gehör gibt, wie sehr das Glück jeder Ehe von unberechenbaren Zufällen abhängt; reizte ihn doch selbst das Poetische des Ereignisses und hatte er doch selbst das vollste Zutrauen zu der jungfräulichen Seele Giudittas, die so kindlich offen aus ihren dunkeln Augen strahlte.

Um Mitternacht machten die beiden Deutschen sich auf den Weg zum Maskenballe, nachdem Alwyl dem Freunde jeden möglichen Beistand zugesagt hatte. Die ganzen Straßen vom Palazzo Borghese bis zur Engelsbrücke, bis in die Via Tordinona hinab, waren von einer langen Wagenreihe eingenommen, welche nur schrittweise vorrücken konnten. Pechfackeln erleuchteten die Nacht in der Nähe des Theaters und ließen die Masken erkennen, welche den Wagen entstiegen.

Wie sie es mit Horazio und dem Doktor verabredet hatten, stellten die Deutschen, die Larven vor das Gesicht gebunden, sich an der großen Haupttreppe auf, welche bald nach ihnen Giuditta, geführt von Horazio, und die Tanten am Arme des Doktors betraten. Hermann näherte sich der Geliebten und reichte ihr in Erinnerung der Blumen, die sie ihm auf dem Corso gegeben, eine Rose und einen blühenden Orangenzweig dar. Ein dunkles Rot flammte in ihren Wangen empor, sie sah Horazio fragend an; er lächelte, und schüchtern wie ein erschrecktes Vöglein wendete sie das Köpfchen fort, stieg die Treppe empor und konnte es sich doch nicht versagen, mehrmals verstohlen nach dem verlarvten Blumenspender zurückzublicken.

Alwyl und Hermann folgten ihnen nach. Die Damen hatten in ihrer Loge Platz genommen, Horazio und der Doktor gesellten sich zu den Freunden. Hermann verlangte, sogleich den Tanten vorgestellt zu werden.

»Nein«, sagte Horazio, »so geht es nicht. Ich werde Ihnen mein schönes Mühmchen in den Saal hinunterführen, dann überlasse ich die Kleine Ihrer Liebenswürdigkeit und gehe, mir selbst eine Unterredung mit meiner Braut, denn als solche betrachte ich meine geliebte Marie, zu verschaffen. Wenn Alwyl und der Doktor uns wirklich Freunde sind, mögen sie die Tanten in ihrer unvermeidlichen Verlassenheit trösten, damit ihnen die Zeit nicht zu lange scheine, die uns nur zu schnell vergehen wird. Nachher führe ich Alwyl und Sie zu den gestrengen Richtern über unser Los.«

Beide, Alwyl und der Doktor, erklärten sich zu dem Freundschaftsdienste bereit und musterten die Reihen der Schönen, bis man ihrer begehren würde.

Der prächtige Saal war strahlend hell erleuchtet, die Bühne mit dem übrigen Hause vereinigt. In den sechs Logenreihen saß der Flor der römischen Schönheiten in glänzendsten Toilette, die Türen aller Logen waren geöffnet, und ungehindert bewegten sich die Masken sowohl als die Nichtmaskierten durch alle Räume des großen Gebäudes. Hinten im Saale auf der eigentlichen Bühne ward getanzt, aber nur der kleinste Teil des Publikums vergnügte sich damit. Man suchte Freunde auf, neckte Fremde und Bekannte unter der schützenden Verhüllung der Larven, und wohl manchem jungen Paare mochte das Herz in banger Erwartung, in sehnsüchtiger Freude klopfen wie Hermann und Giuditta.

Endlich sah der erstere Horazio wieder in die Loge seiner Verwandten treten; er sah, wie Giuditta den schwarzen Domino über das rosa Florkleid warf und das blumengeschmückte Köpfchen hinter Maske und Capuchon verbarg. Er ging ihr bis an die Treppe entgegen. Horazio führte sie herunter, stellte ihr Hermann als seinen Freund in aller Form der Etikette vor, ging ein paar Augenblicke gleichgültig plaudernd mit den beiden umher und verließ sie dann, wo das Maskengewühl am dichtesten und der einzelne am unbeachtetsten war, mit dem Bemerken, Giuditta und Hermann würden wohl wissen, daß die angebetete Jungfrau Maria seinen Dienst erwarte.

Nun standen die Liebenden sich allein gegenüber. Schüchtern nahm Giuditta den Arm, den Hermann ihr bot. Einen kurzen Moment schwiegen sie beide. Dann sagte Hermann: »Giuditta, die Augenblicke sind uns zugezählt, ich muß, und das ist meiner Natur das angemessenste, ganz ohne Vorbereitung zu Ihnen sprechen. Es ist ein Jahr her, seit ich Sie zuerst gesehen habe. Ihr Bild ist nicht aus meinem Herzen gewichen, ich war so glücklich, als der erste Tag des Karnevals Sie mir wiedergab, denn ich liebe Sie, Giuditta. Ihr Vetter tritt mir die Ansprüche ab, welche Ihre Tanten ihm auf Ihre Hand gestatten; könnten Sie mich lieben, Giuditta? Wollen Sie mir erlauben, bei den Tanten um Sie zu werben?«

Giuditta antwortete nicht, aber sie legte ihre Hand fester auf Hermanns Arm, der sie ergriff und an seine Lippen preßte.

»Sind das die Rose und die Orangenblüte«, fragte sie in lieblicher Verwirrung, auf die Blumen an ihrer Brust zeigend. »die ich Ihnen neulich gegeben habe?«

»Nein! teure Giuditta, die habe ich wohlbewahrt bei den andern Grüßen, die mir aus Ihren Händen kamen. Haben Sie mich denn nicht gesehen, als ich am ersten Abend des Karnevals Ihrem Wagen folgte bis in Ihre Wohnung?«

»Oh! gewiß«, rief das Mädchen. »Ich entdeckte Sie auch gleich, sobald ich auf den Balkon getreten war und Sie den Corso herabkamen. Ich hatte mich schon auf dem Wege immerfort umgesehen, ob Sie nicht da wären.«

»So hatten Sie mich nicht vergessen?« fragte Hermann entzückt.

»Ich habe recht oft an Sie gedacht«, hauchte Giuditta leise hervor. »Aber was werden Sie von mir denken, daß ich es Ihnen sage«, rief sie dann erschrocken über ihre eignen Worte und fügte mit bebender Stimme hinzu: »Der böse Horazio trägt allein die Schuld.«

»Giuditta! Süßes, liebes Mädchen!« rief Hermann. »Wie danke ich es dem guten Horazio, wie liebe ich dich!«

»Wie jeder Verliebte seine Schöne«, rief ein großer, als Sylphide gekleideter Römer dazwischen, der eine garstige Fledermaus mit einer Katzenmaske am Arme führte, und veranlaßte das junge Paar zu leiserem Gespräch.

Neue Quadrillenklänge rauschten durch den Saal, neue Masken drängten sich zum Tanze. Hier stand ein Stutzer in schwarzem Frack mit einer zarten Griechin, dort tanzte ein mittelalterlicher Ritter mit einer üppigen Albanerin. Riesengroße Römer in weiblicher Modekleidung oder in einem der Kostüme der Fanny Elßler, welche damals das Entzücken des Publikums machte, wählten sich kleine, weibliche Dandys zum Tanze. Wilde von den Südseeinseln, Briganten, Campagnarden, Harlekins, Asiaten, Hofherren Ludwigs des Vierzehnten und Männer in gewählter Ballkleidung lehnten gegen die Brüstung der Parterrelogen in verbindlichem Zwiegespräch mit den Schönheiten aller Nationen oder gingen durch die obern Logenreihen, hier ein freundlich Wort, dort einen neckenden Scherz zu wagen.

In der Loge von Signora Laura und Signora Rosa Marchetti waren Alwyl und der Doktor bemüht, den Damen eine heitere Stunde zu bereiten, was ihnen vortrefflich gelang. Besonders machte der sprudelnde Witz des in Domino und Maske verhüllten Alwyl ihren Frohsinn und ihre Neugier rege. Mit der angebornen Anmut und Würde der Römerinnen wußten sie seinen Scherzen zu begegnen, und das angenehme, wohlanständige Betragen der alten Damen gab Alwyl die beste Meinung von Nichte und Tanten. Die Zeit verging ihm schneller, als er gehofft hatte. Als Horazio mit den Liebenden in die Loge trat und die beiden Deutschen als seine Freunde vorstellte, wurden sie freundlich begrüßt und als Corsobekanntschaften willkommen geheißen. Die allgemeine Heiterkeit herrschte verdoppelt in der Loge, man blieb beisammen, bis das Fest sich am Morgen seinem Ende näherte, und da Horazio, von süßen Banden gefesselt, nicht erschien, die Frauen zu ihrem Wagen zu geleiten, nahmen sie die Dienste Alwyls und Hermanns an. Als die Freunde sich von den Damen trennten, hatten sie die Erlaubnis erhalten, sie am Sonnabend auf ihrem Balkone zu besuchen.

 

Der Freitag unterbricht als Fasttag den Jubel des Karnevals. Wie an jedem Vormittage der ganzen Woche werden die Gewerbe ruhig und eifrig betrieben. Der Handwerker arbeitet doppelt willig am Morgen, um am Nachmittage das nötige Geld für die Freuden des Festes zu besitzen, die für ihn nicht teuer sind. Ein wenig rote und gelbe Farbe, auf die Haut gemalt, teilen das Gesicht bis zum Unkenntlichen in zwei gleiche Hälften, ein paar schwarze Striche entstellen es noch mehr. Ein Zopf von Werg, eine Mütze von Papier mit bunter Feder und vielleicht eine abgelegte Soldatenjacke über einem Weiberrock genügen ihm als vollständiges Kostüm. In dieser Tracht überläßt er sich ebenso harmlos der Freude als jeder andere in besserm Gewande, als der Reiche in seiner Prachtkarosse. Mit großer Sicherheit wirft er die Sträuße und Konfitüren, die aus den Wagen und von den Balkons ihr Ziel verfehlen, der erkorenen Liebsten oder auch irgendeiner vornehmen Schönheit zu, die seinen Blicken wohlgefällt; und die Dame müßte sehr unfreundlich oder sehr stolz sein, wenn sie die Artigkeit nicht erwidert, die er ihr erzeigt. Nirgend begegnet man Roheit und Unsittlichkeit, niemals wird der Scherz unzart, den sich die Männer der untersten Volksklassen gegen die Frauen erlauben. Nur als Karikatur erscheinen unter den Masken Trunkenheit, Streit und Zank, um die Lust des Festes zu erhöhen. Liebte man die Römer nicht schon früher wegen ihrer Gesittung, man müßte es lernen, wenn man sie während des Karnevals beobachtet. Es ist ein edles, vornehmes Volk, dem selbst in der ausgelassensten Freude Wohlanständigkeit und Schönheit nie fehlen.

Von der Heiterkeit des Festes am Abend kehrt der Römer morgens wieder fleißig zur Arbeit zurück. Die Läden sind geöffnet, die Kirchen werden besucht, und in der Kirche del Gesù, welche nahe am Venezianischen Palaste die Jesuiten innehaben, hoffte Hermann die Geliebte zu sehen, da der Ruhetag keine andere Gelegenheit des Findens darbot.

Es war still und friedlich in der Kirche. Ein mildes Dämmerlicht drang durch die Fenster, auf den Sonnenstrahlen, welche hineinfielen, kräuselten sich die weißen Wölkchen des duftenden Weihrauchs. Einzelne Beter knieten vor den verschiedenen Kapellen oder mitten in dem Schiffe der Kirche, während am Altare Priester in reichen Gewändern feierlich die Messe intonierten. Die Ruhe, der Ernst des Ortes bildeten einen schönen Gegensatz gegen die Bewegtheit des Karnevals. Hermann empfand diese Wirkung lebhaft bei seinem Eintritte in das Gotteshaus. Die zerstreuten Seelenkräfte strebten sich zu sammeln, die Erregtheit seines Herzens besänftigte sich, ein Gefühl von Weichheit kam über ihn, wie er es lange nicht empfunden hatte. Seine Kindheit, die Heimat, das Vaterhaus und die Bilder der gestorbenen Eltern traten vor sein inneres Auge. Er dachte, wie er seit Jahren allein gelebt in der Welt, ohne dies Alleinsein schmerzlich zu empfinden, bis ihm Alwyl begegnet war. Nun hatte er einen Freund, und doch war sein Herz nicht ausgefüllt gewesen, doch fehlte ihm die höchste Blüte des Daseins, die Liebe, die ihm jetzt in Giuditta erschien, in Giuditta, dem Ideal seines Sehnens. Voll glühender Erwartung blickte er nach der Türe, durch die sie kommen mußte.

Einzeln traten die Kirchengänger herein; bald eine hinfällige Alte, die sich mühsam bis zu einer Kapelle schleppte, bald ein rüstiges Mädchen, das den Marktkorb zur Erde setzte, um ganz in Eile ein paar Rosenkränze zu beten und sich von den Sünden zu reinigen, die die Karnevalslust über sie gebracht haben mochte. Geschäftige Männer schlugen schnell das Zeichen des Kreuzes, hörten ein paar Worte der Messe mit an und gingen davon. Ernste Frauengestalten knieten nieder vor die Beichtstühle, Giuditta kam noch immer nicht. Endlich hob eine kräftige Hand den schweren Ledervorhang der Türe auf, und die Ersehnte trat herein in Begleitung eines alten Dieners.

Freudestrahlend flog Hermann ihr entgegen, reichte ihr das Weihwasser und empfing zum Danke ihre Hand, die er in die seine preßte. Wie beredt machte ihn die Liebe, was hatte er dem Mädchen nicht alles zu sagen! Aber Giuditta unterbrach ihn ängstlich und bat: »Ach, sagen Sie mir das nicht, jetzt nicht, ich will beichten gehen, Pater Luigi erwartet mich schon, und wenn er uns beieinander sähe, wenn er mich fragte?«

»Nun, teure Giuditta?«

»Dann müßte ich es sagen.«

»Und was denn, meine Giuditta?«

»Oh! fragen Sie noch?« rief das Mädchen. »Müßte ich nicht sagen, daß ich nicht an Gott, nicht an die Beichte, sondern nur an Sie gedacht habe, als ich zur Kirche kam; müßte ich nicht sagen, daß –« Sie stockte und schwieg verschämt.

»Und ist es eine Sünde, daß Sie den Mann lieben«, fragte Hermann, »der Ihnen sein Leben weiht, der von Ihnen das Glück seiner Zukunft erwartet?«

»Ich glaube nicht!« sagte Giuditta lächelnd, »ich finde kein Unrecht darin, aber der Pater –«

»Nun, der Pater?«

»Oh! der hat einen Neffen, und er hat den Tanten gesagt, das wäre der beste Mann für mich, wenn Horazio mich nicht heirate.«

»Gehen Sie nicht zur Beichte«, bat Hermann plötzlich und dringend, »nur heute nicht.«

»Aber wie soll ich das machen, was soll ich den Tanten sagen?«

»Sagen Sie, Sie hätten sich zu zerstreut, nicht gesammelt genug gefühlt.«

»Und der Diener, der uns hier beisammen sieht?«

»Für dessen Schweigen werde ich sorgen.«

»So lassen Sie uns zusammen Gott anflehen um Glück für die Zukunft, um Segen für unsere Liebe«, sagte Giuditta und kniete mit der Grazie einer Italienerin neben Hermann nieder, dessen Seele, aufgelöst in Liebe, die heiligsten Gelöbnisse tat für das Glück des Mädchens, das still an seiner Seite betete, während helle Freudentränen aus ihren Augen auf die Perlen des Rosenkranzes fielen, der durch ihre Finger glitt.

Als sie geendet hatte, erhob sie sich und reichte Hermann die Hand mit dem Ernste und der Zuversicht, mit der ein Weib sie vor dem Altar in die Hand des geliebten Mannes legt. »Baue auf mich«, sagte Hermann.

»In festem Vertrauen«, antwortete das Mädchen, und die Klänge der Messe zogen segnend über die Glücklichen hin durch das hohe, prächtige Schiff der Kirche.

 

Als Hermann in seine Wohnung trat, fand er Horazio und Alwyl seiner wartend.

»Schlechte Botschaft!« rief der erstere ihm entgegen. »Ich komme von den gestrengsten Tanten. Da ich sie gestern im Apollo so trefflicher Laune, so durchdrungen von Ihrer und Alwyls Liebenswürdigkeit fand, wagte ich heute in der Ungeduld meines armen Herzens einen Sturm und ward in aller Form zurückgeschlagen.«

»Zurückgeschlagen?« fragte Hermann.

»Ja! in aller Form. Die Tanten wollen keine Vernunft annehmen, die alten Herzen sind kalt geworden im Winterfrost der Jahre. Sie sagen, es stände bei mir, zu wählen, wen ich wolle, aber Giuditta solle dann das Vermögen allein erhalten und den Neffen ihres verdammten Pater Luigi heiraten, der ein Heuchler ist wie der jesuitische Herr Onkel. Von Ihnen, von einer Ehe mit einem Fremden könne gar nicht die Rede sein. Ich stellte vor, Sie wären ein guter Katholik, Sie wären brav und reich, alles umsonst – und nun helfen Sie sich selbst, denn ich kann mit den alten eigensinnigen Frauen fürs erste gar nichts anfangen.«

»Alwyl, was soll ich tun?« fragte Hermann.

»Auf dem Corso von unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit sein und das übrige mir überlassen. Die Damen haben uns ja erlaubt, sie morgen auf ihrem Balkon zu besuchen.«

»Sie haben die Erlaubnis für Hermann widerrufen.«

»Für mich nicht?« fragte Alwyl.

»Nein«, antwortete jener.

»Das ist ein gutes Zeichen, sie wünschen also Friedensvorschläge. Nur Mut! In wenig Tagen soll alles in Ordnung sein, und wir haben zwei glückliche Paare, noch ehe die Fasten beginnen.«

Hermann und Horazio vertrauten dieser Hoffnung nur zu gern und erwarteten ungeduldig den nächsten Nachmittag und mit ihm das Wiedersehen der Geliebten.

Der Sonnabend kam, der Corso war lebhafter als je, die Tanten erschienen feierlich auf ihrem Balkon, und – Giuditta war nicht dabei.

Hermanns Zorn, daß man dem geliebten Kinde die Karnevalslust verkürze, kannte keine Grenzen. »Nun ist die Arme allein zu Hause«, sagte er, »sicher überhäuft von den Vorwürfen der alten Jungfern, und mag in Tränen schwimmen, wenn sie hierher denkt.«

»Warum versuchen Sie es nicht, Giudittas Tränen trocknen zu gehen?« fragte Alwyl. »Sie zürnen den guten Tanten, und ich finde, es sind Muster der Gefälligkeit für Sie, denn sie bereiten Ihnen das ruhigste, ungestörteste Tête-à-tête mit der Geliebten.«

Der Vorschlag leuchtete Hermann ein. Im Augenblick war er auf dem Wege nach der Via Cesarini, und während er unter dem Schutze des alten Dieners ungestört mit Giuditta glückselige Stunden verplauderte, saß Alwyl an der Seite der Tanten und versuchte durch Erinnerungen an deren eigene Jugend die Herzen derselben zu rühren. Aber mehr als das Andenken an die Vergangenheit tat Alwyls Persönlichkeit selbst. Er war ein schöner Mann in den besten Jahren, er hatte keine Frau und hielt, wie er den Tanten sagte, die Ehe für das beneidenswerteste Los. Er meinte, kein Alter sei zu spät, um in den heiligen Stand der Ehe zu treten, ja, er glaubte selbst, daß in einer Heirat zwischen ältern Personen die größte Bürgschaft des Glückes liege, es sei denn, daß zwei junge, ganz freie Herzen wie die von Signora Giuditta und Hermann sich bei dem ersten Schritte ins Leben begegneten, was auch vortreffliche Ehen gäbe.

Die ganzen Schätze deutscher Empfindsamkeit ließ er in die Seelen der beiden Schwestern überströmen, welche immer aufmerksamer zuhörten, immer weniger auf die Sträuße achteten, die man ihnen zuwarf. Sie erkundigten sich nach Hermanns Verhältnissen, sie fragten, ob er in Italien bleiben könne und ob Deutschland sehr kalt sei. Signora Rosa versicherte, daß bei ihren Nerven der geringste Frost ihr tödlich wäre, und Signora Laura meinte mit einem freundlichen Blicke auf Alwyl, daß der Mensch sich überall akklimatisiere und daß man überall glücklich sein könne.

Alwyl, fühlend, daß sein Sieg fast vollendet sei, beschloß, sich zurückzuziehen und die beiden Damen, welche, die verzeihliche Heiratslust abgerechnet, ihm wieder einen angenehmen Eindruck gemacht hatten, sich selbst und dem Nachdenken zu überlassen. Auf der Treppe begegnete er Horazio und antwortete auf dessen Frage, was er hoffen dürfe, mit dem übersetzten Verse des deutschen Dichters: »Wenn die Reben wieder blühen, rühret sich der Wein im Fasse.« Dann eilte er in den Corso hinab, sich in der leichten Heiterkeit des Festes den Lohn für die verlorenen Stunden zu holen.

Der Sonntag verging in der Spannung des Waffenstillstandes. Am Montag, als die Truppen wie alltäglich in den Corso einmarschiert waren, erschien die wohlbekannte Equipage an der Ecke der Via Frattina, und den Tanten gegenüber saß Giuditta, die sogleich nach dem Geliebten umherspähte.

Aber mit jedem Tage nimmt das Gewühl auf dem Corso zu, mit jedem Tage wird es schwerer, seine Bekannten herauszufinden. Immer größer wird der Freudenrausch. Es ist, als wolle man, je mehr das Fest sich seinem Ende nähere, es um so mehr genießen. Muß man doch diese unbefangene Freude entbehren bis zum nächsten Jahre; sehen doch manche der Schönen, denen ein stattlicher Forestiere lieb wurde in der Freudenwoche des Karnevals, ihn niemals wieder, den Fremden, den der erste Kurier nach der Osterwoche in seine ferne Heimat entführt.

Ach! der Karneval ist ein poetisches Bild von manchem Liebesleben, in dem zwei Herzen erwachen zu kurzem, freudeseligem Finden und Leben, um dann getrennt und begraben zu werden in langem, ewigem Entbehren. Wie zählt man die Stunden bis zu der bevorstehenden Trennung, wie geizt man danach, die Augenblicke zu fesseln, wie möchte man in jede Sekunde eine große, eine unvergeßliche Freude drängen, um sich daran zu erquicken in den Tagen der Trauer, welche dem Scheiden folgen! So geht es im Karneval! Immer reichlicher fliegen die Sträuße durch die Luft, immer wärmer werden die Blicke, die ihnen folgen; der Scherz, den man in den ersten Tagen mit dem gleichgültigen Fremden anknüpfte, wird schmachtender Ernst, je mehr das Ende naht, und auf manchen letzten Blumenstrauß aus lieber Hand fällt eine perlende Träne, wenn er seufzend zu den werten Zeichen des Andenkens in die verschlossene Truhe gelegt wird.

Mitten aus dem Gedränge der Masken tauchte am Montage Hermanns Gestalt unter dem bekannten Balkone auf, dessen Besuch ihm noch immer nicht gestattet worden war. Ein junger Römer in der Tracht eines arkadischen Gärtners begleitete ihn und trug eines jener scherenartigen Instrumente, die, sich weit ausdehnend, bestimmt sind, Blumen und Gaben sicher in die oberen Stockwerke zu bringen, ohne sie der Ungewißheit des Wurfes anzuvertrauen. Je fester Giudittas Augen an Hermann hingen, je weniger schienen die beiden Tanten ihn zu sehen. Schon mehrmals hatte Giuditta mit ängstlichem Blicke auf jene die Blumen und Schächtelchen abgenommen, welche Hermann an die Schere befestigt und der Gärtner hinaufgehoben hatte, als endlich Hermann zwei prächtige Sträuße mit Briefen daran knüpfte, welche als Aufschrift die Namen der beiden Schwestern trugen. Giuditta knüpfte sie los und reichte sie den Tanten, welche Anstand nahmen, sie zu empfangen. Aber die Neugier trug den Sieg davon. Eine jede öffnete ihren Brief. Nur eine Strophe stand in jedem. Sie lauteten:

A LAURA MARCHETTI
Toi qui portes le nom de l'amante adorée
Que Pétrarque chanta, la célébrant toujours,
Calme les doux transports de notre âme enivrée!
L'hymen doit réparer les maux qu'a faits l'amour.

A ROSA MARCHETTI
Judith est une fleur de grâces éclatante,
Fraîche comme l'aurore ou le nom de sa tante;
Toi dont elle m'a dit l'angélique douceur,
Sois un ange pour nous et mets-la sur mon coeur.

Die Verse riefen ein Lächeln auf den Gesichtern der Schwestern hervor, das Hermann als ein günstiges Zeichen betrachten durfte, aber obgleich Alwyl bald nachher zu den Damen auf den Balkon trat und lange und angelegentlich mit ihnen sprach, erfolgte die Einladung nicht, welche Hermann zuversichtlich erwartet hatte.

Noch einmal trennten sich die Liebenden mit stummen, ausdrucksvollen Blicken, und statt Hermanns, der dies wie die höchste Wonne ersehnte, fuhr mit den Damen und dem Abbate Luigi sein Freund Alwyl nach Hause, der selbst Luigis Gunst durch seine Gelehrsamkeit bis zu einem gewissen Grade gewonnen hatte.

 

Nur noch vierundzwanzig Stunden hatte der Karneval zu leben, überall hörte man seinen nahen Tod beklagen. Wie toll und wild drängte man sich am Dienstagnachmittag in den Corso, um den geliebten Karneval noch einmal zu sehen, um bei ihm zu bleiben bis an sein Ende und ihn mit den Moccolilichtchen zu Grabe zu tragen. Niemand will das erste Lichtchen anzünden, denn wenn das letzte verlöscht, ist die Lust vorüber; und doch blickt jeder umher, ob noch nirgend ein Flämmchen erglänze.

Endlich taucht eins auf! ganz fern, ganz unten an der Ecke der Via dei Greci. Wie es so einsam, so scheu durch die Dämmerung flimmert, als fürchte es den noch anwesenden Tag, als traue es sich nicht recht hervor, solange der da sei. Aber der Tag scheidet, und das Lichtchen brennt; da wagt sich ein zweites hervor und ein drittes, und nun folgt die ganze Schar. Von den Balkonen des Mezzanin durch den ersten Stock bis hinauf zu den Fenstern unter den Dächern schlingen sie sich empor. Die einzelnen kleinen Glühwürmchen verwandeln sich wie im Märchen blitzesschnell in große, funkelnde Feuerschlangen, welche sich rastlos über den ganzen Corso fortwälzen. Alles strahlt in Licht und Flammen. Licht! ist das Losungswort dieser Stunden, nur im Flammentod kann der göttliche Frohsinn des Karnevals sein Ende finden. Nicht bang, nicht müde schleicht er dem Ende zu. Frisch, freudig, in höchster Lebensfülle verschwindet er, taucht er unter in ein Meer von Licht und Flammen. Das ist schön.

Jeder will sein Teil dazu bringen, jeder muß ein Lichtchen in Händen haben. Aber die Fülle des Glanzes verwirrt, man fürchtet zu erblinden, wenn es ewig so währte, und die bangen Menschen fangen an, hier und dort ein Flämmchen zu löschen.

Toren, die ihr seid! Glaubt ihr, es gäbe hienieden eine Lust ohne Ende? Eine Flamme ohne Erlöschen und Sichverzehren? Laßt nur die Lichtchen brennen, laßt nur die Feuerschlange sich schillernd und flimmernd über den Corso wälzen und die Flämmchen den Sankt-Elms-Feuern gleich über Wagen und Fußgängern leuchten. Nur eine kurze Frist, und die Pracht ist zu Ende, und der Flammenstrahl der Freude hüllt sich ein in das matte Grau, in das Halbdunkel gleichgültiger Alltäglichkeit.

War der Eifer groß, mit dem man die Moccoli anzündete, so ist die Leidenschaft des Auslöschens und Wiederanzündens noch stärker. Aus den obern Stockwerken herab, von der Straße hinauf schlägt man mit Tüchern, die an Stangen befestigt sind, nach den Moccoli auf den Balkons. Dreiste Burschen springen auf die Wagen und suchen die Lichtchen zu erreichen, welche man, auf die Sitze steigend, vor ihrer Vertilgungswut zu retten strebt. Hie und da flammt ein Taschentuch, eine Fenstergardine in hellem Feuer auf; aber die Menschen sind Salamander geworden, sie leben nur noch im Feuer, Feuer erschreckt sie nicht, stört nicht den wahrhaft bacchantischen Taumel.

Und käme ein Cato, eine Magdalene auf den Corso, sie könnten sich dem allgemeinen Jubel, der überwältigenden Lust nicht entziehen. Wäre man blind, hörte man nur den jauchzenden, immer wachsenden Lärm der unzähligen Menschenmenge, man würde mit Schaudern das furchtbarste Ereignis hereingebrochen wähnen. Kein Bild, keine Beschreibung geben eine Vorstellung dieser Stunden.

Jedes Bedenken, jede gewohnte Schicklichkeitsregel verschwindet. Mit den kostbarsten Schals schlagen vornehme Frauen nach dem Lichtchen des Straßenbuben, das ihnen erreichbar scheint. Dreist gemacht durch die allgemeine Tollheit, sicher gemacht durch den Eifer, in dem jeder nur mit sich und seinem Lichtchen beschäftigt ist, sprang Hermann die Treppen in dem Eckhause der Via Frattina hinauf, schlug mit seinem Tuche die Moccoli der Tanten, Alwyls und des Abbate zu Tode, und ehe diese noch den kecken Störenfried erkannten, zog er die überraschte Giuditta in seine Arme, und sie ruhte an seiner Brust.

Die Tanten wußten nicht gleich, was sie dazu sagen sollten. Den ganzen Nachmittag hatte Alwyl ihnen auseinandergesetzt, daß es der Wille des Erblassers gewesen sei, ein glückliches Paar zu machen; wie es jetzt aber in ihrer Macht stehe, mit denselben Mitteln vier Menschen zu beglücken, also den Willen des Gestorbenen doppelt schön zu erfüllen. Er hatte ihnen Horazios und Giudittas Dank, ein ganzes Idyll von Familienglück geschildert und nicht vergessen, hinzuzufügen, daß er, wenn er Hermann verliere, sich wieder recht einsam vorkommen werde. Die Herzen der Tanten waren erweicht. Der Abbate wurde vernachlässigt um Alwyls willen.

Nun stand das junge, liebende Paar zärtlich umschlungen vor den Tanten da. Die Keckheit Hermanns gefiel ihnen wohl. Sie konnten nicht länger widerstehen. Mitten in dem allgemeinen Jubel ward der Bund der Herzen gesegnet, und als die letzten Moccoli auf dem Corso verlöschten, zogen zwei schönere Sterne, die Augen Giudittas, für immer an dem Lebenshorizonte des glücklichen Hermann empor.


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