Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Eine Soiree

Wahrhaft schöne und förderliche Geselligkeit ist nur möglich in freien Ländern, das heißt jene Geselligkeit, durch welche das geistige Leben zu erhöhter Tätigkeit angeregt wird. Tanzen und den Frauen schmeicheln, Karten spielen, dinieren, rauchen und trinken kann man überall, so gut in Rußland als in Deutschland und in Italien.

Aber alle diese Vergnügungen halten nicht dauernd vor, sie sind kein rechtes Bindungsmittel für die einzelnen, es liegt kein wahrhaftes Interesse darin für denjenigen, der von seiner Zeit mehr fordert, als daß sie ihm so schnell als möglich vergehe. Die Bessren unter uns sind längst aus der Kindheit des Menschenalters zur Männlichkeit desselben übergegangen und verlangen auch von ihrer Erholung einen gewissen geistigen Ernst, dem deshalb die verschönende Grazie der Heiterkeit und des geselligen Verkehrs nicht zu fehlen braucht.

Die Italiener haben von ihrer Vergangenheit die schönsten, leichtesten Umgangsformen ererbt. Sie sind Kinder einer vornehmen Familie, wohlerzogen und edel gewöhnt. Sie wären imstande, eine vortreffliche Geselligkeit in sich auszubilden, hätten sie geistige Motive, durch die sie als »Gesellschaft« geistig zusammengehalten würden. Aber in Italien ist der Geist und mit ihm das Leben der Gesellschaft gewaltsam in Fesseln geschlagen worden, und die Gesellschaft macht den Eindruck jener unbewohnten Prachtpaläste, deren mit Staub bedeckte Bilder und Möbel trotz ihres noch vorhandenen Reichtums traurig und veraltet erscheinen.

In Frankreich führen politische, religiöse und literarische Interessen die verschiedenen Parteien zusammen, weil man sich über alle diese Gegenstände frei unterhalten kann; weil ein Wort oft schneller Mißverständnisse und Zwiespalt beendet als bogenlange Broschüren und Kontroversen, weil die Meinungsverschiedenheit, welche sich in freier Unterhaltung kundgibt, eine immer neue Quelle der Anregung und des Fortschrittes wird. In Italien aber ist eine solche geistig bewegende Geselligkeit in großem Maßstabe unmöglich. Es gibt Männer genug, die mit wachem Auge, mit hoffender Seele der freien Bewegung und dem Fortschritte des Auslandes folgen und ihn für Italien herbeisehnen; aber nicht nur ihre Tat ist gefesselt, sondern auch ihr Wort.

Die Gesellschaft wird unsichtbar überwacht, selbst auf die Fremden erstreckt sich diese Aufmerksamkeit. Der Salon einer Italienerin aus großer Familie, welcher den Ausländern leicht geöffnet ward, sollte, so behauptete man, von päpstlichen Geldern unterhalten werden und die Hausfrau im Dienste der Polizei stehen. Ein geistreicher Abbate nannte mir einen Chevalier, welcher Ritter der höchsten päpstlichen Orden war, als einen Spion; ein Deutscher, lange ansässig in Italien, warnte mich vor dem Abbate mit ähnlichen Bezeichnungen.

Ob eine der angeschuldigten Personen diesen Vorwurf verdiente, lasse ich dahingestellt sein; indes der bloße Gedanke, man werde überwacht, es gebe Spione, muß für Menschen, welche irgendein inneres Leben haben, hinreichend sein, sie von der Gesellschaft zurückzuscheuchen. Wie leicht es aber ist, in einem Lande Spione zu erwerben, in dem jeder freisinnig religiöse Gedanke eine Ketzerei und jeder, welcher diese enthüllt, ein gottgefälliges Werkzeug ist, das läßt sich leicht berechnen.

Im ganzen leben die Italiener des Bürgerstandes, die Beamten und der niedere Adel nur unter sich, und die Fremden gleichen Ranges kommen nur ausnahmsweise mit ihnen in Berührung. Unter der Aristokratie der verschiedenen Nationen ist der Verkehr wohl lebhafter, beschränkt sich aber auch dort auf Einladungen zu Festen und Bällen, zur Loge und zu einer Corsofahrt. Das Innere des Familienlebens bleibt den Fremden verschlossen. Zu einer rechten geistigen Annäherung kommt es deshalb selten; um so mehr, als man über die tieferen Interessen, über religiöse, soziale, politische und literarische Fragen in der Gesellschaft die Unterhaltung absichtlich vermeidet, weil dies leicht in verbotene Gebiete hinüberstreifen könnte.

So habe ich, wenn ich bisweilen im Kreise von Italienern war, das Gespräch sehr oberflächlich gefunden, anmutig spielend in dem Scherz einer herkömmlichen Galanterie, in welchem namentlich die Geistlichkeit ziemlich frei ist, und die Tagesereignisse behandelnd in der Art einer Hofzeitung. Das Kommen und Gehen fürstlicher Personen, Veränderungen im genealogischen Kalender, Wassersnot, Kornteuerungen und Feuersbrünste, Theater, Sängerinnen und vor allen Dingen das Ballett, das sind die Achsen, um welche sich die Unterhaltung bewegt. Nur hie und da findet man eine Gruppe, welche leise flüsternd wichtigere Gegenstände behandelt, und von einer solchen erfährt man gelegentlich Nachrichten, die nicht aus den Büchern und Schriften geschöpft sind, welche die Zensur passieren. Man sagte mir, daß die Kardinäle im Besitze aller verbotenen Schriften seien und daß man sie sich auch hier wie überall durch Unterschleif zu schaffen wisse. Es ist aber doch etwas anderes um den freien Mann, welcher sein Stück gesundes Brot im Sonnenschein vor seiner Haustüre ruhig genießt, oder den Unglücklichen, der die gestohlene Frucht scheu im Dunkel eines Winkels verschlingt.

Da nun die Gesellschaft in Rom Mangel an stoffreicher Unterhaltung leidet, greift sie zu Musik und Poesie als Lückenbüßer, und der Dilettantismus blüht dort ebenso wuchernd als bei uns. Er hat das mit allem Unkraut und allen Schmarotzergewächsen gemein. Die italienische Sitte begünstigt ihn obenein dadurch, daß man in vielen Häusern keine Art von Erfrischungen, kein Eis, kein Souper, nicht einmal Wasser umherreicht, wodurch den Dilettanten volle Muße für ihre Leistungen zuteil wird.

Als ein besonders angenehmer Kreis wurde mir die Gesellschaft im Hause der Baronesse E. gerühmt. Dort sollten noch ganz die alten italienischen Formen des Umganges beibehalten sein. Die Baronesse E. ist die Gemahlin eines hochgestellten Beamten, eine geistvolle Frau, ein glücklicher Improvisator. Sie empfängt an einem bestimmten Tage jeder Woche ihre Bekannten und Fremde und hatte auch mich eingeladen, sie zu besuchen.

Durch ein stockfinsteres Portal des schönen Palazzo fuhren wir abends zwischen neun und zehn Uhr in den innern Hof, welcher nur von dem flackernden Lichte wartender Kardinalsequipagen spärlich erhellt ward. Wir tappten die breite, prächtige Marmortreppe hinauf. Im Hofe hörten wir Fontänen plätschern.

Oben in dem großen Vorzimmer brannte auf einem Tische die dreiarmige römische Messinglampe; gegen dreißig Diener in den verschiedenen Livreen ihrer Häuser standen die Herrschaft erwartend da und spielten Würfel oder Karten. Ein paar Alte saßen an einem großen Kohlenbecken, sich zu wärmen. Auf uns achtete niemand, unser Diener mußte die Türen für uns öffnen.

Aus diesem Vorzimmer ging es in ein zweites, sehr großes Gemach, das auch nur von einer Lampe erhellt war. Der zweite Raum, die düstern Tapeten, der steinerne Fußboden und die langen Reihen gepolsterter Bänke an den Wänden sahen aus, als könnten sich hier allnächtlich Gespenster oder Femrichter versammeln. Am obern Ende des Saales standen mehrere Diener in der Livree des Hauses vor den Türen der Empfangszimmer, die Gäste zu melden.

Man wollte eben die Musik beginnen. Rossi, der beste Violinspieler Italiens, und der erste Klarinettist von der Scala in Mailand saßen schon neben einer blonden Engländerin am Flügel, ein Trio zu machen. Die Wirtin führte mich nach dem Sofa, wo sie mich bat, zwischen den Kardinälen M. und G. Platz zu nehmen.

Wie ich nun so dasaß und mich umsah, bekam diese Gesellschaft etwas ganz Befremdliches für mich, da mein Auge im protestantischen Deutschland nicht an den Anblick der geistlichen Kleidung gewöhnt war, die hier bedeutend und reich hervortrat. Ebenso auffallend erschien mir die gänzliche Schmucklosigkeit der Zimmereinrichtung. An den Fenstern hingen geblümte Musselingardinen. Ich hatte sie anfangs für grauen Damast gehalten, denn die Zeit hatte ihnen wie alten Münzen eine dicke, ehrwürdige Paste gegeben. Einige prächtige Ahnenbilder und das Porträt der Baronesse als Sappho, alle von guten Meistern gemalt, sahen neben schlechten Lithographien lebender Fürsten und Berühmtheiten von den Wänden hernieder.

Die Kardinäle mit ihren Scharlachhüten, die Monsignoren und Abbaten in den schwarzen Taftmäntelchen; die Escarpins, die schwarzen, violett und dunkelrot seidenen Strümpfe, die dreieckigen Hüte; das unbeschreiblich gezierte Wesen der jungen Männer, welche, das Lorgnon ins Auge geklemmt, mit den Damen plauderten, und die konventionelle Haltung der letztern gaben ein Bild, das mich lebhaft an die Aufführung der Goldonischen Lustspiele erinnerte, bei welcher mitzuwirken mich komisch dünkte.

Nach dem ersten Musikstück gingen die Kardinäle und ein paar alte Gräfinnen in viel reicherer Toilette, als sie in solchen kleinen Gesellschaften bei uns üblich ist, zum Spiele. Die ältern Frauen trugen fast alle Sammet und Brillanten. Auf dem Wege nach dem Spielzimmer wurden die Kardinäle mehrmals von jungen Damen aufgehalten, die ihnen die Hände küßten. Darauf begann die Musik wieder. Man sang Rossini, Mercadante und Verdi, aber ich kann nicht sagen, daß ich an jenem oder einem der spätern Empfangsabende dort in irgendeiner Weise Bedeutendes gehört hätte, obgleich man mich von allen Seiten auf Ausgezeichnetes vorbereitet hatte.

Was man uns übrigens von dem Talente des italienischen Volkes für den Gesang erzählt, ist im ganzen doch übertrieben, wenn man es mit den Erfahrungen zusammenhält, die man selbst im Lande macht. Die Italiener singen viel, haben ein musikalisches Gehör, aber in den niedern Ständen sind gute Stimmen selten. Jene Gondolieri und Marinari, welche man in den Reisebeschreibungen als vortreffliche Sänger rühmen hört, sind Ausnahmen, die sich wie Bänkelsänger vor den Fremden hören lassen. Sie können ebensowenig den Maßstab für das übrige Volk geben als bei uns die böhmischen Musikanten. Indes trotz der rauhen Kehlen und der ziehenden Vortragsweise der niedern Stände hört man die schwermütigen Ritornells der Feldarbeiter und die kleinen Lieder des Südens mit immer neuem Entzücken, deren süße Melodien so weit und klagend durch die stillen Nächte klingen.

Dem Gesang im Salon der Baronesse folgte Deklamation. Man bat die Wirtin zu improvisieren, sie tat es nach kurzer Nötigung und sprach ein schönes Canto, »Die Christnacht«, das Beifall fand und verdiente. Trotzdem hatte die Szene für mich, dieser italienischen Weise ungewohnt, viel Auffallendes; denn je freier und liebenswürdiger, je natürlicher die Italiener im täglichen Leben erscheinen, je konventioneller sind sie in den hergebrachten Formen ihrer poetischen Leistungen. Die Sprache des täglichen Verkehrs verhält sich zu jenen wie ein Vaudeville zu einer Racineschen Tragödie, wie französischer Witz zu dem Pathos des Theater français.

Das Auftreten der Baronesse, die Art, mit der man sich zur Bewunderung zurechtsetzte und die Kardinäle, vom Kartentische kommend, wieder ihre Sofaplätze einnahmen, waren wie einexerziert. Das Deklamieren selbst, die steigende Begeisterung der improvisierenden Dichterin, die rhythmische Bewegung des rechten Armes, an dem ein kleiner Arbeitsbeutel wie ein Chronometer des Gefühls hin- und herschwankte, mußten jedem, der es zum ersten Male sah, sehr komisch erscheinen. Später, in Neapel, wo ich mit dieser italienischen Manier schon mehr vertraut war, bot mir die Deklamation einer geistreichen Dame, die ich dort mehrmals zu hören Gelegenheit fand, hohen Genuß, während ich an jenem Abende in Rom nur immerfort einen schweren Kampf mit meiner Lachlust zu bestehen hatte.

Sieht man aber, mit welcher Sicherheit jede Italienerin in Gesellschaft an das Instrument tritt, um zu spielen, wie sie beim Gesang ihr Notenblatt in die Höhe hält mit dem Siegbewußtsein eines Cäsars, oder betrachtet man die Stellung und den Ausdruck einer deklamierenden Person, so muß man eingestehen, daß in der Bravour der italienischen Opernsängerinnen, die bei uns oft so lächerlich übertrieben erscheint, in Italien nichts Auffallendes liegt.

Da es Sitte ist, alle Leistungen von Dilettanten in Gesellschaft mit einem leisen »Ah bravo!« zu begleiten und zuletzt laut Beifall zu klatschen, so arbeitet jeder wie ein mutiges Streitroß auf diesen Fanfareneffekt hin; und jede Produktion endet mit dem Beifall fordernden Selbstgefühl, mit dem eine Garcia, eine Pasta das »gloria e vittoria« ihres Finale dem Publikum zuschleudern.

Nach der Improvisation der Baronesse las eine Marchesa M., die Letzte eines berühmten Dogengeschlechtes, eine Klage des gefangenen Tasso, lang und langweilig wie das Register ihrer ehrwürdigen Ahnen. Man gähnte, aber man wiederholte das »Ah bravo!« mit rührender Pflichttreue, und Monsignore L. sagte, während er die eleganten Hände zum Beifallklatschen aneinanderschlug, im Tone der Verzweiflung: »Das war lebensgefährlich wie der Bethlehemitische Kindermord; wir sind mit Not dem Tode entgangen.«

»Und Sie klatschen Beifall?« fragte ich.

»Es war entsetzlich, Signora! aber was wollen Sie, das man machen soll? Glauben Sie, eine Dame hört zu deklamieren auf, ehe sie dies Beifallklatschen erreicht hat? Es ist höfliche Notwehr, weiter nichts! Das ist eine schreckliche Frau!« rief der Monsignore nochmals, während er herantrat, ihr Lobsprüche zu machen.

Als er zurückkam, fragte ich ihn: »Ist unter den Eiden, welche Sie als Priester geschworen haben, auch der Eid der Wahrhaftigkeit?«

»Eigentlich nicht! Das wäre auch zuviel!« meinte er. »Wie sollte man denn leben mit der Wahrhaftigkeit in einer Welt voll Lüge? Man muß doch mit den Leuten die Sprache reden, welche sie verstehen. Das sehen Sie ja an allen Missionären.« Dann wendete er sich zu meiner Nachbarin, welche von dem bevorstehenden Karneval sprach, und machte uns Vorschläge, den Corso einmal zu Fuß zu besuchen.

Die Dame, eine Italienerin, schalt ihn, daß er ihr dergleichen zumute, und ich sagte, wie ich von andern gehört, daß keine ehrbare Frau der höhern Stände dies täte.

»Bah!« meinte ein Abbate, »man gesteht es nicht ein, aber man tut es.«

»Das ist eine bequeme Moral!«

»Und ebendarum eine weitverbreitete«, sprach lachend Monsignore L. »Den Frauen dünkt der Karneval nur darum so paradiesisch, weil sie dabei die verbotene Frucht der Freiheit pflücken. Es hat doch jede einen Mann, einen Bruder, einen Freund, den sie einmal unsichtbar überwachen, dessen Verbindungen sie kennen möchte, um danach für den Rest des Jahres ihre Maßregeln zu nehmen.«

Es war ein Uhr, als man die Soiree verließ. Die Diener des Hauses leuchteten mit Wachsfackeln die Treppen hinab, die wir im Finstern erstiegen hatten, und bei ihrem Lichte konnte ich die Schönheit der Hallen und Höfe des Palastes würdigen, der seit vielen hundert Jahren von der Familie der Baronesse bewohnt wird.


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