Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Die Preisverteilung der Akademie von San Luca auf dem Kapitole

Eine Preisverteilung! Dabei denkt man in Deutschland an einen großen, grauen Saal, an schwarzgekleidete Männer mit feierlichen Mienen, an lateinische Reden und Langeweile.

In dem fröhlichen Italien wird aber alles zum heitern Feste gemacht, Lichtglanz und Farbenpracht dürfen nirgend fehlen. Sie zeigten sich in reicher Fülle bei der Preisverteilung auf dem Kapitole, welche die Akademie der schönen Künste alle zwei Jahre veranstaltet und bei der sowohl Frauen als Männer zur Konkurrenz berechtigt sind.

Es war am 12. März, als wir die prächtige Cordonata hinanstiegen, die zum Kapitole emporführt. Heller, warmer Nachmittagssonnenschein leuchtete vom blauen Himmel nieder. Die Kolosse an der Treppe sahen ordentlich verjüngt aus, und so lebenswarm erschien die ganze Natur, daß es mich nicht zu wunderbar gedeucht hätte, wenn selbst diese grauen Steinriesen in dem neuen Weben des Frühlings auch lebendig geworden wären.

Geschmückte Römerinnen in dem grellen und doch nicht unschönen Farbenreichtum ihrer Kleidung wanderten an dem Arme männlicher Begleiter dem Kapitole zu. Spielende Kinder aus dem Volke blickten mit flüchtiger Neugier die vorübergehenden Fremden an, deren Sprache ihnen auffiel, und setzten dann ruhig den unterbrochenen Zeitvertreib fort. Was kümmert ein fröhlich spielendes Kind das Ereignis des Tages oder der ernste historische Boden, auf dem es den Tummelplatz seiner Freuden findet? Kinder sind die alleinigen Repräsentanten harmlos genießender Gegenwart. Wir andern denken und sorgen, fürchten und hoffen, aber wir genießen nicht mehr. Unsere Bestrebungen, Wünsche und Leidenschaften drängen uns aus der Vergangenheit, die uns oft nur wenig von dem Erhofften gewährte, so rasch der Zukunft entgegen, von der wir Erfüllung erwarten, daß wir nicht Zeit, nicht Kraft, nicht Mut haben, die kleine, flüchtige Minute festzuhalten, welche wir Gegenwart nennen.

Auch mich und meine Begleiter zog die Erinnerung dessen, was hier auf dieser Stelle Welthistorisches geschehen war, für Augenblicke von dem heitern Schauspiele ab, das uns umgab. Hier waren die Triumphatoren des alten Roms vorübergezogen, um in dem Tempel des kapitolinischen Jupiters ihre Lorbeeren und Trophäen zu opfern; hier von dieser Treppe hatte Rienzi zum Volke geredet; hier war Tasso gekrönt worden. Dort unten, an der linken Seite der Straße, lag das Haus des Michelangelo Buonarroti, welcher diese stattliche Treppe erbaute und den Plan entwarf zu den drei Palästen, die jetzt den Kapitolinischen Hügel schmücken: das Kapitol, der Palast der Konservatoren und das Kapitolinische Museum.

Indes die Notwendigkeit, zur bestimmten Stunde in der Sitzung der Akademie einzutreffen, machte dem Nachdenken und den Betrachtungen bald ein Ende, und von der herbeiströmenden Menge fortgezogen, eilten wir ins Kapitol.

Die Freitreppe und der Balkon, welche in den großen Saal, die Aula massima capitolina, führen, waren mit reichen, alten Hautelissetapeten zeltartig überkleidet. Sie verbreiteten ein Halbdunkel, gegen welches die Kerzenbeleuchtung im Saale um so glänzender erschien, obgleich man eben erst den hellen italienischen Sonnenschein verlassen hatte und also an eine Fülle des Lichtes gewöhnt war.

Der Saal ist ein großes, längliches Viereck, stolz und frei gewölbt. Am obern Ende befindet sich auf hoher Estrade der päpstliche Thron von rotem Sammet mit dem Bilde des regierenden Papstes darüber. Rechts und links stehen die Sessel für die Mitglieder der Akademie von San Luca, und ein wenig tiefer sind die Plätze der siegreichen Konkurrenten. Unterhalb der Estrade ziehen sich im Saale, von einem Gitter umgeben, die Bänke hin, welche den Senatoren, den Kardinälen und den übrigen Personen bestimmt sind, die durch Geburt oder Ämter das Vorrecht genießen, bequemer zu sitzen als ihre übrigen Mitbürger.

Dem Throne gegenüber befindet sich ein Chor für die Musik, und an den beiden langen Seitenwänden laufen Galerien hin für die Frauen, welche in Rom bei keinem Feste fehlen. Das ist ebenso schön als natürlich. In einem Lande, in dem die Jungfrau göttlich verehrt wird, muß folgerecht allen Frauen gehuldigt werden, und wirklich ist das äußere Verhalten der Italiener gegen das weibliche Geschlecht so rücksichtsvoll und gesittet, daß man Italien in dieser Beziehung das Paradies der Frauen nennen könnte.

Als wir in der Aula anlangten, waren im Saale schon alle Bänke besetzt, die Gänge voll von Stehenden, unter denen man selbst Frauen bemerkte, weil auch die Galerien bereits gefüllt schienen. Die Hitze war sehr groß, unsere Begleiter sahen sich vorsorglich nach einem möglichst guten Platze für uns um, als ein paar Herren, welche zu den Festordnern gehörten, sich gastlich der fremden Frauen annahmen und uns zu den reservierten Sitzen auf die Galerie führten.

Von hier aus konnte man den ganzen Saal bequem übersehen. Die Balustraden der Galerien waren mit blauen und roten, silberbesetzten Draperien behängt, und ein reicher Kranz schöner Frauen von allen Nationen sah bei der prächtigen Beleuchtung durch acht riesige Kronleuchter doppelt blühend und festlich aus.

Unten in dem Saale saßen die Akademiker in ihrer reichen, an die Napoleonischen Uniformen erinnernden Kleidung. Rotstrümpfige Kardinäle, die roten Hüte in den Händen, Ordensgeistliche in den verschiedenfarbigen Trachten und die Gesandten auswärtiger Mächte in ihren Galauniformen bildeten zusammen ein prächtiges Ganze.

Eine große Ouvertüre eröffnete, nachdem alle Teilnehmer an der Feierlichkeit versammelt waren, das Fest. Dann hielt ein Akademiker, der auf einem Katheder stand und das obligate Zuckerwasser neben sich hatte, eine jener langen Reden, wie sie bei solchem Anlaß in all den Ländern üblich sind, in denen man nicht sagen darf, was man sagen möchte, und doch eine bestimmte Zeit sprechen muß, damit es klingt, als würde etwas gesagt.

Mitten in dieser Rede, welcher man geringe Aufmerksamkeit zollte, entstand plötzlich im Publikum eine gewisse Aufregung. Alle Blicke wendeten sich nach den Plätzen der Kardinäle. Mein Auge folgte der angedeuteten Richtung, und ich sah die Kardinäle und Beamten sich von ihren Sitzen erheben, einen jungen Mann zu begrüßen, der im schwarzen, bürgerlichen Frack schnell und mit Heiterkeit unter sie trat. Es war der Großfürst Konstantin, der zweite Sohn des Kaisers von Rußland, ein schlanker, frischer Jüngling, hochgewachsen und offnen, geistreichen Angesichts. Er nahm zwischen den Kardinälen Platz, und die Preisverteilung begann.

Den ersten Preis für Malerei erhielt eine Dame. Wir hatten sie – die einzige Frau – unter den Männern sitzen sehen, welche zu dem eigentlichen Festpersonal gehörten. Sie war nicht mehr in der ersten Jugend, zeigte aber jenen edeln römischen Typus der Gesichtsbildung und Gestalt, der durch alle Lebensalter schön und gebietend bleibt. Zu ihrer bleichen Farbe, zu dem schwarzen, glattgescheitelten Haar, das ein kleiner Goldreif um die Stirne einschloß, zu den mächtigen, dunkeln Augen paßten die schwarze Kleidung und der lange, schwarze Schleier vollkommen. Als ihr Name genannt wurde und sie sich erhob, das Diplom und die goldene, auf violetter Schleife befestigte Medaille zu empfangen, erscholl laut ein mehrfaches »Brava!«. Die Italiener wollen sich nicht still und innerlich freuen oder betrüben; sie lassen es sich nirgend nehmen, Gefallen und Mißfallen öffentlich und entschieden auszudrücken.

Der Präsident der Akademie händigte die Medaille dem ersten Kardinale zur Übergabe an die Siegerin ein. Dieser stand auf und reichte sie dem jungen Großfürsten, der anfangs die Ehre ablehnen zu wollen schien, dann aber der sich verneigenden Dame den Orden übergab. Die Szene hatte etwas sehr Anmutiges, das die Einförmigkeit solcher Feste auf gefällige Weise unterbrach. Nach dem Empfang der Medaille nahm die Dame, welche späterhin noch einen zweiten Preis erhielt, den Mittelplatz unter den Konkurrenten ein, und die Zeremonie ging nun den gewöhnlichen Gang. Die Kardinäle übergaben den Künstlern die Medaillen, empfingen dafür von den Frömmern einen dankbaren Handkuß, und bald waren die neun Sessel durch die aufgerufenen neun Sieger besetzt. Nur die Signora erinnerte an das stolze Volk, dem sie angehörte; die Männer, alle etwa zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, waren weder schön noch bedeutend und kräftig.

Nach der Preisverteilung begann der Vortrag neuer Dichtungen von den Mitgliedern der Akademie. Wer nie italienische Verse von Italienern deklamieren gehört hat, kann sich von dem befremdlichen Pathos, von dem gewaltsamen Skandieren kaum die richtige Vorstellung machen. Es ist ein ganz bestimmter Tonfall, in dem sich die Stimme auf und nieder bewegt und der, weil er sich gleichmäßig wiederholt, zuletzt etwas Einschläferndes bekommt.

Außerordentlich pomphafte Dinge über die Größe Roms, über den Ruhm der alten italienischen Dichter wurden auf diese Weise vorgetragen und mit lautem Beifall begrüßt. Der zuletzt Auftretende war ein Greis, seine Dichtung sehr lang und seine Stimme so schwach, daß sie den Saal gar nicht zu füllen vermochte.

Dabei zeigte sich denn einmal jene allerdings oft auftauchende Lieblosigkeit und Härte im Charakter der Italiener. Nicht die geringste ehrende Rücksicht nahm man auf das graue Haupt des greisen Dichters. Man lachte, sprach, rief hie und da ein spöttelndes »Ah bravo!«, und niemand ward besänftigt durch die immer wachsende Verlegenheit des alten Mannes. Es war gar zu grausam.

Endlich, als er seine Vorlesung geschlossen hatte, empfingen ihn wenigstens die Akademiker selbst mit großer, achtungsvoller Freundlichkeit. Ich konnte es nicht ohne tiefe Rührung ansehen, wie er dies Entgegenkommen ablehnte und sich erschöpft auf seinen Sessel warf. Von allen Roheiten sind diejenigen die schlimmsten, welche übermütig gegen Wehrlose begangen werden. Die Kindheit, die Frauen und das Alter ehren heißt sich selbst einen Adelsbrief ausstellen; und vornehmlich das hinfällige Alter hat liebevolle Rücksicht zu fordern, weil nach einem tatkräftigen Leben das Bewußtsein von dem Schwinden der Kraft so schwer auf dem Menschen lastet.

Den Schluß des Festes machte ein Oratorium, das der philharmonische Verein vortrefflich ausführte, obgleich Text und Musik wunderlich genug waren und gar nicht zueinander paßten. Das kümmert aber in Italien niemand, wo man mit den Kirchenglocken die Tarantella und den Saltarello läutet.

Die Personen des Oratoriums waren: Raffael Sanzio d'Urbino, Michelangelo Buonarroti, der Genius von Rom und ein Chor der schönen Künste. Dieser Chor der schönen Künste trat unisono auf und invitierte die großen Genien der Vergangenheit aus dem Schattenreiche ans Tageslicht hervor. Michelangelo hört es zuerst und erscheint, offenbar sehr verdrießlich, weil er aus dem Schlafe gestört worden ist und die elende Jetztzeit des Erwachens nicht wert findet. Gleich darauf ermuntert sich Raffael und fängt an, so süß zu plaudern wie ein gut ausgeruhtes Kind. Einer hört die Stimme des andern, sie rufen sich verwundert und zweifelnd bei Namen, erkennen sich wieder und beginnen ein Duett.

In diesem musikalischen Zwiesprach stellt es sich heraus, daß Michelangelo jetzt auf Erden alles höchst abscheulich findet, die Zeit klein, die Menschen erbärmlich, die Kunst gesunken. Er ist in übelster Laune und möchte Menschen und Welt vernichten. Der sanfte Raffael wird davon schmerzlich berührt und sucht ihn zu begütigen; der Genio di Roma tritt ebenfalls vermittelnd dazwischen, und der alte Brummbär Michelangelo gibt sich gefangen nach langem Zureden der beiden andern und nach langem Selbstlob des Chors der schönen Künste.

Endlich kommen alle dahin überein, daß die Jetztzeit ebenso groß als die Vergangenheit sei und die lebenden Künstler Raffaels und Buonarrotis vollkommen würdig. Sie danken Gott dafür, segnen den irdischen Beherrscher Roms, prophezeien der Stadt alles mögliche Große und Gute und schließen, indem sie nach italienischen Opernmelodien singen: »Es lebe der Papst, der Vater der Tiber, es lebe der Hirte, der König!«

Den Zorn des ergrimmten Michelangelo sich in süßen italienischen Gesängen Luft machen zu hören dünkte uns sehr ergötzlich, und in der heitersten Stimmung verließen wir das Kapitol.

Der Anblick, der sich uns beim Austritt aus demselben darbot, war überraschend schön. Der große Platz, die prächtige Cordonata waren mit Pechfackeln erhellt, und Marc Aurels kolossale Reiterstatue streckte gebieterisch den Arm durch die Nacht, als wolle er das neue Geschlecht von dannen scheuchen, das zu wandeln wagte, wo er seinen Triumphzug gehalten.

Kastor und Pollux, die Armaturen und die Löwen schienen noch einmal so groß in der Fackelbeleuchtung, und über diese Kriegstrophäen der alten Römerzeit sah still und ernst die schmucklose Fassade der Kirche von Aracoeli hernieder.

Unser Wagen fuhr langsam den Kapitolinischen Hügel hinunter. Plötzlich blickten wir erstaunt empor. Man hatte die ganze Straße, welche vom Kapitol nach dem Forum Romanum führt, ebenfalls mit Pechfackeln erleuchtet, damit auf dem steilen Wege im Herabfahren kein Unglück geschehe.

Nun fiel das dunkelrote Fackellicht auf diesen schönsten, poetischsten Platz von Rom, vielleicht den schönsten auf der Erde. Schlank und in stiller Majestät standen sie da, die Säulen jener gesunkenen Tempel. Die in Trümmer zerfallenen Mauern lagen an ihren Sockeln umher, aber frei, stolz und zierlich ragten die schönen Säulen zu dem sternenbesäten Nachthimmel empor wie Göttergedanken in dem Haupte eines Menschen, dessen geistige Kraft und Schönheit kein Schicksalswechsel und keine irdische Macht zerstören kann.


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