Fanny Lewald
Italienisches Bilderbuch
Fanny Lewald

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Genua

Von Mailand nach Genua

»Und darüber emporzuflammen
gleich dem königlichen Tag!«

Wie begreift man das Wort, welches Schiller seinen Fiesko ausrufen läßt, wie bezeichnend findet man es, wenn man, von Pavia kommend, die Bergstraße hinabfährt nach Genua und plötzlich am Ufer des schäumenden Meeres Genua zu unseren Füßen liegt, diese Königin der Städte in dem funkelnden, lebensprühenden Zauber ihrer Schönheit.

Schon in Mailand, das doch noch sehr viel deutsche Elemente in sich schließt, welche die österreichische Herrschaft hervorbringt, hatte ich mich immer auf Genua gefreut und die Meilensteine gezählt, die mich ihm näher brachten. Der Weg von Mailand aus ist anfangs sehr einförmig. Unabsehbare Reisfelder ragen aus dem Sumpfboden hervor, in welchem der Reis so trefflich gedeiht und die Fieber ihren Ursprung haben, die diesen Teil Italiens heimsuchen. Zwischen diesen, von Maulbeerbäumen eingefaßten Reisfeldern fährt man bis La Certosa, dem berühmten Kartäuserkloster, das einer aus dem Geschlechte der Visconti als Buße erbaute, nachdem er seinen Schwiegervater und dessen Kinder hatte ermorden lassen.

Wie der Mailänder Dom besteht auch dieses Gebäude ganz aus Marmor, und Hunderttausende von Figuren sind an den Außenwänden und im Innern des Klosters mit höchster Anmut und Vollendung gemeißelt. Die kostbarsten Bilder, Mosaiken in Pietra dura, schön wie persische Teppiche, schmücken das Innere der Kirche und gehören einem Orden, der sich freiwillig des schönsten menschlichen Gutes, der Sprache, entäußert. Da das Kloster von Kartäusermönchen bewohnt wird, führte uns natürlich ein junger Mann herum, der noch im Noviziate war und also sprechen durfte. Es war ein hübscher, kränklich aussehender Jüngling mit gutmütigen, hellblauen Augen in seinem italienischen Gesichte. Er schien begeistert für die Kunst und sprach in ziemlich gutem Französisch verständig und wohlunterrichtet über die Bilder in der Kirche. Ich fragte ihn, ob er bei dieser Kunstliebe nicht die Neigung fühle, Künstler zu werden statt Mönch?

»Jetzt nicht mehr«, antwortete er mir. »Als ich in das Kloster eintrat, wußte ich nichts von der Kunst; dann haben der Anblick dieser Gemälde und die Belehrung der Maler, welche hierherkommen, zu kopieren, mir den Sinn dafür aufgeschlossen, und ich habe wohl die Versuchung gehabt – aber Versuchungen muß man besiegen –«, schloß er mit einem Seufzer.

Ich erkundigte mich, ob er viel studiere. Er meinte, dazu habe er wenig Zeit. Die Mönche könnten ja nicht mit den Menschen verkehren, und so hätten er und ein anderer Laienbruder die ganzen Besorgungen für das Kloster und die Säuberung der Kirche auf sich, da bleibe nur die nötige Zeit für das Gebet und gar keine für das Studieren.

So wird er denn noch drei Jahre Lebensmittel einkaufen und Bilder abstauben, und dann wird er würdig sein, Kartäuser zu werden, das heißt nichts zu tun und zu schweigen. Und dies ist ein Menschenleben, und dies ist noch Gottesdienst im Jahre 1846!

In Pavia langten wir in der Dämmerung an und wanderten im Dunkeln durch die Straßen, deren große, mit Balkons gezierte Häuser die blühende Epoche der Universität verkünden. Wir schritten durch dunkle, menschenleere Gassen, über Plätze, auf denen das Gras zwischen den Steinen wuchs. Vor einem Hause, aus dem Licht hervorglänzte, hörten wir wildes, wüstes Geschrei. Wir sahen durch die offenen Fenster des Erdgeschosses hinein. Etwa dreißig junge Burschen lagerten auf Stühlen und Bänken um Tische, auf denen zwischen vollen und umgeworfenen Flaschen die antiken römischen Lampen brannten. Das ganze Gemach war voll Tabaksrauch, und das italienische Studentenleben glich in diesem Bilde vollkommen dem deutschen, wie es sich in kleinen Universitätsstädten entwickelt.

In Pavia fanden wir die erste italienische Zimmereinrichtung: die Fußböden mit Ziegeln gedeckt, keine Öfen mehr und Bett- und Waschgestelle von Eisen.

Am nächsten Morgen fuhren wir durch Voghera. Die Post lag neben einem Buchladen, und aus Neugier wollte ich sehen, welche Art von Büchern sich in solch kleiner italienischer Provinzialstadt vorfände. Ich ließ mir den Katalog geben. Es waren zum großen Teil Andachts- und Erbauungsbücher, viel Idyllen und Schäferromane von mir ganz unbekannten italienischen Autoren; einzelne Übersetzungen aus dem Französischen, namentlich sämtliche Werke Chateaubriands. Geschichtsbücher gab es wenige, aber sehr viel italienische und aus dem Französischen übersetzte Memoiren über Napoleon. Ich fragte, ob sie deutsche Bücher hätten, man verneinte es; als ich mich nach französischen erkundigte, brachte man das einzige, das in dem Laden vorhanden war: die Briefe und den Prozeß des Marchese Bergamo, des non mi ricordo.

Am zweiten Abend langten wir in Novi an, wo der Marktplatz solch heiteres Bild bot, daß wir uns freuten, mit einem Vetturin zu fahren und hier verweilen zu können. Unser erster Blick fiel auf eine hellerleuchtete Kirche. Wir traten ein und fanden sie gedrängt voll Frauenzimmer, größtenteils jungen Mädchen, die in ihre weißen Schleier gehüllt der Abendandacht beiwohnten. Man sagte uns, es seien Arbeiterinnen aus den Seidenspinnereien, deren dreitausend in den Fabriken Novis beschäftigt werden. Sie erhalten täglich einen halben Frank und kommen allabendlich nach vollendetem Tagewerke zur Andacht in die Kirche.

Draußen auf dem Markte vor der Kirche waren viel Männer versammelt, die spitzen Hüte und roten Mützen auf dem schwarzen Haar, und mit diesen Männern in buntem Gemisch wanderten die Frauen direkt aus der Kirche zu dem Puppenspieler, der auf offenem Markte bei dem Schein kleiner Lämpchen mitten zwischen Haufen von Melonen und Kürbissen seinen Kasten aufgeschlagen hatte.

Man spielte »Carlo Parigi«. Ein Fernando und der Carlo stritten, wem des Königs Tochter Erminia von den beiden zuteil werden solle. In der zweiten Szene erstach Carlo den Fernando und entfloh. Arlecchino kam heran, besah den Toten, wunderte sich, warum er nicht aufstände, und als er noch mit ihm beschäftigt war, erschien der König, der Arlecchino für den Mörder hielt, ihn durchprügeln und fortführen ließ. Das zuschauende Volk lachte ihn aus und spottete über seine Dummheit. Dies wird um so bezeichnender, wenn man weiß, daß in Italien niemand einen Toten anrührt, einem Sterbenden zu Hilfe kommt, wenn je ein Todesfall sich auf der Straße oder außerhalb der Familie des Sterbenden ereignet. Man fürchtet Verwickelungen mit der Polizei und sieht dem Leid ganz ruhig zu, bis diese kommt und sich davon überzeugt hat, daß kein Mord oder sonst ein Unrecht geschehen sei.

Voghera und Novi und auch die andern kleinen Orte, durch die wir am dritten Tage fuhren, haben hübsche Theater, die sich mit den besten Schauspielhäusern unserer kleinen deutschen Residenzen messen können.

Erst am dritten Tage hatte unser Vetturin versprochen, uns nach Genua zu liefern, und so langsam uns, die wir mit Dampfwagen zu fahren gewohnt sind, dies erscheinen mag, so ist diese Art zu reisen für Italien doch eine sehr angenehme, wenn eine Gesellschaft von vier einander bekannten Personen das Innere des Wagens in Beschlag nimmt. Man bedingt das Mittagessen – pranzo – und die Abendmahlzeit, welche um sechs Uhr gegeben wird – die cena –, mit in den Preis für die Reise. Die Vetturine kehren fast überall in die besten Gasthäuser ein; die Zimmer sind nicht so reinlich wie in den ersten Hotels Deutschlands, aber ebenso sauber und viel besser eingerichtet, als man es in den kleinen Städten Ost- oder Westpreußens und Westfalens finden würde. An vielen Orten waren die Ziegelfußböden mit Teppichen belegt, die Riesenbetten überall sauber und oft mit Fliegennetzen versehen, die Mahlzeiten reinlich und reichlich, und für all das sorgt der Vetturin, der auch das Gepäck in Obacht nimmt, welches abends auf den Wagen in den Remisen bleibt.

Auf sehr belebten Straßen begegnete es uns häufig, daß auf den Zwischenstationen der großen Städte die Vetturine uns tauschten, um jedweder in seine Heimat zurückzukehren. Es ist uns nie der geringste Nachteil daraus erwachsen, wenn wir so verkauft worden sind, da derjenige, welcher uns übernahm, jedesmal pünktlich die Verpflichtungen des zuerst Gemieteten erfüllte. Nur eins ist bei dieser Art zu reisen anfangs unbequem, das sehr frühe Aufbrechen aus den Nachtquartieren. Es geschieht, um die Kühle zu benutzen, denn von elf bis nach zwei Uhr mittags macht man fast immer Rast. Um vier Uhr morgens, in tiefster Finsternis, muß man heraus in den Wagen, umlagert von einer Menschenzahl, die jeder einen Dienst geleistet zu haben behaupten und jeder ein Trinkgeld – die buona mano – verlangen. Da steht der Kellner, der aufgewartet hat, der zweite Kellner, der in das Schlafzimmer geleuchtet, der Hausknecht, welcher morgens in das benachbarte Café gewiesen, denn in den kleinern Städten erhält man den Kaffee nicht so früh im Hause, dafür aber findet man immer ein Kaffeehaus ganz in der Nähe offen, das auf diese frühe Kundschaft eingerichtet ist. Sitzt man endlich im Wagen, so meldet sich der Lastträger – der sachino –, weil er die Nachtsäcke auf den Wagen gelegt, und der Stallbube, weil er die Pferde angeschirrt hat. Diese alle strecken sprechend und lebhaft gestikulierend die Hände aus, und jeder sagt ein klägliches »è poco«, das ist wenig!, gleichviel welch ein Trinkgeld man ihm gegeben hat, und jeder ruft dann doch zuletzt, begnügt mit dem Erhaltenen, ein freundliches »Glückliche Reise« nach.

Den Morgen des dritten Tages fährt man durch die Seealpen, und die Gegend wird plötzlich romantisch. Tiefe Bergschluchten, aus deren wildem Gestein der Feigenbaum sich hervordrängt, mächtige Aloes als Einfassung der Felder und Orangengärten an den Stellen, die vor dem Winde geschützt sind, geben der Gegend ein südlicheres Ansehen, als sie bis dahin hatte. Auch die Gesichtsbildung des Volkes wird charakteristischer, die Farbe dunkler, das Auge flammender, das Haar glänzender schwarz. Nicht allmählich, sondern ganz plötzlich senken sich die Berge gegen das Meer ab, und mitten aus dem üppigen, durch Regen erfrischten Grün einer phantastischen Bergwelt erblickten wir am Nachmittage, etwa um vier Uhr, die wundervolle Unendlichkeit des Mittelländischen Meeres zu unsern Füßen.

Der Tag war drückend heiß gewesen, die Septembersonne brannte auf die Felsen, und die Strahlen prallten davon zurück, Wärme verbreitend wie heiße Essen. Da kühlte plötzlich ein leichter, frischer Seewind die Luft, der Vetturin wies nach Art der Italiener, die durch Zeichen sich gern der Mühe des Sprechens überheben, mit der umgewendeten Peitsche auf das Meer und auf die Stadt, die schimmernd in flammendem Goldglanze sich vor uns ausbreitete.

Wir fuhren durch das Thomastor, am Palast Doria vorüber in unser Hotel zu den Quatre Nations, das hart am Meere, der Darsena gegenüber, lag, und genossen in Ruhe, entzückt, des Anblicks, der sich uns darbot, und des Bewußtseins, am Mittelländischen Meere zu sein.


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