Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Ein Souper am Posilip

Als ich in der Mitte des Mai das heilige Rom verließ, um nach Neapel zu gehen, hatte ich doch schon an manchem Sciroccotage des April, der seine grauen, schweren Wolken über Rom ausbreitete, mit Bangen der Hitze gedacht, die unsrer in dem südlichen Klima Neapels harren würde; indes diese Befürchtung blieb eine ungegründete. Der Sommer des Jahres 1846 war einer der wärmsten, deren man sich seit lange erinnerte. Ich habe ihn abwechselnd in Neapel, Palermo, Castellammare und Sorrent verlebt und weniger von der Wärme gelitten als sonst bei uns in Deutschland.

Die ganze Lebensweise, die ganze Zeiteinteilung sind auf das Klima berechnet; die Einrichtung der Häuser ist danach getroffen. Der Ausspruch, man müsse, um behaglich zu leben, den Winter in Petersburg und den Sommer in Neapel zubringen, hat sich mir zur letztern Hälfte als Wahrheit erwiesen.

Mit der ersten Sommerwärme verschwinden aus allen Zimmern die Teppiche, die Fenstervorhänge und Portieren. Man entfernt selbst die Polstermöbel, soweit es tunlich ist, und sucht sie durch Rohrsessel zu ersetzen. Die bis auf den Boden hinabgehenden Fenster, alle Türen der ganzen Zimmerreihen bleiben geöffnet und werden mit Haken an die Wände befestigt, um das Zufallen zu verhüten. Sobald die Sonne die Wohnung trifft, schließt man die Jalousien und hat dadurch in den mit Fliesen getäfelten Zimmern ein Halblicht und eine Frische, die ungemein behaglich sind.

Wer es irgend möglich machen kann, beginnt den Tag mit einem Seebade. Wie allgemein diese Sitte verbreitet ist, davon kann man sich morgens an der Riviera di Chiaia überzeugen, wo von fünf bis zehn Uhr Scharen von Menschen aus allen Ständen nach den zahlreichen Badeanstalten hinströmen. Dem Seebade folgt das Frühstück, dem in vielen Häusern schon Früchte und Eiswasser beigesellt werden. Nach demselben hält man sich, wenn man nicht durch Geschäfte zum Ausgehen gezwungen ist, in seinen Zimmern, und es möchte nicht viele geben, welche während der Mittagszeit dem Schlafe widerstehen können.

Wenn wir von der Siesta sprechen hören, so denken wir uns, daß man sich um die Zeit gehörig zur Ruhe lege, und das kommt uns unnatürlich und komisch vor. Lebt man aber im Süden, wo man zeitig aufsteht und die halbe Nacht im Freien zubringt, dann macht es sich ganz von selbst, daß man sich gegen die Höhe des Tages für ernste Beschäftigung zu abgespannt fühlt, eine leichtere Arbeit wählt und bei dieser einschläft, ohne daß man es will und bemerkt. So verträumt man eine Stunde und erwacht, nachdem man ganz aus dem Stegreif auf gut italienisch seine Siesta gehalten hat.

Das Mittagsmahl nimmt man um fünf Uhr ein. Um diese Stunde ist die größte Hitze vorüber, und nach dem Mittag fängt man an, die Jalousien zu öffnen, sich des Abends zu erfreuen. Man sitzt auf den Balkons und Terrassen, man rüstet sich zu Spazierfahrten, zu denen die unvergleichliche Lage Neapels vielfach Gelegenheit bietet. Der Weg über Capodimonte nach dem Hafen, die Straße längs dem Posilip oder Ausflüge nach Resina, Portici, Caserta sind von großer Schönheit. Indes die Neapolitaner selbst begnügen sich größtenteils mit ihrer herkömmlichen Corsofahrt. Von sieben Uhr abends bis nach neun Uhr fahren vier Reihen der prächtigsten Equipagen die schöne Riviera di Chiaia entlang. Nach eingebrochener Nacht drängen sie sich im Toledo zusammen, um dort bei dem Flimmern der Gasbeleuchtung aus den Boutiquen die Fahrt noch eine halbe Stunde fortzusetzen.

Vom Toledo geht es in die Theater, die um neun Uhr geöffnet werden. Das eigentliche Hoftheater, die Große Oper in San Carlo, war während meines Aufenthaltes in Neapel geschlossen. Man dekorierte den Saal neu und hatte andere Bauarbeiten darin vor. Es sollte erst im Oktober wieder eröffnet werden. Bis dahin spielte die Gesellschaft aus San Carlo im Teatro del Fondo, das auch der Hof fast täglich besuchte. Die Darstellungen waren vortrefflich. Man gab durch den ganzen Mai und Juni abwechselnd »Buondelmonte« von Pacini und die »Foscari« von Verdi nebst einer andern in Mexiko spielenden Oper desselben Komponisten, deren Namen mir entfallen ist. Signora Brambilla, die Primadonna, und der Tenor sowohl als der ganz ausgezeichnete Baß, der, ein junger Rechtsgelehrter, eben erst zur Bühne gegangen war, zeichneten sich durch jene weichen, vollen italienischen Stimmen aus, von denen ich bis dahin nur gehört hatte, ohne ihnen in Italien auf der Bühne begegnet zu sein. Auch das Ballett im Theater del Fondo war gut, nur machte es einen wunderlichen Eindruck dadurch, daß Genien und Nymphen unter ihren ätherischen Luftgewändern von Gaze ein Beinkleid von dunkelgrünem Taft trugen, um den Anforderungen zu genügen, welche die Königin an irdische Schicklichkeit macht.

Ebenso befremdlich erscheint es dem Deutschen, daß zwei Gardesoldaten auf die Bühne treten und rechts und links sich aufstellen, sobald der Hof in der Loge erscheint. Hohe Mützen auf den Köpfen, Gewehr am Fuß, den Blick auf die königliche Loge gerichtet, stehen sie unbeweglich da, während hinter ihren Rücken ein Buondelmonte seine Geliebte verrät, ein Romeo in Schmerzenstönen seine Julia beklagt und die ganze Skala menschlichen Glückes und Leides sich in der Welt der Töne mächtig entfaltet – und so bleiben sie stehen, bis der Hof das Theater verläßt, was oft ziemlich spät in der Nacht geschieht.

Wenn man vom Toledo ins Theater gefahren ist und dort einen oder ein paar Akte mit angesehen hat, so ist es etwa zehneinhalb Uhr und nach neapolitanischen Begriffen noch nicht zu spät, Visiten zu machen. Einzelne Häuser empfangen an bestimmten Abenden der Woche, andere täglich. Man plaudert, musiziert sehr viel, und die Anwesenheit der zahlreichen Fremden von allen Nationen nimmt der Unterhaltung jenen kleinlichen Koteriegeist, der bald so ermüdend wird. Wohin man kommt, sind alle Fenster der Wohnung geöffnet, und alle Damen sitzen mit Fächern in den Händen, die hier keine Modesache, sondern eine Notwendigkeit sind. Selbst im engen Familienleben hat jede Frau einen kleinen, grünen Fächer neben sich. Man vermißt ihn, wenn man ihn nur kurze Zeit entbehrt.

Dies Umherfahren dauert von sieben Uhr abends bis nach Mitternacht in Neapel, und die Nächte sind so schön, daß man jedesmal aufs neue erquickt wird, wenn man von einem Besuche in den Häusern wieder auf die Straße zurückkehrt.

Als ich einmal gegen die Freundin, bei der ich wohnte, die Reize dieser Nachtfahrten pries, sagte sie: »Die schönste Sommerlust haben Sie noch gar nicht genossen, das ist ein Souper am Posilip. Ich will aber dazutun, daß Sie es in den nächsten Tagen kennenlernen.«

Bald nachher kam die Partie zustande. Etwa zwanzig Personen unseres Kreises versammelten sich um zehneinhalb Uhr bei einer Dame, die in Santa Lucia wohnte. Von dort fuhr man die Riviera entlang bis zu den ersten Häusern am Fuße des Posilip.

Dicht an die Prachtgebäude, welche die schöne Riviera schmücken, reihen sich die Wohnungen armer Fischer, höhlenartig in den harten Stein des Felsens gebaut. Ohne Fenster, nur so weit gemauert, als es nötig ist, das Nachstürzen des Felsens zu vermeiden, erhalten diese Gemächer ihr Licht durch die geöffneten Türen. Abends sieht man durch dieselben beim Scheine einer Öllampe das ganze Familienleben vor sich ausgebreitet, und auch hier wird die Nacht zum Tage gemacht. Alt und jung ist auf den Füßen, man rüstet die Netze zu für den kommenden Morgen, verzehrt das kärgliche Abendmahl, die jungen Paare schäkern im Schatten irgendeines Felsenvorsprungs, und nur die kleinsten Kinder schlafen in den offenen, flachen, aus Bast geflochtenen Körben. Masaniellos Hütte, wie man sie uns auf den Bühnen darstellt, ist das treuste Abbild dieser uranfänglichen Wohnungen.

Zwischen jenen Fischerhütten oder Höhlen, ich weiß nicht, wie man sie bezeichnen soll, stehen einzelne Häuser, mehr oder weniger stattlich; Osterien, in denen die Erzeugnisse des Meeres gleich frisch zu schmackhafter Speise bereitet werden. Nach einer solchen Osterie führte uns unser Weg.

Einer der Männer aus unserer Gesellschaft ging hinein, das Abendbrot anzuordnen, während wir die Wagen verließen, um die Boote zu besteigen. Das Meer war glatt und glänzend wie ein Spiegel, kein Luftzug bewegte seine Oberfläche, so daß die Gestirne ganz hell aus der Tiefe widerstrahlten und man sich wie zwischen zwei gleichen Elementen geschaukelt empfand; denn Meer und Luft waren beide gleich dunkel und beide mit Myriaden leuchtender Sterne durchfunkelt.

Langsam glitten unsere Boote über die Wasserfläche dahin, nur der leise Schlag der Ruder störte die Stille. Der Mond stand hoch am Himmel und vergoldete mit seinem Lichte die Rauchsäule des Vesuvs, die sich ruhig zum Himmel hinaufkräuselte. Aus den Villen am Ufer blinkten die Lichter durch die geöffneten Fenster und von den weinumrankten Verandas hervor. Eine große, breitblättrige Palme bewegte ihre Blätteräste langsam unter dem linden Hauche der Nachtluft. Zahlreiche Fischerkähne zogen neben uns und in jeder Richtung durch das Wasser. Viele führten eine brennende Fackel am Vorderteile aufgesteckt, um die lichtliebenden Hummern herbeizulocken. Die dunkelrot glühenden Flammen hatten in der ruhigen Natur und bei dem milden Strahl des Mondes etwas Wildes, Dämonisches. »Sie sehen wie die Seelen der Verdammten aus, die nicht Ruhe finden zwischen Himmel und Erde«, sagte der Herzog von R., ein geachteter Staatsmann und Dichter Spaniens, der in der Gesellschaft war.

Eine Stunde etwa fuhren wir den Posilip entlang im Hafen umher. Das alte, sogenannte Schloß der Königin Johanna, jetzt in ein Fabrikgebäude verwandelt, schaute traurig und düster mit seinen fensterreichen, vom Dampfe geschwärzten Mauern in die helle Nacht hinaus, während alle Gebäude, die zu der schönen Villa Mathilda gehören, in koketter Frische erglänzten und von den Höhen herab die Villen und Schlösser auf das stille, mondbeschienene Meer schauten.

Als wir vor unserer Osterie landeten, war unter dem Blätterdache der Veranda die Abendtafel gedeckt. Nur echt neapolitanische Speisen wurden aufgetragen. Eine Suppe von Schnecken und Muscheln machte den Anfang. Frutti di mare (Austern und kleine Schaltiere), Makkaroni, Hummern, grüne Salate, Fische, Ziegen- und andere Braten folgten, und Apfelsinen, Feigen, Pfirsiche und Trauben bildeten in Begleitung von Capri- und Falerner Weinen den Schluß des Mahles, das für den ungewohnten Gaumen in der Schneckensuppe, dem Ziegenfleisch und manchen andern Herrlichkeiten Neapels zwar wohlschmeckende, aber doch ziemlich unverdauliche Elemente darbot. Alle Speisen waren sehr fett, viele mit Käse gewürzt.

Schon während wir bei Tische saßen, hatten sich drei Gitarrenspieler eingefunden, welche die bekanntesten Nationalmelodien dreistimmig spielten. Als wir vom Mahle aufstanden, fing einer der Musiker, ein Greis von kräftiger Physiognomie, Buffoarien zu singen an und begleitete diese mit so lebhaftem Mienenspiel und so ausdrucksvollen Gebärden, daß ich den Inhalt erraten konnte, obschon ich aus dem neapolitanischen Patois nur einzelne Worte erkannte.

Mitten in diesem Gesange fingen die beiden jüngeren Begleiter des Alten an, ihn halb singend, halb sprechend zu begleiten, und es bildete sich dadurch ein in gewisser Art improvisiertes Intermezzo, das diejenigen, welche es verstanden, sehr belustigend fanden. Der Liebeshandel eines betrogenen Alten war der Inhalt desselben. Das Ganze währte ein paar Minuten und schloß, indem die drei Musiker die Tarantella zu spielen begannen.

Sogleich traten eine junge Russin und ein Spanier auf der Veranda zum Tanze an. Ein andres Paar folgte, man brachte ihnen Kastagnetten, und fröhlich klang der Rhythmus dieses einfachen Instrumentes durch die Luft. Die jüngern Personen versuchten eine Galoppade, als die Tarantella beendet war, die Lust und das Lachen wurden allgemein. Unten vor der Türe der Osterie bewachten Stallbuben die Pferde und Wagen der Gesellschaft, während die Kutscher und Diener die Röcke abgeworfen hatten und ebenfalls nach dem Takte der Kastagnetten tanzten, welche ihre Herrschaft auf der Veranda erschallen ließen.

Aber während des Tanzes zog ein leiser, frischer Hauch durch die Luft, der Morgenwind verkündete den Anbruch des Tages. Die Fackeln auf den Fischerbooten erloschen, der Mond sank dem Meere zu, und lichte Streifen wurden am östlichen Himmel sichtbar. Es mochte gegen drei Uhr sein, als wir uns zur Abfahrt rüsteten.

In den Fischerwohnungen am Posilip war es noch still, die Türen geschlossen. Das immer lebendige, tobende Neapel ruhte, als wir durch die Straßen fuhren; nur an dem Kai von Chiatamone hielten Karren und Wagen vor dem Sauerbrunnen, der dort aus dem Meere hervorquillt und vielfach als Heilmittel gebraucht wird. Man füllte und verlud die Krüge für den Verkauf in der Stadt. Es war Tag geworden, bis wir den Toledo erreicht hatten, und bei diesem ersten Schimmer des Tages zogen lange Reihen von Mädchen aus den Waisenhäusern und Erziehungsklöstern, von Nonnen geführt, dem Meere zu, sich im Seebade zu erfrischen.


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