Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Die Taufe der Juden und Heiden im Lateran

Ich habe der Osterfeierlichkeiten erwähnt und komme noch einmal auf dieselben zurück. Der Glaube an ihre erhebende, poetische Pracht gehört mir zu den traditionellen Irrtümern, welche über Italien nach allen Richtungen im Schwange sind und die ein Reisender dem andern nacherzählt.

So sagt man, Italien ist unreinlich, weil man fürchten muß, selbst dafür zu gelten, wenn man dies nicht zugibt; man behauptet, von dem Volke überlistet und betrogen zu werden, denn dies zu behaupten macht vielen Wohlhabenden Vergnügen; man findet auch als Protestant den Katholizismus poetisch, da so viele ihn dafür erklären; und doch ist dies alles gar nicht oder nur zum kleinen Teile wahr.

Der Katholizismus ist wie jede Religion poetisch, wenn man einmal in einsamer Kirche einen Menschen hingesunken sieht in innerer Sammlung, in starker Erhebung seines Geistes; aber ich glaube, daß nach den Zeremonien der Osterwoche der Katholizismus jedem Protestanten als ein vollständiges Götzentum erscheinen muß. Es ist ein wahrer Olymp, eine wahre Vielgötterei, dieses katholische Jenseits mit Gottvater, der Madonna, dem Sohne und allen Heiligen, wie das Volk sie verehrt und auffaßt. Sah ich die wundervolle Konsequenz, mit der sich die Menschen die einzelnen, ganz unmöglichen Fakta zusammenpassen, um ein festgegliedertes Ganzes daraus zu machen, so begriff ich nicht, wie soviel gesunde Logik sich in den Banden des Aberglaubens erhalten läßt. Man fragt sich: weshalb baut diese Logik sich Zwingburgen für die Vernunft, statt sie zu zerstören? Warum wagt sie nicht einen Ausfall aus der Festung der Kirche in die Natur, in der das ewige Leben ist und die Wahrheit? Warum läßt sich die Seele an das Kreuz schlagen und tröstet sich mit getrockneten, weihwasserbesprengten Palmzweigen, statt sich den tauglänzenden Lorbeer, den blühenden, duftenden Zweig der Orange vom frischen Baume zu brechen?

Unter den Feierlichkeiten der Osterwoche haben die Lamentationen und das Miserere in der Sixtinischen Kapelle einen großen Ruf. Die Musik ist voll hoher Schönheit, voll wunderbarer Trauer, aber man müßte sie nicht von der päpstlichen Kapelle hören. Diesen Sängern fehlt der feine, menschliche Jubelklang der Stimme, die sich jauchzend aufschwingt im Vollgefühl des Daseins. Nur einzelne Klagetöne schlagen an das Herz und bewegen es in seinen Tiefen. Der Gesamteindruck dieses Gesanges ist mehr traurig als erhebend.

Nur einmal in Italien habe ich Kirchenmusik gehört, die mir die innerste Seele erschütterte. Es war der Gesang der Nonnen im Kloster Santissima Trinità dei Monti. Wie die Klagen einer zum Tode verwundeten Nachtigall stiegen die Stimmen gen Himmel empor. Es war, als ob die heißen Strahlen der untergehenden Sonne, die in die Kirche fielen, sie mit hinaufnähmen vor den Thron des Allgeistes, dem diese Jungfrauen in frommem Fanatismus ihr Erdenleben opfern. Heiße Tränen lösten sich bei diesen Klängen von dem Herzen, und ich liebte die Nonnen, welche ich nicht sah und nicht kannte. Ihre Töne hatten eine Sprache, die ich wohl verstand.

Wenn am Karfreitage die Lamentationen und das Miserere verklungen sind und der Papst selbst die Hostie aus der Sixtinischen Kapelle hinabgetragen hat in die Paulinische, so ist der Karfreitagskultus beendet.

Das nächste, was sich dann der Schaulust des Publikums darbietet, ist die Taufe der Ungläubigen, die alljährig am Sonnabend vor Ostern im Laterane stattfindet.

»Dites-moi, mon ami! où gardez-vous pendant le reste de l'année ce payen et ce juif que vous baptisez tous les Pâques?« fragte eine geistreiche Frau einen Monsignore, mit dem sie befreundet war; denn man sorgt wirklich dafür, daß es in keinem Jahre an dem herkömmlichen Proselyten fehle. Ich glaube aber, daß man rechtliche Mittel dazu anwendet und die Bekehrungen weder erzwingt noch erkauft, weil man dies Jahr nur einen Proselyten aufzuweisen hatte. Es war ein Jude aus dem Ghetto.

Als wir am Morgen des 11. April von den Quattro Fontane nach Santa Maria Maggiore und dem Laterane wanderten, lag der seligste Frühlingshimmel ausgebreitet über der Straße, die sich zwischen Villen und Vignen hinzieht. Akazien-, Pfirsich-, Äpfel- und Birnbäume standen in üppigster Blüte, die Serenenbüsche hauchten den frischesten Duft aus, und ein Licht, eine Lebensfülle durchströmten die Welt, vor denen das Menschenherz freudig erbebte in der Brust.

Einzelne Wagen fuhren nach dem Laterane, es war spät geworden, ehe wir uns zum Hingehen entschlossen. Ich hatte mich vor der feuchten Kälte gefürchtet, die im Frühjahr, wenn man aus der warmen Luft in die Kirchen tritt, so unheimlich fröstelnd berührt. Aber die Sonnenstrahlen waren auch bereits in die alte Basilika gedrungen, und es war hell und warm im Laterane wie in der freien Natur.

Das Tabernakel im Schiff der Kirche war auf das prächtigste geschmückt, davor ein Altar errichtet, um welchen Reihen von Bänken einen Kreis bildeten. Die eigentliche Taufe ging, nach langen Beschwörungen und Austreibungen des Teufels aus dem Bekehrten, nach dem gewöhnlichen Rituale vor sich.

Der Jude, ein schlanker, hübscher Jüngling von etwa fünfundzwanzig Jahren, trug ein Kleid von weißem Seidendamast nach Art der Priestergewänder. Er kniete mit einer Kerze in der Hand vor dem Altare, ein Kardinal hielt eine lange Predigt. Darauf wurde dem Jüngling die Firmung erteilt und die weiße Stirnbinde angelegt, welche das heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände bewahrt. Eine zweite Predigt folgte, während welcher ein Geistlicher und ein östreichischer Legationsrat, die Paten des Getauften, sich neben ihn stellten. Man gab ihm nach beendeter Predigt wieder eine brennende Kerze in die Hand, trug das Kreuz vorauf und begann eine Prozession durch die Kirche und die äußern Stationen, der sich singend die zahlreich anwesende Geistlichkeit anschloß.

Dabei kam der junge Mann an mir vorüber, und unwillkürlich entschlüpften die Worte »Der arme Jude!« meinen Lippen.

Es war der erste Feiertag des jüdischen Osterfestes! Der junge Mann – das Volk nannte ihn einen schönen Jüngling, wo er vorüberging –, der junge Mann sah traurig, niedergedrückt, nicht im geringsten erhoben aus. Ein Zug von Stumpfheit lag schwer auf den scharfen, jüdisch klugen Zügen seines Gesichtes. Er tat mir sehr leid.

Nicht als ob ich es verkennte, wie rein und schön, wie mild und geistig veredelt das wahre Christentum sei im Verhältnis zu der exklusiven Starrheit des Judentums; nicht als ob ich die Erscheinung Jesus nicht wie ein Heil der Menschheit begrüßte und verehrte; mich jammerte es nur, daß der Jude, indem er eine reinere Menschheitsidee in sich aufnimmt, auch den ganzen Wust überlebter Dogmen und mystischer Symbole anerkennen muß. Er darf nicht, ein geläuterter, veredelter Mensch, fortleben in dem Kreise der Seinen, durch sein Beispiel bezeugend, wieviel besser die Lehre Jesu ihn mache; er muß sich losschwören von seinem Volke, von seinen Angehörigen, er muß ihren Haß, ihre Verachtung auf sich nehmen; und warum das? Hörte denn Christus auf, Jude zu sein? Ward nicht der Jude Jesus von den Römern an das Kreuz geschlagen, starb er nicht als Jude, obgleich er die Wahrheit einer neuen Geistesentwicklung erkannt, obgleich er der Welt einen Idealismus gepredigt hatte, zu dessen Bekräftigung er sein Leben opferte?

Es lag für mich ein tiefer Schmerz darin, daß grade an dem Tage, der die Juden um das Ostermahl versammelt, an dem Tage, an welchem die Familie als solche vereint das Osterlamm genießt zur Erinnerung des Auszuges aus Ägypten, dieser Jüngling sich lossagte von Familie und Volk.

Nun stand er da in dem prächtigen Laterane, wo man seit tausend Jahren seinem Volke geflucht und die Vernichtung desselben gepredigt hatte; nun stand er da, der junge Neubekehrte, ein Glied der aus christlicher Liebe verdammenden Gemeinschaft, berechtigt, sein Volk zu verfluchen und zu verdammen wie jene. Einsam, allein in der Gemeinde der Christen!

Und dort im Ghetto, in den engen, schmalen Straßen des Judenviertels, hing wohl ein alter Vater den weißen, blaugerändeten Gebetmantel um, die Seinigen versammelnd zum Ostermahle, mit tränengefülltem Auge auf den Platz blickend an seiner Seite, den heute der Sohn nicht mehr einnahm, auf dem zum ersten Male ein Glied der Familie fehlte.

Oh! das Walten der Nemesis ist sichtbar in der Geschichte! Sie waltet schwer über dem unglücklichen Volke der Juden, und das starre Ausschließungssystem des Moses rächt sich furchtbar an seinen Bekennern.

Möchte das Christentum daraus lernen, daß keine Sünde gegen den Geist der Menschheit ungestraft begangen wird. Möchte es hier in Rom auf den Trümmern des Heidentums begreifen, daß auch das christlich-katholische Heidentum und der orthodoxe Protestantismus untergehen werden und müssen, um Raum zu machen für die Anbetung des Geistes in der Natur, im Schönen und Wahren, der allein der Heilige Geist ist.


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