Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Ein Debüt in der Scala

Wir hatten am Morgen dem Wirte unseres Hotels den Auftrag gegeben, uns für den Abend eine Loge in der Scala zu besorgen, wo man »Die beiden Foscari« von Verdi spielen sollte. Als er uns den Logenschlüssel einhändigte, an dem die kleine Blechplatte mit der Nummer der Loge hing, und wir nach dem Preise fragten, waren wir erstaunt, ihn viel geringer als in den großen Theatern Deutschlands zu finden. Aber dies ist nicht der Fall, sondern unser Irrtum ward durch eine in ganz Italien herrschende Sitte bei dem Verkauf der Theaterbilletts herbeigeführt.

Man löst nämlich an der ersten Kasse eine Eintrittskarte für das Theater und an einer zweiten Kasse das Billett für den Platz, den man zu haben wünscht. Bei den Logen vertritt der Schlüssel, den der Mieter erhält, die Stelle der Eintrittskarte, und man hat hier den Vorteil, nur soviel Plätze zu bezahlen, als Personen die Loge besuchen. Diese Einrichtung rührt wohl davon her, daß die Italiener überhaupt ihre Logen als Empfangszimmer benutzen, die sie nicht mit Fremden teilen mögen wie bei uns. Man ladet seine Freunde für die Loge ein, wie man sie in sein Haus einladet. Die Loge ist ein Boudoir, in dem die Dame allabendlich zu bestimmter Stunde ihre Besuche empfängt; man geht dorthin, wenn man sie sicher finden will. Die Oper ist in gewissem Sinne nichts anderes als das Musizieren der Dilettanten in unsern Gesellschaften, das über entstehende Pausen forthelfen muß und ein Bindungsmittel für die einzelnen Parteien bildet. Daher kommt es auch, daß man durch einen ganzen Winter immerfort nur zwei oder drei Opern gibt, auf die dann das abonnierte Publikum, das sie auswendig kennt, nicht im geringsten achtet. Nur die Fremden und solche Einwohner, welche selten das Theater besuchen, hören aufmerksam und schweigend zu und werden allerdings von der Unterhaltung der anderen sehr belästigt.

Das Äußere der Scala, die Treppen, Vorhallen und derartigen Räume sind nach den jetzigen Anforderungen fast ärmlich zu nennen, der eigentliche Saal aber und die Bühne sind schöner als irgendein Theater in Deutschland. Von dem räumlichen Parkett erheben sich senkrecht sechs Logenreihen übereinander. Jede Loge hat ein kleines Vorzimmer, das bei den jahrweise vermieteten Logen mit bequemer Zierlichkeit eingerichtet ist. Bei den nichtabonnierten vertritt es mindestens die Stelle eines Entree und ist für das Ablegen der Kleider immer erwünscht. Das Haus ist in einem leichten, luftigen Geschmack mit hellgelbem Damast dekoriert, der viel schöner aussieht als das lichtverschlingende Karmoisin der meisten deutschen Theater. Jede Loge hat gegen den Saal hin einen Vorhang, den man geschlossen hält, wenn sie leer ist. So verdeckt man freundlich den Mangel an Besuch und kann andererseits auch der Oper beiwohnen, ohne gesehen zu werden.

An jenem Abende war das Haus durchweg gefüllt. Es war das erste Auftreten der Engländerin Birch, die ein Jahr vorher in Deutschland als Konzertsängerin fast nur ernste Musik gesungen hatte. Sie war als Primadonna in Mailand engagiert und machte als Opernsängerin und Schauspielerin ihre ersten Versuche.

Man denkt sich in Deutschland alle Italiener von einer wahren Musikmanie ergriffen, und da wir Deutschen sogar den Scherz und unsere Liebhabereien und Vergnügungen sehr ernsthaft betreiben, so stellte ich mir das Auftreten einer neuen Sängerin als ein Ereignis vor, das mit feierlich prüfender Gewissenhaftigkeit von den strengen, musikliebenden Kritikern behandelt werden müsse.

Aber nichts weniger als das. Es waren allerdings zwei Parteien vorhanden, für und wider die Debütantin; diese brachten jedoch schon eine fertige Meinung mit, namentlich die Gegenpartei, welche heroisch entschlossen schien, die Engländerin nicht gelten und womöglich nicht singen zu lassen. Sowie sie erschien, fing ein lebhafter Kampf zwischen Pfeifen, Zischen und Klatschen an. Endlich siegte das letztere, und die wirklich schöne, klangreiche Stimme der Sängerin verfehlte nicht, sich Anerkennung zu gewinnen. Ich sage absichtlich Anerkennung, nicht Beifall, denn der Beifall führt in Italien unabweislich den Fanatismo in seinem Gefolge, von dem hier keine Spur war. Auch hat Miß Birch allerdings etwas Kaltes in ihrer Erscheinung und selbst in ihrer Stimme. Sie singt, als hätte sie eine Lerche in der Brust, aber kein Herz. Etwas beweglicher, etwas wärmer war sie unter dem südlichen Himmel geworden, indes noch lange nicht genug, um Italiener hinzureißen.

Den Beifall des Publikums errang nur der Baß, Signor Achille Bassini. Aber ist das ein Beifall! Solch einen Applaus bringt die kunstgeübteste deutsche Claque nicht zustande, und er beruht auch, wie ich gesehen habe, auf einem wohlüberdachten Mechanismus. Bei uns schlägt jeder, dem das Entzücken aus der Seele bis in die Hände dringt, diese gegeneinander, wie es eben kommt. Die Italiener halten die linke, behandschuhte Hand ganz still und schlagen mit der rechten, von der sie den Handschuh abziehen, so stark es geht, gegen die andere. Das bringt in der Masse mit obligatem Akkompagnement der Stöcke, welche rastlos gegen die Erde gestoßen werden, ein Ganzes hervor, welches den Schauspielern gewiß als die wahre Himmelsmusik und schöner als Sphärenklänge erscheint.

Nur wenn Signor Bassini sang, hörte das Publikum zu sprechen auf, sonst plauderte man unausgesetzt, und die ganze Oper bekam dadurch eine summende Begleitung, wie etwa das Käferlied von Reinek sie hat. In den Chören, die für Sopran und Alt aus lauter häßlichen Frauen bestanden, sang das Publikum halblaut mit, wie es das auch bei einzelnen Arien tat, die ihm gefielen und nicht von seinen Lieblingen vorgetragen wurden. Es war eine Art von Ungezwungenheit, die ich mir bei solch wichtigem Ereignis wie das Debüt einer ersten Sängerin nicht als möglich gedacht hatte. Aber diese Ungezwungenheit muß Stil sein; man behandelt die ganze Sache nicht so ernsthaft.

Der Souffleur sitzt nicht wie bei uns, wo man sich jeder Schwäche, also auch des Steckenbleibens schämt, verborgen unter einem Schirme. Ein schlechtes Gedächtnis, ein schlechtes Memorieren sind menschliche Fehler, die man offen eingestehen darf, wennschon sie Abhilfe erfordern. So sitzt der Souffleur in der Mitte der Lampenreihe, bis unter der Brust aus dem Podium hervorragend und mit Kopfnicken rechts und links die Zeichen gebend, welche die Not erforderte.

Ebenso unverhohlen freundlich als der Souffleur half der Musikdirektor aus, und wenn seine Musiker dem Winke und der Bewegung des Taktstockes allein nicht mehr gehorchen wollten, so schlug er mit kräftiger Hand auf die Blechlampen zu seiner Seite, was eine Erinnerung an den beliebten Tamtam der neueren Opernmusik geben konnte.

Am zwanglosesten aber bewegten sich die Chöre, Männer und Frauen. Über die starre Regelmäßigkeit unserer Choristen, die oft alle von demselben Impuls ergriffen die Hand beteuernd auf das Herz legen oder gen Himmel erheben, konnte man sich hier nicht beklagen. Jeder ging, stand und tat, wie es ihm gefiel, und zwei stattliche Senatoren, von verschiedenen Magneten der eine rechts, der andere links gezogen, sangen Rücken an Rücken stehend ihr Pensum mit der Einigkeit der siamesischen Zwillinge ab. Es war von sehr komischer Wirkung.

So harmlos plauderte und spielte man zwei Akte hindurch, dann kam die große Pause, der das Hauptvergnügen folgen sollte, das Ballett. Dies wird immer in der Mitte der Oper gegeben, weil jedermann die oft wiederholte Oper kennt und das männliche Publikum doch eher ermüdet, diese zu hören, als alltäglich die Reize der Tänzerinnen zu bewundern. Das hat für den Fremden, dem es darum zu tun ist, die Musik zu genießen, großen Nachteil. Das Ballett dauert lange, und die letzten Akte der Opern fangen oft erst gegen Mitternacht an. Dann wird das Haus leer, nur die eigentlichen Musikliebhaber bleiben zurück, und Sänger und Sängerinnen spielen mit jener Ermüdung, mit jener Schlaffheit, die den Künstler immer überfällt, wenn er vor leeren Räumen dasteht.

Auch wir zogen es vor, nach dem Ballett, das ich seines Inhaltes wegen besonders beschreiben muß, das Theater zu verlassen, da wir die Oper zwar nicht schlecht, aber weder die Musik noch die Sänger und ihr Spiel anziehend genug fanden, ihm die auf der Reise so nötige Nachtruhe zu opfern.

Am nächsten Tag erfuhren wir, daß nach einem leichten Kampfe der geringen Mannschaft zu Ende der Oper die Miß-Birch-Partei Siegerin geblieben sei und ihrem Schützling bei dem nächsten Auftreten die üblichen Buketts und Kränze, welche ihren Fanatismo für sie bedeuten sollen, wie eine Gunst der Götter vom Himmel herabfliegen würden.


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